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Full text of "Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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HEIDELBERGER 



JAHRBÜCHER 



DER 

f 



LITERATUR. 



DREIUNDDREISSIG ST KR JAHRGANG. 



ERSTE HÄUFTE. 

Januar bis Juni. 



HEIDELBERG. 

i 

Akademische Buchhandlung von J. C. B. Moni. 

1 8 4 0. 



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* 



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Inhalt 

der 

Heidelberger Jahrbücher der Literatur. 

Drei und dreißigster Jahrgang. 

(Die vor auf stehenden römischen Ziffern bezeichnen die Zahl de* Heftee, 

die deutschen die Seitenzahl.) 



Ahrken, De ^/^4*; aptid Fiat, et Artstotel]. Dissert. Von 





VI. 


810 


Ahrem Cour« de droit naturel on de philoiophie do droit. 






• 




481 


Altmayer, histoire des rclation« des Pays Bas avec le 






Nord. Von Schlosser 


VI. 


906 


Annuairfs de FUnivenitd catholique a Louvain. Von R. w. 






• 


II. 


244 


Antigone von Marbach , 


II. 


«18 


Aphthonii Progymnusinui. ed. J. Petzhold. Von Wall. . 


IV. 


620 


Aristoteüs poetica ed Ritter« Von Wala. . 


VI. 


819 


Arndt, Schwedische Geschichten. Von Sch losser, . 


n. 


161 


Arnold, Umrisse und Studien zur Geschichte der Mensch- 






heit. Von Schlosser 


VI. 


91S 


Bade, Napoleon im J. 1813 politisch militirisch-ireechUdeTt. 










«•4 



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962 Inhalt. 



Bahr, Geschichte der römischen Literatur im karolingitchen 

Zeitalter. Von Bahr V. 706 

Batrachomyomachie, bearbeitet von Crusiaa. . II, 818 

Bauer, Weltgeschichte für alle Stände I 157 

Baumgartner und Ettinghausen , die Nfiturlchre nach Ih- 
rem gegenwärtigen Zustande. Von Hl unke. . . . I. 84 

Bäumt tark, Blüthen der griech. Dichtkunst. Von Bot he. Vi. 950 

Bajrhoffer, Beiträge zur Naturphilosophie. Von Munke. I. 85 

Beck, Lehrbach der allgemeinen Geschichte. 3r Curs. 1 tu 

2te Abth. Von Schlosser. ...... IV. 634 

Beckmann, Jngendhildcr , ls Bändelten II. 320 

Bensen, Europa im 18. Jahrhundert II. 31!) 

Beranger's Lieder, über«, von Rüben ■. Von Schwab. VI. 859 

Beust, Geognostifiche Skizze der Porphyrgebilde bei Frei- 
berg. Von Leonhard I. 96 

Binder, Schiller im Verhältnis! zum Christenthum. Von 

Bothe VI. 942 

Bosse, die annmalen griechischen Verba II. 319 

Böttiger's archäolog. n. antiquar. Schriften von S iiiig. 

Band 1 — 3. VonCreuzer. ...... III. 340 

Boettigeri Opusc. et Carmina Latina ed. J. Sillig. Von 

Creuzer. . . , III. 340 

Brandes und Wacken roder, Archiv für Pharmacie. IV 638 

Braun, II Giudicio di Paride. Von Creuzer. . . I. 90 

Brendel, Handbuch des Kirchenrechts. VonZöpfl. . V. 7*3 

Brun n er, Reise nach Senegambien. Von Sc h 1 o s ser. VI. 883 

B übe, A. , deutsche Sagen. Von Schwab VI 859 

Bulgarin, Rnssland, Statistik und Geschichte. ... 1. 156 

Bullingcr's Reformationsgeschichte. 3r Band. III. 4h6 

Celsus,acht Bücher, übers, v. Ritter. V. Heyfelder. VI. 924 

Celtica 1. und II. von Diefenbach. Von Bahr. . . III. 403 

Geognostische Charte des Kf.nigr. Sachsen. Von V.Leonhard. V. 688 

Chmel, Geschichte Kaiser Friedrich's IV. u. Maximilian I. 

Von Schlosser. IV. 621 

i 

Cicero de ofüciis ed. Crusius. . III. 476 



uiyi 



»ogle 



t 

Inhalt. 908 

B. Cotta, Gcognost. Wanderungen, 2. Hefl. V Leonhard. L 96 

Cr am er, Geschichte der Erziehung uud des Unterrichte. 

lr und 2r Band. Von Bahr III. 42» 

Fr. C reut er, zur Gallerie der Tragik-r, Auswahl grie- 
chischer Thongefäste. Von Creuzer I. 90 

« • 

Dal las Bache Report on Education in Eur >pe. Y.Mnnke. IV. 501 
Dechnmps, Rnppnrt sur le projet de lot sur Tinstruct. publiq. 

Von R. v. Mo h I U. 244 

Di eck, die Gewissensehe, Legitimation dun h nachfolgende 

Ehe und Missheirath mit Berücksichtigung des Reichsgr. 

Hentinck'schen Rechtsstreites.. Von Zachariü. . 1.1 

Doenniges, Acta Henrici VII. Von Schlosser. . • VI. 897 

Dorner, Entwickelungsgeschich'e der Lehre von der Person 

Christi. Von Sengler VL 801 

D roz, Histoiredu Regne de Louis XVI. Von v. Wessen borg. III 326 

Einiges über das Nichtsinnlichc im Menschen. Von Schlos- 
ser und Ton Graf ▼ . Redern. V. 647 

Eiselein, die Spruch Wörter und Sinnreden des deutschen 

Volkes. Von Schlosser. . III. 401 

Elrers, Praktische Arbeiten. VonZöpfl III. 3fi8 

Encyclope'die des gens du monde HI. 464 

Enger, de responsionum apud Aristophanem ratione. . . V. 793 

Entwurf e. Strafprozessordnung f. Würtemberg. V. Rosshirt. III. 322 

Erfurt, die Mähr ?on den drei Inseln. Von Schwab. . VI. 859 

Erhard, Gesch. des Wiederaufblühens der Wissenschaft. I. 155 

Euripidis Alcestis ed. Hothe. . . . . II. 318 

Falknerklcc in drei ungedruckten Werken über Falknerei 

▼on Hammer-Furgsta! I. Von Weil. . . IV. 540 

Faure, des fievres intermittentes. Von H cy f e 1 d e r. IV. 777 

Firnhaber, die Verdächtigungen Etiripid. Verse. . . V. 7!16 

Fischer, die Idee der Gottheit. Von Seil gl er. . II. 289 

Fla«ius Josephus de Jesu Chritrto. Auct. Schoedel. Von 

Paulus : . IV. 558 

Franz, Deutsch-Griechisches Worterbuch. Von Moser. II. 300 

Fried smann, bihliotbcc« Script, «rec. actatis I. et II. . Hl. 477 

VI. 952 



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964 * Inhalt. 

G. Gärtner, über die wissen schädliche Behandlung de« 

deutschen Staatsrechtes. Von Zac liar i ä. • II. 287 

Gedenkbuch zur Erfindung der Buchdruckerkunst in Frank- 
furt. Von Schlosser VI. 893 

Fr. v. Gentz, Schriften von G. Schlesier, 8r Hand. Von 

Zacliariä. . II. 284 

Georges, deutsrh-lattinisches Wörterbuch, 2tc Aufl. . VI. !)55 

G frörer, allgemeine Kirchengeschichte. Von Sc Ii losser. VI. 908 

Goebel, Lehrbuch der Physik and Astronomie. ... I. 78 
Gräff, das Grosshcrzngl. Antiquarium in Mannheim, tte 

Abth. Von Bahr. . II. 698 

A. Granier von Cassagnac, Geschichte der arbeitenden 

und bürgerlichen Classen, übersetzt von Braunschweig. 

Von Schlosser. III. 389 

Graes«, Lehrbuch der Literärgeschichte. I. n. II. Von 

Chr. Bäh r I. 139. V. 789 

Gretechel, Kirchl. Zustände Leipzigs. Von Schlosser. II. 199 

Greverus, Reiselust in Bildern aus Griechenland. Von 

Fallmcj-aycr I. 60 

Groen van Prinsterer, Correspnndance inedite de la 

maisnn d'Orange Nassau. Von Schlosaer. . VI. 907 

Grysar, lateinische Stylübungen * . II. 819 

Guh rauer, Knrmainz nra 1672. Von Sc blosser. . '. II. 199 

Hach, das alte lübische Recht. Von Zöpfl. ... I. 136 

H a 1 m, griechische Stylübungen II. 318 

Haltaus, Album deutscher Schriftsteller. Von Sc blosser. VI. 895 

v. Haramer-Purgstall, Gemäldesaal der Lebensbe- 
schreibungen. Von Schlosser Vi. 910 

Hane etc. Nouvelles Archives historiques, philosophiq. etc. 

Von Schlosser II. 192 

Ha u pt, allgemeine wissenschaftliche Alterthurnnkunrie I. 157 

L. II ausser, die Sage vom Teil. Von Asch bach. . IV. 510 

Heck er, Gesch. der neuern Heilkunde. Von Hey fei der. VI. 918 

He ff ter, Lehrbuch des Crirainal rechts. Von Zöpfl. III. 374 

Heiniburg, de Taciti agricola. , m V. 795 

Henke, die Universität Helmstädt. Von Sc b 1 os ser. . VI. 905 



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Inhalt. »65 



II enr ichseil, über die neugriechische Aussprache de« Hei 







7UT 


W t* r t\ \ A Hi'if ru<r Tiir Kcnnlniua itflfl ( i r 1 frl) i si Ii i'll T/Iinflf* 
m\ v r u | u | Dl ur Uk zur rv< nniHinn um km i kmiirmjcu uumitB 

und Volke«. Von Fallmcraver. . . . 


I. 


60 


Und clili f * I *\ o .2 j 1 1 * r- '» 1 ■ Ii i I-i 1 1 ■ ■ ti a 4k t *»t\ H 1/ Anita ■ VT/w« 

IltHjf Jlll Vi U)8hOJ^ Til |) III XVII W BUB ClC. C(l . D . IVO|>llftr. > Oll 

Sc h 1 (»Kfic r • . m 


IV. 


G32 


II e v s e , Fremdwörterbuch, 8tc Aufl. 


III. 


478 


v. neu Rar, cnnrnci. oocrHiis, Aiatonis, /insioicus. 


■ 

1. 


I Ja 


i 

Ilirtz, Gedichte. Von Schwab. 


VI. 




H 1 ■ t mcniorin Tlt'imtlii u \nn Cioiitloevor Serino 

* ■ * W W , I »• * ■« i 1# | I f . | IL UllJ 1 1 II . . 1111 VF II 1 1 ' ' V »VI U V ■ HIV ■ . . 


v 




II i 1 7 i f I*' r f i ii H ii n <> ili'xi Aliili:ilii'ffi Vnn S c Ii 1 n ■ u r r 

AB 1 1 0 , JLj 1 Uli II VIMjf| »I V"Ji X» 1 |IIJIIUliM • T VII O w M 1 U II D 1 i • 


VI 


893 

vj ■ mm 


Homberg, Biographien berühmter Griechen. 


VI. 


960 


Honicri Ilias ed. Crusiu* 


III. 


477 


<! Uli Ii , uii i-( (Miia grtiiru. • • • \. » » • « 


v 


Hl 

• Um 


Jahn, dissertatio Platonica ... ... 


II. 


317 


() J ■ h n . \ iisenhilder Von Cre uzcr 


1 


90 


Jahresversammlungen (1838. 1839) der köni^l . Gesellschaft 
für nordische Altcrthmuskunde zu Koppcnhugen. Von 
Schlosser. 


IV. 


613 


v Inn in n n n Knl tf'nliiinr nm NorLm* nnlnr il*»n Rnmi>rn 

▼ . v C. U II' (I II II , llUllvn UUIff| MH llVf>ftK| l^A! % v . Uvll IvUlUvl U . 

Von C. A. Wi Ih elmi. 


v. 


721 


Ideler, Einharde Leben Karl'i d. Grossen. Von Sc blosser. 


II. 


198 


Jomard, Etode« geographiques et hitioriques sur l'Arabie. 
Von Weil. 

J u 9 l i, die Vorzeit. 


III 

in . 


430 
472 


Kaiidas, Rittisanhara, ton Bohlen. Von II 0 1 t z in a n n. 


VI. 


924 


Kämtz Lehrbuch der Experimentalphysik. Von Munke. 


.1. 


81 


1 1 

Karajan, Frühlingsgabe für Freunde älterer Literatur. 
Von A. Keller 


HI. 


441 


Kirche r, deutsch-lateinisches Wörterbuch, 2tc Aufl. 


VI. 


957 


König K 0 d r u ■ , von Stahl. Von Schwab. 


V. 


754 


Der Koran, übersetzt von Uli mann. Von Weil. . 


yi. 


934 


Koutorga, essai sur l'organisation de la tribn. Von Bahr. 


VI. 


841 


K r ais , Gedichte. Von Schwab 


VI. 


859 


Kr an nid, de anno Hebraeorr. jubtlaco. Von K. Bahr. . 


1. 


108 


Kricgk, Schriften zur allgem. Erdkunde. Von Schlosser. 


in. 


89« 



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»66 Inhalt. 

' Kor», H. f Dichtungen Von Schwab VI. 859 

Lamey, A. Gedichte. Von Schwab VI. 859 

Leake, die Dcmcn von Attila, Ton Wettermann. Von 

Bahr VI. 841 

Legende rom heil. Christoph, von Merkel. Von Schwab. VI. 859 

Lern an, das alte knimische Recht. Von Zöpfl. . I. 128 

Lender, Gesch. des bürgert. Lebens in Constanz. III. 471 

Lerscb, Sprachphilosophie der Alten. Von Bahr. . V. 681 

Leue, von der ftatur des Eides. Von Zöpfl. . III. 869 

Leue, der mündliche Anklagrprozees. Von Zöpfl. . . V. 180 
Limburg-H rou wer. Histoire de In civilisation desGrecs« 

T. II. und III. VonBähr III. 413 

Littrow, Whcwell's Graach, der induetiren Wissenschaften. 

Von Manko. II. 312 

Locmani fabb. annott. ab A. Roediger. Von Weil. I. 115 

Fables de Lokmann par Ch. Schier. Von Weil. . • I. 115 

Longini Opp. ed. Egger. Von Walz IV. 510 

Loren te, aligemeine Geschichte der Völker nnd ihrer Cul- 

tur. Von Sehl osäor VI. 909 

Mackeldey's Handbuch des römischen Rechts, ins Grie- 
chische übersetzt. Von Ros shirt V. 824 

F. Marlow, Faust. Von Schwab V. 737 

Magnin, les origines da Theatre moderne. Von Bot he. V. 730 

Martin, Analyse de la poetique d'Aristote. Von Wal«. . Vi. 819 
Mass mann, die deutschen Abschwörungs - and Gcbetfor- 

meln. Von A. H o 1 z m a n n .V. 709 

Massmann, Arminius, lateinisch und deutsch III. 470 
Metzler von Andelberg, Leistungen des Artilleriespi- 
tals in Prag. . • IV. 638 

Mic he Isen, der Oberhof zu Lübeck. Voo Zöpfl. . . I. 136 

Mi che Isen, Urkandensammlung der Schleswig- Holstein- 

Laaeoburgischen Gesellschaft, lr Bd. Von Schlosser. IV. 617 

Mobl, R. v., Staatsrecht von Würternbcrg. Von Zach arii. VI. 915 

Adam t Müller. Schriften, lr Band I. 155 



i 



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« 

Inhalt 961 

Ch. Müller, les Barbarei, Byzance et Rome. V.Sch los ser. II. 395 
Museum, schweizerisches, für Geschichte. V.Schlosser. II. 1H6 
Napoleonische Ideen, von Napoleon Louia Booaparte. 

Von Schlauer VI. iU 

Od cum, rheinl., herausgegeben von Huk und Sc Im eti- 
ler. Von Schwab. . VI. 859 

Ortloff, das Rechtsbuch nach Distinctinn, nebst Eisenarh- 

schent Rechtsbiich. NonZöoN I. 123 

Osann, Darstellung der Heilquellen Europas. 2te Auflage. 

Von Dierbach Hl. 444 

Ou Ii ff, De Penscignement suprfrieur en Belgique. Von R. 

v. Mohl U. 244 

Paldami oratio de C. Reisigio V. 189 

Paniel, Geschichte der christlichen Beredsamkeit und Ho- 
miletik. Von Schlosser Vi. 901 

Paqact, Luxemburger Geschichte. ..... HI. 411 

Parent- Duchatelet, Hygiene publique ou Memoires. 
— — De la Prostitution dans la ville de 

Paris. 2tc Aufl. 



— — Sitten\erderhniss des weiblichen Ge- 

schlechts in Paris , übersetst von 
Becker. Von H e y f el d e r. . III. 452 
Pertz, Script, rer. German. HI. 466 



Phylarchi fragmenta ed. Lucht I. 160 

Philostratna De Gymnastica cd C. L. Kay*er. Von Kay ser. IV. 528 
Plato nis opera ed. Baiter, Orelli, Winckelmann. 

Vol. 1—12. III. 418 

Piatonis Parmenides ed. Stallbaum II. 316 

Plauti comoediae ed. Bothe. VI. 960 

Pocci und Gör res, Festkalender in Bildern, und Liedern. 

Von Schwab VI. 859 

Pogodiu, historische Aphorismen. Ven Schlosser. VI. 89?) 

Potter, Revolution Beige seionde edit. Von Sehl oh ser. III. 311 
— Hiatoire du Christianisme et des eglises chreViennee. 

Von Schlosser. III. 3*0 



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«968 lBhn.lt. 

Fo tter , les formes et le fond. Von Sehl oner. . VI. öl'6 

Pselli Et<Au™ 5 ed. Seebode. Von Bot üe. ... VI. 947 

R app, deutsche Ahnen. Von Schwab VI. 859 

Rapport snr lVt.it de l'enseignement en Belgique. Von R. 

t. Mohl. . II. 244 

Rapport sur l'Universite' libre de Bruxelles. Von R. v. M ohl. II. 144 

F. v. Räumer, Histor. Taschenbuch. Von Schlosser. III. 392 
— — Europa, oder Beitrüge zur neueren Ge- 
schichte aus Archiven. Von Schlosser. III. 394 

Recueil des arrötes sur l'ecoledu genieä Gand. Von R. Mohl. II. 244 

Reiucil coroplet des lois etc., sur Instruction stipdrieure en 

Belgique. Von R. v. Mohl. II. 244 

De Redern, Considdrations sur In nature de l'honime. Von 

Schlosser ■ V. 641 

v. Reden, das Königreich Hannover, statistisch beschrie- 
ben. Von Ran. . II. 233 

■ 

Reginonis libri de synodd. canss. et discipll. eccll. ed. 

Wa ssersch 1 eben. VonZachariä VI. 914 

Rehni, Abriss der Gesch. d. Mittelalters. Von Schlosser. VI. UÜtt 

Hans v. Reinhard, Bürgermeister zu Zürich. Nach dessen 

Denkschriften etc. von C. M uralt. Von S c hlosser. I. 37 

Rilliez et Barthcz, maladies desenfnns. Von Heyf eider. V. 772 

Ritsehl, De Plauti veterr. Interprett. und Seena Plautina. 

Von Bahr V. 703 

Ritsehl, indices seholarum zu Breslau und Bonn. . V. 793 

> . Röder, die Fehküge des Markgrafen Ludwig von Baden 

wider die Türken. Von Kausler III. 45 

Roder , genealog. statist. Handbuch IV. 638 

Ross, Schaubert und Hansen, die Acropolis vou Atheu. 

1. Abtheilung. Von Wals III. 353 

v. Rot teck, über Concurrenz der Verbrechen. Von Zöpfl. V. 782 

Rubin o, Untersuchungen über römische Geschichte und 

Verfassung. 1. Von Hau ss er VI. 848 

Altfranzösische Sagen, von Keller. Von Schwab. . V. 765 

Salustii opera ed. Orelli III. 474 



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Inhalt; im 

Sanger'a Weitfahrt, von L. Ettmüller, und dessen Beo- 

vulf. Von Schwab V. 761 

Schaaff, Archäologie der Griechen and Römer. 4te Ausg. 

von Schincke. Von Hülm. , IV. 530 

Schate , Chronicon Halberstadense. VonHäusser. «V. 767 

Scholz , Merkwürdige Strafrechtsfälle. Von Zopf 1. V. 782 

Schreiber, Taachenbuch für Geschichte und Alterthura in 

Süddcutachland. Von Wilhelm i IV 547 

Schriften über riaa höhere Unterrichtswesen und die Univer- 

aitäten Belgiens. Von R. v. Mo hl II, *44 

S ch übe rt, die Urwelt und die Fixsterne. .... I. 156 

Sc h u Ix, Erfindung der Buchdruckorkuntt. VonKülb. . II. 811 

Süddeutsche S c h u 1 zei t u n g , von Keim, Pfaff, Schall 

undSchmid VI. 953 

Script, rerr. mirnbl. ed. West ermann. .... II. 315 

Seriptoree rerum Silcsicarum ed.Stcnzel Vol.2. V.Schlosser. Vi. 898 

Serradifalco, Le Antichitä della Sicilia. VonCreozcr. III. 340 

Sophoclis Trachiniae ed. Sinncr. VonBotlic. . . VI. 947 



v. Spann, Heinrich von Ofterdingen und das Niebeluogen- 

lied. Von Schlosser IV« 635 

Spengcl, über Aristoteles Poetik. Von Walz. . . . VI. 8Jfi 

Spengel, Commenlarr. in Aristotel. libros de arte rhetorica. ) 

— , über die 3te Philipp Rede dea Oemoathenes. ( IV. 520 
Von Chr. Walz. ........) 

Staatslexikon von Rotteck und Welcker. 7. n. 8. Bd. . III. 4ftf 

Das Stadt- und Landrerhtsbuch Ruprechts von Freising, von 

Maurer. Von Zöpfl. 1. 129 

▼an Stegeren, Diss. de conditione domestica feminarum 

Athenienss. und 
van Stegeren, Diss. de conditione civil! feminarum Athen. 

Von Bahr 

Stiebel, vom rechten Gebrauche des Arztes. Von Feist. III. 456 

* 

St reu her. de Horatii Epist. ad Piaones. Von Bäh r. V. 699 

Strinnholm, Wükingszüge. Von Schlosser. Ii. 197 

■ 



III. 421 



»ogle 



970 -Inhalt. 



Suckow, Systematische Fncyclopädie a Methodologie der 

theoretischen Naturphilosophie. Von M u n e k e. . . I. 89 

Sydenh am, von F. J ahn. Von H ey f c 1 de r. . . VI. 922 

Tal vi, Geschichtliche Charakteriatik der Volkslieder. Von 

Schlosser. . . • VI. 907 

Tausend und eine Nacht, arabischer Text von Kahira. Von 

Weil. . III. 427 

Terenli i coraoediae ed. Both e. . ... VI. 959 

Texier, Description de l'Asie Mineure. Von Walz. . . III. 353 
Do Theux Rapport sur renscignement superieur, 

— — — aurlea Universites de l'Etat. V.R.v.Mohl. II. 244 

Thierach, der öffentliche Unterricht in Belgien. V. R. Mo hl. II. 244 

Thun gen, das Sächsische Weiehbil Irccjit. Von Zöpfl . 1. 126 

Ueber den Entwurf einea Strafgesetzbuches für Baden. Von 

Zachariä VI. 577 

Uni veralte* libre de Bruxelles, Discoura, Von R. Mo hl. . II. 244 

Universite' de Gand. Ecole du genie chil. Von R. Mo hl. II. 214 

Urwasi und der Held, von B. Hirzel. Von Schwab. V. 761 

Valleix, Clinique des maladies des enfans. ) wT 

> V. 7h9 

— — Deutsch, von Bressler. Von H e y f c I d e r. ) 

Vclleji Paterculi opp. ed. Frotscher. Tora. II. VI. 954 

Verhandlungen der Versammlung der Philologen in Mann- 
heim. Von Bahr V. 693 

Vetter, Handbuch der Heilquelienlehre. Von Hey Felder, III. 448 

Vogt, Gedichte. Von Schwab VI. 859 

Wachsmuth, Grundriss der allgemeinen Geschichte. Von 

Schlosser , . II. 200 

W. Wagner, Belagerung von Kolberg. Von Schwab. . V. 749 

Washington^ Leben nnd Briefwechsel. Von Räumer. I. 157 

Wcigcl's antiquarischer Katalog. I. 154 

t. We iaae n bac h , Abbildungen merkwürdiger Gangver- 
hältnisse. Von v. Leonhard. I. 96 

t. Wellenberg, die Kirchenvcmammlungen des 15 und 

iß. Jahrhunderts. 4 Bände. Von Sc h loaae r. . III. 402 

W o I d i u s, De anno Hebraeorr. jubilaeo. Von K. Bä h r. L 101 



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Inhalt. 911 

K% S. Zachariä, Vierzig Bücher vom Staate. V. Zachariä. II. 287 
Z e ■ a ■ , die Deutschen und ihre Nachbaratäinme. Von Bä h r. VI. 886 
— , die Herkunft der Baiern und Markomannen. Von 

Bahr v % • • VI. »86 

Zimtner, gerrnnn praramar. , . . . , HI. 479 

Zöpfl, das alte Bamberger Recht I. 134 

Z o e p f l , Enwi hiit. aur la saccesaiun d'Eipagne par ß i 1 1 i n g. 

— — Bosquejo hiatorico aobra la auccuiori etc. traducidado 

par D. Santiago de Tejada. 

— — Hiatorical Eaaay „ ,„,„ the Spanith Succeaaion. Von 

Z»pfl. , V. 188 



9 

» 



■ 

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' ' Dicjitizsd by CjOO 



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I 

X» i. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

■ 

Die Gewissensehe , Legitimation durch nachfolgende Ehe und Missheirath, 
nach ihren Wirkungen auf die Folgefähigkeit der Kinder in Lehen und 
Fidcicommissen, unter Berücksichtigung des Heichsgräflich-Bentinck- 
schen Hechtsstreites, dargestellt von Dr. Carl Friedrich Dieck, 
ordentl. off mtl. Lehrer an der Friedrichs - Univers, zu Halle und Bei*. 

der Juristenfac. zu Halle und des mit derselben verbünd SpruchcolL 

Halle, bei E. Anton. 1838. 290 & 8. 

Die Schrift, deren Titel vor djeser Anzeige steht, betrifft ei- 
nen Rechtsstreit, welcher das Interesse des Publikums vielleicht 
noch nicht so allgemein auf sich gezogen hat, wie er es, nicht 
nur wegen der Erheblichkeit des in Streit befangenen Gegenstan- 
des, sondern auch wegen der Mannigfaltigkeit und Wichtigkeit 
der in die Sache einschlagenden Rechtsfragen auf sich zu ziehen 
verdient hatte. Eine gedrängte Darstellung dieses Rechtsstreites 
— der ihm zum Grunde liegenden Thatsachen, der An «Tills - und 
der Vertheidigungsmittel, — dürfte daher dem Zwecke dieser Blät- 
ter um so weniger fremd seyn, da der Streit zur Ausarbeitung 
der obigen Druckschrift Veranlassung gegeben hat , einer Schrift, 
welche, obwohl eine Partheischrift und die Sache des beklagten 
Theiles vertheidigend , dennoch die auf ihrem Titel angezeigten 
Gegenstände im Allgemeinen mit so vieler Gelehrsamkeit behan- 
delt, dass ihr auch diejenigen, welchen in dem vorliegenden 
Rechtsstreite das Recht auf Seiten des Klägers zu seyn scheint, 
einen bleibenden wissenschaftlichen Werth nicht absprechen wer- 
den. (Uebrigens sind über dieselbe Rechtssache noch einige an- 
dere Schriften, namentlich einige Prozessschriften, im Druck er- 
schienen). 

An der nördlichen Grenze Deutschlands, an der Nordsee, lie- 
gen die Herrschaften Kniphausen und Varel, die Gegenstande 
des vorliegenden Rechtsstreites *) ; jene, in den Zeiten des deut- 
schen Reichs eine reichsunmittelbare Herrschaft , ja sogar in zwei- 

•) Noch begreift zwar da» Objcctuni litis einige andere Besitzungen 
unter »eh. Von diesen wird jedoch in dem Folgenden weiter nicht 
die Rede seyn, da sie, als ein Zubehör der Hurrachaften K. und V., 
bei der Entscheidung der Hauptfrugeu, nicht besonders in Betrach- 
tang gezogen zu werden brauchen. 
XXXIII. Jahrg. 1. Heft. 1 



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2 * Dieck : Die Gewissensehe ctc 

felhafter Abhängigkeit vom deutschen Reiche *), jetzt, zufolge ei- 
ner (unter Vermittelung Oesterreichs, Rnsslands und Preussens) im 
Jahre 1826 zwischen dem damaligen Besitzer jener Herrschaften 
und der Grossherzogl. Oldenburg. Regierung abgeschlossenen IJeber- 
einkunft, der Oberhoheit des Grossherzogs von Oldenburg unter- 
geordnet **); diese, schon seit dem Jahre 1693 ein Bestand- 
teil des Herzogthums (jetzt Grossherzogthums) Oldenburg, übri- 
gens wegen der politischen Vorrechte, mit welchen sie besessen 
wird, den Standesherrschaften des heutigen Rechtes ähnlich. 

In dem Besitze dieser Herrschaft war einst das Gräfl. Haus 
Oldenburg Gcrhardinischer Linie. Als dieses Haus im Jahre 1667 
im Mannesstamme mit Anton Gunther, Grafen von Oldenburg und 
Delmenhorst, erlosch, kamen die Herrschaften an dessen Sohn, 
Anton, welcher, obwohl ausser der Ehe (mit einem Fräulein, Eli- 
sabeth von Ungnad ) erzeugt , jedoch von dem Kaiser , mittelst ei- 
nes Diplomes vom 15. Jul. 1653, legitimirt, und unter dem Namen 
eines Grafen von Aldenburg, für sich, „auch alle seine ehelichen 
Leibcs-Erben , und derselben Erbens-Erben , so in rechter Ehe 
von ihm erzeugt werden möchten", in den Reichsgrnfen- 
stand erhoben worden war. Es hatte nämlich der Graf Anton 
Günther, — nach mehreren mit seinen Lehnsfolgern und Allodial- 
erben gepflogenen Unterhandlungen , — mittelst eines den 23. April 



•) Es war sogar bestritten, ob Kniphauscn zum deutschen Reiche ge- 
höre oder aber eine sou veraine Herrschaft sry. S. Gers t lach er, 
Handbuch der deutschen Rcichsgesetze. Th. II. S. 2«6. Leist, 
Lehrbuch des deutschen Staatsrechts. §.14. Kl über, Akten des 
Wiener Kongresses. Heft 12- S. 553 ff. Vergl. auch Wiarda, ost- 
friesische Geschichte. I. Bd. (II Aufl. Aurich IUI) S. 391. 

M ) Der erste Artikel des Vertrages lautet so : „Monsieur lo comte de 
Beutinck rentre, pour lui et safamille, relativemcnt a sa seigneuric 
de Kniphauscn, sous les stipulations speciales contenues dans les 
articles suirans, cn la possessio?! et jouissance de la soaterainete* 
des droits personnels et avantages qui lui ont appartenu avant quo 
la Constitution de l'ernpire Genuanique l'ut dissoute." In den fol- 
genden Artikeln wird unter anderem festgesetzt, dass die Herrschaft 
zu dem Grossherzoge ton Oldenburg in demselben Verhält uisse ste- 
hen solle , in welchem sie vormals zum Kaiser und 
Reiche gestanden habe (Ein in seiner Art einziger Fall!) 
In Folge dieser Uebereinkunft ist daher z. B. die vorliegende Klage, 
vor dem Grossherzogl. Oldenb. OberappellationNgerichte zu Olden- 
burg angestellt Morden. — In dem Besitze der Reithsstund- 
ach afl waren die Besitzer der Herrschaft nicht. 



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Dierk : Die Gewissensehe ttc. 



1863 errichteten Testamentes , ein (jene Herrschaften etc. unter sich 
begreifendes) Fideikoinroiss „zur Conservation, zum Auf- 
und Zunehmen seiner Gräflichen Familie' 4 gestiftet, mit 
der Verordnung, dass dieses Fideikommiss „in einem corpore pro 
indiviso" zuvörderst an die mannliche und sodann an die weih- 
liche Nachkommenschaft seines legitimirten Sohnes, des Grafen 
Anton, fallen, „sowohl in dem Mannsstamme als in dem Weibs- 
stamme" aber „nach Art und Eigenschaft des im heil, 
römischen Reiche bei hohen Häusern hin und wieder 
löblich hergebrachten juris priraogen iturae " vererbt 
werden solle. 

Schon mit dem Sohne dieses Grafen Anton, dem nächstfol- 
genden Besitzer der Herrschaften Kniphausen und Varel, starb 
das Geschlecht der Grafen Aldenburg im Mannesstamme aus (,-J- 
1738). Es hinterliess jedoch der zweite und letzte Graf von Al- 
denburg, (welcher denselben Vornamen wie sein Vater führte,) eine 
Tochter, die Gräfin Charlotte Sophie, an welche nnnmehr, zufolge 
der Fideikommissstiftung, jene Herrschaften fielen. Diese verhei- 
ratete sich mit einem hollandischen Edelmanne, Wilhelm von 
Bentinck - Rhön , nachdem derselbe, .vor seiner Vorbei rat hung mit 
dor Gräfin Charlotte Sophie, von dem Kaiser in den Reichsgrafen- 
stand erhoben worden war. Daren sie gelangten die mehrerwahn- 
ten Herrschaften an ihren in dieser Ehe erzeugten Sohn, den Gra- 
fen Christian Friedrich Anton von Bentinck, welchem sie diesel- 
ben noch bei ihren Lebzeiten (f 1800) abtrat. 

Der Graf Christian Friedrich Anton von Bentinck , der erste 
dieses Hauses, welcher die Herrschaften Kniphausen und Varel 
besass, zeugte in rechtmassiger Ehe vier Söhne, den Grafen 
Wilhelm Gustav Friedrich, den Grafen Johann Karl and zwei jün- 
gere Söhne. Alle diese Söhne sind bereits mit Tode abgegangen. 
Aber die ersteren beiden mit, die letzteren beiden ohne Nach- 
kommenschaft. (Von den letzteren beiden Söhnen wird daher in 
dem Folgenden weiter nicht die Rede seyn). Zwischen der De- 
seendenz des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich und der des Grafen 
Johann Karl wird der vorliegende Rechtsstreit verhandelt, welcher 
dem Rechte, in jene Herrschaften zu succediren, gilt 

Zufolge der durch die Fideikommissstiftung vom Jahre 1663 
festgesetzten Pri mögen iturordnung fielen die Herrschaften Knip- 
hausen und Varel nach dem Tode des Grafen Christian Friedrich 
Anton (f 1768) an dessen Erstgebornen, den Grafen Wilhelm 
Gustav Friedrich. Dieser vermählte sich in erster Ehe mit einer 



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Di eck: Die Gewiniensche etc. 



Gräfin von Rede; auch erzeugte er in dieser Ehe einen Sohn, 
Welcher'jedöch in^rüheT^Jugend" verstarb. Nach dem Tode seiner 
ersten Gemahlin machte der Graf Wilhelm Gustav Friedrich mit 
einem Mädchen aus dem Bauernstände, der Sara Margarethe Ger- 
des, Bekanntschaft, mit welchem er drei Söhne ausser der K he 
oder (wie von Seiten dieser Söhne behauptet wird), in einer Ge- 
wissensehe erzeugte. Späterhin, im Jahre 1816, liess er sich 
mit der Mutter seiner Kinder förmlich trauen, worauf er sei- 
nen Söhnen den Titel und die Rechte geborner Grafen von Bent- 
inck beilegte, auch den einen dieser Söhne, Namens Gustav Adolph, 
(den dcrmaligeu Beklagten), in den Mitbesitz und beziehungsweise 
in die Mitregierung der Herrschaften Knipbausen nnd Varel auf- 
nahm. Dieser Sohn bat hierauf nach dem Tode seines Vaters, 
(f 1835) auf seine Abstammung sich berufend, den Besitz, jener 
Herrschaften ergriffen. 

Der andere oben genannte Sohn des Grafen Christian Fried- 
rich Anton von Bentinck, der Graf Johann Karl, vermählte sich 
mit der Gräfin Jnqueline Helene von Reede -Athlone. Er hat in 
dieser Ehe drei Söhne erzeugt, welche ihn insgesammt überlebt 
haben. (Er starb im Jahre 1834, also noch vor seinem Bruder, 
dem Grafen Wilhelm Gustav Friedrich von Bentinck). Vorausge- 
setzt, dass die Söhne des Grafen Wilhelm Gustav von Bentinck 
den Rechten nach nicht befähigt sind, in die Herrschaften Knip- 
hagen und Varel zu succediren, ist, zufolge der Fideikommiss- 
stiftung vom Jahre 1663, der älteste unter den Söhnen des Gra- 
fen Johann Karl, der Graf "A ilhelni Friedrich Christian von Bent- 
inck, ausschliesslich zur Suocession in jene Herrschaften berech- 
tigt. Von dieser Voraussetzung ausgehend, klagt nun der Graf 
Wilhelm Friedrich Christian von Bentinck in der vorliegenden 
Rechtssache gegen den dermaligcn Besitzer der unter der Fidei- 
kommissetiftung vom Jahre 1663 enthaltenen Herrschaften und 
Güter auf die Ausantwortnng dieser Gegenstände. Uebrigens ste- 
hen die Partheien noch in dem ersten Verfahren. Ein Zwischen- 
urtbeil oder das Endurtbeil ist für jetzt in der Sache noch nicht 
gesprochen worden und konnte, bewandten Umständen nach, für 
jetzt noch nicht gesprochen werden. 

Wie es in einem Rechtsstreite, — besonders in einem Rechts- 
streite welcher ein so bedeutendes Objekt, wie der vorliegende, 
hat, — zd geschehen pflegt, sind in den gerichtlichen Verhand- 
lungen über den vorliegenden Rcchtsfall eine Menge Fragen zur 
Sprache gekommen, welche, ob sie wohl insgesammt von den Sach- 



» 

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Dieck: Die Gewiaacnsche etc. 5 

• 

führern der Partheien nicht unbeachtet gelassen werden durften, 
dennoch nicht insgesammt anf die Entscheidung des Falles einen 
wesentlichen Einfluss haben, vielmehr zum Theil nur Nebensachen 
oder leicht zu beseitigende Zweifel betrefTen. Ich glaube mich 
nicht zu irren, ich folge in der That nur dem Vorgange der 
Dieck'schen Schrift, wenn ich annehme, data die Entscheidung der 
vorliegenden Rechtssache allein oder vorzugsweise von folgenden 
drei Fragen abhängt und dereinst abhängen wird: 

Erstens: Sind die Söhne des Grafen Wilhelm Gustav Fried- 
rich als in der Ehe erzeugte Kinder ihres Vaters zu be- 
trachten ? 

Zweitens: Sind sie nicht auf jeden Fall als durch die 
nachgefolgte Ehe ihrer Eltern legitimirte Kin- 
der (als liberi per subsequens matrimonium legitimati) zur 
Succession in das in Frage stehende Fideikommiss berech- 
tiget? und 

Drittens: Steht diesem ihrem Successionsrechte die Einrede 
entgegen, dass die Ehe der Eltern eine Missheirath oder 
unstamles massige Ehe gewesen sey ? 

Auf die Erörterung dieser Fragen werde ich mich daher in 
dem Folgenden beschranken. 

Auf alle diese Fragen hat jedoch die 

Vorfrage 
mehr oder weniger Einfluss : Nach welchen Rechten ist der vor- 
liegende Successionsfall zu beurtheilcn ? (Gerade diese Frage, 
die Vorfrage, hat Dieck nur gelegentlich erörtert). 

Es ist keinem Zweifel unterworfen , dass vor allen Dingen das 
besondere Recht des Gräfl. Aldenburgischen und des Grafl. 
Bentinckschen Geschlechts, — dass also namentlich das Aldenbur- 
gische Grafendiplom vom Jahre 1663 und die Fideikommissstiftung 
vom Jahre 1663, — in der vorliegenden Rechtssache massgebend 
sey. Denn, wie man auch über die Frage denken mag, ob man 
jene Geschlechter zu dem hohen oder ob man sie zu dem nieder« 
Adel zu reebnen habe, so hat doch, dem gemeinen deutschen 
Rechte nach, von jeher allen adeligen Geschlechtern, auch denen 
des niedern Adels, eine gewisse Autonomie und namentlich in der 
Beziehung zugestanden, dass sie Familienütieikommisse errichten 
und die Bedingungen der Suocessionsf ähigkeit in die 
vertragsweise oder durch ein Testament errichteten Fideikommisse 



»ogle 



Dieck: Die Gewissensehe etc. 



bestimmen konnten. — Jedoch, wenn auch, wie weiter unten gezeigt 
werden wird , der Inhalt der Gräflich Aldenburgischcn und Gräflich 
Bentinckschen Hausgesetze schon für sich ein entscheidendes Ge- 
wicht in der % orliegcndcn Rechtssache hat, so sind doch jene Haus- 
gesetze nicht so umfassend, dass sie zur Beantwortung einer jeden 
Streitfrage, welche in dieser Sache aufgeworfen worden ist, hin- 
reichten. 

Es ist daher noch immer die gemeinrechtliche Regel aufzusu- 
chen, nach welcher der Fall zu entscheiden ist. Hie Frage ist 
demnach die: Welches gesetzliche Recht (jus lege constitu- 
tum) oder welcher Inbegriff gesetzlicher Regeln und Vorschrif- 
ten ist bei der Beurthcilung des vorliegenden Falles in Anwendung 
zu bringen ? 

Ks ist diese Frage in den Streitschriften, welche in dieser 
Sache gewechselt worden sind , spccieller so gestellt worden : Ge- 
hört das Graflich von Bentihck'sche Geschlecht, weil es in dem Be- 
sitze der (vormals) reichsunmittclbaren Herrschaft Kniphausen ist, 
zu dem hohen oder gehört es nur zu dem niedern deutschen 
Adel? (Vergl. Di eck S. 242 . 

Allein so hätte man die Frage nicht stellen sollen. Es ist 
zwar richtig, dass in der vorliegenden Sache von dem Familien- 
Rechte des Gräflich von Bentinck'schen Geschlechts die Rede ist. 
Auch soll gegen jene Steiluog hier nicht das geltend gemacht 
werden, dass in der vorliegenden Rechtssache das Gräflich von 
Bentinclt'sche Geschlecht nicht für sich , sondern nur als eine 
Fortsetzung oder als ein Zweig des Gräflich von Aldenbur- 
gischen Geschlechts zu betrachten und mitbin nicht das Familien- 
recht jenes, sondern das dieses Geschlechts in Anwendung zu 
bringen sey. Aber, auch hiervon abgesebn, ist jene Stellung der 
Frage falsch , und zwar um deswillen , weil der Begriff des hoben 
deutschen Adels durch kein Gesetz, — weder durch ein Reichsge- 
setz, noch durch einen Beschluss des deutschen Bundes, — seine 
Bestimmung erhalten hat*), weil man mithin, sobald man die Frage 



*) In den Rcichsgesetxen kommt nicht einmal da« Wort: Holter Adel, 
vor. Die deutsche Bundesakte bedient ftich zwar (Art. XIV, lit n) 
dieses Ausdrucks, ohne jedoch die Bedeutung demselben zu bestim- 
men. — Daher die Verschiedenheit der Meinuiigcu, welche über den 
Begriff des hohen Adels aufgestellt worden sind. S. Kl über, Ab- 
handlungen für GeachithUkunde 9 Staats- und Rechtswissenschaften. 
1. Bd. Frankfurt 1830. Pernice, quaeat sie jnre publico Germ. 



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Diec k : Die Gewissensehe etc. ? 

auf die oben gedachte Weise ausdrückt, und überhaupt wenn man 
die Hechte des hohen deutschen Adels in Frage stellt, Gefahr 
hiuft, zu einem Resultate zu gelangen, welches, von einem unbe- 
stimmten Begriffe ausgehend, kaum anders als schwankend und 
ungenügend ausfallen kann. 

Sondern die vorliegende Frage ist so zu apecialisiren: Da« 
Graflich von Bentinck'sche Geschlecht besass, in den Zeiten des 
deutschen Reichs, die Herrschaft Knipbausen «als eine reichsunmit- 
telbare Herrschaft *) , — welche Rechte, und namentlich welche 
Fam iJien rechte hatte das so eben genannte Geschlecht kraft 
seines Besitzes einer r ei cb su n m i ttel baren Herr- 
schaft? (Dass dem Gräflich von Bentinck'sobeu Geschleohte die- 
selben Rechte und Vorrechte auch jetzt noch zustehn, gebt aus 
der roehrerw&hnten Uebereiakunft vom Jahre 1885 unmittelbar 
hervor. Eben so wenig ist es zweifelhaft, dass nach diesem Fa- 
milienrechte des Gräflich von BentincVschen Geschlechts nicht nur 
die Succession in die Herrschaft Knipbausen , sondern auch die 
Succession in die übrigen unter der Fideikommissstiftung vom J. 
1663 begriffenen Herrschaften und Besitzungen zu beurtbeilen 
sey. Denn Alles, was die Fideikommissitiftung unter sich be- 
griff, sollte „in einem corpore pro indiviso u auf die Nach- 
kommenschaft des ersten Besitzers des Fidei Kommisses fibergehen 
und Familien eigemhum dieser Nachkommenschaft seyn und 
bleiben)? 

Die Frage so gestellt, ist es nun zuvörderst keinem Zweifel 
unterworfen, dass dem Gräflich von BentinckWien Geschlechte alle 
die persönlichen und Familienrechte zustanden, welche als eine 
unmittelbare Folge seiner Reicbsunmittelbarkeit zu betrach- 
ten waren. Zu den Rechten dieser Art gehörte z. B. das Recht 
der Autonomie, d. L das Recht der reichsunmittelbaren Fürsten, 
Grafen und Herren, ihre Familienverhältnisse vertragsweise oder 
sonst nach Gefallen zu bestimmen ; mit der einzigen Einschrän- 
kung, dass diese Hausgesetze nichts der deutschen Reichs verfas- 



Particula III. Halle 1835. (Es fehlt gänzlich an einem genügen- 
den Grunde zur Entscheidung dieser Streitfrage.) 

V) Die Reiehsunraittelharkeit ist der Herrschaft Kniphnnsen nie be- 
stritten worden. Nur darüber war man im Zweifel, ob die Herr- 
schaft überhaupt zum deutschen Reiche gehöre. (Vcrgl. oben An in. 
1). Dieser Zweifel ist jedoch, nach der oben erwähnten Uebcrein- 
kunft vom Jahre 1829, als erlediget zu betrachten. 



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8 



Dicck : Die Gewissensehe etc. 



sung Zuwiderlaufendes enthalten durften. In dem Besitze dieser 
Autonomie waren nicht nur alle reichsunmittelbaren Fürstlichen und 
Gräflichen Häuser, sondern selbst die reichsritterschaftlichen Ge- 
schlechter. Die Rechtssatze also, welche sich aus der Autonomie 
der deutschen reichftunmittelbnrcn Fürsten - und Grnfcngeschl ech- 
ter überhanpt ergeben, sind auch auf das Graflich vi.n Bentinck'sche 
Geschlecht anwendbar. Ks standen jene Geschlechter z. B. zwar 
allerdings unler dem gemeinen deutschen Rechte, und nament- 
lich auch unter dem kanonischen , dem römischen und dem longo- 
bardischen Rechte. Da sie aber kraft ihrer Autonomie berechtigt 
gewesen seyn würden , ihre Familienverhältnisse auf eine von 
dem gemeinen deutschen Rechte abweichende Weise zu bestim- 
men, da also dieses Recht für sie, was ihre Familienverhältnisse 
betraf, in der That nur als ein von ihnen selbst gesetztes oder 
angenommenes Recht verbindende Kraft hatte, so konnte es auch 
in ihren Familienangelegenheiten nur insofern als Entscheidungs- 
norm benutzt werden , als es nicht mit ihrem Familieninteresse in 
Widerspruch stand *). Und alles dieses gilt auch von dem Gräflich 
von Bentlnck'schen Geschlechte in Beziehung auf den vorliegenden 
Rechtsfall. (Vergl. unten zur ersten und zweiten Hauptfrage.) 
— Zweifelhafter ist es, ob dem Gräflich von Bentinck sehen Ge- 
schlechte (in den Zeiten des deutschen Reiches) auch diejenigen 
persönlichen und Familienrechte zustanden, von welchen die^Reichs- 
gesetze nur insofern handeln, als sie Rechte der reichsstän- 
di sehen Familien waren, ohne übrigens zu verordnen, dass 
diese Rechte nur dessen Geschlechtern — und nicht auch den 
reicbsunmittelbaren , obwohl nicht reiebsständischen Grafen - und 
Fürstenhausern — zustehen sollten. Der Zweifel betrifft insbe- 
sondere das Recht der Ebenbürtigkeit, d. i. die Frage, ob das 
Gräflich von Bentinck'sche Geschlecht in Beziehung auf Heirathen 
den reiebsständischen Häusern ebenbürtig war und ob eben so, 
wenn sich ein Graf von Bentinck verheirathete, die Successions- 



*) So ist die Warnung zu deuten, welche man bei allen Schriftstellern 
über das ehemalige deutsche Staatsrecht vor dem Missbram he fin- 
det, der von den fremden Rechten in den Sachen der reicliKiininit- 
telbaren Fürsten und Grafen gemacht Vierden könnte. Vergl. Bu- 
stincller, de praejudicio Priucipum J. ex abusu juris feud. Lang. 
In Jcnichen's thes. j. feud. T. 1. p. 232 Willcrding, de in- 
congrua applicatione juris Lang, ad feud i Germ. In demselben 
thes. T. I. p. 229. Putter, Beiträge sum t. Staats- und Fürsten- 
rechte. Th. II. Nr. 37. 



uiyi 



»ogle 



Dieck : Die Gewissensehe etc. U 

fähigkeit der Kinder in die Herrschaften Knipbansen and Varel 
von der Ebenbürtigkeit seiner Gemahlin abhing-. So viel ist ge- 
wiss, doss die Reichsgesetze da wo sie von Missheirathen handeln, 
und namentlich in der Hauptntclle im XXII. Artikel (§. 4) der 
Wahlkapituiation, nur von reichsständischen Häusern spre- 
chen. Und eb§n so gewiss ist es, da*s die deutsche Bundesakte 
ihrem Wortlaute nach nur denjenigen Fürstliehen und Gräflichen 
Geschlechtern, welche das Recht der Reichsstandschaft hat- 
ten , das Recht der Ebenbürtigkeit zusichert. Denn die Akte lautet 
in der hier einschlagenden Stelle (im Art. XIV) so: 

„l T m den im Jahre 1806 und seitdem mittelbar gewordenen 
ehemaligen Reichsständen und Reiohsangchörigeti (unter 
den letzteren sind, wie sich aus den Schlusssätzen des Arti- 
kels ergibt, die Mitglieder der ehemaligen Reichsritterschnft 
zu verstehn), in Gcmäesheit der gegenwärtigen Verhältnisse in 
allen Bundesstaaten einen gleichförmigen Rechtszustand za 
verschaffen, so vereinigen sich die Bundesstaaten dahin: 

a) dass diese fürstlichen un.1 gräflichen Häuser fortan 
nichts desto weniger zu dem hoben Adel in Deutschland 
gerechnet werden, uud ihnen das Recht der Ebenbür- 
tigkeit in dem bisher damit verbuudenen Begriffe ver- 
bleibt, etc. etc." 

Nun kann man zwar auf der andern Seite sagen , dass die 
Reichsgesetze nur deswegen hlos von den Missheirathcn in den 
reichsständischen Häusern handeln, weil der Fall nur höchst 
selten war, dass eine Herrschaft unmittelbar unter dem Kaiser und 
Reiche stand, ohne dass auf ihr die Rcichsstandschaft haftete, und 
dass mithin das Geschlecht, welchem die Herrschaft gehörte, zwar 
reichsunmittelbar aber nicht zugleich ein reichsständisches Ge- 
schlecht gewesen wäre*), die Gesetze aber überhaupt nur von den 



*) Jedoeh trat dieser Fall z B. auch Lei der Grafschaft Sponheim nnd bei 
dem (erloschenen) Gräflich von Spon heimischen Geschlechte ein. — 
Eben so selten war umgekehrt der Fall, dass «in rcichsgräfliches 
Haus zwar Sitz und Stimme auf dem Reichstage (in einem der vier 
Grafen - Coilegien halte, jedoch in Beziehung auf seine Besitzungen 
nur reic Iis mittelbar war. Jedoeh auch dieser Fall war nicht 
unerhört. (Ein Beispiel war dns Haus Schonborg). Aach die Frage 
ist daher zur Sprache gekommen , ob der Art. XIV. der dentschen 
Bundesakte auf die Fürstlichen und Gräflichen Geschlechter, die in 
diese Kategorie gehören , anwendbar sey. Vcrgl. die Schriften (von 



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10 



Dicck : Die Gewissensehe etc 



gewöhnlichen l allen handeln *). Ind ans demselben Grunde kann 
man behaupten, dass der Artikel XIV. der deutschen Bundesakte, 
wenn er auch nur von den vormals reiohsstandischen Häusern spre- 
che , deshalb dennoch nicht auf diese Häuser z.u beschranken 
sey. Allein aus allen diesem folgt mr so viel , dass weder die 
deutschen Reicbsgesetze , noch die Gesetze des deutschen Rundes 
den ehemals reichsunmittelbaren Fürstlichen und Grällichen Häu- 
sern, welche nicht im Besitze der Reichsstandschaft waren, das 
Recht der Ebenbürtigkeit absprechen, nicht aber auch soviel, 
dass jene Gesetze ihnen dieses Recht zusprechen, oder dass 
sich aus jenen Gesetzen ein für diese Häuser günstiger Schluss 
ableiten lasse. Soll sich ein solcher Schluss rechtfertigen lassen, 
so muss noch nberdiess nachgewiesen werden , dass man jene Ge- 
setze, die Gesetze des deutschen Reichs und die des deutschen 
Bundes, oder wenigstens die erstcren, (welche in der vorliegenden 
Rechtssache, zufolge der Uebereinkunft vom Jahre 1825, allein 
oder doch vorzugsweise in Betrachtung kommen), ihrem Grunde 
nach auf die reichsunmittelbaren , obwohl nicht reichsständiseben, 
Fürstlichen nnd Gräflichen Häuser , und namentlich auf das Gräf- 
lich von BentinmVsche Geschlecht auszudehnen habe. Und dieser 
Beweis lässt sich allerdings führen. Ich verspare ihn jedoch bis 
zur Beantwortung der dritten Hauptfrage, für welche er, was 
den vorliegenden Fall betrifft, allein ein praktisches Interesse hat. 

Anlangend die 

erste Hauptfrage 
beruht die Behauptung des Beklagten, dass schon bei seiner Ge- 
burt zwischen seinen Eltern eine Gewissensehe bestanden habe, 
anf folgender schriftlichen Aussage, weiche der erste Pfarrer 
der evangelisch- Jutherischen Gemeinde zu Varel, der Pastor B. [* 
Hausing, bei dem Landgerichte Kniphausen den 3. Oktober 1827 
eingereicht bat : (Di eck , 8. 65 f.) 

„Der verewigte Reichsgraf (der [Graf Wilhelm Gustav 
Friedrich von Bentinck) habo anderthalb Jahre nach dem am 



Pernice d. A.) über das Vcrhältniss des Hauses Schönhurg zu dem 
Königl. Hause Sachsen y welche seit der Auflösung des deutschen 
Reichs erschienen sind. Uebrigens ist es sehr bemerkenswert!), 

dass das Gräflich Aldenburgische Geschlecht zufolge des kaiserlichen 
Diplomes vom Jahre 1653 doch allemal ein Recht auf die Reichs- 
standsehaft hatte. 

•) 1. 10. D. de legibus. 



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Dieck: Die Gewissen gehe etc. 



11 



U. November 1799 erfolgten Tode seiner ersten Gemahlin, gegen 
ihn, den Pastor Hausing, erklart: 

„„Dass Ihro Erlaucht, als Wittwer, eine zweite öffentliche 
Heirath einzugehen , aus wichtigen Gründen und durch Fa- 
milien Verhältnisse verhindert würden; dass Sic indessen das 
Bedürfnis« der Wiedervereinigung mit einer treuen Lebensge- 
fahrtin , von deren Herzen Sie Sioh die wärmste Liebe, sowie 
von ihrer Hand die sorgfältigste und sanfteste Pflege im Al- 
ter versprechen könnten, zu stark und lebendig in Sich fühl- 
ten, um auch darauf zu verzichten. — Eine solche Person, 
die sich zur andern Hälfte für Sie völlig eigne, wiewohl sie 
der Abstammung und dem Bange nach Ihnen nicht gleich sey, 
wären Sie versichert, in der Demoiselle Sara Margaretha, ge- 
bornen Gerdes, gefunden zu habeu. — Sie declarirten dieselbe 
also hiermit für die Stellvertreterin Ihrer verewigten Gemah- 
lin; Sie geständen der Verbindung mit ihr vor Gott und Ih- 
rem Gewissen alle ehelichen Pflichten und Rechte zu; Sie 
hielten dieselbe , auch ohne die bürgerlich - und kirchlich- le- 
gale, und doch nur formale Sanction erhalten zu haben , für 
Sich verbindlich und unverbrüchlich lebenslang. " u 
Diese Erklärung sey in demselben Monate erfolgt, wie die 
gedachte Demoiselle Sara Margaretha Gerdes zu communiciren ge- 
wünscht; worauf dieselbe ein dem vorigen gleichlautendes Ge- 
ständnis» übergeben habe. 

Dem zufolge haben Ihro Erlaucht mit Madame Sara Marga- 
retha Gerdes unverrückt eine Herzenseinheit unterhalten, wie sie 
allen Ehegatten wohl zu wünschen wäre Auch haben Hiebst« 
dieselben den mit ihr erzeugten drei Herren Söhnen, (geb. be- 
ziehungsweise im Jahre i80l, 1809, 1812) bei deren Taufe, 
den Stammnamen des Vaters mitzntbeilen, nicht nur kein Beden- 
ken getragen , sondern für ihre Pllicht gehalten. — Nachdem der 
einzige letztgeborne Sohn Sr. Erlaucht aus der ersten Ehe ver- 
storben war, erklärten Uöchstdieselben, wiederum erst privatim, 
gegen mich : 

„„Dass 8ie nach dessen Ableben, über alle anderweitigen 
Hindernisse sich erhebend, entschlossen seyen , jener mit'Mn- 
dame Sara Margaretha Ge r des eingegangenen Gewissensehe 
jetzt auch das publique, in foro ccclesiastico nec non saecu- 
lari gebräuchliche, Siegel aufzudrücken." u 

Welches auch geschehen 'st, indem Ihro Erlaucht mit der 
nunmehrigen Frau Reichsg ratio Sara Margaretha ßentinek, geb. 



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12 



Dieck : Die Gewissengehe etc. 



Geldes, in Höchstihrer Herrschaft Knipbausen, in der dortigen 
Kirche reformirtcr und zugleich eigner Confession zu Accum, 
am 6. Sept. 1816 sich solenn haben copuliren lassen. 44 " 

In der folgenden Beurtheilung der rechtlichen Gültigkeit und 
Wirksamkeit der zwischen den genannten Partheien eingegange- 
nen Gewissensehe soll und wird die Frage an ihren Ort gestellt 
bleiben, ob oder in wiefern das Zeugniss des Pfarrers Flausing in 
Beziehung auf die vorliegende Thatsache als beweisend betrachtet 
werden könne. Die Frage ist nach der prozessualischen Lage der 
Sache noch nicht zur Entscheidung reif. Wenn also in der vor- 
liegenden Abhandlung der erste Verthcidigungsgrund des Beklagten 
nicht gänzlich unberücksichtigt bleiben sollte, so musste in Bezie- 
hung auf diesen Verthcidigungsgrund die Untersuchung voraus- 
setzungsweise geführt werden, d.i. so, dass jenes Zeugniss einst- 
weilen als beweisend zu betrachten war. 

Auch auf eine andere Frage will ich hier nicht eingehen, ob 
sie wohl an sich die Hauptfrage ist; — auf die Frage nämlich, 
ob nach dem protestantischen Eherechte, eine sogenannte Gewis- 
sensehe, d. i. eine Ehe, welche mittelst einer blossen Uebcrcinkunft 
unter den künftigen Eheleuten und ohne irgend eine äussere Förm- 
lichkeit eingegangen worden ist, als gültig zu betrachten sey. 
Ich habe diese Frage bereit» in einer andern Schrift *) bei Gele- 
genheit eines andern Rechtsfalls ausführlich erörtert. Es wird 
daher geniigen, das Resultat der in jener Schrift geführten Unter- 
suchung hier theils in der Kürze zu wiederholen , theils auf den 
vorliegenden Fall anzuwenden. t 

Das Endresultat, welches ich in jener Schrift — in Beziehung 
auf die Gewissensehe der Protestanten — begründet zu haben glaube, 
lautet nun so : 

» 

So wenig die protestantische Kirche , — die lutherische oder 
die reformirtc Kirche,—- überhaupt oder in Deutschland eine ein- 
zige äussere Gesellschaft ist, d. i. unter einem und demselben (ge- 
setzlich oder vertragfimässig bestimmten) Rechte steht, so wenig 
gibt es ein gemeines protestantisches etc. Kirchen und insbe- 
sondere ein gemeines protestantisches etc. Eherecht. Sondern, 



*) Prüfung der Gründe, welche den Ansprüchen Aogust's von Este, 
ehelichen Sohnes Sr. K. H. des Herzogs von Sussex, anf den Titel, 
die Würden and Rechte eines Prinzen des Haukes Hannover neuer- 
lich entgegengesetzt worden sind. Heidelberg 1830. Die hier ein- 
schlagende Stelle dieser Schrift steht S. 26 if. 



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Dieck : Die Gewisacniche ctc 



13 



was man gewöhnlieh gemeines protestantisches Eherecht nennt, 
ist nur die Lehre der protestantischen Dogmatil; oder die der 
Reformatoren von den Bedingungen der kirchlichen Gültigkeit, 
von den rechtlichen Wirkungen und von der Auflösung der 
Ehe. — Nun geht diese Lehre zwar allerdings dahin, dass eine 
Ehe die Mitglieder der protestantischen Kirche vor Gott and 
ihrem Gewissen verpflichte, wenn sie von den künftigen 
Eheleuten mittelst einer blossen Uebereinkunft und ohne irgend 
eine »usserliche Förmlichkeit abgeschlossen sey. Aber die Pflicht, 
welche sich die Partheicu mitfeist einer solchen Uebereinkunft 
auferlegen, ist an sich nur eine Ge wissen spflicht. (Dnher 
auch der Xame : Gewissensehe.) Soll die Uebereinkunft 
mich rechtlich verpflichtend seyn, so muss noch überdies 
ein besonderer Grund hinzukommen, welcher die moralischen 
Verbindlichkeiten, die nach den Vorschriften der Rcligiou und 
der Kirche aus einer solchen rebercinkunft entstehen, in ein 
gesetzliches oder in ein Vertrags rec h t verwandelt. — Ks ist 
daher der Grundsatz: SoJus consensus fneit nuptias, in einein 
jeden einzelnen deutschen Staate nur in sofern in Beziehung 
auf die Ehen der Protestanten Rechtens, als er durch die Ge- 
setze oder durch das Gewohnheitsrecht des Staates bekräftiget 
wird. Dagegen war er, in den Zeiten des deutschen Reichs, 
das gemeine Recht der Mitglieder aller der Fürstlichen und 
Graflichen reichsunraittclbareo Geschlechter, welche zur pro- 
testantischen - stur lutherischen oder zur reformirten — Kir- 
che gehörten. (Und eben so ist er noch jetzt das gemeine Recht 
der souveraiuen Fürsten des deutschen Bundes \ Denn die 
Mitglieder jener Geschlechter würden in Ehesachen gänzlich 
rechtlos gewesen seyn, wenn sie nicht die Grundsätze, welche 
ihre Kirche über das eheliche Verhaltniss aufstellte, als recht- 
lich verpflichtende Vorschriften betrachtet und befolgt hätten. 
Auch stand mit dieser Regel das Herkommen allgemein in 
Uebereinstmmung. 
Allerdings ist diese Theorie nichts weniger als unbestritten. 
Die entgegengesetzte Meinung, — die Meinung also, dass nach 
dem protestantischen Eherecbtc eine blosse Gewissensehe, d. i. ein 
matrimonium solo consensu initum nicht eine gültige Ehe sey, 
dass vieiraehr nach diesem Rechte zur Gültigkeit einer Ehe die 
kirchliche Einsegnung schlechthin erfordert werde, — hat sogar 
die Mehrzahl der Rechtsgelchrten für sich; sie ist die gemeine 
Meinung. Jedoch, wenn sich auch nach dieser Meinung die vor- 



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u 



Dieck : Die Gewisscnaehe etc 



liegende Hauptfrage sofort — zum Vortheile des Klägers — erle- 
digen Wörde, so soll doch bei der folgenden Beantwortung dieser 
Frage dns in der erwähnten Schrift gefundene Resultat, also die 
dem Beklagten allein günstige Meinung, zum Grunde gelegt werden. 

Wendet man nun dieses Resultat auf die vorliegende Rechts- 
sache an , so ist zwar zufolge desselben die in Frage stehende 
Ehe, vorausgesetzt, dass sie erwiesen werden kann, allerdings 
als eine gültige Khe zu betrachten. Denn sie wnrde in den Zei- 
ten des deutschen Reichs von einem reichsnnmitteibaren Grafen 
und Herrn, we'cher Mitglied der protestantischen — der reformir- 
ten — Kirche war, abgeschlossen. Gleichwohl würde man sich 
irren , wenn man hieraus die weitere Folgerung ziehen wollte, dass 
sich der Beklagte und dessen Brüder schon deshalb auf diese Ehe 
zur Begründung ihres Successionsrechfs in das Graflieb von Ben- 
tincksche, vormals Gräflich von Aldenburgische Fideikommiss be- 
rufen könnten. Xur so viel folgt aus dem obigen Resultate , dass 
die Gewissensehe, welche (voraussefzungsweisc) der Graf Wil- 
helm Gustav Friedrich von Bentinck mit der Sara Margaretha Ger- 
des abgeschlossen hat, eine Verbindung war, welche beide Theile 
zur gegenseitigen Leistung aller der Verbindlichkeiten, und zwar 
lebenslänglich, verpflichtete, welche ein Ehegatte gegen den andern 
auf sich hat. Aber eine ganz andere Frage ist die, ob die Ge- 
wissensehe alle die rechtlichen Wirkungen hervorbrachte, welche 
eine andere und förmlich abgeschlossene Ehe hat, ob sie insbeson-* 
dere den Kindern dieser Ehe alle Rechte ehelicher Kinder, und 
namentlich das Recht, in jenes Fideikommiss zu succediren, er- 
theilte. I nd diese Frage dürfte schlechthin zu verneinen aeyn. 

Denn, — um die Frage zuvörderst iin Allgemeinen in Befrach- 
tung zu ziehen, — das liegt nicht in dem Wesen einer Gewis- 
sensehe, dass eine solche Ehe alle rechtlichen Wirkungen einer 
gültigen Ehe hervorbringen müsstc. Da die Pflicht, auf welcher 
die Gültigkeit einer Gewissensehe beruht, nur eine Gewissenspflicht 
und mithin nicht eine vollkommene oder vollkommen bestimmte 
Pflicht ist, so hangt es von dem Ermessen der Pnrtheien ab, ihre 
gegenseitigen Verhaltnisse, so wie das Vcrhaltniss zwischen ihnen 
und ihren Kindern auf eine jede Wei-e zu mo J ficiren , welche mit 
dem Wesen der Ehe (mit der obligatio ad perpetuam vifae con- 
suetudinem etc.) vereinbar ist, und so dürfen mithin die Partheien 
wegen derjenigen rechtlichen Wirkungen einer Ehe, welche bJos 
in dem positiven Rechte ihren Grmnl haben, eine jede L'eberein- 
kunft treffen, welche den Umstamien uach radilich oder selbst noth- 



Diuck: Die Gewissensehe etc. 15 

V 

wendig ist Wenn das schon in dem Wesen einer Gewissensehe 
liegt, so gilt es noch mehr von den Gewissensehen, welche in den 
Zeiten des deutschen Reichs von einem Mitgliede eines reichsun- 
mittelbaren Fürstlichen oder Grailiehen Hauses protestantischer Con- 
fession abgeschlossen wurden. Denn , wenn auch diese Ilauser, kraft 
ihrer Autonomie, den Grundsätzen, welche ihre Kirche über die Ehe 
aufstellte, rechtlich verbindende Kraft beigelegt hatten, so konnte 
man doch diese rechtlich verbindende Kraft jener Grundsätze nicht 
weiter erstrecken, ata die Grundsätze selbst gingen, also nicht so 
weit, dass eine Gewissensehe jederzeit auch die rechtlichen Wir- 
kungen hervorbringen müsste , welche die Ehe dem positiven Rechte 
nach hat Ja! ooch mehr! In Deutschland waren die Mitglieder der 
regierenden Häuser überhaupt von jeher (und sind sie noch jetzt) 
berechtiget, die rechtlichen Wirkungen einer Ehe, wäre (oder ist) 
diese auch mit allen kirchlichen Förmlichkeiten abgeschlossen wor- 
den, mittelst eines Vertrages (per matrimonium ad morganaticam) zu 
modifleiren. Angenommen nun, dass ein Mitglied eines solchen Hau- 
ten sogar nur eine Ge wisse nsehe in den Zeiten oder seit der Auf- 
lösung des deutschen Reiches abgeschlossen hat. so ist es noch we- 
niger zweifelhaft, dass man die rechtlichen Wirkungen dieser Ehe 
lediglich und allein nach der l cbereinknnf t der Partheien 
zu beurtlieilen habe. Die Gewissensehe eines Herrn, der von einem 
solchen Geschlechte abstammt; kann zwar (für die Gemahlin und 
für die gemeinschaftlichen Kinder) alle die rechtlichen Folgen haben, 
welche eine förmlich abgeschlossene Ehe hat. Die Frage aber, ob eine 
solche Ehe, wenn sie von dem und dem Herrn abgeschlossen worden 
fst, alle diese Folgen habe oder nicht, ist eine quaestio facti, d. i. in 
einem jeden einzelnen Falle nach Massgabe der unter den 
Eheleuten getroffenen Tebereinkunft zu beantworten. 

Hiernach stellt sich , anlangend den vorliegenden Rechtsfnll, 
die Frage so: Als im Jahre 1799 der Graf Wilhelm Gustav 
Friedrich von Bentiock mit Sara Margarethe Gerdes eine Gewissens- 
ehe abschloss, — sollte diese Ehe nach der Absicht und nach der 
Uebertinkunft der Partheien alle die rechtlichen Folgen haben, 
welche mit einer förmlichen Ehe den Gesetzen nach verbunden sind ? 
sollte sie, nach der Absieht und nach der Uebercinkunft der Par- 
theien, insbesondere auch den Kindern, die in dieser Ehe erzeugt 
werden würden, alle Rechte ehelicher Kinder ertheilen ? — Da die 
Thatsache, dass unter den genannten Partheien eine Gewissensehe 
abgeschlossen worden sey, lediglich und allein auf dem mehrer- 
wähnten Zeugnisse des Pfarrers Hausing und auf der Voraussetzung» 



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Iß 



Dieck: Die Geuiftscnsehc etc. 



dass dieses Zeugt» iss vollkommen glaubwürdig sey, beruht, so ver- 
steht sichs von selbst, dass andrerseits der Inhalt dieses Zeugnisses 
die einzige Quelle ist , aus welcher die Antwort auf jene Frage 
geschöpft werden kann. Ist die Frage nach dem Inhalte dieses 
Zeugnisses zu verneinen, so ist sie, nach der Lage der Sache, 
schlechthin gegen den Beklagten zu entscheiden. 

Es ergibt sich aber aus dem Zeugnisse des Pfarrers Hausing 
gleich auf den ersten Blick, dass bei der Abschliessung der oft- 
gedachten Gewissensehe die Absicht der Partheien schlechterdings 
nicht darauf gerichtet war, dass der Sara Margaretha Gerde« alle 
Rechte einer förmlich angetrauten Gemahlin oder den gemeinschaft- 
lichen Kindern alle Rechte ehelicher Kinder zuTheil werden sollten. 
Sondern die Uebereinkunft hatte, wie aus jenem Zeugnisse sofort 
und unzweideutig hervorgeht, nur den Sinn und Zweck, dass unter 
den Eheleuten eine sogenannte morganatische Ehe bestehen sollte, 
d. i. dass zwar die Partheien einander dieselben Pflichten, wie Ehe- 
leute, zu leisten, auch einander dieselbe Treue, wie Eheleute, zu 
bewahren hätten , dass dagegen weder der Ehegattin die Vorrechte 
einer ebenbürtigen Gemahlin, noch den Kindern, die in dieser Ehe 
gezeugt werden würden, die Familienrechte ehelich und Standes- 
massig erzeugter Kinder zustehen sollten. Das gebt aus dem Zeug- 
nisse des Pfarrers Hausing auf das Bestimmteste hervor, wenn man 
/ erwägt, dass, zufolge dieses Zeugnisses, 

der Graf Wilhelm Gustav Friedrich von ßentinck, aus wichtigen 
Gründen und durch Farn i Ii e n verhäl t nisse verhindert, eine 
zweite öffentliche Ehe einzugchen, nur um eine treue Le- 
bensgefahrtin und im Alter eine Pflegerin zu ha- 
ben, in die in Frage stehende Gewissensehe trat, — dass er 
das Mädchen seiner Wahl nur für eine Stellvertreteria 
seiner verewigten Gemahlin erklärte, — dass er ihr nur alle 
ehelichen Rechte und Pflichten zugestand, — dass er in 
seiner an den Pfarrer Hausing gerichteten Erklärung der Kin- 
der, die er in dieser Ehe erzeugen würde, überall nicht ge- 
dachte, — dass er den Söhnen, die er mit seiner zweiten 
Ehegattin in der Folge erzeugte, nur seinen Stammnamen, 
(nicht aber auch seinen gräflichen Titel) beilegte, — dass er 
erst dann, als sein Sohn erster Ehe mit Tod abge- 
gangen war, den Entschluss fasste , seine Gewissensehe 
in eine förmliche Ehe zu verwandeln. 

(Fortsetzung folgt.) 



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N*. 2. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

* 



Dieck: Die Gewissensehe etc. 

(Fortsetzung.) 

In diesem Resultate, — dass die Gewissensehe, welche der 
Graf Wilhelm Gustav Friedrich von Beotiuck im Jahre 1799. ein- 
ging-, schlechterdings nicht eine in jeder Beziehung rechtlich wirk- 
same Khe seyn sollte, — wird man noch mehr bestärkt, wenn man 
sich die Frage vorlegt, wie wohl die Erklärung des Grafen ge- 
lautet haben würde, und wie sie hätte lauten müssen, wenn die 
Absiebt nicht die gewesen wäre, dass die Ehe blos eine morga- 
natische Ehe seyn sollte. 

Auch angenommen also, dass das Zeugniss des Pfarrers Hau- 
sing volle Beweiskraft hätte, öder im Verlaufe des vorliegenden 
Rechtsstreites erlangte, so würde doch dieses Zeugniss seinem 
Inhalte nach keineswegs die Ansprüche begründen können, welche 
der Beklagte auf die Succession[in die Herrschaften Kniyhausen 
und Varel macht 

Bei der 

zweiten Hauptfrage 
sind vor allen Dingen die Grundsatze anzuführen, welche das g c- 
meine deutsche Recht über die rechtliche Fähigkeit der durch 
nachfolgende Ehe legitimirten Kinder, in Famüienfldelkommisse, 
Stamm- und Lehngüter zu succediren, aufstellt. (80 verschieden 
auch Familienfldeikommisse, Stammgüter*) und Lehngüter in an- 
deren Beziehungen von einander sind, so sind sie doch, in Bezie- 
hung auf die vorliegende Frage, nach denselben RecbtsgrundsS- 
tzen zu beurtheilen. Was z. B. von der L e h n s folgefihigkeit 
der Mantelkinder bei der Beantwortung der zweiten Hauptfrage 
gesagt werden wird, gilt daher von der Rechtsfähigkeit dieser Kin- 
der, in Stammgüter oder in Familienfldeikommisse zu suocediren.) 

*) Unter Staramgütern verstehe ich hier die Liegenschaften , welche 
als das Gcsammtcigenthiim einer Familie — der Nuchkommen des 
ersten Erwerbers — (aus irgend einem Rechtsgrunde) zu betrach- 
ten sind. (Alle Faoiilienfideikommisse und alle regelmässigen Leh- 
ne «ind zugleich Stammgüter; aber nicht umgekehrt.) 

- XXXU. Jahrg. 1. Heft. * 



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18 



Dieck : Die Gewissensehe etc. 



Es tritt bei der Frage: Succediren die durch nachfolgende 
Ehe legitimirten Kinder — oder die Mantelkinder — in Familien- 
fldeikommisse etc.? der (auch sonst nicht seltene) Fall ein^ dass 
die verschiedenen Quellen des gemeinen deutschen Rechts in der 
Entscheidung dieser Frage von einander abweichen. 

Das altdeutsche Recht schloss die Mantelkinder, wie allge- 
mein anerkannt ist, von der Lchnsfolge aus*). — In Uebereinstim- 
mung mit diesem Rechte sagt das longobardische Lehnrecht: (II. 
F. 26. g. 10.). „Naturales filii, licet postea fiant legitimi, ad suc- 
cessionem feudi nec soli nec cum aliis admittuntur." Nun ha- 
ben zwar mehrere Rechtsgelehrte diese Stelle nur von den durch 
ein -Rcscript des Landesfürsten (per rescriptum prineipis) legiti- 
mirten Kindern verstehen wollen; und zwar aus d ein Grunde, weil 
die Stelle, da sie nur von legitimirten Kindern überhaupt spreche, 
und mithin sich unbestimmmt (indefinite) ausspreche, zu Folge der 
Rechtsregel, (von welcher gleich hernach die Rede seyn wird,) 
dass die durch nachfolgende Ehe legitimirten Kinder den in der 
Ehe erzeugten in rechtlicher Hinsicht gleich stehen, auf die per 
rescriptum prineipis legitimirten Kinder zu beschränken sey. Ich 
selbst habe an einem andern Orte**), wo ich ebenfalls Veranlas- 
sung hatte, von jener Stelle zu handeln, eine andere beschrankende 
Auslegung derselben in Vorschlag gebracht; nämlich die Ausle- 
gung, dass die Stelle II. F. 26, iO. zwar auch die durch nach- 
folgende Ehe legitimirten Kinder unter sich begreife, legiti- 
mirte Kinder überhaupt aber nur in sofern von der Lehnsfolge 
ausschliesse, als die Legitimation erst nach der Zeit geschehe, 
da der Vater das Lehn erworben hat***). Allein der erstem 

Meinung steht entgegen, dass die Stelle (II. F. 26, 10.) keines- 
————— 

*) Die Beweisstellen will ich nicht anführen. Man findet sie z. B. in 
der Dicck'schen Schrift, bo wie in Weber'« Handbuche des in 
Deutschland geltenden Lehnrechts. §. 123. — Ans demselben Grun- 
de werde ich nicht der Gewährsmänner für die verschiedenen Mei- 
nungen, gedenken, welche über die vorliegende (in sehr vielen 
Schriften erörterte) Frage aufgestellt worden sind. 

■•) In der Schrift: Ucber das Recht des Fürstlichen Hauses Löwen- 
stcin-Wertheira zur Nachfolge in die Wittelsbacher Stammländer. 
Hcidelb. 1838. S. 48. 

•••) „Licet postea fianl legitimi," i. e. licet finnt legitimi, postea- 
qnnm fendum a patre acquisitum est. — Uebrigens bemer- 
ke ich gelegentlich, dass die Stelle auch nach dieser Auslegung 
dem Beklagten entgegenstehen wurde. Denn der Graf Wilhelm Gustav 
Friedrich von Bentinck legitimtrtc seine mit Sara Margaretha Ger- 
de« erzeugten Söhne erst, nachdem er die Hermhaften Kntphausen 



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Dieck: Die Gewieneriflehe etc. 19 

• 

wegs unbestimmt spricht, sondern vielmehr den lcgitimirten 
Kindern das Recht fcur Lehnsfolge ohne Ausnahme abspricht, 
— der letzteren, dass sie nicht mit dem Wortverstandc der Stelle 
in Uebereinstimmung steht, — beiden, dass die Quelle der mehr- 
gedachten Stelle das altdeutsche Recht ist, dieses aber den legiti- 
mirten Kindern das Recht zur Lehnsfolge schlechthin versagte. 

Wenn hiernach die Frage: Succediren Mantelkinder in Faini- 
lienfldeikommisse, Stamm- und Lehngüter? nachdem deutschen und 
nach dem longobardischen Rechte schlechthin zu verneinen ist, so 
ist gleichwohl dieselbe Frage nach einer andern Quelle des in Deutsch- 
land geltenden gemeinen Rechts, nach dem kanonischen Rechte, 
ebenso unbedingt zu bejahen. Denn dieses Recht ert heilt den 
Mantelkindern ganz dieselben Rechte, wie den in der Ehe er- 
zeugten Kindern. „Tanta est vis sacramenti," (sei. matrimonii,) 
sagt das Kap. 6. X. qui filii sint Jegitimi, „ut qui antea sunt ge- 
niti, post contractum raatriinonium bobeantur legitimi." — 

Dieser Stand unserer gemeinreohtlichen Gesetzgebung hatte 
nun die Folge, dass es in Deutschland bei der Entscheidung der 
vorliegenden Frage zu einem Kämpft- zwischen dem geistlichen 
und dem weltlichen Rechte , über den Vorrang des einen Rechtes 
vor dem andern, kam. Für die Lehnsfolgefähjgkeit der Mantel- 
kinder sprach die Heiligkeit, welche die Kirche der Ehe, als ei- 
nem Sacramente, beilegte; dagegen widersetzte sich der Lenns- 
folgefahigkeit der Mantelkinder das besonders zarte Ehrgefühl der 
Deutschen, welchem es unmöglich zu seyn schien, dass der Fleck 
der unehelichen Geburt auf irgend eine Weise getilgt werden kön- 
ne. Schon im Mittelalter entspann sich dieser Kampf, wie die 
folgende Stelle des Schwabenspiegels ^d. A. 378.) beurkundet: 

„Hat aber ein mann ein frauen zu ledigklichen dingen 
und hat kind wenig oder vil und nympt er sy darnach zu 
rechter ee; was kind sy mit einander gehabt habent, do sy 
einander zu der ee nemen, do seynd sy alle rechte eekrnd 
worden , und erbeut eygen und lehen von vatter uud von 
muter und von andern iren freunden als wol, als die kind, 
die sie darnach gewinneut, so sy einander zu der ee ge- 
nommen habeud. Will man in des vor weltlichem gerichfc 
nit glauben, und sy verwerffen, so sollen die ersten kind 
auff geistliche gericht varen und sollen ir eelich recht da 



und Varel bereits längst (per «accessionem) erworben hau»-. Ja er 
erzeugte sie erst, poeteaquam fideicommisRiitn aequUivemt. 



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20 Dieck: Die Gewissenschs etc. 

behabeu, und das brieff und insigel nemen ; so behabent sy 
ir recht vor allem weltlichen gericht mit recht." t 
Derselbe Kampf dauerte auch in der Folgezeit fort. Und noch 
immer ist er, was das geraeine deutsche Recht betrifft, nicht be- 
endiget. Die Rechtslehrer haben sich zum Thcil für, zum Theil 
gegen die Lehnsfolgefähigkeit der Mantelkinder erklärt; ebenso 
die Landesgesetze. Die Praxis der höchsten Reichsgerichte war 
weder entschieden für, noch entschieden gegen die Lehnsfolge- 
fahigkeit der Mantelkinder. Auch ist, was die Fälle betrifft, in 
welchen der Reichshofrath zum Vortheile der Mantelkinder ge- 
sprochen hat, nicht zu übersehn , dass das Ansehn der (hier be- 
sonders in Betrachtung kommenden) Urtheile dieses Reichsgerichts 
durch den Einfluss, welchen (per vota ad Imperatorem) politische 
Rücksichten auf sie hatten, nicht wenig geschwächt wird *). 

Jedoch die Frage ist hier d. i. in Beziehung auf den vorlie- 
genden Rechtsfall nicht die: Sind dem gemeinen deutschen Rechte 
nach die Mantelkinder überhaupt (sive ex jure communi et ge- 
nerali) lehnsfolgefäbig? sondern die: Kommt ihnen diese Rechts- 
fähigkeit in Beziehuug auf die (vormals) reichsnnmit- 
telbaren F ürstenthüm er, Graf- und Herrschaften zu? 
Denn eine Herrscliaft dieser Art war (und ist zu Folge der 
Übereinkunft vom Jahre 1825. noch jetzt) die Herrschaft Kip- 
hausen, also derjenige Gegenstand des vorliegenden Rechtsstrei- 
tes, dessen rechtliche Beschaffenheit über die Succession in das 
Gräflich von Aldenburgische, jetzt Gräflich von Bentinck'sche Fa- 
milienfldeikommiss, überhaupt entscheidet. 

Die Entscheidung dieser Frage ist vor allen Dingen aus dem 
Rechte der Autonomie zu entlehnen, welches, wie oben ge- 
zeigt worden ist, den reichsunmittelbaren Fürsten und Grafen, und 
mithin namentlich auch dem Stifter des Gräflich von Aldenburgi- 
schen Familienfldeikommisses zustand. Auch angenommen, dass, 
in causis privat orum, den Mantelkindern die Lehnsfolgefähig- 
keit nach Maassgabe des gemeinen deutschen Rechts, d. i. nach 
Maassgabe des kanonischen Rechts, zuzusprechen sey, so folgt 

•) Die Fra^e kam, was die reichsunniittelbaren Fürstenthümer, Graf- 
nnd Herrschaften betraf, hauptsächlich bei Lehnen vor. In Lehnssa- 
chen aber war allein der Reichshofrath kompetent. Vgl. Leist, 
Lehrbuc h des deutschen Staatsrecht* § l». — Bekanntlich niusste 
der Reichshofrath in einer jeden bei ihm anhängigen Rechtssache, 
ante poblicationem sententiae definitivae, ein votum ad Imperatorem 
erstatten. 



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/ Dieck: Die Gewissensehe etc. 81 

/ 

4 

doch daraus noch nicht, dass diese Successionsfähigkeit der Man- 
telkiisfer «ach aar reichsunmittelbare Fürstenthümer, Graf- nnd 
Herrschaften ausgedehnt werden könne und müsse. Denn die adeli- 
chei/ Familien , welche in dem Besitze dieser Fürstentümer etc. 
waren, konnten sich, kraft des ihnen zustehenden Rechts der Au- 
tonomie, ehen sowohl für die Aufrechthaltnng des altdeutschen, 
a.s für die Annahme des kanonischen Rechts erklären. Da es nun 
an einer ausdrücklichen, von der Ocsammtheit dieser Familien 
ausgegangenen Erklärung über den Vorrang unter jenen Rechten 
fehlt, so steht die Frage so: Lasst sich eine Rechtsvermuthung 
nachweisen, kraft welcher man anzunehmen hat, dass in jenen 
Familien die Lehnsfolgefähigkeit der Mantelkinder nach dem alt- 
deutschen Rechte, oder dass sie nach dem kanonischen Rochte za 
beurtheilen sey? 

Eine solche Rechtsvermuthung aber lasst sich allerdings nach- 
weisen. Sie spricht gegen die Lehnsfolgefähigkeit 
der Mantelkinder. Das Interesse jener Familien, — oder, 
wie sich die Rechtslehrer auszudrücken pflegen, die Vorsorge für 
den Glanz der Familie. — forderte die Ausschliessung der Man- 
telkinder. Ausser der Ehe, und gewöhnlich mit einer Person ge- 
zeugt, welche ihrem Range nach tief unter dem Geinahle stand, 
konnten diese Kinder, wenn sie den ehelichen in Beziehung auf 
die Successionsfähigkeit gleichgestellt worden wären , nach den 
bei den Deutschen seit den ältesten Zeiten herrschenden Meinun- 
gen, „zur Conversation, zum Auf- und Zunehmen der Fürstlichen 
oder Gräflichen Familie" keineswegs beitragen. Der Successions- 
fähigkeit der Mantelkinder stand überdies in diesen Familien noch 
ein anderer Grund entgegen. Es handelte sich bei dieser Frage 
von der Succession in ein reichsunroittelbares Land oder 
Gebiet. Waren nun auch die reichsunmittelbaren Fürstenthümer, 
Graf- und Herrschaften den souverainen monarchischen Staaten 
nicht schlechthin gleichzuachten , so bezog sich doch der Unter- 
schied mehr auf die äusseren Verbältnisse, als auf die innere Ver- 
fassung jener Länder und Gebiete, und so hatte man mithin gleich- 
wohl das Recht, welches sich aus dem Wesen einer Erbmonar- 
chie ergibt, oder das monarchische Princip auch auf jene Länder 
und Gebiete zur Aushülfe (in subsidium) anzuwenden«) Wenn 

*) Man darf den SchrifUtcllcrn , welche in den Zeiten de« deutschen 
Reicha über das deutsehe Privatfürsttnrecht geschrieben h ben^ 
ohne Ausnahme den Vorwurf machen, das« sie fast nur das deutsch 
Adelbrecht und nicht das monarchische Frincin iu yw. Witseo- 



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> 



Di* ck . Die Gcwisscntche etc. 



i 



nber dio juridische Gewissbeft, dass ein Kind von d 

iAm4 m TT 

dem Vater abstamme, lediglich und allein auf der Rechtere,. J 
ruht: Pater ia est, quem legitimae nuptiae demonstrant! ao lit 
Tage, dass, wenn man in der Erbmonnrchie auch die Mantelk n0c 
zur Regierungsnachfolge lassen wollte, das Thronfolgegesetz t* e ~ 
rechtlich genügenden Grundlage ganzlich entbehren wurde. 

so 

Allerdings konnte sich ein jedes einzelne reichsunmittelba 
Fürstliche oder Gräfliche Geschlecht, kraft des ihm zustehende 
Rechts der Autonomie, auch für die Successionsfäbigkeit der Man' 
telkinder entscheiden oder, mit andern Worten, in dieser Beziehung 
dem kanonischen Rechte vor dem altdeutschen und dem longobar- 
dischen Rechte den Vorzug einräumen. Aber wenn sich nicht 
nachweisen lässt, dass das besondere Recht des und des reichs- 
unmittelbaren Fürstlichen oder Gräflichen Geschlechts die durch 
nachfolgende Ehe legitiinirten Kinder den in der Ehe erzeugten 
Kindern in Beziehung auf die Successionsfäbigkeit gleichstellte, so 
behielt es und behält es noch jetzt bei der Reclitsvermuthung sein 
Bewenden, dass nur die in der Ehe erzeugten und nicht die durch 
nachfolgende Ehe Jegitimirten Kinder in die reichsunraiUelbaren 
Besitzungen des Hauses succediren konnten und succediren kön- 
nen. Und eben so gewiss ist es unter derselben Voraussetzung, 
dass nicht ein einzelnes Mitglied eines solchen Hauses seine per 
subseqnens matrtmonium iegitimirten Kinder zum Nachtheile seiner 
Agnaten für successionsfabig erklären konnte oder erklären kann, 
da eine Erklärung dieser Art die Rechte dritter Personen d. i. die 
Rechte der Agnaten verletzcu und mithin ungültig seyn würde. 

Hiernach kommt, anlangend den vorliegenden Fall, Alles dar- 
auf an, ob das besondere Recht des Gräflichen Nauses Aldenburg 
oder das des Gräflichen Hauses Bentinck, ob also z. B. ein Fa- 
milienvertrag oder das Testament eines Ahnherrn oder ein in der 
Familie bestehendes Herkommen die durch nachfolgende Ehe legi- 
gitimirten Kinder den in der Ehe erzeugten Kindern in Beziehung 
auf die Successionsfahigkeit gleichstelle. Allein der Beklagte bat 
sich auf ein besonderes Familienrecht, welches ihm in sofern 
zur »Seile stehe, überall nicht berufen, ungeachtet er ein solches 
Recht, wenn es ihm zur Seile stand, per modum exceptionis vor- 
zuschützen hatte. Ja, es geht sogar aus den zu den Akten ge- 
brachten Urkunden hervor, dass das besondere Recht der Gräflich 



•ehalt — »der zur Erörterung und Auslegung der Hauftgegctze der 
reichiunnittelbarun Fürsten- und Grafen-Geschlechter — auwenden 



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Dieck: Die Gewwtcaieh« etc. 



tS 



doch dldenburgisohen Familie, welche in der Gräflich von Bent- 
telkiiabhen Familie beziehungsweise fortlebt, der Successiousfähig- 
Herredes Beklagten, in sofern diese auf der legitimatio per sub- 
chenfens roatrimoniura beruht, entgegengehalten werden könne, 
war wurde nämlich das Fideikominis« , welches der Gegenstand des 
ton/liegen Jen Rechtsstreites ist, von Anton Günther, Grafen von 
a VI den bürg und Delmenhorst, zu Folge des von ihm den £3. April 
.'1663. errichteten Testaments, ausdrücklich „zur Konaervation 
seiner Gräflichen Familie" gestiftet. Dass unter der Gräf- 
innen Familie, zu deren Vortheile das Fideikommiß gestiftet wur- 
de, die Nachkommenschaft des Grafen Anton von Aldenburg, des 
(per r< »scriptum prineipis) legitimirten Sohnes des Fideikommtss- 
Stifters, zu verstehen sey, verordnet dasselbe Testament mit klaren 
Worten. Die Frage ist also nur die, welche Nachkommen 
des Grafen von Aldenburg zu dessen Gräflicher Familie, nach der 
Absicht des Stifters gehören sollten, d. i. (in der vorliegenden 
Beziehung) ob nur die in der Ehe erzeugten, oder ob auch 
die legitimirten Nachkommen des Grafen Anton von Alden- 
burg, reber diese Frngo aber gibt zwar nicht das Testament, 
wohl aber das kaiserliche Diplom vom 16. Juli 1653. die bestimm- 
teste Auskunft. Denn der Graf Anton von Aldenburg war nicht 
von Geburt ein Graf von Aldenburg, soudern er war erst durch 
jenes Diplom in den Reicusgrafonstaud , unter dem Namen eines 
Grafen von Aldenburg, erhoben worden. Nun erstreckte sich zwar 
diese Standeserhöhung auch auf die Nachkommen des Grafen An- 
ton zon Aldenburg, jedoch, wie das Diplom ausdrücklich besagt, 
nur auf die in rechter Ehe erzeugten Nachkommen dieses Gra- 
fen. Nur diese Nachkommen also gehörten und gehören zur 
Graflich von Aldenburgischen Familie. Nur auf diese Nachkommen 
also, und nieht auf legitimirte Kinder, kann und darf der Ausdruek : 
Gräfliche Familie, bezogen werden, wenn es in dem Testamente 
vom Jahre 1663. heisst, dass das Fideikommiss zur Konservation 
der Gräflichen Familie gestiftet werde. Denn nur diese Nach- 
kommen gehörten, zu Folge des kaiserlichen Diplomes und in sensu 
juris, zu der Gr&flieh von Aldenburgischen Familie. Diese Fol- 
gerung, welche sich unmittelbar und unzweideutig aus den Wor- 
in» des kaiserlichen Diplomes vom Jahre 16Ö3. ergibt, (denn es ist 
in diesem Diplome nicht etwa bloa von ehelichen Kindern, son- 
dern ausdrücklich nur von Kindern die Rede, „so in rechter 
Ehe erzeugt werden könnten,") wird ooch überdies» dadurch be- 
kräftiget, dass in demselben Diplome der Graf Auton, der uatürli- 



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t 



24 Dicck : Die Gewitieniehe etc. 

che Sohn seines Vaters', zugleich legitimirt wo nie. In die- 
sem Zusammenhange sind die Worte des Diploms , — dnss der 
Graf Anton nur für sich und seine in rechter Ehe erzeugten 
Kinder in den Reichsgrafenstand erhoben werde, — noch ganz be- 
sonders bezeichnend. Sie sagen in diesem Zusammenhange in der 
That so viel, dass, wenn auch der erste Graf von Aldenburg nur 
zu Folge einer vorausgegangenen Legitimation die Gräfliche Wur- 
de erlangt habe, dennoch seine Nachkommenschaft, nur wenn sie 
in rechter .Ehe erzeugt worden sey , zu der Gräflich von Alden- 
burgischen Familie gehören solle. — So bestimmt also das kaiser- 
liche Diplom vom Jahre 1653. den Sinn der im Testamente vom 
Jahre 1663. oftmals wiederholten Worte: Eheliche Leibeser- 
ben. Und umgekehrt bestätigen diese Worte des Testamentes 
das Resultat, welches sich wegen der Bedingungen der Succes- 
sionsfähigkeit in das Graflich Aldenburgische Familicnfldeikoromiss 
aus dem kaiserlichnn Diplome ergibt. 

Jedoch, auch abgesebn von der vorstehenden Ausführung, 
können in der vorliegenden Rechtssache noch zwei besondere Grün- 
de gegen die Successionsrechte der Mantelkinder — und mithin 
gegen den Beklagten — geltend gemacht werden. 

Denn erstens: Die Frage, ob die Successionsfähigkeit der 
Mantelkinder in Deutschland nach dem geistlichen Rechte, d. i. 
nach dem Rechte der katholischen Kirche, oder ob sie nach dem 
weltlichen Rechte, d. i. nach dem deutschen nnd Jongobanlischen 
Rechte, zu beurtheilen sey, steht mit der allgemeinen Frage 
in einem wesentlichen Zusammenhange, ob überhaupt, und wenn 
in irgend einem Falle diese Rechte miteinander in Widerspruch 
stebn , der Vorrang dem einen oder ob er dem andern Rechte ge- 
bühre. Wenn nun die Stiftung des Gräflich von Aldenburgischen 
Familienfldeikommisses in die Zeiten vor der Reformation fiele, 
oder wenn, in dem entgegengesetzten Falle, das Gräflich von Al- 
denburgische Geschlecht katholischer Konfession gewesen wä- 
re, so würden sich gegen die Anwendbarkeit der oben aufgestell- 
ten Theorie auf den vorliegenden Rechtsfall, — der Theorie, nach 
welcher in den (vormals) reicbsonmittelbarcn Fürstlichen und 
Gräflichen Häusern die Vcrmuthung {eine praesumtio juris) ge- 
gen die Successionsfähigkeit der Mantolkinder streitet, — noch 
immer einige, wenigstens scheinbare oder nicht unerhebliche, Zwei- 
fel erheben lassen. Denn bis zur Reformation wurde der Grund- 
satz, dass die geistliche Gewalt oder die Gewalt der Kirche höher 
stehe, als die weltliche Gewalt oder die Gewalt des Staates, auch 



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Wieck: Die Gew isscn«che etc. 



von dem deutschen Staatsrechte, wenn schon nicht unbedingt, an- 
erkannt. Und eben so könnte man behaupten, dasa sich die Mit- 
glieder eines reichsunmittelbaren Fürstlichen oder Gräflichen Hau- 
ses katholischer Konfession auch nach den Zeiten der Refor- 
mation noch vermöge ihrer Glaubensmeinungen für verpflichtet er- 
achten mussten, der Ehe, als einem Sakramente, alle die rechtli- 
chen Wirkungen beizulegen, welche das kanonische Recht mit der 
Ehe in der vorliegenden Besiehung verbindet. Allein weder die 
eine noch die andere Voraussetzung trifft bei dem Gräflich von 
AJdenburgischen Fideikommisse zu. Dieses Fideikommiss wurde 
erst Jange nach der Reformation, es wurde von einem Herrn ge- 
stiftet, welcher sich zur protestantischen Kirche hielt, und für eine 
Nachkommenschaft, welche in der Gemeinschaft dieser Kirche ge- 
blieben ist und noch steht. Da ist nicht nur kein Grund zu der 
Vermuthung vorbanden, dass Anton Günther, Graf von Oldenburg 
und Delmenhorst, seine Fidcikommissstiftung den Gesetzen der ka- 
tholischen Kirche unterwerfen wollte; da ist vielmehr anzunehmen, 
dass der Stifter des Graflich von Aldenburgiscben Familienfidei- 
kommisses, — als Protestant des Gehorsams gegen die Gesetze 
der katholischen Kirche entbunden, und als ein deutscher Fürst 
für die ursprünglich deutschen Grundsätze gestimmt, — die Ab- 
sicht gehabt habe, seiner Nachkommenschaft das deutsche Recht 
als subsidiarische Regel für die Nachfolge in das von ihm ge- 
stiftete Fideikommiss vorzuschreiben. 

Zweitens: Was die Gesetze der einzelnen deutschen 
Staaten über die Lehnsfolgefähigkeit der Mantelkinder verordnen, 
ist zwar für die Entscheidung des vorliegenden Rechtsfalles an 
sich gleichgültig. Denn es ist dieser Fall nach dem gemeinen 
deutschen Rechte zu entscheiden. Ja, es können jene Gesetze, da 
sie sich zum Theil für, zum Theil gegen die Lehnsfolgefahig- 
keit der Mantelkinder erklärt haben, bei der vorliegenden Aufgabe, 
als einer Aufgabe des gemeinen deutschen Rechts, nicht einmal 
als eine wissenschaftliche Auktorität für die eine oder für die an- 
dere Meinung benutzt werden. Jedoch in einer Beziehung sind 
die partikulären Rechte, welche die Lehnafolgelahigkcit der Man- 
telkinder betreffen, für die Entscheidung des vorliegenden so wie 
ähnlicher Fälle allerdings von nicht geringer Erheblichkeit. Mau 
wird finden, dass sich die deutschen reichsunmittei baren Fürstli- 
chen uud Gräflichen Geschlechter, bei der Bestimmung ihrer Fa- 
milienverhältnisse, von jeher an das besondere (oder partikuläre) 
Recht des Landes, über welches dem Geschlechte die Landeshoheit 



Dieck: Die Gewi*Kcnsehe tlc. 



zustand, oder, in Ermaugelung eines solchen Hechts, an das Recht 
der Gegend, wo dieses Land lag, anschlössen. (Ks ist eine be- 
kannte Sache, dass sich z. B. die sächsischen Häuser, das Chur- 
fürstliche uud die i:< möglichen Sächsischen Häuser, in ihren Fa- 
milienangelegenheiten von jeher nach dem Snohsen rechte gerichtet 
haben.) Und wie hätte es anders seyn können, du jene Geschlech- 
ter, (mit wenigen Ausnahmen,) einheimischen Ursprungs und seit 
den ältesten Zeiten im Lande angesessen, nur nach und nach aus 
der Reihe der übrigen Landeseinwohner hervorgetreten und zur 
Landeshoheit gelangt waren? Man hat daher mit Grund anzuneh- 
men, dass das Familienrecbt eines solchen Geschlechts aus dem be- 
sonderen Rechte des Landes, über welches dem Geschlechte die 
Landeshoheit zustand, oder, in Ermangelung eines solchen Rechts, 
aus dem besonderen Rechte der benachbarten Lander zu ergänzen 
und auszulegen sey. Nun enthält zwar, anlangend den vorliegen- 
den Fall, (wenigstens nach den mir zu Gebote stehenden Quellen,) 
weder das besondere Recht der Herrschaft Kumhausen, noch das 
des angrenzenden Grossherzogtbnmes Oldenburg eine Vorschi ift 
über die Lebnsfolgefähigkeit der Mantel kimler. Dagegen schliesst 
das besondere Recht der benachbarten Braunwchw ei g- 
Lüneburgischen Lande die Manteikinder von der 
Lehnsfolge aus*). Nimmt man hierzu, dass in Xorddeutsch- 
land — oder, wie sich die Vorzeit ausdrückte, in dem Lande der 
Sachsen und des sächsischen Rechts, — das aristokratische Prin- 
eip überhaupt von jeher vorherrschend war **), so gelangt man 
auch auf diesem Wege zu dem Schlüsse, dass das in Frage ste- 
hende Familienfldeikommiss nur zum Vortheile der in der Ehe 
erzeugten Nachkommen des Grafen Anton von Aldenburg gestiftet 
wurde. 

Es spricht daher, man mag die vorliegende zweite Hauptfrage 
von einer Seite betrachten, von welcher man will, Alles für das 
Resultat, dass der Beklagte auch als Alius per subsequens matri- 
monium legitimatus nicht berechtigt sey, in. das im Jahre 16G3. 



•) Pufendorf, Observat. juris. T. I. ob*. 91. S t r u b c n, rechtliche 
Bedenken, III., 53. Zettschritt für die Civil- und Criminalreehts- 
pflege des K. Hairovcr. Herauug 1 von Ganz. I. Bd. (Hanover 
1828 ). N. 12. — Damclbc gilt von mehreren andern norddeut- 
schen Provincialrechtcu. 

M ) Bei den alten Sachsen waren die Stande schon in d*'n ülte«ten Zei- 
ten scharf von einander geschieden. S. AJain's von Bremen 
hiit. ccclcs. L. I. cap. 4. 5. 



Dic4k: Die GewtMentche etc 2? 

gestiftete Gräflich von Aldenburgiscbe Famil ienfldeikommiss z.u 
folgen. 

Endlich: 

die dritte Hauptfrage, — die Frage also, ob die 
Ehe der Eltern des Beklagten und seiner Brüder eine stan- 
desniässige Ehe oder aber eine Missheirath war? 

begreift, ku Folge dessen, was oben über die Vorfrage bemerkt 

worden ist, wieder die zwei Fragen nnter sich: 

A. War das Graflich von Bentinck'sche Geschlecht in den Zei- 
ten des deutschen Reichs den reichest i ndischen Fürst- 
lichen und Graflichen Hausern (und ist es dermalen den 
standesherriiehen Geschlechtern) in Beziehung auf Eben- 
bürtig k e i t gleichzustellen ? und: 

B. Angenommen, dass die erste Frage zu bejahen seyn sollte, 
war die Ehe der Eltern des Beklagten nach dem Rechte jener 
reich isländischen Häuser eine Misshcirath oder nicht? 

Zwar könnte man nicht ohne /Schein behaupten, dass die vor- 
liegende dritte Hauptfrage nicht nach dem ehemaligen deutschen 
Rcicbsstaatsrechte oder nach dem deutsehen Bundesreehte, sondern 
nach dem Reohte souverainer monarchischer Staaten zu ent- 
scheiden sey. Denn der mehrer wähnte Vertrag vom Jahre 1825. 
sagt ausdrücklich: 

„Monsieur le comte de Bentinck rentre, pour lui et sa fa- 

mille, relativ -erneut a sa seigneurie de Knipbauscn, en 

la possession et jouissanoe de la sou ve rai nete." 
Allein da derselbe Vertrag sofort hinzufügt: 
(Et en la jouissance) „des droits personnels et avantages qui 
lui ont appaitenus avant quo la Constitution de Tempire Ger- 
manique füt dissoute. u — , 
da sich überdiess aus den dem Vertrage vorausgegangenen Ver- 
handlungen ergibt, dass dem Vertrage diese Clause! mit Rücksieht 
auf das Recht der Ebenbürtigkeit, welches der Graf von Bentinck 
in Anspruch nahm, einverleibt wurde, so dürfte mit jener Behaup- 
tung und mit den Folgerungen , weiche sich aus derselben in Be- 
ziehung auf die vorliegende dritte Hauptfrage ableiten liesseu,. nicht 
auszureichen seyn. 

Zur Frage A. 

Es ist oben (bei der Erörterung der Vorfrage) einstweilen 
angenommen worden, dass das Gräflich von Bentincksche Geschlecht 
nicht als ein (vormals) reich sständischos Geschlecht betrachtet 



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28 Dieck : Die Gewisaensehe etc. 

werden könne; woraus weiter gefolgert wurde, dass die baiserliehe 
Wahlkapitnlation , das einzige Reichsgesetz , welches bei der vor- 
liegenden Frage in Befrachtung kommt, da sie sich Art. XXII g. 4 
auf die Vorschrift beschrankt: 

„Noch auch (wollen Wir) den aus unstreitig notorischer Miss- 
beirath, oder einer gleich Anfangs eingegangenen morgana- 
tischen Heirath, erzeugten Kindern eines Standes des 
Reichs, oder aus solchem Hause entsprossenen 
Herren, zu Verkleinerung des Hauses, die vaterlichen Titel, 
Ehren und Wurden beilegen, dieselben zum Nachtheile der 
wahren Erbfolger und ohne deren besondere Einwilligung für 
ebenbürtig und successionsfähig erklären, auch wo dergleichen 
vorhin bereits geschehen, solches für null und nichtig anseheo 
und achten/ 1 

und mithin nur von Missheirathen in reichsständischen Häu- 
sern bandelt, ihrem Wortlaute nach auf die Ehe des Grafen 
Wilhelm Gustav Friedrich von Bentinck, des Vaters des Beklagten, 
überall nicht anwendbar sey. 

Allein, schon gegen jene Annahme, und mithin auch gegen 
die aus derselben gezogene Folgerung Iässt sich eine sehr triftige 
Einwendung erheben. Zwar waren werler die Grafen von Alden- 
burg, noch die Grafen von Bentinck in dem Besitze der Reichs^ 
Btandscbaft. Da aber der Stammvater des Gräflich von Aldenbur- 
gischen Geschlechts, der Graf Anton von Aldenburg, kraft des 
kaiserlichen Diplomes vom Jahre 1653 der legitirairte und legitime 
Sohn seines Vaters, des Grafen von Oldenburg und Delmenhorst, 
war, so stammte er durch seinen Vater, und so stammt eben so 
das Geschlecht des Grafen Anton von Aldenburg, welches in dem 
Gräflich von Bentinck'schen Geschlechte fortdauert, von einem 
reichsständischen Hause ab, und so ist mithin das Gräflich 
von Aldenburgische, jetzt Gräflich von Bentinck'sche Geschlecht, 
unter der angeführten Stelle der Wablkapitulation , 

wegen der Worte: „oder aus solchem Hause entspros- 
senen Herren ; ' 

sogar nach dem Wortlaute dieser Stelle begriffen. Diese An- 
wendung der mehrerwähnten Stelle hat übrigens noch den beson- 
dern Grund für sieh, dass der erste Graf von Aldenburg durch* 
das kaiserliche Diplom vom Jahre 1653 ausdrücklich ermächtigt 
wurde, einem der reichsständischen Grafenkollegicn beizutreten. 

Jedoch, auch angenommen, dass die unmittelbare Anwendbar- 
keift jener Stelle aof den vorliegenden Fall um deswillen bestrit- 



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Dicck: Die Gewiiiensche etc. 



teil werden könnte, weil weder der erste Graf von Aldenburg, noch 
seine Wacbkommcnscbaft von dem Rechte Gebrauch machte, sieh . 
einem Oer reichsständischen Grnfenkollcgien anzusrhliessen, so folgt 
doch 'aus dem Grunde der in der Wablkapitulation Art. XXII. 
§. 0 enthaltenen Vorschrift, (also ex ratione legis,) dass das, was 
diese Stelle der Wablkapitulation wegen der Missheirathen in den 
r« ichsständischen Hausern festsetzte, auch von den Ehen in 
dem Gräflich von Aldenburg ischen und von den in dem Gräflich 
von Bentinck'schen Geschlechfe galt, und noch dermalen in Ge- 
mässbeit des oben gedachten Vertrages vom Jahre 1825 gilt. 
Dem» . wenn auch die Stellt nur von reichsständischen Häu- 
sern spricht, so versagt sie doch den von einem Reichsatando etc. 
in einer Missheirath er/engten Kindern die Successionsfähigkeit 
nicht in dem Interesse der Reic hssta ndscha ft, d. i. nicht 
aus dem Grunde, weil die Successionsfithigkeit gegen den Vor- 
theil der Reiehsstfinde , als solcher, seyn wurde, sondern, wie 
aus den Worten der Stelle unzweideutig hervorgebt, nur in dem 
Interesse der Familien oder der regierenden Häuser. 
Denn es besagt die off^edachte Stelle der Wahlkapitulation aus- 
drücklich dass der Kaiser von seinem Rechte der Stande?erhö- 
hung zum Vortheile der in einer solchen Ehe erzeugten Kinder 
aus dem Grunde, und nur ans dem Grunde keinen Gebrauch ma- 
chen solle und wolle, weil die Standetierhöhung in Fällen dieser 
Art zur Vefkleinerung des Hauses und zum Nacb- 
theüe der wahren Erbfolger gereichen würde. Und wie 
hätte wohl das Gesetz die Missheirathen in den deutschen reichs- 
ständiseben Häusern aus einem andern Standpunkte oder in einer 
andern Beziehung betrachten können ? Die ReicbsBtandschaft war 
ein Zubehör rein Aeccssorium) der Landeshoheit; nicht umgekehrt 
Wer zur Reichsstnndschaft gelangen wollte, musste vor allen Din- 
gen im deutseben Reiche mit reichsnnmittelbaren Besitzungen an- 
gesessen seyn *). Die Reichsstagastimme ging nur auf denjenigen 
über, welcher in diese reichsunmittelbaren Besitzungen succedirte. 
Eine jede Frage also, welche die Successionsfähigkeit der Kinder 
eines Reichsstands betraf, bezog sich unmittelbar allein auf das 
Recht der Kinder, dem Vater in der Regierung zu folgen, war 
von den Gesetzen allein in dieser Beziehung zu entscheiden; 
wie sie auch, wegen der Missheirathcn, in der oft gedachten Stelle 



•) Reichsabschied v. J. 1641. §. 98. J. U. A. §. 1»7- Wahlkap. Ar*. 
!.§.§. 



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Dicck: Die Gewissensehe etc. 



der Wahlkapitulation allein in dieser Beziehung entschi€del iserliche 
Wenn nnn ans allem diesem hervorgeht, dass die vor ler vor ~ 
Stelle der Wanlkapitulation (XXII, 4), ob sie wohl von 11 *• 4 
beirathen in den deutschen reichsständisohen Häusern e 
dennoch in den Vorschriften, die sie über Miesheirathen et?' 188 " 
diese Häuser nicht als reichsständische, sondern nur n)s \ na ~ 
gierende Häuser betrachtet, so folgt, dass man diese VorschrP 8 
ten auch auf diejenigen Fürstlichen und Gräflichen Häuser anzt n 
wenden habe, welche, ohne reichsständische Häuser zu seyn, den-» 
' noch in dem Besitze der Landeshoheit über eine reichsunmittelbare 
Herrschaft, über ein Fürstenthum, eine Graf- oder Herrschaft, wa- 
ren, dass also jene Stelle der W ahlkapitulation namentlich auch 
auf das Grailich von Bcntinck'sche Geschlecht in Beziehung auf 
die reichsunmittelbare Herrschaft Kniphausen anwendbar sey. 

Dabei verirre man sich nicht in die vage und bodenlose Un- 
tersuchung, ob das Gräflich von ßenfinck'sthe Geschlecht seiner 
Abstammung nach zu dem hohen deutschen Adel gehöre. IVicht 
zu gedenken, dass es, (wie schon hei der Erörterung der Vor- 
frage bemerkt worden ist), an einem Gesetze, welches die 
Scheidlinie zwischen dem hohen und dem niederen deutschen Adel 
bestimmte, gänzlich fehlt, morhen oder berücksichtigen auch die 
Uejcbsgcsetze in den Stellen, in welchen sie von der Erwerbung 
der Landeshoheit und der Reichsstandschaft handeln, nirgends einen 
solchen Unterschied. Ja, wenn man auch zwischen dem hohen 
und dem nieder n Adel in geschichtlicher ninsicht (oder in 
sensu historico) so unterscheiden kann oder will, dass zu dem 
hohen Adel nur diejenigen adeligen Geschlechter gehören, welche 
schon seit den ältesten Zeiten in dem Besitze einer Herrschaft von 
bedeutendem Umfange (oder Dynasten, Landherren) waren, so 
fehlt es doch nicht an Beispielen von Geschlechtern, welche, ob . 
sie wohl nicht von einem altdeutschen Dynostengeschlechte ab- 
stammen, dennoch im Verlaufe der Zeit zu den Rechten, Ehren 
und Würden des Dynastenstammes gelangten *). Uebrigens lässt 

•) Da» Fürstliche Haus Tbnrn und Taxi«. — Dan Gräfliche resp. Fürst- 
liche Huur Fulger. — Der Freiherr von B«nnmclbcrg, Besitzer der 
Herrschaft Gchinen unter I'rciimuHcher Hoheit , pehorte, als er im 
Jahr 1800 einem Grafen von Limburg- Styrum in die Reichsherr- 
* ehalt Gchmen sticcedirtc, zwar nicht zum hohen Adel . diesen Aus- 
druck in der geschichtlichen Bedeutung genommen, er erhielt 
jedoch gleichwohl, wegen der Herrschaft Gchmen, Theil an der 
Ileichstagsttimme des westphalischen Grnfen- Collegii. S. Klüber, 
öffentliches Recht drs deutschen Bundes etc. §. 231. Anin d. 



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Dicck : Die Gewissensehe etc. St 

lenwerJ mit denselben Gründen, ans welchen oben dem Gräflich von 
m v tinckschen Geschlechte die Eigenschaft eines reichsstandischen * 
e3OTV use8 angeschrieben worden igt, sogar die Behauptung verthei- 
y gen , dass dieses Geschlecht — kraft seiner Abstammung von 
| ,em Hanse Oldenburg — ku dem hohen deutschen Adel ' in der 
geschichtlichen Bedeutung gehöre. 

n Zur Frage B. 

Wollte man sich an den Plan halten, welcher in der Dieck'- 
schen Schrift nnd sonst in den Akten bei der Verteidigung der 
Rechte des Beklagten befolgt worden ist, so konnte man, ohne 
auf die schwierige Lehre von den Missheirathen in den deutschen 
reicbsunmittelbaren Fürsten - und Grafen - Geschlechtern (oder ohne ' 
auf die so missliche Auslegung des Artikels XXII. §.4. der Wnbl- 
kapitulation) einzugehen, die vorliegende Frage entscheiden. Wie 
in dem Interesso des Beklagten angeführt wird, ging der Trnuung 
oder der förmlichen Verehelichung seiuer Kitern eine unter seinen 
Eltern abgeschlossene Gewissensehe voraus. Nun ist aber oben 
(bei der Erörterung der ersten Hauptfrage) gezeigt worden, dass 
diese Gewissensehe auf jeden Fall nur ^ine morganatische Ehe 
war, d. i. dass, zufolge des einzigen Zeugnisses, auf welchem 
die Thatsache, dass unter den Eltern des Beklagten eine Gewis- 
sensehe abgeschlossen worden sey, allein beruht , bei der Ab- 
schliessung dieser Ehe die Absicht der Partheien auf jeden Fall 
nicht dahin ging, den gemeinschaftlichen Kindern die Successions- 
fahigkeit ehelicher Kinder beizulegen. Es ist ferner von dem Be- 
klagten nirgends behauptet worden, dass, als die Gewissensehe 
im Jahre 1816 mittelst kirchlicher Trauung in eine förmliche Eho 
verwandelt wnrdc , ein Heirathsvertrag abgeschlossen worden aey, 
welcher den vor der Trauung erzeugten Söhnen die Snccessions- 
fähigkeit ehelicher und standesmassig erzeugter 8öhne ertbeilt 
hätte. Es lautet vielmehr dasselbe Zeugniss in der hier einschla- 
genden Stelle nur so: 

v Nachdem der einzige Sohn Sr. Erlaucht, des Grafen Wilhelm 
Gustav Friedrich von ßeiriinck, aus der ersten Ehe verstorben 
war, erklärten Höchstdieaelben wiederum privatim gegen mich: 
„,.dass Sie nach dessen Ableben, über alle anderweite Hin- 
dernisse sich erhebend , erschlossen seyen , jener mit Ma- 
dame Sara Margaretha Gerdes eingegangenen Gewissens- 
ehe jetzt auch das publique, in foro ecclesiastico nec non 
seculari gebräuchliche Siegel aufzudrücken. t(u 



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t 



32 Dicck: Die Gcwiggenscbe etc. 

Es war also bei der Verwandlung der Gewissensehe in eine 

förmliche Ehe die Absicht nur die, die Ehe mit den rechtlichen 
Wirkungen, welche sie schon bisher gehabt hatte, d. i. sie in der 
Eigenschaft einer morganatischen Ehe zu bestätigen. Daher 
auch der Graf Wilhelm Gustav Friedrich von Bcnlinck seinen Ver- 
wandten wegen der von ihm abgeschlossenen Verbindung die sonst 
in Fürstlichen und Gräflichen Familien allgemein übliche Anzeige 
niemals gemacht hat. Nun besagt aber die oben angeführte Stelle 
der Wahlkapitulation (XXII. 4) ausdrücklich, dass die aus einer 
gleich Anfangs eingegangenen morganatischen Ileirath erzeugten 
Kinder selbst nicht mittelst einer kaiserlichen StandeserbÖhung für 
ebenbärtig nnd successionsfähig erklärt werden können. Mithin 
kann auch zufolge dieser Stelle die Ehe des Grafen Wilhelm Gustav 
Friedrich von Bentinok, da sie als Gewissensehe nur die Eigenschaft 
einer morganatischen Ehe halte und nur in derselben Eigenschaft 
durch die späterhin erfolgte kirchliche Trauung bekräftiget wurde, 
nicht die rechtliche Wirkung haben, dass die in dieser Ehe er- 
zeugten Kinder die Succession in die Herrschaft Kniphausen (sammt 
deren Zubehör) in Anspruch nehmen könnten. Zu demselben Re- 
sultate gelangt man selbst dann, wenn man, — immer unter der 
Voraussetzung, dass das Zeugniss des Pfarrers Hausing volle 
Beweiskraft habe, — den vorliegenden Fall unabhängig von 
der Vorschrift der Wahlkapitulation XXII. 4 bcurtbeilt 
Denn eine gleich anfangs eingegangene morganatische Ehe kann 
nicht während der Ehe in eine schlechthin wirksame Ehe zum Xach- 
tbeile dritter Personen verwandelt werden; am wenigsten zum Vor- 
theile der vor der Ehe erzeugten Kinder. Das wäre nicht eine le- 
gitimatio per snhsequens matrimonium, sondern eine legitimatio post 
matrimonium subsecuta. 

Jedoch diese Argumentation bezieht sich nur auf die Art nnd 
Weise, wie der Reklagte seine Rechte zu begründen versucht hat. 
Es ist jetzt noch die Frage zn erörtern: War die zweite Ehe des 
Grafen Wilhelm Gustav Friedrich von Bentinck (man mag sie übri- 
gens in der Eigenschaft einer Gewissensehe oder in der einer förm- 
lichen Ehe betrachten,) im Sinne des XXII. Artikels §. 4 
der Wahlkapitulation eine Missheirath? können also die 
Söhne des Grafen nach Massgabe dieser Stelle (vgl. zur Frage A) 
auf die Suocession in die Herrschaft Kniphausen Anspruch machen? 

(Der Schluss folgt} 



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3. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

• f 

II 

* 

Dicck: Die Gewusenxehe etc. 

(lieschluss.) 

Bekanntlich ist die Frage: welche Ehen sind im Sinne der 
Wahlkapitulation Missheirathen ? eine der bestrittensten des deut- 
schen Staatsrechts. Die Wahl Kapitulation spricht nur von . „un- 
streitig notorischen Missheirathen 4 ', ohne den Begriff dieser Hei- 
rathen genauer zu bestimmen. Auch ist der Reichsschluss , wel- 
cher zufolge derselben Stelle der Wahlkapitulation (XXII, 4 am 
Ende) 

„Soviel aber die noch erforderliche nähere Bestimmung an- 
betrifft, was eigentlich notorische Missheirathen seyen, wol- 
len Wir den zu einem darüber zu fassenden Regulativ er« 
forderlichen Reichsschluss baldmöglichst zu befördern I ns 
angelegen seyn lassen " 
die Bestimmung jenes Begriffs enthalten sollte, niemals zu Stande 
gekommen. — Ks hat daher fast eine jede Meinung , welche nur 
überhaupt über den Begriff einer Missheirath im Sinne der Wahl- 
kapitulation aufgestellt werden konnte, ihre Vertheidiger gefunden. 
Auch auf ein entschiedenes Herkommen kann man sich nicht zur 
Bekräftigung der einen oder andern dieser Meinungen berufen. 
Vielmehr ergiebt sich aus der Geschichte der Deutschen reichsun- 
mittelbaren fürstlichen und gräflichen Häuser, dass bei der vorlie- 
genden Frage von dem einen Hause diese, von einem andern Hause 
andere Grundsitze angenommen und befolgt worden sind. Aller- 
dings kommt es auch hei dieser Frage vor Allem auf die Gesetze 
und auf das Herkommen eines jeden einzelnen Hauses an. Allein 
in dem Gräflich von Bentinck'scben Successionsfalle gewährt diese 
Rechtsquelle keine Aushülfe. 

Es ist hier der Ort nicht, alle jene Meinungen auseinander 
zu setzen und ihren Gründen nach einer Prüfung zu unterwerfen. 
Auch die Gewährsmänner für eine jede dieser Meinungen können 
hier als bekannt vorausgesetzt werden. Ich beschränke mich da- 
her auf die Darstellung und Begründung derjenigen Meinung, 
welche mir vor den übrigen den Vorzag zu verdienen scheint. 
XXXIII. Jahrg. I. Heft. 3 



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31 rDieck: Die GewisgenRclie etc. 

lob glaube, die Aufgabe um so mehr auf diese Weise beschrän- 
ken zu können und zu müssen, da dieselbe Aufgabe auch in den 
neueren und neuesten Zeiten noch bei mehreren Gelegenheiten in 
Druckschriften ausführlich erörtert worden ist; namentlich in Be- 
ziehung auf die Succession der Söhne zweiter Ehe des Grofsherzogs 
Karl Friedrich von Baden, — wegen der Ansprüche des Sir Au- 
gustus d'Este auf~die Rechte eines Prinzen des Königlichen Hauses 
Hannover, — wegen der Ansprüche des fürstlichen Hauses Lflwen- 
stein auf die dereinstige Succession in die Stammlande des Hauses 
Wittelsbach. 

Es dürfte) "nun zufolge der kaiserlichen Wahlkapitulation 
(XXII, 4) diejenige Ehe und nur diejenige Ehe eines Herrn aus 
einem reichsunmittelbaren fürstlichen oder graflichen Hause für eine 
Missheirath^zu erachten seyn, welche ein solcher Herr mit einem 
Fräulein ( b ürgerli che n Standes eingegangen ist. (Jedoch ist 
diese Regel auch auf den Fall auszudehnen, wo die Gemahlin 
oderTderen Vater erst in den Adelsstand erhoben worden ist, in- 
dem es sonnt leicht seyn würde, das Gesetz zu umgehen). Denn 
i) schon in den Worten der vorliegenden Stelle liegt eine Hin- 
deutung auf diese Meinung. Die Stelle spricht nicht von Kindern, 
die überhaupt in einer Missheirath, sondern nur von Kindern, die 
in einer unstreitig-notorischen Missheirath erzeugt worden 
sind. Die Stelle will also nicht, dass eine Ehe eines Herrn aus 
einem solchen Hause schon deswegen für eine Missheirath erachtet 
werden solle, weil die Gemahlin nicht ihrem Stande nach dem Ge- 
mahle schlechthin gleichstehe. Sondern die Stelle macht einen 
Unterschied zwischen notorischen Missheirathen und solchen Hei- 
rathen , die zwar in einer gewissen Beziehung oder im Sinne der 
Gesellschaftssprache nicht aber im Sinne des Gesetzes Misshei- 
rathen sind. Dieser Unterschied aber kann bewandten Umständen 
nach nur der seyn ,51 dass nicht blos Verschwägern n gen zwischen 
reichständischen (und den ihnen gleich zu achtenden) Häusern, 
sondern auch Verschwägerungen zwischen einem nause-dieser Art 
und einem andern altadliger Familie unter dem Gattungsbegriffe 
standesmässiger Ehen enthalten seyn sollen. Dagegen kann man 
der Stelle nicht die Ausdehnung geben, als ob eine solche Ehe 
auch nicht durch den bürgerlichen Stand der Gemahlin die Eigen- 
schaft einer Missheirath erhielte. Denn sonst würde nur der ein 
zige, der überdiess aussergewöhnliche Fall unter den Gattungsbe- 
griff einer Missheirath gehören, da die Gemahlin eine Unfreie wäre. 
Sonst würde es genügt haben, diesen Fall geradezu und ans- 



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Duck Di«! GewiMfiuehe «tc. 85 

schliesslich in dem Gesetze zu bezeichnen. Hierzu kommt 9) 
dass die unmittelbare Veranlassung zur Aufnahme der stelle in 
die Walilkapitulation eine Ehe war«, welche ein Herzog von Sach- 
sen mit einem Frauen/.iraroer bürgerlichen Standes abgeschlossen 
hatte: woraus sich wenigstens so viel folgern lässt, dass die Steile 
inabesondere gegen die Ehen diese* Art gerichtet war. 3) Der 
Adel der reichsständischen und der ihnen gleich zu achtenden Fa- 
milien und der ritterschnftliohe Adel find denn doch eines und des- 
selben Ursprungs ; sie haben beide dieselbe geschichtliche Grund- 
lage. Denn der eine und der andere Adel entstand so, dass zu« 
erst die Besitzer der grösseren und dann die der vergleichunga- 
weise kleineren Grundherrsoliaften zu den Vorrechten oines per- 
sönlich-erblichen Adels gelangten. Aus dem Standpunkte der 
Geschichte also den einen und den andern Adel betrachtet , ist der 
letztere dem ersteren allerdings ebenbürtig, d. i. sind beide dersel 
ben Abkunft. Von dem Bürgerstande kann man nioht dasselbe 
behaupten. Endlich, 4) das Hauptabsehn ist bei der vorlie- 
genden Frage auf das Interesse regierender H&nser und auf das 
monarchischer Staaten zu richten. Warum legen die deutschen 
regierenden Häuser und überhaupt die europäischen DynastiÄi ein 
Gewicht auf standesmässige Verheirathungen ? — Weil standes- 
mässige Ehen dem Nepotismus vorbeugen ; weil sie Verbindungen 
in ihrem Gefolge haben, welche, wie die Verhältnisse in Deutsch- 
land und in Europa stehn, eben so vorteilhaft für das regierende 
Haus als für den Staat sind , über welchen das Haupt des Hauses 
gebietet ; endlich , weil sich an diese Familienverhältnisse der re- 
gierenden Häuser Meinungen, Sitten, Gewohnheiten reihen, wel- 
che für die politische Stellung der Mitglieder dieser Geschlechter 
von der grössten Wichtigkeit sind. Allerdings kann man mit die- 
sen Gründen sogar d i e Behauptung vertheidigen , dass nur Ver- 
schwägerungen unter regierenden Häusern dem monarchischen 
Principe vollkommen entsprechen. Mit verdoppeltem Gewichte aber 
treffen diese Gründe eine Ehe, welche von einem regierenden Herrn 
oder von einem Herrn aus einem regierenden Hause mit einem 
Frauenzimmer aus dem Bürgerstande eingegangen wird. 

Ueberhaupt, wenn die Deutung der ofterwäheten Stelle der 
Wahlkapitulation zweifelhaft ist, so ist sie es in so fern, als 
die Ebenbürtigkeit des ritterscbafUichen Adels, nicht aber in so 
fern, als die Ebenbürtigkeit des Bürgerstandes in Frage steht. 
Die Meinung, welche in der vorliegenden Beziehung auch dem 



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3(i 



Werk: Die Gewissensehe etc. 



Bürgeretande die Ebenbürtigkeit beilegt, zahlt nur noch wenige 
Stimmen. Aach Dieck erklärt sich gegen diese Meinung. 

Da nun, wie oben (zur Frage A) gezeigt worden ist, das, 
was nach dem deutschen Reichsstaatsrechte wegen der Misshei- 
rathen in den regierenden Häusern Rechtens war , auch in Bezie- 
hung auf den vorliegenden Fall Rechtens ist, so folgt aus der 
vorstehenden Ausführung von selbst, dass die Ehe, welche der 
Graf Wilhelm Gustav Friedrich von Bentinck mit Sara Margarethe 
Gerdes abschloss, nicht als eine standesmässige Ehe betrachtet 
werden kann, und dass mitbin den in dieser Ehe erzeugten oder 
durch diese Ehe legitimirten Söhnen auch aus diesem Grunde nicht 
das Recht zustehe , in die Herrschaft Kniphausen (samt deren Zu- 
behöre) zu succediren. 

Diese Folgerung wird sogar noch durch einen besonderen d. 
i. durch einen dem vorliegenden Falle eigentümlichen Grund un- 
terstützt. Denn es geht aus den in dieser Sache gewechselten 
Schriften hervor, dass sogar über den Stand, zu welchem Sara 
Margaretha Gerdes ihrer Abstammung nach gehörte, d. i. über die 
Frage, oh sie von Geburt frei oder aber leibeigen war, sehr 
erhebliche Zweifel obwalten. Auf die einzelnen Thatsachen, wel- 
che der Klager für die Behauptung anführt, dass Sara Margare- 
the Gerdes von Geburt eine Leibeigene war, kann zwar hier am 
so weniger eingegangen werden, da mehrere dieser Thatsachen 
von der Gegenpartei bestritten werden, und diese daher, wenn 
das Gericht die Frage de ingenuitate uxoris für entscheidend 
erachten sollte, zum Beweise auszusetzen seyn würden. Jedoch 
genügt schon das, was in den gewechselten Schriften vorkommt, 
zu der Voraussetzung, dass Sara Margarethe Gerdes von 
Geburt eine Leibeigene oder hörige Frauensperson war. 

Wenn nun auch der sittliche Werth eines Menschen nicht 
nach seiner Abstammung zu bemessen ist and wenn auch in 
den Akten Thatsachen vorkommen, welche für den Geist und das 
Herz der zweiten Gemahlin des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich 
von Bentinck auf das vorteilhafteste sprechen , so ist doch die in 
Frage stehende Ehe lediglich und allein nach dem deutschen Rechte 
und nach den bei den Deutschen herrschenden rechtlichen Meinun- 
gen zu beurtheilen. So viel aber ist gewiss und darin stimmen 
alle Schriftstsller über Missheirathen miteinander überein , dass ei- 
ner Ehe zwischen einem Freien und einer Unfreien nicht die Ei- 
genschaft einer standesmässigen Ehe zukomme , dass vielmehr die 
in einer solchen Ehe erzeugten (und mithin noch mehr die durch 



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Dieck: Die GowiMcnsebe etc 



37 



eine solche Ehe legitimirten) Kinder der ärgeren Hand folgen. Die 
Abneigung 1 der Deutschen gegen eine solche Ehe ging sogar so 
weit, dass der Mann, der eine Unfreie in der irrigen Meinung, 
dass sie eine Frcigeborne sey, geheirathet hatte, die Ehe als nich- 
tig anfechten konnte, und dass sich die Kirche genöthiget sah, 
diesen Grundsatz anzuerkennen. *) 

Uebrigens , anch angenommen , dass die unfreie Abstammung 
der Sara Margarethe Gerdes nibht vollständig erwiesen werden 
könnte, so liegt doch schon in dem Zweifel, welcher wegen des 
Geburtsstandes der Sara Margarethe Gerdes erhoben worden ist, 
und in den Thatsachen, welche diesen Zweifel schon jetzt bestär- 
ken, noch immer ein besonderer Grund zur Entkräftung der An- 
sprüche, welche der Beklagte auf die Succession in die Herrschaft 
Kniphausen macht. In Fallen der vorliegenden Art hat auch das 
Crtheil der öffentlichen Meinung ein Gewioht. Je tiefer in einem 
Falle dieser Art die Gemahlin ihrem Stande nach unter dem Ge- 
mahle steht, desto mehr steigt das Gewicht der Gründe, welche 
gegen unstandesmässige Ehen in regierenden Häusern überhaupt 
sprechen. # 



Die Ausführlichkeit, mit welcher ich in diesen Blättern den 
Gräflich von Bentinck'scben SuccessionsfaU beurtheilt habe, hoffe 
ich damit entschuldigen zu können , dass in diesen Fall so manche 
staatsrechtliche Fragen einschlagen, welche ein allgemeines In- 
teresse haben. 

Zachariä. 



Rons von Reinhard, Bürgermeister des eidgenössischen Stande* Zürch 
und Landamman der Schweiz JVacÄ Reinhard'* nachgelassenen Denk- 
schriften, Tagebüchern und Briefwechsel hearheitet von Conrad v. Mu- 
ralt, Alt- Bürgermeister des Cantons Zürch. Zürch, bei Orcll, Füssli 
und Comp. 1839. Text S, 1—448. Beilagen S. 448-51*0. 

Ref. glaubt den Lesern der Jahrbücher einen Dienst za thun, 
wenn er einen Theil dieses corpulenten und schlecht geschriebe- 
nen Buchs durchgeht und nachweiset, wie anziehend die darin 
enthaltenen urkundlichen Nachrichten, trotz der abschreckenden 



•) c. 2. und 4. X. de conjugio «eivorum. (Diese Gceetzc enthalten of- 
fenbar ein vcatigiuoi juris GcrmanicL) 



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38 Hain von Reinhard, nach detlen Denkschriften etc., von Muralt. 

Form für jeden denkenden Leser sind. Ref. hat mit dem Zürcher 
Bürgermeister und Landamman, der übrigens ein vortrefflicher Ge- 
schäftsmann und ein nützlicher Bürger gewesen seyn mag, nichts 
zu schaffen, denn dergleichen findet man überall, er halt sich blos 
hei den Punkten auf, wo der Zürcher Bürgermeister mit den grös- 
seren Verhältnissen in Berührung kommt. Dass das Buch viel 
besser seyn würde, wenn es um die Hälfte dünner wäre, wird 
jeder auf den ersten Blick sehen; es enthalt aber eben darum, 
weil es breit ist, eine Menge urkundlicher Nachrichten, die ein 
anderer Biograph ans nicht mitgetheilt hätte. Eine Biographie im 
eigentlichen »Sinne, oder eine Darstellung eines ganzen Lebens und 
seiner Verhaltnisse mit steter Beziehung auf den höchsten Zweck 
und das höchste Ziel menschlicher Bestrebungen, so weit das 
Höchste und Beste auf Erden erreichbar ist, wird man in dem 
Buche nicht suchen. Das hat Herr von Muralt auch wahrschein- 
lich vorausgesetzt. Er hat mit. Recht geglaubt, dass man von ei- 
nem praktischen Manne, wie er ist, nur Tüchtigkeit und Frömmig- 
keit, aber keine grossen schriftstellerischen Talente erwarten und 
fordern werde, sonst hätte er gewiss nicht den Leser gleich in den 
ersten Worten der Vorrede durch einen völlig undeutschen Styl 
und eine furchtbar schweizerisch construirte Periode erschreckt. 
Er beginnt nämlich mit folgenden holperigen Worten: Der 
schweizerische Staatsmann, dessen Leben und Wir- 
ken durch das nachstehende Werk zu schildern ver- 
sucht werben soll (das ist gar nicht deutsch), hat in den 
ereigniss voll sten Jahren und bis zum hoch ange- 
stiegenen (??) Alter eine der ehrenvollsten 8t eilen 
unter den vaterländischen Magistraten behauptet. 
Ref. vermuthet aus der Art, wie hier das Wort Magistrate in 
der Mehrzahl gebraucht wird, dass Herr von Muralt besser fran- 
zösisch schreibt als deutsch. 

Uebrigens kann Ref. durch diese flüchtige Bemerkung über 
Sprache und Styl keineswegs den Herrn von Muralt tadeln wol- 
en, er will blos gleich von vorn andeuten, was man in dem Buche 
nicht suchen, und was man vom Verf. desselben nicht fordern 
darf; Hr. von Muralt hat sich nämlich selbst schon 8. MI. mit 
einem Mangel an Uebung in dergleichen Arbeiten entschuldigt. 
Ein eigentlicher Reqensent, was der Verf. dieser Anzeige nicht 
ist, weil er sich immer auf blosses Referiren beschränkt, würde 
die Entschuldigung nur dann gelten lassen, wenn, wie es fast 



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Hans von Reinhard, nach dcwcn Denkschriften etc., von Muralt. 39 

seheint, das Publicum nur durch ihn zur Kenntniss der von ihm 
benutzten Aktenstücke gelangen konnte. 

Die drei ersten Abschnitte übergeht Ref., weil sie nichts ent- 
halten , als die Geschichte der Lehre und Dressur, welche die 
aristokratische Welt der Ministerien, Kanzleien und Gesandtschaf- 
ten in Püttef s, Heyne's und anderer Schulen, in der Genfer Gesell- 
schafÄind in den Gesellschaften des steifen oder conventionelieo 
Tons zu erhalten pflegt. Die Zeit des Schlendrian« und der blos- 
sen und leeren Formen war bekanntlich um 179Ä. vorbei, es be- 
gann auch in der Schweiz zu dammern und die schlummernden 
Aristokraten, besonders in Bern, Basel und Zürcb, hätten erwa- 
chen sollen; aber sie erwachen bekanntlich nicht eher, als bis der 
Boden unter ihnen einstürtzt. Mit dem Jahr 1795. wird daher 
diese Biographie schon darum interessanter, weil anch Reinhard 
nicht wahrnimmt, dass der Boden einstürtzen will. Den Zürcher 
Schlendrian jener Zeit hat Hr. von Muralt im dritten Abschnitt 
8. 13 ff. um so vortrefflicher dargestellt, je weniger er ahndet, wie 
ganz passend dieser leblose, kalte oder, wenn man will, lederne 
Vortrag für die darin erzahlte Geschichte und Hinrichtung der 
Dinge ist. Man wird daj>ei bemerken, dass das, was von Rein- 
hardts Thätigkeit während der Genfer Unruhen im Anfange des 
achten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts berichtet wird, sehr 
wichtig für Reinhards spatere, umfassendere Wirksamkeit war. 
Anschaulich hat Hr. von Muralt dieses freilich nicht gemacht; er 
erzählt, wie man dergleichen gewöhnlich zn erzählen pflegt, als 
wenn Umgang, Salon, diplomatische Conferenz und Kanzlei den 
Mann mache; da doch mebrentheils gerade der umgekehrte Fall 
Statt findet. 

Im Jahre 1795. treffen wir endlich den Herrn von Reinhard, 
nachdem er dem bestehenden Schlendrian und Mechanismus Ge- 
nüge gethan, im aristokratischen Zürcb die Routine erworben 
und die Laufbahn eines patrizischen Sprösslings gemacht hat, 
als ersten Staatsschreiber seiner Republik. Dem Biographen 
nnd vielleicht auch seinem von Fütter und in steifen Gesellschaf- 
ten gebildeten Helden, war es ein grosser Kummer, dass die neu- 
en Republicaner Frankreichs von Kanzlei, Etikette und galanten 
Ton nichts hören wollten, sondern derb und mitunter grob wurm. 
Das wurden wir ihm gern verzeihen, weil es allerdings unange- 
nehm berührt, nur sollte ihm nicht so sehr alles Alte gut, alles 
Nene schlecht seyn, dass er uns auch nicht einmal ahnden lässt, 
dass ein wirkliches Bedürfniss der Zeit und der Civilisation die 



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40 Hans tod Reinhard, nach dessen Denkschriften etc., von Muralt. 



Schweizerrevolutionen hervorrief. Er wie die Leute in Petersburg", 
Berlin, Hannover und München glaubt, dass Sansculotten und Hitz- 
köpfe ganz allein das Hebel gestiftet haben. Sie bedenken nicht, 
dass sich jetzt alle Schweizer, die Altgläubigen in Zürch, Luzern, Bern 
und Basel etwa ausgenommen, über die woblthätige und heilbrin- 
gende Krankheit jener Zeit freuen. Herr von Muralt und sein 
Reinhard haben sich wohl nie gerragt, was denn eigentlich die 
frevelnden Sansculotte« so mächtig gemacht hatte? Wir würden 
antworten, dieselbe Verblendung, welche jetzt überall Rückschritte 
veranlasst. Man verstockt sich, man verlacht guten Rath, und 
wenn man durch unerwartete Dinge geschreckt, endlich einlenkt, 
dann ist es zu spät, weil dann schon jede Mässigung Verbrechen 
geworden ist. 

Gerade zur Zeit der Auflösung jener unnatürlichen Einrich- 
tung, nach der ein Theil der Schweizer Unterthanen des andern 
Theils war und Provinzen wie Thurgau, Aargau, Waad sich muss- 
ten gefallen lasseo, dass ihre Bürger als Kinder unter Vormund- 
schaft standen (so vortrefflich diese oft im Ganzen seyn mochte), 
war Reinhard Landvogt in Baden. Wir hatten daher aus seinen 
Papieren interessante Aufschlüsse über die Bewegungen vor und 
nach dem ersten Einrücken der Franzosen erwartet; Hr. von Mu- 
ralt schlüpft aber darüber diplomatisch hinaus. Wir werden ganz 
plötzlich, ohne zu wissen, wie oder wodurch, in ein ganz neues 
Zürch versetzt Diese ganze Geschichte wird im Anfange des 
fünften Abschnitts S. 33. in vierzehn Zeilen abgethan, in denen 
es am Schlüsse heisat: 

„Die ökonomischen und politischen Angelegenheiten der Stadt 
(Zürch) wurden durch eine, von den Bürgern gewählte proviso- 
sorische Municipalität verwaltet, und Reinhard zum Mitgliede der- 
selben bezeichnet (den 86. April i708.). Im Folgenden wird mit 
grosser Klugheit die innere Geschichte vermieden; dagegen aber 
aus Reinhards Papieren neue, höchst interessante Andeutungen 
über das damalige System der Franzosen, und über Menseben, 
wie Rapinat, Mingaud, Schauenburg, Rouvere, Le Carlier gege- 
ben. Diese Menschen mussten freilich damals die Freiheit ver- 
hasst machen, wie Jesuiten, Mönche, Pfaffen, Despoten uud Pie- 
tisten, die sieh der Religion als Werkzeug bedienen, jetzt diese 
herabwürdigen. Ueber die Erpressungen jener Zeit und über das 
Benehmen der Generale und Commissare sind hier viele Winke 
gegeben ; eine bestimmte Angabe über den thörichter Weise von 
den Oltgarchen in Zürch gesammelten Schatz findet man nicht. 



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Hans ron Reinhard, nach dessen Denkschriften etc., von Muralt. 41 



Dass der Schatz weggeführt wurde, wie die Vorr&the des Zeug- 
hauses, dass wenig in die französische Staatskasse kam und sehr 
viel an Generale, Commissare und Handlanger, wird hier, wie in 
andern Nachrichten, ziemlich ausführlich berichtet. In der Aus- 
führlichkeit und Genauigkeit der folgenden Berichte, in dem wah- 
rea Herzensdrang über so viel Geld, welches erpresst wurde ? 
in dem Vergessen alles Andern in der Mitte solcher Geldnoth, 
wird jedermann den ächten Schweizer, den acht praktischen Zür- 
cher Staatsmann nicht verkennen. Herr Muralt gehört zu denen, 
welchen zwar dogmatisch das wahre und iichte Glaubensbekenntniss 
am Herzen liegt ; aber doch, wie sichs gebührt, erst post nummos* 
Interessant sind indessen diese Angaben und die zunächst damit 
zusammenhängende Raisonnements um so mehr, je weniger Dekla- 
mation darin ist, je mehr Individualität; Alles ist daher für die 
allgemeine Geschichte jener Zeit sehr wichtig. 

Der sechste Abschnitt des Buchs beschäftigt sich mit der 
Thätigkeit Reinhardt, oder, was einerlei ist, mit der Lage und 
den Verhältnissen der Stadt Zürch in den ersten Zeiten Bonapar- 
te>, in den Jahren 1799 bis 1802. Den eigentlichen Zusammen- 
hang der Unterhandlungen mit Bonaparte über die Verfassung der 
Schweiz erfahrt man hier freilich nicht. Sowohl Reinhard als Hr. 
von Muralt haben zu viel von jener zähen kaufmännisch-juristi- 
schen Klugheit der Rathsherrn der Handelsstädte, als dass sie uns 
sagen sollten, wie ihre Freunde und patrizischen Genossen aus 
allen Cantonen auf der einen Seite mit Taleyrand und Bonaparte's 
neuer Renegaten-Aristokratie, auf der andern mit England und 
Oesterreich zusammenhingen; doch erfahren wir Einiges. Darun- 
ter rechnen wir S. 64 — 65. den Wink, warum der biegsamere 
kaufmännisch-juristische Zürcher Bürgermeister dem unbiegsamen 
Repräsentanten des halsstarrigen Bergvolks substituirt ward. 

Herr Muralt hätte übrigens aus Reinhardt Papieren vortreff- 
lich zeigen können, wie italienisch-schlau Bonaparte das Bedürf- 
nis^ seiner Mediation herbeiführte. Es war im Mai 1802. eine 
neue, den Anhängern des Alten tödtlich verhasste Regierung der 
Schweiz bestellt, sie würde sich aber behauptet haben, wenn sie 
die franz. Truppen noch einige Zeit behalten hätte; Bonaparte 
brachte sie dahin, diese freiwillig fortzuschicken. Er wusste, wie 
wichtig dem Schweizer das Geld ist, er bot an, die Truppen da 
zu lassen oder zurückzuziehen, die Regierung, um zu sparen, biss 
in die Angel; sie liess die Truppen abziehen. Nach dem Abzüge 
der Truppen sab sich die Regierung bald genöthigt, sich in Bo- 



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42 Hau» von Reinhard, nach d»a«en Denkschriften etc., von Muralt 

naparte's Arme zu werfen und ihm das Recht zu geben, eine Ver- 
fassung vorzuschreiben, mit welcher ein Protectorat verbunden 
war. Den ersten Act des Dramas, welches Taleyraud und Bona- 
parte in der Schweiz im Jahre 1802. aufführen liessen, enthält 
der siebente Abschnitt R. 59 ff. 

Der Abschnitt beginnt, wie sich das gebührte, mit dem Auf- 
stände der jede Aenderung verschmähenden religiös- und politisch- 
fanatischen, keineswegs aber patriarchalisch reinen Urcantone. Hr. 
Reinhard und sein Biograph billigen den Unverstand der Unver- 
änderlichen und brauchen dabei, wie man unten sehen wird, das 
gewöhnliche Argument aller Verstockten — Glück der alten Zeit, 
Frevel, welche die Freiheit und Neuerung herbeiführt Das Wort 
Glück ist aber relativ, die neue Zeit, Ci vilisation, Bedürf- 
iiisse, Luxus sind aber mit dem alten Glück unverträglich, au- 
genblickliche Uebel sind mit jeder Neuerung uothwendig verbun- 
den. Frevel hängen oft gar nicht, oft Mos zufallig mit Neuerung 
zusammen, soll man darum, wie jetzt allgemein in Deutschland 
gepredigt wird, ewig beim Alten bleiben und wo nur immer mög- 
lich zum Alten zurückgehen? Diese Bemerknng bezieht sich auf 
den folgenden Satz, in welchem Herr Muralt oder Reinhard, von 
den von fanatischen Pfaffen und einigen jesuitisch-schlauen Adeligen 
geleiteten, ganz unwissenden Bergbauern sagt: sie constituir- 
ten sich unter jenen alten Formen, denen sie ihr 
f unfhundertjähriges Glück verdankten, während die 
letzten vier Jahre der Dauer des Einheits-Systems 
ihnen alle Uebel und alle Schrecken des Kriegs ge- 
bracht hatten. Diesen Grundsätzen huldigend, rousste noth- 
wendig Reinhard und auch sein Biograph den Bürgerkrieg, wel- 
cher sich erhob, billigen; es scheint uns aber, als hätten sowohl 
Muralfs Zürcher, welche aus andern Schriften alles Erzählte hin- 
reichend und besser wissen, als es hier gesagt wird, als deutsche 
.Leser die ganz ins Kleinste eingehende Beschreibung des Kampfs 
der Zürcher mit den helvetischen Truppen unter Andermat At- 
behren können. Mit der ganzen langen Kriegsgeschichte bis 
zum Augenblick von Bonaparte's Einschreiten hatte Reinhard we- 
nig oder gar nichts zu thun, er kann nicht einmal als Zeuge der 
hier mehr aufgezählten als zusammenhängend und genau geord- 
neten Insurrections-fireignisse angesehen werden. Auch über die 
Schritte der helvetischen Regierung und der, von den im Aufstan- 
de begriffenen Freunden des Alten berufenen, Tagsatzung findet 
man hier keine neuen oder wichtigen Aufschlüsse. Leber diesen 



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• » 

Hau« von Reinhard, nach deuen Den* »eh ritten etc., von Muralt . 45 

Sturm in einem Wasserglase ist so viel geschrieben and geredet 
worden, dass unmöglich etwas Neues kann gesagt werden, und 
wie unbedeutend sind auch genauer betrachtet alle handelnden 
Personen!! Der achte Abschnitt handelt von den Umstünden, 
welche Reinhardts Wahl zum Mitgliede der nach Paris berufenen 
schweizerischen Consulta herbeirührten und begleiteten. Mit die- 
sem Abschnitte beginnt der wichtigere Theil der in dem Buche 
gegebenen Aufschlüsse über die Geschichte jener Zeit. Der neunte 
Abschnitt handelt von den Einleitungen zum Vermittelungswerk 
von 180$ — 1803., oder von Reinhards Anwesenheit in Paris. Mit 
diesem und dem nächstfolgenden Abschnitt muss man nothwendig 
vergleichen, was Thibaudeau mit grosser Ausführlichkeit über die 
sogenannte Schweizer Consulta in seinen Memoires sur le consu- 
lat gesagt hat. Ref. verweiset lieber auf das ültere Buoh, ob- 
gleich Thibaudeau in den Händen seiner histoire de la France et 
de Napoleon, welche das Consulat begreifen, ausführlicher ist 
Man merkt an dieser ganzen Histoire zu sehr das Alter des Ver- 
fassers und die auf Bestellung des Buchhändlers gemachte Fabrik- 
arbelt. Wie gut Taleyrand und die andern Franzosen, die Bo- 
napartc gebrauchte, um Leute, wie Reinhard war, zu bearbeiten, 
und das, was er wollte, vorzubereiten, ihre Sache anfingen, wie 
fein sie waren, auf welche Art ganz verschiedene Persönlichkei- 
ten dabei vom ersten Consul benutzt wurden, wie vortrefflich man 
den eigentlichen Zweck der Franzosen den Augen zu entziehen 
verstand, findet man in diesem Abschnitt ausführlich entwickelt. 
Dabei geht aus Allem hervor, dass weder Reinhard noch sein Bio- 
graph ahnden, dass man mit ihnen spiele und dass die Liebens- 
würdigkeit, die hier gerühmt wird, zu den Mitteln gehörte, deren 
man sich bediente, um Herrschaft unter dem Titel Protectorat 
zu verstecken. Auch hier wird, wie das Sitte ist, des ersten Con- 
8uls aus vielen Berichten, und Instructionen von einem so tüchti- 
gen und gebildeten Manne gar leicht für den Augenblick gesam- 
melte Kenntniss der Schweizer Angelegenheiten, die sich in der 
auch hier treu wiedergegebenen Rede Bonapnrte's zeigt, bis /.um 
Himmel erhoben, da wir doch hernach erfahren werden, dass er 
spater noch Thurgau und St. Gallen verwechselt, und nicht weiss, 
dass ein Frauenfeld in der Welt ist. Die Rede des Consuls ist 
darum nicht weniger genial und geistreich, obgleich Alles mit 
Stapfer vorher ausgemacht war. Der recht gut instrnirte Consnl 
sagt beiden Partheien derbe Wahrheit, die Schweizer sind bestürzt, 
ihr Stapfer stellt sich bestürzt; aber er weiss es doch gleich da- 



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44 Hans von Reinhard, nach dcawn Denkschrif ten etc., von Muralt. 

hin zu bringen, dass die Deputation hernach nnr aus Personen 
bestehe, die von dem, was Bonaparte Ideologie oder Jacobinismus 
zu nennen pflegte, am weitesten entfernt waren. Den sehr gut 
aufgefassten und wiedergegehenen Inhalt der Rede Bonaparte's an 
die Schweizer Deputirten, die auch sonst bekannt ist, findet man 
hier Seite 105 f. Bonaparte sprach über eine halbe Stunde lang 
mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit und Schnelligkeit, mitunter in 
abgerissenen Sätzen. Was hier gedruckt ist, ward gleich nach 
der Audienz von Reinhard aufgeschrieben, von den andern Depu- 
tirten durchgesehen und verbessert, sodass auf eine gewisse Zuver- 
lässigkeit dessen, was mancher findet, zu rechnen ist. Reinhard macht 
dabei als Anwesender die Bemerkung S. Iii.: ..Der Ton Boua- 
parte's, der Ausdruck seines Gesichts, sein Minen j i« I waren nichts 
weniger ala düster und unfreundlich. Im Gegentheil war ur hei- 
ter, seine Sprache schien von Herzen zu fliessen und trug voll- 
kommen das Gepräge selbsteigner tiefer Ueberzeugung." 

Der zehnte Abschnitt S. 115 f. enthalt die Fortsetzung der 
Geschichte der Mediation und besonders den Bericht über die Be- 
rathschlagungen wegen der Cantonalorganisationen, wo unstreitig 
ein Mann wie Reinhard für Zürch an der rechten Stelle war, und 
als Repräsentant der der Aristokratie günstigen Parthei seiner 
Klugheit und Mässigung wegen sehr nützlich werden konnte und 
auch wirklich ward. Sein Lebensbeschreiber hat durch den 
ganzen Abschnitt, besonders aber dort, wo er die Scene zwischen 
Reinhard und Röderer schildert, mit Vorliebe hervorgehoben, dass 
Reinhard ein recht geschickter Vertheidiger des Alten gegen das 
Neue war. Solche Leute, wenn sie übrigens geschickt und gegen 
das, worauf es ihm ankam, nicht zu halstarrig waren, konnte Bo- 
naparte gerade am besten gebrauchen. Der eilfte Abschnitt führt 
die Geschichte der Berathschlagungen mit dem ersten Consul, bei 
denen bekanntlich dieser mehr als bei irgend einer andern Gele- 
genheit den Umfang seiner Kenntnisse, die Grösse und Ueberle- 
genheit seines Geistes, seinen Beruf zum Regieren und Ordnen 
der Dinge bewährte, weiter fort. Man weiss nicht, was man mehr 
bewundern soll, das Talent sich der Menschen zu beinächti- 
gen, sich gross, überlegen, und zugleich bezaubernd zu zei- 
gen, oder sein Eingehen ins Kleinste wie ins Grösste. Wie 
vortrefflich er verstand, selbst in den Augenblihken, wenn er de- 
latorisch und nur seinen Nutzen berücksichtigend, entscheiden 
wollte, den Schein anzunehmen, als wenn mit Vorstellungen noch 
etwas anszurichtnn sey und wie er dann gerade durch freundliche 



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Hang Ton Reinhard, nach dessen Denkschriften etc., TOD Muralt 45 

Milde and Herablassung: die Stimmen zu gewinnen sachte, sieht 
man hier Seite 129. aus Reinhardt Worteu. Dieser sagt bei Ge- 
legenheit der bekannten langen Conferenz der Schweizer bei and 
mit dem ersten Consal. „Der Consul, heisst es, hörte alle bis 
zu Ende, nicht nur mit der grössten Bereitwilligkeit und mit der 
ausharrendsten Geduld an, sondern beantwortete auch mit dem 
freundlichsten, wohlwollendsten und einnehmendsten Tone die mehr- 
sten der geflossenen Aeusserungen. u Unmittelbar hernach folgt 
eine Stelle, woraus hervorgeht, wie wenig Reinhard die Manier 
Ilonaparte's verstand. Dieser liess nämlich, sowohl iu den Be- 
ratschlagungen im Staatsrath über französische Gesetze uud Ver- 
fassungen, als hier in den ßerathungen mit den Schweizern, den 
Leuten, mi| deuen er zu thun hatte, die Freude, der Lange und 
der Breite^nacu vorerst Alles zu berathen uud festzusetzen, wor- 
auf es zunächst nicht ankam; er sicherte sich durch dilatorischen 
Ausspruch die Mittel, Alles umzublasen, was sie festgesetzt hat- 
ten, wenn es ihm nicht mehr diente. Sein Instiuct, sein scharfer 
Blick, seine Herrschsucht liess ihn überall, selbst in Civilgesetzen 
das ausfinden, was ihm hinderlich seyn köune, dieses vernichtete er 
dilatorisch, das Andere dauerte so lange es ihm gefiel. Dies lehrt 
die Constitntions- und Legislations - Geschichte von Frankreich, 
dies wird sich unten auch aus diesem Leben Reinhard's in Bezie- 
hung auf die Schweiz nachweisen lassen. 

Die Stelle, auf welche sich der Ref. hier bezieht, folgt un- 
mittelbar auf die oben angeführte*, von der anhörenden Geduld. 
Sie lautet: „Ungeachtet er gern Belehrung annahm, war an den 
von ihm festgesetzten llauptpuncten wenig Abänderung 
erhältlich (so drückt sich Hr. Muralt schweizerisch oder kanzlei- 
mässig aus), wohl hingegen in Bezug auf andere Punc- 
te. Wären die schweizerischen Ausschüsse unter sich einig ge- 
wesen, so hätte noch viel Zweckmässiges und Vortheilhaftes zu 
Stande gebracht werden können. Der Bericht über die sieben- 
stündige Unterhaltung über die neuen Verfassungen, der in die- 
sem Abschnitt gegeben wird, enthält für jemand, der sich mit Po- 
litik und Staatswissenschaften beschäftigt, die nützlichsten Beleh- 
rungen und Winke; unmittelbare Bedeutung oder historische Wich- 
tigkeit hat Alles das, was hier vorkommt, nur für einen Schwei- 
zer. Bei der Gelegenheit will Ref. ein Beispiel anführen, wie 
unverständlich die ächt schweizerische Sprache gerade dann wird, 
wenn sich der Schweizer hochdeutsch auszusprechen sucht. Herr 
Muralt sagt S. 136.; Reinhard that einen Anwurf am Rück- 



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46 Hanl von Reinhard, nach dessen Denkschriften etc., von Mnralt. 

v 

gäbe der abgeführten Waffen (d. h. er brachte die Rückgabe der 
Waffen in Anregung) etc. Dieselbe Materie, d. h. die Verhand- 
lungen in Paris über Verfassung der Schweiz macht den Inhalt 
des folgenden zwölften Abschnittes aus; erst im dreizehnten folgt 
die Uehergabe der sogenannten Vermittlungsurkunde, oder, wie 
sich Herr Muralt in der Ueberschrift ausdrückt, des Vermittelungs- 
werks, und Reinhard s Rückkehr nach Zürch. 

Der vierzehnte Abschnitt enthält die Jahre 1803 — 1806., er 
scheint uns. aber nur für die innere Geschichte eines politisch, 
damals ganz unbedeutenden Landes, und für, den Zustand des 
Cantons Zürch, der nicht bedeutender ist, als irgend eine der 
deutschen freien Städte, einiges Interesse zu haben. Wie die Her- 
ren Schweizer von Muralfs Parthei über ihr Vcrhältniss zu Frank- 
reich in jener Zeft urtheilen, werden vielleicht manche Leser der 
Jahrbücher gern vernehmen, ein Urtheil über diese Herren und 
über ihre Ansieht vom Leben und von Freiheit (in Zürch und Ba- 
sel verbindet man bekanntlich immer Handel und Wandel, wie 
in der gewöhnlicken Redensart) wird man keine Belehrung er- 
warten, das würde Ref. zu weit führen. Herr Muralt hat nämlich 
8. 162. von den verschiedenen Verträgen mit Frankreich gehan- 
delt; er schliesst kaltblütig, diplomatisch und practisch mit fol- 
gendem Satze: 

„Auch eine Militär-Capitulation für Errichtung von vier Regi- 
mentern, jedes zu dreitausend Mann, die zwar erst drei Jahr spä- 
ter in Wirksamkeit trat, wurft? auf Grundlage freier Werbung 
abgeschlossen. Zwar mögen alle diese Verträge Spuren 
der Uebermacht des einen Contrahenten an sich, tra- 
gen, doch begründeten sie neben der Vermittlung selbst, und 
während der zehnjährigen Riesenmacht des Kaiserreichs, in wel- 
cher so viele Staaten auf immer verschwanden, (es war damals 
nicht Bonapartes Interesse, dass die Schweiz verschwinde, später 
hätten alle Tractate nichts gefruchtet) , die wirkliche Schutewehr 
(! !) der Schweiz, und waren wohl auch die Hauptursache ihrer politi- 
schen Erhaltung." — Die folgenden Berichte und l'rtheilcüber die 
wichtigen Begebenheiten jener Zeit, über das Kaiserthum und über 
Reinhardts Anwesenheit in Paris gleiten immer obenhin und sind 
mit jener Art juristischer Vorsicht gegeben, die freilich niemanden 
beleidigt, aber auch zugleich niemanden belehrt. Die Abschnitte 
vierzehn, fünfzehn, sechszehn, welche sich oft mit der allgemei- 
nen Geschichte von Europa in der Zeit von 1806—1809. bescbäfk 
tigen, sind daher grösstenteils ganz leer, obgleich Reinhard 1807. 



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Haiit f on Rcinhardjaash dessen Dcnkschriftcn£etc., von Murale 41 

Lamlamman der ganzen Schweiz war; doch kommen mitunter ei- 
nige Seiten vor, die auch für die allgemeine Geschichte von Eu- 
ropa wichtig, -oder für den Forscherfderselben anziehend sind. Da- 
hin rechnet Ref. besonders Seite 1 70 — 178. die Zusammenkunft 
Reinhard s als Gesandten der Schweiz mit Napoleon in llegens- 
burg. im April 1809. Ref. will nur den Anfang der ganz nach 
Napoleon'» bekannter Manier geführten Unterhaltung hieher set- 
zen, man wird sehen, dass Reinhard das Gesagte vortrefflich auf- 
gefaßt *nd auch wiedergegeben hat. Man findet in den wenigen 
Worten den ganzen Charakter des Kaisers, und es spricht sich 
jene, die in allen Augenblicken, wo er nicht auf seiner lluth 
war, und nicht vorher ausstudirt hatte, was er sagen wollte, zei- 
gende Unvorsichtigkeit heftiger und übereilter Aeusserung deut- 
lieh aus. Ref. will die ganze Stelle einrücken. Oer Kaiser be- 
ginnt, ohne Reinhard zu Worte kommen zu lassen, Seite 171.: 
,,Ich sehe in diesem Augenblick nichts, was euch beunruhigen 
könnte. Ich verlange nichts von der Schweiz. — Was sollte ich 
auch von Euch fordern? Ktwa durch die Schweiz nach Deuteeh- 
land vordringen? Die Strassen durch das mit mir verbündete 
Rayern stehen mir otfen. Nach Italien? Dafür habe ieh ja den 
Simplon, das Wallis gehört nicht mehr der Schweiz an. Ich bin 
mit der Schweiz und mit der Tagsatzung zufrieden. Würde ich 
geschlagen werden, so war© ich darum noch nicht überwunden. 
Was sind hunderttausend Mann für Frankreich? Ja, dann, dann 
würde ich durch die Schweiz ziehen, ich verhehle es nicht ; müsste 
ich selbst dafür irgend einen Vorwand, wäre es auch derjenige 
irgend einer Schmähschrift gebrauchen. Jetzt sind die Oesterrei- 
cher geschlagen, alle ihre Kriegsfuhrwerke umzingelt; der Erz- 
herzog nach Böhmen zurückgeworfen. Ich erachte, es scy mit 
dieser Monarohie zu Ende. Zweimal habe ich sie verschont, nun 
soll sie Europa keinen Schaden mehr zufügen." 

„Ich werde die drei Kronen von Oesterreich, von Böhmen und 
von Ungarn von einander trennen. Oesterreich hat gewagt, mich 
zu überrumpeln, weil sich meine Hnnptarmee in Spanien befindet. 
Hierin liegt die » einzige Ursache des Krieges. Haben Sie die 

Österreichischen Erklärungen gelesen?" 

In derselben vagen nnd divagirenden , Grosses und Kleines, 
W r ürdiges und Unwürdiges durcheinander mengenden Manier geht 
die Unterhaltung noch ein paar Seitan lang fort Sonderbar ist 
in dieser Unterhaltung, dass der Zürcher Bürgermeister das arme 
Deutschland s« tief gesunken glaubt, dass auch er mit einem Ver- 



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48 Hans von Reinhard, nach denien Denkschriften etc., von Muralt. 

grösserungsplänchen hervorkommt, und Seite 173. kaufmännisch 
probirt, ob sich nicht Constanz erhandeln lasse. Vor österreichi- 
schem Raube, der angeboten wurde, bedankte er »sich klüglich, 
weil er glaubte, der Löwe, von dessen Fell* er ein Stück haben 
soll, sey "noch nicht todt und habe Klauen, das arme badische 
Land habe aber keine. Aufgefallen ist dem Ref. , dass Napoleon 
Fragen über Geographie der Schweiz thut, die ein Kind nicht thun 
würde. So fragt er, ob St. Gallen die Hauptstadt des Cantons Thurgau 
sey. In der Abendaudienz spricht er hernach deutlicher als vor- 
her aus, was die Schweiz von ihm, dem Protector, zu erwarten 
hat. Erst sagt er ganz dürr: Mir gegenüber ist eure Neu- 
tralität ein Wort ohne Sinn; sie kann euch nur so 
lange, als ich will, dienen. Dann bietet er die Vereini- 
gung des damals im vollen Aufstande befindlichen Tyrols an, end- 
lich deutet er gar auf eine Vereinigung, oder wie er sich aus- 
drückt, Wiedervereinigung der Schweiz mit Deutschland hin. 
Was das Letztere bedeuten sollte, war gar zu klar, Reinhard 
sucht daher diesen drohenden Sturm zu beschwören. 

Im siebenzehnten Abschnitt erzählt der vormals in Paris über 
Billigkeit, Milde, und aus den Rapports der geschicktesten Leute 
aller Art momentan einstudirte Vielseitigkeit und Geschäftskennt- 
niss entzückte und ausser sich versetzte gute Zürcher Bürger- 
meister, auf welche Weise der im Jahre 1809. wegen der Ver- 
haltnisse zu Oesterreich und der Niederlande jenseits der Donau, 
vielleicht auch wegen Bayern, abgewendete Sturm schon im Jahr 
1810. der Schweiz aufs Neue drohte. Hier wird deutlich, dass 
dieser Staatsmann und Diplomat der alten Schule, mit etwas mehr 
historischer Kenntniss und etwas weniger Zutrauen auf die Weis- 
heit der Routiniers und Kanzleimanner, mit einem kleinen Antheil 
an dem, was die Franzosen esprit nennen, vorher gewiss über die 
Mediationsar.ru und die Wunder, welche Bonaparte dabei that, kein 
solches Geschrei erhoben hätte, als geschehen ist, denn er würde 
gesehen haben, dass in dem einen Wort Pro tectorat die Nich- 
tigkeit alles bürgermeisterlichen Schreibens und Redens liege. 



(Dtr Schlafs folgt.) 



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H» 4. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

■ 

Hans von Reinhard, nach dessen Denkschriften etc., 

von Muralt. 
(Bcichlufi.) 

In diesem Abschnitt ist gleich Anfangs von den Militär-Ca- 
pitulationen die Rede, wie diese ausgedehnt werden, wie das Frei- 
willige dabei ganz aufhört und die Vorboten einer durch die 
Schweizer Behörden, als blose Maschinen auszuführenden fran- 
zösischen Conscription erscheinen. Oleich hernach wird der Can- 
ton Tessino ohne Weiteres militärisch besetzt, nachdem vorher durch 
das grand cordon, welches d'A'ssey erhält, das freie, mit Unter- 
jochung bedrohte Land eher verhöhnt, als geehrt worden. Das 
flllt freilich bei dieser Gelegenheit weder dem guten Reinhard, 
noch seinem Biographen ein. 

Im Folgenden erkennt man recht deutlich einen Zürcher und 
einen Mann, dem das Geld sehr nahe geht. Reinhard zeigt näm- 
lich weniger Betrübniss über die Abtrennung von Wallis von der 
Schweiz und über die schmähliche Art , wie man mit dem Canton 
Tessin verfuhr, als über den Geldverlust seiner Zürcher. Die 
englischen Waaren wurden überall weggenommen, den Werth 
nahm Bonaparte in Anspruch. Auf diese Weise mnssten die schwei- 
zerischen Obrigkeiten, um ihren Staat augenblicklich zu retten, ihre 
eignen Mitbürger plündern und den Raub an ihren Protector ab- 
liefern. Das war allerdings gransam und hart und ungerecht; 
aber komisch ist es bei Allem dem, hier zu lesen, wie unter al- 
len Ungerechtigkeiten gerade die Geldsache der beiden Zür- 
cher (Reinhard und Muralt) tiefste Seele trifft! Wattenwyl, der 
Berner Aristokratie angehörig, bei welcher mehr römischer Stolz 
als Zürcher Handelsgeist war, scheint die unwürdige Art, wie der 
Canton Tessin durch Italiener besetzt wurde, mit vollem Recht 
noch tiefer empfunden zu haben, als das Verfahren gegen die 
Handelsleute, welche vorher das Unglück anderer benutzt hatten, 
um reich zu werden. Gegen die Schweizer Speculanten verfuhr 
eigentlich Bonaparte auf dieselbe Weise und nach demselben Grund- 
satze, nach welchem in unsern Tagen die Chinesen mit den eng- 
XXXII. Jahrg. 1. Heft. 4 



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30 Hans von Reinhard, nach dessen BeaUchrifUn etc., von Moralt. 

lischen Opiumhändlern verfahren sind. Auch die Chinesen haben 
die englischen Behörden gezwungen, die harten Maasregeln des 
kaiserlichen Commissars gegen ihre eignen Landsleute in Ausfüh- 
rung zu bringen. 

Den vielen Deutschen, welche mit Thiers, Thibaudeau und an- 
dern, zu denen auch die Hegelianer gehören sollen, Bonaparte, 
seine Zeit und sein Verfahren, nachdem man es um 1813—1815. 
auf eine lächerliche Weise geschmäht und geschimpft hatte, noch 
lächerlicher rühmen und preisen, oder auch die französischen Ro- 
domontaden über ihn übersetzen, empfehlen wir in diesem Leben 
Reinhards Seite 18«— 189. nachzulesen. Die Mose Lesung dieses 
Capitels wird alle Declamationen zu Schande machen. Das gilt 
freilich nicht für die Leute , deren Zahl jetzt überall sehr gross 
ist, welohe heute dieses, morgen jenes wahr machen wollen, oder 
für die Masse derer, welche hier religiöser, dort politischer Fa- 
natismus irre leitet, oder für die/welche nachschreien, was ihnen 
pomphaft vorgesagt wird. Solohe Leute können nicht belehrt 
werden, wohl aber diejenigen, welche gleich den Franzosen durch 
das Aeussere geblendet, den schaamlosen Missbrauch der Gewalt 
und die zwar von Gaunern, aber nie von Regierungen und Re- 
genten gebrauchten Wege und Mittel der Kaiserregierung über- 
sehen. Wer den Scbluss dieses Abschnitts und die dazu gehö- 
rige Beilage Nr. 13. aufmerksam liest, wird mit Ref. eingestehen, 
dass die gewaltsame Besetzung des Cantoas Tcssin durch Fran- 
zosen unter den damaligen Umständen, nicht mehr auffallen wür- 
de als manches andere; aber die Manier des Verfahrens, die 
Schurkerei, welche ohne Notb von allen den zahlreichen Leuten, 
die dabei gebraucht werden, verlangt wurde, wird jedem deutlich 
machen, dass der Mangel jedes ernsten, sittlichen Grundsatzes, 
der sich jetzt in Italien und Frankreich so schauderhaft offenbart, 
aus den glorreichen Zeiten Bonapart^s herstammt. 

Italienische Truppen besetzen ohne alle Anzeige das Land, 
erst spater deutet der französische Minister an, dass das, was ge- 
schehen ist, wohl vielleicht geschehen könne; was dann folgte, 
und wie dabei hinter einander Regenten, Minister, Generale die 
Rolle von Gaunern, die jemand durch Lügen und Betrug um das 
Seinige bringen (des escrocs) spielen mussten, wird man aus fol- 
genden Worten Reinhards oder seines Biographen sehen, die wir 
hier abschreiben wollen. Sie lauten 8. 187. : „Der Zweck dieser 
Schleichwege war leicht zu errathen. Je nach den Umstanden 
hätte der Kaiser die Maasregel desavouirt und auf den Vicekönig, 



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I 

Haas von Reinhard, nach dessen Denkschrift n 'et. . >on Muralt. 51 



dieser hinwieder auf den Minister geschoben, wie solches denn 
auch wirklich nach der Rückkehr Talleyrand's zuerst behandelt 
werden wollte. Der im Tessin befehlende General Fontaneiii ver- 
langte, dass der Zoll, selbst der Schweizern angebörigen Waa- 
ren, in seine Kassen fliesse. Der Landanman Hess zu Paris die 
eindringen ilste a Vorstellungen machen, allein, die franzö- 
sische Regierung (hat, als ob sie von der ganzen 
Sache nichts wisse, und als er sich noch einmal an den Kai- 
ser persönlich wandte, erhielt er aberm als zweideutigen Be- 
scheid. 14 Wernicht fühlt, dass in dieser Italienerei Napoleons, welche, 
soweit Ref. Erfahrung reicht, in uhsern Tagen überall Geschäft s- 
klugheit, so wie offnes und gerades Verfahren Mangel an prac- 
tiseher Erfahrung und Uebung genannt wird, seine ganze vorige 
wahre Grösse, jede Würde bewusster Ueberlegenheit (von Moral 
nicht einmal zu reden) völlig unterging und nur Bauditen-Kraft 
und Schlauheit übrig blieb ; der steht auf einem Punkte, wo jeder 
Versuch, ihn zu belehren, vergeblich seyn würde. Dass das 
Verfahren ganz schaamlos war, geht auch daraus hervor, dass 
selbst die besten Schüler und Diener Napoleons, wenn noch ei- 
nige Schaam in ihnen war, die Verantwortung der von ihnen voll- 
zogenen Maasregeln von sich auf ihn zurückschoben. Wir schlies- 
sen dies aus der Unterhaltung bei der Zusammenkunft des Vioe- 
königs mit dem schweizerischen Bevollmächtigten Maraoci S. 188. 

Maracci, heisst es, hob den völkerrechtlichen Gesichtspunkt 
der Occupation so einleuchtend heraus, dass der Vicekönig nicht 
wenig betroffen aus der Rolle fiel, und gestand, was ohnehin klar 
genug war, dass er ohne Befehle c)es Kaisers nicht handeln könne, 
und demselben genauen Gehorsam schuldig sey. Kr musste zu- 
geben, dass kaum ein Viertheil der eingezogenen englischen Waa- 
ren dem Canton Tessin angehöre, dass die drei übrigen Viertheile 
in der Mauth von Mailand niedergelegt gewesen seyeu, auch dass 
Fontaneiii durchaus nicht zu rechtfertigende Verfügungen getrof- 
fen habe; Abhülfe fand jedoch keine Statt. 

Der folgende Abschnitt enthält die Geschichte der schweize- 
rischen Gesandtschaft nach Paris, um 1811., also zu einer sehr 
kritischen Zeit Auch dieser Abschnitt ist, wenn man ihn ange^ 
brauchen versteht, sehr nützlich zur Kenntnis» der Napoleonischen 
Zeit, wenn gleich Einkleidung und Vortrag gewiss besser ausge- 
fallen waren, wenn sich Herr Reinhard und Herr Muralt der fran- 
zösischen Sprache bedient hätten. Die sehr interessante Antwort 
des damals gegen Bonapartc ziemlich gereizten Vicekönigs nimmt 



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5t Hans von Reinhard, nach detien Denkschriften etc., von Muralt. 



sich z. B. in der Uebertragung ans dem Französischen in barba- 
risches Undentsch recht sonderbar aus. Herr Reinhard berichtet 
nämlich S. 195.: „Bedentender war die Vorstellung bei dem Vi- 
cekönige von Italien, der sogleich über Handelsverhältnisse ein- 
trat ( !!), ihnen aber einen geringen Trost gew&hrte. Alles lei- 
det, sagte er und fügte dann feinlächelnd hinzu, „Man darf 
sich sogar befreuen (!!!), recht arg zu leiden, indem 
grosse Uebel nicht lange andauern (!!!). Auch in die- 
sem Abschnitt erfährt man aufs neue Winkelzüge, man lernt, wie 
sich der Duc de Bassano gebrauchen Hess, wo selbst der Doo de 
Cadore Bedenklichkeit hatte; man findet endlich vortreffliche Züge 
zur Charakteristik der traurigen Zeit, als Napoleon aufhörte gross 
zu seyn und deshalb schlau wurde. Aus der Rede S. 191 — »Ol. 
wird man sehen, wie empfindlich der Kaiser über jeden gegen ihn 
ausgesprochenen Tadel war, welche Begriffe er von Redefreiheit 
und Recht der Obrigkeiten in Republiken hatte, wie wenig er ge- 
sonnen war, selbst in fremden Staaten irgend eine Individualität 
oder persönliche Unabbängkeit zu dulden, und wie geschäftig die 
Ohrenblaser waren, ihm Alles zu hinterbringen, was solche Per- 
sonen anging, die ausser Savary s Bereich waren, und auch nicht 
unmittelbar durch Gensd'armerie konnten abgeholt werden. Wir 
wollen, um dies deutlich zu machen, den Anfang von Napoleone 
Rede hersetzen, wo er darüber poltert, dass sich der Landamman 
Sidler von Zug auf der Tagsatzung, also unter seinen Landsleu- 
ten und in ihrer legislativen Versammlung, auf eine, eines freien 
Schweizers würdige, wenn gleich nicht gerade kahzlei massige, 
oder kluge, oder diplomatische Weise, über das Verfahren im 
Canton Tessino erklärt hatte. Man wird nicht übersehen, dass 
sich aus der Polterrede des Kaisers ergibt, wie geflissentlich man 
ihm zugeflüstert hatte, dass 8idl«r nicht lange von einer deutschen 
Universität zurück sey, und wird ferner bemerken, wie diese Uni- 
versitäten und ihr sogenannter Geist, der leider nicht existirt, ein 
ähnliches Phantom des Schreckens für Bonaparte waren, als un- 
längst für Kamptz. Der erwähnte Anfang der kaiserlichen Apo- 
strophe ist 8. 199. folgender: 

Man hat sich in der Tagsatzung "mit grosser Hitze über den 
Tessin ausgesprochen. Ein junger Brausekopf, kaum erst von ei- 
ner deutschen Hochschule entlassen, bat sich gar viel erlaubt, Nie- 
manden, mich selbst nicht, verschont, und ist bis zu Drohungen 
geschritten. Ich fasse nicht .(wahrscheinlich je ne coneois pas), 
warum der Landamman und die anwesenden alten Magistrate so 



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Haut von Reinhard, nach des.en Denkschriften etc., von Muralt. SS 

etwas geduldet, demselben nicht Stillschweigen geboten haben. 
Wöget ihr anter euch immerhin eine solche Sprache fahren. Ich 
als Dritt mann werde sie nicht dulden. Man hat gedroht, Gewalt 
mit Gewalt zu vertreiben. Man werfe mir nur den Handschuh hin, 
ich werde ihn schon aufzuheben wissen etc. 

Die Rede gebt hernach oach seiner gewohnten Weise divagi- 
rend weiter, bald verrathend, dass ihm wegen Spanien und Russ- 
land doch nicht ganz wohl ist , bald drohend und prahlend. ' Bei 
Allem dem behauptet Herr von Mnralt, dass er in Reinhardts Be- 
richt von dieser Audienz und in dessen Papieren keine Andeutung 
darüber gefunden habe, dass Napoleon ihm zu verstehen gegeben, 
dass es ihm nicht unbekannt sey, dass er und die andern Aristo- 
kraten insgeheim mit Oesterreich conspirirten. Es wird nämlich 
erzählt, Napoleon habe, als er in seiner Rede von Leuten gespro- 
chen, welche sich immer mehr gegen (zu) andere Mäebte, als ge- 
gen (zu) Frankreich neigten, lächelnd sich an Reinhard wendend, 
hinzugenetzt: Entre autres vous, mon eher. Der Schluss der Rede 
war dem Anfange angemessen , und grob wie dieser. Der Kaiser 
schimpfte über die Sehweizerregimenter, verlangte, dass keine Glie- 
der der alten Familien mehr in englischen Diensten seyn, also in 
einem freien Lande auch sogar die Freiheit des einzelnen Borgern 
sein Fortkommen zn suchen, wie er wolle, aufhören solle. In dieser 
Rede waren keine Pillen, sondern Kanonenkugeln; aber die Schwei- 
zerdepuürten würgten auch diese hinunter. Die andern Deputa- 
ten kehrten, nachdem ihnen auch Bassano noch allerlei Hinterlisti- 
ges und Betrübendes, welches ihres Staats warte, orakelnd mehr 
angedeutet als verkündigt hatte, mit gesenkten Häuptern und schö- 
nen Hosen zurück. Reinhard blieb als ausserordentlicher Gesandter 
in Paris. Von dieser Gesandtschaft handelt der neunzehnte Ab- 
schnitt 

Die Ausrichtung des deroüthigenden Geschäfts, welches Rein- 
hard in Paris zu verrichten hatte, die Rolle, welche die Tagsatz- 
ung dabei spielen musste, wird hier ganz ausführlich geschildert 
Sidler'a Rede wird gedruckt, von ihm unterzeichnet dem Kaiser 
überreicht, um ihm zu beweisen, dass es so arg nicht damit ge- 
wesen sey, als ihm seine Spione berichtet hätten. Die Tagsatzung 
erlässt ein paar Gesetze nach russischer Weise, worin sie Schweizer- 
bürger als Eigentbum des Staats in Anspruch nimmt, und aus dem 
Dienste einer Macht ruft, mit welcher die Schweiz damals sonst im 
besten Vernehmen stand. Die Werbungen wurden lebhaft beför- 
dert Was dadurch bewirkt ward, wie sich bei drohendem russi- 



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51 Hans von Reinhanl, nach dessen Denkschriften etc., von Muralt. 

• 

scheu Kriege nach und Bach die Absiebten mit der Schweiz än- 
derten, wie Reinhard in Paris operirte, findet man hier ausführlich 
erzählt. Man siebt, dass Reorutirung und eine der Conscription 
ihnliche Werbung dem Kaiser am mehrsten am »erzen liegen, 
er gebt wieder zu den alten Künsten über. Jetzt köderte Bas- 
sano wieBcrthier den Schwei Hergesandten und Napoleon selbst t hat, 
Als wenn es ihm mit der Unterhandlang Ernst wäre. Reinhard bat 
indessen bestimmte Auftrage, es heisst daher hier 8. 911.: 

Reinhard beharrte auf die Redaction der vierten Bataillone und 
auch darauf, dass von keiner Massnahme die Rede seyn dürfe, 
welche die Werbung so zu sagen auf den Fuss der Conscription 
setze. Er ward darauf in Paris gleichsam nie Geissei festgehal- 
ten, von allen Seiten bearbeitet ; aber die Sachen wurden nioht ge- 
fördert. Auch die vier französischen Commissarien bei dem Ver- 
mittlungswerk mnssten ihre Künste versuchen. Wie seblau sie das 
anfingen, wie sie Reinhard durch schöne Reden über »eine Schwei- 
xer tauschten, muss man in dem Buche selbst nachlesen. Am 
Schlüsse dieses Abschnitts kommt endlieh doch auch Reinhard auf 
den Gedanken, dass die frühere Grobheit, das spätere Zügern, die 
endliche Freundlichkeit mit Diplomatie, Gesandten, Tagsatzung, Ge- 
schwätz und Unterhandeln gar nicht zusammenhänge, sondern ganz 
allein mit den Verhältnissen Napoleon s zu Russland. 

Sehr anziehend war es dem Ref. zu vernehmen, dass schon 
Im April 1811., die Creaturen des Kaisers, dass sogar sein Maret 
und Pouche* fühlten und dem Sohweizer zu sagen wagten, dass in 
Allem, was geschehe, Maas und Ziel und Grundsatz vermisst wer- 
de, dass man also auf Sicherheit und Bestand nicht rechnen könne. 
Die Stelle, worauf sich dieses begeht, steht S. 214, wo es heisst: 
Die Ursachen dieser zögernden Politik lagen jedoch weder in dem 
Benehmen der Tagsatzung, noch in demjenigen ihres Gesand- 
ten, sondern in den unermessliohen Ereignissen, welche eben um 
jene Zeit vorbereitet wnrden, worauf wohl auch die Ahschieds- 
worte Bassano's an Reinhard deuteten: Nur grössere Ereig- 
nisse vermögen den Angelegenheiten der Schweis 
ein merklich günstigeres Ansehen zu geben. Bedeu- 
tungsvoller noch war die Anspielung FoucheTs auf daa mögli- 
che Zerbrechen des überspannten Bogens. 

Der zwanzigste Abschnitt geht Reinhard oder die von dem 
Biographen benutzten Papiere gar nicht an, verräth aber trotz der 
Citate aus Norvins und Torr eno , und selbst dnreh diese , des Hrn. 
von Muralt dürftige historische Kenntnisse, wir übergehen daher 



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(igt sich mit dem Jahre 1813., In welchem Reinhard "zum zweiten 
Male Landamman war. Alles, was im Anfange dieses Abschnitts 
vorkommt, kann nur für Reinhard'» Freunde oder doch nur für 
Schweizer Interesse haben , denn es beschränkt sieh auf Reden, 
Vorsätze, Gesinnungen und langweilige Betrachtungen dieser förm- 
lichen Leute. Hin JSatz ist für den Forseher, welcher den steten 
Zusammenhang: der Freunde alles Alten mit Oesterreich und die 
ilonnun^en Kenm, wcicne sie aaraur grunaeren, menr dadurch 
merkwürdig , dass er Vieles errat hen liest, als du roh das, was er 
ausspricht. Die Stelle findet sich 8. 998., wo man zugleich Hrn. 
Muralt 's gutes Deutsch aufs nenn bewundern kann, wenn man 
Lust hat 

Im Angnst liess der Landamman einige Truppen nach Grau« 
bündten zur Unterdrückung erweicher (!!!) Bewegungen in diesem 
Lande und zur Beobachtung des Tyrol marsch iren, in der Absicht, 
die Bewachung auch auf die andern Grausen, nach Massgabe und 
im Verfiältniss der Entwicklung der Umstände auszudehnen. Zum 
Theil gaben hiefett vertrauliebe Mittheilungen die 
Veranlassung, die ihm von wohlgesi nn eten (NB.) 
Schweizern aus Wien zugekommen waren. Diese Hes- 
sen über den Abbruch «er Friedensunterhendlungea zu Prag und 
•her den Uebertrirt von Oesterreich zu den Verbündeten keine Zwei- 
fel mehr übrig, sie kündigten ferner aa, Oesterreich werde gegen 
Italien und Bayern vordringen, woselbst Unterhandlungen zum eben- 
fallsigen (!!!) Anschlüsse bereits angeknöpft seyen. 

Im folgenden Abschnitt, wo von den Unterbandlongen mit der 
Schweiz die Hede ist, welche dem Durchmärsche der aliirten Trup- 
pen vorausgingen, wird man vergeblieh irgend eine Angabe su- 
chen, welche man nicht an andern Orten viel besser antrfife, die 
frsnzleimtfssige Aengstlichkeit der beiden alten Börgermeister hat 
nur behutsame Allgemeinheiten übrig gelassen; doch spricht sich 
Reinhard gegen die Fanatiker seiner Partbei 8. 937. sehr bestimmt 
aus. Er sagt; 

Unberufene, mit den Verhältnissen ihres Vaterlandes schlecht 
bekannte, übel berathene und durch Leidenschaft verblendete Män- 
ner, welche in der Vermittlung nnr den Vermittler erblickt*«, ar- 
beiteten jenseits des Rheins an eben so strafbaren als unverständi- 
gen Planen zu neuer Umwälzung der Cantonalverhältnisse, und 
suchten den fremden Heerführern beizubringen, es habe auf der 
TsgsatsBUDg die geröbmte Einigkeit in der Thal nicht geberrsop*, 



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56 Haus von Reinhard, naeb dessen Denkschriften etc., von Muralt 

wodurch sich der Landamman bewogen fand, io öffentlichen Blat- 
tern die deshalb geäusserten Zweifel auf das Bestimmteste zu wi- 
derlegen. 

Wie thörioht es ist, dass die Schweizer voll Ahnenstolz wie 
die von ihnen vertriebene Ritterschaft, auch jetzt noch stete auf 
Teil (eine Fabel) and auf die Grossthaten ihrer Ahnen pochen; 
wie erbärmlich ihre Politik , wie klein und kleinlich und wie weit 
von allem Adel des jSinnes ihre gerühmten Staatsmänner sind, wird 
man hier aus der Stelle sehen, die wir weiter unten anfuhren. Wie 
konnte es anders seyn, wenn man in Zeiten, wo es auf Heldenmuth 
ankam, wo es nicht Rettang, sondern Ehre galt, einen Pütter'scheu 
Schüler, einen Diplomaten von altem Schrot und Korn, einen Zür- 
cher Bürgermeister, dessen Seele am Gclde hing , zum Landamman 
wählte? Es geht den Schweizern wie der französischen Ritter- 
schaft vor der Revolution und nach der Restauration. Auch diese 
pochte in schlechten Häusern, beim Spiel, bei Saufgelagen, obgleich 
entartet, doch immer noch auf Bertrand du Guesclin and Rayard, 
auf Comic und Türenne. Ref. redet nicht von dem Einmarsch der 
Verbündeten, nicht von der Art, wie ein Deutscher, der Napoleon 's 
Freund nicht seyn kann, die Sache ansehen muss, nicht einmal davon, 
ob nicht durch Fügung der Vorsehung die Dinge gerade so, wie 
sie sich gestalteten, am besten geordnet aind, er redet nur von der 
erbärmlichen Weise, wie sich naoh dem Zeugnisse seines eigenen 
Biographen der Landamman dabei benahm und von der kalten, 
kraft- und saftlosen Manier, wie sich der alte Biograph darüber 
ausspricht. Um nicht ungerecht zu seyn, will Ref. über den Au- 
genblick, wo es Ehre eines freien Volks, wo es eines verzweifel- 
ten, nicht eines zähen, berechneten, klugen Entschlusses bedurfte, 
eine längere Stelle abschreiben, gerade weil er überzeugt ist, dass 
die grössere Zahl seiner Leser aus der anzuführenden Stelle ein 
ganz anderes Resultat (vielleicht ein Lob Reinhard s) herleiten wird 
als er. Es kommt aber Ref. gar nicht darauf an, die Schweizer 
zu tedein, oder seine Meinung der Menge annehmbar zu machen, 
sondern nur darauf, einer ganz kleinen Zahl Gleichdenkender zu 
zeigen, wo eigentlich das Uebel der Zeit, das malum immedicabile 
steckt. Für Reinhard könnte man anführen, dass er nicht darauf 
rechnen konnte, einen Heldensinn, einen Gedanken, an das bekannte 
Ehre verloren, Alles verloren und noch viel weniger ir- 
gend eine Bereitwilligkeit, bedeutende Geldopfer zu bringen, 
im Lande und Volke zu finden. Je mehr aber auf diese Weise 
Reinhard entschuldigt würde, desto tieler würde die Geaammtmasse 



Han* von Reinhard, nach deaaen Denkschriften etc., von Murnlt. 57 

seiner einflussreichen Landsleute sinken. Die längere Stelle, welche 
dem Ref. zu den obigen, vielleicht etwas gar zu scharfen und 
strengen Bemerkungen Veranlassung gegeben hat, findet man S. 
238., sie lautet: 

Der Unwille, ja der bittere Schmers über den ruhmlosen Rück- 
zug des unter Wattenwyl zur Verhinderung des Einrückens der 
Verbündeten aufgestellten Heers war gross; denn die Milizen wa- 
ren bereit, den ungleichen Kampf zu bestehen. Trifft dsrüber je- 
mand gerechter Tadel, so darf derselbe keinen Falls auf den Ge- 
neral von Wattenwyl gewalzt werden, welcher den Landamman 
von Reinhard eben so beharrlich als erfolglos um wesentliche Ver- 
stärkung des zum Kampfe auffallend zu schwachen Neutralitäts- 
Korps dringend aufgefordert hatte, und dabei ebenso nachdrücklich 
von dem Oberst-Quartiermcister Finsler unterstützt worden war. 

Reinhard setzte denselben mit der nämlichen Beharrlichkeit die 
Ansicht entgegen, die ökonomischen Kräfte der Schweiz er- 
laubten keine genügende Machtentwickelung , vornämlich wenn sie 
während längerer Zeit fortgesetzt werden müsste, und es dürfte 
schwer zu bestimmen seyn, ob sein nnläugbarer Charak- 
terzug sehr weit getrieb ener Sparsamkeit im Finan z- 
wesen (and ein solcher Mann in einer solchen Zeit ist 
Regent und Ideal der Schweizer!!!) die eigentliche Richt- 
schnur seines Benehmens gewesen sey, oder ob er seine Ueberzeu- 
gnng hinter diesem Vorwande verborgen habe. Die üeberzeugung 
nämlich, dass keine militärischen Anstrengungen genügen Kön- 
nen (wie ledern! als wenn das irgend jemand behaupten wollte, sed 
duice et decorum est pro patria mori! ) um die der Schweiz dro- 
hende Gefahr durch Waffengewalt abzuwenden; denn neben dem 
Mißverhältnisse der Truppenstärke waren Mangel an Waffen, Mu- 
nition und Lebensmittel-Vorräthen durch keine Geldopfer zu besei- 
tigen. Vielleicht bat er zu viel auf die Warnung Napoleons ge- 
horcht, kein allzugrosses Truppencorps aufzustellen, wohl in der 
Vermuthung, die Verbündeten dürften dasselbe mit in den grossen 
Kampf hineinziehen; vielleicht war er noch nicht überzeugt, dass 
der französische Kaiser in diesem Kriege seinen Untergang finden 
werde, so dass die Schweiz vor den Folgen des veränderten Waf- 
fenglücks geschützt werden müsse. Vielleicht war er durch die 
Lauheit, mit welcher die Tagsatzungs-Beschlüsse von der Regie- 
rung des Canton Bern (den Herren, deren Krug endlich gebrochen 
ist, und die, nachdem sie lange jeden guten Rath verschmäht hat- 
ten, in unsern Tagen schändlich misshandelt sind, wie z. B. der 



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58 Hang Ton Reinhard, nach dessen Denkschriften etc, Ton Maralt. 



alte Herr Zerrleder) aufgenommen und vollzögen wurden , mlss- 
trauisrh geworden. 

Das folgende Raisonnement des Herrn von Mttralt ist ganz 
des Betragens seines Herrn von Reinhard würdig und angemessen, 
er hat aber weder aus Reinhardts Papieren, noch aus andern Quel- 
len über die Unterhandlungen seines Helden mit Lebzeltern und 
Capo d'Istria's Aufschlüsse oder nur Andeutungen zu geben für 
gut gefunden, und Ref. findet sieb nicht berufen, die geheime Ge- 
schichte zu schreiben, ihm genügt die öffentliche. 

Im drei und zwanzigsten Abschnitt, wo von den Jahren 1813 
—1814., von dem, was hier Wirren der Schweiz genannt wird, 
bis zur neuen Constituirung einer Tagsafzung der neunzehn Can- 
tone gehandelt wird, ist die historische und politische Weisheit der 
Herren Reinhard und Muralt allerdings an ihrem Platze. Die alte 
Manier, das alte Staatsrecht, die alten diplomatischen und juristi- 
schen Künste nebst dem Schlendrian hatten ihre Bedeutung wieder 
erlangt. Wäre nicht der russische Kaiser, der, vielleicht hie und 
da schwache, aber doch im Ganzen edle und für das Grosse und 
Hohe empfängliche Alexander gewesen, hätte nicht Laharpc viel 
bei diesem vermocht, wer weiss , wohin es Leute von Reinhards 
und M uralt* s Schlag verbunden mit ihren Basier und Berner Freun- 
den damals noch hatten bringen können!! In dieser Beziehung ist 
sehr wichtig, was hier von Senft Pilsach's Sendung nach Bern, 
oder von einer sonderbaren Gesandtschaft des von Metternich gelei- 
teten Oesterreich, welche gewissermassen mit der von dem mit Russ- 
land verbundenen Oesterreich abgeordneten und bevollmächtigten 
Gesandtschaft in offenem Widerspruch stand, gesagt wird. Die 
ganze ßerner Geschichte war freilich, weil Lärm entstand, dem 
diplomatisch und kaufmännisch -juristisch vorsichtigen, geizigen 
Landamman aus Zürich nicht gelegen. Die Geld- Aristokratie von 
Zürich hatte ausserdem seit 1798. ganz andere Interessen zu be- 
achten, als die Familienaristokratie von Bern, und in der That er- 
fahren wir auch in diesem Abschnitt den Triumph der znhen Klug- 
heit des Bürgermeisters. Der Bürgermeister und sein Zürich er- 
halten, was ihr Egoismus unter den Umständen ohne viele Gefahr 
und Kosten wünschen und hoffen kann. Dass die Reinbnrd's und 
Bedingt damals eine so bedeutende Rolle spielten, dass in Bern 
die Aristokratie siegte, bewirkte freilich, dass man in Zürich in 
iinsem Tagen die französische Julirevolution zu einer neuen Re- 
volution benutzen konnte oder musste. Das hätte damals verhüthet 
werden können. Was Reinhard dem Kaiser Franz antwortete, als 



Di 



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Hans von Reinhard, nach deasen Denkschriften etc., von Muralt. 59 

ihn dieser nach Napoleon fragte, iat merkwürdig, weil es Nichts 
war, und weil der Kaiser antwortete, er hake dasselbe bemerkt. 
Anziehend ist, was vom Kaiser Alexander in diesem Abschnitt be- 
richtet wird, er war von Monod und Laharpe ganz au fait gesetzt 

Von den folgenden beiden Abschnitten handelt der vicruml- 
zwanzigste theils von den allgemeinen Begebenheiten des Jahrs 
1814. , von Napoleon** Sturtz eto. , welche aus andern Quellen 
besser und authentischer bekannt sind, theils von den Schweizer 
und Zürcher innern Angelegenheiten, die dem Ref. zu unwichtig 
und zu uninteressant sind , um dabei zn verweilen. D as letztere 
gilt besonders vom fünfundzwanzigsten Abschnitt, der eigentlich nur 
den überall anzutreffenden und für Falle, wo man der Kenntniss 
desselben bedarf, nachzulesenden Tagsatzungs-Abschied vom i<k 
Mai bin zum 19. Aug. 1814. enthalt. Die ganze Reihe der fol- 
genden Abschnitte knüpft sich natürlich an diesen, und Reinhard 
wird eine Person von grosser Bedeutung, denn Instructionen, ln- 
triguen, Unterhandlungen, Sehreibereien sind an der Tagsordnung, 
bis wir im neunuodz wangigsten Abschnitt erfahren, wie Napoleon'« 
Rückkehr von Elba die Leute, die bisher den langen Faden der 
schweizerischen Angelegenheiten auf- und abgewunden hatten, er- 
schreckt, und den endlichen Abschied des Congresses über die 
Schweiz herbeiführt. 

Die folgenden Abschnitte des Büchs beschäftigen sich aus- 
schliesslich mit den kleinen Schweizerangelegenheiten nnd der wahr- 
scheinlich sehr rühmlichen Thatigkeit Reinhardt in denselben. Da- 
mit hat aber Ref. nichts zu thnn, er wollte weder Lob noch Tadel 
über Reinhardt Leben und Charakter aussprechen, noch Murales 
Bach, welches kein Boch ist , oder seinen Styl und seine Sprache, 
die nicht Styl oder Sprache sind, recensiren; sondern blos ans den 
in dem Buche enthaltenen Materialien hie und da Einiges hervor- 
heben, was ihm für den denkenden Freund der Zeitgeschichte uud 
ihrer Quellen wichtig oder anziehend vorgekommen war. 

Diese Anzeige eines an und für sich nicht gerade wichtigen, 
aber freilich recht dicken Buchs ist schon zu lang gcrathen, als 
dass Ref. noch ein trocknes Verzcichniss der zahlreichen, grös- 
tentbeils ganz überflüssigen Beilagen anhängen dürfte. Er will 
nur bemerken, dass nicht weniger alt* vierundzwanzig zum Tbeil 
sehr lange, schon aus andern Sammlungen und Geschichten bekannte 
Actenstücke angehängt sind. Nr. 1. enthalt die Bemerkungen, 
welche das helvetische, dem französischen Vollzie- 
bnngsdirectorium (toll heissen , welche das helvetische VoD- 



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60 Greven« und Harold, Schrillen über Griechenland. 

» 

ziehungsdirectorium dem französischen) im Winter 1799. über 
Massena's gezwungene Anlehn über reicht hat. Nr. 23. 
Note des Herrn Geschäftsträgers Baron von Krude- 
ner über Anschlnss der Eidgenossenschaft an die 
heilige Allianz, d. d. Zürcb, den 10. Ang. 1816. 
Nr. 24. Votum des Landammans von Reinhard über 
den neuen Bandes-Entwurf ; vorgetragen dem gros- 
sen Käthe des Standes Zürch im Hornnng 1833. 

Schlosser. 



1. Reiselust in Ideen und Bildern ans Italien und Griechenland, von F. 

P. Greverus, Prof. 9 Mitglied der archäologischen Gesellschaft zu 
Athen. Zweiter Theil: Griechenland. Mit dem Motto: Wahrkeit, 
Wärme, Klarheit. Bremen, 1839. 

2. Beiträge zur Kenntnis» des griechischen Landes und Volkes, in Brie- 

fen, von Gottfried Herold, vormal. Interpret, der k. Regentschaft 
von Griechenland, s. Z. k. Studienlehrer in Ansbach. Ansbach, 1839. 

1 

Herr Greverus ist vollkommen überzeugt, dass eigentlich die 
deutschen Philologen die Türken aus Griechenland vertrieben und 
das grosse Seetreffen bei Navarino gewonnen haben. Erschein! 
nun ein solcher Grammatikus im Piraus, in Athen, in Korintb, so 
ist er kein gewöhnlicher Fremdling, der unbekannt und unbemerkt 
für eignes Vergnügen und eigene Belehrung den Schauplatz gros- 
ser Ereignisse des Alterthums besucht: es ist der Befreier des 
Landes, der Gründer hellenischen Lebens, der eigentlich „in suam 
terram u gekommen ist, bald, um durch weisen Rath das Fehlende 
zu ergänzen, bald, am nachzusehen, wie weit die Colonie in ma- 
terieller und geistiger Wohlfahrt vorgeschritten sey, allzeit aber 
um wohlverdiente Huldigung und gebührenden Respekt einzuernten. 

An solchen Minnern ist nun, wenigstens denken sie es so, 
alles, was ihre Persönlichkeit betrifft, von einigem Belang, kein 
Schritt im Lande ohne Bedeutung, kein Wort ohne tiefen Sinn, 
kein Akt ohne Folgen, selbst Essen und Trinken eine Handlung 
von grosser Wichtigkeit, deren Kunde auf die spateste Nachwelt 
zu kommen verdient. 

Bei Greverus tritt noch der besondere Umstand hinzu, dass er 
seiner Zeit die Ehre hatte, die Königin von Griechenland im deut- 
scheu ABC zu unterrichten, und folglich Namen und Bang eines 



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Didaskales besitzt, dessen Gewicht in griechischen Landen je- 
dermann kennt. Denn was einst der Atabek an den Höhen des 
Orients, und der Tara AvXqq zu Byzanz gewesen, das ist heute 
offenbar der Didaskalos auf der Burg zn Athen, indem ja alle 
Weisheit und alles Regiment ursprünglich mit dem ABC beginnen 

Auf diesen Grund bin wird es niemand befremden , wenn Hr. 
Groverns seinen Lesern unter der Hand zu verstehen gibt, daas er 
»war schon fünfzig Jahre alt, aber gross von Statur, handfest und 
rüstig sey, zu Pferde sitze, englisch und französisch rede, Malva- 
sier und pikante Speisen liebe, treuherzigen deutschen Sinn (atme 
german beart) besitze, bei dem Frauenzimmer in Credit stehe und 
einen lieben Schwiegersohn habe, dem er seine „Reiselust in Ideen 
uod Bildern- dedicire mit Wahrheit, Warme und Klarheit. 

Ob sich gleich das Buch über lauter bekannte und oft genug 
beschriebene Gegenden verbreitet, enthalt es dennoch eine schöne 
Sammlung zum Theil origineller und oft sehr feiner Bemerkungen, 
wie aus bier anstehenden Beispielen leicht zu ersehen ist Als ein 
lange gereister Mann und Menschenkenner findet Hr. Greverus z. 
B., dass die Italiener insgesammt „spitzbübische und gottlose" Leute 
seyeo, weil sie um theures Geld schlechten Wein und geringe 
Kost, oft aber gar keine Kost verkaufen. Auch bei den Oestrei- 
obern sey es nicht geheuer, und der Verf. glaubt das Publikum 
gegen dieses Volk ebenfalls warnen zu müssen, da ihre Betten „so 
voll von Wanzen sind , dass es Niemand in denselben aushalten 
kano. u Dazu sey auch die Verpflegung schlecht, „das Fleisch öf- 
ter abgestanden und der Wein nicht zu geniessen. u Dagegen zeige 
sich aof den französischen Regierungsschimm der Charakter der 
ganzen Nation, „der auf Ehrgefühl und Rechtlichkeit 
(honnOtete) basirt sey, Concentrin. 1 - Die Franzosen Sey- 
en Menschen, eine edle und gebildete Nation, wo man Vertrauen , 
ehrt und Zuneigung erwiedert, und für Frühstück, Mittagsessen 
and Kaffe sammt Wein nur vier Franken nimmt. Ueberdiess sehe 
man auf ihren Dampfschiffen regelmässig sechs kleinere Kanonen, 
sogenannte Drehbassen," die auf dem Rande des Decks auf einem 
drehbaren eisernen Gestelle schwebend , wie Klapperstörche naiv 
auf einem Beine stehend, neugierig mit ihrem einen Unstern Auge 
auf das Meer zu lugen scheinen. 44 

Auf der Fahrt von Malta nach Syra waren zwei unverheira- 
ratbete Damen aus England in der Gesellschaft. Doch w&hrend 
Hr. 6. noch auf Mittel sann, sich ihnen zu nahern, hatte zu sei- 



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nem grössten Leidwesen ein junger Franzose schon seine „A ppro- 
chen- gemacht und Hess dem alten Professor nnr die wehmüthige 
Reflexion: Wo der Franzos bandelt, da sinnen und überlegen die 
Deutschen! Die Sache nahm aber cur gross ten Ehre Germaniens 
eine unerwartete Wendung. Der Franzose verstand kein Englisch 
und die Damen kein Französisch, Hr. G. aber verstaut! beides und 
bemächtigte sich nach Kurzem „ausschliesslich der Prise." Die 
fcnterbaltung hatte noch keino 84 Stunden gedauert, und Hr. Gro- 
verns hatte schon die Entdeckung gemacht, dass die beiden Damen 
beiratben möchten, was ohne eine seltene Dosis von Scharfsinn 
freilich sonst niemand erratben hätte. 

In Athen (gewiss eine ausserordentliche Merkwürdigkeit) sey 
es im Pommer staubig und im Winter schmutzig. Und wenn der 
schöne Palikar vor dem KafTehause della belia Grocia an einer jan- 
gen Landsmännin, deren dunkle Locken mit dem rothen, goldbe- 
setzten Fes geziert sind, vorüber geht und seinen Schnauzbart 
zupft, indem das Auge dem Zuge folgt, so wolle das jedesmal sa- 
gen: Ich möchte dich fressen, wie ciost die Türken! fg. 27.). 
Ausserhalb der Stadt in einem Garten hatte der athenaisebe Hof- 
fourier Christ os Kegelspiel und Mainsches Bier, freilich zu ei- 
nem zehnfach höhern Preis als in München, aber doch sey es tröst- 
lich und erhebend für ,,eine bairische Seele, dass sein vaterländi- 
sches Getränk hier an der Grenze des Occidents zu haben ist." 

Aber des guten Bieres unbeachtet haben die Bavaresi in Grie- 
chenland doch lange Weile und machen saure Gesichter, haupt- 
sächlich weil das Junggesellenleben in Athen freudenloser sey, als 
an jedem Orte des deutschen Vaterlandes, insbesondere aber, weil 
sie auf allen Umgang mit gebildeten Frauen Verzicht leisten müs- 
sen, eine Entbehrung, die nach Hrn. Greverus für junge Männer 
gewiss sehr empfindlich ist! Selbst nach einem vier wöchentlichen 
Gastbausleben sey an ein Näherkommen mit diesen unzufriedenen, 
kaltverschlossenen Herren nicht zu denken gewesen. Populär in 
Griechenland sey eigentlich nur der gefällige, edle Dr. Röser; 
der gediegene Dr. Widmer dagegen lebe mehr den Wissenschaf- 
ten als der Praxis. 

Mit Essen und Trinken sehe es in Athen sehr übel aus, auf 
feine und wohlschmeckende Speisen sey durchaus kein Anspruch 
zu machen und deswegen einem europäischen Feinschmecker freund- 
lichst zu rathen, sich in Athen nur gleich vor Tische zu erhängen, 
dann spare er sich die Verzweiflung bei demselben. (S. 37.). 

Der vierwöchentliebe Aufenthalt eines weisen Mannes im Gast- 



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Greven» and Herold, Schriften älter Griechenland. 63 

banse ZU Athen konnte für griechische Alterthumskunde natürlich 
nich^ ohne bedeutenden Nutzen bleiben. Sind die Bemerkungen 
über das alte Athen aneb nicht alle durchaus neu, so eind sie doch 
in Form und Wendung oft überraschend und fruchtbar. Neues, 
wenn auch in geringem Maasse, ist ja in der Literatur allzeit will- 
kommen, und in vielen Gegenden Deutschlands, besonders im Ol- 
denburgischen, wird man mit Dank aus Ilm. Greveruss Buch er- 
fahren, dass die Burg von Athen, Akropolis, der halbzerstörte 
Säulentempel daselbst, Parthenon, und von den beiden Bäch- 
lein links und rechts der Stadt, das eine Ilissus, das andere Ce- 
pbissus, der grosse Berg ostwärts aber der Hymettus heisse; 
dass der Hafen Piräus» unten am Meere, die Stadt Athen aber wei- 
ter oben und landein#arts liege, und zwischen beiden eine Strasse 
laufe, auf der mau zu Fuss gehen oder auch im Wagen fahren 
könne; dass in'dcr Nähe das Feld Marathon und die Insel Salamis 
sey, erst eres durch ein Land-, letzteres durch ein See treffen be- 
rühmt, lauter Dinge, die in Europa noch niemand gewusst und 
kein früherer ^Wanderer durch Griechenland bemerkt hat. 

AIP mehrwocbentlicher Bewohner Attika s glaubt Hr. Grove- 
rns, er müsse sein Buch auch mit feinem attischen Witz ausstat- 
ten, was ihm natürlich leichter als vielen Andern gelingen muss. 
Kaum hatte er gehört, dass einst ein mohammedanischer Heiliger 
in dem Lehmhäuschen auf dem Architrab der Tempelsäulcn des 
Zcus-Ol yinpius bei Wasser und Brod sein Leben geschlossen habe, 
als er mit «cht somatischer Ironie den Zusatz macht: „Wohl bat 
er verdient, dass Allah ihn, um seine irdische Ausdauer zu belohn 
neu, zur Würde eines himmlischen Wetterhahns auf dem Giebel 
4es Palastes im siebenten Himmel erhöbe !" (S 66. ) 9 

Nach diesen merkwürdigen Aufschlüssen über Alt-Athen trat 
Hr. Greverus die Reise nach Morea an, um auch über dieses Land 
durch gelehrte Anmerkungen einiges Liebt zu verbreiten. 

Mores, sagt er, sey eine Halbinsel und habe eiust Pelo- 
ponesos geheissen, was man ihm schwerlich wegdisputiren kann. 
In Epiilaurus habe er Eier und Fische gegessen, und Pferde ge- 
miethet, auf den Pferden sey er nachher geritten, wobei er die 
Küste und das Meer links hatte. In Argos sey wieder die Burg auf 
dem Felsen und die Stadt auf der Ebene, und auf der Strasse nach 
Sparta habe ihm ein griechischer Land-Gend'nrine den Rest einer 
Mettwurst gefressen. Diese Mettwurst aber sey eine kostbare Re- 
liquie Braunschweigs gewesen, die er selbst, um länger daran zu 
haben, beim Genüsse seines Brodes nur anzusehen pflegte und sich 



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64 Groverns und II cm hl. Schriften über Griechenland. 

dann wunderbar erquickt fühlte. Auf demselben Wege sey ihm 
auch die Wäsche nass geworden und das regengenetzte Kleid 
während der Nacht anf dem Leibe müssen trocknen lassen, dabei 
habe er gefroren und sey auch von den Flöhen gebissen worden, 
allerdings ein wesentlicher Beitrag zur Kunde Morea's! 

Noch schlimmer erging es Hrn. Greverus bei einer Mahlzeit 
auf den Ruinen Sparta's, wo ihn, als den König des Festes, „eine 
alte Musikantin, die nur einen Zahn hatte, scharf ins Auge fasste 
und ihm singend bei der Mahlzeit stets den einen grässlichen Zahn 
zeigte, als wollte sie ihm diesen Zahn zum Essen leihen (S. 182.)." 
Dafür habe er sich in herrlichem Malvasier weidlich angezecht und 
sey im classi sehen Taumel darch den ölivenwald nach Mist™ 
getrabt. Im messenischen Kloster Vulkano aber habe er bei end- 
losem Tischgebet der Mönche schon „seinen Magen Gott empfoh- 
len," als es endlich doch zum Essen ging, wo er dann mit „männ- 
licher norddeutscher Ausdauer zur Ausleerung der Weinkröge 
mitgewirkt." 

Aber diess alles sind nur Kleinigkeiten im Vergleich mit der 
15jährigen bildschönen Helena ja, die im Dorf Georgati mit 
„schönem dunkeln Auge unter der edeln Stirn, bewegt, lebendig, 
feurig unter donkein, langen Wimpern hervorblickte und ohne Scheu 
den seltenen Fremdling (d.i. den alten Professor Greverus) fixirte." 
Helenaja hatte ein einfaches rot he« Band im reichen schwarzen Lok- 
kenhaar, und als Hülle nur ein weisses Unterkleid, das nur bis auf 
die Mitte des Beines reichte; dann eine von der Sonne gebräunte, ge- 
kräftigte Wade, und einen Fuss mit Zehen und Nägeln. Ach nicht 
genug, dass nelenaja's Fuss Zehen und Nägel hatte, „sie stand beim 
Geschäft der Spindel auoh noch ganz gerade, hielt aber die dunkeln 
Wimpern nach dem Boden gesenkt, und ein Friedensenge] umschwebte 
die Gesichtszüge." Alles Feuer war bei Helenaja im Auge concen- 
trirt; aber dieses Feuer habe nichts Stechendes, auch nichts Brennen- 
des gehabt; die Glutb habe sich von der Unschuld, nicht etwa von 
der Leidenschaft genährt. So etwas sey ihm in seinem Leben nicht 
untergekommen. Dagegen habe er aber auch diese Helenaja den gan- 
zen Abend studirt und auch noch einen Theil des Morgens, habe ihr 
eine Tasse Kaffe und eine Korallenschnur aus Neapel gegeben, und 
sich beim Abreisen nur mit Mühe vom Anblicke ihres Liebreizes los- 
gerissen. Ihr Bild ha he ihn bis aussei halb des Dorfes verfolgt, wo 
es endlich durch die fürchterlichen Wege aus seiner Seele verdrängt 
wurde. 

(Fort* Ismf folgt.) 



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N # . 5. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Greveru* und Herold, Schliffen über Griechenland. 

(Betchluts.) 

Auf dem Weg nach Andrifsenn wurde der Hr Professor wie- 
der „von Flöhen und von Gedanken an Klepbten geplagt, nnd machte 
sieb merkwürdiger Weise gefaest, an jedem Hohl- und Krenswege 
Räuber auf sich losspringen zu sehen." Dafür habe er aber zu 
Andrilsena tapfer getrunken und gleich darauf zu Olympia gefun- 
den, dass „die Zeit als das grasslichste Raubthier selbst Steine 
verschlingt, und dass die Gegenwart selbst problematisch ist/- 

Weiter vorwärts sey ihm Über einen Sturz vom Pferde der 
Name eines freundlichen Städtchens entfallen und der Führer we- 
gen eines kranken Pferdes zurückgeblieben. Den neuen, einen Bä- 
ben von etwa achtzehn Jahren „schüttelte er zusammen und gab 
ihm ein Paar Ohrfeigen/ 1 Hess sich aber durch die schönen Hände 
und Füsse einer mitreisenden Dame, deren Liebbaher ein Soldat 
war, bald wieder in Ordnung bringen. Diese Dame hiess Maria 
nnd v zog, wenn sie auf der Matratze lag, ihre schönen Glieder, 
wie eine 8chlange, eng in sich zusammen," worauf ihr Hr. Gro- 
verns eine gute Nacht wünschte. Aber der 18jährige Bube stach 
den alten Professor bei der Dame ans, und am andern Morgen war 
Maria kalt und höhnisch, der Führer trank Wein und schalt den 
gelehrten Herrn einen Hahnrei und zog das Messer. Aber der 
handfeste Oldenburger schlug ihn nieder, und dann noch einen zwei- 
ten Hellenen, der dem ersten zu Hülfe eilte und den Professor 
schon bei der Brust gepackt hatte; einem dritten und vierten drohte 
er mit dem Stocke den Schädel einzuschlagen, wenn sie ihn an- 
rührten. Der Didaskalos war ausser sich vor Zorn und machte — 
nach eigenem Geständnis« — so grimmige Gesiebter, dass die vier 
Hellenen von allen weitern Feindseligkeiten abstanden, obgleich das 
Gefecht in einem Walde vorfiel. In Patras verweigert man dem 
deutschen Professor alle Gerechtigkeit, gibt ihm aber dafür in Del- 
phi „vortrefflichen Wein, wohl geeignet, nach Umständen, archäo- 
logische Untersuchungen über das alte Delphi; zu beleben und zu 
•chärfen." 

XXXIII. Jahrg. 1. Heft. 5 

V 



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05 GrereriM und Herold, Schriften über Griechenland. 

Von diesem delphischen Orakelwein wurde auf dem korinthi- 
schen Golf eine ganze Nacht mit den Griechen so tapfer durch- 
getrunken, dass der Professor seine heitere Stimmung bis zur 
prophetischen Begeisterung trieb nnd mit dem Becher in der Hand 
dem lieben thcuren Hellas, ohne Zweifel zu grosner Belustigung 
der nüchternen Matrosen, die glänzendste Zukunft weissagte. 
Beim Landen in Lutraki aber gab es schon wieder Streit, und 
der lustigen Nacht und des schmeichelhaften Horoscop's unge- 
achtet standen doch alle Zechbrüder „mit dem Schuft von Kapitän 
gegen den rechtlichen Fremden," um ihn abermal zu bekriegen. 
Hr. Grererus lief in der Sonnenglut, ohne Effekten, zu Fuss nach 
Korinth und wurde daselbst — statt Gerechtigkeit zu linden — 
„beinahe von den Flöhen verzehrt (S. 2*9.)." Uebrigens fand der 
Hr. Professor zu Korinth die Stadt wieder am Fusse der Akropo- 
lis, die Akropolis aber oben auf dem Berg, und im Karavanserai 
einen deutschen Bedienten, der für einen alten französischen Ka- 
pitän in griechischen Diensten gerade vor des deutschen Profes- 
sors Zimmer warme Suppe kochte. Das war ein wichtiges Er- 
eigniss und nimmt eine der wichtigsten Stellen { "s. 238.) im Rei- 
sebericht des Verfassers ein. Aus diesem Grunde geben wir sie 
auch im Original: 

„Schon seif drei Tagen hatte ich keine warme Speise, in Oel 
gebratene Fische ausgenommen, gekostet und meinte schon, das 
Vorurtheil für dergleichen ganz , und gar verloren zu haben. Un- 
glücklicherweise weckt der Duft der Kraftbrühe alte Erinnerungen 
und Gefühle. Mich wenigstens von dem Dufte zu erquicken, ge- 
he ich, wie gebannt, vor meinem Zimmer hin und wieder; als der 
gute Landsmann sympathetisch meine stille Neigung merkt und 
mich im Namen seines Herrn auf den Abend zu Gaste ladet. Ich 
beauftragte ihn , mich anzumelden , und wurde natürlich mit fran- 
zösischer Herzlichkeit empfangen." 

Beim Essen gerieth Hr. Greverus aber bald mit dem gast- 
freundlichen Kapitän wüthend über einander, einmal wegen der 
Stärke der Bonnpartisten- Partei in Frankreich, die Hr. Greverus 
durchaus mit den letzten Zuckungen des Schwanzes einer geköpf- 
ten Schlange vergleichen wollte; nnd dann auch wegen der Ith ein- 
grenze, die der Kapitän für sein Vaterland in Anspruch nahm, 
der Professor aber mit grosser Tapferkeit gegen den gallisohen 
Eisenfresser beschirmte. In der Bedrängniss schleuderte Hr. Gre- 
verus den thermopyläischen Spruch : „Die Franzosen möchten kom- 
men und sie nehmen — wir würden sie zu vertheidigen wissen!" 



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Greven* und Herold. Si hrifton über Griechenland. 67 

— Dieses schreckliche Wort brachte den alten Kapitän zum Schwei- 
gen, und die Bheiugranze ist bis auf den beutigen Tag bei Deutsch- 
land geblieben. 

So trank, schlug und stritt sich Hr. t?reverus in bitterem 
Kampfe gegen Eseltreiber, Wanzen und Kapitäne glücklich durch 
ganz Morea wieder nach Athen zurück. 

Sind das etwa, wir fragen den Leser, nicht schöne Besultate 
eines wissenschaftlichen Ausfluges in das gepriesene Hellenen- 
land? Kigenthümlichen Forschungsgeist, penetranten Blick, poe- 
tischen Schwung , besonders aber guten Geschmack in der Dar- 
stellung wird hoffentlich jedermann als wesentliche Vorzüge die- 
ses Buches erkennen. Schade, wenn uns ein so gelehrter Mann 
seine Meinung über den Prozess vorenthielte, den das griechische 
Volk seit einigen Jahren schon um seinen Adelsbrief vor dem 
Tribunal der öffentlichen Meinung führt! Ware Hr. Greverus nicht 
vorzugsweise der Mann, dieses ekelhafte und feindselige Gezanke 
zum Vortheil der guten Sache, wie kurz vorher den Hheingränz- 
streit in Korinth, mit einem Schlag zu enden? 

Glücklicherweise erkennt der Hr. Verf. seinen Beruf und wid- 
met einen bedeutenden Theil seiner Schrift («64—344.) dem Be- 
weise, dass von dem trojanischen Krieg bis heute, und von Aga- 
memnon bis König Otho in Griechenland nichts, aber auch gar 
nichts, das reine Blut und den privilegirten Sinn der alten Helle- 
nen verunstaltet habe. Es hat sich, sagt er, in Deutschland durch 
Fallmeraier und Consorten die Meinung verbreitet, dass die 
jetzigen Griechen ein Gemisch von allerlei Völkern wären, dass 
sie mehr oder weniger dem slavischen Volksstamm angehörten, 
und nichts mit den alten Griechen gemein hatten. Diese Meinung 
sey durchaus irrig. Und als Belege und Gegenprobe werden ei- 
nige und dreissig Argumente beigebracht, von denen wir, um den 
Leser steht zu ermüden, nur die vorzüglichsten und kräftigsten 
textwörtlich hiehersetzen wollen. Voran steht der Satz, dass die 
Neu-Griechen in körperlicher und geistiger Hinsicht die unver- 
kennbarste Aehnlichkeit mit den alten Hellenen haben und folg- 
lich unbezweifelt ihre Söhne seyen. Denn i) sehen die Neu-Grie- 
chen aus wie die Hollander, und wie die Norddeutschen (das 
heisst doch im Grunde wie die Oldenburger und wie der Profes- 
sor Gr everas). 9) In Griechenland reitet Amor auf dem Sat- 
telfuss. 3) In der Frühe wünschen die Neu-Griechen guten Mor- 
gen, Abends guten Abend und vor dem Scblafcngebn gute Nacht, 
und wenn sie einem begegnen, fragen sie: Wie geht*»? 4) Die 

» 

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68 Gteverui und Herold, Schriften über Griechenland. 

griechischen Buben sehen gerne in den Spiegel, kokettiren and 
machen Schulden, was natürlich bei jungen Leuten anderer Na- 
tionen durchaus nicht üblich ist. 5) Sie haben ein gelenkes und 
biegsames Sprachorgan, gerade wie die Polen. 6) Alle Grie- 
chen sind Lügner, Betrüger und Diebe. 7) Die Städtebewohner 
iusgesammt abgefeimte Schelme. 8) In Masse genommen sind die 
Neu-Griechen unbesiegbar faul, arbeitscheu, feig und verzagt. 
9) Von wahrer Vaterlandsliebe sieht man bei ihnen nur wenig 
Spuren. 10) Der Fremde gebe in Hellas auf seine Taschen Acht 
und lasse ja kein Geld sehen, man riskirt in solchen Fällen das 
Leben ; denn der Grieche will lieber hungern, stehlen und morden, 
ols arbeiten. 11) Wohlthaten vergelten sie mit Hass und Ver- 
achtung. 12) Land und Leute sind voll Ungeziefer. 13) Sie ha- 
ben gewisse üble Gewohnheiten, die man bei uns nicht einmal 
nennen mag. 14) Sie haben gewöhnlich nur kalte Küche; Brod, 
Sardellen, Oliven und Zwiebeln mit etwas Knoblauch genüge ih- 
nen als Nahrung wie zu Homers Zeiten, wo Brod ebenfalls das 
Hauptessen war. 15) Jedoch gibt es bei ihnen auch Schwelger 
und Unmässige, z. B. in Tripolizza, wo man Leute findet, die täg- 
lich 24 Bouteillen Wein trinken, ohne dass es ihnen schade, was 
natürlich nur ein Hellene leisten kdnne. 16) Die Neugriechen 
sind doch noch besser als die Italiener, und wenigstens nicht 
schlechter als die alten Hellenen, die freilich auch nicht 
viel taugten. 17) Die griechischen Mädchen im rothen Fes 
haben ein allerliebstes, unternehmendes Husarenansehen (S. 
319.). — 18) Braune, schöne, kluge Augen, nicht so beweglich 
und dunkel glühend wie die italienischen, leuchten hell aus dun- 
keln Wimpern hervor; nur ist das Auge sanfter, erwärmend, aber 
nicht stechend, und sein Strahl mehr einem Wetterleuchten zu 
vergleichen, verheert seltener, wenn er auch einschlägt. 19) Die 
Griechinnen sind durch die Bank äusserst modest. Nur wo sie die 
Nationaltracht mit der europäischen vertauscht haben, werden die 
Augen gefährlicher und zeigen, was sie vermögen. Sie sind dann 
auf eine höchst interessante Weise kokett, und der Satan zieht 
sie an, wie sie die Kleider. Ergo sind es Hellenen, qood erat 
demonstrandum. — 

Das Gewicht dieser Argumente wird jedermann empfinden, 
und wir gestehen es gerne, die meisten sind ohne Rcplique. Hr. 
Grevenis fühlt es selbst und fragt die Leser voll Bescheidenheit, 
ob Fall me raier nicht ein Erzlügner scy? Könnte man aber 
auch weniger sagen, wenn jemand so bündige Beweise schnöde 



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Greverus and Herold, Schriften über Griechenland 



beseitigen, oder in den peloponoesischen Ortsnamen Bnkovina, 
Wnrsava, Krakova, Kaiisch, Glogova und Podgorizza 
nicht offenbar das hellenische Element erkennen, oder aus der al- 
banesiscben Hedeweise, die in mehr als halb Griechenland als 
Muttersprache herrscht, auf die Einwanderung albanesischer Volks- 
stamme schliessen wollte? Man muss Hrn. Greverus noch Dank 
wissen , dass er gegen Meinungsverschiedenheit so polirt und 
schonend ist. 

Damit sich aber Hr. Greverus auf die Meisterschaft seiner 
Syllogismen nicht gar zu viel einbilde und sich im Genüsse seines 
literarischen Ruhmes etwa übernehme, wollen wir ihm nur sagen, 
dass in Frankreich schon vor hundert Jahren ein Historikus ge- 
lebt hat, der in seinen Deductionen ohngefähr denselben Grad von 
scharfe nnd Bündigkeit entwickelt, den wir so eben an Hrn. Gre- 
verus bewundert haben. In der Vorrede zur Geschichte der Nord- 
amerikanischen Wilden sagt P. Lafiteau: nur ein Atheist könne 
behaupten, dass Gott die Ur-Amerikaner in Amerika selbst erschaf- 
fen habe, da sie offenbar Abkömmlinge der alten Grie- 
chen seyen, wie sich aus vier Gründen unwiderleglich bewei- 
sen lasse. 1) Die Griechen hatten Fabeln, einige amerikanische 
Stämme auch. 2) Die alten Griechen sind auf die Jagd gegan- 
gen, die amerikanischen Wilden gehen auch auf die Jagd. 3) 
Die Griechen hatten Orakel, die Amerikaner haben Zauberer. 4) 
Bei den griechischen Festen wurde getanzt, in Amerika tanzt man 
auch, folglich haben beide Völker gleichen Ursprung. Man muss 
gesteheu, dass diese Gründe überzeugend sind. 

Hr. Greverus aber, gleichsam als wären seine dreissig Ar- 
gumente nicht kräftig genug, thut sieh in einem langen Paragraph 
besonders darauf viel zu gut, dass sich in ganz Griechenland eine 
vom Hellenischen nur wenig abweichende Sprache erhalten habe. 
Der gute Mann hat aber nicht gemerkt, dass die grössere Hälfte 
des Festlandes und der vorliegenden Inseln, besonders aber der 
streitbare Theil der Nation, das Schkypi redet, welches vom 
Griechischen ungefähr so weit* entfernt ist, wie der Dialekt von 
Oldenburg und Ha dein. Georgati z. B. ist ganz von 
Schkypi bewohnt und die schöne Helena ja mit der gekräftig- 
ten Wade, die der alte Greverus so eifrig „studirte, u war ein 
fichkypi-Mädchen , wie es schon ihr Name andeutet. Das Neu- 
griechische ist im byzantinischen, Reich nur das Verständigungs- 
mittel der eingewanderten Stämme untereinander und mit den Aus- 



10 Greven» und Herold, Schriften über Griechenland. 

landern, da kein Fremder das Gerede der Sarmaten, der SchKypi, 
der Zigeuner and Katalanen lernen wollte. 

Ebenso gehören die Suliotischen und die übrigen rumelioti- 
schen Kapitäne, deren schlanker Wuchs und martialische Miene 
Hrn. Grcverus als ein Haoptbeweis seiner Thesis galt, insgesammt 
wie die Seehelden von Hydra, zur Schkypi-Race. Und wie oft 
soll man es denn wiederholen, dass namentlich auf dem ciassischen. 
Boden Attika's kein einziges Dorf das Griechische als Mutterspra- 
che redet? Wir lassen den profunden Kenntnissen des Verf. alle 
Gerechtigkeit wiederfahren, so oft von Wein, Flöhen oder Stra- 
tegie die Rede ist, da ein deutscher Grammatikus, wenn er Xeno- 
phon lesen kann, eo ipso auch die zehntausend Mann zu befehli- 
gen versteht. Ohne alle Kenntniss der slavischen, albanesischen 
und türkischen Syntax lasse sich übrigens ja niemand beigehen, 
über die Redeweise des gemeinen Stadt- und Bauern volks in 
Griechenland etwas Stichhaltiges aufzustellen. Hr. Grcverus ist 
aber durchaus nicht der Mann, der hier mitzureden berechtigt 
wäre. Er will zwar in verschiedenen Stellen seines Buches dem 
Leser zu verstehen geben , dass er des Neugriechischen kundig 
sey. Allein aus der Art, wie er die Phrasen schreibt nnd erklärt, 
ersieht man klar, dass er nicht mehr davon versteht, als ein wan- 
dernder Handwerker, der hie und da einen Trinkspruch oder Markt- 
Conversations-Ausdruck erhascht, und dann stümperhaft zu Papier 
bringt 

„Schönen Dank", sagt Hr. Greverus S.321, heisse auf Neugrie- 
chisch tv ^aptoTo, gleichsam als wären es zwei Wörter und heisse 
ee schön und ^apia-ro* der Dank. Wer weiss denn aber nicht, 
dass im Neugriechischen ev gar kein selbstständiger Ausdruck ist, 
und dass man ft^a^KTxw schreibt, was „ich danke" bedeutet und 
als Verbuin und Perispomenon zur zweiten Conjugation gehört? 
KaXri $r%r t heisst nicht „seliges Ende", wie uns Hr. Greverus 
glauben machen will, sondern *,,g¥ te Seele", und ist ein Trink- 
spruch, den man betagten Frauen in ganz Griechenland zuruft. 
Nur in Athen, wo der Hr. Verf. in „vierwöchentlichem Gasthaus- 
leben" seine neugriechischen Studien machte, verbindet eine un- 
erklärliche Local - Bizarrerie mit dem x<aX^ ^'/jn einen kränken- 
den, schiefen Nebenbegriff, und wollen die alten Frauen nicht, 
dass man sie „gute Seele" nenne. Dieser Umstand mag einen 
halbunterrichteten Mann allerdings in Irrtbum führen. Aber auch 
im Altgriechischen will es dem gelehrten Herrn nicht überall glücken, 
besonders in den Accentcn, wie man aus einer Seite 69 einge- 



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Greveru* und Herold, Schriften über Griechenland. 



11 



rückten Phrase ersieht. „Die Ouellenaufseher ", sagt er, heisseo 
auf Altgriechisch lizioTa-vai was, zwei Grammatikal- 

fehler abgerechnet, auch ganz richtig ist. Jedermann weiss, dass 
tVtaxaTat wf*»*« geschrieben werden muss. Für einen Lehrer 
der griechischen Sprache sind solche Schnitzer freilich nicht be- 
sonders empfehlend. Sagen will man hiemit eigentlich nur soviel, 
dass Hr. Greverus besser thäte, In seinen Reisebeschreibungen die 
leidige Grammatik ganz bei Seite zu lassen , um den Leser aus- 
schliesslich mit seinen so zart und so witzig erzählten Abenteuern 
zu ergötzen. 

Nicht zufrieden als Stylist, als humoristischer Reisender und 
gelehrter Grammatikus zu glänzen und Griechenland vor aller Ver- 
unglimpfung siegreich zu schirmen , strebt Hr. Greverus in seinem 
streitbaren Sinn nach höheren Triumphen und erl&sst S. 364 , man 
weiss eigentlich nicht reobt warum, ein scharfes Manifest gegen 
den „Fanatismus der römischen Curie." 

„Rom und seine Jesuiten", heisst es in diesem merkwürdigen 
Aktenstück, „wollen die Sonnenrinder der Zeit bei den Schwänzen 
zurück in ihre Kakushöhle ziehen ! — Wohin ihr Versuch führen 
wird, das werden wir sehen — gewiss nicht zur Unterwerfung 
der Welt unter den römischen Pantoffel, sondern nur dazu, dass 
die Protestanten zur Einheit erwachen, mehr als es seit langer 
Zeit der Fall war, das Glück der Freiheit von aller Pfaffenherr- 
schaft fühlen, und ihren katholischen Mitbrüdern, wo sie können, 
die Hand reichen , sich von dem Sclavenjoche zu befreien — was 
sie bisher unbarmherziger Weise nicht gethan haben ! — Nur her- 
aus zum offenen Kampfe, Hierarchie! — Licht oder Finsterniss 
die Lösung — Vermittelung gibt es nicht und Dämmerung ist 
gerade die Zeit, wo die meisten Eulen fliegen! — Nun ja, wir 
Abendländer wollen schon mit dem Fanatism fertig werden ! " — 
0 der fürchterliche Greverus, wie ein Centaur, wie ein Gi- 
gant rückt er heran, 

Oloq KevTOtrptD?' oTpaxb$ tp^ixat i)!ti yiyavTm> \ 
Doch man verzage nicht, der Riese ist zu bäudigen. Er deu- 
tet das Mittel zu seiner Besiegung selbst klar und unzweifelhaft 
an. „Vierundzwanzig - und Sechsunddreissig Pfüuder in Pistolen- 
schussweite auf die Brust gesetzt ruft er bei Gelegenheit der 
Schlacht von Navarino S. 373 aus, „Mir dröhnten beim blossen 
Gedanken die Ohren!" — Hr. Greverus, so viel leuchtet ein, ist 
kein gewöhnlicher Gegner; es braucht grobes Geschütz, um ihu 
«um Schweigen zu bringen. Da wir aber mit dergleichen Hiebt 



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72 



Grovern« und Herold, Schriften über Griechenland. 



▼ersehen sind , lassen wir den Streit vor der Hand auf sich be- 
ruhen tind eilen zum Schlnsse. 

Mit der Westküste Moreas's, die er anf der Heimfahrt erblickte, 
war Hr. Grevenis besser zufrieden als mit der Ostküste. In Korfu 
aber fand er weniger Wohlstand, als er erwartete. Jedoch sollten 
die Kerfioten wünschen , dem griechischen Königreiche anzöge— 
hören. Hr. Greverus ist aber nicht geneigt, diese Insulaner jetzt 
schon in den hellenischen Staatsverband zuzulassen. Ihr Wunsch, 
sagt er, kann mit der Zeit einmal in Erfüllung gehen , wenn wir 
erst Konstantinopel haben, was natürlich nächstens der Fall ist. 



2. 

Hr. Herold hat vollkommen Recht, sein kerngesundes 
Büchlein über Griechenland, ob es gleich dem Hauptinhaltenach 
schon früher in einer vortrefflichen Zeitschrift in laufender Nummer 
erschien, als besondern Abdruck und umgearbeitet dem Publikum 
vorzulegen Tadeln , denn wir wollen gleich mit der Schattenseite 
herausrücken, kann man an dieser Schrift nur ihre Kürze. Wer 
so lange und in so günstigen Verhältnissen unter den Griechen 
lebte und der Landessprache so vollkommen kundig ist, und über- 
dies im Schreiben so richtig Takt und Maass zu halten versteht, 
wie der Hr. Verf., besitzt alle Titel über dieses interessante und 
so verschieden beurtheilte Land mit grösserer Weitläufigkeit zu 
reden als es hier geschieht. 

Man hat in Deutschland und wohl awii in andern Ländern, 

9 1 

an der poetischen Prosa, in der es bisher üblich war, über Neu- 
griechische Zustände abzuhandeln, endlich von Herzen satt. Und 
eben weil in dieser Sache nur nüchtern, gut und naturtreu Ge- 
schriebenes noch Beachtung finden kann, glauben wir vorliegende 
Arbeit, so klein sie ist, dem lesenden Publikum empfehlen zu müs- 
sen. Hr. Herold machte zu verschiedenen Zeiten von Naupllm 
Ausflüge in verschiedene Theile Morea's, die mit einer vollständi- 
gen Rundreise durch die Halbinsel, und am Knde noch zur See 
nach einem grossen Theil der Cykladen schlössen, so daaa sein 
Bericht unter allen Touristen der sechs letzten Jahre, seiner Kürze 
ungeachtet, dennoch als der umfassendste gelten kann. 

Es thut einem Leid; dass Griechenland so kieiu und das Ziel 
des Wanderers sehr schnell erreicht ist. Warum füllt nicht we- 
nigstens (so denkt der Leser bei sich selbst) den leeren Raum 



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GrcTerot and Herold, Schriften über Griechenland. 78 



zwischen Mi los und Nauplia ein Kranz fruchtbarer, romantischer 
Eilande, damit uns Hr. Herold ein heiteres and lebenswarmes Bild 
entwerfe, wie von Tinos, Naxos and Santorin? Oder vielmehr, 
wie kann denn jemand, der sich mehr als zwei Jahre im Lande 
aufgehalten and dort so viel gesehen hat, seine Nachrichten auf 
167 Seiten zusammendrängen, wahrend Hr. Greverus, der kaara 
zwei Monate in nellas war, and diese Zeit noch grossentheils im 
Wirthshaus verlebte, dennoch 387 eng- gedruckte Seiten zum Be- 
sten gibt? Der Inhalt beider Schriften erklärt die Ungleichheit 
ihres Umfangs zur Genüge. Wenn es erlaubt ist, der Sache den 
wahren Namen zu geben, so möchten wir Hrn. Greverus's Buch, 
statt ..Reiselust in Ideen und Bildern," lieber die „Wein- und 
Wanzen-Chronik von Morea" nennen. Denn streicht man alle die 
endlosen und ekelhaften Tiraden über die beiden genannten Arti- 
.iel, am die sich das Publicum gewiss eben so wenig kümmert, 
als um die burlesken Balgereien und Wirthshaussceoen des Hrn. 
Professors, aus dem Buche weg, was anders bleibt denn übrig 
y,ur Belehrung des neugierigen Lesers über das Land und seine 
Bewohner, als abgedroschenes Scholgezänk und geographische 
Notizen über das alte, längst vergessene Hellas, die man uns seit 
bald zwanzig Jahren in unzähligen Broschüren bis zum Ekel vor- 
getändelt hat? Hätte Hr. Greverus seine deutschen Landsleute in 
der Kunde Neugriechenlands nur um einen Schritt weiter gebracht, 
nur einen einzigen neuen Gedanken in Umlauf gesetzt, nur ei- 
nen Irrthum berichtigt, so musste man ihm dieses einzigen guten 
Gedankens wegen billiger Weise alle Plattheiten seiner langwei- 
ligen Rhapsodie vergeben. Allein mit dem besten Willen haben 
wir nichts dergleichen zu entdecken vermocht. Hr. Greverus hat 
in Griechenland nichts gesehen uni nichts gelernt. Wir machen 
ihm zwar keinen Vorwurf über seine Unwissenheit», denn jeder- 
mann hat das Recht, auf eigene Gefahr ein Ignorant zu seyn. Hat 
aber ein solcher Mann die Unvorsichtigkeit, über eine Materie, in 
d elftes ihm erweislich selbst an den Elementarkenntnissen ge- 
bricht, als Diktator das Wort zu nehmen und besser Unterrichtete 
vor sein Tribunal zu /Jenen, so darf man eine snlehe Thor- 
heit nicht ungestraft hingelten lassen. Warum mischt sich der 
Mann in den Streit, ohne die beiderseitigen Akten einzusehen and 
mit Sorgfalt zu prüfen , was und wie viel die Pirteiea bisher ins 
Spiel gebracht? 

Bei Hrn. Herold dagegen hat der Schul-Enthusiasmus, dessen 
Sporen übrigens in seiner Schrift nicht zu verkennen sind , den 



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74 GrcTcrus und Herold, Schriften über Griechenland. 

■ 

gesunden Sinn nicht erstickt. Er hat gefunden, dass dem mora- 
lischen Bauernvolk die albanesische Sprache geläufiger als das 
Griechische ist; dass dies Albanesische meistens auf dem platten 
Lande, vorzugsweise jedoch unter den Weibern herrscht, die sehr 
wenig Verkehr mit den Romäern oder Gräken, d. h. Neugriechen, 
haben. 

Unter allen deutschen Gelehrten , die seit dem Ausbruch der 
Revolution ihre Wanderzüge durch Morea drucken liessen, ist un- 
seres Wissens Hr. Herold der erste, der in so klaren und un- 
umwundenen Worten das Nebeneinanderwohnen zweier radicai ver- 
schiedenen Volksstimme im Pcloponnes beurkundet. Und zwar 
gehöre das Landvolk beinahe insgesammt zur albanesischen Rae« 
nnd werde von den Gräken (der Stfidte) gering geschützt. 

Bei einer frühem Gelegenheit hat man schon einmal bemerkt, 
dass namentlich die Weiber auf der Insel Hydra erst seit dem. 
Aufstande allgemein das Neugriechische zu lernen begonnen, in- 
dem dos albanesische bei ihnen, wie allenthalben in Griechenland, 
die wahre Haus- und Familiensprache bildet 

Die Albanesen sind auf griechischem Boden heutzutage was 
sie von jeher und überall waren, ein Schiffer-, Soldaten- und Bau- 
ernvolk, welches mit Kunst, Literatur und Wissenschaft seit ural- 
ter Zeit so wenig zu schaffen hatte, dass sie noch zur Stunde 
nicht einmal ein Alphabet besitzen. Ihr Idiom hat Ueberfluss an 
stummen ee und an Nasaltönen; folglich ist das französische 
ABC vorzugsweise geeignet, die Begriffe dieses ungelehrten Volks 
zu versinnlichen. Auch die deutschen Buchstaben mit geringem 
Zusätze könnten diesem Zwecke dienen ; am wenigsten aber die 
griechischen. Was z. B. der Grieche otX^vr, und gemein <pt\yägi 
nennt, lautet im Albanesischen ungefähr wie Hönöse (die bei- 
den ersten Sylben kurz und die letzte balbverschlnngen, das Ganze 
aber durch die Nase gesprochen). Brod nennen sie Bouque, 
Fleisch Misch und die Traube Rusch (rrouche, doppel r am 
Anfang). Dieoue ist die Sonne, Gueri der Mann, und Dyäle 
der Knabe, pl. Dy&lem, und mit dem Artikel, der im Albanesi- 
schen nachgesetzt und angehängt wird, Dy&l ernte die Knaben, 
Ta naiSid. Wenn der Grieche sagt: eXa utru. komm herein! 
lautet dieselbe Phrase im Schkypi : ejam brda. Vergleiche mau 
den neugriechischen Satz: <r töv Moptav ivplaxovxui itokXa. 
X©Pta, otiov fuXovv Apßavtxixd, (d. i. In Morea findet man 
viele Dörfer, wo man albanesisoh redet) mit der wörtlichen Ue- 
bersetzung: Nde more y&ne schume katonde tschö fla- 



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Grevcriis und Herold, Schriften über Griechenland 75 

c. c n Arbrischt, und man bat ein lebendiges Muster, wie man 
•uf Hydra, in Attika und den gross e rn Theilen von Griechen- 
land redet. — 

Ueber das geistige Vermögen dieses Volkes kann man sich 
kein Urtheil erlauben, da es in diesem Felde noch nie einen Ver- 
such gemacht Arbeitsam in der Ueimath und tapfer im Kriege 
zu aeyn, war bisher sein ganzer Ruhm. Es gab der Welt den 
Skanderbeg, den Markus Botzaris, die Männer von Suli 
und Hydra, vollgültige Bürgen soldatischer Tüchtigkeit und ach- 
ten Heldenmutes. 

In Griechenland sind die Albanesen Christen geblieben, wäh- 
rend sie im Stammlande grossentheils den Islam angenommen und 
sich über alle Provinzen des türkischen Reichs unter der Benen- 
nung Schkyptaren oder Arnauten als Miethsoldaten ver- 
breitet haben. Mit dem Glauben ihrer Väter haben die christli- 
ehen Albanesen Griechenlands auch den alten Volksnamen bewahrt 
und nennen sich — nach dem Genius ihrer Sprache — Arbrischt, 
woraus die Griechen \\tf<*iUi<, machen*). Für Grieche dagegen 
haben die Albanesen durchweg die Benennung S oh k iäris cht, 

d. i. Sklave (2xXa0o<; der Byzantiner), was bei uns vielen Leu- 
ten sonderbar scheinen mag. Vielleicht erkennt Hr. Greverua 
hierin auch eine Verschwörung des armen arbanitiseben Bauern- 
volkes gegen die Hellenen! 

Unter solohen Umstanden wird es niemand überraschen, wenn 
Hr. Herold sagt, die alten Eigenuamen seyen im Gedächtniss der 
Moraiten vollständig erloschen, der Bach H elisso n auf den Trüm- 
mern von Megalopolis heisse jetzt Barwuzana, und im Herzen 
der Halbinsel selbst seyen Leute zu treffen, die kein Wort grie- 
chisch verstehen. 

Auch glaubt Hr. Herold, man könne ein eifriger Verehrer des 
classischen Alterthums seyn und doch die Bemerkung machen, 
dass die Spuren der untergegangenen hellenischen Welt zwar an 
vielen Orten sichtbar, aber keineswegs von solcher Bedeutung sey- 
en, als man durch Gell 's Reisebericht von tyorea zu glauben ver- 
führt werde. Und die Neugierde, die alles zu sehen treibe, müsse 
sich am Ende mit einigen allen Trümmern begnügen. Ne- 
ben einer seltenen Correktheit in griechischen Eigennamen ist 
es vorzüglich dieser nüchterne, unparteiische Sinn 9 der dem Leser 



*) Viele Patronymica enden im Albanenischcn auf — lacht. So z. B 
Turkiecht, Frengitcht, d. i. Tärken, Franken. • 



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76 GrcTcrui und Herold, Schriften über Griechenland. 

Vertrauen einflösst und Herold's Büchirin in die Reihe der vor- 
züglichsten Produkte dieser Gattung stellt. Die wenigsten Leser 
verlangen zu wissen, wie viel etwa ein deutscher Philolog in Mo- 
rea Wein getrunken, oder wie oft ihn die Flöhe beunruhigt ha- 
ben. Hr. Herold, scheint es, ist derselben Ansicht, und versteht 
die Aufmerksamkeit des Lesers würdiger und geschmackvoller zu 
beschäftigen, als seiu Hr. Amtsbnidcr Greverus in Oldenburg, über 
dessen armselige Diatribe sich Herold's „Beiträge" so weit erheben. 

Quantum Icnta solent inter viburna copressi. 

Was Hr. Herold von dem schroffen Gegensatz und unaustilgbaren 
Widerwillen zwischen den Griechen der morgenlandischen Kirche und 
ihren Brüdern, den römisch-katholischen Griechen von Alt-Syra und 
andern Cykladen, erzählt, ist nur zu wahr. Allein nicht ganz 
lichtig ist seine Meinung, dass diese katholischen Griechen lauter 
Abkömmlinge abendlandischer Colonisten seyen. Einige Primatial- 
geschlechter abgerechnet, deren Familiennamen frankischen Ur- 
sprung verrathen, sind sie insgesnmmt die alten, einheimischen 
Kinoer dieser Eilande, die seit dem Concilium von Florenz (1436) 
die Union mit der abendländischen Kirche mit unverbrüchlicher 
Treue bewahren, und aus diesem Grunde von den Anhängern der 
Nationalkirche als Ueberläufer, falsche Brüder und Verräther ge- 
brandmarkt und gleich unheilbar verpesteten Gliedern vom Korper 
der Nation auf ewig getrennt und* weggeschnitten sind. Nicht 
'wer griechisch redet , sondern wer griechisch glaubt , gehört zum 
griechischen Volke, und die Nationalität im byzantinischen Reiche 
hat sich zu den Hörnern des Altars und zum ewig unwandelbaren 
Dogma der Kirche geflüchtet. 

Zum Schlüsse wollen wir noch eine Stelle im Betreff der 
dicht um Delas liegenden Insel Rheneia wörtlich anführen, weil 
sie in dem Verf. eine seltene Massigkeit und Billigkeit in Beur- 
theilung kirchlicher Dinge offenbart. 

„Die Insel Rheneia," heisst es S. 121.. ,,ist ebenfalls öde, 
und ihr bisheriger einziger Bewohner, ein alter Einsiedler, durch 
gehässige Strenge unkluger Beamten, die in ihrem übertriebenen 
Eifer für Vermehrung des Kirchenschaty.es jede leere Kapelle, je- 
den Zufluchtsort des Elends einziehen und feilbieten, ohne zu be- 
rechnen, wie sehr sie durch ihre Rücksichtslosigkeit dem Ansehen 
der Regierung schaden, aus seiner sichern Wohnung vertrieben 
worden. Dieser Gcwaltstreieh hat die Gemüther um so mehr em- 
pört, je schneller die Folgen davon fühlbar wurden. Wenn frü- 
her ein Schiirtcin durch Sturm genötuigt war, dort zu landen, so 



% 

Phyiikaltoha Literatur. 17 



hatten die Seefahrer den Trost , bei einen lebenden Wesen Auf- 
nahme und Brod zu finden. Als sich nun neulich ein gleicher 
Fall ereignete, und die bedrängten Schiffer an dem bekannten 
Orte Hülfe suchten, sahen sie sich zu ihrem Schrecken getäuscht, 
nnd der Gefahr., zu verhungern, ausgesetzt. Denn man muss wis- 
sen, dass bei dem geringen Mundvorrathe , den diese Leute mit 
sich zu führen pflegen, leicht der grösste Mangel eintritt, wenn 
sie durch irgend einen Zufall an der schnellen Erreichung ihres 
Zieles verhindert werden." 

Vergleicht man diese humane, schonende Rede mit dem tragi- 
komischen Bombast des Hrn Greverus in seiner Kriegserklärung 
gegen die römische Curie, so ist der Leser nicht lange zweifel- 
haft, auf welcher Seite der bessere Geschmack und der klügere 
Sinn zu suchen sey. 

Falhnerayer. 



PHYSIKALISCHE LITERATUR. 

Indem Ref. beabsichtigt, neuerdings erschienene Compendien 
anzuzeigen, wird es erlaubt seyn, einige allgemeine Bemerkungen 
über diese speciellen literarischen Erzeugnisse vorauszuschicken. 
In früheren Zeiten, etwa bis zu den letzten Decennien, versuch- 
ten die meisten Physiker ihre Kräfte an einem Lehrbuche oder 
Handbuche, weil Sachkenner hieraus den Umfang ihrer Kenntnisse 
und die Art, wie sie die Wissenschaft aufgefasst hatten, auch 
was ihnen selbst zugebörte und was blos von andern entnommen 
war. bei der geringen Menge vorhandener ähnlicher Werke leicht 
entnehmen konnten. In dieser Beziehung bleibt das durch Lich- 
tenberg bearbeitete Erxiebensche Coinpendinm, welches Mayer, 
eben wie Ref. selbst und andere, namentlich in Rücksicht auf die 
darin aufzunehmende Literatur zum Vorbilde genommen haben, 
nnd das von Schmidt noch immer schätzbar. Gren war be- 
müht, das Phlogiston in Ansehn zu erhalten, Hildebrandt der 
dynamischen Theorie Kant 's Eingang zu verschaffen, Fischer 
suchte die mechanische Ansicht der Naturgesetze zu vertheidigen, 
und Scholz dem Studium der Chemie vorzuarbeiten; ihre Werke 
haben daher einen gewissen eigentümlichen Charakter, und von 
allen muss man sagen, dass ihre Verfasser sich zuvor die Wis- 
senschaft selbst zu eigen gemacht hatten, ehe sie es wagten, an- 



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78 , Phynikaliiclie Literatur. 

dem darin als Lehrer zu dienen; sie fabricirten daher nicht, wie 
unter anderen Funk, aus drei bis etwa zehn andern Büchern ein 
neues. Unter den Schriftstellern , welche eine populäre Darstel- 
lung* erstrebten, gebührt ohne Widerrede dem gelehrten Brandes 
der vorzüglichste Rang. Gegenwärtig ist es eine ungleich schwe- 
rere Aufgabe, ein Compendium zu schreiben, wenn dasselbe den 
Ruf seines Verfassers begründen soll. Das Gebiet der Wissen- 
schaft ist ausnehmend erweitert, verschiedene Probleme sind ge- 
rade jetzt streitig, und wer eine Ucbersicht des Ganzen zu geben 
versucht, darf in dem früher Gangbaren nicht unbewandert, muss 
aber zugleich mit dem Neuesten vertraut seyn, auch fordert man 
von ihm, dass er das Letztere genau genug geprüft habe, um 
sich für das Richtigere zu erklären, nicht zu gedenken, dass ihm 
alle einzelnen Theile eines kaum mehr zu umfassenden Ganzen hin- 
länglich bekannt seyn sollten, um das Wesentliche von dem min- 
der Wichtigen oder ganz Ueberflüssigen gehörig zu sondern. Hier- 
zu kommt noch der Umstand, dass ein Gelehrter sich durch eine 
einzelne gediegene Untersuchung jetzt besser legitimiren kann, als 
durch eine, obendrein nur kurze, Zusammenstellung der ziemlich 
allgemein bekannten physikalischen Hauptgesetze, weil er durch 
eine solche Arbeit, hauptsächlich wenn ihr neue Versuche zum 
Grunde liegen, Gelegenheit findet, sich über die dem Physiker so 
unentbehrliche Kunst zu experimentiren und aus den Resultaten 
richtige Gesetze zu entwickeln, genügend zu legitimiren, abgese- 
hen davon, dass es den Sachverständigen ungleich interessanter 
ist, über ein unbekanntes oder zweifelhaftes Problem Auskunft zu 
erhalten, als längstbekannte Wahrheiten abermals in der Erinne- 
rung hervorzurufen. Hieraus wird der Rcicbthum und die Wich- 
tigkeit der Zeitschriften erklärlich, unter denen die mit unvermin- 
derter Gediegenheit des Inhalts eine so lange Dauer verbindenden 
Poggendorf f 's ch en Annalen ohne Widerrede einen aus- 
gezeichneten, ja wohl überhaupt den ersten Rang behaupten, de- 
ren einzelne Bände meistens mehr werth und dem Physiker un- 
entbehrlicher sind, als die gleichzeitig mit ihnen erschienenen Com- 
pendien. 

1. Lehrbuch der Physik und Astronomie nach den neuesten Beobachtungen 
und Untersuchungen systematisch zum Gebrauche beim Unterrichte be- 
arbeitet von Dr F. J. Gocbcl, gew. ordentl. Professor der mathema- 
tischen Ii issenschufteu an der K. fticderl. Universität Löwen. Mit 
10 Figurentafeln. Karlsruhe 188». 483 S 8. 

Nach der Vorrede war dieses Compendium dazu bestimmt, 



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Goebel'« Lehrbuch. 



dem Unterrichte auf höheren Lehranstalten zum Grande gelegt zu 
werden. Alle Sachkenner müssen dem Verf. in dem beistimmen, 
was er über die Wichtigkeit der Forderungfoagt, das Nachden- 
ken der Studierenden durch die scharf und bestimmt aufzufassen- 
den Naturgesetze zu üben, und dem lebel vorzubeugen, sieb mit 
nichtssagenden oder halb wahren Worten zu begnögen, weil „der 
„Zögling, welcher sich ernsten Studien widmet , nicht allein 1er- 
„nen, sondern auch denken, seinen Geist mit nützlichen Kenntnis- 
sen ausschmücken und vor Allem an Selbsthätigkeit gewöhnen 
..soll." Nicht minder richtig sind die Forderungen angegeben, 
denen ein für diesen Zweck bestimmtes Werk genügen muss, 
wenn es heisst: „Ein Lehrbuch, welches in die Hände der Schü- 
ler, denen die darin abgehandelte Wissensehaft noch neu er- 
„scheint, gegeben werden soll, muss eine allgemeine Uebersicht, 
„die Grundzüge und die neuesten Fortschritte der betreffenden 
„Wissenschaft in möglichster Kürze enthalten." Wenn man 
aber diejenige Strenge der Kritik in Anwendung bringt, die ge- 
rade bei der Prüfung eines Compendiums für Schulen unerlässlioh 
irt, so kann man kaum umhin, zu bemerken, dass eben diesen auf- 
gestellten Anforderungen nicht überall Genüge geschehen Ist 
Eben die so nothwendige Kürze, die nur durch die sorgsamste 
Wahl der bestimmtesten Ausdrücke erreichbar ist, wird man ver- 
missen, noch mehr aber diejenige Schärfe der Bestimmungen, de- 
ren Unentbehrlichkeit für den noch unkundigen Schüler gerade 
deswegen so unbestreitbar ist, weil man diesen auf keine Weise 
irre führen darf. So wird S. 311. die Brechung des Lichtes zur 
Kafoptrik gerechnet, und uicht genügend von der Spiegelung ge- 
schieden, auch steht S. 390. ohne weitere Beschränkung der Satz, 
„dass die Elektricität nicht in das Innere der Körper eindringe, 
„sondern blos auf ihrer Oberfläche eine Schicht bilde 64 , obgleich 
dieses nur von der statischen, keineswegs aber von der dynami- 
schen Elektricität gilt. Wenn Seite 414. gesagt wird , „dass ein 
„magnetisirter Eisenstab, welcher auf einer Horizontalebene sich 
„frei bewegen kann, zuletzt eine unveränderliche Richtung anneh- 
„me, die wenig vom Erdmeridiane des Beobaohtungsortes abwei- 
che," so ist hierbei die wichtige Thatsache nicht berücksichtigt, 
dass Eisen im eigentlichen Sinne (weiches Eisen) sich bekannt- 
lich nicht zur Magnetnadel machen lässt, sondern im magnetischen 
Meridiane, oder genauer, in der Richtung der Inklinationsnadel, 
zum temporären Magnete wird, und zunächst nur Stahl, am besten 




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Gocbc! » Lchrbneh 



ist die Angabe S. 483., „dass eine in den elektrischen Strom ei- 
gner volta'schen Säule gebrachte Abweicliungsnadel von ihrer Rich- 
tung abgelenkt werde u : denn wie oft hat man dieses, wörtlich 
genommen, vor Oersted's glänzender Kntdeckung ohne irgend 
einen Erfolg versucht, bis dieser Gelehrte zeigte, dass der Lei- 
ter des elektrischen Stromes, Ampere's Rheophor, 
auf eine eigentümliche Weise magnetisch werde. 

Der Verf. giebt ferner, in der erwähnten Stelle der Vorrede, 
eine allgemeine Ueb ersieht als nöthig an. Dieses kann 
nicht so gedeutet werden, als müsse ein Compendium vollständig 
aeyn, nnd also die ganze Wissenschaft enthalten ; denn dieser Ei- 
genschaft kann sich selbst das neue Wörterbuch, ungeachtet sei- 
nes unerwartet grossen Umfanges, nicht rühmen; allein die wich- 
tigsten Gesetze muss ein jedes Lehrbuch so enthalten, wie sie 
allgemein angenommen sind, und wo noch bedeutende Zweifel 
obwalten, muss dieses mindestens angedeutet werden. Diese Re- 
gel ist aber vernachlässigt, indem S. 376. Xewton's Theorie der 
Anwandlungen ohne die Beschränkung vorgetragen wird, dass 
diese Anwandlungen nichts anders als Wellen sind, auch findet 
man S. 405. blos Volta's Theorie des Hagels angegeben, ohne 
der gewichtigen Einwendungen dagegen zu gedenken, die noch 
kürzlich das Pariser Institut bewogen haben, dieses schwierige 
Problem zum Gegenstande einer Preisfrage zu machen. Eben so 
lässt sich gegen die S. 390. ohne Beschränkung gegebene elek- 
trische Theorie des Verbrennens Vieles einwenden, namentlich die 
Resultate von Peltier's interessanten Versuchen, und schon aus 
diesem einzigen Beispiele ergiebt sich deutlich, wie sehr die grosse 
Masse der bekannt gewordenen Thatsachcn allseitig geprüft wer- 
den muss, ehe man wagen darf, die aus ihnen richtig abgeleite- 
ten Naturgesetze mit Bestimmtheit aufzustellen. Gegen die vom 
Verf. gleichfalls erwähnte Forderung, die neuesten Fortschritte zu 
berücksichtigen, ist in seinem vorliegenden Werke oft und auffal- 
lend gefehlt. 

(Der Schlufs folgt.) 



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N # . 6. HEIDELBERGER i840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Physikalische Literatur. 

(Dcschlufs.) 

Als Beleg zu diesem Vorwurfe mag dienen, dass Seite 
394. blos die alte Einrichtung des Condensators nach Lich- 
tenberg und J. T. Mayer erwähnt wird, und dass S. 490. vom 
amerikanischen Magnetpole die Rede ist, ohne dabei der wirkli- 
chen Auffindung desselben durch Cap. Ross zu gedenken. Am 
auffallendsten in dieser Beziehung ist es, dass bei der Untersu- 
chung der Höfe um Sonne' und Mond so viele ältere Erklärer die- 
ser Phänomene, Descartes, Huyghens, Mariotte, Hube, 
Neu mann, Parrot und Tob. Mayer, aber nicht die neuesten 
und vorzüglichsten, Fraunhofer und Brandes genannt wer- 
den. Nach S. 396. soll, den Versuchen von Jallabert und 
Mimbai gemäss, durch den elektrischen Strom das Wachse* der 
Pflanzeu befördert und der Blutumlauf beschleunigt werden ; allein 
das Vertrauen des Schülers zu dem vorliegenden W r erke dürfte 
doch bedeutend geschwächt werden, wenn er aus einer andern 
Quelle nähere Belehrung über diese so oft ventilirte und auf so ver- 
schiedene Weise beantwortete Frage erhielte. Endlich sollte auf 
die Correctur wohl mehr Sorgfalt verwandt seyn, indem viele Feh- 
ler, z. B. S. 301. Jahrb. des physischen (polytechnischen) In- 
stituts zu Wien, Brever statt Brewer, S. 420. Bint statt Biot 
unangenehm auffallen. Eine sehr schätzbare Zugabe zum Ganzen 
sind dagegen die ausnehmend genau gezeichneten und höchst sau- 
ber auf schönem Papier abgedruckten Figuren. 



2. Lehrbuch der Experimentalphysik von Dr. Ludw. Frredr. Kämt «, 
ordentl Professor der Physik tu Halle. Halle, 1889. A7/. und 485. 
S. 8. mit 3 Steindrucktafeln. 

Der Verf. dieses Lehrbuches gehört unter diejenigen Physi- 
ker, welche sich bereits durch einzelne gediegene Abhandlungen 
als scharfsinnige Forscher legitimirt und den Umfang wie nicht 
minder die Gründlichkeit ihrer Kenntnisse durch grössere, inhalt- 
XXXIII. Jahrg. 1. Heft 6 



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82 



Kämtx Löhrbach. 



schwere Werke (namentlich dessen Meteorologie) genügend nach- 
gewiesen haben. Es bedurfte daher keiner Entschuldigung dar- 
über, dass die Zahl der vorhandenen Compendien durch dieses neue 
vermehrt ist, denn auch geübte Physiker werden die hier gegebe»- 
ne concinne Zusammenstellung der überall wohlverstandenen und 
reiflich durchdachten Naturgesetze mit Vergnügen lesen; inzwi- 
schen soll dasselbe zunächst für des Verf. Vorlesungen bestimmt 
seyn, wobei zugleich auf die ihm zu Gebote stehenden Apparate 
Rücksicht genommen ist. Im Allgemeinen scheint uns dasselbe 
für Vorlesungen auf Universitäten, wie diese billig seyn sollten, 
sehr geeignet, es ist seiner Kürze ungeachtet reich, streng wis- 
senschaftlich und ohne Ueberladung mit schwierigen Formeln doch 
durchaus im mathematischen Gewände gehalten, wozu noch viele, 
für so manche Falle nützliche tabellarisch zusammengestellte Grös- 
sen-Bestimmungen kommen, z. B. der bichtigkeiten des Wassers 
bei verschiedenen Temperaturen, der Elasticitäten des Wasser- 
dampfes, der Correctionen des Barometers, des Psychrometers eto. 
Allerdings muss der akademische Vortrag meistens etwas ober- 
flächlich, nicht mathematisch scharf und tiefer eingehend gehalten 
werdtfh, denn nur zu wahr ist das S. 480. hierüber Gesagte, dass 
ehemals Kenntniss der Naturgesetze als ein nothwendiger Theil 
der Studien auf Universitäten galt, statt dass diese sich jetzt fast 
nur auf Examensfragen beschränken, wodurch die Achtung gegen 
gelehrtere Bildung um so weniger gewinnen kann, je mehr jene 
nützlichen Kenntnisse gegenwärtig durch Gewerb- und Industrie- 
Schulen unter der ( lasse der Nichtstudierenden allgemeiner ver- 
breitet werden ; es ist jedoch zu erwarten, dass künftig die ersten 
Elemente der Physik schon auf Schulen an die Mathematik ge- 
knüpft werden, und dem akademischen Lehrer dann ein gründli- 
cherer Unterricht in diesen beiden so werthvollen wissenschaftli- 
chen Disciplinen vorbehalten bleibt 

Die Anwendung der einzelnen Lehren ist zwar im Ganzen 
die nämliche, wie in den meisten, namentlich deutschen, Compen- 
dien, jedoch ntit der Abänderung, dass nach der Betrachtung der 
Bewegungsgesetze der Körper im verschiedenen Aggregatzustande 
im dritten Capitel von der Wirkung der Corpuscularkräfte gehan- 
delt wird, worunter ausser den durch Attraction erzeugten Er- 
scheinungen auch die Ausdehnung der Körper durch Wärme und 
die mit der Veränderung des Aggregatzustandes verbundenen 
Wärmeerscheinungen begriffen sind. Ausserdem geht, nach der 
hier erwähnten Reihenfolge, Elektricität und Magnetismus voraus, 



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Kämtz Lehrbuch. 



8t 



es folgt dann das Licht und endlich die Wärmelehre, jedoch wird 
vom Thermometer, als einem so vielfach anzuwendenden Mess- 
werkzeuge, gleich anfangs geredet. 

Auf Einzelnheiten beabsichtigt Ref. nicht einzugehen, doch 
verdient bemerkt zu werden, dass de Borda's Princip der dop- 
pelten Wägung, Web er" s Mittel feiner Wägungen und <Iie (' In- 
struction der Fühlbebel nicht übergangen sind, wogegen man aber 
die sogenannten hunting wheels vermisst. Als Erfinder des ste- 
reometers wird S. 70. Saigey genannt, nach Gilb. Anm. »30 
heisst er aber Say. Der notwendigen Kürze ungeachtet, sind 
die Gesetze der Wellenbewegung S. 110. in ihren wesentlichsten 
Elementen, sehr deutlich angegeben, eben so die Hindernisse def 
Bewegung so, dass mündliche Erläuterungen sich sehr gut daran 
knüpfen lassen. Dass der Verf. die Krystallogenie etwas aus- 
führlicher in den Bereich der physikalischen Gesetze zieht, ist ge- 
wiss sehr zu billigen, denn es führt dieses zu einer näheren Wür- 
digung vieler Naturerscheinungen, und gibt Veranlassung zu ei- 
ner mehr eindringenden Untersuchung derselben, die sich dann 
zweckmässig auf die hier gründlich und mit Hinweisung auf die 
reichhaltige Literatur abgehandelten Phänomene der Attraction aus- 
dehnen lässt. Die elektrischen Erscheinungen werden von einer 
eigentümlichen Kraft hergeleitet, dabei ist aber die Frage 
umgangen, ob es in der Naturlehre eine Kraft ohne materielles 
Substrat geben könne, was Ref. zu verneinen geneigt ist; auch 
spricht sich der Verf. dahin aus, dass auf allen Fall eine grosse 
Menge von Erscheinungen am besten durch die Annahme von zwei 
(ätherischen) Flüssigkeiten vorstellbar werden. Das Entstehen der 
Liöhtenberg'schen Figuren wird S. 270. sehr kurz nur als Folge 
der Zersetzung der natürlichen Elektricität auf der Oberfläche har- 
ziger Körper dargestellt, es dürfte aber zur genaueren Kenntnisa 
des Verhaltens bei diesen Phänomenen nicht unwichtig seyn zu 
bemerken, dass die Wirkung auch ins Innere eindringt, was aus 
den bei Harzplatten auf der andern Seite entstehenden entgegen- 
gesetzt elektrischen Figuren unverkennbar hervorgeht, insbeson- 
dere wenn man mehrere Harzplatten durch Metallringe getrennt 
über einander schichtet, und bei allen auf ihren beiden Seiten ein- 
ander entgegengesetzte Figuren erzeugt. Rücksichtlich der Ent- 
scheidung über die Zulässigkeit der chemischen oder der Contact, 
Theorie hält sich der Verf. neutral, stellt aber eine Menge Tbat- 
sachen zusammen, aus denen sich triftige Gründe für die eine oder 



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RaunißRrtner"* Natnrlchrr. 



die lindere herleiten lassen. Ref. ist übrigens der Meinung, dass 
eine genügende Hypothese nicht blos die hydroelektrischen, ther- 
moelektrischen and magpetoelektri sehen Ströme, sondern* auch den 
Feuerhall in sich fassen müsse, welcher ans einer Wolke herab- 
geschleudert, einen Eichbaum spaltet. In der Wärmelehre wird 
auf die neuesten Versuche von Korbes und Melle ni Rücksicht 
genommen, was wohl nicht so sehr zur Aufhellung des Ganzen, 
als vielmehr zur Nachweisung der Wichtigkeit dieser Erscheinun- 
gen und der vielen Schwierigkeiten führt die einer allen Thatsa- 
chen genügenden Theorie bis jetzt noch im Wege stehen. Ange- 
hängt ist eine sehr zweckmässige kurze Uebersicbt der wichtig- 
sten Momente in der Geschichte der Physik. 



■ 

Die yaturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht auf ma- 
thematische Begründung. Dargestellt von Dr. A. Baumgartner, 
k. k. Regierungsrathe etc. Sechste Auflage von Genanntem uud von 
Dr. Andreas v Ettingshausen , Prof. der Physik etc. gemein- 
schaftlich umgearbeitet. Mit 8 Kupfertafeln. Wien, 1839. Vllh und 

m s. 8. 

reber den Werth dieses trefflichen Werkes hat das sachver- 
standige Publikum bereits in der Weise entschieden, dass eine all- 
gemeine und ins Einzelne eingehende Kritik als überflüssig er- 
scheinen dürfte. Es muss jedoch bemerkt werden, dass diese neue 
Auflage die früheren an innerem Gehalte bedeutend übertrifft, was 
bei dem kurzen, seit dem Erscheinen der vorhergehenden verstri- 
chenen Zeiträume nicht zu erwarten war. Nicht blos ist alles seit- 
dem neu Hinzugekommene, auf eine dem Umfange des Werks an- 
gemessene Weise, aufgenommen, sondern das Ganze ist auf das 
sorgfältigste revidirt, um durch vermehrte Präcision im Ausdrucke 
und die Wahl kleinerer Schrift den Umfang um fast 100 Seiten 
zu vermindern; selbst auch die früheren sehr schönen 9 Kupfer- 
tafeln sind auf 8 von reicherem Inhalte zurückgebracht, ohne der 
Schönheit wesentlichen Abbruch zu thun. 

Dass zwei solche Männer, wie Baumgartner und v. Et- 
tingshausen, die zu den berühmtesten Physikern der jetzigen 
Zeit gehören, durch vereinte Bemühungen etwas Ausgezeichnetes 
zu leisten vermochten, und dieses wirklich geleistet haben, darüber 
wird im Publikum kein Zweifel herrschen. 



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Bayrhoffer't Naturphilosophie. 



Beiträge zur Naturphilosophie. Von Dr. C. T. Bayrhofftr, ausseror- 
, deutlichem Professor der Philosophie an der Universität zu Marburg. 
Erster Beitrag. Da» System der Naturentwickelung als allgemeine 
Grundlage. Leipsig, 1829. Wir. und 116 & 8. Zweiter Beitrag. 
Die Theorie der ursprünglichen und geschlechtlichen Erzeugung de* 
Menschen. Leipzig, 1840. XII. und 199 S. 8. 

Dieses Werk ist für zwei verschiedene Classen von Gelehr- 
ten bestimmt, zuerst für die speculativen Philosophen, nnd zwar für 
diejenigen, die sich Naturphilosophen nerifeen, weil sie auch die 
Gesetze der physischen Welt mit in den Bereich ihrer Forschun- 
gen ziehen, und dann für die Physiker, die seit New ton 's Zei- 
ten und nach dem Vorbilde dieses grossen Musters eine philoso- 
phische Erforschung der Natnrgesetze als Gegenstand ihrer Be- 
strebungen ansehen. Zwar bemühet sich die erste dieser Classen, 
seit dem Anfange dieses Jahrhunderts, die zweite Classe zu sich 
herüberzuziehen, um mit gemeinschaftlicher Anstrengung das ge- . 
sammte Gebiet der speculativen Wissenschaften zu erweitern, al- 
lein die Physiker, und zwar namentlich in Deutschland, wo jene 
Philosophie die meisten Verehrer fand, wurden nach zu langer 
Zeit endlich inne, dass sie auf dem vorgezeichneten Wege wan- 
delnd in der eigentlichen Kenntniss der Naturgesetze zurückzie- 
hen, sie sahen mit Betrübniss die Ausländer durch neue wichtige 
Entdeckungen ihnen vorauseilen, und entschlossen sich daher, selbst- 
ändig auf Jie früher übliche Weise ihre Forschungen anzustel- 
len, wie dieses Kämtz in dem oben angezeigten Werke aus- 
drücklich angiebt, so dass vorerst schwerlich an eine Wiederver- 
einigung zu denken seyn wird. Unter diesen Umstanden muss 
eine Beurtheilung des vorliegenden Werkes von zwei gegenwar- 
tig verschiedenen Standpunkten ausgehen, demjenigen nämlich, 
auf welchem sich die speculativen Naturphilosophen befinden, und 
demjenigen, den die empirischen Physiker, sofern sie stets an der 
Erfahrung festzuhalten entschlossen sind, nicht verlassen wollen. 

Was nun zuerst den speculativ-naturphilosophischen Gesichts- 
punkt betrifft, so ist Ref. durchaus nicht competenter Richter, und 
inaast sich auch überall kein Recht der Beurtheilung an. Die täg- 
lich sich mehrenden Entdeckungen und die Vereinigung der hier- 
durch gesammelten Erfahrungen zu allgemeinen Gesetzen sind von 
einem so grossen Umfange und bieten so unüberwindliche Schwie- 
rigkeiten dar, dass auch der fleissigste, geübteste, mit dem früher 
Aufgefundenen hinlänglich vertraute Gelehrte alles dieses klar auf- # 
zufassen und reiflich zu durchdenken kaum im Stande ist, und 



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fe6 Bajrhofter'a Naturphilosophie. 

daher unmöglich geneigt seyn kann, auf die hier gebotenen Spe- 
culationen einzugeben. So weit jedoch Ref. mit der Hcgel'schen 
Philosophie bekannt ist, hat er gefunden, dass das Werk ganz im 
©eiste und nach dem Vorbilde dieses neuesten berühmten Fuhrers 
der speculativ-wissensebaftlicben Schule verfasst ist, und es leidet 
daher wohl keinen Zweifel, dass die Anhänger dieses Systems in 
den hier dargebotenen Speculationen volle Befriedigung finden wer- 
den. Handelt es sich dagegen um die eigentlichen Physiker, wei- 
che die Erfahrung al* einzige Quelle ihrer Wissenschaft betrach- 
ten, und nicht wagen, sich von den Resultaten der Beobachtungen 
und Versuche weiter zu entfernen, als dieses erlaubt ist, wenn sie 
dieselben stets klar vor Augen behalten wollen, so möge es er- 
laubt seyn, einige Bemerkungen vorauszuschicken, welche darthun 
werden, warum es -diesen nicht erlaubt seyn kann, sich in so hohe 
geistige Speculationen zu versteigen, so dass daher die specula- 
4iYfi Naturphilosophie stets von der empirischen getrennt seyn muss. 

Der Physiker erforscht und erkennt die sinnlich wahrnehm- 
baren Gegenstände, untersucht die vorkommenden Veränderungen 
und scnliesst auf deren Ursachen, indem er jene ersteren als Cros- 
sen betrachtet, und als solche vermittelst mathematischer Bestim- 
mungen und Formeln ausdrückt, diese letzteren aber für die wah- 
ren h&H, ao lange sie mit jenen Formeln, wie allgemein sie auch 
genommen werden und wie verschieden auch die zusammengehö- 
rigen Erscheinungen sioh gestalten mögen, hinlänglich übereit»- 
atimmen. Bei dieser Art der Forschung entdeckt er aber bald, 
dass ausser dem genau Erkannten und mit diesem zusammenhän- 
gend noch vieles vorhanden ist, was er bedächtig fortschreitend 
mit gleicher Klarheit eu erkennen nicht vermag, ja er sieht man- 
ches in so weiter Ferne liegend , dass er die Hoffnung verlieren 
muss, jemals zur deutlichen Kenntniss desselben zu gelangen. 
Diese Ueberzeugung ist sehr fruchtbar, denn vorzüglich führt sie 
zur bescheidenen Anerkennung der Beschränktheit des menschli- 
chen Erkennungsvermögens, welches nicht einmal die Gesetze der 
sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen sämmtlich zu fassen ver- 
mag, und dennoch das Höhere, bis zu unendlicher Ferne sich er- 
streckende, nicht in Abrede stellen kann. Abgerechnet, dass die- 
ses nothwendig einen religiösen Sinn wecken muss, würde gewiss 
das in neuester Zeit so oft vorgekommene starre und unbeugsame 
Festhalten an den blosen Formen des Geglaubten und die daraus 
- erwachsene Verketzerungssucht abweichender Meinungen in so 
hohem Grade nioht stattgefunden haben, wenn eine einfache und 



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Bnyrhoffer'i Naturphilosophie. 87 

• 

besonnene, von der Erfahrung anstehende nnd immer wieder hier- 
auf zurückkommende Philosophie die Gemfither mit Bescheidenheit 
erfüllt, und in ihnen die Ueberzeugung geweckt hafte, dass der 
menschliche Geist /.war in Gegenständen der Erfahrung zu einem 
genügenden Grade unumstösslicher Gewissheit gelangen kann, in 
allen hierüber hinausgehenden Dingen aber mit Misstrauen gegen 
die Schärfe seines Verstandes erfällt seyn mnss. Allerdings hat 
es einen grossen Reitz, ans den hier bezeichneten engen Grenzen 
herauszugehen , sich mit einem kühnen Sprunge in die höheren 
geistigen Sphären zu versetzen, nnd den durch die Erfahrung nicht 
gezOgelten Verstand frei herumtummeln zu lassen ; da man jedoch 
nach einem aus der menschlichen Natur nnabweislich hervorge- 
henden Gesetze nothwendig wieder aus jenen höheren Regionen 
zurückkehren mnss, und dann gewahrt, dass das dort vermeintlich 
Gefundene zu dem hier wirklich Gegebenen nicht passt, dass viel- 
mehr oft phantasirt wurde, wenn man zn philosophiren wähnte, so 
kann gewiss nicht verargt werden, wenn nachher eine wohlbe- 
gründete Furcht vom weiteren Betreten dieses Pfades zurück- 
schreckt. 

Um das im Allgemeinen angedeutete Verhältnis« der beiden 
genannten Cfassen etwas näher zn bezeichnen, wählen wir einige' 
zufällig sich darbietende Stellen. Wenn es im Anfange der all- 
gemeinen Einleitung heisst: „Die Erfahrung ist die unmittelbare 
„und zeitliche Basis der Philosophie. Sie gewährt den, etwa auch 
„\n Verstand es formen schematisirten , Stoff, welchen die Phi- 
losophie begeistet nnd begreift. Die Philosophie nämlich 
„geht ans von dem Geiste, welcher der Grund nnd die Macht 
„des Universums ist, nnd fasst den Geist, die innere ideale Noth- 
„wendigkeit und Erzeugung der Dinge," so wird es allerdings 
dem Philosophen genehm seyn, diesen von seiner Philosophie aus- 
gehenden Geist zn fassen, der Physiker aber, welcher kein Glied 
zu überspringen sich zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht hat, 
wird nicht begreifen, warum die Philosophie nicht von ihrer Ba- 
sis, der Erfahrung, ausgeht, sondern von einem Geiste, den sie 
selbst fasst. An einer andern Stelle S. *9. wird den Physikern 
„eine Fiction, ein theoretisches Spiel des sinnlichen (T) 
„Verstandes, die ungemessene Verwandlung fast aller Momente der 
„Natnr in Stoffe, Materien" vorgeworfen; als ob der Physi- 
ker nicht mit der Materie anzufangen gezwungen wäre, die un- 
geachtet aller zahlreichen Beobachtungen und Versuche, verbunden 
mit dem angestrengtesten Nachdenken, noch von keinem nach ih- 



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Bayrhoffer'a Naturphilosophie. 



rer Wesenheit vollkommen erkannt wurde. „Es ist ein Bänd- 
er ei fliehmachen der Erscheinungen, wobei freilich nur der 
„Begriff und die Erfahrung (?) leer ausgeht. • Lichtstoff, Schau- 
mstoff, Riechstoff, Farbestoff, magnetische, elektrische Materie, Wär- 
„mestoff — warum nicht gar auch Schwerestoff, Seelenstoff, Seh- 
stoff, Hörstoff f" Solche Tiraden machen auf den gewiegten Phy- 
siker eben so wenig Eindruck, als das stärkste Geprassel blinder 
Schüsse auf den iu blutigen Schlachten geübten Veteranen. Obgleich 
die Lichtphänomene nicht anders vorstellbar werden, als durch die 
Annahme eines Aethers, welcher vom Sirius aus und durch noch 
weit unbegreiflicher grössere Räume die dort erzeugten Wirkun- 
gen bis zum Auge des beobachtenden Erdbewohners fortpflanzt, 
so kann doch nur der ganz Unkundige zu dem Irrwahne verleitet 
werden, als ob hieraus die Annahme eines Schallstoffes folge. 
Der Physiker hält in dieser Beziehung fest an dem, was auf dem 
sichern Wege der Forschung ihm bekannt geworden ist, z. B. an 
der gediegenen Arbeit von Poisson im VIII. Bd. der Mem. des 
Instituts, welcher ausgezeichnete Gelehrte aus der Annahme der 
durch entgegenwirkende Kräfte im stabilen Gleichgewichte erhal- 
tenen Molecülen die Entstehung aller möglichen Töne durch Hälfe 
jles elegantesten Calculs lichtvoll entwickelt, und dadurch eine 
gleich unumstössliche Ueberzeugung erzeugt, als die einfach er- 
langte und gewöhnliche zahlloser Menschen ist, wie sie dieselbe 
über die Richtigkeit täglich in ihrem Hauswesen vorkommender 
gemeiner Rechenexempel hegen. Phrasen können hiergegen nichts 
ausrichten, dagegen aber würden die Naturphilosophen sofort ein 
aufmerksames und geneigtes Gehör finden, wenn es ihnen gefällig 
wäre, in der genannten oder ähnlichen Abhandlungen Verstösse 
gegen wohlbegründete Regeln der Analysis aufzufinden, oder durch 
mathematische Behandlung der Erscheinungen darzuthun, dass die 
bereits durch Newton'in seinen sogenannten Anwandlungen ge- 
fundene Länge der Lichtwellen, wofür die Annahme eines Licht- 
äthers unerlässliche Bedingung ist, nothwendig eine andere seyn 
müsse. 

Der Verf., dem man übrigens grosse Belesenheit in Werken, 
die in das Gebiet der Naturlehre gehören, und einen reichen Schatz 
hieraus gesammelter Kenntnisse nicht absprechen kann,' wird sicher 
die hier mitgetheilten Bemerkungen nicht übel deuten, bei denen 
auf allen Fall eine wohlgemeinte Absiebt unverkennbar zum Grun- 
de liegt. 



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Naturphilosophie. 



Systematische Eneyehpädie und Methodologie der theoretischen Naturwis- 
senschaften von Dr. Gustav Suckow, ordi ..tlichem Honorar- Prozes- 
sor der Philosophie an der Universität zu Jena. Halle 1839. Xll. u. 
313 S. 8. 

■ 

Ref. beabsichtigt blos eine kurze Anzeige dieser reichhaltigen 
Schrift mit/Aitheilen , um so mehr als das Eingehen in die vielen 
abgehandelten einzelnen Disciplinen auf allen Fall einen zu gros- 
sen Raum erfordern würde. Es möge daher genügen, nur im 
Allgemeinen zu bemerken, dass hier eine Einleitung in die einzel- 
nen Zweige des gesammten Studiums der Xatur und der dazu ge- 
hörigen Hülfswissenschaften gegeben wird, die den wesentlichen 
Inhalt derselben, die Art, sie zu studiren, ihren Zusammenhang 
unter einander und die wichtigsten dazu gehörigen literarischen 
llülfsmittel enthalt. Die meisten Naturforscher können gegenwär- 
tig", wegen der Fülle der täglichneu hinzukommenden ThaUaehen, 
mit denen sie sich nothwendig vertraut machen müssen, die erfor- 
derliche Zeit nicht erübrigen, um ihre Bekanntschaft mit den ih- 
rer Wissenschaft verwandten Zweigen zu erneuern, inzwischen 
ist es gut, in einer solchen Zusammenstellung einmal wieder das 
Ganze zu uberblicken und insbesondere die hier gesammelte rei- 
che Literatur sich bekannt zu machen, vorzüglich aber ist eine 
solche Uebersicht des grossen Ganzen für diejenigen vorteilhaft, 
die einen speciellen Theil gründlich zu studiren beginnen, insofern 
sie dadurch angetrieben werden, neben dem ihnen in so über- 
schwenglicher Fülle dargebotenen Tatsächlichen zugleich ihren 
Scharfsinn bei philosophischen Betrachtungen «tu üben und sieh 
an ernstes Nachdenken über das Erlernte zu gewöhnen. Auch für 
solche Leser, welche einen einzelnen Zweig der Naturwissensehaf- 
ten im ganzen Umfange gründlich zu studiren nicht beabsichtigen, 
dagegen einen Ueberblick des Ganzen zu erhalten und den Zu- 
sammenhang zwischen speculafiver Philosophie und empirischer 
Naturforschung kennen zu lernen wünschen, enthält diese Ency- 
clopädie gerade dasjenige, was sie suchen und billig verlangen 
dürfen. Allen diesen kann Ref. die wohlgclungene Schrift von 
gediegenem Inhalte und klarer Darstellung mit gutem Gewissen 
bestens empfehlen. 

Muncke. 



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90 Neueste Schriften über Griechische Vasen, 

1. II Ciudizio di P aride rappreaentato sopra Ire rnediti monumenti 

pubblicati td illustrati dal Dott. Emilio Braun. Edizione altera. 
Parigi,.dai tipi di Firmino Didot 18158. S. 13, 4fo mit zwei Vignetten 
und zwei lithographischen Bildern. 

2. Auserlesene Griechische V a s enbilder , hauptsächlich Ktruskischen 

Fundorts, herausgegeben von Ed. Gerhard, Archäologen des königli- 
chen Museums in Berlin. Erstes Heft. Tafel l—VL Berlin^ bei Rei- 
mer 1839; Zweites Heft, Tafel V 11- XII. Ebendaselbst 1839; Klein- 
folio & 48. 

5. Fasenbilder. I. Orestes in Delphi, fl. Theseus und der Minotauros, 
II/. Dionysos und sein Thiasos , IV. Diomedcs und Helena, Poseidon 
und Amymone Herausgegeben und erklärt von Otto Jahn. Ham- 
burg und Kiel, bei Perthes- Bester et Mauke, und bei Sehwers H'ittwe. 
1839, Ä. 40, kl. 4to mit vier lithographischen Tafeln. 

4. Zur Gallerie der alten Dramatiker; Auswahl unedirter Griechi- 
scher Thongefässe der G ross her zo gl. Badischen Samm- 
lung in Marlsruhe. Mit Erläuterungen von Fr. Crcuzer. Mit (VJ 
lithographischen Umrissen. Heidelberg, bei C. F. H inter 18*9, S. 
130. gr Svo. 

Aufgefordert von der Redaktion dieser Jahrbücher, diese letzte 
Schrift (Nr. 4.) selbst anzuzeigen, finde ich es zweckmässig, die 
Titel obiger drei Schriften, die theils gleichzeitig, theils kurz 
nachher erschienen sind, vorauszuschicken, und somit meinen Beg- 
licht über acht Vasen-Bücher, den ich neulich in deu Münchner 
Gelehrten-Anzeigen (1839. Nr. 157 — 161.) gegeben, zu ergänzen. 
Vorjetzt kanu ich jedoch aus den oben verzeichneten drei Schrif- 
ten uur einige Punkte bemerken, die mit der Auswahl von Vasen 
der Grossherzoglicji Badisohen Sammlung (Nr. 4.) in Berührung 
stehen. Zu weiteren Bemerkungen über diese drei neuesten, so 
wie über andere Bereicherungen der Vasen-Literatur, werde ich 
ohnehin Gelegenheit haben, da ich einem höchsten Auftrag gemäss, 
die Beschreibung der Karlsruher Vasen-Sammlung, so weit meine 
Kräfte reichen, fortsetzen werde. Ueber diese letztere wiederhole 
ich hier nur den Anfang meines Vorworts: 

„Eine ansehnliche Sammlung bemalter Griechischer Thonge- 
fässe, welche neulich im Auftrage Seiner Königlichen Hoheit 
des Gross h er zogs von Baden durch Seinen Geschäftsträger 
am Römischen Hofe, den kunsterfahrnen Herrn Rittmeister Ma- 
ler, in Italien erworben worden, gab mir erwünschte Gelegenheit, 
dieser Gattung antiker Denkmale aufs neue meine Aufmerksam- 
zuzuwenden etc." 

Seitdem ist diese Sammlung, welche früher in Rom Aufmerk- 
samkeil erregt hatte, auch in Deutschland näher bekannt gewor- 



• 

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I 

von Braun, Gerhard, Jahn, Creuaer. 



91 



den: und neuerlich haben unsere ausgezeichnetsten Archäologen, 
wovon ioh hier nur die Herren Braun, Gerhard, Thiersoh 
und Welcker nennen will, sie an Ort und Stelle betrachtet. Sie 
wird eine Hauptzierde des neuen, seiner Vollendung entgegenscbrei- 
tenden Kunst-Museums zu Karlsruhe werden, in welchem nicht nur 
die Erzeugnisse der neuen , sondern auch die der alten Kunst Auf- 
nahme finden sollen, und wenn die genannten Männer, so wie alle 
gründliche Kunst-Kenner sich wahrhaft freuen, dass in dieser Samm- 
lung auch die Antike möglichst würdig repräsentirt werden wird, ao 
zweifeln wir nicht, dass auch unsere vaterländischen Künstler diese 
Empfindung theilen, und dass namentlich unsere Maler dem gluckli- 
eben Erwerb dieser Griechischen Thongefässe, sowie hoffentlich künf- 
tigen, Beifall geben werden, deren Malereien uns hauptsächlich von 
den untergegangenen grossen Leistungen der antiken Pictur einen 
Begriff geben können. 

Meine Sorge war es nuu , und wird es ferner seyn, über die 
Vorstellungen auf diesen Vasen die Stimmen der competentsten Rich- 
ter zu sammeln und sie zum Behuf einer künftig zu liefernden voll- 
ständigen Beschreibung möglichst bald bekannt zu machen. Denn 
je räthselbafter oftmals die auf diesen Gefässen vorkommenden Ge- 
stalten, Gruppen und Sceneu sind, desto ungehöriger und anroaesen- 
der wäre es, wollte ich hierbei meinen Ansichten und Combinationen 
allein vertrauen. In dieser Ueberzeugung habe ich nicht allein meh- 
rere meiner gelehrten Freunde zur Betrachtung unsrer Sammlung 
neulich aufgefordert, und mich mit ihneu darüber unterhalten, son- 
dern beeile mich auch jetzt, dem Publikum au» den oben genannten 
drei Schriften einige hierher gehörige Notizen niitzulheileo. 

Der Verfasser von Nr. 1., Herr Dr. Braun, gegenwärtig Se- 
eretar-Stell Vertreter des archäologischen Instituts in Bom, um welche 
Anstalt er sich namhafte Verdienste erworben (wie er denn neulich 
auch eine Beschreibung der grossesten Vase unsrer Sammlung in den 
Annali geliefert — s. meine Auswahl S. I24f., — und ausserdem so 
eben zwei Schriften: Kunst Vorstellungen des geflügelte u Dio- 
nysos und: Tages und des Hercules und der Minerva heilige 
Hochzeit, zu München 1839. herausgegeben hat) — hatte von dem- 
selben Herrn Laviola, welcher von unsrer Paris- Vase im Bulleüuo 
deir Instituto arcbeol. kurze Notiz gegeben (s. meine Auswahl 
128—130.) ein Umrisszeichnung dieses Gefässes empfangen, wor- 
über er in obiger Schrift (Nr. 1.) einen gleichfalls sehr kurzen Be- 
riebt fp. 5 — y.) erstattet Ich setze den Anfang hierher: „Deila 
magnifica stnviglia di cui vao' prendere discorso, non pos- 



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92 Neueste Schriften über Griechische Vasen, 

so che dar picciolo cenno de' semplici contorni, per non averoe 
che un leggiero profilo inviatomi, siecome dissi, dal reve- 
rendo Laviola: perö non allungo parole sui pnrticolari della di- 
pintura, ne meno sulle dorature onde sono ornate le ale degli 
Amorini (und noch andere Theile sind en relief und vergoldet, 
s. Auswahl, S. 29.) ne sovr 1 nitre Specialita che vi ammiramo." 
— Es ist daher dem Hrn. Dr. Braun nicht zur Last zu legen, 
dass die beigefügte Umrisszeiehnung sehr flüchtig und in einigen 
Figuren verfehlt ist; wie denn auch die beigeschriebenen Namen 
der Personen nach dem Original und der Malcrschen Zeichnung 
corrigirt werden müssen, wie 8. 129. der Auswahl geschehen. 
Aber KATMENH findet sich schon in Laviola's Notiz gesehrie- 
ben und nicht KATMENH, welches Hr. Br. mit Recht verbessert 
hat Wenn derselbe aber (p. 6 sq.) in diesem Namen Klymene 
die Dienerin der Helena entdecken (s. Auswahl S. 15.) und 
dann wegen appellativer Bedeutung von xXv^iivr, (Famosa ; Gottfr. 
Hermann übersetzte Cluentia, praeclara, s. Auswahl S. 92.) darin 
eine Anspielung auf die berühmte Helena selbst vermuthen 
will, so wird er mir vielleicht Seihst nicht verdenken, wenn ich 
in dieser vom Vasenmaler dem Sonnengottc (Helios) so nahe 
hingestellten Klymene vor wie nach die Tochter des Okeanos und 
der Tethys die Gattin des Helios und die Mutter des Pbae- 
thon und der Helinden (s. Auswahl 8. 33.) erkenne, und seine 
Deutung zu weit hergeholt finde. 

Aber derselbe Archäolog hat mich auf eine neue Ansicht eines 
andern Vasenbildes unserer Grossherzoglichen .Sammlung* geführt, 
auf eine Ausdeutung, die ich unverzüglich den Lesern mitzuthei- 
len mich gedrungen fühle, und ^weswegen ich mich auf obige 
Schrift (Nr. 2.) beziehen werde. Doch ehe ich davon spreche, 
muss ich einer andern Vasensammlung gedenken, worin, wie in 
Nr. 2., ein Vasengemälde initgetheilt ist, das über das unsrige 
einen Aufschluss zu geben verspricht. Es ist die: 

lilite des Monuments Ceramographiquos — cxpliques 
et cominentes par Ch. Lenorroant et J.de W i tt e Paris 1837, 
1838. kl. Fol. In dieser Sammlung, wovon dreizehn Lieferungen 
vor mir liegen, erscheint pl. L1V. dasselbe Vasenbild, welches in 
den oben (Nr. 2.) angeführten Auserlesenen Griechischen 
Vasenbildern initgetheilt ist. 

In dieser letztern Sammlung hat nämlich der berühmte Arbao- 

* 

log £. Gerhard angefangen, in colorirten Abbildungen eine 
Folge von Vasenmalereien, welche den ganzen Götter- und He- 



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von Braun, Gerhard, Jahn, Creowr. 



roen -Kreis vor Augen stellen sollen, zur Belehrung der Studiren- 
den und der Gebildeten überhaupt zu publiciren, und mit zweck- 
mässigen Erklärungen cu begleiten. Wir können diesem so wohl 
angelegten und so glücklich begonnenen Unternehmen, welches, 
ohne grossen Aufwand zu fordern, die angenehmste Unterhaltung 
und die reichste Belehrung gewährt, den allerbesten Erfolg ver- 
sprechen. 

In diesem Werke befindet sieh nun (wie bei Lenormant und 
de Witte) unter andern die Geburt der Minerva darstellenden Va- 
senbildern, eins Nr. V., worüber der Erklärer sich so vernehmen 
lässt: „Bei Vergleichung der auf ähnlichen Gefässen gleichen Ge- 
genstandes in Götternmgebung dargestellten Mittelgruppe kann es 
kaum zweifelhaft seyn, dass auch der dort versammelte Götter- 
verein, obwohl ausser den Ilithyen, Apoll, Hermes und Ares 
der alltäglichsten Mythologie zum Trotz noch durch Herakles ver- 
mehrt, dem von uns besprochenen Bilderkreis der Mi nerve nge- 
burt ebenfalls angehöre, und dass der gewählte Moment, 
früher als der in der Mehrzahl der Denkmaler befolgte, den von 
Wehen gequälten Zeus darstellt, dem vor des Hephästos 
Erscheinung die Geburtsgöttinnen vergebens zur Seite 
stehen." 

Werfen wir nun hiervon unsern Blick auf das Vasenbild 
nnsrer Auswahl (Nr. 5.), so werden wir durch die grosse Aehn- 
Uchkeit des ebenfalls wie dort, auf einem Klappstuhl sitzenden 
bärtigen Gottes in Stellung und Haltung so wie der zwei Frauen 
mit aufgehobenen Händen mit der Scene bei Lenormant de Witte 
and Gerhard überrascht werden. Auch fehlt der bärtige Hermes 
nieht und die Stelle, die er einnimmt, ist dieselbige, so wie die 
der Frauen, zwischen denen der erstere Gott sitzt. Ich hatte auf 
dieser Seite unseres Sicilisch-Griechiscben Gefässcs (Nr. 6.), ge- 
leitet durch die offenbar bakchische Scene auf der andern (Nr. 
4.), den bärtigen Dionysos zwischen zwei anbetenden Frauen er- 
kannt, nnd in dem Widderkopf auf dem Scepter des sitzenden 
Gottes eine Anspielung auf den Zeus-Ammon als Vater des Dio- 
nysos gefunden. — Jetzt werfe ich die Frage auf: Ist es nicht 
vielmehr Zeus-Juppiter selbst, und zwar der kreissende Juppiter, 
zu dem die Ilithyen oder Geburtsgöttinacn jammernd aber vergeb- 
lich die Hände erheben, weil Hephästos noch zaudert, der durch 
Oeffnung des Haupts ihn von der Pallas-Miuerva entbinden soll? 
Dass von andern Göttern nur Hermes gegenwärtig ist, wäre dnreh 
«ine Kunstabkurzung eben so erklärbar, als jene tiberflüssige Ein- 



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94 Neueste Schriften über Griechische Vasen, 

fubrung des Herakles in dem andern Vasenbilue. Ohne selbst 
entscheiden zu wollen, achte ich mich verbunden, diese andere 
Ausdeutung dieses Bildes der meinigen 51. der Auswahl) 
entgegenzustellen. — .Ueber eine sehr interessante Abhandlung 
desselben Verfassers, die aus diesen Auserlesenen Vasenbildern 
mit der 19. Tafel unter dem Titel: Hermes auf Vasenbildern, 
besonders abgedruckt worden, habe ich in den Münchner Gel. 
Anzeig. (1839, Nr. 61, S. 254f.) zu reden Gelegenheit genommen. 

Nr. 3. ist ein nettes, wohlausgestattetes Büchlein, eine schmack- 
hafte Frucht der classischen Studien und Reisen des talentvollen 
Verfassers. Die Gegenstände dieser Schrift sind auf dem oben 
von mir copirten Titel angegeben. Hier kann ich nur auf den 
gehaltreichen 3. Abschnitt aufmerksam machen, der das 4. und 5. 
Capitel unserer, dem Verf. noch nipht bekannten Auswahl in 
meiern Punkten berührt, und den ich bei der Fortsetzung meiner 
Arbeiten dankbar benutzen werde. Er ist nämlich überschrieben: 
Dionysos und sein Thiasos. Besonders verdienstlich ist 
das Verzeichniss der bakchischen männlichen und weiblichen Na- 
men (S. 26 — 29.) nach Zeugnissen der Schriftsteller und der 
Denkmale, wobei jedoch Moser's Katalog zu Nonni Dionysiacc.^ 
(p. 201— 221 ) nicht hätte unbenutzt bleiben sollen. Ueber das 
Einzelne wäre Vieles zu bemerken. Hier nur zwei Bemerkungen: 
Obschon (S. 18. und 21.) die Lesart ETOIA von Herrn Jahn nach 
Raoul-Rochette und Welcker wohl vertheidigt werden , so möchte 
ich doch in manchen Fällen auch die ETAIA in Schutz nehmen, 
da nach der Stelle des Pindar Olymp. I. 158 — 98 — sich ver- 
muthen lässt, dass der Analogie gemäss auch dieser Begriff seine 
Personiflcation erhalten hatte. 

Seite 24. heisst es: „Auch auf einer Sicilischen Vase sehen 
wir Marsyas mit der Doppelflöte, hinter ihm epheubekränzt Mai- 
nas, zwischen beiden ein kleiner ziegenohriger Satyr mit der 
Fackel, Post hon, dann ein bärtiger Satyr mit Thyrsus und Be- 
cher Soteles," und in den Noten: „Die Vase ist von Herrn Ro- 
miii in Girgenti an das Karlsruher Museum verkauft; ich ver- 
danke die Mittheilung Herrn W. Abeken," und zu dem letz- 
ten Namen auf dem Gefäss wird bemerkt: „Dies scheint die rich- 
tige Lesart; nach den Schriftzügen könnte man zwischen A und 
V schwanken, die bekanntlich auf Vasenjkaum zu unterscheiden sind." 

Es ist dies dieselbe Vase, welche in unsrer Auswahl (S. 
47 — 49.) beschrieben worden, womit man daselbst die Tafel Nr. 2. 
vergleichen muss. Wollte man nun die im Original und in der 



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von Braun, Geahard, Jahn, Creuser. 



Zeichnung aas dem Portefeuille des Horm Maler ganz deutliche 
Inschrift Z0TEVE2 in 20TEAE2 verändern, so Wörde in ge- 
wöhnlicher Schrift SoxcX»;? zu schreiben seyn. ein Name, wovon 
mir in der ganzen Gräcität kein einziges Beispiel vorgekommen 
ist. Sodann würde auch die Bedeutung dieses Namens zu den 
übrigen Figuren, Stelluugen, Attributen und Namen dieser orgias- 
tischen Gruppe, als da sind: Marsyas, Mainas und Posthon n<> s - 
&<i>v, dessen obseöne Nebenbedeutung der Verf. ja selbst an einem 
andern Orte, S. 26., bemerkt hat) keineswegs passen. Mit Einem 
Wort, ich hoffe, der Verfasser wird nach Dem, was über diesen 
in der Auswahl (S. 48 f. und S. 106 f.) bemerkt worden, die 
Aufschrift unangetastet und diesen Soteues als personiücirten 
Aufschwung in seiner orgiastisehen Maskenfreiheit ungestört 
bestehen lassen. — Von meiner eignen Schrift 

Nr. 4. begnüge ich mich, die Rubriken der einzelnen Ab- 
schnitte hierherzusetzen: I. Der Mythus von Paris und Ilelena, 
nach seinen Quellen, Wendungen und Deutungen; II. Uebersicht 
der Darstellungen dieses Mythus auf andern zum Theil unedirten 
Kunstdenkmälern, besonders auf Griechischen Vasen; III. Erklä- 
rung des Hauptbildes der grossen Vase der Grossherzoglichen 
Sammlung: Das Urtheil des Paris in Gegenwart kosmischer Gott- 
heiten. Nr. 1. der Tafeln; IV. Erklärung dreier Sicilisch-Grie- 
chischer Vasen derselben Sammlung, Nr. 2 — 6 der Tafeln; V.Er- 
klärung des Nebenbildes am untern Friese jener Paris-Vase; gros- 
ser Komos zur Vermählungsfeier des Dionysos und der Kora, Nr. 
7. der Tafeln; VI. Erklärung einer Italisch-Griechischen Lecythus 
dieser Sammlung: Aphrodite und die Adonisgärten , Nr. 8. der 
Tafeln; VII. Erklärung einer Syrakusischen Lecythus: Mene- 
laos und Andromache, Nr. 9. der Tafeln. 

Hierz ukommt noch ein Nachtrag mit Notizen 1) über das gros- 
seste Gefäss dieser Sammlung mit Orpheus in der Unterwelt und 
Bellerophon als Ueberwinder der Chimara. 2) Ueber obige Vase 
mit dem Urtheil des Paris, nach Laviola, mit meinen Berichti- 
gungen. 

Creuzer. 



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9« 



Geognostifichc Schriften, 



1. Geognostische Skitze der wichtigsten Porphyr- Gebilde zwischen Freiberg, 
Frauenstein, Tharand und Nossen, entworfen von Fr. C. Freiherrn von 
Heust, Khnigl. Sachs. Bergamts- Assessor. Hebst einer petrographi- 
schcn Uebersichtskarte und sieben Blättern geognostischer Zeichnungen. 
110 S. in 8 Freiberg, bei Engelhardt. 1835. 

2 Geognostische Wanderungen von Bernhard Cotta. Mit gcognosti- 
schen Karten und lithographirten Tafeln. 1. Heft. Vltl. und 176 8.; 
2. Heft. VIII. und 64 S. in 8. Dresden, in der Arnoldischen Buch- 
handlung. 1836 und 1838. 

3. Abbildungen merkwürdiger Gang- Verhältnisse aus dem sächsischen Erz- 
gebirge. Von C. G. A. von IV eis s enbach, Bergmeister zu Frei- 
berg. Mit 32 lithographirten Tafeln. XIII, 63 S. 8. Leipzig, bei L. 
Voss. 1836. 

Wir machen es uns zum Vorwurfe, von den drei Schriften, deren 
Gesammt-Anzeigc nun folgen soll, nicht früher gesprochen zu 
haben; denn eine jede derselben kann mit Recht als ein werth- 
voller Beitrag zur geologischen Wissenschaft betrachtet werden, 
jede lieferte neue und interessante Thatsachen. 

Die Aufgabe, welche der Verf. von Nr. 1. sich stellte, war: 
eine nochmalige Durchsicht und Zusammen-Ord- 
nung der ältern Beobachtungen über Porphyre im 
Freiberger Gebirge. Wie bekannt, galten diese Gesteine 
für Lager im Gneisse. Zwar hatte der würdige F r ei es le- 
ben, vor beinahe füufzig Jahren, bei Frauenstein oberhalb Frei- 
berg, unzweifelhafte Porphyr- Gänge aufgefunden j allein Frau- 
enstein liegt 5 Stundeu von Freiberg entfernt, man betrachtete 
die dortigen Verhältnisse für zu abweichend von jenen der näch- 
sten Umgegend Freibergs, und wurde später selbst geneigt, in 
geognostischer Hinsicht wenigstens, an der Gang-Xatnr der Frau- 
steiner Porphyre zu zweifeln. Nun hatten aber Steinbruch- Ar- 
beiten im Jahre 1831. eine wichtige Tliatsache aufgeschlossen: am 
linken Mulde -Gehänge, der Schmelzhütte gegenüber, zeigte sich 
eine mächtige Porphyr -Masse, die Gneiss-Lagen ausgezeichnet 
gangförmig durchsetzend. So wurde die ältere Ansicht erschüt- 
tert; das Ober -Bergamt beauftragte unsern Verf. mit einer be- 
sondern Untersuchung der Porphyr-Lagerstätten, und aus einer 
bedeutenden Reihe sicherer Beobachtungen ging die Ueberzeugung 
hervor: dass die Porphyre sich als wahre Gänge im 
Gneisse verhielten. 

(Dir Sehlufa folgt.) x 



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V. 7. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

— ' g=»ggga= ■ i m, . . mm 

Geognostische Schriften, von v. Beust, Cotta und 

Weissenbachr 

(Bctchluti.) 

Herr von B. fand , — für uns kein unerwartetes Phänomen — 
dass die von ihm untersuchten Porphyre Aehnlichkeiten mit manchen 
Basalt-Gebilden wahrnehmen Hessen; Aehnlichkeiten, welche bis 
ins kleinste Detail verfolgt werden können und in den grossen 
Verhältnissen des Vorkommens auf erstaunenswerthe Weise her- 
vortreten. Thatsachen, wie diese, mussten vorzugsweise geeignet 
seyn, über die Entstehungs-Arten jener Felsmassen Licht zu ver- 
breiten. — Die Schrift zerfallt in zwei Abschnitte. Im ersten 
werden die allgemeinen Charaktere der Porphyr-Gänge zur Spra- 
che gebracht, und daran specielle Betrachtungen über einige die- 
ser Gänge, in der Nähe von Freiberg, gereiht. Ohne bei dem 
zu verweilen, was über lokale Verbreitung gesagt wird, und über 
die petrographische Beschaffenheit, wollen wir nns gleich zum 
Inhalte des dritten §. wenden, die Lagerungs-Beziehung der Por- 
phyre zum Gneisse abhandelnd. Unser Verf. schildert die Lage 
der Porphyr-Gänge gegen die „Schichten u des Gneisses im All- 
gemeinen, er bespricht die Formen der Berührungs-Flachen von 
Porphyr und Gneiss im Einzelnen und handelt vom Einllusse der 
Porphyr-Gange auf die Schichten ihres Nebengesteins, von Con 
tact-Produkten und von Bruchstücken angrenzender Felsarten, ein- 
geschlossen in Porphyren. Alle diese Beziehungen und Verhalt- 
nisse werden auch bildlich dargestellt auf den verschiedenen Ta- 
feln, welche dem Buche beiliegcn. Wir dürfen nicht bei den ein- 
zelnen Entwicklungen und Angaben verweilen; diese müssen in 
Bens Ts Schrift nachgelesen werden. Besonders interessant ist 
das Verhalten der Porphyr-Gange zu den Erz-Gängen. Die Erz- 
Gänge aller Freiberger Formationen durchsetzen * die Porphyr- 
Gänge; sie sind folglich jünger als diese. — Im zweiten Ab- 
schnitte folgen die Beziehungen der Porphyr-Gänge zur For- 
mation des Uebergangs-Porphyrs« „Es gibt," sagt der Verf., „in 
den theoretischen Folgerungen, welche einen zusammenhängenden 
XXXII. Jahr*. 1. Heft. 7 



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9« 



Gengnoatiich« Schriften, 



reberblick der angestellten Beobachtungen gewähren," eine geö- 
gnostische Ansicht, welche, die evidentesten Zeugnisse successi- 
ver Bildung in bestimmt bezeichneten Epochen verwerfend, übernli 
nichts finden will, als das Spiel chemischer Ausschei- 
dungen. Hat man es doch noch ganz neulich versucht (Dr. 
Wagner in den baierischen Annalen) die Basalte, welche in 
gleicher Weise die verschiedensten Formationen einer und dersel- 
ben Gegend durchbrechen und bedecken, als gleichzeitige und 
gleichartige Gebilde in jeder dieser Formationen darzustellen! Eine 
solche Theorie steht im grellsten Widerspruche mit den Grundzü- 
gen, aus denen Werner's geognostiscbe Methode hervorgegan- 
gen ist, und wodurch sie für alle Zeiten ein Leitfaden bei geog- 
nostischen Forschungen bleiben wird ; denn darin bestand das Ver- 
dienst des grossen Mannes, dass er, mit tiefem Scharfblick, er- 
kannte, wie das Studium der Erdrinde nicht allein die Schöp- 
fungen, sondern auch die Zerstörungen der Natur wahr und 
treu auffassen müsse, um zu einer befriedigenden Ucbersicht zu 
gelangen, und dass er eben in jenen gewaltigen und weitgreifen- 
den Zerstörungen die Merkzeichen grosser Bildungs-Epochen wie- 
derfand, obschon die Anwendung, welche er von diesen allgemei- 
nen Grundsätzen auf die Bestimmung der einzelnen Gebirgs-Bil- 
dungen machte, aus Mangel an umfassenden Beobachtungen, zu 
einseitig bleiben musste. Jene Ausscheidungs-Theorie pflegt sich 
gewöhnlich damit zu vertheidigcn, dass man bei geognostischen 
Untersuchungen sich lediglich an den jetzigen Zustand der Dinge 
halten, und von jeder unsichern Hypothese über die Art der Ent- 
stehung abstehen müsse. Allein sind wir im Stande, die Er- 
scheinungen, die sich uns darbieten, zu verstehen, wenn wir auf 
keine Andeutung der Natur über ihren ursprünglichen Zusammen- 
hang achten? Wer aus verfallenen Ruinen die Bauart 
einer untergegangenen Zeit studiren will, der sucht 
aus Zusammenstellung der aufgefundenen Trümmer 
die ursprüngliche Gestalt und den Zusammenhang 
der Bauwerke zu ergänzen; aber er schliesst nicht, 
wenn er eine zerbrochene Säule findet, dass je- 
ne Zeit zerbrochene Säulen erbauthabe. Oder 
welche Bedeutung hat für uns der Anblick eines, 
durchweine Gangspalte augenfülli g verworfenen, Ge- 
birgslagers, wenn wir darin nichts weiter sehen wol- 
len, als eine zufällige Ausscheidung der Masse die- 
ses Lagers in einem hohem und tiefern Niveau?" — 



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tob ▼* Beult, Cotta nndT WeiMetibacb. 



Der Verf. spricht die feste Ueberzeugung aus, das« die Por- 
phyre den Gneiss zu einer Zeit durchbrochen haben 
müssen, wo derselbe sich schon im Zustande der 
Starrheit befand. Die Ansicht Beust's, das« nicht sämmt- 
liche Porphyr-Gebilde des von ihm untersuchten Landstriches ei- 
ner und der nämlichen Zeitperiode zugehören dürften, (heilen wir, 
nach Erfahrungen, welche wir in so manchen andern Gegenden 
zu machen Gelegenheit hatten, vollkommen; ja, uns scheint es 
ebenfalls glaubhaft, „dass in einem altern Porphyr-Terrain neuere 
Porphyr-Durchbrüche erfolgt seyn können." Der constante ver- 
schiedene Gestein-Charakter benachbarter Porphyr-Züge, welche 
unsern Verf. an Lavaströme verschiedener Epochen erinnert, lasst 
sich an andern vulkanischen Felsarten eben so auffallend nach- 
weisen ; wir beziehen uns auf die Trachyte des Siebengebirgs und auf 
jene der Auvergne, welche wir, in gedachter Hinsicht, genauer zu 
untersuchen veranlasst wurden. 

So weit Heust 's treffliche Schrift über gewisse Sächsische 
Porphyre, deren plutonischer Ursprung wohl hei keinem hellse- 
henden Geologen unsrer Zeit mehr einem Zweifel unterliegen 
dürfte. Wenden wir uns zu Nr. f., zu den nicht weniger ge- 
haltreichen ,.geognostisohen Wanderungen Cotta's;" 
sie sind eben so interessant als belehrend und , gleich allen ge- 
treuen Schilderungen bedeutender Oertlichkeiten und einzelner Ge- 
genden, für das Vorschreiten der Wissenschaft im Allgemeinen 
von entschiedenem Einflüsse. 

Das erste Heft der „Wanderungen" ist der nähern und 
entferntem Gegend um Tbarand gewidmet. Der Verf. macht uns 
bekannt mit der Gruppirung und Verbreitung vorhandener Felsar- 
ten, er verweilt bei den besonders wichtigen Stellen, nnd theilt 
endlich Bemerkungen mit über Klima und Flora jenes Landstri- 
ches. Was die bei Tbarand auftretenden Gesteine betrifft, so zei- 
gen sich diese sehr mannigfaltig. Die Berggehänge bestehen aus 
Gneiss, Thonschiefer, Kalk, Porphyr und Diorit; auf den Höhen 
kommen rothes Todt-Liegendes, Quader-Sandstein, Pechstein-Por- 
phyr und Basalt vor; in geringer Entfernung ist das Steinkohlen- 
Gebilde vorhanden ; der Plauen 1 schc Grund hat mächtige Syenit- 
Felsen, durchset/.t von Melnphyr-Gängen und überlagert von Qua- 
der-Sandstein, so wie von unreiner Kreide, dem sogenannten Plä- 
nerkalke. — Nur einige Bemerkungen über die von Cotfca aufge- 
stellten Gruppen mögen hier eine Stelle finden. Zur Gneiss-Gruppe 
werden» ausser dem Gneisse selbst, Granil, Feldstein-Fels und 



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100 



Gcngnostiiehe Schriften, 



Diorit gezählt. Unter der Benennung- „Feldstein- Fels" versteht 
der Verf. eine Gebirgsart, welche dem bekannten Harzer Horn- 
fei* zunächst sich anreiht. Die Tbonschiefer- Gruppe besteht aus 
Thonschiefer, der stellenweise dem Gneisse sehr nahe kommt, aus 
Quarzschiefer, Kieselschiefer, Alaunschiefer, Dolomit, Diorit und 
Aphanit. Jm körnigen Kalk oder Dolomit wird ungefähr die Hälfte 
des Bittererde- Gehaltes durch Eisenoxydul ersetzt; seine Drusen- 
räume enthalten vielartige Kalkspath-Krystalle und manche andere 
Mineralien. Hin und wieder zeigt sich das Gestein Breccien-artig. 
In der Porphyr-Gruppe findet man Feldstein- und Pechstein-Por- 
phyr vereinigt, und Trümmer-Gebilde mit Porphyr-Bindemittel. Die 
am Feldstein-Porphyr beobachteten Verhältnisse lassen keinen Zwei- 
fel, dass derselbe als mächtige, regellos gangförmige Masse bald 
Gneiss, bald Thonschiefer durchsetze, theils auch an der Grenze 
beider Gesteine hinziehe und in sie, durch kleine Ausläufer, sieh 
verzweige. Im Porphyr liegen häufig grössere und kleinere 
Gneiss- und Thonschiefer-Brucbstücke, und überall an den Gren- 
zen jenes Gebildes werden Conglomerate getroffen, zunächst dem 
Gneisse mit Fragmenten dieser Felsart, und da, wo Porphyr den 
Thonschiefer berührt, mit Thonschiefer -Bruchstücken. Das Vor- 
kommen des Pechstein -Porphyrs, an und für sich unbedeutend, 
gibt Aufschluss über das weit bedeutendere bei Spechtshausen und 
unfern Bräunsdorf; an stimmt liehen Orten hat Pechstein-Porphyr 
den Feldstein-Porphyr gangartig durchbrochen, und umhüllt kugel- 
förmige Partien desselben als Einschlüsse. Das rothe Todt- Lie- 
gende — zu dessen Gruppe Conglomerate, Sandstein, Thonstein 
und Schieferthon gehören — ruht um Tharand übergreifend auf 
der Potschappler Steinkohlen- Formation , auf Thonschiefer und 
Gneiss. Seine Mächtigkeit ist auf 5 bis 600 Fuss zu schätzen. 
Die Geschiebe haben mitunter mehrere Fuss im Durchmesser. Von 
der Kreide-Formation finden sich in Sachsen nur die untern Glie- 
der, Plänerfcalk, Grünsand (im engern Sinne, d.h. dem Firestone 
oder upperGreensand parallel), Quader-Sandstein (S ha nkli n 
oder lower Greensand) und gewisse, mit Sandstein wechseln- 
de, Schieferthon-Lagen, welche, ihren organischen Ueberbleibseln 
zu Folge, vielleicht mehr dem Englischen Wcalden- Gebilde bei- 
zuzählen seyn dürften. Der Quader- Sandstein ist in der „Säch- 
sischen Schwei" am vollkommensten entwickelt. Er erreicht, am 
Schneeberge in Böhmen, eine Meereshöhe von 2200 F. und wurde, 
in einem Bohrloche bei Dresden, im Elbthale bis zu einer Tiefe 
voo 241 F. unter dem Meeres-Kiveau verfolgt j seine ächtigkeit 



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ron t. Beutt, Cotta und Welkenbach. 



101 



beträgt demnach wenigstens 1000 Fuss. Die Sohieferthon-Lagen, 
welche, bei Niederschöna unweit Tharand, zwischen den untersten 
Quader-Sandstein-Scbichten, nahe über Gneiss, auftreten, enthal- 
ten zahlreiche und sehr mannigfache Pflanzenabdrücke. Was end- 
lich die Gruppe der jüngsten Bildungen — fremde Geschiebe, 
alte und neue Flussbetten , Sinter-Formationen — betrifft, so theilt 
unser Verf. lehrreiche Nachrichten mit über fremde Geschiebe 
(Feuerstein der Kreide, Hornstein, Quarz, Kieselschiefer, Gneiss 
und verschiedene Porphyre), welche, dem Norddeutschen Geschie- 
be-Lande zugehörend, in einer Meeresüöhe von beinahe 1000 F. 
getroffen werden. 

Die zweite Ahtheilung dieses ersten Heftes enthält geolo- 
gische Rückblicke und Wanderungen in die nähere und entfern- 
tere Umgegend von Tharand. Wir müssen uns meist auf Angabe der 
Ueberschriften beschränken: Thonschiefer Gneiss Grenze (sie fällt 
in die Scheidung zweier grosser Erhebungs-Systeme, des Erzge- 
birges und des Elbthaies); der Tharander Porphyrgang; Thalbil- 
dung durch Porphyr; Gneiss im Thale der rothen Weissritz; Gra- 
nit im Gneisse des Schleitzbach-Thales ; körniger Kalkstein (Do- 
lomit); Grünsteingebilde im Ebergrunde; Wanderung nach Meissen 
und Dresden. Zu den interessanten und merkwürdigsten geogno- 
stischen Phänomenen, welche der Verf., auf dem zuletzt erwähnten 
Ausfluge, schildert, gehören der Ascherhübel bei Spechtshausen, 
wo Quader-Sandstein von Basnlt durchbrochen worden; der kör- 
nige Kalk bei Miltiz im Triebiscbthale, über dessen Aufsteigen 
im feurig-flüssigen Zustande, durch Hornblende- und Glimmerschie- 
fer hindurch, keine Zweifel mehr bestehn; der Syenit, Granit, 
Porphyr und Plänerkalk im Sächsischen Wein-Gebirge; der Sye- 
nit, Melaphyr, die Steinkohlen- Formation und das rothe Todt- 
Liegende im Plauen'schen Grunde; der Plänerkalk und die altern 
Ablagerungen im Elbe-Bassin, endlich der Granit, Quader-Sand- 
stein und Jurakalk in der Sächsischen Schweiz. Am Schlüsse 
stellt Cotta folgende Sätze auf, als Ergebnisse seiner Beobach- 
tungen. Die Hauptform des Erzgebirges dürfte durch einseitige 
Aufrichtung einer mächtigen Masse versteinerungsleerer Schiefer- 
Gesteine bedingt worden seyn. Das steile Gehänge gegen Böh- 
men entspricht der erhabenen Spalt-Fläche. Die schräg aufgerich- 
tete Masse wurde später von vielen plutonischen Gebilden durch- 
brochen und dadurch, so wie durch periodische Anlagerungen von 
„Plötz-Formationen,'* ihre innere und äussere Gestalt wesentlich 
modificirt Die höchsten Berge des Erz -Gebirges liegen meist 



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> 



102 Gewgnoatiache Schriften, 

nordöstlich* von der Wasserscheide, welche schroff am ohern Rande 
des steilen Abfalles gegen Böhmen verläuft. Auch diess ist eine 
natürliche Folge der ersten Massen - Aufrichtung. Bei Tharand 
scheint die Bildung der Hauptthäler vom Emportreten des Por- 
phyrs abhängig zu seyn, gehört aber, allem Vermuthen nach, ei- 
ner spätem Periode an, als die ist, in welcher der Quader-Sand- 
stein abgelagert wurde. Die Erzgebirgischen Richtungslinien hö- 
ren bei Tharand auf. Mit dem Thonschiefer beginnt das Elb- 
System, die Richtung des Thonschiefers aus SO. nach NW. än- 
dert sich erst in den Gegenden von Zella und Rüsseina in die 
südwestliche des Erzgebirges um, indem hier in der Gegend der 
Wendung bedeutende Verwirrung des Streichens und Fallens wahr- 
nehmbar sind. Das Döhlner Kohlen - Becken ist auf die Region 
des Thonschiefers beschränkt und durch einen jungern Melaphyr- 
Rücken in zwei Abtbeilungen geschieden. Das Dresdener Elbe- 
Becken enthält wahrscheinlich auch Kohlen-Lager. Das rothe 
Todt-Liegende erscheint übergreifend auf dem Döhlner Kohlen- 
Gebirge. Bei Hohnstein findet sich Jurakalk über Quader-Sand- 
stein, und über beiden Gebilden Granit. Der Syenit des Elbe- 
Thaies ist älter als das rothe Todt-Liegende, vielleicht auch älter 
als die Kohlen-Formation. Im Sächsischen Wein - Gebirge wird 
Syenit oft von Granit und von noch jüngern Porphyren durch- 
setzt; der erstere überlagert von Meissen bis hinter Zittau die 
Glieder der Kreide-Formation, und dürfte jünger seyn, als diese, 
während der Syenit nur bei Weinböhla, wie der Hohnsteiner Ju- 
rakalk, über jene Formation hingeschoben wurde. Der körnige 
Kalk im Thonschiefer bei Tharand ist, gleich vielen] anderenJoirnigen 
Kalksteinen des Erz-Gebirges, eigentlich Dolomit. Erz-Gange fin- 
den sich in Schiefer-Gesteinen des Erzgebirges am häufigsten da, 
wo dieselben von Porphyren und ähnlichem Massen-Gesteinen durch- 
brochen wurden. Der Tharander Wald-Porphyr bildet eine Stock- 
förmige Masse zwischen Thonscbiefer und Gneise. 

Das zweite Heft der Cot tauschen Wanderungen führt 
den Doppeltitel: „Die Lagerungs- Verhältnisse an der 
Grenze zwischen Granit und Quader-Sandstein bei 
Meissen. Uohnstein, Zittau und Liebenau, 4 * und ist Er- 
gebniss von Untersuchungen, welche, durch Beiträge vieler Geo- 
logen, in der Absicht ausgeführt wurden, das relative Alter des 
Granits, oder wenigstens seine Emporhebung, zu bestimmen. Wir 
wollen die wichtigsten Thatsachen, so gedrängt, als nur immer 
möglich, hervorheben. Bei Oberau, unweit Meissen, findet man 



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von v. Bcuhi, Cotta und Weit«. mbm h. 



10S 



Granit, bei Weinböhla Syenit über dem Planerkalke liegend; bei 
Niederwarta und beim „letzten Heller", in der Nähe von Dresden, 
erscheinen die Schichten des letztern Gesteins steil aufgerichtet; 
bei Dittersbach zeigt sich der Quader- Sandstein senkrecht vom 
Granit abgeschnitten and seine Schichten etwas aufgerichtet; bei 
Hohnstein lagert Granit weithin schräg über Quader-Sandstein und 
zwischen beiden kommen kalkige Bänke mit Jura-Petrefaeten vor. 
Es finden sich letztere Bänke, am genannten Orte, nicht nur im 
Allgemeinen verkehrt, über Quader-Sandstein und unter Granit, 
sondern es ist auch ihre Anordnung Runter sich von der Art, dass 
man zu glauben berechtigt wird, die gegenwartigen obersten Sey- 
en ursprünglich die untersten gewesen. Ueberall wurden, durch 
angestellte bergmännische Versuch - Arbeiten, entsprechende Ver- 
hältnisse nachgewiesen; stets liegt Granit mit 10 bis 70° Nei- 
gung über Sandstein ; vielfach ist die wagerechte Schichtung des 
letztern gestört, auch liegen kalkige oder mergelige Glieder zwi- 
schen beiden Gebilden. Der ganzen" Grenze entlang zeigt der 
Sandstein zahllose Reibungs-Flachen. Bei Waltersdorf sieht man 
die horizontalen Sandstein-Schichten, ohne weitere Störung, vom 
Granite abgeschnitten, bei Zittau dagegen etwa 15° aufgerichtet, 
und besonders merkwürdig durch ihr plötzliches Endigen, genau 
der Hauptrichtung dieser Ganglinie entsprechend. Vom Spittei- 
grunde an beginnt eine Zwisclien-Lngerung von Gneiss und Thon- 
schiefer zwischen Granit und Sandstein, dessen Schichten von da 
aus nach Pankratz hin steil aufgerichtet sind, und, der Grenze 
entlang, eine wahre „Teufelsmauer" bilden. Diese Felsen liegen 
sehr hoch, höher als der meiste Quader- Sandstein der Gegend, 
und demungeachtet umschliessen sie fossile Ueberbleibsel der un- 
tern Formations-Abtheilung, welche ausserdem hier nur in Tlef- 
Thälern zum Vorschein kommt. Eine ähnliche Aufrichtung findet 
weiterhin bei Liebenau statt, und nicht unwahrscheinlich stehen da- 
mit sogar die senkrechten Quader-Sandstein-Schichten des rothen 
Berges bei Glatz im Verbände. — Welch grossartige Erschei- 
nung! Liebenau liegt 17 geographische Meilen entfernt von 
Oberau ; bis dahin ist der Zusammenhang ausser Zweifel, und alle 
einzelnen Beobachtungsstellen folgen einander in einer Linie aus 
WNW. nach OSO. Die Verbindung von Glatz beruht allerdings 
nur auf Wahrscheinlichkeiten. Erhebung des Granites im starren 
Zustande, nach Ablagerung der Kreide-Glieder und dabei zugleich 
bewirkte Erhebung und Umklappung einiger Jura-Schichten, wel- 
che, MC diese Weise, in unter sieh verkehrter Ordnung, unter Granit 



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104 , Geognoitiache Schriften. 

0 

und über Quader-Sandstein zu liegen kamen, ist die Erklärung, 
welcher sämmtliche einzelne Thatsachen am besten entsprechen 
dürften; denn so sicher auch gewaltsame Bewegungen durch 
Schiohtenstörungen und Reibungsflächen im Quader-Sandsteine an- 
gedeutet werden, so sind dennoch die Granit-Rollstücke in der 
conglomeratartigen Zwischen-Lagerung , so wie einige auf Gra- 
nit liegende Sandstein- Part ieeu, und der Mangel chemischer Ein- 
wirkungen, durchaus gegen die Annahme eines, während ihrer 
Erhebung noch weichen, Zustandes der Granit-Masse. 

Kaum dürfte es eine andere Granit-Erhebung geben, die auf 
so weite Erstreckung, in gleicher Richtung, und durch so viele 
einzelne Beobachtungen auffallender Lagerungsverhaltnisse, nach- 
gewiesen ist Darum liefert jene Erhebung einen besonders schö- 
nen Beleg für die allgemeinen Grundsätze der Beaumo nt' sehen 
Theorie, welche, ihren umfassenden Hauptzügen nach, zuerst durch 
L. von Buch vorgetragen wurde, als er Deutschland in vier Sy- 
steme theilte. Die Richtung des nordöstlichen Systemes, womit wir 
es hier zu thun haben, spricht sich durch den Lauf der Norddeut- 
schen Hauptflüsse, durch Lage und Gestalt vorhandener Gebirgs- 
züge, endlich durch den innern Bau deutlich aus, da fast alle 
weit ausgedehnte Hauptgrenz- und Streichungslinien der Gebirgs- 
arten , namentlich aber die von Cotta beschriebenen, einer ent- 
sprechenden Richtung folgen. — Wer die Gesammt- Masse der 
Thatsachen vereinigt vor sich sieht, wird erkennen, dass sie das 
Resultat irgend einer erhebenden Kraft Heyn müsse, einer Kraft, 
welche, als bezeichnend, ihre Richtung aus NW. nach SO. hatte. 
Ganz abweichend liegen dazwischen die altern Linien des Erzge- 
birges, des Mittelgebirges und zum Theil auch des Ricsengebirgs. 

In der dritten der vorliegenden Schriften, in jener des Herrn 
von Weissenbach, werden Verhältnisse zur Sprache gebracht, 
und durch sehr gelungene bildliche Darstellungen versinnlicht, 
welche eben so wichtig und interessant sind, als die von den Her- 
ren Reust und Cotta bebandelten, nämlich jene der Gänge im 
Sächsischen Erzgebirge. 80 zahlreich auch Bücher und einzelne 
Abhandlungen über die Lagerstätten, von welchen die Rede, seit 
Georg Agricola, dem ersten, in solcher Beziehung, Beachtung 
verdienenden Schriftsteller, so wenige getreue Abbildungen von 
Gängen gibt es, ja sie fehlen beinahe ganz, wenn wir die älteren, 
übrigens sehr gelungenen, Versuche von Trebra und Charpen- 
tier ausnehmen. Um desto willkommner müssen die „Tafeln*' 
Weissenbach 1 s seyn; „sie sprechen klar, überzeugend und 



ton ▼. Brost, Cotta nnd Weiweabach. 105 

i 

vollständig, sie gewähren die lebendigsten Vorstellungen" von Ge- 
genständen, welche, nicht blos der Oertlichkeit halber, sondern 
auch wegen des gunstigen Augenblickes, meist nur von sehr we- 
nigen Geologen beobachtet und aufgefasst werden können. Ohne 
in ausführliche Angaben der einzelnen Abbildungen uns einzulas- 
sen — was um so überflüssiger, da die kleine Schrift wohl kaum 
in der Büchersammlung irgend eines Geologen oder Bergmanns 
vcrmisst werden dürfte — wollen wir nur einige Andeutun- 
gen über den erläuternden Text uns gestatten, und diess nm so 
mehr, da derselbe gar viele, dem Verf. eigentümliche, sehr werth- 
volle Beobachtungen enthält. 

Nach der Entstehungsweise der Gänge, so wie nach ihrem 
ganzen naturhistoriscben Charakter, unterscheidet Weisse nbaoh: 
vom Tage herein ausgefüllte, Gerolle- und Schutt-Gänge, 
Kalkstein-, Thon- und Sandstein-Gänge; ferner plu- 
tonische Gebi rgsmassen-Gänge, stalaktitische und 
eogenante Aussehe idungs-Gänge, endlich theils mecha- 
nisch, theils ch em i sch -k rys t al 1 i n i s ch gebildete Erz- 
gänge. Abbildungen und Text beziehen sich ausschliesslich auf 
letztere und die abgehandelten einzelnen Gegenstände und Ver- 
hältnisse sind : Volumen-Beziehungen der Erzgänge; 
mechanischo Ausf üllun g durch B ruch st ü ckc; Sphären- 
Geste in (die merkwürdigste, aber gewöhnlichste Art des Vor- 
kommens der Bruchstücke in Gängen, wo' die krystallinische, 
jüngere Gangmasse alle Bruchstücke gänzlich umgibt, ohne dass 
eines derselben das andere berührt, ein jedes aber, zu Folge der 
Anordnung seiner Krystnll- Individuen, oder stangelig abgeson- 
derte Stücke, um und um in einer glorienartigen Sphäre sich be- 
findet; Brocken-Gestein und Re ibungs-Co nglomerat; 
Kugel-Gestein (Kugeln und abgerundete Stücke von Neben- 
gestein, oder von altern Ganggücdern, die nicht vom Tage herein 
fielen, finden sich in grossen Anhäufungen und füllen selbst ganze 
Stücke der Gang-Spalten); Ausschram und Letten; ver- 
drücktes Ncben-Gestein; krystallinische G a n g a u s- 
füllung und Ganglagen-St ruetur (beide Abschnitte ent- 
halten viele interessante Angaben); Alters folge der Gang- 
Glieder; Gaug-F.ormati on en; En twickelu rfgsa tu fen 
in einer G a n g b i 1 d o n g s - R e i h e ; Verhalten d e r Gang- 
massen nach der Teufe (die, von Werner aufgestellte, 
Regel: dass die innern oder jüngern Gangglieder wesentlich nur 
in oberu Teufen ausgebildet aufträten , ist keineswegs als allge- 



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106 Kranuld und Woldiut: De enno Hcbratorr. Juliilnco. 



mein gültig zu betrachten); Gangähnliche Lager; Quer- 
Trüinmer; Erz-Anflüge; Zerklüftung und Zersetz- 
ung des Neben-Gesteines (Folgen vom Einwirken der Gän- 
ge); Färbung des Neben-Gesteines (durch eingedrungene 
fremde Stoffe) ; Verkieselung des Neben-Gesteines (eine 
merkwürdige Erscheinung, die sehr auffallend und fast allgemein 
die Altenberger Zinn - Formation begleitet); Gang-Kreut ze 
(Verhältnisse von besonderer Wichtigkeit und grosser Mannigfal- 
tigkeit, über welche mit Sorgfalt fortgesetzte Beebachtungen noch 
viel Aufklärung verschaffen werden); Gang- V er werfungen 
(der häufigere Fall ist, dass ältere Gänge durch neuere Aende- 
rungen in ihrer Richtung erleiden); Doppel-Verwerfungen; 
Gang-Veredelung. 

Wir schliessen mit dem aufrichtigen Wunsche, dass der wür- 
dige Verf. das bergmännische und geologische Publicum recht bald 
durch ausführliche Entwickelung seiner Ansichten über Gang-For- 
mation erfreuen möge. 

Leonhard. 



1. De Anno flebr ae orum Jubilaeo. Commentatio in cert. Ut. civium 

Aead. Georgiae Auguttae die IV. Junii MDCCCXXXI II. cx decreto 
ven Theolog. ordinispr aemio regis munißcentia constituto ornata. Scrip- 
Mit J oan. Theophil. Kuno Kra n ol d, Gottingcnsis, seminarii regii 
homiletici etiam nunc sodalis. — Gottingae typis Dieter ichiunis Pill, 
und 80 gr. 4- 

2. De Anno II e b racorum J ub ilae o . Commentatio in cert. Ut. civ. 

Acad. Georg. Aug. etc. etc. Seripsit G vor giut II' ol d tu« , Solta- 
viensis, teminarii regii homiletici et catechctici sodalis. — Gottingae 
apud randenhoeck et Ruprecht. Vill. und 69 gr. 4. 

Das Mosaische Jubel-, besser Jone! jähr, ist nicht nur eine 
der merkwürdigsten Institutionen des hebräischen Alterthums, son- 
dern der alten Welt überhaupt, in der es so einzig dasteht, wie 
der Mosaismus selbst Von den versehiedensten Seiten her hat 
es darum auch schon die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, na- 
mentlich aber wurde es, wie sehr natürlich, von den Theologen, 
gelegentlich dieser oder jener Säcularfeier, immer wieder von 
Neuem zum Gegenstand der Untersuchung gemacht. Jedoch haben 
alle bisherigen Bearbeitungen — das lässt sich nicht leugnen — 
noch zu keinem befriedigenden Resultate geführt und bis in die 
neueste Zeit sind die heterogensten Standpunkte g r.'tcnd gemacht 



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Kranold und Wolilio«: De anno Hebraeorr. Jubilaeo. 1G1 

worden, von denen diese Institution ausgegangen seyn soll. Es 
war daher nicht nur an sich schon passend, sondern überhaupt 
zeitgemäss. dass die theol. Facultät zu Göttingen bei der Sacu- 
larfeier der dortigen Universität den Gegenstand zur Preisaufgabe 
machte. Obige beide Abhandlungen erhielten miteinander den 
Preis, da die Facultät keiner den Vorzug vor der andern geben 
zu können glaubte. Beide sind in der That recht schätzbare Bei- 
träge für die hebr. Archäologie, und helfen mit den Weg bahnen 
zu einer bessern Behandlnngsweise namentlich der heiligen Alter- 
thümer; sie zeugen von Fleiss und gelehrten Kenntnissen, wie sie 
auch einem, der nicht mehr nur Candidat der Theologie ist, zur 
Khre gereichen würden. Besonders ist diess bei Nr. i. der Fall. 
Hier findet sich eine so reiche Literatur und ein so fleissiges Stu- 
dium der Quellenschriften, dass man diese Arbeit jedem, der sich 
über den Stand der Sache genau instruiren und sie weiter verfol- 
gen will, nur empfehlen kann. Ueberhaupt muss Ref. Nr. 1. den 
Vorzug vor Nr. 2. geben. Zwar ist Nr. 2. in bessenn Latein ge- 
schrieben, auch sonst in der Form klarer und durchsichtiger, da- 
gegen befriedigt Nr. 1. weit mehr in der Hauptsache und ist auch 
ausführlicher und vollständiger, 

Der Verf. von Nr. i. theilt das Ganze in vier Theilc; der 
erste handelt De genuina codicis Mos. indole itemque de anni 
jubilaei nomine, der zweite De materia legis, der dritte De ra- 
tione legis, der vierto De observatione legis. Jeder Theil hat seine 
Capp. und fortlaufende %$. Der Verf. von Nr. 2. macht neun 
Kapitel, die ihre g§. haben. Cap. I. De pentateuchi origine in 
Universum. II. De Mosaica legura Judaicarum auetoritate. III. De 
singulorum pentateuchi locorum , qui de anno septiino et jubilaeo 
scripti sunt, origine. IV. De nomine anni jubilaei. V. Singulo- 
rum institutorum anno septimo et jubilaeo injunctoriim explientio. 
VI. Legnm de anno sept. et jubil. latarum via atque consilhim, 
spectata universa Hcbraeorum rcipublicae eonditione. VII. Nutn 
anni jubilaei instituta a Mose conditn sint. VIII. l'trum anni ju- 
bilaei institutum observatum sit, nec ne. IX. Auni jub. similitu- 
dines apud alias gentes obviae. 

Wenn beide VcrfT. von einer kritischen Untersuchung" über 
den Pcnlatcuch im Allgemeinen und insbesondere über die das 
Sabbat- und Jobeljahr betreffenden Stücke ausgehen , so veran- 
lasste sie dazu die Preisaufgabe, welche diess ausdrücklich ver- 
langt. Beide nun schreiben zwar die Abfassung des Pentateuchs 
nicht .Muse zu, erkennen aber nichts desto weniger den Mosaischen 



108 Kranold und Woldiaa: De anno Hebraeorr. Jubilaeo. 

Ursprung des Sabbat- and Jobeljahres an. Nr. 2. glaubt, die Rei- 
hefolge der verschiedenen Verordnungen im Pentateuch sey auch 
die der Zeitfolge im Allgemeinen; nämlich Ex. 21, 2 — Ii. und 
23, 10. Ii. rühre von Mose selbst her, Lev. 25. falle in die Zei- 
ten Sauls oder Davids, Deut. 15, 1 — 18. aber gehöre dem Zeital- 
ter Hiskias an. Nr. 1. geht nicht so weit, und will nur, was das 
Deut, gibt, entschieden spatern Zeiten vindiciren. Sehr richtig 
wird dabei bemerkt, dass sich eigentlich über die Aechtheit der 
ganzen Institution nicht sicher urtheilen lasse, bevor man ihren 
Zweck und ihre Bedeutuug gehörig erfasst habe. Zeigt sich näm- 
lich, dass sie ein Ganzes bildet, dass die einzelnen im Gesetzbu- 
che zerstreuten Bestimmungen nur disjecta membra sind, die Ei- 
nem und demselben Grundgedanken angehören, so ist zum wenig- 
sten keine Nöthigung vorhanden, die einzelnen Stücke in ganz 
verschiedene Zeiten zu setzen. Uebrigens sind beide Verff. mehr 
der positiven Richtung der neuern Kritik, als der negativen zu- 
gethan. 

Den Namen des Jobeljahrs erklärt Nr. 2. in der jetzt meist 
angenommenen Weise: *?2V sey Bezeichnung laeti clamoris ; un- 

• • 

ter Hinweisung auf das lateinische Jubilare wird dann umschrie- 
ben: tubarum annus, laetitiae clamore ineeptus annus gaudio at- 
que hilaritatc insignis. Ref. Imlt diess für ganz unrichtig. Das 
Jobeljahr wurde allerdings durch Posaunenschall eröffnet, aber am 
grossen Versöhnungstag, also gerade an dem Tage, an welchem 
von allen Festen allein die Israeliten „ihre Seelen kasteien," also 
fasten, überhaupt*ernst und bussfertig seyn sollten (Lev. 23, 27 ff.). 
Unmöglich konnte daher dieser Tag mit einem Aufrufe zu lauter, 
jubelnder Freude beginnen. Wäre das Jobeljahr eiu eigentliches 
Jubeljahr gewesen, so hätte es viel passender mit dem nur fünf 
Tage später als das Versöhnungsfest eintretenden Laubhfitteofest, 
dem fröhlichsten aller Mosaischen Feiertage, anfangen müssen. 

Auch wird durch die Stelle Ex. 19, 13., wo nicht vom Jo- 

beljahr vorkommt, diese Beziehung auf Freude und Jubel unmög- 
lich gemacht. Ausführlicher und gründlicher hat Nr. 1. den Na- 
men behandelt. Es liegt darin nur im Allgemeinen der Begriff 
des weithin strömenden, starken Tones ; der Posnunenton ist ohne- 
hin der stärkste und dieser sollte beim Anfang des Feierjahres 
„durchs ganze Land u erschallen. Welchen Grund diess hatte und 
warum davon das Jahr benannt werden konnte, lässt sich erst aus 
der Grundidee der ganzen Institution von der weiter unten, rich- 



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Krauohl und Woldiui: De anno Hcbraeorr. Jobilaeo. 109 

» 

tig erkennen. Uebrigens giebt unser Verf. p. 14—29. eine recht 
gut geordnete und vollständige Uehersicbt der mancherlei Ausle- 
gungen des Wortes welche bei Nr. 2. so gut wie ganz 
fehlt. 

Die Erörterung der einzelnen Theile der Jobeljahrinstitutioii 
findet Ref. gleichfalls bei Nr. i. besser. Die Frage, wenn dieses 
Festjahr zum erstenmal gefeiert worden sey, mit welcher beide 
Verff., ohne jedoch über Vermuthungen hinauszukommen, sich be- 
schäftigen, scheint Ref. ziemlich müssig und uninteressant. Mehr 
Bedeutung hat die andere Frage, ob das Jubeljahr, wie sehr ge- 
wichtige Autoritäten angenommen haben, in das je 49. falle oder, 
wie gleich viele Gelehrte behaupten, das je öOte sey. Beide Verff. 
erklären sich mit Recht für die letztere Meinung, die überhaupt in 
neuester Zeit sich beinahe ausschliesslich geltend gemacht hat und 
für die der Gesetzestext so unzweideutig spricht. Hug's ver- 
mittelnden Vorschlag weisen beide Verff., wie schon Win er, als 
unstatthaft zurück. Die Voraussetzung eines doppelten Jahres, 
des bürgerlichen und kirchlichen, auf der dieser Vorschlag beruht, 
ist für das Mosaische Zeitalter unerweisbar, anderer Gegenstände 
nicht zu gedenken. Sehr passend handelt nun Nr. 1. zuerst von 
den dem Sabbat- und Jubeljahr gemeinschaftlichen, dann von den 
dem letztern ausschliesslichen Bestimmungen. Unter den erstem 
wird aufgeführt A. Terrae quics. B. Debitorum remissioY C. Ser- 
vorum emaneipatio? und De publica legis recitatione anno septiroa 
hahenda. Von einer r.^E'J will der Verf. in keinem Sinne etwas 

wissen; sie sey, meint er, eine Vorschrift des Denteronomiums, 
demnach eine sehr spät nach Anologie einer Eigentümlichkeit des 
Jubeljahrs dem Sabbatjahr aufgehalste Bestimmung. Hier muss 
Ref. widersprechen. Falsch ist freilich die Rabbinische, auch von 
vielen christlichen Auslegern, selbst noch von Hug, adoptirte 
Meinung von einer absoluten Erlassung aller Schulden im je sie- 
benten Jahr, eine Meinung, die im Texte gar nicht begründet isc, 
und ausserdem eine beinahe ans Unbesonnene gränzende sonder- 
bare Maasregel dem so weisen Gesetzgeber aufbürdet. Allein von 
den meisten neuern Auslegern wird anerkannt, dass es sich hier 
nur um Nichteinforderung der Schulden während des Sabbatjahrs 
handelt. In dieser aber kann Ref. nichts Ungeeignetes finden, 
vielmehr scheint sie eine notwendige Folge aus der obersten Be- 
stimmung für das Sabbat- und Jo bei jähr, nämlich der Ruhe des 
Bodens. Der Ackerbau war für Israel nach der Tendenz des Gc- 



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110 Kranold und Woldiim : De anno Hebraeorr. Jobilaeo. 



•etzgebers die hauptsächliche, ja einzige Erwerbsquelle; hatten die 
Schuldner in jenen Festjahren nichts zu erndten , so konnten sie 
auch ihre Schulden nicht bezahlen, darum gebietet das Gesetz mit 
der Ruhe des Bodens zugleich den Gläubigern, die Schulden nicht 
einzufordern und überhaupt barmherzig zu seyn. Die Benennung 
Erlassjahr, die man dem Jobeljahr gegeben, ist daher jedenfalls 
unrichtig, und die mancherlei wohlmeinenden Gedanken, welche die 
ältere Typik an diesen Namen angeknüpft hat, enthehren aller Ba- 
sis. Anders verhält es sich mit der ernannt Servorum im Sab- 
batjahr. Diese stellt der Verf. mit allem Recht gänzlich in Abrede; 
das siebente Jahr der Sclaverei war das Freilassungsjahr, mochte 
diess nun in ein Sabbatjahr fallen oder nicht. Auch Nr. 2. ge- 
steht diess zu. Als dem Jobeljahr eigentümliche Bestimmungen 
führt Nr. i. auf: A. Solemnis anui jub. intimatio. B. Rerum im- 
mobilium restitutio. C. Tabulae novae. lauter A. wird befriedi- 
gend über das Blasen der Posaunen (jedoch nicht über die Be- 
deutung desselben) gehandelt. Die Bestimmung unter B. würde 
Ref. andere gefasst haben, und zwar nach Lev. 25, 10. als Rück- 
kehr eines jeden Israeliten a) zu seinem ursprünglichen Grund- 
eigentum, b) zu seiner Familie oder seinem Geschlecht. Diese 
gedoppelte Rückkehr ist dann zugleich Rückkehr des Staates in 
seinen ursprünglichen Zustand. Ins Jobeljahr. nicht ins Sabbat- 
jahr gehört somit die Freilassung der Leibeigenen ; als Eigen- 
tümlichkeit des Jobeljahrs hätte sie daher auch aufgeführt wer- 
den sollen, wobei dann nebenher des Irrthums, der diese Freilas- 
sung dem Sabbatjahr aneignen will, gedacht werden konnte. Von 
tabnlis novis sagt der Text nichts. Das gesteht auch der Verf. 
zu, meint aber, eben in jener Bestimmung von der Rückkehr zum 
Eigenthum sey diess enthalten ; nur in dieser bedingten W eise habe 
im Jobeljahr eine onoaföiia stattgefunden. 

Die Hauptsache, nämlich die Grundidee, aus der die ganze 
Institution mit allen ihren einzelnen Bestimmungen hervorgegan- 
gen ist und in der sie wurzelt, haben beide Vcrff in verschiede- 
ner Weise behandelt. Nr. 2. behauptet eine ti iplex illarum legum 
vis, nämlich zuerst religiosa. dann oeconomica, endlich poütica, 
welche jedoch so genau miteinander zusammenbiengen , dass sie 
sich kaum trennen Hessen. Das Jobeljahr sey ein erweiterter Sab- 
bat, d. h. eine Gott geweihte Zeit, in welcher der Mensch der ir- 
dischen, das Gemüth an die Erde fesselnden Berufsgeschäfte sich 
ent hali c und seinen Sinnn mit einer gewissen heiligen Freude aufs 
Höhere und Göttliche richte ; das Ruhen der Aecker sey gleichsam 



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KranoM und Woldiii«: De nnno Hebracorr. Jubilaro. Hl. 



ein Opfer, eine Darbringung für Gott gewesen, ein factischcs Be- 
kenntnis«, dass das F. und Gott angehöre nnd geweiht sey. Die 
ökonomische Tendenz soll darin bestanden haben, dass durch die 
Brache die Fruchtbarkeit vermehrt worden sey; doch sey dicss 
überhaupt untergeordnete Nebensache. Die vis politica setzt der 
Verf. darein, dass durch jene gedoppelte Rückkehr das Wesen der 
Theokratie, die immer zugleich die vollkommenste Demokratie ge- 
wesen sey, bestehen blieb, indem auf diese Weise Alle in gleichen 
Besitzstand und in gleichen persönlichen Verhältnissen zu einan- 
der erhalten worden seyen (ad cottservandam civium Israelttica- 
rum aequalitatem vis institutorum illorum erat maxima). Mag dicss 
alles nicht unrichtig seyn, das eigentliche Ziel ist dabei jedenfalls 
verfehlt. Das Ganze muss eine Grundidee haben und hat sie auch; 
aber der Verf. hat dieselbe gar nicht berührt, geschweige gehörig 
entwickelt. Der Gedanke, dass mit dem Institnt der Religion, der 
Oeeonomie nnd der Politik zugleich habe Genüge geschehen sol- 
len, dieses nusserliche Aneinanderreihen von in sich verschieden- 
artigen, in keinem innern Zusammenhange stehenden Zwecken ist 
ganz unstatthaft und verstösst gegen alle oricntalisehe Denkweise, 
namentlich gegen die Mosaische. Die Grundidee des Jobel jahres 
ist nur Eine, und zwar eine rein religiöse ; sie hat wohl auch eine 
politische »Seite, aber diese wird, wie im Mosaistnus überhaupt, alle 
Politik ganz und gar durch die Religion getragen und bedingt; mit 
Oeeonomie hat aber die Institution rein gar nichts zu thun. Wie 
lange wird es noch dauern, bis man einmal die Mosaischen Insti- 
tutionen für das hält, was sie seyn wollen, und dem Mittler des 
alten Bundes nicht mehr allerlei moderne Zwecke unterschiebt, die 
ihm anstehen, wie dem geharnischten Ritter die Tanzschuhe? An- 
ders verfahrt Nr. 1. Hier werden zuerst die verschiedenen Ansich- 
ten vom Jobeljahr vorgetragen, die der Verf. in vier Klassen (heilt: 
die chronologische, die ökonomische, die politische, die typisch- 
mystische; jeder derselben ist ein besonderer & gewidmet, welcher 
zugleich eine Beurtheilung und Widerlegung giebt, die, meist tref- 
fend, hie und da etwas zu scharf ist. Als Vertreter der ersten 
Ansicht werden Frank und Gatt er er, der zweiten Michaelis 
und Hug, der dritten Raumer und Leo, der vierten die älteren 
Typologen angeführt. Im folgenden Kapitel entwickelt^'dann der 
Verf. seine eigene Ansicht. Als Grundidee giebt er die dnoxa- 
fdaraan; (avaMaira<rt<; ) an, welche überhaupt die Grundidee der 
feriae religiosae gewesen sey; nirgends aber seyen diese so tief 
und richtig aufgefasst, als im Mosaismus in einer Reihe von Fe- 



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112 Kranold und Woldina: De anno Hchrneorr. Jubilaeo. 

sten, am vollkommensten in dem grossen Sabbat des Jobeljahrs. 
Mit dieser Grundidee sucht der Verf. im folgenden g die einzel- 
nen Punkte der Institution in Verbindung zu bringen. Der ganze 
Abschnitt verdient unbedingt den Vorzug vor dem parallelen in 
Nr. 2. Doch kann Ref. nicht sagen^ dass die Aufgabe vollkommen 
gelöst ist. Es ist anerkannt und unläugbar. dass das Jobcljabr 
ein Sabbatjahr in erweitertem Kreise, dass e« somit überhaupt ein 
Sabbat ist. Eine vollständige und richtige Nachweisung der Be- 
deutung des Jobeljahrs ist daher nur möglich durch Entwickeiung 
der Idee des Sabbat», welche nicht in e i ner Sabbatgattung, son- 
dern in der Gesammtheit der Sabbate, d. h. dem Tages-, des Mo- 
nats-Sabbat und den beiden Jahressabbaten sich vollständig dar- 
stellt: in dem Maasse nämlich, wie sich der Zeitkreis, in welchem 
einer dieser Sabbate eintritt, erweitert, wird auch jene Idee um- 
fassender, bis sie im Jobeljahr, als dem weitesten Zeitkreis, ihre 
grösste Ausdehnung erreicht hat und sich vollendet. Diese stufen- 
weise Entfaltung der Sabbatsidee in dem ganzen Snbbatcyclus hat 
nun der Verf. von Nr. 1 , so nahe er sonst dem Ziele gekommen 
ist, doch nicht nachgewiesen. Es hätte von dem Wort aus- 
gegangen und gezeigt werden sollen, welchen Begriff der Hebräer 
damit verbindet. Die gewöhnliehe Meinung, als handle es sieh 
heim Sabbat nur darum, dass das Volk sieh nicht überarbeite, 
sondern in jeder Woche auch einmal ausruhe und einen behagli- 
chen Tag habe, wird im Grunde schon dadurch widerlegt, dass der 
Sabbat Zeichen des Bundes mit Jehovah, also ein rein religiöses 
Institut ist, dem Ausruhen von der Arbeit an sich aber das reli- 
giöse Moment gänzlich fehlt. Man supplirl es daher gewöhnlich und 
sagt: die Ruhe von der Arbeit sey geboten worden, damit das Volk 
Zeit zu religiösen Hebungen gehabt habe. Allein wo steht diess 
geschrieben? Die Ruhe wäre dann nur Nebensache, die Hauptsache 
aber würde das Gesetz gänzlich verschweigen, und statt nach ihr 
nach der Nebensache den Sabbat benannt haben. Die Grundidee des 
Sabbats ist vielmehr ganz allgemein der Begriff, Ruhe im Gegensatz 
zur Bewegung, als dem Wesen der Zeit. In dem Begriff der Zeit, 
als dem absolut Beweglichen, liegt zugleich die absolute Veränder- 
lichkeit, welcher gegenüber dann wieder die Ruhe als das Unverän- 
derliche erscheint. 

CD er Schht ss folyt.*) 



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N # . 8. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Kr a iiohl und Woldiiu: De anno Hebraeorr. Jubilaco. 

(Beschlufi.) 

Wenn daher der Sabbat (= Ruhe) in die Zeit eintritt, ao 
kehrt das, was in and mit der Zeit sich verändert hat, anders, als 
es ursprünglich war, geworden ist, zu seinem ursprünglichen 8eyn 
zurück. 80 ist dem Hebräer die Ruhe zugleich Recreation, Rück- 
kehr in den ursprünglichen Zustand, Wiederherstellung, Erneue- 
rung. Diess näher zu entwickeln und zu begründen, namentlich 
zu zeigen, wie diese Idee in den verschiedenen Sabbaten darge- 
stellt ist, kann hier der Ort nicht seyn. Vor Augen aber liegt, 
dass sie im Jobeljahr, als dem letzten und grössten Sabbat, am um- 
fassendsten verwirklicht ist. Hier erstreckt sie sich nämlich auf 
die ganze Theokratie: nicht nur das Land „ruht" und mit ihm 
Menschen und Thiere, sondern jeder Israelite kehrt zu seinem Ge- 
schlecht, und jedes Geschlecht zu seinem ihm ursprünglich bei der 
Gründung des tbeokratischen Staates zugewiesenen Besitzthnme 
zurück; dadurch aber eben kehrt die ganze Theokratie, welche als 
in der Zeit bestehend sich mit der Zeit bewegt und anders gewor- 
den ist, in den status quo zurück, und diese Rückkehr ist Erneue- 
rung oder Wiederherstclluug. Die Idee eines Gottes-Staates , der 
als solcher sich nicht ändern darf und das Kriterium des Göttli- 
chen, d. i. Ewigen und Unveränderlichen, an sich tragen muss, ist 
gewissermaassen, wie die Wurzel des ganzen Mosaismus, so ins- 
besondere auch des Instituts des Jobeljabrs. Bei dieser Auffas- 
sung erklären sich sämmtlichc einzelne Bestimmungen der Institu- 
tion, namentlich auch die, dass das Jobeljahr am Versöhnungstag 
und mit Posaunenschall beginneu sollte. Ganz schief und irrig 
geben dafür beide Verff. den gewöhnlichen Grund an: das Versöh- 
nungsfest sey in den Herbst gefallen, und da mit dieser Zeit das 
neue Agriculturjahr beginne, so habe der annus rabbaticus, der ein 
annus oeconomicus gewesen sey, seinen Anfang am Versöhnungs- 
tag genommen. Allein das Laubhüttenfest war das eigentliche 
Herbstfest, es stand in unmittelbarer Beziehung zum annus oeco- 
nomicus, nnd fiel nur fünf Tage später, als das Versöhnungsfest, 

XXXIII. Jahr* 1. Heft. 8 



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114 



Kranold und Woldiui: De anno Hebraeorr. Juniiaea. 



das mit Oekonomie nicht entfernt etwas zu than bat. Gerade diese 

sichtbar absichtliche Verlegung beweist unwiderleglich, dass das 
Jobeljahr mit diesem Feste, nicht aber mit dem Hcrbsternritefesr, 
zusammenhängt. Am grossen Versöhnungstag wurden die Sunden 
des ganzen Volks gesühnt, d. b. vor dem Angesicht Jehova's zu- 
gedeckt (^£D3 und auf diese Weise das durch die Sunden ge- 
störte Verhältnis* zu Jchova, der gebrochene Bund, wieder herge- 
stellt und erneuert; das ganze Volk wurde ethisch in den Status 
quo zurückgeführt. An keinen Tag konnte daher die grosse dwo- 
x i i tarne i der ganzen Theokratie passender geknüpft werden, 
als an den, wo die ethische dnoxaidoraotq des Volkes statt hatte. 
Damit hangt dann auch weiter der Posauncnschall zusammen. Es 
ist nicht nur an sich, wie schon bemerkt, unrichtig, wenn der Verf. 
von Nr. 1. den Posauncnschall als Aufruf zur öffentlichen Frende 
betrachtet, sondern noch dazu ein Widerspruch mit der an der wei- 
ten Aeusscrnng, der Versöhnungstag sey ein Tag der öffentlichen 
Reue und Düsse gewesen. Das Posaunenbinsen war hier so wenig 
als am nyiljl Dl 1 , dcm Ta £ des Posaunenschalls, am i sten des 

siebenten Monats, blosses Mittel, znm Fest aufzurufen, ahnlich un- 
serm Giockengeläute, sondern machte einen Theil des religiösen 
Festgebrauches selbst aus, und war daher bedeutsam. Eine Ver- 
gleichung der biblischen Stellen, wo des Posaunenschalles in fei- 
erlicher Weise Erwähnung geschieht, zeigt, dass diess immer der 
Fall zu seyn pflegt, wenn eine Neuheit beginnt, d. h. eine solche, 
wo eine äno*axäoiaan stattfindet, wie z. B. vor allen 1 Kor. 15, 
52., oder wenn ein göttliches Gericht eintritt (Joel 2, 1. Zach. 3, 
14. OflTcnb. 8, 2 IX.). welches als solches darin besteht, dass das 
rechte Verb&ltniss hergestellt, >vas hoch war erniedrigt und über- 
bau pt dns l'ngöttliche vertilgt wird und eine neue Ordnung der 
Dinge beginnt. Die Stimme der Posaune ist dann Symbol der Stim- 
me Gottes (1 Thess. 4, Iß.), die, wie sie Alles ins Daseyn geru- 
fen hat (crenvit), so auch Alles neuschafTt und wieder herstellt 
(recreavitj. Diess kann untürlich hier nicht näher ausgeführt wer- 
den, aber Sache der beiden Verff. wäre es wohl gewesen, hierauf 
tiefer einzugeben. 

Ob das Jobeljahr wirklich gefeiert worden, liisst sich nicht be- 
stimmen ; findet) sich auch in den Propheten deutliche Hinweisun- 
gen auf die Institution, so schweigt doch die Israelitische Ge- 
. schichte. Nr. 8. glaubt übrigens Spuren von der Beobachtung ein- 
zelner Bestimmungen entdeckt zu haben. Sehr mit Unrecht ist aus 



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Locmuni fabolae ed. Schier et Roediger. 115 

* 

dem Schweigen der Geschiohte der Scbluss gezogen worden, die 
ganze Institution sey ein blosses Phantasiestück , als ob ans der 
Nicbtbeobachtung eines Gesetzes seine Nicbtexistenz folge. 

Auf die nicht uninteressante Frage nach Parallelen des Jobel- 
jahrs bei andern Völkern hat sich Nr. 1. gar nicht eingelassen; 
dagegen giebt hierüber Nr. 2. einiges. Kaum findet sich im Mo- 
saismus irgend eine Anordnung, zu der sich im Heidenthnm so 
wenig irgend Vergleichbares anführen lässt. Die Aehnüchkeit ist 
da nicht einmal eine äussere, geschweige dass gleiche Grundideen 
nachgewiesen werden Itönnten. Alles, was nicht nur der Verf., 
sondern auch Andere bemerklich gemacht haben, ist so ganz und 
gar heterogen, dass daraus erst recht die Originalität der Mosai- 
schen Institution erhellt. Sie hängt überhaupt durch hundert Fä- 
den mit den eigentümlichen Mosaischen Religionsideen zusammen, 
namentlich aber mit dem Sabbat, dessen Feier als Ruhetag selbst 
von denen für ausschliesslich Israelitisch gehalten wird, die ihn 
auf die Angabe eines Schriftstellers des dritten Jahrhunderts nach 
Chr. mit dem aus der Astrologie hervorgegangenen aber nirgends 
gefeierten Saturntag identificiren. 

Karlsruhe. K. Bahr. 

4 



Locmani fabulac quae circumferentur annotat ionibus criticit et glossario 
explanatac ab Aemilio R oediger o, phil. Doct. linguar. Orient, p. 
o. etc. editio altera aueta et emendata. Halis Saxonum apud Schwet- 
schkios patrem et fil 183!). 44 A>\ Text und 54 Clou, in 8. 

Falles de Lokmdn surnomme le sage en Arabe avec une traduetion /ran- 
patM et accompagne'es de remarques et d'un vocabutaire arabe-francait 
par Charles Schier, seconde edition corrigc'c sur deux manuscrit» 
de la bibliotheque royale de Paris et de Vuniversite" d'Oxford. Dresde 
et Leipsic chez Arnold libraire. 1839. 18 & Text und M Uebers. und 
Wörterbuch. 8. 

Schon im Jahre 1823., als Herr Prof. Freytag f.okman's Fa- 
beln wieder von Neuem herausgab, wunderte sich der selige Sil— 
vestre de Sacy (im Journal des savnns Fevrier 1824.) darüber, dass 
gerade diese Fabeln das ausschliessliche Recht besitzen, den ange- 
benden Orientalisten in die Hand gegeben zu werden, und dennoch 
sind sie in den letzten sechzehn Jahren nicht weniger als achtmal 
wieder gedruckt worden; in Calcutta von einem Unbekannten im 
J. 1828., von Raak in Kopenhagen im J 1831., von Humbert in 
Paris 1834., von Delaporte in Algier 1835, und endlich viermal 
von den Herausgebern vorliegender Werke. Wenig fehlt, wenn 



• 



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116 Locmani fabulae ed. Schier et Rocdiger. 

man alle Bearbeitungen dieser Fabeln seit Erpenius /.usamraenrech- 

net, dass auf jede Fabel ein Bearbeiter kömmt. Und wie gelang- 
ten diese Fabeln zu einer Ehre, die noch keinem arabischen Autor 
zu Theil geworden? etwa wegen der reinen and zierlichen Spra- 
che, in welcher sie geschrieben sind? aber wer weiss nicht, wie 
wir auch in der Folge zeigen werden, dass trotz aller Bemühungen 
der Herausgeber dennoch manche Verstösse gegen Grammatik und 
Syntax sich nicht ausrotten lassen? sollen sie etwa den jungen 
Orientalisten in das lieben, in die Sitten und Gebräuche der Ara- 
ber, oder in die Naturgeschichte ihres Landes einführen? aber auch 
keine Einzige tragt das Gepräge der arabischen M äste an sich. 
Wir begegnen hier keinen Beduinen mit ihrer Beredsamkeit oder mit 
ihrer Kriegs- und Raublust; wir sehen kein Feuer der Gastfreund- 
schaft darin leuchten ; wir stossen auf kein Kamcel mit dem Zelt- 
apparate beladen; weder eine Hyäne, noch ein Schakal, noch ein 
Strauss lassen sich blicken. Im Gegenthcile werden in zwei Fa- 
beln die schwarzen Menschen verspottet, obgleich der sonnenver- 
brannte Teint der Araber dem der Neger viel näher steht, als dem 
der Enropäer. Die Zeichnung, welche einen Menschen vorstellt, 
der einen Löwen erwürgt, erinnert an kein Nomadenvolk, eben so 
wenig als die Fabel des Mannes mit dem Götzenbilde, und die des 
auf den Markt gebrachten Schweines, an Mohammedaner oder an 
den Gottesdienst der alten Araber. Nichts Andres als der leere 
Name, den ein Uebersetzer diesen Fabeln zu geben für gut gefun- 
den hat — denn Alles spricht dafür, sowohl Sprache als Inhalt, 
dass diese Fabeln nicht einmal ein arabisches Originalwerk sind — 
hat ihnen eine solche Celebrität verschafft. Indessen hatte diese 
Sammlung nur im Occidente sich einer so guten Aufnahme zu er- 
freuen, im Orient aber steht sie in gar keinem Ansehen, und Ref. 
erinnert sich recht gut, dass sein Freund, Herr Fresnel, als er sie 
mit seinem Scheich lesen wollte, von demselben ausgelacht wur- 
de. Daher kömmt es auch, dass, so kurz auch diese Faheln, wel- 
ehe ein gewandter Copist ohne Anstrengung in zwei Stunden ab- 
schreiben kann, seyn mögen, sie dennoch im Oriente so selten sind, 
und alle davon vorhandenen Mnnuscripte mehr oder weniger Fehler 
enthalten. In Europa aber fiel man thtils wegen der Aehnlichkcit 
einiger Fabeln mit den Aesopi«chen, theils weil sie unter der Fir- 
ma des im Morgenlandc durch die ein und dreissigstc Sura des 
Korans als Weisen bekannten Lokman erschienen, so heisshungrig 
darüber her, als hätte die arabische Literatur nichts Aehnliches 
mehr aufzuweisen. Zwar ist man längst davon zurückgekommen, 



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Locmani fabulae ed. Schier et Roediger. 



117 



diese« moderne Machwerk dem alten Lokm&n, der nach muselmän- 
niscber Tradition ein Zei 'genösse David's gewesen scyn soll, zu- 
schreiben zu wollen. Schon die zwei Fabeln, in welchen die Schwar- 
zen verspottet » werden , lassen nicht einmal d i e Vermuthung zu, 
als haben diese Fabeln im Munde des Volks von Lokman her fort- 
gelebt , und seyen erst spater von einem der arabischen Sprache 
nicht sehr kundigen Sammler niedergeschrieben worden; denn Lok- 
man selbst war, nach dem Berichte der arabischen Exegeten, ein 
schwarzer Sclave mit aufgeworfenen Lippen. So erzählt man ja 
auch unter Anderm von ihm: er habe einst einem Manne, der ihn 
Innge anstarrte, gesagt: was siehst du mich so an? wenn auch 
meine Lippen dick sind, so kommen doch zarte Worte aus ihnen 
hervor, uud int auch mein Aeusseres schwarz, so findest dn doch 
ein weisses Herz in mir. 

Wenn also Lokman's Fabeln am allerwenigsten dazu geeignet 
sind, Anfänger mit der Sprache und dem Geiste der Araber ver- 
traut zu machen, und eine gesunde Kritik ihnen auch nicht — in 
diesem Gewände wenigstens — den mindesten antiquarischen Werth 
einzuräumen vermag, so kann man nur bedauern, dass Manner, wie 
die Verfasser der zwei vorliegenden Werke, welche mit so vieler 
Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit arbeiten , gerade einem sol- 
chen Gegenstande Bemühungen zuwenden, die, auf ein andres Feld 
gerichtet, der lernenden Jugend weit erspriesslicher werden könn- 
ten. Wollten oder konnten sie kein neues Manuscript herausgeben, 
warum nicht irgend eine Snra ans dem Koran kritisch bearbeiten 
und dnreb Beifügung eines Glossariums jedem Anfänger zugäng- 
lich machen? Freilich werden Lokman's Fabeln noch manche Auf- 
lage erleben müssen , so lange man sie durch nichts Andres er- 
setzt , aber daraus lässt sich keineswegs auf den Werth oder den 
erspriesslicben Gebrauch des Werks scbliessen. Doch wenden wir 
uns jetzt von dem was geschehen sollte, zu dem was wirklich ge- 
leistet worden ist, so gestehen wir gerne, dass Hr. Sehier sowohl 
als Hr. Uödiger die bisherigen Ausgaben in manchen Beziehungen 
übertroffen. Beide haben ein vollständiges Wörterbuch, erstercr in 
französischer und letzterer in lateinischer Sprache geliefert, das 
dem Anfänger nichts zu wünschen übrig lässt Besondern Werth 
erhält der Text des Hrn. Rüdiger dadurch, dass er alle verschie- 
denen Lesearten zusammenstellt und so den Leser nicht unbedingt 
zu dem von ihm gewählten Texte hinzieht ; während Hr. Schier hin- 
gegen «eine Ausgabe noch mit einer Uebersetzuog bereichert hat, 
die indessen, da sie doch nur Anfängern bestimmt ist, etwas wort- 



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HB Locmani fabulae cd. Schier et Roedigcr. 

treuer seyn durfte. Beide Texte sind höchst correct nach der von 
jedem angenommenen Leseart, die aber freilich Ref. nicht immer 
für die riobtige hält. So lesen beide in der sechsten Fabel ^ja^> 
statt ^Aor^., das nach dem Kamus dieselbe Bedeutung hat , und 
darum den Vorzug verdient, weil andere Manuscripte ^4*2* ha- 
ben, welche Verwechselung doch nur von letztersm wegen der 
Aebnlichkeit in der Aussprache entstehen konnte. In der zwölften 
Fabel scheint Ref. ketbir. wie S. liest, besser als jesir nach 
B. zu seyn; denn da doch die Frau täglich ein Ey mehr zu er- 
langen, folglich ihren Gewinn zu verdoppeln hoffte, so würde jesir 
gar nicht passen. In der zu Lund 1819. erschienenen" hebräischen 
Uebersetxung der Lokman'schen Fabeln beisst es auch J?I£3 ^13JJ3 
31* Fabel 16. zieht Ref. die ältere Leseart wams, der auch noch 
Frey tag folgte, der von S. und R. angenommenen wainnama vor, 
weil so die Moral besser znr Fabel passt; denn der über das plötz- 
liche Erscheinen des Todes erschrockene Mann, fordert ihn ja nicht 
auf, ihn von seiner Last zu befreien, sondern will sie im Oegen- 
theile gerne wieder weiterschleppen ; also trotz der Qualen 
doch leben. Fab. 18. findet ; Ref. weder die Leseart von R. li i- 
l&hi aebara, noch die von 8. lilaohirati richtig — gegen 
Brstere lässt sich einwenden, dass das Zeitwort lama nicht ver- 
läumden oder anklagen, sondern tadeln und schmähen heisst, und 
niemals mit J,um, wie Hr R. glaubt, apud alium culpare aus- 
zudrücken, coustruirt wird. An der Leseart des Um. S. ist dasj 

zu tadeln, mit dem er selbst nicht recht weiss, was anfangen. Er 
sagt in seinen Noten: „La preposition fi devant alächirati 
n'indiqne pas un rapport de tems mais la cause et le metif; eile 
repond a la preposition J dnns le ms. dOxford eto." Indessen 

übersetzt er doch: „tu pourrais un jour m'aecuser d'etre l'auteur 
de ta ruine." Warum also nicht nach Cod. Paris, fil Achirati le- 
sen, d. h. in jener Welt, wenn er keinen Lohn für seine Opfer er- 
hält? Fab. 19. bemerkt 8. richtig, dass jaghrakuna besser passt, 
•Jsjughrakuna; hingegen liesst Ref. lieber mit R. mutakal- 
labihim als mit 8. munkalabih i m, weil es sonst eine Wieder- 
holung wäre mit dem letzten Satze, der auch nichts Andres be- 
deutet, als „wie schlecht ihr Jenseits seyn wird," daher auch Hr. 
8. in der Lebersetzung nur einen Satz daraus macht. „Ceux qui 

doivent connaitre le sort funeste qui les attend." Uebrtgens 

übersetzt Hr. B. Münk a lab unrichtig mit Status vitae fulurae — 



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Locmaai falulae ed. Schier ei Roeiiigcr. 119 

es wird im Kamus sowohl als vo« Djel&l eddin durch mardjaun 
wiedergegeben, bedeutet also blos der Ort, nach dem mau zu- 
rückkehrt, also überhaupt „Jenseits. 11 Auch die fünfte Form von 
kalaba hat Hr. R. nicht deutlich genug erklärt,* sie wird im kainus 
durch tasarrafa kaifa ja sc hu wiedergegeben, bedeutet also 
überhaupt freie Handlung. Fab. 20. scheint Ref. die vou R. und 8. 
aufgenommene Lesen rt f a 1 i i d 1 a 1 i h i darum unzulässig, weil a d a 1 1 a 
durchaus nicht die Bedeutung ftduotam posuit in ro hat, die ihnen 
in vorliegenden Glossariis gegeben wird. Ada IIa heisst nicht 
einmal „confidenter et audacius tractare mulier virum," woraus die 
Nebenbedeutung „fiduciani ponere" entsprungen seyn soll, sondern 
wird von einer Frau gesagt, die aus Coquctterie sich sträubt, und 
dem Manne gegenüber eine gezwungene Härte zeigt. Darum steht 

Ref. keinen Augenblick an, Hrn. Freytags Leseart öJCjO ^2*)$ 

oder JÜÖUO für die bessere zu erklären; aus dieser konnte leicht 

'iS^O UI >d dann 83<j entstehen. Für diese Leseart spricht auch 
die ganz worttreue hebr. Uebersetzung flbpl Hpl nfi1*fl ?5 
fn 1 ? flPTW- WA 23. hat Hr. S. mit Recht Ahadan in Aba- 

dan verwandelt, bei dem Worte otü^J hingegen kann Ref. nicht 
mit ihm und R. übereinstimmen; eine derartige Construction, wenn 
sie auch bei Dichtern vorkömmt, ist doch für unsern Autor viel zu 
gesucht, abgesehen davon, dass in der That der Körper wohl 
schwarz bleiben, aber doch nicht durch das Reiben mit Schnee noch 
an Schwärze zunehmen kann. Freilich lässt sich Hrn. Freytaga 
Leseart jartaddus-saw&da noch viel weniger vertheidigen, 

darum glaubt Ref., dass wohl am besten ^jt$ zu 

lesen wäre; irtadda hat dieselbe Bedeutung nach dem Kamus wie 
radjaa — wieder werden wie zuvor. Fab. 24. hat Hr. R. unter 
allen möglichen Lesearten die beste herausgewählt und auclrnach 
dem Kamus richtig erklärt. Hr. S.s Leseart ist etwas kühn, und 
seine Uebersetzung „qui promet de faire tout ce qui lui passe par 
la tete" nicht ganz richtig — er scheint iddaa mit waada verwech- 
selt zu haben — auch bat itadjaba dieselbe Bedeutung wie ta- 
w ad d ja ha, jemanden das Gesicht zuwenden , keineswegs aber 
„passer par la tete," und scheint überhaupt nur auf Personen an-* 
wendbar zu seyn, nicht auf Dinge. Darum wäre es vielleicht gut, 

da« (jiisriÄJ dea Co& Oxf. io ^.Vsciäj verwandeln, statt 



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120 Ken« Auigabcn germanischer Rechtsbü'her 



&anXj . tacballa hat dieselbe Bedeutung wie tarak (etwas lassen) und 
passtalso hier sehr gut, vielleicht Hesse sich aneb ma la jattadjihu 
lesen, „er schreibt sich Handlungen zu, denen er sich nie zuwendet/ 1 in 

beiden Fällen müsste aber ilaibi fehlen. Am besten aber wäre ^yutä 

wie F. 39. F. 25. passt Hr. 8's Uebersetzung: „Cette fable signifie que 
lorsque quelqu'un est tombe dann un danger, il faut dabord 1c secourir 
et ensuite lni faire des remontrances" nicht zu seinem Texte, der 
überhaupt keinen befriedigenden Sinn gewahrt und den älteren Le- 
searten nicht hätte vorgezogen werden sollen. Auch die Moral 
der 3*. Fabel ist unrichtig übersetzt; sie lautet: Cette fable eig- 
nifle que celui qui entreprend une affaire, s'il n'est pas secondc par 
un plus fort et plus puissant que lui, ne peut suffire a cette affaire, 
et trsvaille inutilement pour lui meine," statt: „Cette fable regarde 
celui qui entreprend une affaire, a laquelle U ne peut suffire, et 
dont il ne tire aueun avantage, s'il nest pas seconde par un plus 
fort et plus puissant que lui. 44 wnilla ist im Texte zu viel. Das 
Glossarium des Hm R. enthält mehr Wörter als das des Um. 8., 
weil Krsterer auch alle in den Anmerkungen angeführten Lesear- 
ten erklärt; indessen ist doch das des Hrn. 8. an manchen Orten 
ausführlicher und richtiger, so z. B. bei der praepos. ^ führt R. 

dsahaba bihi als Beispiel zu societatis an, während die Ära- 

■ 

ber dieses ba Altaadijati nennen und als Beispiel des socie- 

tatis sabbih bihamdi r abb i ka anführen. Ebenso ist die praepos. 
J und bei 8. besser als bei R. erläutert, jedoch möchte Ref. 

bei dem min von minhuma Fab. 1. ebensowenig an eine compa- 
raiaon denken, als bei dem vor Adduchuli in derselben Fabel. 

Dr. G. Weil. 



Neue Ausgaben germanischer RechUbücher. 

Vorbemerkung. 

Je mehr die Wichtigkeit des geschichtlichen Rechtsstudiums 
für die deutsche Jurisprudenz erkannt und gewürdigt zu werden 
begonnen bat, desto mehr musste auch das Bedürfniss gediegener 
kritischer Ausgaben der mittelalterlichen deutschen Rechtsquellen 
empfunden werden. Dieses Bedürfniss bat besonders in den letzte- 
ren Jahren allenthalben in Deutschland emsige Nachforschungen 



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Ton Ortloff, Thüngen, Lcn.an, v. Maurer und Zöpfl. 121 

nach handschriftlichem, den Uobil Jen einer zerstörungssüchtigen Zeit 
glücklich entronnenem Materiale hervorgerufen, und schon liegt 
eine Reihe deutscher Reehtsbücher vor ans, deren Ausstattang durch 
den gelehrten Fleiss der Herausgeber den erfreulichsten Beweis 
liefert, wie weit bereits die Kritik im Vergleiche zu dem vergan- 
genen Jahrhundert vorgeschritten ist, uud dass auch die Zeiten der 
literarischen Barbarei, in welcher ein Senkenberg die Recbtsdenk- 
maler unserer Vorzeit ungestraft misshandeln durfte, endlich vor- 
übergegangen sind. Wir besitzen nunmehr nicht nur bereits die 
meisten der früher schon durch den Druck bekannt gewordenen 
Hechtsbücher in neuen, durch die Vergleichung bisher ungenutzt 
gebliebener Handschriften verbesserten und berichtigten Ausgaben, 
sondern auch manche seither ganz unbekannt gewesene Rechts- 
quelle hat sich uns erschlossen, und wenu auch über manche Frage 
die Vergangenheit uns noch schweigend die Antwort verweigert, 
so ist doch bereits manches Dunkel, welches über die Geschichte 
der einzelnen Rechtsinstitute verbreitet war, aufgehellet, und wo es 
noch nicht völlig taget, belebet doch schon das hereinbrechende 
Dämmerlicht den Muth der Forscher, mit unablässigem Streben nach 
grösserer Klarheit zu ringen. Es sind kaum vier Decennien, seit- 
dem das historische Studium auf den Boden des deutschen Rechts 
verpflanzt wurde, seitdem man anfing, die Bedeutuug der Geschichte 
für die practische Rechtsanwendung zu erkennen und einigermassen 
zu würdigen, und schon sehen wir in rascher Folge Werke sich 
aneinanderreihen, welche von der Jugendkrnft des neu geweckten 
wissenschaftlichen Geistes zeugend, zu schönen Hoffnungen für die 
nächste Zukunft berechtigen. Je mehr sich uns die Rechtsquellen 
des Mittelalters erschliessen, — mit jedem neuen Rechtsbucbe, wel- 
ches aus dem Moder der Archive an den Tag gefördert wird, tritt 
uns der Geist des deutschen Rechtes herrlicher und klarer in seiner 
nationalen Charaktereigenthümlichkeit entgegen — immer deutlicher 
entfaltet sich der germanische Inbegriff vom Rechte, als auf den 
Begriff der Freiheit basirt, wie es einer grossen, edlen, selbststän- 
digen and kriegerischen Nation würdig ist: — in der Fülle der 
Erscheinungen, in dem Reicbthum der Formen enthüllet sich uns 
eine Idee des Gemeinsamen, des gleichförmig und allgemein Gülti- 
gen, eine Gleichheit der rechtlichen Grumlunschauung des Staats- 
and Volkslebens — welche keine Zeit, keine Verschiedenheit der 
Schicksale der einzelnen deutschen Stamme jemals zu vernichten 
vermocht bat. Wohin die Wanderung die deutschen Stamme führte, 
dahin verpflanzte aicb mit deutscher Sitte auch das deutsche Recht, 



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12! Neue Ausgaben germanischer RcchUbücher 

und wie vor den Waffen der Germanen in dem grossen Völker- 
sturme die Macht der Römer sank, so sank mit ihr auch in den 
eroberten Provinzen ihr weltherrschendes Recht, und seine Grundbe- 
griffe mussten sich des Uebcrgewichtcs ungeachtet, welches ihm 
seine wissenschaftliche Ausbildung zu sichern schien, dennoch den 
Grundbegriffen des deutschen Rechtes unterordnen, ja selbst die 
künstlich feine Logik und die Methode eines Papinian und Paulas 
musste, wenn nicht als Knecht, doch als Lehrer dem deutschen Sie- 
ger — dem Kinde der Natur und Sitte dienen. Welcher herrlichen 
Entwicklung das deutsche Hecht fähig ist, wo man es verstehet, 
es aus sich selbst fortzubilden, das zeigt uns England, so hier, wie 
in Allem, was die socialen Verhältnisse betrifft, ein Typus der Ent- 
wickelungsfähigkeit der germanischen Nationen; aber auch in Frank- 
reich, in Spanien und selbst in Italien haben — (namentlich im ca- 
nonischen Rechte) — deutsche Rechtsideen den Sieg davon getra- 
gen, und bis zur Stunde noch das römische Recht modiücirt. 

Man möchte es daher für einen wahren Humor des Schicksals 
halten, dass gerade in Deutschland selbst fast das umgekehrte Ver- 
hältnis* sich feststellte, dass hier das römische Recht gleichsam als 
Sieger eindrang und das deutsche Recht in der Art unterjochte, 
dass man sogar sich oft dazu genöthiget gefunden hat, die prac- 
tische Anwendung der eigentlichen deutschen Rechtsgrundsitze, wo 
sie dem römischen Rechte widerstreiten, von einein spcoiellen Be- 
weise ihrer durch ein Herkommen bestätigten Geltung abhängig 
zu machen, so wie auch kaum noch in einem oder dem anderen 
Staate die Legislation einen überdiess meistens wenig glücklichen 
Versuch gemacht hat , das gegenseitige Verhältniss des römischen 
und deutschen Rechts für die Praxis zu flxiren. Aus dieser Rück- 
sicht muss uns zur Zeit noch besonders daran liegen, dass jene 
Rechtsquellen an den Tag gefördert werden, welche uns unser ein- 
heimisches deutsches Recht in Beiner ursprünglichen Gestalt und 
Reinheit zeigen, noch nr< vermischt mit dem römischen Rechte — 
dem einzigen Nebenbuhler des germanischen Rechtes in der Welt- 
geschichte — ; denn nur die genaue Einsicht in die Eigcnthüinlich- 
keiten des deutschen Rechtes und die Kenntniss seiner Licht- und 
Schattenseiten sind es, welche in dem noch keineswegs beendigten 
Kampfe beider Rechte um practische Geltung in Deutschland ein 
motivirtes Urtheil vorbereiten und die Entscheidung bedingen können. 
Ich werde daher hier in gedrängter Kürze eine Uebersicht der neue- 
sten Leistungen im Gebiete der deutschen Rechtsquellen des Mit- 
telalters geben : denn zunächst handelt es sich darum, dass die Schätze, 



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Ton OrtlofT, r. Thangen, Lcmnn, t. Maarer and Zopfl. 



115 



welche herausgearbeitet werden, auch benutzt werden, und da»s die 
Aufmerksamkeit der Juristen, und namentlich der jüngeren Gene- 
ration, dem germanischen Quellenstudium selbst zugewandt wird. 
Es ist endlich Zeit, dass nunmehr auch die grössere Masse diese 
altdeutschen Quellen eben so zur Hnnd nehme, wte wir uns freuen 
dürfen, dass es bereits auf den meisten Jlocbschulen hinsichtlich der 
Quellen des römischen Rechtes der Fall ist. 

/. Das Rechtsbuek nach Distinctiomn, nebst einem Eisenachischen Hcchts- 
buch. Herausgegeben von Dr. Friedr. Ortloff, ObcrappeUation&rath 
au Jena. — Jena, in der Cröker'&chen Buchhandlung' 1H36. 54 Ii. 8. 

Von diesem Rechtsbuche gab es bisher eine einzige, überdies» 
sehr fehlerhafte und durchaus unkritische, und somit unbrauchbare 
Ausgabe, nämlich in Böhme' s diplom. Beitr. z. Untersuchung der 
Schlesischen Rechte und Geschichte ( Berlin 1770— 1775.), woselbst 
dieses Rechtsbuch unter der ganz unpassenden, und dürch nicht« 
gerechtfertigten Bezeichnung „sohlest sches La ndrecht" ab- 
gedruckt worden war. OrtlotT hat nunmehr in der seiner Ausgabe 
vorgedruckten Einleitung gezeigt, dass bis zum Anfange des vo- 
rigen Jahrhunderts die Existenz dieses Rechtsbuches so gut wie 
unbekannt geblieben — resp. dasselbe in volle Vergessenheit ge- 
ratben war. Es gehört dieses Kechtshuch zu der ( lasse der säch- 
sischen Weicbbildrechtc — und ist eine l'rivatnrbeit, mit dem Zwecke, 
nicht nur eine Uebersicht und Zusammenstellung der Quellen des 
Rechtes in den sächsischen Städten zu geben, als auch zugleich die 
Abweichungen und Verschiedenheiten derselben v.u zeigen. Nament- 
lich sollen Landrecht, Weichbildrecht und Kaiserrecht diatinguirt 
oder „ausgeschieden u werden, und daher sind auch die einzelnen 
Artikel als diatinetiones bezeichnet. Qrtloff zeigt, dass dieses Rechts- 
buch nach Distinctioneu kein anderes, als das in der bei Longolius 
erwähnten Handschrift gedachte „Buch der Ausscheidung" 
ist, so wie auch, dass die in den Handschriften vorkommende Ab- 
theilung in 5, 6, oder 7 oder gar 8 Bücher durchaus unerheblich, 
und kein Beweis einer mehrfachen oder verschiedenzeitigen Bear- 
beitung oder Fortbildung des Rechtsbuches sey. Die Quellen, aus 
welchen das Rechtsbuch geflossen ist, sind in dem l'ronctnium selbst 
angegeben: „es ist nämlich gezogen aus kaiserlichen Büchern, aus 
dem Landrecht, Spiegels der Sachsen, Weichbildbüchcrn und aus 
geistlichen Büchern. Ortloff hat nun diese Quellen auch im Ein- 
zelnen nachgewiesen. Das sächsische Landrecht erscheint sonach 
als eine Uauptquelle diese« Buche«. Der grösste Tbeil der Artikel 



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124 Neue Ausgaben gcrmonin. her RechUbüchcr 

des sächs. Landrechts ist wörtlich aufgenommen, und wie es scheint, 
absichtlich Anfang und Ende des Sachsenspiegels auch zum An- 
fang und Ende dieses Rechtsbuches gemacht, obgleich im r Hin- 
gen die Ordnung des Landrechtes ganz verlassen worden ist. Dem- 
ungeachtet hat sich Ortloff gegen die von Lauhn aufgebrachte, 
und in der neuern Zeit am meisten üblich gewordene Bezeichnung 
des Rechtsbuches nach Distinctionen als „vermehrter Sachsen- 
spiegel" erklärt, weil die übrigen nicht auf den Sachsenspiegel 
zurückführenden Bestandteile des Rechtsbuches so zahlreich und 
in einer solchen Art gebraucht sind, dass ihnen ein bloss acces- 
sorischer Charakter zu den ans dem Landrechte genommenen Stel- 
len nicht beigelegt werden könne. — Als zweite Hauptquelle er- 
scheint das Stadtrecht von Goslar, aus welchem ungefähr eben 
so viel wie aus dem sächs. Landrecht genommen ist. (Ein Ab- 
druck von diesem findet sich in Leibnitz ser. brunsw. T. III.) 
Hierdurch erklärten sich auch die in dem Rechtsbuche vorkommenden 
Ausdrücke „Kaiserweichbilde und Kaiserrecbt," so wie der im Pro- 
oemium vorkommende „Kaiserliche Bücher", welche zunächst auf 
das Stadtrecht von Goslar, als einer kaiserlichen Stadt, zurück- 
führen. Diese Berücksichtigung des Goslar'schen Stadtrechts er- 
klärt Ortloff sehr befriedigend aus dem Verhältnisse der Markgraf- 
schaft Meissen, als dem Vaterlande des Rechtsbuches nach Dis- 
tinctionen (Vergl. Einl. p. XXXIV.— XXX VII.) , zu den Städten 
Goslar, Mühlbausen und Nordhausen, über welche Ludwig v. Ba- 
yern die Schutzherrlichkeit an den Markgrafen Friedrich den Ernst- 
haften verliehen hatte. 

Es mag diess als ein neuer Beweis dienen, wie wichtig die 
Rechtsbildung in den Städten seit dem XIV. Jahrhundert für die 
Rechlsbildung in Deutschland überhaupt gewesen ist, und wie drin- 
gend nottrwendig es ist, diesem verhältnissmässig noch immer sehr 
vernachlässigten Theile unserer Rechtsquellen eine besondere Sorg- 
falt zuzuwenden. Als Quellen zählt Ortloff ferner noch auf die 
von den Schöffen zu Magdeburg 1304. nach Görlitz geschehene 
Mittheilung des Magdeburgischen Rechts, und das Sächsische oder 
Magdeburgische Weichbild, so wie auch die damals gangbaren 
Privilegien für die Juden. Weitere Quellen sind mit Bestimmtheit 
nicht anzugeben, sogar die canon. Rechtsbücher scheinen nicht un- 
mittelbar benutzt, und die wenigen Spuren einer Kenntnis« des 
röm. Rechtes, welche man in dem Rechtsbuch zu finden glauben 
könnte, sind höchstens Folge der Benützung der bisher nicht wei- 
ter ermittelten geistlichen Bücher. Die Zeit der Abfassung wird - 



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▼od ört!«>IT, Thungen, Lcman, ▼. Maurer und Zöpfl. 125 

von Ortloff zwischen die J. 1354. und 1387. gesetzt. Es wird 
auch nachgewiesen, dass der Gebrauch dieses Rechtsbuches nicht 
auf die Markgrafschaft Meissen beschrankt war, sondern es über- 
all benutzt wurde, wo überhaupt sachsisches, insbesondere Mag- 
deburgisches Recht galt, namentlich in Thüringen, Schlesien, Preus- 
sen und Polen; auch finden sich Lebersetzungen in das Böhmi- 
sche (Einl. 8. XIII.)* Ortloff hat sodann gezeigt, wie das Rechts- 
buch nach Distinctionen wieder Quelle einiger anderen späteren 
Bechtsbücher geworden ist: nämlich erstlich der von Albert Poel- 
inann 1674 etc. herausgegebenen, von einem unbekannten Verfasser 
circa 1433. zusammengeschriebenen Distinctionen, (auch sogenannte 
neun Magdeburgische Bücher oder distinetiones Magdeburgenses)': 
sodann des von dem Eisenachischen Stndtschreiber Johann Pur- 
goldt am Anfangedes 16. Jahrhunderts verfassten (bis jetzt unge- 
druckten, im Archive des Stadtrathes zu Eisenach befindlichen ) Rechts- 
buches in XII. Büchern, und endlich noch eines anderen Eisennchischen 
Rechtsbuches, welches in einer auf der öffentlichen Bibliothek zu 
Cassel befindlichen Handschrift enthalten ist. Ortloff hat hier auch 
Beiträge zu der Geschichte des Pölmann'schen und Purgoldf sehen 
Rechtsbuches, von dem zuletzt erwähnten Eisenachischen Rechts- 
buche aber, welches jedoch entweder unvollendet oder defeet, aber 
so weit es bekannt ist, von Purgoldl selbst schon benützt ist, und 
der zweiten Hälfte des XV. Jahrhanderts anzugehören scheint, ei- 
nen Abdruck beigegeben. 

Was die vorliegende Ausgabe des Rechtsbuches nach Dis- 
tinctionen betrifft, so wurden drei Handschriften, eine Jenaer, (nach 
welcher der Abdruck des Textes geschah, eine Wolfenbüttler, und 
ein Erfurter Codex, und neben diesen die Quellen des Rechtsbu- 
ches, ferner die Poelmann'schen Distinctionen und das Eisenacher 
Rechtsbuch nach der Casseler Handschrift benutzt und aus diesem 
. Materiale dem Texte eine reichhaltige Variantensammlung unter 
der Bezeichnung als Anmerkungen beigegeben. Als Anhänge sind 
beigefügt I. Inhaltsverzeichniss zu dem Rechtsbuch nach Distin- 
ctionen nach einer Eintheilung desselben in 8 Bücher aus eiuer 
Wolfenbüttler Handschrift. II. Vergleichung des Sächsischen Land- 
rechtes mit dem Rechtsbuch nach Distinctionen. III. Vergleichung 
des Goslarischen Stadtrechtes mit dem Rechtsbuche nach Distin- 
ctionen. IV. Vergleichung der vou Poelmann herausgegebenen 
Distinctionen mit dem Rechtsbuche nach Distinctioneu. 



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12« 



Neue Ausgaben germanischer Rcchtsbücher 



//. Das Sächsische Weichbildreclit, nach dem Codex Palatinu» Xr. 461 mit 
einer Einleitung als Inauguralabhandlung, zuerst herausgegeben von 
W. v. Thungen. Heidelberg, gedruckt bei Aug. Osswald. 1837. (In 
Commission der StaheVschen Buchhandlung in Lf'ürzburg.) 28 •Seiten 
Eanl. und 13 S. Text, in 8. 

Die vorliegende Ausgabe sollte der Aufgabe nach, welche 
sich der Herausgeber gesetzt hat, nicht eine Ausgabe des Säch- 
sischen Weichbildes, als Rechtsbuches, sondern nur eine Ausgabe 
einer einzelnen Handschrift desselben seyn, und ist in sofern als 
ein Beitrag zur Vorbereitung einer kritischen Ausgabe des Säch- 
sischen Weichbildes, welche sehr zu wünschen wäre, zu be- 
trachten. Der Herausgeber, welcher sich durchgehends in der 
vorausgeschickten Einleitung als einen eben so bescheidenen, als 
von Liebe für das deutsche Recht beseelten jungen Mann kund- 
gibt, erkennet selbst ganz richtig an, dass diese Handschrift, vom 
J. 1504., zu der Classc der jüngsten Handschriften gehöre, und 
daher allerdings zweifelhaft werden könne, ob dieser Codex, be- 
sonders da er nicht selten deutliche Spuren der Uncorrectheit zeigt, 
eine besondere Beachtung verdiene. Doch fand er sich dadurch be- 
stimmt seinen ersten literarischen Versuch mit der Herausgabe dieses 
Codex zu machen, da der Inhalt desselben sich häufig völlig abwei- 
chend von dem der bisher bekannten Druckausgaben seiner wich- 
tigsten Bestandteile zeige. Wenn wir nun gleich den Schluss, 
welchen der Herausgeber aus diesen Abweichungen gezogen hat 
— dass nämlich dem Verfasser dieser Handschrift die Rechtsbü- 
cher in sehr allen eigenthümlichen Handschriften vorgelegen seyn 
mögen, nicht unbedingt für richtig halten zu dürfen glauben, und 
namentlich bedenklich erscheinen muss, ob aus der hier vorliegen- 
den Form ein Schluss auf die ursprüngliche Gestalt der Rechts- 
bücher gemacht werden dürfe, so bleibt doch so viel richtig, 
dass diese Handschrift uns die mittelalterlichen Rechtsbücher in 
einer eigenthümlichen Form, und in einer offenbar mit Beziehung 
auf einander geschehenen Bearbeitung zeigt, und somit ein nicht 
zu übersehendes Beispiel einer zu einem localen Gebrauche be- 
stimmten Uebernrbeitung und resp. einer Art Rechtssammlung oder 
Zusammenstellung der wichtigsten und charakteristischen deutschen 
Rechtsbücher, namentlich des Sachsischen Rechtes und des Schwa- 
benspiegels darbietet. Namentlich verdient es Dank und Ermun- 
terung, dass durch die dem Abdrucke des sächsischen Weichbil- 
des vorangestellte Einleitung wieder eine genaue Beschreibung ei- 
nes deutschen mittelalterlichen Rechtsdenkinales geliefert, und somit 



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▼o« Ort lo/F, v. Thüngon, Leraan, t, Maurer and Zopfl. III 



die Kenntnis» von den uns erhaltenen Rechtsquellen erweitert wor- 
den ist. Der Codex Palat. Nr. 461. ist eine Zusammenstellung der 
von den Schöffen zu Iglau gebrauchten Rechtssammlungen. Den 
Anfang macht das Iglauer Bergrecht, im Gan/.en reichhaltiger als 
der bei Dobner hist. Boemiae abgedruckte lateinische Text des jus 
montanura iglaviense. Dann folgt ein Register über den Inhalt 
des Codex: sodann das sachsische Weichbildrecht. Dieses hat hier 
fünf Vorreden: die erste ist die kleine deutsche Kaiserchronik, 
welche sich (mit einigen Abweichungen) auch in den gewöhnli- 
chen Druckausgaben des Weichbildes findet; die zweite ist die 
bekannte gereimte Vorrede des Sachsenspiegels (jedoch mehrfach 
defect); die dritte und vierte Vorrede bilden der sogen, prologus 
des Sachsenspiegels (des heil. Geistes Minne etc.) und der sogen, 
textus prologi desselben. Als fünfte Vorrede kömmt der erste Art. 
des Sachsenspiegels vor. Der Text des Weichbildes enthält hier 
63 Art., welche sich in dem gewöhnliehen sächs. Weiehbildc al- 
lein, 86, welche sich im Weichbilde und Sachsenspiegel, 19S, wel- 
che sich im Sachsenspiegel allein /luden, und 8 Artikel, welche 
diesem Codex eigenthünlieh zu seyn scheinen. Die Ordnung; ist 
durchaus von der in den gewöhnlichen Ausgaben verschieden ; auch 
finden sich nicht alle Artikel, welche in den gewöhnliehen Ausga- 
ben des Weichbildes stehen. Au das Weichbild reihet sich ein 
Landfrieden, welcher mit dem bekannten Landfrieden Friedrichs IL 
sehr übereinstimmt, aber hier dem Kaiser Otto beigelegt ist (Wil- 
ken, in s. Gesch. der Heidelberger Büchersammlung S. 482. be- 
zeichnet deshalb irrig dieses und das folgende Stück als Kaiser 
Otto's Landrecht), sodann folgt ein Sehwabenspiegei in einer merk- 
würdig abgekürzten Form, worin zugleich unverkennbar das Be- 
streben hervortritt, die Widersprüche, welche sich mitunter zwi- 
schen den Lehren des Schwaben- und Sachsenspiegels, namentlich 
in Bezug auf das Vcrhältniss der kaiserlichen Gewalt zur päpst- 
lichen Anden, zu umgehen oder zu vermeiden. Den Schluss bildet 
das Iglauer Stadtrecht, welches mit zwei Privilegien von Wenzel 
und Primislaus für Iglau beginnet, ebenfalls im Wesentlichen mit 
dem lateinischen Texte bei Dobner übereinstimmend. Bei dieser 
Ausgabe sind der Druck des Weichbildes von 1537. und der Sach- 
senspiegel nach Homeyer's Ausgabe verglichen und bei den eiu- 
einzelnen Artikeln darauf verwiesen worden. 



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128 Neue Ausgaben germanischer RechUhücber ete. 

III. Da» alte kulmische Hecht, mit einem Wörterbuche , herausgegeben von 
t. K. Lemun. Keil in 18;J8. bei Ferd. Dümmlcr. — 46 B. 8. 

Das alte kulmische Hecht ist ein Filialrecht des Magdeburgi- 
Schöffenrechtes, und für die Rechtsbildung im vormaligen deufschen 
Ordensstaate in Preussen (Ost- und Westprcussen) von der gross- 
ten Bedeutung, um somehr, als Grundsätze desselben in das preus- 
sische Landrecht übergegangen sind, und somit unmittelbare prae- 
tische Bedeutung haben, ja sogar die Kcnntniss des alten kulmi- 
schen Rechtes zum richtigen Verstandnisse mancher sonst dunklen 
Vorschriften des neuereu Rechtes unentbehrlich ist. Die gegen- 
wartige Ausgabe musste um so mehr erwünscht kommen, als der 
frühere (einzige) Abdruck dieses Rechtsbuches, welchen der Bür- 
germeister Heinrich Stroband in Thorn im Jahr 1584. nach einer 
(verloren gegangenen) Handschrift von 1394. herausgegeben hatte, 
äusserst selten geworden und kaum noch auf einigen Bibliotheken 
anzutreffen ist. Der Herausgeber hat sich daher sowohl um den 
theoretischen als practischen Rechtsgelehrten, ein grosses Verdienst 
erworben, indem er nunmehr denselben diese wichtige Rechtsquelle 
zuganglicher gemacht hat. Aber auch der Sprachforscher wird 
dem Herausgeber zu grossem Danke verpflichtet seyn, denn so 
Ausgezeichnetes bereits in dem Gebiete der deutschen Sprache 
von ihrer Quelle bis zum Schlüsse der Minnesängerzeit in unseren 
Tagen von den beiden Grimm, Graff u. A. geleistet forden ist, 
so ist doch der Uebergang der älteren Sprachformen in die spä- 
tem Jahrhunderte bis auf Luther kaum noch der Beachtung werth 
gehalten worden. Der Herausgeber hat unter Vergleichung von 
12 — 14 Handschriften seiner Ausgabe die auf der Stadtbibliothek 
zu Danzig befindliche Handschrift aus der Mitte des XIV. Jahr- 
hunderts (Homeyer's Verzeichniss deutscher Rechtsbücher Nr. 388.) 
zu Grunde gelegt. Abgesehen von zahlreichen Verweisungen auf 
die übrigen sächsischen Rechtshücher ist der Werth dieser Aus- 
gabe besonders noch durch die Beigabe eines Wörterbuches erhöht 
worden, wodurch dem richtigen Verständnisse des Rechtsbuches 
ein nicht unwesentlicher Dieust geleistet worden ist. 

( Dir Schlufs folgt) 



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• # 9. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Neue Ausgaben germanticher Rechltbücher von Orlloff, 
v. Thüngen, Lernan, v. Maurer und Zöpfl. 

(Beschlu»».) 

IC. Da» Stadt- und das Landrechtsbuch Ruprecht» von Freiting. Nack 
fünf Münchner Manutcripten. Ein Beitrag zur Geschichte de» Schwa- 
bcnspiegel», von G. Lud. v. Maurer, k. baier. Staat»- und Reickt- 
rat he etc. etc. Stuttgart und Tübingen, Druck und Verlag der CoU 
ta'schen Buchhandlung. 1839. — 29 B. 8. 

Es ist sehr erfreulich, dass die Bearbeitung der Rechtsbücher, 
welche sich an den Schwabenspiegel anschliessen, nicht hinter den 
wissenschaftlichen Bestrebungen zurückbleibt, welche in der neue- 
ren Zeit der Familie der sachsischen Rechtsbücher gewidmet wor- 
den sind. Der Hr. v. Maurer hat sich durch die angezeigte Aus- 
gabe des Stadt- und Landrecbtsbuches Ruprechts von Freising 
neuerdings ein grosses Verdienst um die historische Rechtswissen- 
schaft erworben, und wo solche Leistungen in so kurzen Zwi- 
schenräumen sich aneinander reihen, ja man dürfte fast sagen, 
so gleichzeitig hervortreten, wie es in den letzten Jahren hin- 
sichtlich der Erforschung der Geschichte der deutschen Rechtsbü- 
cher der Fall ist, da scheint der Augenblick nicht mehr sehr ferne 
zu seyn, wo sich eine bisher zu dem Allgemeinen Leidwesen aller 
Geschichtsfreunde bestandene Lücke ausfüllen, und ein sicheres 
Urtheil über das gegenseitige und ursprüngliche Verhältniss der 
beiden hauptsächlichsten Rechtsquellen des XIII. Jahrhunderts — 
des Sachsen- und Schwabenspiegels — wagen lassen wird. Wir 
erhalten in der Schrift des Hrn. von Maurer reichhaltige Auf- 
' Schlüsse über das Rechtsbuch Ruprechtes von Freisingen, wodurch 
eine Reihe von irrigen Ansichten über dasselbe gründlich berich- 
tiget und uns die Geschichte desselben von der Zeit seiner Abfas- 
sung Vir zu den letzten Spuren seiner Fortbildung am Ende des 
XV. Jahrhunderts vorgeführt wird. Herr von Maurer hat sich hier 
darauf beschränkt, das Rechtsbuch Ruprecht's in seinem Verhält- 
nisse zu dem Schwabenspiegel darzustellen ; möge es diesem gründ- 
lichen Kenner des germanischen Rechtes vergönnt seyn, demnächst 
XXXII. Jahrg. 1. Heft. 9 



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130 Neue Auepabea germanischer ReehUbücbcr 

auch den Eigentümlichkeiten dieses Rechtsbucbes , and dem Gei- 
ste, wodurch es sich — seiner Annäherung an seine Quelle, den 
Schwabenspiegel, ungeachtet — von den übrigen Nachbildungen 
der Spiegel unterscheidet,* und gleichsam als eine eigene, selbst- 
ständige Schöpfung unter den übrigen Rechtsbüchern des MV. 
Jahrhunderts dastehet, seine weiteren Forschungen zu widmen. In 
Ruprechfs Rechtsbuche — namentlich in dem, was bisher, nach der 
Westenrieder'schen Ausgabe — allein dafür galt, von Herrn von 
Maurer aber als der zweite Theil desselben dargestellt wurde — 
macht sieh unverkennbar ein Wendepunkt der wissenschaftlichen 
Methode, vielleicht die erste Spur eines Eintrittes derselben in das 
deutsche Recht bemerkbar; es sind nicht sowohl mehr einzelne 
Rechtsregeln allein, welche als ein magerer Leitfaden für die 
practisehe Anwendung hingeworfen werden — es ist vielmehr eine 
für ihre Zeit reich zu nennende Casuistik, welche hier vorgetra- 
gen wird, man kann bereits einiges Raisonnement, einiges Bestre- 
ben des Distinguirens der Fälle, einiges Zurückgehen auf die 
Natur der Rechtsinstitute selbst entdecken, und wenn dieses gleich 
nur erst Anfänge, und von dem classtschen Raisonnement eines 
römischen Juristen noch himmelweit entfernt sind, so gewinnt doch 
die ganze Rechtsdarstellung bereits mehr Leben , die Jurisprudenz 
ist bereits einen Schritt über das Gefühlsrecht und die noch le- 
diglich durch die Volkssitte bedingte einfache Dogmatik der Spie- 
gel heraufgetreten, ja es äussert sich wenigstens hie und da ei- 
niger speculativer Verstand, welcher trennt, scheidet, verbindet und 
dergleichen, mit einem Worte, es nähert sich dieses Rechtsbuch 
Ruprechts etwas dem Charakter der italiänischen Praxis im Mittel- 
alter, deren Einwirkung auf die deutsche — namentlich süddeut- 
sche Jurisprudenz bereits allgemein erkannt, oder richtiger gesagt 
— zur Zeit noch geahndet oder empfunden wird, wenn sich gleich 
noch das Medium nicht befriedigend angeben lässt, durch welches 
ihr Einfluss auf Deutschland vermittelt wurde. Dass diesem Ru- 
precht eine besondere Bedeutung zukommt, hat auch Hr. v, Maa- 
rer nicht verkannt (Vorrede p. LXXV.); dass sein Einfluss aber 
auch über die Grenzen von Baiern hinausreichte, dass es mehrfach 
sogar unserem Schwarzenberg bei der Abfassung seiner peinlichen 
Gerichtsordnung zur unmittelbaren Quelle, namentlich in der Lehre 
von der Todung im Raufhandel, und in der Lehre von der Noth- 
wehr etc. gedient hat, sind Thatsachen, welche einen mit so um- 
fassenden Kenntnissen ausgerüsteten Mann, wie Hrn. v. Maarer, 
wohl bestimmen sollten, auch noch von dieser Seite Ruprechtes 



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von Ortlofl, Thfngen, L« man, ▼. Maurer und Zöpfl. 131 



Werth und Bedeutung eine besondere Forschung zu widmen, nach- 
dem er dessen Rechtsbuchc bereits so viele Liebe zugewandt, und 
seine Bestrebungen von einem so belohnenden Erfolge gekrönt ge- 
sehen hat. Herr v. Maurer hat bei der Herausgabe des Ruprecht 
5 Handsrlmften benutzen können, eine von unbestimmtem Alter, 
aber wohl mit Ruprecht gleichzeitig (circa 13*8.), sodann Manu- 
Scripte von 1408, 1436, 1441. und 1473. Bisher war nur die eine 
dieser Handschriften naher bekannt, nämlich die erstgedachte, von 
welcher Westenrieder einen (jedoch sehr mangelhaften) Abdruck 
besorgt hatte. An diese Handschrift schliessen sich in Form und 
Inhalt zunächst die Msc. von 1408. 1441.; nur dass sie noch das 
Freisinger Stadtrecht von 1359. geben, welches Herr von Frei- 
berg 1836. im Öten Bande seiner Sammlung historischer Schrif- 
ten und Urkunden, aber leider in seiner, wie es scheint unverbes- 
serlichen Manier, ohne alle Bezeichnung der benutzten Handschrift, 
und wie v. Maurer gezeigt hat, ttberdiess sehr incorreet, hat ab- 
drucken lassen. — (Beiläufig will ich hier bemerken, weil Hr. v. 
Maurer, der mehrfachen Rücksicht ungeachtet, welche er dem Frei- 
singer Stadtrechte widmete, es anzuführen unterlassen hat — dasa 
dieses nichts anders ist, als eiae fast wörtliche Copie des Rechts- 
buches Ludwigs des Baiern von 1336., welches Hr. von Freiberg 
im 4ten Band seiner Sammlung Heft 8. hat abdrucken lassen, nur 
mit einigen geringen Zusätzen und Auslassung mehrerer Artikel, 
übrigens mit Beibehaltung der Ordnung des Rechtsbuches Ludwigs 
des Baiern in der Hauptsache.) — Dagegen haben die Handschrif- 
ten von i486, und 1473. unter sich wieder eine grosse Verwandt- 
schaft. Erstere scheint Grundlage der letzteren, welche übrigens 
vielfach abgekürtzt und willkührlich verändert erscheint. Beide 
zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie noch ein anderes Rechts- 
buch enthalten, welches sie gleichfalls dem Ruprecht zuschreiben, 
nämlich ein Landrechtbuch, welches sich als eine Bearbeitung des 
Schwabenspiegels darstellt. Herr v. Maurer nimmt nunmehr eben- 
falls die Autorschaft dieser Reccnsion des Schwabenspiegels für 
Ruprecht in Anspruch, da einmal dieser auf dem Lande ebenfalls 
viele Praxis gehabt, eine Bearbeitung des Schwabenspiegels mit 
Rücksicht auf die Bedürfnisse des Landes Freising, ihm als dem 
Verfasser des andern, die Praxis des Stadtgerichtes in Freising 
darstellenden Rechtsbuches an sich nahe gelegen, auch in den bei- 
den Werken eine und dieselbe sehr alte Handschrift des Schwaben- 
spiegels benutzt scheine. Allein ich muss gestehen, so grosse Ge- 
rechtigkeit ich auch der sehr sobarfainnigen Darstellung des Hrn. 



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182 



Neue Ausgaben germanischer RechUbücher 



v. Maurer wiederfahren zn lassen mich verpflichtet fühle, und so 
gewichtig auch die letztere, auf innere Gründe gestützte Bemer- 
kung an sich ist, — so kann ich doch nicht umhin , diese Hypo- 
these noch für etwas zu gewagt zu halten. Die Vebcreinstimmung 
des eigentlichen Rechtsbuchs Ruprechts (welches Hr. v. Maurer 
als Stadtrechtsbuch bezeichnet, mit dem andern Rechtsbuche (dem 
Landrecht) würde auch erklärt seyn, wenn man annähme, dass 
dieser modificirte Schwabenspiegel schon vor Ruprecht selbst exi- 
stirte, was um sä mehr für sich hat, als er nach einer sehr alten 
Handschrift gearbeitet zu seyn scheint; auch wäre auffallend, dass 
die beiden Bücher, wenn sie beide den Ruprecht zum Verfasser 
hätten, nicht schon zu seiner Zeit (erste Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts) oder doch kurz nachher — sondern erst in dem XV. 
Jahrhundert in den Handschriften verbunden worden wären — 
wie Herr von Maurer selbst letzleres nachgewiesen hat. Dass bei 
späteren Abschriften durch Ungenauigkeit der Abschreiber oder 
sonst, auch das Landrechtsbnch dem Ruprecht beigeschrieben wur- 
de, kann für die Aechtheit dieser Nachricht bei dem Mangel an- 
derweiter Zeugnisse nicht wohl in Betracht kommen, so wenig als 
die unrichtigen Angaben des Jahres der Abfassung des Rcch'sbu- 
ches in den neueren Handschriften. Herr v. Maurer hat bei seiner 
Ausgabe den jüngsten Codex (von 1473.) zu Grunde gelegt, 
obgleich er selbst die Mängel und Fehler desselben, ja die Miss- 
handlung und Verstümmelung . welche das Rechtsbuch darin er- 
fahren, vollkommen anerkennt; er rechtfertigt diese Wahl aber 
dadurch, dass er es für zweckmässig hält, vdn den Rechtsbüchern 
eben sowohl die jüngste, als die älteste Recension bekannt zu 
machen, um somit die Fortbildung des Buches vollständig zu über- 
sehen. Ich bin weit entfernt» gegen diesen Grundsatz zu Felde 
zu ziehen, im Gegcntheile bin ich ganz mit Hrn. v. Maurer ein- 
verstanden, dass für die Geschichte des Sachsen- und Schwaben- 
spiegels nichts Erspriesslichercs geleistet werden könnte, als wenn 
wir die älteste und neueste Recension gegen einander zu halten 
in den Stand gesetzt würden. Nur das scheint mir bedenklich, ob 
dieser Grundsatz auch da anwendbar ist, wo die Veränderung 
keine eigentliche Fortbildung, keine Erweiterung, sondern eine 
Verstümmelung, und ein heilloser, vielfach das Original missverste- 
hender und verkümmernder Auszug ist. Ich kann nicht umhin, 
mein Bedauern auszudrücken, dass es Hrn. von Manrer nicht ge- 
fallen hat, uns doch auch den Abdruck der nach seinem eigenen 
Zeugnisse wichtigsten und ältesten Handschrift von 1328. wenig- 



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▼on Ortloff, v. Thünjrcn, Lcmao, w. Maurer und Zöpfl. 143 

stens neben der von ihm gewählten zu geben. Hie Ausgabe von 
Westenrieder, auf welche Hr. v. Maurer verweiset, kann uns bei 
ihren vielen Fehlern und den Verwirrungen, die Wcstenrieder in 
der besten Meinung, aber aus zu geringer Kenntnis«; der altdeut- 
schen Sprache, mit seinen meist verkehrten Einschiebseln und Ver- 
dolmetschungen hineingebracht hat, nicht genügen; wir haben also 
leider bisher noch keine gediegene Ausgabe des Urtextes unsers 
Ruprecht aufzuweisen, und Hr. v. Maurer, der mit so grosser kri- 
tischer Sorgfalt den Abdruck der Handschrift von 1173. ausge- 
stattet hat, würde mit Beifügung einiger weniger Bogen, die wir 
nur ungerne vermissen, seiner Ausgabe die dankenswertheste Voll- 
endung gegeben haben. Wenigstens wäre die Beigabe einer ver- 
gleichenden Tabelle, zur Uebersicht und leichteren Auffindung der 
Westenriederschen §§. in der neuen Ausgabe wünscheuswerth ge- 
wesen. Herr v. Maurer könnte die anerkennende Theilnahme, wel- 
che seine Ausgabe Ruprechts nach ihren vielen Vorzügen bei dem 
gelehrten Publikum finden muss, nicht freundlicher ehren, als wenu 
er noch in einem Nachtrage einen correcten Abdruck der Hand- 
schrift von 1398 folgen lassen wollte, wodurch namentlich der 
Sprachforschung ein höchst wichtiger Dieust geleistet werden wür- 
de, da gerade diese Periode der deutschen Spraclihildung fast noch 
ganz unbearbeitet, ja fast ohne geeignetes Material geblieben ist. 

Obgleich ich im Uebrigen mehr der Meinung beipflichten möch- 
te, dass das sogen. Freisinger Landrecht " das Werk eines unbe- 
kannten, vielleicht älteren, jedenfalls aber von Ruprecht verschie- 
denen Verfassers sey, so betrachte ich die Herausgabe dieses nun 
einmal mit dem Rechtsbuche Ruprechtes in Verbindung gekomme- 
nen Schwabenspiegels nichts desto weniger als eine sehr willkom- 
mene Erscheinung, da sie unmittelbar auf eine sehr alte Recen^ 
sion, und namentlich auf die Form des Cod. Ambrasianus zurück- 
weiset, und somit nicht wenig beitragen wird, das Urtheil über die 
Grundformen des Schwabenspiegels zu befestigen. Durch die gründ- 
lichen Untersuchungen des Hrn. v. Maurer bat sich nun herausge- 
stellt, dass sich von keiner Handschrift von 1296. eine Spur fin- 
det, sondern nach Angabe der Handschriften die Vollendung des 
eigentlichen Rechtsbuches Ruprechts ( — von der Zeit der Abfas- 
sung des Landrecntes weiss man nichts — ) in das Jahr 1328. 
„das dreizehen hundert und an (ohne , minus) zwei dreissigste 
Jahr fällt. Auch ist nunmehr der Hauptfehler Westenrieder* s auf- 
geklärt, welcher das (eigentliche) Rechtsbuch Ruprechfs selbst tn 
zwei Theile, Land- und Lehnrecht eingethcilt hatte, indem sich 



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134 Neue Ausgaben germanischer RecItUbücher 



jetzt gezeigt hat, dass die Rubrik ..Lehn recht- in den Hand- 
schriften gar nicht vorkommt, sondern von Westenrieder willkür- 
lich zugesetzt worden ist, auch einige wenige Capltel abgerechnet 
(II. $. 1 — 18. West.), in dem ganzen Rechtsbuche von den Lehen 
gar nicht gehandelt wird. Die Ausgabe selbst ist nicht nur mit 
einem grossen Reichthume von Varianten, sondern auch mit vielfa- 
chen Verweisungen auf das schwäbische Landrecht in drei ver- 
schiedenen Ausgaben und mit kritischen Bemerkungen und scharfsin- 
nigen Erläuterungen des Herausgebers ausgestattet, und befriedi- 
get in aller Hinsicht die strengsten Anforderungen. Nur scheint 
der Herausgeber an einer Stelle (Vorrede p. VI,) den guten Ru- 
precht ein wenig zu strenge behandelt zu haben, wenn er ihm den 
Gebrauch des Wortes „Landrecht" in West I., $. 162. 180. und 
IL, 63. 8». als Inconsequenz auslegt; denn der Begriff Stadtrecht 
schliesst nie das Landrecht ans, sondern dieses letztere gilt über- 
all in den Städten als jus commune, und wird auch danach und 
unter diesem Namen überall in den Städten gerichtet, uud der Aus- 
druck „Stadtrecht" im Gegensatz von Landrecht in den Stadtrech- 
ten selbst nur da gebraucht, wo ein jus singulare, ein Privilegium 
der Stadtbürger oder eine specielle, vom Landrecht abweichende, 
in der Stadt gebildete Gewohnheit in Frage steht, wie durch viel- 
fache Beispiele nachgewiesen werden könnte. Eben so scheint mir 
der andere Vorwurf nicht ganz gegründet, dass Ruprecht in g. 187. 
West, von Städterecht spreche, als wenn es in Freising mehrere 
Stadtrechte gegeben hätte, sondern die Stelle sagt allgemein : „wan 
in den steten recht ist" — d. h. sie spricht vom Rechte iii den 
(deutschen) Städten, dem Weichbildrechte überhaupt. Die typo- 
graphische Ausstattung dieses Werkes kann vorzüglich genannt 
werden. 



V. Dü$ alte Bamberger Reeht ata Quelle der Carolina. Nach bisher ui. ge- 
druckten Urkunden und Handschriften zuerst herauagegeben untl com- 
mentirt von Dr. II ein rieh Zöpfl, ausserordentlichem Projessvi d. Ii. 
in Heidelberg. Heidelberg, Druck und \ "erlag von Karl Croos, 1839. 
— 241 Seiten Commentar, 168 Seiten Vrkundcnbuch. 8. 

Ich habe in dieser Schrift dem Publikum den Gebrauch einer 
Rechtsanelle eröffnet, deren Daseyn bisher kaum geahndet, deren 
Wichtigkeit aber völlig unerkannt gewesen ist. Das Recht der 
Stadt Bamberg liegt nunmehr in einer Reihe sich ergänzender Ur- 
kunden von dem J. 1306. bis in das 18. Jahrhundert vor uns, und 



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tob Orlloff, v. Thüngen, Leuian, v. Mauror und Zöpfl. 185 

somit ist es dem Geschichtsforscher möglich gemacht, einen Blick 
in die Rechtsbildnng in einer Stadt zu thun, deren Institutionen 
schon allein durch das Verhältnis*, in welchem v. Schwarzenberg 
zn ihr stand, von höchstem Interesse seyn mussten. Es ist aber 
auch nicht ein Rechtstheil , für welchen nicht aus den reichen 
Quellen des Baraberger Rechtes neue Aufschlösse und überrn- 
schende Entdeckungen gewonnen werden konnten, und dieses Recht 
ist um so merkwürdiger, als es ein eigentliches selbststftndig und 
aus sich selbst herausgebildetes Schöffenrecht, und weder eine 
Nachbildung der Spiegel noch eines anderen Stadtrechtes ist, den- 
noch aber gerade in ihm die Gemeinsamkeit der Grundansichten 
des deutschen Rechtes wieder so klar hervortritt, dass der Reich- 
thum seines Inhaltes die vollkommensten Erläuterungen zu dem 
gemeinen Rechte des Mittelalters darbietet, und nicht nur die Lü- 
cken der Spiegel vielfach ergänzt, ja man darf wohl sagen, ihre 
Rechtsbestimmungen oft erst verständlich macht, sondern auch die 
praktische Anwendung des gemeinen Rechtes in den Städten bis in 
das Einzelne verfolgen und erkennen lässt. Man könnte vielleicht 
die Bezeichnung meiner Ausgabe des Bamberger Rechtes als Quelle 
der Carolina tadeln, wenn man nämlich sich unter Quelle nur ein 
solches Rechtsbuch denken will, dessen Bestimmungen wörtlich 
in ein anderes übergegangen sind. Wenn man aber ein solches 
Recht als Quelle eines anderen betrachten darf, dessen Prinei- 
pien, und zwar sowohl die dogmatisch festgestellten, als praktisch 
gehandhabten, die Grundlage eines neueren Rechtsbuches bilden, 
dann darf ich auch für das Bamberger Recht gewiss die Bezeich- 
nung als Quelle der Schwarzenbergischen Halsgerichtsordnungen 
vindiciren, deren ganzer Criminalprozess, besonders in der Schwar- 
zenbergischen Bambergensis , und bevor er durch die Redaktion 
derselben als Reichsgesetz verstümmelt worden war, kein anderer 
ist, als der seit Jahrhunderten bei den Bamberger Gerichten her- 
gebrachte Criminalprozess. Eben so oft findet man auch umge- 
kehrt Gelegenheit zu bemerken, dass Schwarzenberg manche Be- 
stimmung in seiner Ilalsgerichtsordnung absichtlich deshalb auf- 
nahm, um die Baroberger Praxis zu reformiren, z. B. in der Lehre 
von der Nothwehr ond dergl., so dass wir hiernach in den Stand 
gesetzt sind, einen tieferen Blick, als bisher möglich war, in das 
legislative Wirken Schwarzenberg^ zu werfen. Darum habe ich 
auch nicht geglaubt, bei der Angabe des Verhältnisses Schwar- 
zenberg^ zu dem Bamberger Rechte, welches ihm freilich am näch- 
steu lag, stehen bleiben zn müssen, sondern ich habe zugleich noch 



186 Neue Ausgaben gennaoiacher RechUbücher 

die Beziehungen seiner Halsgerichtsordnung zur Tirn Mensis , zur 
Wormser Reformation, zu Ruprecht von Freising etc. zu erörtern 
versucht, um dadurch auch das praktische Vcrständniss der Caro- 
lina nach ihren verschiedenen Quellen so viel möglich zu erleich- 
tern. Uehrigens habe ich mich bei der Darstellung des Bamberger 
Rechtes durchaus nicht auf das Criminalrecht uud den Criminal- 
prozess beschränkt Die Stadtverfassung, das Privatrecht und der 
Civilprozess sind gleichfalls nach Maasgabe dieser reichhaltigen 
Quellen erörtert worden, und auch hier scheint mir die Ausbeute 
in vielen Beziehungen, namentlich in der Lehre von den «ehelichen 
Güterverhältnissen manches beachtungswerthe Resultat geliefert zu 
haben. Ein Glossarium dem Urkundenbuche beizufügen, schien 
desshalb unnöthig, weil der fränkisehe Dialekt des XIV. Jahrhun- 
derts an sich leicht verständlich, überdiess aber jeder nur irgeud 
einige Schwierigkeit darbietende Artikel in dem Commentare, wel- 
chen ich den Urkunden voranstellte, speciell erörtert worden ist. 
In wieferne die von der bisherigen Vorstellungsart abweichenden 
Ansichten, welche ich mitunter zu entwickeln mich veranlasst fand, 
begründet sind, werden nunmehr sachkundigere Männer entscheiden. 



VI. Der ehemalige Oberhof zu Lübeck, und seine Rechtssprüche. Von A. 
L. J. M i c h e / s e n , Doctor der Hechte und Philosophie , Prof. an der 
Universität zu Kiel. Altona, bei Joh Fried. Hommerich. 1839. 2fi II. 8. 

VII. Das alte lübische Uecht, herausgegeben von Dr. J. F. Hoch, tiathe 
beim O AGerichte der vier freien Städte Deutschlands. Lübeck, 1839. 
von Hohden'sche Buchhandlung. 41 B. 8. 

Während des Abdruckes der vorstehenden Anzeigen neuer 
Ausgaben deutscher Rechtsbücher sind uns noch die hier genann- 
ten beiden Werke über das Lübische Recht zugekommen, auf wel- 
che wir sofort das für die germanistischen Rechtsstudien sich in- 
tere8sirende Publikum als auf zwei höchst wichtige Erscheinungen, 
und wahre Bereicherungen der Literatur des deutschen Rechtes 
aufmerksam zu machen uns verbunden achten. Das erstgenannte 
Werk von Michelsen gibt uns als einleitende Abhandlung eine ei- 
gene Untersuchung über die Entstehung und Wirksamkeit der 
deutschen Oberhöfe im Allgemeinen, und über den berühmten Ober- 
hof zu Lübeck insbesondere, was um so dankenswerter ist, als 
die Lehre von den Oberhöfen, ihrer hohen Bedeutung ungeachtet, 
zu denjenigen gehört, welche vielfacher Aufklärung im Einzelnen 
wie im Ganzen sehr bedürftig sind. Besonders schätzbar ist es, 



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To» MichcUen und Hach. 187 

dass der kenntnissreiche Verfasser besonders dem prozessualischen 
Verfahren bei den Oberhöfen seine Aufmerksamkeit zugewandt, 
und dadurch in die bisher in vieles Dunkel gehüllte Lehre ein 
langst erwünschtes Licht gebracht hat. Der Verf. gibt zugleich 
eine genaue diplomatische Nnchweisung über den weiten Umkreis, 
welchen der Oberhof zu Lübeck durch die Verbreitung des Kubi- 
schen Stadtrechtes nach und nach gewonnen hat, bis zu dem end- 
lichen allmähligen Aufhören seiner Wirksamkeit, und theilt hierauf 
eine reiche Sammlung von zahlreichen Rechtssprüchen dieses ehe- 
maligen Oberhofes mit, was für die Wissenschaft von um so grös- 
serer Bedeutung ist, als das Schöflenrecht überhaupt die eigentli- 
che Quelle der Rechtsbildung in Deutschland bis zu dem 16. Jahr- 
hundert gewesen ist, und die mitgeteilten Urtheile aus einer Zeit 
herrühren, in welcher das fremde Recht schon das einheimische 
zu unterdrücken drohte, aber auf überraschende Weise zeigen, 
wie sowohl das Privatrecht als das Prozessrecht von dem Kinflusse 
des röm. und canon, Rechtes bis in das 16. Jahrhundert hinein fast 
ganz rein und unabhängig sich erhalten haben. Desto bemerkens- 
werther ist es, dass wir hier eine Procedur gewahren, welche mit 
dem römisehen Rechte unbekannt, dennoch einen entschiedenen 
Parallelismus zu dem altrömischen Prozesse darbietet, was sich 
nicht blos in dem striktesten Halten auf die Form und den Buch- 
staben ausspricht, sondern in Hauptinstituten des Prozesses selbst 
hervortritt. Der Verf. hat, um diese von ihm aufgestellte Behaup- 
tung zu rechtfertigen, diesen Parallelismus in der Lehre von der 
Litiscontestation in seinem Vorworte mit eben so viel Geist als 
Geschick nachgewiesen. Vielleicht ist aber hier die Beinerkuug 
nicht am unrechten Orte, dass überall im altgermanischen Rechte, 
namentlich in dem der früheren , d. h. merovingischen und karo- 
lingischen Zeit eine solche auffallende Uebereinstimmung mit *Iera 
altrömischen Rechte nicht nur zwischen den Rechtsformen und den 
Rechtssymbolen, sondern auch in dem innersten Wesen der Rechts- 
institute selbst, namentlich des Privatrechtes unverkennbar hervor- 
tritt, und sich dem Forscher allenthalben eine solche Fülle von 
Vergleichungspunkten darbietet, dass sich kaum hier von Zufäl- 
ligkeiten sprechen lassen dürfte, und auch nicht der von Michel- 
sen für diese eigentümliche Erscheinung angegebene Grund, dass 
gleiche Ursachen auch gleiche Wirkungen hervorbringen, für den 
einzigen oder als allein für die Aufklärung dieser Sonderbarkeit 
ausreichend erkannt werden möchte. Rechnen wir noch hinzu, dass 
auch von dem Standpunkte der neuesten sprachlichen Forschungen 



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IM Neue Ausgaben germanischer RcchUbüchcr 

• 

ans die Entdeckung' gemacht worden ist, dass die lateinische und 
die deutsche Sprache, so verschieden sich dieselben auch im Laufe 
der Zeit, und unter verschiedenen klimatischen und geographischen 
Einwirkungen ausgebildet haben, dennoch eine grosse Reihe von 
Stamm- und Wurzelworten gemeinschaftlich haben, und überdiess die 
lateinische Sprache gewöhnlich mit demselben Worte einen metapho- 
rischen Begriff verbindet, wahrend das deutsche Wort den Ur- 
und Sachbegriff bezeichnet, so möchte eine Rückweisuug auf eine 
uralte, wenn gleich in eine vorhistorische Zeit fallende Stammes- 
verwandtschaft der lateinischen und deutschen Nation kaum zu ver- 
kennen, und die Erörterung dieser mannigfachen Uebereinstim- 
mung und Berührungspunkte in den Grundansichten beider Rechte 
im Alterthum um so mehr w T ünschenswerth und verdienstlich er- 
scheinen, als meines Wissens nur ein einzigesmal in einer kleinen 
Schrift (K. S. Zachariae, de originibus juris Romani ex jure Ger- 
manico repetendis. Heidelberg, 1817. 4.) der Versuch gemacht 
worden ist, auf diese Concordanzen hinzuweisen. 

Das zweite Werk, von Hach, kann seiner Selbstständigkeit 
ungeachtet, als eine willkommene Ergänzung des erstgenannten 
betrachtet werden. Der Verf. gibt uns hier nach einer emsigen 
Benützung reicher und trefflicher Hülfsmittel das alte Lübische 
, Recht im Gegensatze des im Jahre 1586. zueist erschienenen, nach- 
her öfter gedruckten sogen, revidirten Lübischen .Stadtrechtes. Die 
Einleitung enthält eine geschichtliche Darstellung der Entstehung 
des Lübischen Rechtes, seiner ältesten Abfassung, späteren Fort- 
bildung und seines Verhältnisses zum Hamburger Rechte, so wie 
eine Untersuchung über die lateinischen und deutschen Handschrif- 
ten des Lübischen Rechtes, wovon sich sodann der Abdruck I. des 
lat. Codex der Göttinger Bibliothek (das Stadtr. v. 1263. enthal- 
tend), II. der deutsche, auf der Registratur in Lübeck befindliche 
Codex v. 1894. und III. der deutsche Codex der Göttiager Biblio- 
thek, worin das Hamburger Recht nach dem Lübischen steht — 
anschliesst, worauf sodann der Herausgeber als Abth. IV. solche 
Stellen aus Rechtsbüchern in niedersächsischer Sprache folgen 
iässt, welche in den Codd. II. und III. nicht vorkommen, und in 
die Noten zu denselben nicht aufgenommen sind. Am Schlüsse 
ist nach mehreren Concordanztafeln ein Sachregister beigegeben. 
Das Bewusstseyn, eine längst gefühlte Lücke in der germanischen 
Literatur ausgefüllt, und einem dringenden Bedürfnisse der Wis- 
senschaft auf eine rühmliche Weise abgeholfen zu haben, möge 
den Verf. für den grossen Aufwand von Zeit und Mühe belohnen, 



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Graste: Litorärfteechi« hte de. Alterthums, ltt 



an welchen er es nach dem sprechenden Zeugnisse, welches seine 
würdig ausgestattete Ausgabe dafür ablegt, nicht hat fehlen las- 
sen, so wie er auch von Seite des gelehrtsn Publikums der dank- 
barsten Anerkennung seiner gründlichen Forschungen gewiss seyn 
darf. — 

Zöpfl. 



Lehrbuch einer allgemeinen Liter Urgeschichte aller bekannten t <-lker 
der Welt, von der ältesten bis auf die neueste Zeit. f"'on Dr. J ohaun 
Georg Theodor Grösse- Krsten Banden zweite und letzte Alf 
theilung Oder: 

Lehrbuch einer Literärgeschichte der berühmtesten Völker der alten 
Welt, oder G es chic hte der Literatur der Aegypter, Assyrcr, Ju- 
den, Armenier, Chinesen, Perser, Inder, Griechen und Römer, vom An- 
fange der literarischen Kultur bis zum Untergange des weströminhen 
Meiches. Von Dr. Johann Georg Theodor Grässe. Zweite und 
letzte Abtheilung. Dresden und Leipzig. Arnoldische Buehhanälung. 
1838. S 517-1350. in gr. 8. 

Wir haben die erste Abtheilung im Jahrg. i838. 8. 912 ff. 
dieser Blätter angezeigt und dem Verf. unsere Theilnahme an ei- 
nem so schwierigen Unternehmen , wie auch unsern Wunsch zur 
baldigen Fortsetzung ausgesprochen. Wir freuen uns, diese Er- 
wartung keineswegs getäuscht, sondern in dem Erscheinen dieses 
neuen Bandes , den wir hier anzuzeigen haben , auf eine Weise 
erfüllt zu sehen. dir zu einer gleichen und gerechten Anerkennung 
nns nicht minder auffordern kann. Auch in diesem Bande, mit 
dem die alte Welt sich abschliesst, — er reicht bis 476 n. Chr., 
ist eine Masse von literarischen Nachrichten jeder Art über jeden 
einzelnen Gegenstand angehäuft, welche über Alles, was die ver- 
schiedenen Völker des Alterthums innerhalb dieser Zeit auf dem Felde 
der Literatur in Wissenschaft wie iu Poesie* geleistet haben, gleich- 
massig sich verbreiten, so dass in der allerdings vom Verf. auch 
beabsichtigten Vollständigkeit des Ganzen nicht leicht irgend Et- 
was von einiger Bedeutung übersehen ist, sondern überall reich- 
lich und mit vollen Händen Belege und Nachweisungen jeder Art, 
Verzeichnisse von Ausgaben nnd andern erläuternden Schriften, 
selbst nicht mit Ausschluss kleinerer Aufsätze und akademischer 
Abhandlungen, wie sie deren unsere Zeit in so grosser Zahl auf- 
zuweisen hat, geliefert werden, um so ein grossartiges Reperto- 
rinm der gesammten Literatur aller Völker des Alterthums und 
einer Geschichte dieser Literatur zu Stande zu bringen. Denn es 



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140 Graste: Liter&rgMcliiclite de« Alterlhum«. 

ist eben der Zweck dieses Lehrbuches, vollständige, möglichst ge- 
nügende Nachweisungen allen Denen zu bieten, die über irgend 
einen die Literatur und die einzelnen Schriftsteller derselben be- 
treffenden Punkt sich Raths erholen wollen. Die Schwierigkeit, 
unter den angehäuften Mittheilmigen und Nachweisungen dasjenige 
auszuwählen, was gerade für den bei dem Nachschlagen beab- 
sichtigten Gegenstand am entsprechendsten ist, wird freilich für 
den, der nicht schon einige Kenntniss des Gegenstandes bei dem 
Nachschlagen selbst mitbringt, einigermassen bleiben; hier werden 
einzelne Winke, wie sie auch in diesem Lehrbuch an .manchen 
Orten beigefügt sind, genügen müssen, da eine nähere Unterschei- 
dung und Bezeichnung kaum möglich ist, schon aus Gründen des 
Raumes, und mit blossen Zeichen, Sternchen oder Kreuzeben, wel- 
che vorgesetzt werden, doch nur wenig ausgerichtet wird. 

Ref. will nun vor Allem eine Uebersicht der Anlage des Gan- 
zen und des Ganges, den der Verf. im Einzelnen genommen hat, 
geben; es wird diess um so notwendiger seyn, als ausser einem 
"Wortregister, das füglich bei einem solchen Werke nicht fehlen 
durfte, kein weiteres Inhaltsverzeichniss, aus welchem die Verkei- 
lung des Stoffs, und die Behaudlungsweise desselben näher ersicht- 
lich wäre, beigefügt ist. Wir wollen danu einzelne Abschnitte 
durchgehen, nicht sowohl um einzelne Nachträge oder weitere Ver- 
vollständigungen zu geben, die sich bei jedem Werke dieser Art 
wohl werden machen lassen, als vielmehr um Einzelnes, das uns 
einer Berichtigung oder Aenderung zu bedürfen -scheint, dem Verf. 
bemerklich zu inachen und ihn so in den Stand zu setzen, bei ei- 
ner erneuerten Auflage seines umfassenden Werkes, demselben 
auch in allen Einzelnheiten, aus denen es zu einein so grossen 
Ganzen erwachsen ist, möglichste Correktheit zu verleiben. 

Zwei Perioden sind es, welche dieser Band enthält, der damit 
in zwei Hauptabschnitte sich theilt; der eine reicht von Alexander 
dem Grossen bis zu Augustus oder bis zum Jahre 29 vor Christo; 
der andere von da bis zum Jahre 476 nach Chr. In jedem dieser 
Abschnitte ist Alles zusammengestellt, was bei den verschiedenen 
Völkern des Alterthums während dieser Periode vorkommt, und 
zwar so, dass nach einem kurzen Blicke auf diese Nationen selbst, 
dann ihre Leistungen auf dem Felde der Literatur nach den ein- 
zelnen Zweigen der Literatur selbst zusammengestellt werden. 
Demgemäss finden sich in der ersten Periode (dem zweiten 
Hauptabschnitte der Literirgeschichte des gesammten Allerthums) 
folgende Unterabtheilungen i Philologie (bei Hebräern, Griechen und ' 



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Graue: Litcrärgwchicht« des Alterthnmi. 141 



Römern); Geschichte (bei Griechen und Römern) nebst deren Hilfs- 
wissenschaften, als welche hier Chronologie, Biographie, Mythen- 
geschichte, Literatur- und Kunstgeschichte erscheinen; Dichtkunst 
und zwar bei Hebräern, Griechen und Römern, bei welchen auch 
die einzelnen Zweige der Poesie, wie Drnina, Epos, didactische 
Poesie und Lyrik untersehieden werden: Theologie (bei Hebräern 
und Griechen), Philosophie (bei Hebräern, Griechen und Römern), 
Mathematik (bei Griechen und Römern), Beredsamkeit (bei eben 



denselben), Epistolographie, Rechtswissenschaft, Medicin (bei Grie- 
chen und Römern ), Naturgeschichte. In der andern Periode oder 
dem dritten Hauptabschnitt (von 30 a. Chr. bis 476 p. Chr.) finden 
sich im Ganzen dieselben Unterabtheilungen , nur in einer andern 
Folge und Ordnung, indem auf die Philologie, die auch hier den 
Anfang macht, gleich die Dichtkunst folgt; dann die Theologie, 
Philosophie, die mathematischen und die Naturwissenschaften, die 
Arzneikunde, Geschichte mit ihren Nebenwissenschaften (Geogra- 
phie, Mythengeschichtc, Kunst- und Literaturgeschichte, Chronolo- 
gie), Beredsamkeit, Rechtswissenschaft. Auf die weiteren Abthei- 
inngen und Einteilungen dieser einzelnen Unterabschnitte werden 
wir noch zurückkommen ; einzelne Versehen, die bei der Bezeich- 
nung dieser Unterabschnitte hier und dort sich eingeschlichen, oder 
Drockfchler, wird man bei einem aus so tausend Einzelheiten und 
Zahlen bestehenden Werke wohl zu entschuldigen haben, wie z. 
B. bei der Philosophie, wo A. Hebräer, B. Griechen und dann wie- 
der B. Römer S. 666. aufgeführt werden; oder 8. 748., wo statt 
c, d und e die griechischen Buchstaben y, 8 und t folgen sollteu, 
da mit <* und ß Griechen und Römer vorausgehen. So folgt bei 
der Dfchtkunst S. 751. a. Griechen, dann B. Römer (8. 770.), C. 
Celten und Germanen (8. 839.), und bei den einzelnen Zweigen 
der römischen Dichtkunst folgt 8. 813. F. Roman, und dann der 
nächste Abschnitt 8. 818. ebenfalls mit F. die christlichen Dichter 
Griechenlands und Roms. Oder 8. 1108. bei der Philosophie 1. 
(statt A.) Orientalen und dann 8. 1115. B. Griechen ; 8. 1154. B. 
(statt C.) Römer. — Wohin S. 1090. der Abschnitt c. Kritik 
gehören soll, haben wir nicht recht entdecken können ; es geht ein 
a Exegese und ein ß Hermeneutik zunächst voraus. Doch diess 
sind kleine Versehen , die si«;h vielleicht hätten vermeiden lassen, 
wenn ein Schema des Ganzen vorausgegangen wäre, was, wie wir 
schon bemerkt haben, der Fall nicht ist. 

Wenn wir uns nun zu dem Einzelnen wenden, und mit der 
ersten Periode beginnen, weiche durch eine kurze Uebersicht der 




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I 



142 Grfisie: Literärgcachichtc de« Alterthum«. 

hier in Betracht kommenden Völker eingeleitet ist, so scheint uns 
doch die von den Römern und dem Gange ihrer Literatur (S. 525) 
ausgesprochene Ansicht, als hätten nemlich „die Römer die Wis- 
senschaften lediglich fast nur ans Politik, Eigennutz, Eitelkeit und 
Prachtliebe gepflegt" etc. in dieser Allgemeinheit zu stark, so we- 
nig wir auch den Antheil verkennen wollen , den insbesondere im 
Augusteischen Zeitalter eine natürliche, aus den Verhältnissen 
Roms selbst hervorgehende Politik auf die Pflege der Sprache, 
der Poesie und der Wissenschaft ausübte. Und wenn die Römer 
schon früher die Nothwendigkeit erkannt hatten, als Sieger über 
gebildete Nationen, die freilich in Bezug auf sittliche und phy- 
sische Kraft unter ihnen standen, deren Bildung sich anzueignen 
und so ihre Macht und ihr Ansehen selbst durch intcllectuelle Mit- 
tel zu stützen , wenn die höheren Stände Roms (man denke z. B. 
nur an die Scipioncn) diess besonders fühlten und desshalb der 
Wissenschaft im Umgänge mit gebildeten Griechen sich zuwendeten, 
so werden doch dabei gewiss auch edlere Motive in Anschlag ge- 
bracht werden können, als blosse Eitelkeit und Prachtliebe, oder 
Eigennutz und Politik. 

Dem Abschnitt über die Römer ist in einer längeren Note 
auch Einiges über andere Völker Italiens, von denen uns einige 
Nachrichten zugekommen, beigefügt; hoffen wir, dass bei den 
rühmlichen Bestrebungen der neueren und neuesten Zeit, die Ver- 
hältnisse, Beziehungen und Sprachen der verschiedenen Völker- 
schaften Italiens ausserhalb Rom und vor dessen Zeit auszumit- 
teln, auch dieser Theil der alten Literärgeschichte, der jetzt so 
sehr beschränkt ist, eine grössere Ausdehnung gewinnen kann. 
Ist doch, seit der Verf. schrieb, die Forschung schon tbeilweise 
weiter gerückt. Ueber die Osker und die noch vorhandenen Reste 
ihrer Sprache und Schrift hat Hr. Direktor Grotefend eine Unter- 
suchung mitgctheilt (s. diese Jahrbb. 1839. Nr. 76.), welche den 
Hrn. Verf. vielleicht veranlassen kann, seine Bemerkung S. 529. 
dass die Oscischen Schriftzüge nur eine Abart der Etruskischen 
seyen, für die Folge zu ändern. Desselben Gelehrten Forschun- 
gen über die Umbrische Sprache sind mit dem Erscheinen des 8. 
Heftes seiner Rudiments linguae Umbricae (es konnten von dem 
Verf. erst drei Partes angeführt werden) geschlossen; wir hätten 
bei den Inschriften, die den Ilauptgcgenstand dieser Forschungen 
bilden, die Anführung der Benennung, unter der sie bekannt sind, 
nemlich der Eugubinischen, gewünscht, eben so auch eine 
Anführung der neuesten darüber erschienenen Schriften von Lep- 



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GräMe: Lilerflr^e»rhirhte de* Alterthumt. 



8109 (De tabb. Eugubb. Rerolin. 1838. 8.), von Lassen (Beiträge 
»ur Deut, der Eugubb. Tafelo I. Bonn 1838. 8., im Rhein. Moseom 
L, 3. p. 361. vergl. II., 2. p. 191 ff.), selbst wenn die Ältere Li- 
teratur darüber, die aus der Schrift des Lepsios vollständig ent- 
nommen werden kann, übergangen werden sollte. Uebrigens würde 
Ref. diesen Wunsch gar nicht ausgesprochen haben, wenn er nicht 
in andern, ähnlichen Fällen von dem Verfasser eine solche Li- 
teratur angeführt fände, die er hier vermisst. Auch muss Ref. 
offen bekennen, dass er selbst jetzt Manches von dem, was er S. 
63. und 64. s. Rom Lit. Geseh, (2(e Aufl.) über die Eugubini- 
schen Tafeln bemerkt hat, anders stellen, dass er namentlich die 
Beziehung auf Etrurisches ganz streichen würde, da er in densel- 
ben keineswegs (wie dort 8. 64. in der Note 10. steht) eine Haupt- 
quelle für die Kenntniss der altern I n m ischen , wohl aber der 
Umbrischen Sprache, die das eine Ilauptelement der späteren Rö- 
mischen Sprache in sich enthält, zu erkennen vermag. 

Unter dem die Uebersicht des in den einzelnen Wissenschaf- 
ten Geleisteten beginnenden Abschnitt Philologie llndet sich 
dasjenige aufgeführt, was auf die grammatischen und sprachlichen 
Studien der Hebräer, Griechen und Römer während dieser Periode 
sich bezieht. Wir wollen in das Einzelne nicht weiter eingehen 
und 'nur bemerken, dass die S. 537. angeführten Schriften des 
Funccius (deutsch Funke) nicht unter die über die grammatischen 
Studien der Römer anzuführende Literatur gehören, sondern viel- 
mehr S. 628. unter den allgemeinen Werken über die Geschichte 
der Römischen Literatur eine Stelle verdienten; denn sie bilden 
zusammen eine nach einzelnen Perioden, die in eben so vielen ein- 
zelnen Schriften behandelt sind, abgetheilte, aus den Quellen und 
mit deren genauer Angabe entnommene Geschichte dieser Litera- 
tur, gewiss unter allen frühern Werken das vollständigste, 
das wir besitzen, das auch dem Ref. bei Auffassung seiner Ge- 
schichte der Römischen Literatur gute Dienste geleistet hat, 
weshalb er auch dasselbe so oft angeführt und darauf, als auf 
eine Hauptquelle, stets verwiesen hat. Uebrigens dürfte zu die- 
sem Abschnitt die seit dem erschienene Schrift von Lersch, die 
Sprachphilosophie der Alten, Bonn 183S. (s. diese Jnhrbb. 1839, 
p. löOff.) dem Verf. manche Nachtröge und Zusätze bieten. 

Bei der Geschichte kommen Griechen uud Römer in Be- 
tracht, bei den erstem ausser manchen andern verlornen Histori- 
kern, insbesondere Polybius, Dionysius und Diodorus, wo selbst 
die Hauptausgaben und andere Erläuterungsschriften von geringe- 



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144 Graste: Litf rärgc«diiohtc des Alterthumt. 

rem Umfang aufgeführt sind. Eben darum würden wir aber bei 
Diodorus, wo der durch Dindorf 1828. zu Leipzig in ö Banden 
veranstaltete Abdruck der Wesselingschen Ausgabe erwähnt 
ist, doch auch Originalausgabe von Wesseling (Anist ei od. 1715. 
2 Voll, fol.), so wie den Zweibrücker Abdruck derselben 
(1793—1807. in XI. Voll.), da beide verbreiteter sind als der 
Leipziger Abdruck, dessen Anführung wir übrigens ganz zweck- 
mässig linden, genannt haben. Die Römische Geschichte beginnt 
mit Anführnng der sogenannten Annalisten, nachdem über die frü- 
heren Erscheinungen das Nöthige bemerkt worden war. Unter den 
Annalisten wird, wie billig, Fabius Pictor an erster Stelle genannt ; 
dass aber dessen Annalen, wie überhaupt auch die seiner nächsten 
Nachfolger bis auf die Origines des Cato, in Griechischer Spra- 
che geschrieben waren, auch ausser diesen keine andern Annalen 
in Lateinischer Sprache von ihnen abgefasst waren, darüber hat 
der Unterzeichnete jetzt, nach so manchen Untersuchungen der 
neuesten Zeit, kaum mehr einen Zweifel, obwohl er sich früher 
anders darüber ausgesprochen hatte. Darum aber legt er auf 
Specialuntersuchungen und Monographien in der Literärgeschichte 
einen solchen Werth, weil sie das beste, ja einzige Mittel sind, 
für den Literarhistoriker, der das Ganze der Literatur umfassen 
soll, zu sicheren und festen Resultaten im Einzelnen zu gelan- 
gen, da er unmöglich Alles Einzelne selbst prüfen und untersu- 
chen , sondern hier auf Andere und deren Forschungen sich un- 
umgänglich verlassen muss. 

Den Irrthum S. Öö6., wo von Annales des Pomponius Atti- 
cus, welche einen Zeitraum von 700 Jahren befasst, die Rede ist, 
(hellt der Verf. mit dem Ref., der in ähnlichem Sinne §. 178. sei- 
ner Rom. Lit. Gesch. zu Anfang, sich aussprach. Allein es wird 
hier nicht von Annalen, sondern nur von einem (Liber) Anna- 
lis die Rede seyn können, einem, wie es seheint, nach älteren gu- 
ten Quellen gearbeiteten chronologischen Abriss der Geschichte, 
und zwar zunächst der Römischen. Diess hat wenigstens .1. G. 
Hullemann in der Diatribe in T. Pomponium Atticum, Trajecti ad 
Rhen. 1838. 8. (die Hauptschrift über Pomponius Atticus und seine 
literarischen Leistungen und Studien) p. 186 ff. und Fr. Schneider 
in der Zeitschr. für Alterthumswissensch. 1839. Nr. 5. bewiesen. 

CDer Schlus* folgte 



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N*. 10. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Grüsse : Ltterargeschichle dds AUerlhums, 

(Bctchlnfn.) 

Wenn ft ber 8. 658. bei Fe nest ei Ja der unter dessen * 
men von dem Florentiner Fiocehi bekannt jremtdSo Ä* £ 
Saeerdd. et ma^istratt. Komm, in einer WeL Sff 
wenn diess die von Huschke heramtre^eh^ äl ri « 7». ' 18 
et Saccrdott. P..R. Eiposi«. wSf^^fJ"**^ 
beides ganz von einander geschieden werden di m . • 
verschiedene Schritten sind, und die von Huschke her.n.~ £ aD55 
Schrift in das siebente Jahrhundert faHen dürfte T lfflf .T 
Gesch. 8. 364. fl„. Auf die Annalisten folgen dVe Wriffen Hislö 
r.ker deren Werke sich, wenigstens «um Theii erhaUen haben" 
Cornelius Nepos (wo sich der Verf. mit vieler ITmsiol «. 
Vitac excellentiiim i,„perat.. und deren mulhmasaSe Vcrf.sS 
ausgesprochen hat, was nur zu billigen iatl Cäsar V.ii .* 
I.ivius (wo 8. 566. der Druckfehler, «„oh XXH ' Zieht «,17' 
Bamberger Handschrift vervollständigt durch G Her Terau^cb!» 
worden zu berichtigen ist, da das Buch XXXIII oSafte 
meint .st) , Trogus Pompejus oder dessen Epitomntor JuLifua" 
Auch hier sind die Hauptausgaben, eini»e.nal wJ?» • 
und Jnstinus, sogar kleine Schu lau wben .n^ri ^ V,M 
Aufnahme den Verf. seiner in andern Köllen heS??' J "u* 0 
heit zuwider, hier gerade die Rfl -ksic TL r tl^ 6 T ha - 
gen haben mag; wir würden z. B. he iJusZuf stä u7.T "T" 
Schulausgaben lieber die ältere fParis i.WlT™ D »«««esten 
in kritischer Hinsicht wegen £ Tj^i ^JT^ 5 
welche mit vollem Recht Dübner in seiner vcrdiensilioh« n ' u • 
.ung wieder die gebührende Aufmerksamkeit gS h«? ^ 
grosser Wichtigkeit ist, oder auch die des 4hr»h,™ ö - 8 ° 
1719 und 1760. angeführt haben, auch m t d^m von" 
SS*. Vera " 8,aUete U " d — h «° Abdruck dcTcCMe" £ 
Als Hülfswissenschaftcn der Geschichte erscheinen „„» ai 

wahren 6 »'"^' IT ^ *• **. *T 'tSS^XSS 

10 



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146 



Graste : Literirgctehichte dei Alfcrthum* 



würde lieber einen Nebenabschnit : Antiquitäten gebildet, uud 
unter diesen eben sowohl die Mythengeschichte dem grösseren 
Theil nach, als weiter, z. B. die verschiedenen Schriften eines Te- 
rentius Varro, Hyginus, Messala Corvinus u. A. gebracht haben, 
welche über verschiedene Gegenstände des Römischen und Itali- 
schen Alterthums sich verbreiteten, wie z. B. die Schriften des zu- 
letzt genannten De auspieiis, De explanatione auguriorum. De Ro- 
manis familiis (welche hier S. 565. unter die Geschichte selbst 
gestellt sind), die ähnlichen des Hyginus: Genealoginrum libri, 
De Italicis urhibus und andere, welche hier unter der Mythenge- 
schichte S. 577. bemerkt sind, oder die zahlreichen Schriften eines 
Varro: De vita populi Roranni, De gente populi Romani, Antiqui- 
^ates rerum humanarum et divinarura und ähnliche, die man nicht 
w>hl unter das Gebiet der Grammatik wird zählen können. Oder 
man müsste alle diese und die andern inhaltsverwandten Schriften 
geradezu unter die Geschichtschreibung selbst bringen, mit der sie 
allerdings einen inneren Zusammenhang haben. — Unter der Chro- 
nologie erscheinen auch Annales des Cornelius Nepos S. 569.; 
aber diese Annales sind kein anderes Werk als die vorher S. 
668. angeführten libri Chronicorum, wahrscheinlich ein Ab- 
riss der Römischen Geschichte von den ältesten Zeiten an bis auf 
die Zeit des Cornelius herabgeführt. 

In dem Abschnitte von der Dichtkunst werden die Lei- 
stungen der Hebräer, Inder, Griechen (ganz kurz, weil die Alex- 
andrinische Poesie schon im vorhergehenden Abschnitt behandelt 
war) und Römer, die hier den grossesten Theil einnehmen (8. 
591 — 650), angeführt. Es sind daher noch hier, wie in den frü- 
heren Abschnitten, die einzelnen Dichtgattungen unterschieden: 
Drama, Epos, didaktisehc Poesie und Lyrik mit ihren verschiede- 
nen Unterabtheilungen. Man wird gewiss nicht die besondere Sorg- 
falt verkennen, mit welcher dieser Abschnitt abgefasst ist, so we- 
nig wie den Relchthnra von Xaelnveisungen und Citaten jeder Art ; 
darum hier nur einige nicht bedeutende Anfragen oder Bedenken. 
E n n i n s , der das Römische Epos sammt dem Lehrgedicht begrün- 
det, ist hier bei der dramatischen Poesie zunächst (S. 51)8.) abge- 
handelt ; wir hätten an diesem Orte seiner nur kurz gedacht, da 
seine dramatischen Leistungen weder die Bedeutung noch wohl 
auch den Umfang hatten, welcher seinem Hauptgedicht, den An- 
nales zukommt, wesshalb wir lieber beim Epos dem Ennius seinen 
Hauptsitz angewiesen haben würden. 8. 621. kommt uns das Ur- 
theil, das über Cicero ausgesprochen wird, zu hart und unbillig 
vor; es heisst nemlioh hier, er habe „mit gewoh u ter Unbehol- 
fenheit und kalterKünstelei" des Aratus astronomisches Lehrge- 
dicht übcrset/.t. Aber Unbeholfen hei t in der Sprache, Mangel au 
Gewandtheit in Handhabung des Ausdrucks wird man einem Cicero 
wohl nicht vorwerfen dürfen, ohne ihm Unrecht zu thun, da er 
gewiss ein gewandter und geschickter Uebersetzer, wenn auch kein 
genialer Dichter gewesen ist. — Unter dem didaktischen Epos er- 
scheinen auch neben andern hieher gehörigen Dichtungen Ovid's, 



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Gräifte : Ltterärgetchichtc tlei Altrrthums 



III 



seine Metamorphosen (8. 625), denen lief in der poetischen 
Erzählung eine Stelle glaubte anweisen zu müssen; der Verf. 
kennt diene Uuterabthei'ung des Kpoa für diese Perlode nicht, wohl 
aber für die nächste, wo er 8. 777 einen eigenen derartigen Ab- 
schnitt allerdings gemacht hat. Bei der lyrischen Poesie will ea 
nns aber bedenklich scheinen, das Pervigilium Veneria mit 
Lipsius in das »ngusteisehe Zeitalter gleich nach Virgilius , wie 
hier S. 640 angenommen wird , zu setzen , da Passung und Inhalt, 
Sprache und Ausdruck, welche dem Gedicht ein spateres Zeitalter 
anweisen , damit nicht wohl vereinbar erscheint. Bei TibtiUus 
wird die vielbesprochene Annahme eines Lygdamus verworfen; 
wir glauben, mit vollem Hecht, da wir ans vergeblich bisher nach 
eigentlichen Beweisen für die Existenz dieses Dichters, der nur in 
den Köpfen der Gelehrten seine Heimath /u haben scheint, oder 
nach aicheren Gründen für die Unrichtigkeit der Gedichte Tibulls, 
welche ein Werk dieses Lygdamus seyn sollen, umgesehen haben. 

Indem wir den der Theologie gewidmeten Abschnitt über- 
gehen, in welchem vielleicht der Forschungen eines Varro, Hyginus 
und Anderer über einzelne Theile altitalischen und römischen Reli- 
gionswesens hätte gedacht werden können, wenden wir uns zur 
Philosophie, welch« den nächsten Abschnitt einnimmt, insbe- 
sondere zur Römischen Philosophie, wo zunächst über Cicero näher 
gebandelt, der allgemeinen Untersuchungen über sein Leben, nnd 
seine wissenschaftliche Thfitigkeit gedacht wird nnd selbst die 
Ausgaben seiner Werke angeführt sind, wahrscheinlich weil hier 
die Schriften des Cicero dem einen Theile nach zuerat zur Sprache 
kamen, da man «onst fragen könnte, warum nicht bei der Bered- 
samkeit, die doch den Mittelpunkt der geistigen Grösse diesca 
Mannes ausmacht, diese Gegenstände besprochen werden. Denn 
auch ohno über den Werth und Charakter der für ona in manchen 
Beziehungen so wichtigen philosophischen Schriften Cicero's viel 
zu streiten, wird man doch schwerlich diese Seite seiner literari- 
schen Bestrebungen für die Hauptseite erkennen dürfen. Die S. 678 
neben den lexicaliscben Werken von Nizolius und Schütz (Lexic. 
Ciceronianum • aufgeführte Schrift von Schirlilz: „Vorschole zum 
Cicero u hatte wohl besser S. 673 unter den allgemeinen, Cicero 
betreffenden Schriften eine Stelle gefunden. Ueberhanpt dürfte das, 
was weiter unten S. 697 unter dem Abschnitt Beredsamheit 
über Cicero's Reden gewagt ist. nicht im Verhältniss zu der grös- 
seren Ausführlichkeit, welche in anderen Theilen des Werkes ange- 
troffen wird , erscheinen , sondern Manchem zu kurz bedünken. 
Wir übergeben die anderen Abteilungen dieser ersten Periode und 
bemerken nur noch, dass S. 716 am Schlüsse des Abschnittes über 
die Medicin, wo das dem Acmitius Macer fälschlich beigelegte 
Gedicht De viribb. herharr, genannt und wegen der Ausgaben auf 
Choulant's Handbuch der Bücherkunde d. ält Medio, verwiesen wird, 
auch neben der Kdit. prineeps und der Aldincr Ausgabe, welche 
hier genannt sind , desselben Cboulant s Ausgabe dieses Gedichtet» 



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148 



Graue : Literargescbichte dei AHerthuni«. 



welche 1832 zu Leipzig erschien und eine neue Recension det 
Gedichtes selbst liefert, genannt werden konnte. 

Wir wenden uns nun zu der anderen, grösseren Hälfte dieses 
Bandes, welche den dritten Abschnitt der zweiten Periode bildet 
(8. 719 — 1322), und die Geschichte der Literatur vom Anfange 
der Römischen Weltmonarcbie mit Augustus bis zum Untergang 
derselben im Abendlande, d. h. vom Jahr 30 a. Chr. bis 476 p. 
Chr. befasst. Nach einer kurzen Erwähnung der Nationen, welche 
hier in Betracht kommen, insofern sie literarische Leistungen auf- 
zuweisen haben, folgen die einzelnen Disciplinen in der oben schon 
bemerkten Folge auf einander. Zuerst naturlich die Philologie 
oder die Uebersicht dessen, was im Fache des gelehrten und wis- 
senschaftlichen Sprachstudiums, der grammatischen wie lexiealischen 
Forschung Griechenland und Rom während dieser Periode geleistet 
haben ; bei den Römern wird S. 737 auch der Förderungen und 
Unterstützungen gedacht, welche von Seiten der Römischen Kaiser 
diesen mit dem Schulunterricht, dem höheren wie dem niederen in 
Verbindung stehenden Bestrebungen und den Gelehrten selber zu 
Theil wurden, dabei eben so wohl des von Hadrian begründeten 
Athenäums zu Korn, wie der nachherigen zu Constantinopel im 
fünften Jahrhundert gestifteten Universität, wenn man es so nennen 
kann, gedacht: Gegenstände, die Ref. einst in einer akademischen 
Rede im Jahr 1836 (welche der Verf. 8. 1321 bei den Rcchts- 
schulen anführt, wo sie eigentlich nicht hingehört, wie denn die 
ebendaselbst genannte Abhandlung von Conring auch bereits hier 
8. 737 angeführt ist) näher besprochen hat, woraus der Verf. noch 
einige weitere Data entnehmen konnte. Nun folgt eine vollständige 
Uebersicht der Lateinischen Grammatiker und ihrer Leistungen, bis 
auf Martianua, Capeila herab. Nur zwei Bemerkungen wollen wir 
uns hier erlauben. Die eine betrifft den Festus und dessen be- 
kannten Auszug aus des Verrius Flaccus Werk, das bekannte 
Buch De verborum significatione ; mit Recht bemerkt der Verf. 
8. 743, dass das Original nur noch unvollständig in einer einzigen 
in lllyricn im XVI. Jahrb. gefundenen Inschrift vorhanden und 
öfters mit den Excerpten des Paulus herausgegeben worden sey. 
Aber die nun genannte Editio princens vom Jahr 1471 enthält blos 
den Auszug, den Paulus im achten Jahrhundert aus dem grösseren 
Auszuge des Festus gemacht hatte, und der sich auch in mehre- 
ren Handschriften noch erhalten hat. Augustinus war der erste, 
der diesem Auszuge des Paulus Alles das in seiner Ausgabe bei- 
fügte, was er von dem Werke des Festus selbst hatte auftreiben 
können , und Ursiuus (dem unlängst Egger in dem Pariser Abdruck 
von 1838 folgte) lieferte nachher einen Abdruck des Textes nach 
jener einzigen Handschrift, einer Farnesianischen, die jetzt in 
Neapel sich befindet, und dort für die neueste Ausgabe von C. O. 
Müller (Lips. 1839. 4.) genauer verglichen worden ist. Die andere 
Bemerkung betrifft S. 7^6 am Schlüsse dieses die allgemeinen Sprach- 
stadien betreffenden Abschnittes, wo Celsu ■ , .seines grossen en- 
cyclopädischen Werkes wegen angeführt wird, von welchem be- 



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Grüsse: Literärgeschichte des Alterthuim. 149 

kanntlich nar der Theil erhalten ist, welcher von der Modi ein 
handelt. Diess veranlasst den Verf. an diesem Orte, also bei der 
Philologie, nnd nicht bei der Medicin, sogleich Ober diese acht 
Bücher De Medicina naher zu handeln nnd die desfalsigen Angaben 
der diese betreffenden Literatur, der Ausgaben u. s. w. beizufügen. 
Wir zweifeln indcss, ob Cclsus mit dieser Leistung unter dem 
grammatisch -philologischen Gesichtspunkt aufzufassen ist, unter 
den er hier gebracht ist,- der Ältere Piinius (der hier S. 1192 ff. 
unter den Naturwissenschaften erscheint) wurde dann wegen seiner 
Historia naturalis ebenfalls hier eine, wie wir glauben, freilich 
nicht ganz passende, Stelle finden müssen. Immerhin wird man 
aber die acht Bücher über die Medicin eher anter dem diese Wis- 
senschaft betreffenden Abschnitt 8. 1214 ff. suchen, wo sie nach 
unserem Ermessen auch hingehören dürften. 

Der umfassende Abschnitt , welcher von der Dichtkunst 
handelt, 8. 761 — 844, begreift Griechen und Römer, an welche 
noch (8. 839 ff.) Gelten und Germanen (bei welcher Gelegenheit 
anch über die Runen 8. 841 das Nöthige bemerkt wird), Jnden, 
Inder, Armenier, Syrer sich in kurzen Abschnitten anreihen. Die 
Unterabtheilungen sind folgende: a. bei den Griechen: Heldenge- 
dicht , Lehrgedicht, lyrische Poesie, dramatische Poesie, Roman; 
b. bei den Römern: Epische Dichtkunst (heroisches Epos, poetische 
Erzählung), Lehrgedicht (didactisches Epos, Satire. Fabel, Epi- 
gramm), lyrische Poesie (eigentliche Lyrik, Elegie, Heroide), 
dramatische Poesie (Tragödie, Komödie, Mimen), Bukolische 
Poesie , Roman ; dann die christlichen Dichter Griechenlands und 
Roms während dieser Periode (8. 818 ff.). In dem letzten Ab- 
schnitt ist , wahrscheinlich der bequemeren üebcrsicht wegen , das, 
was die Poesie der beiden Hauptvölker des Alterthnms auf diesem 
Felde aufzuweisen bat, nicht nach diesen beiden Völkern getrennt, 
sondern zusammengestellt worden. * 

Wir glauben hier, ohne in das Detail weiter einzugehen, doch 
dem Verf. darin widersprechen zu müssen, dass er unter die Dicht- 
kunst den Roman gebracht hat, den er ungeachtet seiner prosai- 
schen Form dooh dahin zu rechnen glaubt, indem er unter den 
verschiedenen Zweigen der Poesie dem Epos am nächsten stehe 
und daran sich anschliesse. Es heisst nämlich, da wo auf die 
dramatische Poesie der Griechen der Abschnitt, welcher den Roman 
befasst, folgt und die diesen betreffende Literatur im Allgemeinen 
Angeführt wird (worunter auch Tb. Warton Diss. on the origin of 
romantio fletion in Eorope vor seiner History of English poetry 
genannt ist, obwohl über den Griechischen Roman der alteren 
Zeit wenig darin zu finden ist), dann 8. 761 weiter: „Der Ro- 
man, welcher seinen Namen bei uns von den Galliern i?) hat, bei 
welchen er in der lingna vulgaris oder rustica, die zum Unter- 
schiede von der alten unverdorbenen lateinischen, von der sie 
jedoch abstammte, die romanische genannt wurde und die 
Sprache der ungelehrten Hofieute wurde, geschrieben und aur Un- 
terhaltung des ungelchrteo Theils der Nation bestimmt war , muss 



igitiz 



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1W 



Graute: Literargcschuhtr de« AUcrthumi. 



trete seiner prosaischen Form zu den Oichtungsarten gerechnet 
werden 14 o. s. w. In einer Parenthese sind Nach Weisungen der 
Schriften and Abhandlungen von Wachs inulh , \Vnlt»»r, Heilmann, 
Diefenbach u. A. gegeben, welche tbeils den älteren Römischen 
Volksdialekt, die lingua ßomana rustica , theils die daraus später 
im Anfang des Mittelalters in den südlieben Theilen Frankreichs 
und den daran stossenden Landern entstandene sogenannte Roma- 
nische Mundart betreten (über welche das Hauptwerk von Dietz: 
Grammatik der Romanischen sprachen , jetzt nachzusehen ist), also 
eigentlich etwas ganz Anderes, als das, warum es sich hier zu- 
nächst handelt, nämlich um den Griechischen Roman, d. h. 
um die Entstehung eines Zweigs der prosaischen Literatur der 
Griechen , welcher insbesondere vom dritten Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung an, ja einzelnen Spuren nach, vielleicht auch schon 
weit früher erscheint, und wegen einer Aebnlichkeit des darin be- 
handelten Gegenstandes, bei aller Verschiedenheit der Behandlung 
selbst, doch mit demselben Namen belegt wird, der seit den Zeiten 
des Mittelalters für eine ähnliche Classe von Schriften im südlichen 
Frankreich zunächst in Aufnahme gekommen ist; aus dem natür- 
lichen Grunde, weil solche fingirte Erzählungen und Darstellungen, 
da sie für das Volk, für die grössere Masse der Bewohner, 
welche die Romanische Mundart redeten , bestimmt waren, nicht in 
der diesem Publikum allerdings fremden und unverständlichen La- 
teinischen (aber keineswegs unverdorbenen) Schriftsprache, son- 
dern in der Mundart des Volkes, in der Romanischen (deren 
frühere und erste Grundlage allerdings in jener lingua Romnna 
oder rustica zu suchen ist) aufgezeichnet wurden, und so aller- 
dings einem Bedürfniss entsprachen , das im Volk lag und nicht 
durch die gelehrte Literatur und Sprache der Kirche oder der Ge- 
setzgebung befriedigt werden konnte. Es werden aber die damals 
auf diese Weise entstandenen, also romanischen Darstellutigeu 
oder Erzählungen, die Romane des Mittelalters, üher deren Ent- 
stehung und Bildung, nach Stoff und Form, ausser Dunlop*s fauch 
vom Verf. angeführter) History of Iktion im ersten Bande, au ob 
in der Htstoire literaire de la France im sechsten und siebenten 
Bande zu Eingang sich ausführlichere Erörterungen finden, nur 
mit grosser Vorsicht mit älteren in der Behandlung eines ähnlichen 
Stoffs eioigermassen verwandten Schrifteu der Griechen, wie ins- 
besondere der Römer, zusammengehalten werden dürfen; und wenn 
auch das, was die Griechische Literatur von solchen Schriften aufzu- 
weisen hat, noch etwas näher liegen sollte, so liegen die lateinischen 
Werke eines Petronius Arbiter und eines Appulejus, die Man ge- 
wöhnlich mit demselben J\ainen der Romane bezeichnet, den 
gleichnamigen Productioneu des Mittelalters weit ferner, ho das* 
darüber Ref. schon Bedenken hatte, ob er mit Recht und mit 
Grund in seiner Geschichte der Römischen Literatur die Schriften 
der beiden genannten Römer als Romann aufgeführt hübe. Doch 
davon ein andermal. Für jetzt wollen wir nur bemerken, da*s 
nach unserer vollsten Ueberzeugung weder der Griechische noch 



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Graste: Literärgeschichtc dra Ahn thiinm. 



161 



der Römische Homan (wenn man nun einmal dienen Namen galten 
lassen will) in das Gebiet der Dichtkunst, weder der Form noch 
selbst dem Inhalt nach, zu rechnen ist ; denn er ist hervorgegan- 
gen aus der Rhetorik und Sophistik , welche zuerst In flngirteu 
Reden jeder Art sich versuchte, und dann /.n gleichen Zwecken 
der Unterhaltung auch der Behandlung anderer fingirten Stoffe, 
wie z. \\ . Liebesitbentbeuer, Wundererzäblungen u. dgl. auf ähn- 
liche Weise sich zuwendete, um einem verwöhnten und verweich- 
lichten Publikum die gleiche Krgötzung und Unterhaltung zu ver- 
schaffen ; weshalb ja aueh Sprache und Ausdruck in den Griechi- 
schen Productionen der Art sehr rein und iliessend gehalten ist, 
die Verfasser aber meistens als Sophisten oder Rhetoren , was am 
Ende auf ein und dasselbe hinausläuft, erscheinen. In dieselbe 
Ciasso von Productionen, aus gleichen Veranlassungen hervorge- 
gangen, gehören auch die fingirten Briefe, meist Liebesbriefe, 
wie sie Alciphron und Aristänet in einer fliessenden und eleganten 
Griechischen Sprache uns hinterlassen haben; beide vom Verf. al- 
lerdings mit Recht als verwandt mit dem Roman bezeichnet und 
daher auoh ihm unmittelbar an die Seite gestellt; nur wird man 
sie so wenig wie den Roman selbst zur Poesie zählen dürfen. 
Wir Wörden demnach diesen ganzen Abschnitt vom Roman lieber 
der Beredsamkeit zugetheilt haben, der wir auch die in ähn- 
licher Weise fingirten, obwohl dem Stoff nach, verschiedenen Briefe 
eines Themistocles , Socrates, Phalaris u. s. w., als rhetorische und 
sophistische Uebungsstöche , als Schulproducte, 7.11 1 heilen Wörden. 
Der Verf. hat diese in die vorhergehende Periode fallenden Briefe 
§. 934, als eine eigene Unterabtheilung mit der Aufschrift: Epi- 
ntolographie zusammengestellt, und unmittelbar darauf die 
Beredsamkeit folgen lassen. 

Nun folgt ein äusserst umfassender, drittebalbhuntjcrt Seiten 
füllender Abschnitt, der unter der Aufschrift Theologie niebt 
blos von den verschiedenen, in diese Periode fallenden Uebersetzun- 
gen des Alten Testaments, von der Mischna, Kabbala und Masora 
handelt , sondern auch eine ganze Patrist ik liefert, welche die ver- 
schiedenen Schriften des Neuen Testaments, die apostolischen Vater 
und die gesammte Literatur der Kirchenväter, der Griechen wie 
der Römer befasst, deren Schriften hier nach ihrem Inhalt und 
ihrer Tendenz unter bestimmte Fächer (Polemik und Apologetik, 
Dogmatik, Symbolik, Litur&fik, Moral, Bibelstudium und Exegese, 
Kritik) geordnet sind. Diese Abtheilung ist für die wissen- 
schaftliche Uebersicht bequem ; Zersplitterung des Einzelnen war 
freilich in manchen Fällen nicht zu vermeiden;, es erklärt sich 
aber daraus der grössere Umfang dieses Abschnittes zur Genüge, 
indem auf diese Weise die ganze theologische Literatur, die kir- 
chengeschichtliche, wie die exegetische und kritische, ja selbst 
archäologische in den Bereich der Darstellung gezogen ist, und 
alle einzelnen Notizen und Nach Weisungen mit ungemeiner Fölle 
gegeben sind, ja selbst die Untersuchungen über die Person Jesu 
Christi (worüber, als über einen Gegenstand theologischer 



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153 



Graue: Literärgeschichte dei Mtcrthura«. 



Forschung, wir ans hier, wo wir Mos das Literarhistorische 
ins Auge fassen , des Urlheil« enthalten) nicht ausgeschlos- 
sen sind. Bei dieser Masse von literarischen .Na eh Weisungen 
und Ausgabenverseichnissen, die uns überall entgegentritt möchten 
wir (um doch einen speciellen Punkt zu berühren) wünschen, dass, 
da B. B. die Hauptausgaben des Neuen Testamentes (8. 900 ff.) 
sich angegeben finden , auch die Ausgaben, d. h. die bedeutende- 
ren und wichtigeren einzelner Theile desselben , wie z. B. der Pau— 
linisohen Briefe, wo blos auf Winer verwiesen wird «8.892. 893), 
ebenfalls angeführt waren. Doch solche Wünsche wird auch Bin 
Anderer hier oder dort zu machen haben ; sie liegen in .dar 
Natur des Gegenstandes, welcher von der Art ist, dass nicht leicht 
Einer Allen genügen wird; nur darf darüber nicht das Ganze aus- 
ser Augen gelassen werden. Das Versehen 8. 981, wornach Phi- 
las tri us zu einem Bischof von Brixen gemacht wird, theilt der 
Verf. mit dem Referenten, der vielleicht gar die Ursache dieses 
Irrthums ist, auf den ihn bereits ein Recensent aufmerksam ge- 
macht hat. Denn es muss Brescia heissen. 

Der n&chste Abschnitt 8. 1108 ff. bebandelt die Philosophie, 
nnd zwar bei den Orientalen, (Juden und Gnostikern), bei den Grie- 
chen und Römern. Die Griechische Philosophie zählt folgende Un- 
terabtheilungen : Aristotelische Schule, Neuplatonische , Neupytha- 
goreisene, Stoische, Cynische, Skeptische, Epicureischo; die Romer 
sind dann kürzer, nnd ohne weitere Unterabteilung behandelt; 
den Schluss des Ganzen bilden, ohne jedoch von den Römern be- 
sonders unterschieden zu seyn (oder ist die besondere Aufschrift 
vor §. 349. 8. 1168 durch Zufall oder Verseben ausgefallen?), 
die verschiedenen Griechischen Schriftsteller über die Geschichte 
der Philosophie, so wie der Philosophen und Sophisten selbst, ins- 
besondere Diogenes von Laerte und Philostratus (dessen Vi Ine So- 
pbistarr. seitdem in einer neuen Bearbeitung von Dr. Kayser in 
Heidelberg 1838 erschienen sind) und Eunapius. Die mathemati- 
schen Wissenschaften, welche nun folgen, zerfallen in mehrere 
besondere Zweige , nach welchen das Einzelne aufgeführt ist : 
Arithmetik, Geometrie, Optik, Mechanik, Kriegswissenschaft, Astro- 
nomie, Astrologie und Musik. Wäre es nicht, um allzu viele 
Spaltungen, zu denen der Verf. offenbar nur dureh sein sicht- 
bares Bestreben, Alles systemstiscb und streng wissenschaft- 
lich zu ordnen, veranlasst worden ist, zu vermeiden, vielleicht räth- 
licher gewesen, einige dieser Unterabteilungen, wie z. B. Arith- 
metik und Geometrie, oder auch selbst noch etwa Optik und Me- 
chanik in Eine Rubrik zu vereinigen, eben so wie Astronomie und 
Astrologie ? 

An die Mathematik in dem bemerkten Umfang reihen sich die 
Naturwissenschaften , welche zuerst Physik und Naturgeschichte, 
dann das Studium geheimer Naturkräfte (wo die Oneirokritika des 
Artemidorus nebst einigen ähnlichen Schriften aufgeführt werden, 
über deren Stellung unter diesem Abschnitt doch wohl ein Zweifel 
erlaubt seyn mag), endlich drittens die Land - und Ilsuswirthscbaft, 



t 



Graste : Literargetchichte des Alterthntns. 153 

* 

wo aach Apicius Aufgenommen ist, dem wir freilich selbst keinen 
schicklicheren Platz anzuweisen wussten . als den, welchen ihm 
der Verf. angewiesen hat, der die Landwirtschaft hier in eine 
Verbindung mit andern Zweigen der Naturwissenschaften gebracht 
hat, mit denen sie, wie z. B. mit der eben genannten Schrift Uber 
die Deutung der Träume doch weniger Zusammenhang oder Ver- 
wandtschaft des Inhalts zu haben scheint. Wir würden diesen 
•Zweig der Literatur lieber von den beiden andern genannten Zwei- 
gen , die mit ihm die Unterabteilung der Naturwissenschaften 
bilden, gänzlich getrennt, und als eine eigne Unterabteilung auf- 
geführt haben. 

Nach der Arznei künde, die den Naturwissenschaften folgt, 
linden wir die Geschichte mit ihren Neben Wissenschaften, 
deren Stellung hier freilich etwas seltsam erscheint, da sie eben 
ao gut, wie die Beredsamkeit, welche dann weiter folgt, wohl, 
ihres Umfangs und ihrer natürlichen Bedeutung wegen,' eine nu- 
dere Stellung vor mehreren der ihr hier vorangehenden, jedenfalls 
untergeordneteren und minder wichtigen Zweigen der Literatur an- 
sprechen konnte, zumal da auch in den beiden vorangehenden Pe- 
rioden die Geschichte die zweite Stelle unmittelbar nach der Philo- 
logie erhalten hatte und die Beredsamkeit doch wenigstens vor die 
Med ic'm und Naturgeschichte, wenn auch nach der Mathematik, 
gestellt worden war. Wir wissen nicht, welche Gründe den 
Verfasser bewogen, die frühere Andordnung zu verlassen und 
eine andere zu Wählen , die uns nicht so passend scheinen 
will, so gleichgültig es am Ende auch bei einem Werke der Art, 
das als ein grosses, allumfassendes Repcrtoriura zum Nachschlagen 
dienen soll, und weitere Ansprüche auf Entwicklung des innern 
Gangs der Literatur, die hier mehr von ihrer Aussenseite aufge- 
fasst ist, nicht macht, seyn kann, in welcher Ordnung und Folge 
die einzelnen Unterabteilungen sich aufnehmen, wenn anders durch 
eine Uebersicht des Inhalts ui.d durch gute Register dafür gesorgt 
ist, dass man mit Leichtigkeit schnell dasjenige findet, was 
man sucht und worüber man Rath und Belehrung wüuscht. Kben 
deshalb wäre es gut, wenn eine solche Uebersicht bei dem nächsten 
Bande noch nachträglich geliefert würde , da ein ausführliches 
Wortregister für die beiden Abteilungen , welche die Literärge- 
schichte des Altertums enthalten iS. 1527 — iöoO bei doppelten 
Colomnen) , diesem Bande beigegeben ist. • 

Im Uebrigen wird man auch hier alle Ursache haben , mit der 
Zusammenstellung des Einzelnen und der Vollständigkeit wie Ge- 
nauigkeit aller Nachweisungen , zufrieden zu seyn ; die Biographie 
erscheint hier nicht, wie in der vorhergehenden Periode von der 
eigentlichen Geschichte getrennt und als ein besonderer Neben - 
zweig behandelt, sondern mit jener vereinigt, was wir nur billigen, 
da wir z. B. hier den Scriptores historiae Augustae oder den Ver- 
fassern der Lebensgeschichten der späteren Kaiser, so wenig 
wie einem Aurelius Victor, dessen Büchlein De viris illustribue 
urbis Romae ohnehin eo manchem Verdacht unterworfen ist, oder 



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154 



Kurze Anzeigen 



selbst den Biographien des Suetonius eine besondere Stelle, getrennt 
von den übrigen geschichtlichen Werken der spateren römischen 
Zeit, geben möchten; denn die ganze Gesohichtechrcibung in der 
späteren Römischen Kaiderzeit hat einen biographischen Charakter 
angenommen , wovon nur der einzige Ammianas Marcellinus, wenn 
man von einigen kleineren Abrissen, wie B. R. eines Eatropius 
absieht, eine Ausnahme machen kann. Noch bemerken wir, dass 
die bekannte .\ otitin dignitntum, worüber Röcking's neneste Aus- 
gabe vom Verf. freilich noch nicht angeführt werden konnte, der 
indes9 Böcking's frühere Abhandlung über diesen Gegenstand nicht 
übersehen hat, hier unter die Geschichte gebracht ist, unter 
welche oder wenigstens unter deren Nehenwissenschaften sie 
wohl mit mehr Recht gehören dürfte, als unter die Jurispru- 
denz, unter welche Ref. früher dieselbe gestellt bat. Ihre Abfas- 
sung möchten wir nicht später als in die ersten Jahre des fünften 
Jahrhunderts, den neuerdings darüber geführten Untersuchungen 
zu Folge, setzen. 

Als Nebenwissensohnften der Geschichte erscheinen zuvörderst 
Geographie bei Griechen wie bei Römern, wo wir nur die eine 
Bemerkung hinzufügen wollen , dass die Aechtheit der S. 1*68 
genannten Schriften des Publius Victor und Sextus Rnfus De re- 
gionibus urbis Romae in neuester Zeit mehrfach in Zweifel gezo- 
gen worden und selbst der Beweis uns versprochen ist, der die 
Abfassung dieser Schriften im fünfzehnten Jahrhundert ausser allen 
Zweifel setzen soll. Dann folgt Mythcngeschichte , Literatur und 
Kunstgeschichte , Chronologie. Den ßesebluss machen , wie schon 
oben bemerkt worden, ein Abschnitt über die Beredsamkeit, welchem 
auch S. 1306 in einer Anmerkung die Epistolngraphie bei den Rö- 
mern angehängt Ist, und ein anderer Abschnitt über die Rechts- 
wissenschaft, von welcher natürlich die Justlnianeische , als in eine 
spätere Periode fallend, ausgeschlossen ist 

Chr. Bahr. 



KÜRZE ANZEIGEN. *) 



Cutalog einer ausgewählten Sammlung von Wiehern, zu haben bei !. O. 
II' e ig e l. Leipzig. VI und 448 £ in gr. 8. 

Kein gewöhnlicher ßüchercatalog, sondern ein Verzeichnis« 
einer in der That wohl ausgewählten Sammlung, welche die grös- 



') Dio K'cdact Ion der Jahrb. wird künftig am Schlüsse eine« jeden 
IleTle« die ihr zugekommenen Schriften, deren autifiihilicherc Be- 
sprechung der Raum nicht verstauet, auf diese Weise in kürzeren 
Anaeigen zur Keontoiit ihrer Leser briugen. 



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Kurze Anzeigen. 



116 



setten literarischen Seltenheiten und eine namhafte Zahl der wich- 
tigsten Werke, die aeit der Erfindung der ßuebdruckerkunat io 
den verschiedensten Sprachen Kuropa s erschienen sind , in sich be- 
fasst. alle streng geordnet nach ihren einzelnen Fächern und Wis- 
senschaften , und mit beigesetzten Preisen , wie sie wohl als Nor- 
malpreise neben den Angaben Brunei s erscheinen dürften, y.u denen 
sie auch von dem Herausgeber bezogen werden können. Zu die- 
sem wohlgeordneten Verzeichnis» von circa zehntausend Impres- 
sen kommt noch auf den ersten vier und zwanzig Seiten eine An- 
zahl käuflicher Handschriften. Lateinischer, wie Deutscher, zu 
welchen einige woblgestochene Fncsimile's gehören. So dürfte 
dieser Catalog, dem auch ein sehr genaues alphabetisches Register 
zur Leichtigkeit des Nachschlagen* und Auffindens nicht fehlt, 
neben den ähnlichen Werken Bruneis, Eberls u. A. seine Stelle 
einnehmen und jedenfalls für Bibliotheken, Antiquare und über- 
haupt für jeden Freund der Literatur unentbehrlich erscheinen. 



Geschichte des Wieder aufblühen* wissenschaftlicher Bildung, vornendit h in 
Deutschland bi$ zum Anfange der Deformation, l'on Dr. Heinrich 
August Erhard. Krater Hand. Hebst einer Einleitung, die ge- 
schichtliche Darstellung </cr uimenschaj fliehen Kultur Deutschland» vor 
der H iederherstellung der II issensrhaften enthaltend. Magdeburg, 
Creutzsche Buchhandlung 1827. XXMf und 4f»7. Zweiter üand 
1830. VI u. 6lh Dritter Band 18ü2. XX f. 025 A». in K 

Dieses ältere, von neuem ond zwar zu sehr ermasfiigtem Preise, 
in Umlauf gesetzte Werk wird für diejenigen, welche eine allge- 
meine Belehrung über die Geschichte des wissenschaftlichen Lebens 
und Treibens wünschen und insbesondere die dafür wirksamen und 
tbätigen Männer in Deutschland; ihre Verhältnisse, ihre Schriften 
u. a. w. näher kennen wollen , als ein zweckmässiges und geeig- 
netes Uülamittcl, in Erinnerung gebracht werden können. 



Adam von Müller'» gesammelte Schriften. Erster Band Mit dem 
Portrait des l'erfasscr's. München, bei Georg frans 18Ö9 f II und 
408 S. in gr. 8. 

Dieser erste Band enthält die nachfolgenden früher schon 
(heilweise bekannt gewordenen Aufsätze: i. Von der Notwendig- 
keit einer theologiacben Grundlage der gcsnmmten Staatswissen- 
schaft insbesondere; aus dem Jahre t8lM 2. Vermischte Aufsätze 
über Nationalökonomie (zwischen 1808—1827). & Die iuuere 
Staatshaushalten^ systematisch dargestellt auf theologischer Grund- 
lage (1820) und einige andere Aufsätze allgemeinen politischen 
Inhalts. 



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Kiir/o Anzeigen. 



Die Urwelt und die Fixsterne Von Dr Gotthilf Heinrich von 
Schubert , Hofrath und Professor in München. Zweite zum Theil 
umgearbeitete Auflage. Dresden und Leipzig in der Arnoldischen 
Buchhandlung 1839. 298 & in gr. 8. 

Da Inhalt, Charakter und Tendenz dieses bereits in der ersten 
Auflage viel verbreiteten Buchs hinreichend bekannt ist, so mag 
hier nur bemerkt werden, das* die Grundidee und der Hauptge- 
danke sich in der zweiten Auflage im Ganzen gleich geblieben, 
dass aber drei neue Abschnitte hinzugekommen oder doch so um- 
gearbeitet worden, dass sie für neue gelten können, nämlich der 
vierte (der Grund der Bewegungen- und des Leuchtens der Kör- 
per), der siebente (die Doppelsterne) und der zwölfte (die 
beiden Grundrichtungen des irdischen Geßtaltens). 



Russland , in historischer, statistischer , geographischer und literarischer 
Beziehung , dargestellt von Thaddäus Bulgarin. Ein Handbuch 
für Gebildete jeden Standes. Mit Genehmigung und unter Mitwirkung 
des Hn. Verfassers aus dem Russischen übersetzt von II. von Brackel. 
Statistik. Erster Rand mit drei Karten, Riga und Leipzig. 
Verlag von Eduard Frantzcn'e Buchhundlung. 1839. o85 und 63 Y 
ohne die Tabellen. Geschichte. Erster Band. XX VII und 476 & 
in gr. 8. 

Unstreitig unter den über Russland in neuerer Zeit erschiene- 
nen Werken das genaueste und vollständigste, auf welches die 
Redaction d. J. in der Folge noch näher zurückzukommen gedenkt ; 
der vorliegende erste Band gibt in der ersten Abtheilong eine all- 
gemeine Einleitung über die Statistik überhaupt und die russische 
insbesondere, bandelt dann von den Fundnmentalkräften des russi- 
schen Staates, von Land und Volk , insbesondere von der Cultur, 
zunächst der physischen (La ml bau, Viehzucht, Bergbau, Garten- 
bau, Seidenbau, Weinbau, Fischerei, Jagd, Forstwissenschaft n. 
s. w.), über welche Gegenstände die genauesten aus offlciellen 
Quellen geschöpften Data vorgelegt werden, welche nebst den am 
Schlüsse befindlichen Tabellen dem Werke eine ungemeine Wich- 
tigkeit geben. Die beigefügten Karten bestehen in einer statisti- 
schen Karte des europäischen Russlunds, einer andern des asiati- 
schen und einer dritten über die Bergwerke des Ural. 

Die sehr ausführlich angelegte Geschichte, die von der Römi- 
schen Kaiserzeit und den Völkerzügen ihren Ausgangspunkt nimmt, 
bebandelt ausführlich die erste slavische Periode Russlands bis in 
das zehnte Jahrhundert herab und berücksichtigt dabei auch An- 
deres, was zur Geschichte und zu den Alterthümern des slavischen 
»Stammes überhaupt gehört. Auch eine Tafel mit sjavischen Schrift- 
proben und Alterthümern, so wie eine Karte der im zehnten Jahr- 
hundert bewohnten Länder ist beigefügt 



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Kurie Anzeigen 



157 



J.cben und Briefwechsel Georg W ashington's. Nach dem /Cn/r- 
h sehen de» Jarcd Sporks im Auszuge bearbeitet, tierausgegeben von 
Friedrich v. Raumer. Leipzig bei Brockhaus 1839. Erster Hand 
XI l\ und 558 S. Zweiter Band 533 .V. gr. 8. 

Aus dem zwölf Bande starken Englischen Original werke, das 
in dieser Ausdehnung schwerlich für deutsche Leser genug In- 
teresse haben dürfte, ist hier das Wesentlichste, wie es solchen 
Lesern mehr Befriedigung gewahren möchte, ausgewählt und in 
zwei Bände, mit Zustimmung des Kn« Iischen Verfassers, zusam- 
mengestellt, in der Weise, dass der ganze erste Band die Lebens- 
beschreibung Washington^ liefert, indem hier „sich ohne wesent- 
lichen Verlust und Auflösung des Zusammenhangs nichts kürzen 
Hess"; der zweite Band gibt eine Auswahl aus Washingtons 
Schriften, wobei insbesondere, was auf Gang und Führung des 
Kriegs sich lediglich bezog, weggelassen, und das aufgenommen 
ist, was von allgemeinerem Interesse für die Lesewelt und das 
grössere Publikum, das der Herausgeber im Auge hatte, seyn 
konnte. • 



Allgemeine Weltgeschichte für alle Stände, mit besonderer Rückeicht auf 
die Geschichte der Religionen, so wie auf das Bedürjniss der gebildeten 
Jugend beiderlei Geschlechts ; bearbeitet und bis auf das Jahr 1838. 
fortgeführt von Ludwig Bauer, Prof. am kön. obern Gymnasium 
zu Stuttgart. Stuttgart, Verlag der Chr. Balser'schen Buchhandlung, 
1838. Fünfter Band, 51)8 A. Sechster Band kteLiefer. 183». 112 & 

Der fünfte Band, der die neuere Zeit enthalt, in ihrer zwei« 
ten Periode, vom westfälischen Frieden bis zur französischen Re- 
volution, schliesst mit der Theilung Polens; der sechste giebt 
den Anfang der dritten Periode, die mit der Ausbildung republi- 
kanischer Staaten in Amerika und mit der Revolution in Frank- 
reich beginnt. Ueber Charakter und Tendenz des Werkes s. die 
früheren Anzeigen in diesen Jahrbb. 1638. p. 979. und 1839. p. 
439. 769. 



Allgemeine wissenschaftliche Alterthumskunde oder der concreto Geist dca 
Alterthums in seiner Entwickelung und in seinem System, von Dr. C. 
G. Haupt. Erster Bund. XVI. und 288 Ä. Zweiter Band. XVI. 
und 788 S. Dritter Band. VllL 130 S. in gr. 8. Altona, J. F. 
Hammerich. 1839. 

Es ist diess keine Alterthumskunde in dem Sinn und in dsr 
Weise, wie Eschenburg, Schaaff, HotTmann u. A. solche Schriften, 
zunächst für die oberen Ciassen der Gymnasien oder für das Pri- 
vatstudium, geliefert haben, sondern es soll eine allgemeine 
wissenschaftliche Darstellung des AUcrthuras, des griechischen und 
römischen, wie des asiatischen, nach dem, was in Volk and Staat, 
wie in Wissenschaft und Literatur, in Kunst und Religion 
sich darbietet, geliefert werden, und »war im Geiste und nach den 



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118 Kurie Anzeigen. 

Grundsätzen der Ilcgersohen Philosophie, da Hegel, wie die Vor- 
rede S. XV. bemerkt, den Verfasser „zuerst historische Erschei- 
nungen begreifen gelehrt" und „nicht nur überzeugend darge- 
than, dass die Einsicht in die Notwendigkeit des Geschichtli- 
chen allein durch das Denker, und Begreifen bewirkt, wie 
die Beglaubigung des Geschichtlichen nur auf historische Zeug- 
nisse und deren Würdigung gegründet werden kanu, und dass 
solche Erkenntniss «Hein \\ isscnschaftlichkeit genannt wird, son- 
dern auch die Aufgabe gestellt . das Princip der schöpferischen 
Gotteskraft in der Geschichte bestimmt in seiner Entwickelung auf- 
zuzeigen etc. u Im Geiste dieser Aufgabe stellte sich dem Verf. 
der archäologische Thcil der allgemeinen historischen Wissenschaft 
als besonders bedürftig einer Bearbeitung dar, weil die Archäolo- 
gie sich ihm zeigte ,.als die Wissenschaft vom concreten Geiste 
des Alterthums in seiner Entwicklung und in seinem System und 
schien besonders Herausstellung der geistigen Substanzen des Le- 
bens der alteu Völker zu fordern 1, etc. Unsere Le*er werden dar- 
nach schon bemessen können, was für eine Archäologie sie hier 
zu erwarten haben, und in welc hem Sinn Jind Geist diese Anfgabe 
überhaupt gelöst worden ist. Ks werden sich dann auch die Jahr- 
bücher über diese Schrift, in der Andere gewiss hohe Wissen- 
Behaglichkeit, Tiefe der Forschung etc. finden werden, um so kür- 
zer fassen und ihrer Pflicht genügen können , auch wenn sie nur 
einige Hauptüberschriften angeben, was für die. die nicht erst aus 
Hegel die Geschichte und das Alterthum begreifen gelernt , und 
statt siebenhundert Seiten solchen Räsonnements gerne mit hundert 
Seiten gesunden Menschenverstandes sich begnügt haben würden, 
gewiss genügen kann. Da naturlich das Ganze dieser „allgemei- 
nen wissenschaftlichen Altcrthumskunde vom coucreten Geiste des 
Altert bums-- in seine drei Tbeile zerfallen muss, so findet man in 
der ersten Abtheilung zuerst eine Einleitung, in welcher von 
den Naturbestimmtheiten, der Sprache und den Spmchverschicdcn- 
heiten. der Entwicklung des Menschengeschlechtes, dem reli- 
giösen Element, und zwar als Entwicklung»: ineip (Cultus und 
Staat) wie an und für sich (Xaturreligiou, Symbol. Mythus), der 
Mythologie im Allgemeinen, dem Verständniss der Mythologie, dem 
Gange der religiösen Idee des Alterthums, der Entwicklung des 
Staatslebens, der Kunst und der Wissenschaft gehandelt wird. 
Nach dieser im Sinne des Verf. gewiss höchst logischen Anord- 
nung folgt der concrete (!) Geist des Orients in erster Stufe in 
Japan, China, bei den Mongolen etc., in zweiter bei den Indern, in 
dritter bei den Persern und Medern, in vierter bei den Aegyptcrn, 
in fünfter bei den Hebräern, in sechster bei den Vorderasiaten und 
Nordafrikanern, Alles ausgestattet mit sehr gelehrten Beilegen. Der 
zweite Band behandelt den concreten Geist (!) des russischen 
Alterthums; zunächst Griechenland nach drei Perioden; der dritte 
Hand Rom. Auch hier ähnliche \ lerabtheilungeu , und eine An- 
ordnung, deren Schlüssel natürlich nur der besitzt, der in diese 
Tiefen der Wisseuschaftlichkeit hinabzusteigen und aus diesem 



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Knrse Anzeigen. 



Schacht das neue Licht anzuzünden versteht, das unsere Kennt- 
niss des Alterthuins erhellen soll. Worin aber dieses Licht, nach 
dem unsere Zeit so sehr verlangt, besteht, und worauf das Stre- 
ben der Zeit zunächst geht, mögen die Leser aus der Vorrede des 
dritten Bandes zum Schlüsse vernehmen. „Es ist die Bewegung 
der neueren Zeit die, dass der Begriff des Rein-Menschlichen, des- 
sen Verwirklichung in Gestalt und Leben dem classiscben Alter- 
thum Entstehung und Leben gegeben hat, und dem Mittelalter für 
Kunst und Wissenschaft formgebendes Princip war, der Abstrac- 
tion des Ueingeistigen aus Christi Lehre in die Wirklichkeit ein- 
verleibe werde. " !! 



C h ar act e r isbi i prineipum jihilonophorum veterum, Socratis, Plato~ 
nie, A vis t o t e Iis. Ad crilicum philosophandi tationem commenrfan- 
dam srriptit Ph. Cuil. van Ileus de. >ii»c ira et studio. Amstctodami 
apud Johannern Müller. 18o!>. Vlii. und 200 .V. K 

Das letzte Werk dieses würdigen Veteranen der holländischen 
Philologie, kurze Zeit vor seinem im Jahr 1839. auf einer Schwei- 
zerreise zu Geuf erfolgten Tode geschrieben. In der ihm eigenen, 
gemuthlichen, leicht fasslichen, klaren Weise der Darstellung, die 
besonders jüngern Lesern sehr anziehend ist, gibt der Verf. eine 
Charakteristik der drei Hauptphilosophen des alten Hellas, wie sie 
der Titel nennt, von dem kritiseben Standpunkte, wie er ihn sich 
genommen, und wie er ihn auch in dieser Schrift wieder anem- 
pfiehlt, aufgefasst. wobei noch andere Punkte berücksichtigt wer- 
den, die das Verhältniss dieser Philosophen sowohl zu einander 
selbst wie zu ihrer Zeit betreffen, um damit auch in unserer Zeit 
eine zweckmässige Behandlung der philosophischen Studien her- 
beizuführen. Von diesem Gesichtspunkt aus siud die am Schlüsse 
angehängten O"aestiones criticae insbesondere zu betrachten. Was 
überhaupt van Heusde leistete, was er seiner Zeit, was er zunächst 
seinem Vaterlande war, wie ausgezeichnet als Gelehrter, wie lie- 
benswürdig in seiuem Charakter, in welchem Krnst und Milde sich 
in einer so schönen Weise verbunden zeigte, das hat einer seiner 
Collegen, der Hr. Professor van Goudoever in einer eben so 
schönen Rede, zu welcher van Ileusdes Tod die Veranlassung gab, 
näher auseinandergesetzt; wir stehen nicht an, die in einer gu- 
ten classiscben Sprache abgefasste Hede, die ein getreues 
Bild des edlen und würdigen Mannes darstellt, allen Freunden und 
Verehrern desselben zu empfehlen ; sie werden daraus zugleich 
Gang und Schicksale seines Lebens, wie die Richtung seiner S!u- 
dien erkennen; auch fehlt nicht am Schluss ein genaues Vcrzeich- 
niss der Schriften und einzelnen kleineren Aufsätze desselben. Der 
Titel dieser Rede ist: 

Antoniivan G o udoever Sermo ad disripulos habitus , die X VUh M* 
Scptembris anno MÜCCCXXX1X. 28 & in gr. 8. 



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100 Kurl« Anzeigen. 

P hylarchi II istoriarum fragmenta. Collegit Johannes FriderieuM 
Lucht. Lipsiae, Bumtibu* Guilielmi Laufferi MDCCCXXXFL XU. u. 
152 S. in gr. 8. 

Es ist diesem Gcschiehtschreiber, dessen Werke verloren ge- 
gangen sind, das seltene Glück widerfahren, in wenigen Jahren 
dreifach bearbeitet zu werden, da der vorliegenden Schrift eine 
andere, obwohl von geringerem Umfang, um ein Jahr vorausgebt 
(J. Fr. Thoms: Phylarcbus. Pars prior De Phylarchi vita et scrip- 
tis Gryphiae 1835. 8.), drei Jahre hernach aber eine andere er- 
schien (Phylarchi Historr. rcliqq. ed. Bruckner Wratislav 1839.), 
die aber keineswegs der früheren, die hier angezeigt wird, die Pal- 
me entrissen hat. Denn es ist immer die Monographie des Hrn. 
Lucht als das beste und vollständigste über Phylarchus anzusehen. 
Ursprünglich bestimmt, eine Abtheilung eines grösseren Werkes 
zu bilden, welches über die bei Polybius vorkommenden Geschicht- 
schreiber sich unter dem Titel Quaestiones Polybianae verbreiten 
sollte, erscheint sie nun besonders und verbreitet sich eben so sehr 
über Leben und Schriften des Phylarchus, wie über die Bruch- 
stücke der letzteren, welche hier zum erstenmal vollständig ge- 
sammelt und geordnet erscheinen, während die vorausgehende Un- 
tersuchung die Lebensperiode des Mannes, die jedenfalls bis 190. 
a. Ch. auszudehnen ist, so wie die Zeit der Abfassung seiner 
Schriften festzustellen, inabesondere aber den Charakter und Werth 
derselben zu bestimmen sucht, damit aber gewissermassen eine 
Apologie des theilweise schon im Alterthum verunglimpften Autors 
liefert, dessen Hauptwerk, die loroptai in acht und zwanzig Bü- 
chern, die Geschichte Griechenlands von Olymp. CXXVII., i. bis 
Olymp. CXXXIX., 4. über einen mehr als fünfzigjährigen Zeit- 
raum befassle, und für Plutarelius (im Agis, Kleomenes und Ara- 
tos), Pompejus Trogus oder Justinus . um nur diese zu nennen, 
eine Hauptquclle bildete. So weit es möglich war, hat der Verf. 
eine Restauration dieses grossen Gcschiehtswerkes nach den An- 
gaben der Alten versucht , ohne dabei auch die übrigen, obwohl 
wie es scheint, minder wichtigen Schriften des Phylarchus zu 
vernachlässigen, dabei manche Irrthümer anderer Gelehrten wider- 
legt und andere mit seinem Gegenstand in Verbindung stehende 
Punkte in einer erschöpfenden Weise behandelt. 



s 



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* 



N*. II. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schwedische Geschichten unter Gustav III, vorzüglich aber unter Gu- 
stav II'- Adolf. Von K. M Arndt. Leipzig , Weidmännische Buch- 
handlung. 1839 Text & 1-490. Beilagen 490-598. 8. 

Der würdige and bejahrte Verf. dieser Denkwürdigkeiten and 
Betrachtungen über die Schwedische Geschichte des auf dem Titel 
erwähnten Zeitraums ist in Deutschland zu bekannt und beliebt, 
als dass nicht jeder Leser sogleich wissen sollte, was er von ihm 
zu erwarten hat; Ref. hat daher über das Werk im Allgemeinen 
nichts zu bemerken, als dass er sich über die Bereicherung un- 
serer historischen Literatur mit eiuem sehr gut geschriebenen, da- 
bei aber nicht fabrizirten, sondern aus dem Herzen und der Ue- 
berzeugung hervorgegangenen Buche aufrichtig freut. Ref. hat 
diesem Buche oben einen andern Titel gegeben, als der Verf., 
weil dieser weniger eine vollständige Erzählung der Thatsachen 
als seine Ansichten, Erfahrungen, Urtheile über das, was er zum 
Tbeil selbst gesehen hat oder von Augenzeugen erforschen konn- 
te, hat geben wollen. Hr. Arndt hat übrigens auch die Ge- 
schichte selbst hie und da sehr, ausführlich erzählt , hat sie aber 
nie, wie die Sophisten unserer Tage zu thun pflegen, zerfetzt und 
entstellt, damit wahr scheine, was er wahr machen möchte. Sein 
Urtheil gibt er vollständiger als die Geschichte, doch lässt er die 
Thatsachen überall wie sie waren, und erfindet nicht, wie man 
jetzt zu thun pflegt, um die Personen, die man loben will, zu eh- 
ren, Sophismen und Grundsätze für ganz unlöbliche Sachen und 
Thaten. Da der Verf. selbst Quelle der Geschichten ist, die er 
erzählt, oder auch nur bekannte und schon beurkundete Dinge be- 
richtet, so hat er die Form seines Buchs dem Bedarf niss der gros- 
sem Lesewelt leichter anpassen können, ohne darum dem We- 
sentlichen, oder der Materie selbst, etwas zu vergeben. Ref. ver- 
hehlt nicht, dass er über Vieles, was hier erzählt wird, ganz an- 
ders urtheilen würde, als Hr. Arndt, dass er sich weniger als die- 
ser auf das einlassen würde, was hätte geschehen oder gethan 
werden sollen und können, dass er sich endlich nicht ent- 
schliessen könnte, so viele Charaktere im Allgemeinen scharf zn 
zeichnen und abzugränzen, ab hier geschehen ist. Das Letztere 
XXXIII. Jahrg. 2. Heft. || 



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1«2 Arndt: Schwedische Geiehichten. 

i 

• 

mag im Roman immer geschehen, wo die Menschen vom. Schrift- 
steller geschaffen werden; in der Geschichte ist es sehr schwer, 
denn sie hat es mit dem Leben zu thun, wo man die Leute neh- 
men muss, wie sie sind, d. h. nach Zeit und Umständen ganz un- 
gemein verschieden. Diess schadet übrigens gar nicht, denn Hr. 
Arndt hat ausdrücklich Altes so gestellt, dass es unmittelbar von 
ihm ausgeht und sein Urtheil von den Menschen, seine Zeichnung 
ihres Leibes und ihrer Seele durchaus nicht mit den Thatsnchen 
selbst verwechselt werden kann Affectation, Declamation, Ton 
eines bestimmten Hofes, einer Schule, eines Systems, Sösslichkeit 
eines schmeichelnden oder nach des Pöbels Beifall haschenden 
Schriftstellers, Liberalismus und tolle Prosa, eitle Rhetorik, diplo- 
matische mehr oder weniger versteckte Sophisterei eines gedun- 
genen oder Orden und Ehren suchenden Professors oder Geschäfts- 
manns, oder eines Ritters von der Feder, also alle die Fehler, 
welche die europäische Gesohichtschreibung aller Länder heutigen 
Tages vergiften und dem Leser der Alten ungeniessbar machen, 
kennt Arndt so wenig wie Gejier, ob er gleich nicht, wie dieser, 
ein grosser Geschichtschreiber ist. Ref. wagt nicht, sich her- 
auszunehmen, einen Veteran, wie Arndt ist, über eine Geschichte 
zur Rede zu stellen, welche er nuthwendig besser kennt und wahr- 
scheinlich auch richtiger beurt heilt als Ref.; weil er aber das 
Buch mit dem grössten Vergnügen gelesen hat, und es auch An- 
dern gern dringend empfehlen möchte (besonders da Arndt darin, 
and zwar, was sehr viel ist, aus voller Ueberzeugung , ganz or- 
thodox und streng monarchisch erscheint) ; so will er etwas aus- 
führlicher vom Inhalte reden. Er will gegen seine sonstige Ge- 
wohnheit sich zuerst Mos am Allgemeinen halten, und angeben, 
was nach seiner Meinung (er kann freilich darin vielleicht sehr 
irren) Hr. Arndt vorzüglich hat leisten wollen und was er wirk- 
lich geleistet hat, dabei zugleich kurz andeuten, wie er selbst die 
Sache ansieht. Hernach will er die einzelnen Theile des Buchs 
durchgehen, oder vielmehr, ohne zu urtheilen, einzelne Stellen 
wörtlich ausheben, die ihm aus einem oder anderm Grund« bezeich- 
nend scheinen. 

Der Verf. hat, wie es Ref. scheint, in dieser ganzen Geschichte 
nur vor Augen, wie furchtbar Adelsherrschaft und die aus ihr 
entstandene Oligarchie für Schweden geworden ist, wie schänd- 
lich und niederträchtig diese Oligarchie, d. h. gewisse Familien 
und ihr Anhang, mit dem Reiche umgingen, wie unverschämt ihre 
Verkauf liebkeit, wie sittenlos und prahlend ihr Wandel war, wie 



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♦ 



I 

Arndt: 9Hiwedi«ehr Goschihten 1W 

• 

sie die Ehre der Nation an Top (Wim und sich niedrig den Frem- 
den verkauften, während sie um Geld und um Stellen unter sich 
im blutigen und vom Vater auf den Sohn vererbten Zwist waren. 
Weil die Nation von diesen oligarchischen Harpyen von Zeit zu 
Zeit durch kräftige, thätige, geschickte Despoten befreit ward, hat 
Arndt, wie die andern Geschichtschreiber, diese Despoten mit glän- 
zendem Lobe hervorgehoben. Diess hat auch Rühs gethan; Arndt 
geht fast noch weiter als dieser, doch isf Ref. weit entfernt, den 
Einen mit dem Andern vergleichen zu wollen. Rühs kann be- 
kanntlich nur arbeiten, schreiben kann er nicht, und seine Gelehr* 
samkeit hat den gesunden Menschenverstand ganz erdrückt ; Arndt 
dagegen ist weniger ein Mann der Bücher als des Lebens. Arndt 
schreibt nicht blos zierlich, sondern auch sein Urtheil wird von 
ihm so begründet, das* man ihm von einer Seite her nie Unrecht 
geben kann; in der Hauptsache sind aber doch beide Herren, ohne 
es zn wissen oder zu ahnden, mit den Vertheidigern Mehemet 
AJi's und Napoleon's auf einem Wege. Beide machen Carl IX. 
und Carl XI, Herr Arndt gelegentlich auch einmal Friedrich Wil- 
helm I. von Preussen, zu musterhaften Regenten, und man kann 
nicht leugnen, das, was Arndt anführt, war allerdings rühmlich, 
Ref. wird aber nie ein vom politischen oder vom rein praktischen 
Standpunkt aus gefälltes Urtheil für ein historisches oder philo- 
sophisches anerkennen Hr. Arndt hat den politischen Standpunkt 
gewählt, und beurt heilt die ganze schwedische Geschichte, nnd 
ganz besonders die beiden grossen, aber kalten, harten, grausa- 
men, despotischen Regenten (Carl IX. nnd Carl XI.), welche al- 
lerdings als Wiederhersteller und Retter des Reichs angesehen 
werden müssen, blos von diesem Standpunkt aus. Kennt man sein 
Urtheil über Carl IX. und Carl XI., liest man seine Lobrede auf 
Carl XIL, die Beurtheilung von dessen tollen Unternehmungen vor 
und nach seinem Aufenthalt in der Türkei (denn über die Narr- 
heiten während desselben hat Hr. Arndt keine Gelegenheit seine 
Meinung anzudeuten), so wird man leicht einsehen, dass er auch 
über Gustav HI. und Gustav IV. freundlicher urtheilen muss, als 
er ohne alle vorgefasste Meinung würde gethan haben. Hr. Arndt 
wird freilich mit den Diplomaten und mit den sogenannten prao- 
tischen Männern (von denen er doch wieder ungemein verschieden 
ist) behaupten, die Moral gebe keinen Maasstab für Benrtheilang 
de» ächten Staatsmannes und des grossen Regenten, der es immer 
mit des Romuius Hefe, nicht mit Plato's Republik oder mit La 
Mennais utopischen Tränmen zu than habe ; — allein schon Horaz 



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1*4 Arndt: Schwedische Geschichten. 

hat tn Rücksicht der poetischen Genialität und ihrer Gränzen ge- 
sagt, was noch mehr von der politischen und diplomatischen gilt: 
Est modus in rebus, sunt certi denique flnes, quos ultra citraque 
nequit consistere rectum. 

Hr. Arndt scheint uns schon durch den Tadel, den er über 
Gustavs in. Vater, Adolf Friedrich, ausspricht, den jesuitischen 
Grundsatz zu billigen, dass im Weltlauf der Zweck die Mittel 
heilige. So sonderbar es scheinen mag, dass der biedere, deutsche 
Ehrenmann, unser alter Freund Arndt mit dem Italiener Machiavell 
auf einem Punkte stehen solle, so sagen doch beide: audaces for- 
tuna juvat, und der Italiener sagt ausdrücklich. Alles wagen , alle 
Mittel gebrauchen führe zum Siege, gewissenhaft seyen nur Pin- 
sel. Freilich erhielt Adolf Friedrich schlechten Lohn für seine 
Gewissenhaftigkeit von den schurkischen Oligarchen, mit denen er 
zu thun hatte; sollte er aber darum selbst zum Schurken werden? 
Sein Sohn war nicht so gewissenhaft, er bediente sich aller der 
Mittel, die sein Vater gottlos nannte, er bewirkte die Revolution 
von 1772. Was zeigte sich aber gleich hernach? Dass Abhülfe 
der eigentlichen Uebel ohne totale Revolution nicht erreicht wer- 
den könne, und diese wollte auch Gustav nicht, er konnte sie 
nicht wollen. Ritterthum, Luxus, Verschwendung war unter der 
Aristokratie verderblich, glänzendes Ritterthum, Schwelgerei, Spiel 
mit der Kunst, alle die Dinge, welche Ursache alles Uebels zur 
Zeit der Oligarchie gewesen waren, machten den König, den Arndt 
gross, glänzend, geistreich, belebt und belebend nennt, zum Ge- 
genstand der Bewunderung, wie wird doch durch ihn auf einmal 
gut und nützlich, was vorher schlecht und verderblich war? Der 
König und seine Umgebungen sind nach Pariser Art gebildet, sie 
schreiben und lesen bald in französischer, bald in schwedischer 
Sprache Romane, Dramen, artige Verse, welche man in der Welt 
Gedichte nennt; sie begünstigen Oper und Tanz, Operngesang und 
Musik, und eine schöne bildende Kunst, deren ihr Land weniger 
bedarf, als der nützlichen, sehr unschönen Künste des gewöhnli- 
chen Lebens ; was war^da gewonnen ? Die Oligarchen hatten das 
Land in Krieg und Frieden beschimpft, brachte es Gustav etwa 
zu grosser Ehre? Die Oligarchen hatten vom Fette des Landes 
gezehrt und geschwelgt, ward es besser, als der Monarch ritter- 
lich glänzte, einen thörichten Krieg anfing, als er Tourniere und 
Feste hielt, als er Monopolien in Anspruch nahm und aus dem 
Brandtewein eine Goldquelle machte? Es lässt sich allerdings 
Alles entschuldigen, und was Hr. Arndt sagt, klingt ganz gut, 



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Arndt: Schwedische Getchichlco. 



165 



nur mit dem Namen eines ausgezeichneten, eines treffliehen Re- 
genten darf man auch aus Hass gegen Franzosen und ihr libera- 
les Treiben nicht so freigebig seyn, als der gute Arndt ist. Son- 
derbar war es dem Ref., gerade den biedern, wackern, einfachen, 
herzlichen Arndt als Lobredner der glänzenden königlichen Frivo- 
lität und des Künstler- and Versmacher- Wesens auftreten zu se- 
hen! Die Don Quixotterie des schwedischen Ritters und Königs 
nach französischer Weise hat der ehrliche Verf. bei Gelegenheit 
des lächerlichen Kriegs mit Russland nicht verschweigen können 
oder wollen. Er berichtet als ehrlicher Mann auch das, was mit 
seinem Lobe in Widerspruch steht; die lächerlichen und kostspie- 
ligen Narrheiten , die der König als Vertheidkger der alten fran- 
zösischen Monarchie trieb oder treiben wollte, und die wir urkund- 
lich beweisen können, hat er gleichwohl nur leise und zart be- 
rührt. Die Windbeutelei, die Possen, die Künste, der Luxus, der 
Witz, die Tourniere eines ritterlichen Königs passten sehr schlecht 
zu einem durch Clima und Natur des Landes, zum tiefen Ernst 
gezwungenen Volk, welches für alle königliche Thorheiten bezah- 
len musste. 

Hr. Arndt, so viel Werth er in den Ergüssen seiner Bewunderung, 
(die wahrscheinlich noch aus andern Zeiten, als aus der ernsten Ge- 
genwart fliessen, da das Buch schon früher geschrieben und erst jetzt 
herausgegeben worden) auf königlichen Glanz, auf galante Manieren 
und ritterlichen Aufwand zu legen scheint, hat dennoch ehrlich und 
treu auch die Elemente angegeben, aus welchen sich dasselbe Re- 
sultat herleiten lässt, zu welchem Ref. lieber auf einem an- 
dern Wege gelangen will. Ref. glaubt nämlich aus den Wor- 
ten und Angaben des Lobredners selbst anschaulich machen zu 
können, dass Arndt s Lob nichtig sey, wenn man auch nur allein 
auf ganz gewöhnliche Klugheit und auf die Vorsicht Rücksicht 
nimmt, welche der König in Beziehung auf einen besiegten aber 
nicht vernichteten innern Feind anwenden musste. Er wagte nicht 
den Adel unschädlich zu machen und doch kränkte er ihn t fielt lieh: 
er machte durch die dem Adel bei der Revolution zugestandenen 
Rechte, Frieden mit ihm unter Bürgschaft des Volks und brach 
dann den Frieden öffentlich, kränkte den Bürgen desselben, vernichtete 
den Vertrag — wo war da Weisheit? Er wählte einige tüchtige 
Leute; aber in welchem Lichte erscheinen doch viele von diesen 
unter der Regierung seines Sohnes? Wir wollen, um ganz kurz 
deutlich zu machen, wie dies zu verstehen, nur allein ins Auge 
fassen, welches Verfahren er in Beziehung auf die vo* ihm au«- 



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166 



Arndt: SHt\n di««:|ie Gncliichten. 



geführte Revolution von 1772. beobachtete. Ref. will zugeben, 
dass man mit Leuten, wie die Oligarchen waren, die seit Carls XII. 
Mord Unrecht auf Unrecht gehäuft, und den König wie die Na- 
tion nach und nach aller Rechte, alles Antheils an der Verwaltung 
der öffentlichen Angelegenheiten beraubt hatten , eben so wenig 
Umstände machen durfte, als mit Raubern oder mit dem französischen 
Direktorin m ; aber welches Zutrauen konnte das Volk, welches mo- 
narchisch erlöset werden sollte und musste, zu einer ; monarchi- 
schen Verfassung haben, über deren Bestimmungen sich ihr Ur- 
heber zuerst selbst, ohne die Rechte, die er freiwillig eingeräumt 
hatte, zu achten, leichtsinnig hinaussetzte, und tut weicher er her- 
nach eben so leichtsinnig Alles wegstreichen liess, was ihn be- 
schränkte ? 

Ref. will blos den Hauptfaden der Geschichte Gustnv's III. 
mit wenigen Worten andeuten, um dann zu fragen, ob er nach 
den angedeuteten Schritten Weisheit oder auch nur die von Hrn. 
Arndt an ihm gerühmte Kunst besass, ein ganzes Volk durch seine 
Schauspielkünste zu bezaubern? Ks ist wahr, die Meinung, nicht 
die Wahrheit beherrscht die Welt, es ist wahr, die Welt will 
durchaus getäuscht seyn ; aber ganz gemeine Klugheit fordert doch, 
dass bei öffentlichen Schritten jeder Regent, was er auch sonst von 
der Moral halten mag, das moralische Princip im Volke vor Au- 
gen habe, und überhaupt alle seine Schritte nicht auf den Mo- 
ment, sondern auf die Dauer berechne. Dies unterscheidet al- 
lein den legitimen Monarchen vom Usurpator, und Hr. Arndt 
hat Unrecht, eine Handlungsweise, die er bei einem wahrhaft grossen 
Mann corsicanische Treulosigkeit und Frevel nennt, einem blos 
mit frivolem und leerem Glanz bekleideten, ausgezeichneten, nicht aber 
wahrhaft grossen Regenten so ungemein leicht zu verzeihen. Gu- 
stav III. also ändert die bestehende Regierungsform von Schweden 
um 177Ä. gewaltsam; er hat aber dabei, wie Bonnparte, unstreitig 
die Majorität der Nation für sich. Dabei ist nichts zu erinnern; 
in solchen Zeiten oder unter solchen Umständen und Krisen von 
Recht und Gesetz reden wollen, heisst so viel, als im Sturm oder 
in dringender Noth den Schutz und die Hülfe der Gottheit erwar- 
ten, während man selbst die Hände in den Schoos legt; aber so- 
bald ein Monarch einen neuen Vertrag mit einer Nation schliesst, 
muss Recht und Gesetz wieder beginnen, und er besonders muss 
zeigen, dass es auch ihm heilig sey. Das thut Gustav nicht. Da 
Br. Arndt Alles, (wie wir in der zweiten Abtheilung dieser An- 
zeige darlegen wollen) blos vom politischen Standpunkt auffasst, so 



Arndt: SrhwedUche Geschichten. 



16? 



wollen auch wir vom Privatleben Gustavs nicht reden; obgleich 
sogar Hr. Arndt, so sehr er den König lobt, mehr darüber andeu 
tet, als wie es ans scheint, besonders in Beziehung auf die seit. 
1778. (also seit der Reise in den Süden) angenommenen Laster 
gerade nöthig gewesen wäre; wir betrachten nur den Regenten. 

Hr. Arndt führt seinen Helden gleich beim ersten Auftreten 
nur solche Weise ein, dass man glauben muss, er billige es, wenn 
der Regent eines biedern und unverdorbenen Volks, wie nach Hr. 
Arndt die Schweden waren, statt in Beziehung auf Constitution 
und Regierung offen und geradezu verfahren, auf einem Schleich- 
wege sucht, was er auf dem geraden durchzusetzen sich scheut. 
Hr. Arndt sagt nämlich, als er S. 99. ganz kurz berichtet hat, 
dass durch die Revolution von 1772. die Regierung der Aristo- 
kratie entrissen und dem Könige übergeben sey : „Doch war Gu- 
stav so fein, den Schein und die Vorurtheile zu -schonen ; sicher, 
durch seinen Geist, dass er die Dinge doch lenken werde, 
wie er wolle, behielt er den sogenartuten Reichsrath bei, der 
aber von ihm abhangig und von ihm gezugelt war, der, wie es 
hiess, rathen, nicht regieren sollte." Aber wo bleibt der Ruhm 
dieser gepriesenen Sicherheit, dnreh seinen Geist doch dit 
Dinge zu lenken, als er hernach, um seinen &week zu erreichen, 
sein eignes Gesetz öffentlich verletzen muss? Wo bleibt der 
ihm eri heilte Ruhm der Klugheit, als er wegen Verletzung der 
von ihm selbst gegebenen Verfassung in seinen phantastischen 
Eroberungsplanen gewaltsam, freilich zugleich auch verrätherisefa, 
gehemmt, um seine königliche Ehre zu retten, zu CriminaJ Proze- 
duren und zur Vernichtung der von ihm selbst, nicht etwa blos 
dem Adel, sondern den Standen selbst zugesicherten Rechte schrei- 
ten muss? Dass dem also sey, geht ganz klar aus dem hervor, 
was Hr. Arndt, selbst, der unstreitig weder ein Sohmeichler 
noch blinder Lobredner ist, weiter unten berichtet, nachdem er ver- 
gessen hatte, uns an der rechten Stelle, d. h. S. 99. die Revolution 
naher zu bezeichnen. Er gibt erst S. 110. die Bestimmungen an, 
welche der König aus der von ihm vernichteten alten Einrichtung 
beibehalten hatte. Er hatte bewilligt: 

1. Es sollte ein Reichsrath von 17 Edelleuten fortbestehen. 

2. Der König solle, ohne diesen Reichsrath und den Reichstag 
befragt und ihre Einwilligung erhalten zu haben, keinen 
Angriffskrieg anfangen. 

3. Der Reichsrath solle den Vorschlag für alle Aemter haben, 
der König die Wahl unter den Vorgeschlagenen. 



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168 



Arndt: Schwedische Geschichten. 



4. Der König dürfe ohne vorhergehende Untersuchung nieman- 
den von einer hohen Stelle entlassen. 

Dessen ungeachtet lässt sich der König von seiner ritterlichen 
Einbildungskraft fortreissen, er nimmt es in dem Augenblick, wo 
er nicht den Adel allein, sondern ganz besonders das Volk gegen 
sich aufgebracht hatte, mit dem colossalen Nachbarstaate auf, und 
greift ihn mit ganz ofTner Verletzung des von ihm selbst übrig 
gelassenen Theils der alten Constitution an. Dies missbilligt Hr. 
Arndt, der den König gern loben möchte, scheinbar gar nicht; er 
hätte aber doch wenigstens den Mangel an Klugheit tadeln sollen. 

Gustav III. hatte schon 1786. erfahren, dass die arbeitenden 
Classen Schwedens, durch seinen Aufwand, seine Verschwendung, 
seinen für ihr armes Land eben so nachtheiligen als lacherlichen 
königlichen und ritterlichen Glanz zu der Erkenntniss gekommen 
waren, dass es einerlei scy, ob das Volk von einem Könige und 
seinen Rittern, oder von der ritterlichen Oligarchie zum Lastthier 
gebraucht werde, und dennoch rechnete er auf das Volk. Wo 
bleibt das Lob auch nur politischer Klugheit, da wir sehen, dass 
er sich verrechnete? Einen andern Fehler des gelobten Hel- 
den, einen Mangel an der allerersten Eigenschaft, die ein Staats- 
mann und Krieger, der Lob verdienen soll, besitzen muss, hat Hr. 
Arndt selbst 8. 107. angedeutet. 

Gustav hat trotz der Constitution, ohne Reichsrath oder Stände 
zu fragen, ein Heer in Finnland gesammelt und liegt nun still, 
um einen elenden Vorwand zu suchen, darüber verfliesst die gün- 
stige Zeit; wie erbärmlich!! 

Hr. Arndt meint, der König hätte nach der sonst beliebten 
italienischen Manier auch hier verfahren, und des berüchtigten 
Mordspruchs (davon sagt übrigens Hr. Arndt ausdrücklich 
nichts, Ref. deutet nur seine Worte so) eingedenk seyn sollen, 
mit welchem man einst in Florenz das Gewissen zum Schweigen 
brachte, und welcher lautet: Cosa fatta ha capo. Er hat unstrei- 
tig Recht; obgleich Ref. sich nicht mit Hrn. Arndt einbilden kaun, 
dass einem Reiche wie Schweden am Ende des achtzehnten Jahr- 
hunderts Unternehmungen hätten gelingen können, die am Anfange 
desselben einem tapfern und wüthenden Soldaten wie Carl XII., 
and im Anfange des neunzehnten einem grossen General und eben 
so grossen Politiker und Diplomaten, dem Kaiser Napoleon, ver- 
derblich wurden. Die Unfähigkeit von Arndfs gepriesenem Ritter 
und Könige, seine Tborheit und Spielerei, wo Bedachtsamkeit und 
Ernst nöthig war, seine Langsamkeit und sein Zaudern, wo es der 



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Arndt: Schwedieehe Geschichte» 169 

Eile, und seine Hastigkeit, wo es des Zauderns bedurfte, hat der 
Verf. des Buchs selbst so vollständig dargestellt und so gut be- 
urtheilt, dass Ref. durchaus nichts hinzuzusetzen oder daran aus- 
zusetzen weiss; nur muss er sich verwundern , wie damit die all- 
gemeine Billigung des Charakters und der Unternehmungen Gu- 
stav's III. bestehen kann. Der Aufstand der schwedischen adeli- 
gen Offiziers, der sogenannte Hund von Ajala, war frei lieb weder 
patriotisch, noch lässt es sich rechtfertigen , dass Leute , die als 
Soldaten nur zu gehorchen, nicht zu berathschlagen hatten, ihren 
standischen Charakter gegen den König geltend machten; aber, 
wer hatte zuerst Gesetz und Recht verletzt? Wohin konnte die 
begonnene Don Quixotterie eines Königs fähren , der auf der 
Rennbahn, in der Oper, im Salon ein ächter Ritter, im Kriege aber 
ein senr schlechter Feldherr war? 

Durch die auf dem Stockholmer Reichstage vom Könige durch- 
gesetzte sogenannte Vereinigungs- oder Sicherheitsakte wurden 
freilich auf einmal alle Beschrankungen aufgehoben, die absolute 
Herrschaft hergestellt, wie sie unter Carl XU. gewesen war; aber 
wie mag doch der gute alte Mann den König darüber loben, dass 
er durch diesen Schritt zunächst seine eigne Ermordung und her- 
nach die Vertreibung seines Sohns und die blos aus Erbitterung 
gegen des Grossvaters Wortbrüchigkeit zu erklärende ungerechte 
und grausame Ausschliessung des Enkels veranlasste? Hätten 
die oben angeführten vier Punkte der Verfassung, welche durch 
die Sicherheitsakte aufgehoben waren, noch unter Gustav IV. be- 
standen , dann wäre er nicht im Stande gewesen , auch wenn er 
durch seine unglückliche Organisation zwischen Verstand und Ir- 
resein geschwankt hätte (wie das der Fall war), die Fehler zu 
begehen, welche die Nation nöthigten, sich vom König an gewisse 
Adelshäupter zu wenden, und es herrschte sein Stamm noch immer 
in Schweden. Was übrigens die Offiziere angeht, die dem Könige 
Gustav III. den Gehorsam verweigerten, so erfahren wir hierüber 
den sogenannten Rund von Ajala und über die russischen Verbin- 
dungen mit den Häuptern der alten Mützenfamilien, über Intrt- 
guen und Cabalen der russischen Diplomaten, über Geldspendnn- 
gen nichts mehr, als was wir schon vvussten, und auch sogar die- 
ses nicht einmal vollständig; denn Hr. Arndt giebt nur wenige 
Winke und Andeutungen über russische Politik. 

Nach diesen Bemerkungen über getadelte, gar zu grosse Vor- 
liebe des tüchtigen Verfassers dieser Geschichten für die glän- 
zenden, aber sehr wenig soliden Eigenschaften Gustavs III., ist 



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110 



Arndt: Schwedische Gc«chich(en. 



es Pflicjit, das» Ref., ehe er über Hrn. Arndt'» Beurthcilung Gu- 
stav's IV. redet, den Lesern der Jahrbücher durch Anführung 
zweier Stellen zeige, auf welche Weise Hr. Arndt es möglich 
macht, seinen Helden überall zu loben, auch wühl sein Benehmen 
zu billigen, ohne gleichwohl der Wahrheit oder der iMoral irgend 
etwas zu vergeben. Er sagt z. B. Seite 114 — 11Ö. in einer frei- 
lich etwas diplomatisch-dialektischen Weise, in Beziehung auf die 
Verletzung der Verfassung,, welche eine Ucbertretung der Pflicht 
von Seiten der Offiziere veranlasste: 

„Keine Frage, er hatte eine Ruine der alten Verfassung ver- 
letzt, die ihn nun bald erschlagen hätte, und die er bei der Re- 
volution von 1772. mit nndenn schlechten Schutt hatte niederrets- 
sen und wegräumen sollen (und nichts substituiren ?). Der König 
hatte den Buchstaben des Gesetzes verletzt , die Obersten den 
Geist derselben, sie hatten in brennendem Kriege die Khre und 
Sicherheit des Königs und Vaterlands dem alten Erbfeind verra- 
then und verkaufen wollen. Das schwedische Volk, das seit. 1783 
flau geworden, das sich 1786. missvergnüjfft und störrig gezeigt, 
das vielleicht die Anfänge dieses Kriegs nicht einmal gebil- 
i ligt hatte, fühlte unter diesen Umständen wieder sein Vaterland 
und seinen König, und entschied die Rechtsfrage nicht 
nach dem Buchstaben, sondern nach dem Sinn. u 

Dies ward gewiss noch, wie der grösste Theil des Buchs, in 
Pommern geschrieben; denn dort, wie in Berlin, weiss man viel- 
leicht noch nicht, wie es sich mit dergleichen hochklingenden Pa - 
riser and Berliner Redensarten eigentlich verhält; am Rhein weiss 
man das besser , und auch Hr. Arndt wird es dort gelernt haben. 
Diese Redensarten kann man auf dieselbe Weise, wie sie hier für 
den Monarchen gebraucht werden, für Bonapartismus, Liberalis- 
mus, Jacobinismus, und Gott weiss für was nicht noch sonst, an- 
wenden. Hier ist nämlich das stumme und duldende Volk die vox 
Dei, die ein jeder für sich anführt, der das Recht hat, allein 
zu reden, weil er den Polizeiknittel iu Anspruch nehmen darf, 
wenn sich jemand untersteht, ihm zu widersprechen la dieser 
Rücksicht gewähren die Folianten des Moniteur von 1789. bis 
1840. eine interessante Leetüre. 

Die Art, wie sich Hr. Arndt S. 115. über die Manier erk ärt, 
wie der König und die Leute, deren er sich bediente, auf dem 
Reichstage in Stockholm ihre Sache durchsetzten, Ist ganz die- 
selbe. Er berichtet nämlich: 

„Auf diesem Reichstage, der in Stockholm gehalten ward, ent- 



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Arndt: Schwedische Geschichte n 



171 



wickelte Gustav die ganze Behendigkeit und Vielseitigkeit (¥Y) 
seines Geistes, und als Köuig, als Unterhändler, als Redner spielte 
er eine glanzende Bolle. 80 fein spannte er die Netze seiner 
Politik aus, so sehr wusste er das Volk von den rachsüchtigen 
und verräterischen Gesinnungen der aristokratischen Meuterer und 
Befehlshaber gegen sich und das Vaterland zu überzeugen, so 
schlau verlieh er den Kleinen, um die Grossen zu be- 
rauben; so allmächtig donnerte er von der Rednerbühue Erstau- 
nen und Verwunderung in alle Herzen, dnss er auch diesmal ei- 
nen zweiten Sieg über die Magnaten davon trug. Durch die be- 
kannte Vereinigungs- und Sicherheitsakte, die er auf diesem Reichs- 
tage durch das grosse Mehr der Stände durchsetzte, wurden sie 
mehr in seine Hände gegeben. Auf diese Weise ward die so- 
genannte Alleinherrschaft, die seit dem Jahre 1720. verflucht war, 
wie sie unter Carl XI. und Carl XII. bestauden hatte, wieder her- 
gestellt." 

Ref. will keine Bemerkungen über die Stelle machender hat 
sie nur abgeschrieben, um zu zeigen, wie Hr. Arndt die Sache 
nimmt und wie er sie vorträgt. Der Raum erlaubt nicht, länger 
bei Gustav III. zu verweilen. Ref. will daher nur noch einige we- 
nige Worte über die Behandlung der Geschichte des unglücklichen 
Gustav IV. hinzusetzen, und dies besonders darum, weil Hr. Arndt 
aus der besten und freundlichsten Absicht gerade den einzigen 
Punkt übersehen hat, der jede Apologie des unglücklichen Man- 
nes zugleich überflüssig und lächerlich macht. Wäre Gustav IV. 
organisirt gewesen, wie ein Mann, den man für alle und jede 
seiner Handlungen mit Recht und Billigkeit verantwortlich machen 
kann, organisirt seyn muss, so würde, wie dies wirklich bei Hrn. 
Arndt deg Fall ist, jede ausführlich mit allen Thatsachen seiner 
Regierung belegte Apologie die ärgste Anklage seyn; er war 
aber nicht so organisirt. Wer sollte aber eingreifen V Das Un- 
glück war, dass Gustav III. es unmöglich gemacht hatte, über 
seinen Sohn ohne Revolution zu rechter Zeit eine milde Vor- 
mundschaft^ anzuordnen. 

Hr. Arndt hat entweder aus falscher Schonung diese Haupt- 
sache kaum leicht angedeutet, oder auch weil er sein Buch gleich 
nach Gustav IV. Entthronung geschrieben hat, also zu einer Zeit, 
wo man über den Punkt, in wiefern der unglückliche König zu 
einer Zeit völlig seines Geistes Meister, ja gross und edel seyn 
und denken konnte, und doch zu einer andern von fixen Ideen 
überwältigt, thorichtem Starrsinn oder andern Fehlern hiugegebeu, 



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113 Arndt: Schwedische Geschichten. 

einem Geisteskranken in Allem völlig gleich seyn, noch nicht auf 
die Weise ganz klar urtheilen konnte, als spater, wo ihn jeder 
von uns als Privatmann genau zu beobachten im Stande war. Hr. 
Arndt bat freilich am Ende des Buchs des unglücklichen Köoigs 
letzten Aufsatz über sein eignes Schicksal, den Eef. seiner Zeit 
in diesen Jahrbüchern angezeigt hat (Jahrgang 1835. Nr. 25. S. 
385.) im Vorbeigehen erwähnt; doch scheinen spätere Krfnhrun- 
gen des Verfassers wenig Einfluss auf das Buch gehabt zu haben, 
welches durchaus so abgefasst ist, als wenn es 1810. geschrieben 
wäre. So viel ist gewiss, Hr. Arndt hat nicht daran gedacht, dass 
eine grosse Anzahl Menschen durch eine fehlerhafte Organisation 
in ihrem Willen, wie im Denken gehemmt werden. Ks gibt viele 
Menschen, welche bei allem Anschein von Gesundheit doch inner- 
lich krank sind, Menschen, die bei anscheinend gesunden und ver- 
ständigen Geisteskräften zu gewissen Zeiten und unter gewissen 
Umstanden in den wichtigsten Fällen durchaus keines Uitheils fä- 
hig siu,d und die sonderbarste geisteskranke Verirrung oder Ver- 
stockung beweisen. Andere Organisationen erzeugen bekanntlich 
in Personen, die übrigens weder Ursachen . noch Willen zu steh- 
len oder zu morden haben, einen unwiderstehlichen Trieb zum 
Morden oder zum Stehlen; weshalb bekanntlich unter Medicinern 
und auch unter Criminalisten über die sogenannte Monomanie und 
ihre Wirkung ein Streit ist. Die Thatsache des Orgnnisationsleh- 
lers oder der Geistesverwirrung Gustav 's IV. ist in den letzten 
Jahren seines Lebens aber so offenbar geworden, dass kein Zwei- 
fel übrig blieb; hätte also Hr. Arndt diese doch am Knde welt- 
kundig gewordene Krankheit, oder wie er es nennen will, rück- 
wärts bis zu ihren ersten Spuren oder Aeusserungen verfolgt, so 
wäre eine durchaus lahme Apologie gewisser Beschlüsse jpod Tha- 
ten Gustav s ganz überflüssig gewesen. 

Man sieht leicht, dass sich Hr. Arndt, der den unglücklichen 
Gustav, seine Beschlüsse und alle seine einzelnen Unternehmungen 
beurtheilt, als wenn es von des Königs Willen abgehangen hätte, 
anders zu denken und zu handeln, die Behandlung der Geschichte 
desselben sehr erschwert hat, so dass er, weil ei gerade bei die- 
ser Geschichte ungemein in das Einzelne gegangen ist, durch das, 
was er getreu und wahr erzählt, immer dem hat widersprechen 
müssen, was er freundlich und wohlwollend und anerkennend über 
den König urtheilt, oder urtheilen möchte. 

Ref. fühlt sich nicht berufen, zum Theil auch nicht einmal 
fähig, weil er die Sachen und die handelnden Personen nicht auf 



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Arndt: Schwcdinche Geschichten 171 



die Weise kennt, wie Hr. Arndt, nachzuholen, was dieser ver- 
säumt hat, und überall nachzuweisen, wo eine Zurechnung Statt 
finden kann und wo man eine Krankheit annehmen muss. Die 
Reise des Königs nach Deutschland , deren Geschichte Hr. Arndt 
mit allen ihren wahren notorischen Anekdoten zu erzählen 
nicht rathsam gefunden hat, setzte schon ausser Zweifel, dass sein 
Geist nicht immer und durchaus gesund sey. Sonderbar! Gerade 
das, was Hr. Arndt an ihm lobt, und worin er sogar mit ihm Ober- 
einstimmt, sein Franzosenhass und sein Widerwille gegen Bona- 
parte war und ward immer mehr zu einer fixen Idee!! Wenn man 
übrigens einmal für allemal weiss, dass Hr. Arndt nicht zugeben 
will, dass Gustav sehr oft und unter ganz verschiedenen Umstün- 
den seiner nicht völlig mächtig gewesen sey und also wirklich 
einseitig geisteskrank, so wird man die sehr gut und genau er- 
zählte Geschichte desselben, wie sie Hr. Arndt gutmüthig nnd 
wohlwollend vorträgt, gewiss gern lesen. In einem zur leichten, 
unterhaltenden und belebrcuUen, nicht zur schweren und anstren- 
genden Leotüre für ein grosses gebildetes Publikum so sehr ge- 
eigneten Buche, wie das angezeigte, würde man übrigens die et- 
was gar zu grosse Ausführlichkeit im Einzelnen der Kriegsge- 
schichten erst in Pommern, dann in Finnland lieher abgekürzt nnd 
in wenig Worte zusammengedrängt gesehen haben. 

Nachdem Kef. sich über die Ansicht des Verfassers, so weit 
es die auf dem Titel genannten beiden Regieningen und die bei- 
den Regen(en angeht, ausgesprochen hat, will er noch einige Stel- 
lea aus dem Buche ausheben, welche ihm besonders gefallen ha- 
ben, oder auch dienen können, Tendenz, Ton und Styl des gan- 
zen Buchs errathen zu lassen. 

Der Verf. beginnt mit einer ausführlichen, dabei sehr klaren 
und kräftigen Erörterung der schwedischen Verfassung, wobei er 
die Mängel, oder vielmehr den völligen Unverstand der bestehen- 
den Einrichtung der Stände und den Reichstags besonders hervorhebt 
und vortrefflich darlegt. Hr. Arndt hat von Regierung nnd Staats- 
wesen überhaupt, vom absolut monarchischen Prinoip im Verhfilt- 
niss zum constitutionell-monarchischen seine eignen Begriffe, Ref. 
nberläsat es den Lesern der Jahrbücher dieses im Zusammenhange 
im Buche selbst nachzulesen ; er hebt nur die Stelle ans, wo er 
den schwedischen Adel charakterisirf. Wenn man aus der Stelle, 
die wir hier anführen, Einiges weglässt, was den schwedischen 
Adel entweder allein angeht, oder was ihm Hr. Arndt wenigstens 
wohlwollend zuschreibt, so wird man darin- Alles finden, was man 



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174 



Arndt: Schweclinche Geschichten 



in Deutschland als Bildung und Vorzug der Höfe, der höchsten 
und höheren Stände rühmt, und welches von den Hauptstädten, wo 
die reichen Kaufleute sich an den Adel drängen und sich nase- 
rümpfend von ihren weniger reichen Mitbürgern sondernd, den 
Adel an Schein und Glanzsucht noch überbieten, in die mittlem 
und von diesen in die kleinern dringt und endlich Alles erschlafft. 
Hr. Arndt macht S. 56. folgende Schilderung vom schwedischen 
Adel : 

Der schwedische Adel überhaupt ist tapfer, kriegerisch und 
gebildet, und eine gewisse leibliehe Raschheit und Gewandtheit 
verdankt er theils seinem Ehrgeiz, theils dem Klima, das die Men- 
schen in Weichlichkeit und Elendigkeit hier nicht so ausarten 
lässt, wie in milderen Himmelssl riehen. Eine gewisse angeborne 
Härte und Trotz halten, wohl gebraucht, Geist und Leib frisch, 
und diese sind hier bei den meisten Menschen klimatisch da. Es 
ist unglaublich, welch ein anstelliges, bildbares Wesen der Schwede 
überhaupt ist, und wie leicht er fremde Weisen, Sitten, Sprachen, 
Zierlichkeiten und Fertigkeiten lernt und nachahmt, mit welcher 
Geduld er ausdauert und Alles, was zum äussern Gebrauch und 
zur äussern Zier dient, sich aneignet. Denn zum Aeussern und 
zur Entwickelung und Bildung alles Aeussern und Schimmernden 
führt ihn seine innerste Neigung und jener glückliche Leichtsinn 
und jene unschädliche Eitelkeit, von welcher wir oben sprachen. 
— Es wäre aber gut, wenn der schwedische Edelmann dabei auch 
zu einem schwedischen Menschen und Bürger erzogen würde. 
Denn er ist nun doch einmal bestimmt, unter den Wäldern und 
Felsbergen des Göthastroms und Dalstroms zu leben und zu ar- 
beiten, nicht zwischen den Rebenhügeln uud Lieblichkeiten Kam- 
paniens und Andalusiens. — Das Feine und Anmuthige, wenn es 
erst hernach darauf gelegt würde, könnte dann viel anmuthiger 
glänzen, wie die Blume auch unter den Aebren erfreut; und es 
würde schöner darauf glänzen, wenn die Tugend und die 
Würde darunter lägeu. Dieses Volk ist tüchtig und edel 
genug, dass es wie der Diamant aus seinem eignen Staube ge- 
schliffen werden kann. Aber gefährlich ist im Norden jedes Spie- 
len mit dem Schönen (und dessen ungeachtet macht Hr. Arndt 
Gustav III. zu seinem Helden, der nur durch dieses Spielen gross 
war und nur dies Spielen förderte!!), wenn der Trieb und die 
Kraft des Nützlichen und Notwendigen nicht vorher geübt und 
gestärkt ist; es ist immer gefährlicher als im Süden, weil der süd- 
liche Mensch das Spiel als Spiel erkennt, der nördliche hingegen 



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Ai n.lt : Srtiuclifclie Geschichten 



17* 



es so leicht für Ernst nimmt. Nicht» ist auch den Schweden ver- 
derblicher gewesen, nichts ist ihnen verderblicher bis auf den heu- 
tigen Tag', als die verkehrte, nach wäls eher Art si ch 
hinneigende Erziehung der bessern Klassen. Hier 
lernt der junge Mensch zuerst n u r das Fremde kennen , verste- 
hen, lieber ; lernt sich nach fromden Genüssen sehnen, welche ihm 
hier die Natur versagt hat, lernt, ein Leben mit bnntem Spiele 
vertändeln, das mit ernster und strenger Arbeit gebraucht werden 
sollte; lernt seine nordischen Tugenden mit südlichen Zierrathen 
vertauschen; und jagt endlich im verkehrten Streben und mit un- 
befriedigten Begierden von Eitelkeit zu Eitelkeit, immer weiter vom 
Glück und von der Würde des Mannes, je mehr er das zu errei- 
chen meint, was die Täuschung ihm besser vorspiegelt als Alles, 
was sein eignes Herz und sein eignes Land ihm geben können. 
Dies gebt denn endlich so weit, dass der Mensch, ewig dnreh den 
Schein verlocket und weil er nur ein Schatten ist, nimmer durch 
ihn beglückt, alle Einfalt und allen Verstand verliert und die Stärke 
zur Schwäche, die Sprödigkeit zur Weichlichkeit macht. 

Diese Stelle wäre eigentlich schon lang genug , und Ref. 
sollte aufhören abzuschreiben ; aber die hier gegebenen Lehren 
scheinen ihm so wahr, sie scheinen ihm so sehr das heilsamste 
Resultat jedes Geschiohtsstudiums, werden so sehr von der Erfah- 
rung über unsere Zeit, welche, der Träume der Phantasten müde, 
ohne Rückhalt im Staatswesen, in der Religion, in den Sitten, in 
der Erziehung, ja sogar im weiblichen Putz sich mit Gewalt in 
die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zurückversetzen will, un- 
terstützt und bestätigt, dass er sich nicht enthalten kann, noch 
einige Zeilen beizufügen. Diese Zeilen sind der Anfang einer 
ganz vortrefflichen Belehrung für die höheren Klassen der Gesell- 
schaft auf dem Festlande, wie sie es anzufangen haben, dass bei 
der sich immer mehr verbreitenden demokratischen Gesinnung die 
sogenannten Vornehmen und Reichen nicht immer exclusiver, im- 
mer weiter von den untern getrennt werden, dass endlich nicht 
eine Kluft wie in England gegraben werde, in welcher leicht wie 
in Frankreich um 1798. einmal alle edlere Bildung unter dem Ge- 
schrei, nieder mit den A ri st o k raten gestürtzt werden könnte. 
Freilich würden wir unmittelbar nachher einem rohen Tyrannen 
und seinem militärischen Pöbel preissgegeben werden. Hr. Arndt 
setzt nämlich S. 57. zu dem Obenangeführten noch eine ganze 
Reihe anderer vortrefflichen, dem Ref. aus der Seele geschriebe- 
ner Bemerkungen hinzu und beginnt auf folgende Weise: 



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116 



Arndt: Schwedische Gefleischten. 



An die unglückliche Erziehung (des schwedischen nicht an 
Grundbesitz, sondern blos an Diplome geknüpften Adels) muss 
man sich auch halten, und an die unaufhörlichen Staatsverände- 
rungen und Rotten und an den unruhigen und bittern und ränke- 
vollen Geist, der dadurch erzeugt ist, wenn man begreifen will, 
wie ein von Gemüth so starkes und einfältiges und von Leibe so 
tapferes und rasches Volk, als die Schweden sind, so wunderlich 
manierirt, verziert und verbildet haben werden können, als es in 
den gebildeteren und vornehmeren Klassen so häufig erscheint; 
hieran muss man sich halten, wenn man die oben gerügten, dem 
Volke vorgeworfenen Fehler erklären und entschuldigen will. Denn 
der Tod aller Tugend und Kraft liegt in der Gesinnung und Schät- 
zung der Scheine und Zierrathen der Dinge und ihrer Titel und 
Namen, die hier von jedem kleinen Schreiber und Zollverwalter 
bis zu den höchsten Würden herrschen und ein leeres und eng- 
herziges Streben bis in die untersten Klassen des Volks bringen. 
Dann geht Hr. Arndt zu der Anwendung über, wo wir freilich 
abbrechen müssen, so lehrreich auch die folgenden Seiten sind. 

Weiter unten lässt sich Hr. Arndt zu unserem Vergnügen 
auf eine Lobpreisung Karls IX. nicht weiter ein, als dass er im 
Vorbeigehen sagt, er hätte von den grossen Eigenschaften seines 
Vaters am Mehrsten gehabt. Das ist ein sehr zweideutiges Lob, 
da Erich und Johann ganz und gar nichts davon hatten. Ueber 
Salvios und sein Verhältniss zur Christine und den westphälischen 
Frieden haben wir freilich in dem dritten Bande von Gejiers Ge- 
schichte unschätzbare Nachrichten, da sich besonders in diesem 
Theile Hr. Gejier als Meister bewährt und den Gelehrten gezeigt 
hat, wie man handschriftliche Quellen benutzen soll, ohne einen 
ganzen Ballast Urkunden anzuhängen. Nfchts desto weniger wird 
man S. 74 — 75. die Winke, welche Hr. Arndt gibt, gern benutzen. 
Bei Karl XI. zeigt sich der Widerwille des Hrn. Arndt gegen 
die Franzosen zuweilen etwas komisch, wie seine monarchische 
Vorliebe für kräftige Monarchen etwas ungerecht. 



CDer Schluss folgt.) 




N°. 13. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Arndt: Schwedische Geschichten. 



In Beziehung auf das Erste sagt er 8. 78. in einem, wenn 
man an Karls Harte und Grausamkeit denkt, noch etwas mehr als 
blos furchtbaren Bilde: Der w&lsche Goldfaden, der seit Gustav 
Adolf durch die schwedische Geschichte gegangen, sey wahrend 
der Minderjährigkeit KaiTs XI. zu einem dicken blutigen Strick 
geworden, wodurch Schwedens Herrlichkeit umwunden und befleckt 
worden, so dass nur die tüchtige Faust eines Karl XL 
ihn habe zerhauen können. Er setzt hinzu: 

Der König hatte in dem Kriege, wohinein die vom Rath seine 
Jugend gerissen hatten, und wodurch dieser Goldstrick so blutig 
hinlief, seine ganze Bedeutung kennen gelernt. Er demüthigte 
und zerschmetterte die französische Partei in Schweden und die 
waischen Künste prallten hinfort für immer von seinem strengen 
nordischen Ernst ab. Was das Zweite angeht, so berichtet Hr. 
Arndt ganz trocken, aber auch ziemlich unvollständig, wie Karl 
unterstützt von zwei Mannern, die sich ganz zu Dienern eines 
Despoten eigneten, durch die sogenannte Reduction auf einmal 
sich, oder weil das einerlei war, den Staat, reich und alle Güter- 
besitzer arm machte, dann fügt er naiv hinzu: Alles dies war so 
eigenmächtig und selbst^errisch gethan, dass Karl fast wie 
ein Despot hätte regieren können. (Also nur können, 
er that es folglich nicht. Sonderbar!) Denn er regierte mit dem 
Willen des Volks (das sagten Robespierre in Frankreich und Don 
Carlos und sein Maroto und Cabrera in Spanien auch), weil das 
Volk begriff, der König thue das Nützliche und Nothwendige (dar- 
an pflegt, wie jedermann weiss, nur ein sehr kleiner Theil des so 
genannten Volks zu denken, allein das Wesentliche folgt), und 
such, weil das schadenfrohe Volk es gern sah, dass die 
einmal geplagt würden, die es bo lange geplagt hatten. 

An Karl XII. rühmt und preiset Hr. Arndt dieselbe Erobe- 
rungs- und Zerstör ungswuth, wegen deren er Bonaparte so un- 
aufhörlich dies ganze Jahrhundert hindurch geschmäht hat Doch 
XXXII. Jahrg. S. Heft. 12 



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178 Arndt: Sehwsdiwh« Geschichten. 

bleibt er dabei nicht stehen, dasB Karl ein grosser Mann war; 
anoh der Intrigant und Betrüger Görz wird b ei ihm sicherlich aber 
nicht durch ihn ein grosser Mann (was noch niemand zu sa- 
gen gewagt hat). Sogar Karl's tolle Plane nach dessen Rück- 
kehr ans der Türkei und nach der schändlichen Aufopferung der 
treuesten und tapfersten Soldaten, deren die neuere Geschichte 'ge- 
denkt (bei der Verteidigung von Stralsund), nennt Hr. Arndt 
grosse Entwürfe. Er glaubt die Falschmünzerei, das aus Kup- 
fer und Leder verfertigte Geld, die Beste der schwedischen Ju- 
gend hätten gebraucht werden sollen, um Peters, Alberoni V Karls, 
{Sörzens Schimären wirklich zu machen und ein Reich im Monde 
zu erobern. Darüber will Ref. nichts erinnern, sondern nur Hr, 
Arndfs Worte anführen. Hr. Arndt $agt S. 87.: „Diese beiden 
grossen (! !) Jänner (Görz und Karl XII.) können das Schicksal 
billig anklagen, welches ihnen das Leben gerade auf dem Punkte 
abschnitt, wo sie hatten feeweisen können, das» sie für Schweden 
länger zu leben verdient hätten. Denn entweder hätte Karl XII. 
nie geboren werden oder auch nie ermordet werden müssen." Das 
Letztere w r ird gewiss jeder gern zugeben. 

Sonderbar genug ergiesst sieb Hr. Arndt erst in Dithyramben 
über den Ruhm SarFs, der bekannt!^ durch tolle Kriege Schwe- 
den seine ganze arbeitende Jugend uno* sogar die Hoffnung 
raubte, seine Bevölkerung, seine Finanzen, seine Bergwerke, seine 
Zufuhren an eignem Getreide je herzustellen, dann, wenn er auf 

die Ursachen der l ebermacht des Adels mal der Oligarchie auf 
den Reichstagen kommt, setzt er S. 9$. hinzu: „Aber woher ent- 
sprang diese schaaflge Geduld der Bürger und Bauern V Was war 
aus den Enkeln derejr geworden, die Karl XI. als dem Wieder- 
hersteUer und Befreier zujauchzten* Und wo waren die Genossen 
des zwölften KarVs, dass L^st, und Uebermuth so herrschen durfr 
ten ? Die meisten lagen mit ihm unter dem grünen Rasen und die 
übrigen schliefen unter den Lorbeerbäumen, welche die Helden 
gepflanzt und mit ihrem Blute begossen hatten (das klingt ganz 
schön, jeder von uns weiss aber, durch welche harte Maasregeln 
und wie elend in Wadmal gekleidet diese Beiden, wie die der 
französischen Cooscription , hinausgetrieben wurden, um in Elend 
und Mangel und Frost in Polen umzukommen, oder in Norwegen 
in Masse zu erfrieren), sie träumten unter ihrem Schatten von 
grossen Thaten und Erinnerungen einen verworrenen Traum und 
ruhten die von Wunden und Narben bedeckten Leiber aus." Das 
ist oder scheint doch Poesie, aber Hr. Arndt las st die furchtbare 



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m 



Wahrheit in der Prosa der folgenden wenigen Worte ans Lieht 
kommen, wenn er sagt: Schweden war entkräftet, ent- 
völkert, ermattet! 

Auf dieselbe Weise, wie hier bei Karl XII. tritt auch weiter 
onten, wenn von Gustav HI. die Rede ist. Hr. Arndt auf einmal 
von der Bühne der Poesie, wo er von Träumen umnebelt, diesen 
König zu einem Halbgott erhoben und wie ein Ideal gepriesen 
hatte, auf den nackten nnd harten Boden der Wirklichkeit und der 
Prosa. Er zeichnet uns dann ein ganz anderes Bild des König« 
als vorher, in welchem wir trotz alles Flitters, den Hr. Arndt ver- 
schwendet, den leeren, eiteln Mann erkennen, der dabei unstreitig 
viele glänzende Eigenschaften und Talente hatte. Wir wollen die 
Schilderung abschreiben, welche Hr. Arndt von dem Betragen und 
von dem Aufzuge des Königs Gustav's III. in dem Augenblicke 
gibt, als dieser den wichtigen Krieg mit Russland leichtsinnig be- 
ginnen wollte, ohne vorher seine Stände zu fragen, wie doch sein 
eignes Gesetz gebot. Hr. Arndt will durchaus die Wahrheit nicht 
absichtlich verbergen, man wird sie ganz und voll und kräftig in 
der folgenden Stelle linden, nur ist er im Stande, ganz Wider- 
sprechendes zu vereinigen, weil sein sehr gesunder Verstand, dann 
nnd wann ganz unter dem Gefühl oder der Phantasie erliegt. Bs 
geht den poetischen Menschen im Leben, wie den frommen oder 
bigotten, sie können Dinge vereinigen und Charaktere loben, die 
uns andern widersprechend und des Lobes ja nur der Billigung 
sehr unwürdig scheinen. Die für den Charakter Gustav's nnd des 
angezeigten Buchs anziehende Stelle findet man S. 109 — III. 

„Gustav hatte im Lager an der russischen Gränze die Zeit 
nicht blos vergeudet, nein, er hatte sie wirklich verspielt, mit einem 
unbegreiflichen Leichtsinn verspielt Er, der sonst so kluge nnd 
gewandte Mann, der die ältesten Füchse so oft in ihren eigenen 
krummen Gängen gefangen hatte, bedachte die Rolle nicht, die er, 
auch wenn sie ihm nicht aus dem Herzen kam, hier durchaus spie- 
len musste. Wohl verstand der Beredte und Geistreiche, wenn es 
Noth that, die grossen Schatten der Gustave nnd Karl's wieder 
unter die lebendigen herauf zu eitiren, wohl hatten Natur nnd 
Kunst ihm die Stimme, die Gebärde nnd die Schönheit verliehen, 
dass er zu seinen Bauern nnd Soldaten gewaltig reden konnte; 
aber statt das Spiel des Kriegs, oder wenigstens die äussere Ge- 
berde dieses Spiels zu spielen, spielte er unter Männern, die nor- 
discher Kraft und altnordischer Thaten warteten (gab es wirklieh 
dergleichen Thoren? Ref. zweifelt), wirklich nur den Spieler. Er, 



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Iftft 



Arndt: Schwcdiflche GeichichtoD. 



der bei der bösen Stimmung- vieler seines Adels nnd auf dem gros- 
sen Wendepuncte der Dinge, wo die Würfel eines blutigen Kriegs 
geschüttelt wurden, sich den Rock und die Sporen Karl's XII. 
hätte anlegen und so unter seinen Schweden und Finnen umher- 
reiten sollen, erschien unter denen, welche die Kanonen des acht- 
zehnten Jahrhunderts abdonnern sollten, als ein Tournierritter des 
leichten Lanzenspiels des Scherzes im burgundischen Seidenwamms 
mit flatterndem und vielfarbigen Federhut, in Schuhen mit rothen 
Bändern zu Pferde, oder gar als Neronischer Nacfaäffer der lufti- 
gen Darstellungen der Mimen und Sänger. Und er hatte Sänger, 
Histrionen, Dichter wirklich mit sich, im Lager wurden Gesang- 
und Theaterproben gemacht, manche seiner fröhlichen Begleiter 
waren zugleich Macher und Tbater mit der Feder und mit dem 
Degen." Die letzte Phrase setzt dieser Poesie, über welche Ref. als 
ein alter prosaischer Mann keine Bemerkung zu machen wagen 
darf, die Krone auf. Sie lautet: „Es war König Arthur mit 
seinen Zwölfen wirklich im Feldlager." Da er gezeigt 
hat, wie Hr. Arndt diesen König schildert, an dem er trotz seiner 
sehr wesentlichen Fehler und Sünden, um nicht zu sagen Leicht- 
fertigkeit und Laster, sehr grosses Wohlgefallen hat, so muss 
Ref. nun auch hinzusetzen, wie er einen Regenten schildert, den 
es trotz vieler guten Eigenschaften uod seines ganz geregelten 
Lebens nicht ausstehen kann. 

Es gilt Gustav's Bruder, Herzog Karl von Südermanniaud, 
der nach seines Bruders Ermordung, später auch nach seines Nef- 
fen Vertreibung, die Regierung in Schweden führte. Wahr, tref- 
fend, meisterhaft gezeichnet ist unstreitig das Bild; aber von der 
Kunst, Fehler zu Tugenden zu machen, Flecken leise zu verwi- 
schen, nnd Ungestaltheiten in Schönheiten zu verwandeln, welche 
Hr. Arndt an den Begünstigten beweiset, wird man auch keine 
Spur antreffen. Es heisst S. 169: 

„Herzog Karl hatte einen geraden und leichten Verstand, per- 
sönlichen Muth und eine gewisse freundliche Gutmüthigkeit, die 
aber nicht auf zu harte Proben gestellt werden darf. Mit diesen 
guten Eigenschaften verband er Liebenswürdigkeit im Umgange 
und einen Sinn für das Schöne und Anmuthige, der allen Kindern 
der trefflichen Luise .Ulrike mitgeboren war. Aber ihm fehlte jene 
lebendige, thätige Kraft, wodurch sein Bruder so gross seyn 
konnte; ihm fehlte jener kraftige, ausdauernde Ernst des Karak- 
ters, der das Gute befiehlt und das Schlechte verhindert, ihm fehlte 
endlich — was bei einem Herrscher den Mangel vorzüglicher Ei- 



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Arndt: Schwedische Gerichten 



181 



genschaften zuweilen ersetzt — jener unruhige Ehrgeiz, jene Ge- 
rührigkeit, die etwas zu thnn scheinen, indem sie eigentlich nichts 
vollenden, die aber doch Andre in Athem setzen und eine Regie- 
run»- nicht einschlafen lassen. Karl war karakterlos und sorglos, 
liess sich und die Dinge gehen, wie sie gehen konnten und woll- 
ten, lebte in Kleinigkeiten, spielte mit Kleinigkeiten, mit mystischen 
Possen und freimaurerischen Grillen, während er Andern das Grosse 
überliess. Es gibt sonderbare Erscheinungen. Dieser Herzog, 
fein und wohlgebildet, mit edlen Zügen im Angesicht wie sein 
Bruder, obgleich nicht so funkelnd; in der äussern Erscheinung 
sogar mit den Zeichen einer gewissen Männlichkeit und Entschlos- 
senheit Auftretend, war doch ein sehr schwacher und leerer Herr, 
ohne irgend eine herrschende Leidenschaft in der Brust. Man 
könnte sagen, er sey von Natur leer gewesen, wenn er nicht ru- 
higen Muth gehabt hätte, einen ächten Korporalmuth, also doch 
Naturmutb. Denn das war jedermänniglich bekannt und gab ihm 
bei dem Volke einiges Ansehen, dass er im Kanonendonner und 
Pulverdampf auf der Decke seines Admiralschiffs so behaglich ru- 
hig gesessen hatte, als im Lehnstuhl seines Schlafzimmers. Doch 
hatte er sich bei aUer Feinheit und Fürstlichkeit, die ihm natür- 
lich war, mehr aus Gewohnheit, als aus Eitelkeit, um an Thaten 
zu erinnern, Seemanns Sitten zugelegt, die er nie wieder verlor. 
Seine gewöhnlichen Zimmer sahen wirklich mehr denen eines alten 
Schiffskapitäns, als denen eines Königssohns ähnlich, die Zeichen 
des Seelebens lagen in innern Vorsälen in hundert ausgesogenen 
Tabacksklfimpchen umher, und eine seiner Wangen war gewöhn- 
lich von einem solchen Priem, der schwedisch Tuggbus heisst, 
aufgeschwellt. In Hinsicht seines geistigen oder vielmehr nicht 
geistigen Wesens muss er denen zugezählt werden, die man trok- 
kene Fantasten nennen muss eto." 

Was Gustav IV. angeht, so hätte Hr. Arndt Seite 185., wo 
von der Erklärung desselben in Regensburg 1798. und von dem 
lächerlichen Streit mit Kaiser Paul die Rede ist, gerade diese bei- 
den Dinge als die erste öffentliche Aeusserung einer unerklärli- 
chen Störung des Gemüths oder der innern Organisation anführen 
Können, er hat sich aber darauf nicht; weiter eingelassen, sondern 
Beides nur im Vorbeigehen berührt. Ueber die Leute aber, wel- 
che die fixen Ideen des Königs benutzten, und ihm in den Kopf 
setzten, was sich hernach bei der Beschaffenheit seines Geistes und 
seiner Organisation nicht mehr daraus entfernen liess, hat sioh 
Hr. Arndt S. 191. ganz vortrefflich ausgesprochen. Er sagt: 



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181 



Arndt: Schwediiehe Geschichten 



„Die Leute, welche auf dem Reichstage von NorrkÖping des 
Königs Panier führten, tbaten etwas noch weit Schlimmeres; sie 
bezauberten sein Gemüth mit Namen und Klangen, wohinein Dumm- 
heit und Bosheit so viele dunkle Schrecken und Verbrechen legen 
können, die sonst ohne Ueberschrift bleiben würden. Man betrog 
hier den König, wie man die Fürsten überall betrogen hat. Die 
Töne: Freiheitsschwindel, Revolutionsgeist, Demo- 
krat, Jakobiner, Atheist und Philosoph mussten so lange 
in seine Ohren klingen, bis sie in seinem Kopfe fest wurden. Je- 
des Ungewöhnliche in Wort und That, jedes höhere und kühnere 
Streben, jeder stolze Sinn für Wahrheit, Recht und Freiheit, kurz 
Alles, was Buben und Dummköpfen ein beschämender Gegenstand 
ist, wird dann unter solche weite Rubriken gestellt, Lächerliches 
und Kindisches und jegliches leicht vorüber flatternde Spiel mit 
Scheinen und Klängen, welche in der Zeit ihren Tod finden, wird 
zu ernstlicher Gefährlichkeit umgedeutet und wird durch Beach- 
tung oder gar durch Verfolgung wirklich gefährlich, und solche 
ist dann machtig genug , alles Edle und Wahre von dem Herr- 
scher zu entfernen und alles Gemeine und Falsche zu ihm zu 
ziehen. " Wie vortrefflich das Angeführte gesagt und gedacht ist, 
wird von selbst in die Augen springen, ohne dass Ref. eine wei- 
tere Anwendung, die jeder leicht selbst macht, und einen (.'om- 
ni entar hinzufügt. 

reber den Verkauf von Wismar an Mecklenburg gleitet der 
Verfasser ebenfalls S. 199. sehr leise hiuweg, und in seinem sich 
auch hier gleichbleibenden Zorn über die Franzosen und über Na- 
poleon ist ihm. auch das Verkehrteste recht, was gegen sie ge- 
richtet ist, wie er denn auch in der Vorrede erklärt hatte, dass er 
Gustav IV. besonders deshalb liebe und vertheidige, weil sie Beide 
(Arndt und Gustav) im Hass der Franzosen und besonders Na- 
poleons völlig übereingestimmt hätten. Die Brutalität, den Stolz 
und Hochmut h der Englander, die Gewaltthätigkeit , welche sie 
verübten, sieht daher Hr. Arndt auch so wenig, als er uns an- 
deutet, dass ihre infame egoistische Politik Ursache des Ruins 
ihres Bundsgenossen und des Verlusts von Finnland war. Die 
Correspondenz ihrer nach Schweden geschickten Abgeordneten, 
ihrer Generale und Admirale beweiset, dass sie die unglückliche 
Gemüthsbeschaffenheit des Königs recht gut kannten, dass sie wohl 
wussten, dass er ihnen als Bundsgenosse mehr hinderlich als för- 
derlich seyn werde, dass in Schweden Alles in Gahrung sey. Hät- 
ten sie daher gleich anfangs alle Subsidien verweigert, so 



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Arndt: Schwedische Geschichten 



halte er seine Thorhciten von selbst einstellen müssen. Ihnen war 
die Diversion, die er machte, immer etwas Geld yertb, was küm- 
merte sie Schweden? Ans diesem Grande zahlten sie die kleine 
Stamme der Subsidien fort, sie versprachen von Zeit zu Zeit Hülfe, 
sie schickten sogar Flotte nnd Heere; aber immer mit dem ge- 
heimen Berebl, nichts zu wagen, weil mit dem wunderlichen Mann 
nichts anzufangen und ihm gar nicht zu helfen sey. So wie Hr. 
Arndt sich hütet, die schanderhafte Politik des aristokratischen und 
damals toristischen englischen Egoismus hervorzuheben, so recht- 
fertigt ,er an einer andern Stelle die seeräuberischen Unterneh- 
mungen der Englander gegen die Dänen und ihre zweifache Mord- 
brennerei in Copenhagen. In der Geschichte sollte doch der Grund- 
satz nicht gelten , der leider im Leben überall zu allen Zeiten, 
unter Allen Umstanden gegolten hat: Dimittit corvos, vexat cen- 
sura columbas. 

Damit die Leser der Jahrbücher aus Hrn. Arndfs eignen Wor- 
ten sehen , dass er den Engländern ebenso übertrieben gewogen, 
als den Franzosen abhold ist, will Ref. am Schlüsse dieser schon 
zu langen Anzeige noch zwei Stellen des Bnchs abschreiben. Aus 
der ersten wird man erkennen, auf welche Weise Hr. Arndt der 
Engländer bekannten Bratalismus zur See, dessen Natur während 
des Kriegs er in Hamburg und Bremen hinreichend hatte erfor- 
schen können, begünstigt, und wie er ihr Rauben und Mordbrett- 
nen im Kriege von 179^1815. durch Sophismen vertheidigt Aus 
der zweiten Stelle erhellt, dass er auch, wann es scheint, als wenn 
er Napoleon und den Franzosen einmal wolle Gerechtigkeit wie- 
derfahren lassen, schnell umdreht, und ihnen auch kein gut 
Haar übrig lässt. 

Die erste Stelle S. £79. handelt von dem Zuge der Englän- 
der mitten im Frieden um 1807. Wir wollen, als für unsern Zweck 
genügend , nur die einleitenden Worte abschreibe n . Sie lauten : 
„Den zweiten grössern Aufzug des schwedischen Kriegs lässt 
man gewöhnlich mit Kopenhagens Eroberung beginnen. Alle Welt 
erhob ein grässliches Zetergeschrei über das Schicksal der un- 
glücklichen Dänen und ge'bärdete sich, als wenn dergleichen Ge- 
schichten in unserer gerechtesten Zeit unerhört wären. Dies tha- 
ten besonders Russen ünd Franzoseri, Russen und Franzosen tha- 
teti recht, den Leuten den Gesichtspunkt zu verrücken und von 
Tilsit anf Kopenhagen hinzuweisen. Aber in Tilsit war durch die 
Bedingungen, welche Alexander angenommen hatte, der Brach 
zwischen Russlnnd und England entschieden, in Tilsit war st ab- 



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184 Arndt: Schwedische Geschichten. 

gemacht, dass der König von Schweden mit seinen Nachbarn Krieg 
haben musste, wenn er Frankreichs Friedensbedingungen, also Krieg 
mit England, nicht annehmen wollte. England that also politisch 
ganz recht, dass es die Dünen auf die Probe stellte, ob sie sich 
Napoleon und Alexander oder ihnen hingeben wollten, und dass ea 
die dänische Flotte als Unterpfand verlangte, eine Flotte, die sie 
sonst neben russischen oder gar neben französischen Wiropeln bald 
zu bekämpfen haben konnten; denn die napoleonische Art, die so- 
genannten Bandsgenossen nnd Freunde zu gebrauchen , war kein 
Geheimniss mehr." So gebt es denn hernach weiter. 

Die zweite Stelle findet sich gleich vorher S. 278. und 279., 
wo es heisst: ; ,Napoleon hatte sich in der Schlacht bei Eilau sehr 
verblutet, zweihundert Meilen lagen hinter ihm, wo lane Freunde 
und beisse Feinde wohnten. Diese kamen ihm in den Kucken und 
schnitten Festungen , Zufuhren und Hülfen ab ; er hatte nicht Zeit, 
aus den Enden der Europäischen Welt 150000 Mann an sich zu 
ziehen. Immer würde er wohl als Mann seinen Entscbluss genom- 
men haben, aber nicht so leicht wäre er über seine Feinde hinge- 
hüpft, nicht so lustig hätte er ihrer gespottet, wenn man den Krieg 
gegen ihn verstand. Hiezu brauchte man weder Preussen noch 
Russen zu landen, Engländer und Schweden waren genug, um hier 
den Ausschlag zu geben. Und gesetzt, Napoleons Glück und Ge- 
schicklichkeit, seine Kunst zu täuschen und zu unterhandeln, die 
Sorglosigkeit zu sichern und die Schläfrigkeit einzuschläfern war 
mächtiger als alles, was geschwinde und kühne Feinde thnn konn- 
ten, was verloren die Schweden, wenn solcher Feldzugsplan (als 
der, den Hr. Arndt vorher in der Luft gemacht, wir aber nicht 
angeführt hatten) ihnen misslang Y u 

Was Hr. Arndt hernach hinzusetzt, geht den Plan an, den er 
zur Ehre des schwedischen Namens ausgedacht bat, diesen über- 
geht Ref., um nur noch die Schlussstelle hieher zu setzen, um de- 
rentwillen er alles Vorhergehende eingerückt bat. Sie lautet: ,.Aber 
fest steht das Schicksal, und man muss fast glauben, dass Napo- 
leon' einer der Lieblinge Fortunat ist. (Dies ist wahrscheinlich 
wörtlich stehen geblieben, wie es 1809. oder 1810. geschrieben war). 
Denn ihm ist gegeben, was Wenigen so reichlich geboten war, 
dass die Fehler und Verblendungen seiner Gegner seiner Tbätig- 
keit, Tapferkeit und Geschicklichkeit zugerechnet wurden. Es ist 
wirklich das Allerleich teste, dass er mit der Heeresmacht einer 
kriegsgeübten Nation, mit den Hülfsmitteln aller Länder, die er mit 
unerbittlicher französischer Revolutionsgrausamkeit gebrauchte, mit 



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Arndt: Schwedische Geschichten. 



185 



der Einheit des Befehls gegen Schwachverbündete, und — was das 
Grösste ist — mit eigner Kraft nnd Macht (also endlich kommt es 
doch gegen Arndts Willen heraus) über Europa gebietet; denn 
die Andern sind faul und elendig, wo er thätig nnd 
mutbig ist." 

Ref. glaubt seine Pflicht gegen einen würdigen und wackern 
Schriftsteller, wie Hr. Arndt ist, durch die zuletzt wörtlich ange- 
führten Stellen eben so wie gegen das Publicum erfüllt zu haben, 
und erwähnt nur noch der Beilagen, weil sich einige sehr anzie- 
hende Stücke darunter finden. Nr. 1. Ist der Abdruck einer län- 
geren Stelle ans einer Rede Gustav's III an die Stände auf dem 
Reichstage von 1780 Nr. 2. Des Königs Schreiben an Sr. Ex- 
cellenz den Landmarschall Grafen M. E. Brahe beim Reichstage zu 
Norrköpiog den 6. Juli 1800. Dann folgt das Protokoll ge- 
halten vor Sr. Königl. Maj. in der Reiohsstände ge- 
heimen Ausschuss den 29. Mai 1800. Darauf folgt das 
Protokoll der Sitzung desselben Ausschusses vom 
30. Mai. Dazwischen ist abgedruckt ein Protokoll vor Sr. 
Maj. gehalten im Norrköpings Schloss an demselben 
Tage, nämlich den 30. Mai. Dann folgen Nr. 3. zwei Aktenstücke, 
von denen A. bekannt genug ist, weniger ist es die sehr gut ab- 
gefasste schwedische Note B. Es ist nämlich Nr. 3. A. die In- 
vective Bonaparte's gegen den König von Schweden im Moniteur 
vom 14. Aug. I8O4., und Nr. 3. B. Note des Kanzleipräsi- 
denten Freiherrn von Ehrenbeim an den französi- 
schen Charge* d'affaires Herrn Caillard. Stockholm den 
7. Sept. 1804. Nr. 4. Eigenhändiges Sohreiben Sr. Maj. 
des Königs von Schweden an Sr. Maj. den König von 
Preussen vom 22. April 1806. Sehr interessant ist Nr. 5., über- 
setzt aus dem schwedischen Jurikes Tidningar vom 4. Aug. 1807., 
über die Unterrednog Gustav's III. mit dem Marschall Brunei Dem 
wörtlich wiedergegebenen Dialog gehen folgende Worte voraus: 
„Da in den Altonaer und Hamburger Zeitungen ein ungebührlicher 
Artikel steht, der sich auf die Unterredung Sr. Königl. Maj. mit 
dem franz. General Brüne in Schlotkow den 11. Junius 1807. be- 
zieht, so scheint es an der Zeit zu seyn, diese Unterredung in ih- 
rem rechten Lichte darzustellen." Nr. 6. Note des russischen 
Mini sters Graf en Romanzow an den sch wed ischen G e- 
sandten Freiherrn Stedingk den 28. Nov. 1807. Nr. 7. 
Note des schwedischen Charge d'affaires Freiherrn 
Taube an den König], dänischen Minister, Kiel am 21. 



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186 Schweizerisches Museum ? on Gerlach, Hottinper and Wackernagel. 

Dez. i807. Nr. 8. ErkUroog de« Königl. schwedischen 
Hofes gegen Ras9land wegen des Einfalls in Finn- 
land. Nr.9. Kriegserklärung des dänischen flofs ge- 
gen Schweden, gegeben zu Kopenhagen den 11. Marz 
1808, nebst der schwedischen Antwort darauf, welche Seite 543. 
folgt. Nr. 10. Schreiben des Königs von Schweden an 
den König vonGrossbrittannien. Stockholm d. £3. Jan. 
1808. Nr. 11. Es scheint, als wenn der alte Hr. Arndt an Gesich- 
ter, Gespenster und Spuk glaubt, denn er gibt im Text bei Gelegen- 
heit der Gefangenschaft Gustavs IV. in Gripsholm ganz zuver- 
sichtlich, als wäre er Justinus Kerner oder der seel. Jung, eine 
grassliche Spukgeschichte in extenso, hier aber des melancholischen, 
mit Recht vom Teufel geplagten Karl's XI. wunderliches Gesicht, 
das er in der Nacht vom 16. zum 17. Dez. 1676. wollte gehabt ha- 
ben. Nr. 12. ist die am 16. März 1809. nach Verhaftung Gustavs 
IV. im Namen des Herzogs von Sädermannland als Reichs-Vorste- 
hers vom Freiherrn Gustav Lagerbielke erlassene Erklärung an 
das schwedische Volk. Nr. 13. 1, 2, 3, 4, 5, 6 Correspon- 
denz mit Adlersparre und seine Antworten. Nr. 14. Ausfuhrliche 
Darlegung der Lage des Reichs im Namen des Reichsvorstehers, 
des Herzogs von Sädermannland an die versammelten Stände vom 
9. Mai 1809. Nr. lö. Rede des Freiherrn Lars August 
Mannerheim an die Stände. Nr. 16. E n tsagungs a cte 
Königs Gustav's IV., Adolf. Nr. 17. Au fsagungs acte 
der Reichsständ e dem König Gustav Ado lf überreicht 
auf Sehlos s Gripsholm den 29. Mai 1809. 



Schweizerisches Museum für historische Wissenschaften herausgegeben von 
F. D. Gerlach, J J. Hot tinger und IV. fV ackernag tl. lr Bd. 
8s HfU S 261-468. 18S7. 2r Bd Is Hfl. S. 1-102. Frauenfeld bei 
Beyel. l^oB. 8. 

Der Verf. dieser Anzeige hat früher in diesen Jahrbb. die ersten 
Hefte dieser schweizerischen Zeitschrift, deren Redactoren , so wie die 
sammt liehen Verfasser der darin aufgenommenen Abhandlungen ganz 
unstreitig zu den achtbarsten Gelehrten in der Schweiz gehört, 
mit Vergnügen angezeigt, er freut sieh, biozufügen zu können, 
daas sie in ihrem Fortgange eher gewonnen als verloren hat. Da 
in diesen Jahrbüchern für eine genaue Prüfung der einzelnen Auf- 



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Schweizerische« Museum von tierlach, Hetlinger und Wackernagel. 187 

sätze Lein Raum ist, so mag ein allgemeines UrtheU aber die Ten- 
denz dieses Museums und eine Aufzählung der einzelnen in den 
beiden Heften enthaltenen Aufsätze nebst Angabe der Namen der 
Verfasser hinreichen, um deutsche Leser auf diese unter uns we- 
niger verbreitete Zeitschrift aufmerksam zu machen. Was das 
Erste, die Tendenz angeht, so glaubte Ref. anfangs, die gelehr- 
ten Verfasser, deren Sprache mebrentheils rein und gut ist, woll- 
ten das grössere Publicum für acht historische Forschung dadurch 
gewinnen, dass sie anziehende Punkte der historischen Wissenschaften 
für nicht gelehrt -gebildete Leser zugleioh anziehend und gründ- 
lich in einem reinen und angenehmen Vortrage behandelten; spä- 
ter aber schloss er aus mehreren Aufsätzen, dass die Verff. eher 
ein gelehrtes Publikum voraussetzen. Auf jeden Fall haben sie 
wenigstens da9 Abschreckende des gelehrten Apparats, den Ballast 
der Noten und Urkunden vermieden, und überall die Einkleidung 
so eingerichtet, dass jeder Gebildete die mehrsten Aufsätze ohne 
Anstoss und mit Vergnügen lesen wird. 

Was die einzelnen Aufsätze in diesen beiden Heften angeht, 
so enthält der Erste im dritten Heft des ersten Bandes eine Ab- 
handlung des Prof Dr. Bluntschli in Zürich über die verschie- 
denen Formen der röm. Ehe in ihrem historischen Ver- 
hältnisse. Ref. kann sich auf die historisch -juristischen und 
juristisch-historischen Untersuchungen, die in unserer Zeit Mode 
geworden sind und oft auf eine sonderbar vornehme Weise getrie- 
ben werden, gar nicht einlassen ; er hält es daher für seine Pflicht, 
von diesem Aufsatze weder Gutes noch Schlimmes zu sagen. Der 
zweite Aufsatz gehört auf dieselbe Weise der historischen Theo- 
logie des A. T. an, wie der Erste der historischen Jurisprudenz 
der von Berlin ans wieder Mode gewordenen Grübelet über das 
Corpus juris. Herr Lic. Müller in Basel handelt darin über Vor- 
der- Asien vor und nach Israels Aufenthalt in Aegyp- 
ten, als wenn die Fragmente der israelitischen Geschichten in den 
Büchern Mosis, der Richter, Josua förmliche Urkunden und 
Dooumente, oder zusammenhängende Geschichte, Geographie, Topo- 
graphie, statistische zuverlässige Nachrichten enthielten. Ref., der das 
A. T. sehr oft und sehr fleissig, und zwar ehemals in der Ursprache, und 
anderthalb Jahre lang sogar unter Eichhorns Anleitung gelesen hat, 
konnte sich davon nie überzeugen. Derselbe anmessende, vornehme, 
entscheidende Ton, der nach Savigny s und Niebuhrs Vorgang in ge- 
wissen Forschungen über die römische Geschichte bei jungen Philologen 
und Juristen herrschend geworden ist, zeigt sich seit einigen Jahren 



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168 Schweizerisches Museum von Merlach, Hottinger and Waekernagel. 

mich bei gewissen jungen Theologen und Orientalisten, und schreckt 
daher filtere Leute ab, sieb über ihre Orakel und gelehrten Ent- 
deckungen auszusprechen. Es mag immer nützlich seyn, derglei- 
chen Abbandlungen zu schreiben, um Kenntnisse zu beweisen, und 
den Scharfsinn zu üben, um historische oder geographische Punkte 
zu beleuchten, dass aber am Ende viel dadurch ausgerichtet oder 
gewonnen werde, scheint dem Ref. in Deutschland und in Frank- 
reich sehr ungewiss. In England ganz allein steht Alles noch so fest, 
dass man allerdings glauben kann, etwas getban zuhaben, wenn man 
ein dickes Buch über den Auszug der Israeliten aus Aegypten geschrie- 
ben hat Dies gilt auch von Jen beiden folgenden Aufsätzen, sie zeich- 
nen sich durch die ungemeine Arroganz und Einbildung von Un- 
fehlbarkeit und ausscbliessendem Urtheil aus, worauf die Verff. 
Anspruch machen. Den Einen von Prof. Gerlach in Basel über P. 
Cornelius Scipio und M. Porcius Cato übergeht Ref., weil 
er wegen seines Alters, seiner Beschäftigungen, seiner Grundsatze 
Feind jeder Zankerei und Rechthaberei ist | den andern von Prof. 
Wacker na gel in Basel über Epische Poesie will er erwäh- 
nen, nicht um zu streiten, denn da käme er mit den beiden Herren 
schlecht weg, sondern um seine Ansicht auszusprechen. 

Sphon die Aufschrift ist sehr unbestimmt, schwankend und all- 
gemein, der Gegenstand unendlich oft bebandelt, der Vcrf erklärt 
sich aber gleich im Anfang bestimmter über seine Absicht. Ref. 
wül des Verf. Worte hersetzen: 

Es ist, sagt er, eine weit verbreitete Behauptung, dass man 
als die älteste Gattung der Poesie die Lyrik zu erkennen habe; 
denn dem Menschen liege nichts näher, als sein Ich, und nichts 
könne ihn leichter zu poetischer Production reizen, als seine Em- 
pfindungen , mithin sey die lyrische Poesie als die Poesie des 
Ichs und des Gefühls auch die älteste. 

Der Verf. mag es Ref. nicht übel nehmen, ob er gleich we- 
der Samscrit versteht, noch in Indischen und Persischen, Scandi- 
navischen und altdeutschen Büchern und Sprachen bewandert ist, 
also in dem absprechenden Ton der jüngeren Generation, die Al- 
les weiss und Alles besser weiss, als alle andere Leute, nicht 
reden darf, so glaubt er doch, dass sich hier der gelehrte Professor 
die Widerlegung der Meinung Anderer gar zu leicht macht. Das, 
was er als allgemein verbreitete Meinung anführt, bat kein 
Mensch behauptet, sondern er verdreht den Leuten die Worte im 
Munde. Ref. lässt dahin gestellt, wie sich die Sache im alten In- 
dien, in Persien, Aegypten, bei den Urdeutschen und Urkelten ver- 



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t*3ch»eicerisches Museum von Ger lach, Hottioger und Wackernagel. 189 

alten habe, bei den Italienern ging, wie Dante bezeugt, die Poe- 
sie von Liedern der Liebe zum erzahlenden Gedicht Aber, and nicht 
wie der gelehrte Professor sagt, weil das loh, d. h. der Leib die 
lyrischen Dichter trieb, sondern weil wahre Liebe sie beseelte, 
welche wahre Liebe bekanntlich als heiliger Geist ausgehend vom 
Vater nnd Sohne, die Welt and also auch alle edeln Gefühle and 
alle wahre Poesie geschaffen hat, ehe es noch Katheder and Ge- 
lehrte in der Welt gab. Dante lisst sich im Pargatorium mit den 
beiden vor ihm berühmten lyrischen Dichtern in ein Gesprach ein, 
sie wissen natürlich von seinem erzählenden Gediohte nichts, 
sie kennen aber seine lyrischen Gedichte and erkennen, warum 
ihre gemachten Verse hinter seinen, vom Geist der Liebe 
eingegebenen, ewig zurückstehen müssen. Ref., um manchem 
Leser dieser Jahrbücher, den das interessiren konnte, gelegentlich 
eine Probe zu geben, wie Dante von Carlo d' Aquino lateinisch 
behandelt wird, will die Stelle, wo Bonagiunta und Dante, die das 
gewiss besser wussten, a)s die grundgelehrten deutschen Professo- 
ren, so weit sie Ref. kennt, über den Ursprung der wahren und 
achten lyrischen Poesie ganz einig sind, lateinisch hersetzen, auch 
schon darum, weil die Uebersetzung ein Curiosum ist. 

Dante Porgatorium Cant. XXIV Vs. 49. : 

Tcne ego sed vatera complector, Apolline dextro 
Qui nova Lesboo nodularis carniina plectro 
Et primi quo dalce sonant exordia cantasj 
Vor, precor experto dociles in amorc Poellae 
Ast ego: Dal eis araor, retnli, qnos corde sab ioo 
Inspirat seosus, memori sab pectore fervo 
Et nameris refero, qaae nunri.it ipse, canoris. 
llle sab haec: nunc uosse datura, Guittone relicto 
Cur im < um, scribaque, levi Parnassia carru 
Percurras stadia altivolans: Cytherejus alrs 
Pennis nempe suis tulit in sublime, secondis 
Auspiciis, aetas quao protulit altera vates, 
Infortunatis terrae nos haesiious alis. 

Q u o d h'i quis pennis ultra trepidantibus aadet 
Tendere, nec Cyprio regitar duetore, volatus 
Deficit ad primoi, magnisconatibas impar. 

Diese längere Stelle hat Ref. nur darum angeführt, weil Hr. 
Wackernagel auf seine Gelehrsamkeit gestützt, sich über Alle, die 
Dantes Meinung haben, so entscheidend and wegwerfend aus- 
spricht. Er sagt: 

Diese Behauptung (der Priorität der epischen oder 



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199 Schwdseriichet Maieom von Gerlach, Hottinger and Weckerno^ 

lyrischen Poesie — nach Ref. unter verschiedenen Völker" 
sehr verschieden, und wobei überdem noch die Frage ist, was man 
Anfange und was man epische Poesie nennen soll) bat viel 
▼erleitenden Schein; dennoch ist sie ein lediglich ans der 
Luft gegriffenes Theorem (es klingt vor Studenten oder 
Dilettanten in einer Vorlesung ganz gut, wenn man auf die Art 
abspricht, in einem Buche, obgleich es jetzt Mode wird, aber sehr 
übel) und von aller Kenutniss der Literaturgeschichte, von aller 
Einsicht in das eigentliche Wesen der Poesie verlassen. So wie 
man sich nach historischer Begründung umthut (der Verf. hatte 
wohl ein anderes Wort wählen können), und so wie man nur ei- 
nigermassen bedenkt, was denn Poesie überhaupt wolle und solle, 
so ergibt sich vielmehr und bleibt nur die Lehre bestehen, dass die 
epische Poesie die älteste, und dass alle Poesie zuerst nur episch 
gewesen sey. 

Da der Verf. seiner Sache so gewiss ist, dass jeder, der eine 
andere Meinung hat, ein Unwissender und Gott weiss, was Alles 
ist, so kann freilich # Niemand mit ihm streiten wollen, und es bleibt 
uns nichts übrig, als unsern Lesern dringend zu empfehlen, die 
Abhandlung zu lesen und auswendig zu lernen. 

Der letzte Aufsatz enthält die Fortsetzung der Arbeit des Hrn. 
Prof. Vischer in Basel über Thucydides, oder besser nach Thucydides 
über den peloponnesisclien Krieg. Das letztere deutet auch die Ue- 
berschrif t an: Beiträge zur Geschichte despeloponne- 
sisohen Kriegs. Diese Abtheilung beschäftigt sich zunächst 
und besonders mit dem Kriegssystem der Athener von dem 
Tode des Perikles bis zur Schlacht bei Delium. Hin- 

4 

zugefügt ist eine kleine Untersuchung über den Feldherrn Demos- 
thenes (den Sohn des Alkisthenes). 

Mit sehr viel mehr Interesse als die angeführten Stöcke hat 
Ref. die drei ersten Aufsätze des ersten Hefts des zweiten Bandes 
gelesen, und empfiehlt sie dringend der Aufmerksamkeit der Leser 
der Jahrbücher, weil er selbst viel Nutzen daraus gezogen hat. 
Schon die Namen der Verfasser, die Gelehrsamkeit (wie sich das 
gebührt) mit Bescheidenheit verbinden, werden übrigens die 
Freunde positiver, nicht ins Blaue hinein arbeitender und wühlen- 
der, Geschichte aufmerksam darauf machen; auch sind sie so leicht 
und klar abgefasst, dass man sie gern lesen wird. Der vierte Auf- 
satz enthält die weitere Ausführung der im vorigen Heft abgebro- 
chenen Abhandluog des Prof. Wackernagel über lyrische und epi- 
■ebe Poesie, welche Ref. schon im Vorhergeheoden erwähnt hat. 



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^ehwciseriscbe« Museum von Gcrlacb, Hetlinger und Wsckernagel. 1VI 

Der erste Aufsatz des Hefts ist eine Probe der Fortsetzung 

der Geschichte der freistädtischen Bünde des Prof. Kort um, 
der sich in den letzten Jahren durch seine Geschichte des 
Mittelalters ein neues bedeutendes Verdienst um die ächte, auf 
Forschungen beruhende und aus inniger Ueberzcugung, nicht aus 
Lohndienerei oder Nebenabsichten und Mode hervorgebenden Ge- 
Bchjchtschrcibung erworben hat. Der Verf. gibt eine gedrängte 
aber völlig durchdachte, für den Ref. gerade durch ihre an Inhalt 
sehr reiche Uebersicbt doppelt anziehende Darstellung aller von den 
Franzosen seit 1798. veranlassten Veränderungen der innern Ver- 
hältnisse der Schweiz. Diese kurze Darstellung wird jedem den- 
kendeo Leser, der das Ganze übersehen will, gewiss sehr viel an- 
genehmer und belehrender seyn, als jede lange Declamation. Der 
Verf. bat übrigens diese vollständige Uebersicbt seiner künftigen 
Arbeit ausdrücklich darum so kurz gefasst, damit man in der Schweis 
sehen könnte, wo er etwa im Irrthum sey, oder wo ihm Nachrich- 
ten oder Aktenstücke, zu deren Mittheilung er dringend auffordert, 
fehlen. Er sagt nämlich ausdrücklich in einer vorausgeschickte« 
Note: „Indem der Verf. dieses noch keineswegs abgeschlossene« 
Bruchstücks einer Geschichte der helvetischen Republik, 
welche den vierten Band seiner Entstehungsgeschichte der frei- 
städtischen Bünde bilden wird, mittheilt, benutzt er die Gele- 
genheit, um andurch wie am Nachsicht, so um Beiträge, nament- 
lich handschriftliche, für die Aufhellung eines schwierigen und 
wichtigen Gegenstandes zu bitten. 11 Dass eine gedrängte Darstel- 
lung- von einem so gründlichen und kräftigen Mann, wie Hr. Kor- 
tüm ist, entworfen, keinen Auszug verträgt, weil das Einzelne nur 
im Ganzen, und das Ganze nur im Einzelnen begründet ist, wird 
man sich leicht vorstellen. Ref. würde diesen Aufsatz gern als 
Leitfaden der Geschichte des kleinen darin behandelten Zeitraums 
besonders gedruckt sehen, weil man auf diese Weise immer auf 
Tfaateachen eines kleinen Staats und seiner Verwaltung gestützt, 
Staatswissenscbaft in einem gewissen Umfange praotisch lehren 
könnte. Ob Irrtbümer und Fehler in dem Aufsatze sind, kann lieft 
nicht beurtbeilen, da er die Angaben nicht geprüft bat, und nicht 
prüfen kann, aber das kann er bezeugen, dass er in den letzten Wo- 
chen viele dicke Bücher hochmüthiger Schriftsteller gelesen hat, 
aus denen er bei weitem nicht so viele Belehrung geschöpft hat, 
als aus dem mit vieler Bescheidenheit und mit richtigem Tact für 
das Wesentliche oder Unwesentliche abgefassten kleinern Aufsatz 
des Hrn. Kortüm. Dasselbe gilt von dem kurzen Aufsatz des Dr. 



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192 Nou Teile* Archive* hiatoriqucs etc. par llane etc 

K. J. Roth in Hasel, Seite 30—39. I eber die Vereinigen 
Schwabens mit dem römischen Reiche, in welchem de 
Verf. zngleich ein Muster gegeben hat, wie man ans Quellen ar- 
beiten und Quellen benutzen kann, ohne durch Ostentation und Ge- 
lehrsamkeit die Leute in Schrecken' zu setzen. Oer Aufsatz des 
Hrn. Prof. Heinrich Escher zu Zürich, Ueber die Th'e Hungen 
des fränkischen Reichs unter den Karolingern in Bezie- 
hung auf die Schweiz ist mit der gewohnten Gründlichkeit und 
Genauigkeit des als Forschers der Geschichte seines Vaterlandes 
bekannten Verf. abgefasst. Man findet hier ganz kurz in einer 
leichten Uebersicht Alles gründlich erläutert, was sich urkundlich 
über die freilich sehr schwer genau zu bestimmenden Grfinzen der 
verschiedenen Gebiete der spätem Karolinger angeben l&sst 

Zugleich mit der Fortsetzung der angezeigten schweizerischen 
historischen Zeitschrift erhielt Ref. die dritte Lieferang der belgi- 
schen, ebenfalls vorzugsweise den historischen Wissenschaften be- 
stimmten gelehrten Sammlung der Schriften der Genter Professoren, 
deren erste beide Lieferungen er früher mit der verdienten Aus- 
zeichnung angezeigt hatte. Er meint die 

» 

JSouvellee Archives hutoriques, philosophiques et Uttcrnircs. Revue trimee 
trielle. Publie par J. B. D' Hatte etc. Gand, 2me Anne'e. Zieme Livrai- 
$on p. 323-483. 

In dieser Lieferung findet man ausser einer Abbandlang über 
philosophische Metboden, besonders über Baco's Metbode, welche 
nicht in des Ref. Fach gehört, zwei gelehrte und forschende Ab- 
handlangen über belgische Geschichte and über Theten und Schick- 
sale der Flamlander im Auslände. Den letzten Titel wählt Ref. 
für die Beantwortung der von der Redaction der Archives aufge- 
gebenen Preisfrage, welche bei weitem den grösseren Theil des 
Raums dieser Lieferang der Zeitschrift einnimmt. Die Abhandlang 
hat den Titel: Memoire sur la part que les Fiammands et d'autres 
Beiges ont prise a la oonquete de l'Angleterre par les Normands 
a l'etablissement des vainqueurs dans ce pays et aux guerres dont 
U devint le theatre sous les rois Etieone et Henri iL 

CDer Schlusi folgt) 



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N» 13. HEIDELBERGER |g40. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Nomciles Archire» hittorique» elc. par Hane etc. 

( Bfehluf:) 

• 

Man wird aus dem Titel sehen, das» die Angabe etwas weit 
gestellt ist, dass es dem Hrn. Gantrel, der den Preis gewonnen 
bat, dabei an Stoff nicht leicht mangeln konnte, und dass er, um 
seine Leser nicht zu ermüden, nur von Zeit zu Zeit in die allge- 
meine englische Geschichte dieses unruhigen Zeitraums hinüber- 
streifen durfte. In der ersten Abtheilnng der Abhandlung be- 
schäftigt sich Hr. Gantrel besonders mit denjenigen seiner Lands- 
leute, welche aus ritterlichen Familien entsprungen, einen Kriegs- 
ruhm, entweder eignen, oder einen von den Vorfahren erworbe- 
nen, mit nach England brachten. Unter diesen glaubt Hr. Gan- 
trel besonders zweien durch seine Forschungen zur verdienten 
Anerkennung geholfen zu haben. Kr sagt in dieser Beziehung: 

„Ich habe in dieser Schrift nachgewiesen, welchen Antheil 
Balduin von Lille an der Eroberung von England genommen hat, 
und habe dem Wilhelm von Ypern (dem Ersten und Berühmtesten 
der deutschen Condottieri, dessen Lingard auch nicht mit einem 
Worte erwähnt hat) den ihm gebührenden und einst ertheilten 
Ruhm, den König Stephan wieder auf den Thron gebracht zu ha- 
ben, wieder verschafft, und habe mich zugleich bemüht, den civi- 
lisirenden Einfluss, den die Filminger in England geübt haben, 
ins Licht zu setzen und ihre, wie der Brabanter, kriegerische re- 
berlegen hei t ausser Zweifel zu setzen. Ausserdem habe ich genau 
festzusetzen versucht, welche politische Verhältnisse zwischen den 
englischen Königen und den Grafen von Flandern sich bildeten, 
und habe summarisch berichtet, wie oft die Letztern in die Zwi- 
stigkeiten der Franzosen und Engländer Über die Normandie ge- 
mischt wurden.** 

Diese erste Abtheilnng füllt den Raum von S. ,38.3 — 955. Dte 
zweite, welche sich mit den Flamländern und Belgiern plebeji- 
schen Ursprungs beschäftigt, hat der Verf. selbst anf folgend« 
Weise von der ersten unterschieden. Er sagt: 

„In der ersten Abtheilnng, wo ich im Allgemeinen von dem 
XXXIII Jahr*. 2. Heft. |3 



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104 Ntmvellci Arrhi vi k hiitoriqur» et«, pur Hanr etc. 

Antheil handelte, den Fläminger ^nn/ verschiedenen Geblüts an 
der Eroberung von England nahmen, habe ich nur über eine ge- 
wisse Anzahl derer, welche sich im Lande niederlassen , Nach- 
weisung gegeben, nämlich von denen, welche von Gebnrt adlig 
waren, oder es nach der Eroberung wurden. Diese wurden durch 
ihre Tapferkeit oder durch ihren Reichthum bedeutend genug, dass 
die Chronikschreiber ihrer erwähnen, und auf diese Weise ihre Na- 
men der Vergessenheit entreissen mussten. Sie mussten sich auch 
desshalb darum bekümmern, woher diese Leute stammten und was 
sieh in verschiedenen Zeiten mit ihnen zugetragen hatte. Ich 
werde aber in dieser zweiten Abtheilung von den Flämingern han- 
delu, welche weder einen bekannten Namen noch Ahnen hatten, 
von Handwerkern und Ackerleuten, welche in ihrem neuen Vater- 
lande in ihrem alten Zustand nnd Verhältniss blieben, obgleich es 
in England damals nicht gerade selten war, dass der erste beste 
ganz gemeine Mann sich eines Lohns bemächtigte und seine Stelle 
unter den Rittern einnahm. Da diese gemeinen Fläminger von 
den Normännern durch Sprache und Sitten verschieden waren, und 
viele Verwandtschaft mit dem besiegten Volke hatten, so konnten 
sie von denen, mit welchen sie auf kurze Zeit zur Eroberung des 
Landes vereinigt gewesen waren, nicht gerade mit grossem Wohl- 
wollen betrachtet werden, da diese für sie immer Fremde blieben. 
Wilhelm dor Eroberer selbst musste diese Masse geringen Volks 
als ein sehlechtes Werkzeug betrachten, welches man zerbrechen 
darf, wenn man es nicht mehr gebraucht. Wahrscheinlich ver- 
dankten sie es daher, wie des Giraldus Commentator richtig be- 
merkt, nur dem Schutz der Mathilde und der ans Flandern nach 
England gekommenen Grossen, dass sie, nachdem die Eroberung 
gesichert war, noch weiter geduldet wurden- eto. 

Es ist sehr anziehend zu lesen, wie der Verf. der Abhand- 
lung die dürftigen Chroniken zu benutzen weiss, um vom Zu- 
stande der Classen Nachrichten zu sammeln, welche von den Schrift- 
stellern des Mittelalters mit sehr wenig Aufmerksamkeit betrachtet 
werden. Einen Auszug vertragt diese mit passender Kürze ge- 
schriebene Abhandlung nicht, man muss sie durchaus im Zusam- 
menhange lesen. 

Die zweite historische Abhandlung beträgt nur acht Seiten 
und soll als Ankündigung eines neuen Werks über die Geschichte 
von Belgien vom Herrn Moke, einem der Redactoren dieses Ar- 
chives dienen, doch scheint es dem Ref., als hätte Hr. Moke wohl- 
gethan, eine andere Stelle als die hier mitgetheilte über die Fran- 



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Ch Müller: Leu Barbaren, Uyaance et Korae. 195 

ken als Probe zu wählen. Wae auf den paar Seiten über die 
Franken gesagt wird, ist nicht blos unbestimmt, allgemein, langst 
bekannt, sondern ausserdem ungemein trivial; Ref. hofft daher, 
dass das Werk selbst, welches er noch nicht gesehen hat, besser 
ausgefallen seyn wird, als die hier gegebene Probe. 



Lea Harhams, liyzunce et Home par Christian Müller Dr. Genlve. 
Cherbuliez et comp. Libraires Parin mime maisan de commerce. Hut 
7WnonJ83f>. 133 & 8 

. • Der Verfasser dieser kleinen Schrift hat seit 1810. in Deutsch- 
land (in deutscher Sprache) eine Anzahl von zwölf Schriften be- 
kannt gemacht . unter denen wohl seine Reise nach Petersburg, 
seine Reise nach Griechenland, die beiden Bände über die Cam- 
pagna di Romn in Beziehung auf alte Geschichte, Dichtung und 
Kunst (Leipzig 1834.), und endlich das Forum Romanum (Stutt- 
gart 1824.) die bekanntesten sind; er hat hier eine recht leichte, 
fassliche Anleitung gegeben, wie man sich den Uebergang von 
der römisch-heidnischen zur christlich-germanischen Cnltur vor- 
stellen und erklären kann. 

Die kleine, auf die neuesten deutschen Forschungen gegrün- 
dete, obgleich durchaus populäre, ohne Citate und ohne Ostentation 
geschriebene compendiarisebe Uebersicht der innern Veränderun- 
gen im Osten und Westen zur Zeit des Einbruchs der Barbaren 
ist in drei Abschnitte getheilt. Der erste Abschnitt enthält Alles, 
was dienen könnte, wenn die Franzosen das gut und leicht ge- 
schriebene Büchlein lesen wollten, sie mit den Resultaten der neue- 
ren deutschen Forschungen über Urgeschichte, Poesie, Literatur, 
Sprache unseres Volks besser bekannt zu machen, als bisher ge- 
schehen ist Die Fantasten, die sich in Paris rühmten, deutsch zu 
verstehen, und die man Romantiker nennt, haben dem verstäniigen 
Theil unserer Nachbarn einen wunderlichen Begriff vom deutschen 
Treiben beigebracht, und unsere Landsleute würden sich sehr ir- 
ren, wenn sie glaubten, die Herren Michel et, Lerminier, Quinet 
u. A. hätten uns bei dem verständigen Theile der Nation auf 
die Dauer zu Ehre gebracht ; das ist eitel Geschrei einzelner Jour- 
nale und Zeitungen. Das angezeigte Büchlein könnte eher die- 
nen, den achtbaren Gelehrten der Franzosen einen Begriff von 
unserem Treiben zn geben. 

Der Verf. handelt zuerst im Allgemeinen von dem indischen 
Ursprung der Germanen, von der runischen Schrift, von Gesetz - 



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I 



lUf» Ch. Miller: Lei Barbaren. Rv/aiwc. et Rome. 

gebung, Gerichts- und Rcgierungs\ erfassung zu Tacitus Zeit, vom 
poetischen Geist, von deutschen Theogonien, vom Kriegsgesang:, 
von den Barden. Er verbindet mit der ältesten Poesie die in der älte- 
sten Zeit von Tacitus erwähnten ritterlichen Expeditionen der deut- 
schen Herzöge und ihrer Begleiter (der duces und der cohors ih- 
rer comitum) endlich auch die vielen Wanderungen der einzelnen 
Stämme, um den Ursprung der Ritterpoesie zu erklären, wozu er 
eine prophetische hinzufügt. Er ist übrigens weit entfernt (p. 25.), 
mit Michelet die Niblnogen auf Theodorich's oder Carls des Gros- 
sen Zeiten zurückzuführen, oder den Gesängen, welche dem spä- 
teren Gedicht der Nibiungen von diesen Zeiten her zu Grunde lie- 
gen mögen, grosse Bedeutung zu geben. Hernach geht er die 
Wanderungen der Gothen durch, erwähnt der Plünderung Horns 
and Athens, und geht dann auf diejenigen germanischen Herr- 
scher über, welche eine neue Civilisation begründeten. Bei dieser 
Gelegenheit erwfinnt er billig zuerst Theodorich und Amalasuntba 
und kommt dann auf Carl Martell. Am längsten verweilt er bei 
den romanisirten Angeisachsen. Er redet von ihrer Heptarchie, 
ihrer Gelehrsamkeit, ihren Klöstern, ihren bischöflichen Schulen 
und Bibliotheken, ihren Gelehrten und ihreu Missionären. Diese 
führt dann zu einer ausführlichen Andeutung der Verdienste der 
Benedictiner um die Civilisation von Deutschland. Ganz zuletzt 
kömmt Hr. Müller auf die deutsche Sprache zurück, und redet von 
ihren Quellen. Er wirft einen Blick auf das Samscrit, auf das 
Zend, auf das Griechische. Dann handelt er von den alten Wur- 
zeln der Wörter, von der Aussprache; vom Scandinavischen , von 
den alten Dialekten, Gothisch, Alemannisch. Angelsächsisch, Frän- 
kisch. Den Schluss machen die Artikel der Poesie des frühern 
Mittelalters; über die Edda und die Scalden, Hildebrand und Ha- 
dubrad, das Wesselbrunner Gebet, und endlich folgt ülfllas und 
seine Prosa. Angehängt sind Xotizen über Musik, Skulptur, Ma- 
lerei, Jornandes, Paul Winfrid, Bonifacius. 

Auf dieselbe Art, wie hier von Germanen, wird im zweiten 
Abschnitt von Byzanz , seinen Künsten und Wissenschaften im 
frühern Mittelalter, und im dritten von Rom, vom allmähligen Ver- 
fall seiner Künste und von ihrer Wiederbelebung im späten Mit- 
telalter gehandelt. 

In dem Augenblick, wo Ref. die lange Reihe dieser Anzei- 
gen neuer ihm mitgetheilter Bücher schliesscn will, erhält er ans 
der Buchhandlung eines alten, würdigen und um die Wissenschaft 
verdienten Freundes einige interessante Werke, von denen er drei 



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St rinnhol m: StaaUverfaasung und Sitten der alten Scandinavier. 19? 

• 

wenigstens nennen und flüchtig anzeigen will ; zwei andere, wahr- 
haft bedeutende und ganz, ausgezeichnete , aus denen er sehr viel 
zu lernen hofft und auf deren Erscheinung er lange geharrt hatte, 
inuss er erst mit Muse lesen, ehe er sie (was gewiss geschehen soll) 
in einem künftigen Hefte dieser Jahrbücher ausführlich anzeigen 
kann. Die beiden letztern sind : 

1. Dahlmanns Geschichte %*on Dänemark 1. und 2. Theil. 

2. von Rommel, Geschichte von Hessen 7. Band. 

Die andern Bücher des erwähnten Verlags sind: 

Wilkingstügc Stuatsvcr)uk*unz und Sitten der alten Skandinavier von 
A. M. St rinn ho Int. Aus dem Schwedischen von Dr. C. F. Frisch, 
Subrector am deutschen ftatlonal-Lyccum in Stockholm l. Theil Die 
Wilkinsszüge. Hamburg, bei Friedrich Perthes 346 & 8. 1839 

Mehrere gelehrte Schweden, die Ref. in dem letzten Jahr be- 
sacht haben, rühmten den Verf. dieses Buchs als einen grundge- 
lehrten Forscher der nordischen Alterthümer, sie sagten, dass er 
blos mit diesen Forschungen beschäftigt und auf Zusammentragen 
und Sammeln bedacht, von historischem Geiste wenig an sich ha- 
be, und diess Unheil wird durch das gegenwärtige Werk voll- 
kommen bestätigt. Von Gejiers Geist, von einem belebenden Athem 
ist auch keine Spur anzutreffen, dagegen ist Alles, was sich in 
Bezug auf Scandinavien und Skandinavier in irgend einer Chronik 
oder Sage des Mittelalters irgendwo findet, aufs Fleissigste und 
Genaueste gesammelt und so geordnet, dass man Alles sehr leicht 
auffinden kann, wenn man es nöthig hat. Ob sich gleich das Buch 
nicht so gut lesen lasst als Depping's Arbeit, so ist doch für eine 
leichte und schnelle Ueb ersieht des Ganzen und der Theile durch 
Abtheilungen, Abschnitte. Capitel und ihre Ueberschriften vortreff- 
lich gesorgt. Dieser erste Theil ist in zwei Abtheilungen get heilt; 
jede Abtheilung in Abschnitte und diese wieder in Capitel; alle 
Abtheilungen. Abschnitte und Capitel haben besondere Ueberschrif- 
ten. Die erste Abtheilung, welche in sechs Abschnitte zerfällt, 
hat die Ueberschrift : Züge der Skandinavier in die west- 
lichen und südlichen Länder vonE.uropa und JVieder- 
lassungen derselben, besonders inBritta nie n, Frank- 
reich, Italien und der Schweiz. Der erste Abschnitt die- 
ser Abtheilung handelt hernach in zehn ausführlichen Capitcln von 
den Wilkingszügen bis zum Jahre 863. Die zweite Abtheüung 
»•adelt, wie die, freilich etwas unbestimmte, Ueberschrift sagt: 



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um Ideler: Leben und Wandel Karl s de« Gronen, von Einhard. 

• » 

Von den Zügen der Skandinavier in andere europäische und aus- 
sereuropäischc Länder. 

Das zweite der erwähnten Bücher enthält ebenfalls fleissige 
und nützliche Sammlungen , aber nicht von Nachrichten , sondern 
mehr von Materialien und Actenstücken : 

Leben und Wandel Karl's de» Grotten, beschrieben von Einhard. Ein- 
leitung, Urschrift, Erläuterung, Urkundensammlung 1. Hand. Rintei-^ 
tung, Test, (ommentar. 271» S. 8. 2. Bund Ls l.uudemtammfung M*^ 
S.S. Herausgegeben von Julius Ludwig Ideler. Humburg und 
Gotha bei Friedrieh und Andreas Perthes. 1839 

Die Erscheinung dieses Werks hat den Ref. einigermassen 
befremdet, weil er daraus gesehen «hat, wie sehr er wohl oft in 
seinen Urtheilen über Bücher irren mag. Ihm schien es wider- 
sprechend, dass eine Uebersetzung des Eginhard, die höchstens 
für Leute, die gar keinen lateinischen Unterricht gehabt haben, 
bestimmt seyn kann, mit einer drückenden Masse von Gelehrsam- 
keit verbunden werde, die nur wenigen Gelehrten brauchbar seyn 
möchte ; er muss aber unstreitig darin irren, weil sonst ein so ein- 
sichtsvoller Mann, wie Perthes, das Buch schwerlich in Verlag 
genommen hätte. An Fleiss im Sammeln. Commentircn, Notenma- 
chen hat es Hr. Ideler wahrlich nicht fehlen lassen: ob er aber 
im Uebersetzen und Erklären glücklich gewesen sey, muss Ref. de- 
nen zu beurtheilen überlassen, welche mehr Lust, Zeit und Gele- 
genheit haben, sich durch die Masse durchzuarbeiten, als er. Dies 
werden am Ende wohl besonders die seyn, die wieder ein Buch 
über Carl den Grossen zu den vielen, die wir haben, hinzufügen 
wollen, und diese auf das vorliegende Buch aufmerksam zu ma- 
chen, ist der einzige Zweck dieser Anzeige. 

Das Dritte der Bücher, welche Ref. hier im Vorbeigehen zu 
nennen versprochen hat, ohne sich auf Lob und Tadel einzulassen, 
hat einen höchst unbestimmten Titel, und handelt von einer für 
Deutschland höchst unerfreulichen Periode. Die hier erwähnte, von 
Ludwig XIV. ausgehende Bildung und Literatur war eben so 
verderblich für uns, als das ganze französ ische Wesen und Trei- 
ben der Fürsten jener Zeit. In dieser Beziehung hat Ref. sogar 
über einen wahrhaft grossen und unsterblichen Mann, wie Leib- 
nitz war, seine eignen Gedanken. Ref. muss aus diesem Grunde 
Andern überlassen, die von Hrn. Guhrauer der Vorrede zu Folge 
in Paris gemachten, in diesem Buche enthaltenen Sammlungen, 
und die nicht weniger als 934 Seiten im zweiten Theile füllende« 



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Gohrauer: Ktirnainz 1«72. - Orcttchrl: Kirchl Zimt. Leiptigt. 199 



Beilagen, von Briefen. Projekten und Gott weiss, was noch sonst, 
näher anzuzeigen , oder <lon Inhalt zn beartheilen , er will blos 
durch Anzeige des Titels nuf die Erscheinung des Buchs auf- 
merksam machen: 

Kurmainz in der Epoche von 1H72. von Dr. G. I Ouhrauer. Hamburg, 
1839. Friedrich Perthea. 1. Theil 327 V Z Theil 354 &, mim! ich 120 
S. lest und 234 »V. Keila gen. 

Ausser den erwähnten Büchern war schon seit längerer Zeit 
dem Ref. eine ganz anspruchlose Schrift mitgetheilt, welche er hier 
am Scbluss ganz kurz anzeigen will, weil er aus den einfachen 
darin angegebenen einzelnen Umstünden einer grossen Verände- 
rung in einer wichtigen Zeit, um so viel mehr Belehrung gezo-' 
gen hat, je mehr es ihm überlassen blieb, aus den Nachrichten zu 
machen, was er wollte : 

Kirchliche Zustände Uipzigi vor und während der Hejormation im Jahre 
1539. von Dr. h. Chr. C. Gr * f c hei Leipzig 18*9. tatsche l'er- 
lagehand'.ung. 845 & kl. 8. 

Der Ilaupttitel fügt hinzu, dass der Verf. das Buch als einen 
Beitrag zur Reformationsgeschiehte der sächsischen Lande, und 
als Gedenkschrift der dreihundertjährigen Jubelfeier der Leipziger 
Reformation wolle angesehen wissen, so wie, dass es grössten- 
teils nach ungedrnckten Quellen gearbeitet sey. Der letzte Um- 
stand gibt dem Buche besonders einen Werth, da fast jede Seite 
eine Anzahl specielier Notizen enthält, welche den Forscher und 
Kenner zu einer unmittelbaren Anschauung und zu einer hand- 
greiflichen Wahrheit leiten können, die er aus breiten, romanhaft 
ausgemalten Darstellungen nicht schöpfen kann Bücher dieser 
Art, welche von einzelnen Orten und einzelnen Menschen die Be- 
sonderheiten ans Licht bringen, und den Uebergang von einem 
zum andern Zustande durch Dinge, welche dem Auge des ge- 
wöhnlichen Lesers Kleinigkeiten scheinen, anschaulich machen, sind 
mehr als alle Tractate, Urkunden, Notariatsinstromente eigentliche 
Quellen der Menschengeschichte in ihrem wahren Sinn. 
Die erste Abtheilung des Buch« enthält alle Nachrichten über die 
zahlreichen geistlichen Stiftungen Leipzigs vor der Reformation, 
nämlich das Thomasstift, das Dominicanerkloster zu 
&t. Panl, das Franziscanerkloster, die Benedictin e- 
rinnen zu St. Georg, die Begbinen, das Bernhardiner- 
kloster. Darauf folgt in der zweiten Abtheiluog erat ein Ab- 



« 



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ZOO Wachsmuth: Grundriae der allgemeinen Geschichte 



riss der Begebenheiten während der Jahre 1&37 — 1539.; dann die 
Geschichte der Einführung der Reformation in Leipzig, mit allen 
kleinen, ans den Urkunden entlehnten charakteristischen Zügen von 
8. 944 — 294. Den Scbluss macht ein Anhang sehr interessanter 
Urkunden und Documente und ein Abdruck von Luthers erster 
Reformationspredigt in Leipzig. 

Grundriu der allgemeinen Geschichte der Kölker und Staaten von W. 
W ae hsmuth , ordentlichem Professor der Geschichte su Leipzig. 2te 
umgearbeitete Ausgabe. Leipzig 1859. 354 S. gr. 8. Wilhelm Engel- 

Der berühmte Name des Verf. und der Gebrauch wird diess 
Buch besser empfehlen, als Ref. zu tbun im Stande wäre, doch 
bemerkt er, dass eine Anzahl Fehler, die mnn bei einer so um- 
fassenden Arbeit leicht entschuldigen wird , der Aufmerksamkeit 
des Verf. beim Druck entgangen waren, dass er riesshalb die Be- 
richtigung derselben auf einem besondern Bogen nachgeliefert hat. 
Der Zweck dieser Anzeige ist daher besonders, die Leser und 
Beurtheiler des Grundrisses auf diesen Bogen aufmerksam zu ma- 
chen, damit sie die an sich unbedeutenden Versehen erst berich- 
tigen, ehe sie von dem Buche Gebrauch machen. 



*) Da sich in meiner im ersten Doppclheft dieaea Jahrgangs derJahrbb. 
befindlichen Recenainn einige Druckfehler cingearhlichen haben, ko bitte 
fch die Leaer, dieselben nach Folgendem zu licrirhtigcn : 

S. 38. Z. 17 von oben 1. Tüchtigkeit statt Tüchtigkeit — S. 
89. Z. 18. von oben 1. einatürzt statt e i n a t ü r t z X. — S. 40. Z. 17. 
von obeu 1. laaaen statt laaseo. — S. 41. Z. 13. von oben 1. zusam- 
menhängenden statt zusammenhängende. — S. 42. Z. 5. von 
oben 1. S. atatt R. — S. 44. Z. 4. von oben 1. wiedergegebenen statt 
wiedergegeh e non; Z. II. von oben 1 man hier atatt rnanrher; 
Z. 4. von unten 1. Augenblicken atatt A uge n b 1 i h k en ; Z. 1. von 
unten 1. auasurichten atatt a u a i u ri c h t n n. — S. 4fi. Z 6. von oben 
1. U ebergab c statt Uehergabe; Z. 18. von oben 1. gewöhnli- 
chen statt gewöhn lick en . — S 47. Z. 11. von oben ist jene zu 
streichen; Z. 12. 1. sich zeigende statt zeigende; Z. 14.1. deut- 
lich statt deutlieh; Z. 1. Deutschland statt Deutechlaud; Z. 
20. 1. ich statt ieh; Z. 15. von unten 1. irgend statt irgeud. — S. 
49. Z. 14. von unten 1. Vielseitigkeit statt Vielsei tigk ett 



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Prokesch von Osten, Ocnkwürdi^kk u Erinnerungen au» d. Orient. 201 

Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aut dem Orient, von Ritter 
Prokesch von Outen. Aus Jul. Schneller'* J\ ach läse herausgegeben 
von Dr. Km et Münch. Dritter und letzter Band; fM>8 S. Stutt- 
gart, Hallbcrzer'sche I erlagshandlung. 1837. in 8. 

Schon beim Erscheinen der beiden ernten Rande dieser Denk- 
würdigkeiten versuchten wir eine Charakteristik des Verfassers zu 
entwerfen, und zugleich umständlich über dessen Standpunkt. Rich- 
tung und literarische Hülfsmittel zu berichten *). lind wenn wir 
bei jener Veranlassung* dieses Werk als eine der besten Quellen- 
schriften für künftige Geschichtschreiber des neuen Griechenlands 
bezeichnet haben, so finden wir nach Durchlesung dieses dritten und 
letzten Bandes nicht nur keinen Beweggrund, das erste Urtbeil in 
irgend einem wesentlichen Punkte umzustossen , sondern könnten 
im Gegentheile noch eine gute Anzahl Belege liefern, dass wir 
Inhalt und Werth des Buches richtig dargestellt, und weder in 
Lob noch in Tadel das Maass überschritten haben. Ein Magazin, 
ein Gedankendepot, in welchem Hr. Prokesch die Eingebungen des 
Augenblickes, die ersten Eindrücke, wie sie ihm das rasche Spiel 
eines Wechsel vollen und bewegten Lebens zwischen Konstantino- 
pel und Alexandria, Sardes und Navarin lieferte, ohne Kunst, ohne 
Ordnung und Plan niederschrieb! Diesem Charakter, den wir 
früher als den hervorstechendsten des ganzen Werkes bezeichne- 
ten, bleibt der grössern Hälfte nach auch dieser letzte Band ge- 
treu. Nur von 1 — 227 verzichtet er auf die frühere Selbststän- 
digkeit, und mühet sich handwerkmassig ab, nicht nur ein topo- 
graphisches Bild der türkischen Hauptstadt mit ihrer Umgebung 
zu entwerfen, sondern die türkische Nation selbst in ihrer bür- 
gerlichen und militärischen Gesetzgebung, in ihren Sitten und Ge- 
brauchen nach Sultan Suleimans Canon, nach Muradgea d'Ohson, 
Lechevalier und andern wohlbekannten und von jedermann ausge- 
beuteten Druckschriften zu schildern. Diesen langen Traktat kön- 
nen wir in unserer Anzeige um so leichter mit Stillschweigen um- 
gehen, da er einerseits nichts Neues lehrt, und andrerseits Dinge 
zur Sprache bringt, die man ohne l eberdruss nicht mehr der Kri- 
tik unterwerfen kann. Denn wer ist heutzutage nicht in Kon- 
stantinopel gewesen, wer weiss nicht als Augenzeuge von den 
luftigen Sommerhöhen der Prinzeninseln, vom dunkeln Cypressen- 
walde in Skutari, von dem musikalischen Sausen des Bosporus, 
vom goldenen Horn, von der grossen Platane oberhalb Therapia, 



') Münchner gelehrt« Anzeigen. Jahrgang 1837. 



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202 l'rokeflch ?on Osten, Dt-nkwiirdigkl. n Erinnerungen au« d. Orient. 

von Sultan Mnhmuds Neuerungen, von Hunkiär Iskelessi. von den 
Cyanen, von St. Sophia und der alten Wasserleitung des Kaisers 
Valens zu reden? 

Wenn nnn aber aueh in Styl und Anlage dieser dritte Theil 
ganz den beiden vorangegangenen gleicht, so ist der Verf doch 
in einem Punkte, wie es scheint, nicht mehr derselbe geblieben. 
Wenn er früher seine Neigung zwischen Griechen und Türken 
mit gerechtem Sinne theilte. auf beiden Seiten Gutes uud Böses 
erlrannte, und gleichsam noch unentschieden zwischen seinen aus 
Enropa mitgebrachten Vormeinungen und den taglichen Lehren der 
Beobachtung hin- und herschwankte, so ist er jetzt zu einer blei- 
benden Ueberzeugung gekommen und hat in seinem Herzen ent- 
schieden. — ob mit Recht oder Unrecht, mag jeder selbst er- 
messen. — auf welcher Seite ein grösserer Fond von National- 
würde und bürgerlicher Tugend, und folglich sicherere Bürgschaf- 
ten einer geordneten Zukunft liegen. Uns scheint Hr. Prokeeeh 
in diesem Theile dem türkischen Volke holder als dem griechi- 
schen zu seyn, und in Beurtheilung der grossen politischen An- 
stalten zur Paciflcation des Orients die Meinung der englischen 
Tory zur seinigeti gemacht zu haben, nur mit U'em Unterschiede, 
das« bei ihm Liebe und Hass ihre Quelle nicht in politischer Ei- 
fereuoht und erblichem- Stellenneide , sondern im naturlichen Ge- 
fühle für Recht und Unrecht, so w ie in dem ungleichen Kindnicke 
haben, den mannhafter Sinn im Gegensatze der Muthlosigkeit 
und des entschiedensten moralischen Unwerthcs, wie er auf einer 
Seite bemerkt haben will, in allen unparteiischen Gemüthern lier- 
rorbringen. Seiner Meinung nach hätte man die Griechen in der 
schrecklichen Krisis von iS27. ihrem Schicksale überlassen und 
die Osmanli nicht gegen alles Recht und alle gesunde Staatsklug- 
heit bindern sollen, das volle Gewicht ihrer Herrschaft auf das in 
Muthlosigkeit hingesunkene Griechenland fallen zu lassen. Wa- 
• rum seyd ihr gekommen? was wollen eure Schiffe? Die Grie- 
chen haben sich selbst aufgegeben, zittern feldflüchtig vor dem 
Türkensäbel , haben nur noch Muth, sich selbst in bürgermörderi- 
schem Streite zu zerreissen und als Seeräuber eure Schiffe zu 
plündern. Warum wollt ihr die aufblühende Seemacht der Mo- 
hammedaner wieder vernichten und dadurch ihren grossen politi- 
schen Rivalen in die Hände arbeiten? Sollen etwa griechische 
Mistiks und Seeräuberbarken sieh einst den Flotten von Sewastopol 
widersetzen und die türkische Hauptstadt gegen ihre nordischen 
I-fcinde vertheidigen ? Wae hat euch der Türke zu leid gethan? 



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% 



Prokeach von Oiten. Deokwürrii^kk- u. Erinnerungen au« d. Orient. 20Ji 

lernt er jetzt nicht eure Künste? sucht er nicht sein Regiment 
nach dem Vorbilde des eurigen zu modeln, wahrend der Hellene 
eben so anmassend als muthlos sich über Krankenthum lustig 
macht, und euch mit Hinterlist nicht nur das Gold aus der Tasche, 
sondern auch noch den Verstand aus dem Kopte nimmt V — Die- 
ses sind nicht wörtlich ausgeschriebene Texte des Hrn. Prokesch, 
aber doch die leitenden Gedanken seiner Korrespondenz aus den 
griechischen Gewässern während der verhängnissvollen Jahre 1890, 
1827 und 1828, in welchen das blutige Drama mit dem Auftreten 
des Grafen Kapodistrias in Morea schloss Nicht zufrieden, das 
türkische Reich auf Kosten aller hellenischen Empfindungen des 
Abendlandes zu erhalten und zu kräftigen, will Hr. Prokesch in 
diesem Theile seiner Denkwürdigkeiten auch der mohammedani- 
schen Religion ihre alte Scharfe, Ausschliesslichkeit und Unduld- 
samkeit gegen fremdes Dogma gesichert wissen. Seiner Meinung 
nach soll ein Bekenner des Islam niemals einräumen, dass der 
Pentateuch oder das Evangelium seine Schüler ebenfalls auf den 
wahren Weg zur Gerechtigkeit lenken, und dass Verschiedenheit 
des Glaubensbekenntnisses keinen plauaibeln Grund zu dogmati- 
scher Feindschaft liefern könne. Religiöse Toleranz scheint Hrn. 
Prokesch mit gewisser Beschränkung nur im täglichen Lebensver- 

* 

kehr, nicht aber im Princip zulässig; «lies politische und religiöse 
Weltbürgern Im m ist ihm verdammungswerther Greuel; ein Ver- 
schwimmen und Verwaschen alles kräftigen Naturgepräges, die 
Quelle der Irreligiosität, der Selbstsucht, der Gleichgültigkeit für 
die thenersten Lebensgüter. Durch Duldung, meint Hr. Prokesch, 
sey keine Religion gegründet worden, und jede habe damit zn 
sterben begonnen. 

Man sieht, unser Verfasser ist ein entschiedener Mann; er 
will, dass man kalt oder warm, aber nicht dass man lau sey, nnd 
den Vorzug einer Religion vor der andern blos in der That und 
nicht zugleich im Dogma selbst suche. 

Dieses Glaubensbekenntniss entlockte ihm vorzüglich ein He- 
sueh bei dem Vorsteher der Derwische zu Salonichi, Mehemet-Ah 
Elendi mit Namen. Dieser Mann zeigte im Gespräche grosse Frei- 
müthigkeit, praktische Vernunft, Offenheit, Licht und Duldung. 
,,Wir sind alle Gottes Kinder, 14 sagte er, „Christen. Türken, Ju- 
den etc. Es ist nur ein Gott; Christus, Mohammed, Moses sind 
Lehrer und Propheten. Ohne Gott kann niemand einen Finger 
rühren. Er weiss es, warum er die W elt so eingerichtet hat. W ir 
aber müssen uns alle wohlthun unter einander, nicht hassen.*' So 

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! 

204 Prokench von Osten, Dcnkwftrdigkk. u. Erinnerungen au« d. Orient 

gerne man solche Worte aua dein Munde eines Türken höre, so 
glaubt Hr. Prokesch doch einen solchen Grad universeller Tole- 
ranz als verderblich zurückweisen zu müssen. Wir sind über- 
zeugt, dass im ersten Augenblicke nicht jedermann das in der 
türkischen Phrase versteckte Gift zu entdecken vermöge. Bringt 
man aber mit Prokesch's Axiom eine Stelle in Verbindung, die man 
bei einem letzhin im christlich-monarchischen Kuropa mit Beifall 
begrüssten Schriftsteller liest, so wird man linden, dass Hr. Pro- 
kesch nicht etwa allein dieser Meinung folgt. „Le cosmopolitisrae, 
schreibt Hr. Michael Chevalier, est generalement un signe 
de decadence dans Techelle des nations, comme la tolerauce re- 
eigieuse est un symptöme de I 1 a f f aib I issement des 
croy ances" *). Will aber namentlich Hr. Prokesch uns in die- 
ser Stelle seine Betrübniss über die Niederlage des Islam und das 
allmalige Abstumpfen seiner ursprünglichen Scharfe zu erkennen 
geben, und gleichsam den Wunsch ausdrücken, der Gegensatz 
zwischen Christ und Mohammedaner möchte heutzutage noch eben 
so scharf wie vormals dastehen, so könnte man ihm seinerseits mit 
noch viel grösserem Nachdruck den Vorwurf machen, dass er, von 
politischer Arithmetik bethört, den Triumph des Evangeliums über 
seinen giftigsten Gegner hemmen, wonicht gar auf ewig unmög- 
lich machen will Sind ihm denn in ihrer Beziehung auf Wohl 
und Wehe des menschlichen Geschlechtes Evangelium und El-ls- 
lam von gleichem WertheV Man könnte fragen, warum Hr. Pro- 
kesch, der doch in den vorangehenden Bänden mit so unparteii- 
schem und gerechtem Maase Lob und Tadel unter Türken und 
Griechen zertheilt, ja sogar bisweilen noch einen leisen Anltug 
vom Schulenthusiasmus jener Periode trug, am Ende seiner Schrift 
diesen billigen Sinn verlasst, allen Glauben auf das griechische 
Volk verliert, und im Gegensatze mit seiner Zeit die erbleichende 
Herrschaft des Halbmondes wieder zu Kraft und Ehren bringen 
will ? Vier Dinge scheinen uns diese Verwandlung hinlänglich 
zu erklären: i) Der Aufenthalt des Verfassers in und um Kon- 
stantinopel; 2) Die kriegerischen Begebenheiten vor Athen im 
Frühjahre 1827.; 3) Der persönliche Verkehr mit Ibrahim-Pascha, 
und 4) Die Anfänge des Grafen Kapodistrias in Griechenland. 

Liest man das Urlheil, welches Hr. Prokesch am Schlüsse 
seiner langen Korrespondenz aus Koustnntinopel über das alt-by- 
zantinische Reich (Bas Empire, Griechisches Kaiserthum) t fällt 



') Lettre inr l Ämdrique du Nord. Vol. 2. pa ? . 412. Brauel 1831. 



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Prekcsoh \on Outen. DcnkwürdigkL u Krinnerrongen aus d. Orient. 205 

möchte man glauben, er habe nieht etwa nur einen flüchtigen Blick 
in die Jahrbücher der historia byzantina geworfen, sondern den 
Inhalt ihrer Blatter längere Zeit zum Gegenstand seiner Studien 
gemacht. Seiner Meinung nach ist dieses byzantinische Christen- 
reich, ans welchem Gesichtspunkte man es immer betrachte, „das 
die Menschheit entehrendste Blatt des traurigen Buches der Ge- 
schichte. Zu welcher Verzerrung und Entartung, Herschervergöt- 
terung und Pfaflentrug führen, stehe darauf mit Blut und mit 
Thränen von Millionen eingezeichnet. Leider sey dieses byzan- 
tinische Wesen noch immer mit tiefen Zügen in den Charakter 
des Volkes geschrieben, und Jahrhunderte haben diese moralische 
Pest noch nicht aus den Enkeln derer getrieben, welche einst un- 
ter dieser niederträchtigen Herrschaft lagen, ja selbst die gegen- 
wartig daselbst regierende Türkendynastie habe ihre grausamsten 
Gebräuche als ein Erbstück vom griechischen Kaiserthum erhal- 
ten." In dem letzte! Satze dieser Stelle sagt Hr. Prokesch viel 
mehr, als er vielleicht dabei denkt; nicht etwa nur einige Prakti- 
ken, sondern das ganze Gezimmer des türkischen Reiches, die Ein- 
theilung der Provinzen, die Hierarchie des öffentlichen Dienstes, 
die Namen der Aemter. die Form der Polizei und der Municipal- 
verwaltung, Beamtenwechsel, Stellenverkauf und Hofceremoniel, 
Gerechtigkeitspflege, Militärdienst und Steuererhebung sind bis auf 
die neueste Zeit — nur mit türkischer Benennung — byzanti- 
nisch geblieben, so dass die Herrschaft der Osmanli eigentlich 
nur eine Palastrevolution, ein Regierungs- und Dynastenwechsel, 
oder noc.1 besser, eine politische Restauration und Wiederbelebung 
der alten Monarchie der Justiniane und komnenen mit ihren An- 
sprüchen universeller Welt - Herrschaft war. Das Leben, wel- 
ches die Osmanli-Dynastie, durch Beseitigung des verfaulten Pa- 
laologenstammes , der byzantinischen Staatsmaschine einhauchte, 
gährte durch alle Theile mit solcher Frische, fand mitten in der 
Anarchie und Auflösung bürgerlicher Ordnung solche Elemente 
der Kraft, dass man in kurzer Frist nicht nur die alten Grenzen 
des byzantinischen Reiches zwischen dem adriatischen und persi- 
schen Meere unter der neuen Fahne wieder gewann, sondern die 
Furcht vor dieser restaurirten Monarchie der Theodosiusse weiter 
als je unter den christlichen Padischaben auf der Erde vordrang. 
Slaven , Griechen und Arnauten lieferten den grössten Theil der 
siegreichen Türkenheerc, und die Sultane fanden l'eberfluss an 
tapfern Männern und genialen Feldherrn in denselben Landern, 
die unter dem Seepter der armseligen Palaologen oder der obscu- 



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200 Prokesth von Omen. Denkwürdigkk. u. Erinnerungen not d. Orient. 

ren Dynasten aus dem Abendlande Kriegerisches Wesen und Ge- 
schick völlig vergessen hatten. Wie will man nun dieses erklä- 
ren? Die lateinischen Christen mit ihrem Heldenmuthe utid dem 
ganzen Reichthum der germanischen Natur vermochten Konstantia 
nopel nicht langer als 58 Jahre, das eigentliche Hellas aber — 
und diese* hauptsachlich wegen seiner excentrischen und dem Ein- 
flüsse der Hauptstadt weniger ausgesetzten Lage, mit Kraft nicht 
viel länger zu bewahren, wahrend die Osmanli seit mehr als 400 
Jahren mit ihrer, nach unserer Meinung, sehr millelmässigen Staats- 
kunst, sich als Herrn der ganzen alten Monarchie des Theodosiiis 
behaupten. Seheint es nicht, dnss jeder Thron, der unter jenem 
Himmelsstriche bestehen will, sich auf die uralten, seit fünfzehn- 
hundert Jahren daselbst geltenden, und gleichsam in Blut und Le- 
ben jener Völker eingedrungenen politischen Gewohnheiten und 
Verwaltungstheorieen stützen müsse, und dass — wenigstens bis 
auf die neueste Zeit — ein Murad, ein Sftileiman mit ihrem 
Diwan und ihren Janitscharen-Ortas grössere Sympathie und dau- 
erhaftere Macht gefunden habe, als einst der tugendhafte Bal- 
duin von Flandern oder der kriegerische Johann von Brienne mit 

« 

all ihrem menschenfreundlichen Sinn und ihren persönlich unbe- 
siegbaren Rittersehaaren Y Statt einen ureinsässigen . der Politik 
des Occidents von Anbeginn feindlich entgegengesetzten byzantini- 
schen Reichsgenius anzuerkennen, erzürnt sich Hr. Prokesch über 
Herrschervergötterung und Pfaffeutrug. 

Erster, nnd man möchte sagen einziger Zorngrund, der die 
abendlandischen Schriftsteller gegen das griechische Reich ent- 
flammt, bleibt immer der standhafte Sinn, mit welchem es die zu 
verschiedenen Zeiten daselbst eingedrungenen Elemente lateini- 
scher Herrschaft, Sitte und Kirche zurückwies, absorbirte oder 
auswarf. Wie kann man nun aber ein mehr als anderthalbtau- 
sendjähriges Volksleben als Frucht gemeinen Pfaffentrugs erklä- 
ren? Man lebt und man vertheidiget sich gegen geistige und ma- 
terielle Angriffe nicht so lange blos mit Hülfe schlechter Künste: 
es rnusB sich hier ein eigefikräftiges Aationalleben gebildet haben, 
um ein Phänomen dieser Art hervorzubringen. 

Der Gegensatz zwischen Orient und Occident scheint aber in 
Auffassung der religiösen Idee nicht weniger als der politischen 
and philosophischen auf einem höheren Gesetze zu beruhen und 
daher unausgleichbar zu seyn. Das Christenthum. im Abendlande 
geläutert, beweglich und eine lange Reihe von Verwandlungen 
durchlaufend , ewig schaffend und befruchtend, bildete sich dage- 



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Pro Um h von Oiten, lii nkuurdi^kk. n. Krinnerunpen au« d. Orient *07 

gen aus den Ländern des östlichen Reichs ein unverwüstliches 
Gewand, gleichsam ein diamantenes Haus, um darin ewig /u woh- 
nen, sieb selbst gleich und sicher gegen die Wirkungen der alles 
verwandelnden Zeit. • Konstantinopcl, laut dem byzantinischen Ge- 
setzbuche auf ausdrücklichen Befehl Gottes erbaut*), ist gleich- 
sam die Burg des neuen Gottesstaats , Hauptstadt des Erdkreises 
und irdische Residenz Jesu Christi, den dasselbe Gesetz für den 
wahren und rechtmässigen Imperator des Orients, und somit der 
ganzen Erde erklärt. Die Justiniane, die Heraklius, die komne- 
nen und Paläologen waren dem Staatsrechte nach nur Substitute 
und irdische Collegen des himmlischen Basilevs, und nannten 
sich in ihren Dekreten nicht ,,von Gottes Gnaden», sondern ,.Chri- 
stus liebende und von Christus gekrönte Monarchen des Erdkrei- 
ses", ertheilten den kaiserlichen Segen (benedictio papslis der 
Abendländer), erklärten in festgesetzten Tagen ihren llofleuten 
und Grossen das Evangelium als den eigentlichen Reichscodex, 
und besassen von Rechtswegen die Gabe der Mirakel. 

Man hat oft genug erinnert, riass die christliche Lehre ihre 
Wurzel zuerst in den untersten Reihen der bürgerlichen Gesell- 
schaft sehlug, von den armen und unwissenden Classen des Vol- 
kes nach und nach bis zu den obersten und intelligentesten stieg, 
und sich endlich gar auf dem kaiserlichen Throne niedersetzte. 
Im byzantinischen , oder mit andern Worten , in der noch immer 
bestehenden Osthälfte der römischen Weltmonarchie erhielt sich 
dieser ursprüngliche Charakter des Christianismus un verwandelt und 
ungeschwächt bis auf den heutigen Tag — versteinertes Evangelium 
und wahre Demokratie der Masse, vor welcher sich Wissenschaft 
und Macht demnthig in den Staub legten. Alle Versuche einer 
Reform, Umgestaltung oder Emancipation der Intelligenz und der 
Staatsgewalt, die man von oben herab im achten und zwölften 
Jahrhundert mit seltener Beharrlichkeit unternahm, scheiterten am 
erstarrten Sinn des neutestamentarischen "O^A << s von Byzanz. 
Eben so obstinat und eben so siegreich wie gegen alle Reform 
im Innern, wurde auch gegen die wiederholten Angriffe der mäch- 
tigen Kirche des Abendlands gestritten, und ihr Dograa, ihre Dis- 
ziplin, ihre Kriegsheere, ihre Friedensworte wie ihre Drohungen 
zurückgewiesen; ja bis auf den heutigen Tag hat die byzanti- 
nische Kirche den lateinischen Occident amtlich noch immer nicht 
als zum Christenthum gehörig anerkannt. Man kann über einen 



•) Cod. Thtod Iii» V. 



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208 Prokctch von Osten, Denkwurdigkk. n. Erinnerungen au« d. Orient. 

solchen Starrsinn vielleicht lachen, vielleicht sieb anch erzürnen; 
er bleibt aber nichts desto weniger eine wichtige Erscheinung, 
vielleicht sogar eine wichtige Phase im Entwicklungsgang der 
christlichen Lehre als Gegengewicht und Hemmschuh dem um- 
wälzenden Sinn der abendlichen Welt entgegengestellt. Bedenkt man 
auch noch, dass heute mehr als sechzig Millionen Menschen und 
ein frisch aufblühendes Weltreich dieser Meinung huldigen, und 
gleichsam mit den Waffen in der Hand das starre Glaubensbe- 
kenntniss der Anatoliker zu stützen bereit sind, so darf man mit 
Beseitigung alles Leichtsinnes hierin vielleicht den Keim einer in» 
haltsvollen Zukunft erkennen. Denn eine reine, langefort ohne 
Aenderung und ohne Schwanken, in guten und bösen Tagen gleich 
festgehaltene Meinung besitzt zuletzt eine unwiderstehliche Kraft, 
nicht blos zur Verteidigung, sondern auch zum Angriffe, beson- 
ders wenn sich eine intelligente Leitung des Ruders bemächtiget 
und ein genialer Mann sich- an ihre Spitze stellt. „Moskwa," 
sagte am Ende des 16. Jahrhunderts der Grossfürst Boris Godunow, 
„ist seit Konstantinopels Fall das wahre orthodoxe Rom gewor- 
den, und alle Gläubigen der griechischen Kirche mussten für den 
Tzar von Moskovien beten, als den einzigen christlichen Souve- 
rän auf dem Erdboden." — Die Wiedergewinnung der geheilig- 
ten Stadt Consfantiu s , des Ursitzes und Mittelpunktes des wah- 
ren Glaubens, gilt nicht nur als unverjährbares Recht, sondern als 
vorzüglichste Regentenpflicht der Nachfolger Godunow s. Und 
diese religiöse Aufgabe hat einen um so höhern Reiz, und ist um so 
leichter zu erfüllen, da sie mit den politischen Gefühlen, oder viel- 
mehr mit dem Nationalinstinkt der slawischen Völker zusammen- 
fällt. Namentlich aber scheint jener eben so zahlreiche als krie- 
gerische Stamm, der heutzutage an der Spitze der Slawen steht, 
die ausdrückliche Mission zu besitzen, die irdische Residenz Chri- 
sti in seine Gewalt zu bringen. Der bleibendste und unzerstör- 
barste Zug im Leben dieses Volkes ist sein Streben Tsarigrad 
einzunehmen und seine Wohnsitze in den Ländern des byzantini- 
schen Reiches aufzuschlagen. Mit nicht zu besänftigender Wuth 
ängstigte es zwei Jahrhunderte lang (von 9 — Ii saecul.) Con- 
stantinopcl durch seine Heerzüge, und weder Unglück noch Be- 
kehrung zum Christenthum konnte seinen Arm entwaffnen. 



(Fortsetzung folgt.) 



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N*. 14. HEIDELBERGER 1840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Prokesch von Osten, Denkwürdigkeiten und Erinnerungen 

aus dem Orient 

(For Setzung-) 

Nur Bürgerkrieg und Tartarenjoch verschafften den Byzanti- 
nern von dieser Seite endlich Ruhe. Aber kaum waren diese Hin- 
dernisse überwunden^ als sich der eiogeborne, unwiderstehliche 
Hang am Bosporus niederzulassen, an diesem Volke mit erneuter 
Kraft sich offenbarte, und wie in den Zeiten der Grossfürsten 
0 le £> Ig° r ? Swätoslaw und Jaroslaw, Herz und Mittel- 
punkt seines politischen Lebens wurde. 

Warum sind einst die germanischen Gothen unter Alarich nicht 
in der byzantinischen Halbinsel sitzen geblieben, da sie doch von 
der Donau bis an die Südspitze des Peloponneses alles Land un- 
terjocht und dessen religiöse Verwandlung bereits mit Schwert 
und Brandfackel begonnen hatten? Trieb sie das Verhängniss, 
oder eine unmittelbare Lenkung der Vorsehung, oder ein inwoh- 
nendes Gefühl ihrer Zerstörungsrolle in das Abendland? Sie hat- 
ten das griechische Reich germanisirt, germanisches Blut und bild- 
nambewegliches Wesen in den Schoos der anatolischen Kirche ge- 
legt. Warum sind aber nach ihnen auch ihre Brüder, die helden- 
mütigen Ostgothen, unter Theodorich daselbst mitten auf der 
Siegesbahn stille gestanden, und warum hat am Ende noch das 
deutsche Kernvolk der Longobarden, nach langem Verweilen am 
Rande des byzantinischen Reiches, seinen Lauf abendwärts ge- 
lenkt? .Sollte man nicht glauben, der griechische Boden sey von 
jeher und durch höhere Verfügung ein für unsere Race verbotenes 
Land, und dagegen jenem Volke freundlich zugesagt, welches seit 
dem Beginn der historischen Zeit in Buropa allzeit als Dränger 
an den Fersen des Germanen hing! 

Und wenn nun Daseyn und Fortbestand der anatolischen Kir- 
che im Gegeosatze der abendländischen als noth wendiges Glied in 
der Kette menschlicher Gesittung fignriren soll, wie es nach den 
Ereignissen der letzten fünfzehnhundert Jahre den Anschein hat, 
so dürften alle Versuche des Abendlandes diese dnrob höhere 

XXXI II. Jahr*. 2. Heft, 14 



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210 Prokeach von Orten, Dcnkwurdigkk. o. Erir.uerungen aut d. Orient. 

Gesetze bestellte Weltordnung zu stören, auch in Zukunft ohne 
Wirkung bleiben. 

Was Hr. Prokesch* an den Cäsaren und am Clerus von By- 
zanz so bitter tadelt , war nnd ist eben das Kleinod der anatomi- 
schen Kirche nnd Politik, der Kern ihres Gesetzbuches und die 
Grundlage alles geistigen Lebens, deren Umwandlung dem byzan- 
tinischen Volke — so weit man seine Geschichte kennt — niemals 
in den sinn gekommen ist. Unterhaltend — wenn man die Bege- 
benheiten auch von diesem Standpunkte aus betrachtet — werden 
seine Annalen für uns wohl niemals seyn, weil die morgenlän- 
dische Rinde, unter welcher daselbst das öffentliche Leben schlum- 
mert, dem beweglichen Gcmüth der Abendländer von vorneherein 
verhasst und langweilig erscheint. Auch wird man uns nicht leicht 
uberreden, dass tausendjähriges MÖnchsgczänke über Gegenstände 
christlicher Dogmatik „für die ganze Menschheit wichtig und heil- 
bringend" war, wohl aber kann das Corpus Byzantinum eine po- 
litische Schule werden, und einem der beiden grossen Principien, 
die sich um die Herrschaft der Welt befehden, als frische Grund- 
lage dienen und zugleich eine traditionelle, und in ihrem Sinne 
classische Benennung liefern. Der liberalen, der germanischen 
Schule stelle man die byzantinische entgegen. Und wenn übri- 
gens auch Hrn. Prokesch's Schlussbemerkung über oströmisches 
Staats- und Kirchenwesen nicht empfehlend ist, wird man gleich- 
wohl nicht läugnen, dass ein die schönsten und merkwürdigsten 
Länder des alten Kontinents umfassendes Reich, in welchem nach 
dem Codex Jesus Christus als Imperator regiert, und in seinem 
Namen geistliche und weltliche Theologen die Geschäfte verwal- 
ten, ein merkwürdiges und lehrreiches Schauspiel sey. 

In Byzanz hat man zuerst im Grossen die Probe gemacht, 
wie und wie weit sich das Evangelium auf Einrichtung und Le- 
bensprozess der bürgerlichen Gesellschaft anwenden lasse; oder 
vielmehr, die Menschen daselbst haben gezeigt, wie sie mit dem 
himmlischen Geschenke zu wirtschaften verstehen. Hätte Hr. Pro- 
kesch die Frage von dieser Seite betrachtet, so wäre er mit sei- 
nem Urtheile, mit Verdammung und Brandmarkung in Masse viel- 
leicht zurückhaltender gewesen 

Historisch kennen wir von dieser grossen Monarchie bisher 
nur die wichtigeren Lebensakte der Hauptstadt, die Scenen des 
kaiserlichen Palastes, die theologische» Provinzial- und Reichs- 
versammlungen, und im Allgemeinen das Getriebe der beiden ober- 
sten Funktionäre von Anatolien und Europa in einigem Z usain - 



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Prokesch von Osten, Denkwürdigkk. u. Erinnerungen an« d. Orient 211 

menhange. Wollte man nun auf diese, nach dem Vorgänge un- 
seres Verfassers, den Maasstab individueller christlicher Moral an- 
legen und z.B. Sitte und Hoflebeneines Isaak Angelus, eines 
Theophilus, eines Rhinotmetos, eines Phokas nach den 
Satzungen der Kirchenväter beurtheilen, insbesondere aber Justi- 
n i n 11. unter welchem doch die theokratisebe Reichs Verfassung ihre 
volle Ausbildung erhielt, in die Wagschale seines eigenen Gesetz- 
buches legen, so würden diese Alter Ego Jesu Christi freilich als 
Scheusale dastehen, von denen sich das Auge mit Unwillen weg- 
wendet. Der Christianismus verbesserte zuerst die Gesetzgebungs- 
theorie und die öffentliche Moral, bevor er die Privat-Sitten zu 
reinigen vermochte. Die Verbrechen im Innern des Palastes, ein 
geheimes Sittenverderbnis« , ein Gewebe von Ränken, List und 
Betrug (und etwas dem modernen Hofleben Aehnliches) traten 
nach Konstant ins Zeiten an die Stelle der öffentlich verübten 
Ruchlosigkeiten eines Tiberius, Caligula, Nero und Ela- 
gabalus. Das Christenthum zwang das Laster von der Bühne 
herabzusteigen und sich wenigstens zu verstecken ; ausgerottet hat 
es dasselbe nicht. Anf diesem Standpunkte erstarrte die oströ- 
misohe Monarchie, dieses vorzugsweise christlich-legale Land, in 
welchem, vom Imperator angefangen, jedermann die Tugend pre- 
diget, selten aber jemand sein Privatleben ihrem Gesetze unter- 
wirft. Hatten aber nicht alle Bestrebungen der Menschen , alle 
geistigen und materiellen Conflicte zu allen Zeiten ein und das- 
selbe Ziel: Erwerbung und Erhaltung der Macht? und sind nicht 
Aushängeschild, Werkzeug und Mittel nach Umständen, Weltlage 
and Charakter der handelnden Personen und Völker überall ver- 
schieden ? Man wird zuletzt noch genöthiget seyn, auch das Böse 
in seinem uralten Besitzstande mit Rücksicht zu bebandeln und 
gleichsam als legitim anzuerkennen, obgleich deswegen der Kampf 
zwischen Recht und Unrecht, zwischen Wahrheit und Täuschung 
nach wie vor bestehen wird. 

Wer Prokesch^ Kritik des byzantinischen Reichs zuiässt, 
müsste in letzter Consequenz mehr oder weniger alle christlichen 
Regierungen verdammen, die sich seit Verkündigung des Heiles 
nach und nach auf dem Erdboden gebildet haben. Und wollte man 
die öffentliche Gewalt, wie er es will, nur nach Maasgabe ihrer 
Tugendhaftigkeit anerkennen und ehren, so dürften die Könige 
and Dynasten der Christenheit ohne Ausnahme ihren Scepter zer- 
brechen, and vom Throne herabsteigen, weil die Kunst, grosse 
Massen zu lenken, ohne die Richtschnur der strengen Moral na 



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212 Prokeich von Osten. Denkwürdigkk. o. Erinnerungen aus d. Orient. 

überschreiten, in unsern Tagen eben so unbekannt und unmöglich 
ist, als sie im Zeitalter der Komnenen und Paläologen war. Diese 
Unmöglichkeit auch unter Christen mit blos menschlicher Autorität 
eine kräftige und bleibende Macht zu gründen, haben die Urheber 
der byzantinischen Monarchie, die Konstantine und die Justiniane, 
nur zu deutlich erkannt, und durch kein anderes Mittel zu beben 
gewusst, als dass sie die zweite Person der Gottheit auf den Thron, 
— sich selbst aber als irdische Collegen, als Mitregent und Schat- 
tenbild ohne Verantwortlichkeit an die Seite stellten. Daher denn 
auch nur in der byzantinischen Malerschule die Bilder, womit J. 
Chr. mit den Insignien der oströmischen Weltmonarchie prangt; 
daher in der Umgangssprache dieses Reiches der Ausruf: T & 
"BaaiXev ^iatt! O Imperator Christus!; daher einst der Ruf des 
kaiserlichen Heeres an Konstantin Pegonatesum einen drei- 
fachen Imperator, gleichsam eine sichtbare Kaiser-Trinität, als 
Abglanz der himmlischen Dreieinigkeit, indem auch Christus mit 
dem Vater und dem Geiste in gleicher Würde und Majestät das 
Regiment über Himmel und Erde führe. 

Im Abendlande gingen weder Demuth und Staatskunst der 
Fürsten, noch - die Forderungen der Völker so weit; man duldete 
die Gewalt unter billigern Bedingnissen, und die christliche Lehre, 
obgleich morgenländischen -Ursprungs, blieb ihrem Charakter des 
Fortscbreitens, der Beweglichkeit und des folgerichtigen Fortbil- 
dens — Dank der Energie des germanischen Blutes — getreu. 
Eben weil man bei uns den beiden Hauptpotenzen der Staatsge- 
sellschaft, — dem politischen und dem kirchlichen Elemente — , 
niemals vergönnte in träge Ruhe zu versinken und gleichsam auf 
ihren Lorbeern zu verfaulen, hat sich Europa auf den Glanzpunkt 
erschwungen, von welchem heute sein Blick über die ganze Erde 
fliegt 

Nichts und Niemand für unverbesserlich und vollendet anzu- 
erkennen, ist der Kern und gewissermassen der Repräsentant aller 
abendländischen Bildung. Im Osten dagegen erklart das Gesetz 
den Basilevs für einen Gott und seine Handlungen für Akte 
der Providenz, an die sich die Kritik der Sterbliohen nicht wagen 
darf. Daher im Codex Theodos. das Gesetz, welches allen Tadel 
eines vom Fürsten ernannten Dieners, ja sogar den Zweifel an 
der Fähigkeit desselben für die angewiesene Stelle als Hochver- 
rath und Beleidigung der göttlichen Majestät erklärt. Und dieser 
Meinung huldiget man jetzt noch, so weit das anatolische Glau- 
bensbekenntniss reicht, d. i. von der Palmirenischen Wüste bis an 



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Prokcich von Osten, Dcnkwtirdigkk. u. Erinnerungen not d. Orient. 213 

die Karpathen, und vom innersten Winkel des neuen Griechenlan- 
des bis an die Gestade des Eismeeres. Das Streben der byzanti- 
nischen Staatsidee alle in diesem weiten Umkreise ihr fremdarti- 
gen Elemente zu vernichten oder in sich auf/.« nehmen, und in einem 
grossen politischen Weltreiche verkörpert, ihrer Nationalfeindin im 
Occident entgegenzustellen, wird heute von jedermann erkannt, so 
wie im Gegensatze das Steigen des germanischen Bildangs- und 
Lebenselements in seinem Gebiete sich auszudehnen , innerlich 
zu befestigen und zu einer kraftigen Einheit zu gelangen für 
niemand ein Geheimniss ist. Triumphire der Mensch durch die 
Tugend oder durch die Waffen, durch das Dogma oder durch die 
Kunst, der Sieg wird ihn immer verderben. Offenbares Zeichen, 
dass der Segen eines ewigen Friedens und unbestrittener Genuss 
jenes ruhigen und schuldlosen Daseyns, welches die Poesie als 
verloren besinget, die Propheten aber von den Wolken herabthau- 
en möchten, nicht in unserer Bestimmung liegt, und dass die Tu- 
gend, das Gute, das Rechte niemals zu bleibender Herrschaft er- 
starken kann. Den revolutionären Geist auf immer ersticken, wie 
die einen sagen, und die Contre-Revolntion auf immer unmöglich 
machen, wie die andern wollen, sind gleich leere Phrasen, ist 
gleich fruchtloses Beginnen, wie in der Poesie Romanticismus und 
Classicismus, Rationalismus und Offenbarung in der Dogmatik, sich 
ewig bekämpfen, abwechselnd besiegen und verdräugen, niemals 
aber völlig tödten können. Deswegen müsste man als die gefähr- 
lichsten Schwärmer und grössten Revolutionäre, im Sinne unserer 
Zeit, jene Menschen betrachten, denen es gelänge, die Quelle des 
Bösen zu verschütten und dem Sittengesetze vollständigen Sieg 
zu bereiten. Die erste und notwendigste Folge dieses Triumphs 
wäre das Erlöschen jeglicher Staatsgewalt; denn wozu auch Kö- 
nige, Obrigkeiten und Richter, sobald alle Menschen gerecht sind, 
und aus freiem Triebe niemand die Linie der Pflicht überschreitet 
Ja die Macht selbst, sobald man ihr die Möglichkeit nähme, Bö- 
ses zu thun, verlöre allen Reiz, und die meisten Menschen wür- 
den in diesem Falle die Last der Krone mit demselben Eifer flie- 
hen, mit welchem sie sie jetzt auf ihre Stirne drücken. Eine bil- 
lige Schätzung der menschlichen Dinge erlaubt es nicht, ein durch- 
weg gerechtes und leidenschaftloses Regiment zu verlangen. Das 
Böse, wenn auch in der Theorie proscribirt, wird und muss in der 
Praxis allenthalben seinen Antheil erhalten. ,.; 

Niemand wird dieses loben, aber man muss endlich anerken- 
nen, dass dieser Hang in der Natur des Menschen liegt und un- 



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SU Prokeich von Outen, Denkwürdigkk. u. Erinnerungen au« d. Orient. 

zerstörbar ist. Und das wohlverstandene Interesse der monarchi- 
schen Gewalt erfordert, dass es so bleibe nnd der sittliche Ther- 
mometer jederzeit auf demüthigem Grade moralischer Fäulnis* stehe, 
die gehörige Menge Unkrauts auf der Erde wuchere als sicherste 
Grundlage und unverjährbarer Titel für die Dauer der Macht. Der 
Takt der Moralisten und Gesetzgeber, und überhaupt aller jener, 
die sich mit Disciplinirung unserer Leidenschaften und Handlun- 
gen beschäftigen, war in diesem Punkte von jeher so fein, dass 
ihnen Uebermaas an Tugend und zu eifriges Bestreben nach Ge- 
rechtigkeit beinahe eben so verdachtig, eben so gefährlich schien, 
als offene Ruchlosigkeit und gesellscbaftauflösende Doetrinen. Da- 
her der berühmte und in den heiligen Büchern selbst aufbewahrte 
morgenländische Sittenspruch: „Sey nicht gerechter als die Vor- 
schrift ! " 

Aus eben diesem Grunde kann man den so oft nachgespro- 
chenen Satz eines alten Philosophen: Die Historie sey die Lehr- 
meisterin des Lebens, und ein Heilmittel gegen alle moralische 
Verkehrtheit, eher für eine rhetorische Floskel, als für einen aus 
der Erscheinungswelt und dem Leben abgeleiteten Erfahrungssatz 
betrachten. Die Historie hat noch niemand gebessert , » keine Lei- 
denschaft gedämmt, kein Verbrechen gehindert und überhaupt noch 
niemand weiser und klüger gemacht. Das Vergnügen, auf eigene 
Art und Rechnung thöricht zu seyn, scheint unserer Natur so ei- 
genthümlich und unwiderstehlich, dass noch kein Mensch und keine 
Zeit vergangener Beispiele wegen auf dieses Vorrecht verzich- 
tet hätte. 

Mit diesen Bemerkungen will man etwa nicht Hrn. Prokesch's 
Urtheil über die Byzantiner und über die Griechen unserer Zeit 
als irrig, hart und ungerecht bezeichnen. Hr. Prokesch bat ganz 
richtig gesehen. Nur dass man mit Hülfe lateinischer Künste und 
Staatspraxis aus den Oströmern hätte etwas anderes machen kön- 
nen, als sie heute sind, darf man ihm nicht zugeben, weil es den 
Menschen von jeher leichter gewesen ist, Gesetz und Evangelium 
nach ihrem Charakter zu biegen, als diesen nach jenen zu mo- 
deln. Wollte man aber in jenen Ländern andere Sitte, andere Ue- 
berzeugungen und eine andere Handelsweise sehen, so müsste man 
die dort lebenden Menschen in Massa wegschaffen und Abendlän- 
der an ihrer Stelle ansiedeln. Wenn aber dieses, wie natürlich, 
nicht geschehen kann und darf, so gestatte man den Leuten, zu 
bleiben, wie sie Zeit, Natur und Klima gebildet hat. 

Eben diese Annahme einer streng ausgeprägten, unverwisch- 



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Froketch von Oiten, Dcnkwurdigkk. u Erinnerungen au« d. Orieol. 21& 

baren Nationalität der Bewohner des romaischen Reiches berech- 
tiget zur Meinung, dass bei der letzten Insurrection gegen die 
türkische Regierung unter andern Vorfallenheiten auch die krie- 
gerischen Ereignisse um Athen (Frühjahr 1827.) eine für die Grie- 
chen weniger unrühmliche Wendung genommen hatten, wenn 
die europäischen Hülfsvereine, anstatt den kämpfenden Romäern 
Sauls Rüstung aofzubürdeu, sich begnügt hätten, Geld, Lebens- 
mittel und Kriegsbedarf zu liefern, dieses mit Gerechtigkeit zu 
vertheilen, Kampf weise aber, Augriff und Verteidigung dem Lo- 
calgenius zu überlassen, der die Streitenden sicherer leitet, als die 
unpassende und wurzellose Autorität des Fremdlings. Auch hat 
gewiss kein Ereigniss dieses werhsclvollen Kampfes den Credit 
europäischer Kriegszucht und Feldherrnkunst in den Augen der 
Griechen tiefer erschültert, und den Nationalabscheu gegen ihre 
Verpflanzung auf romäischen Boden lebendiger aufgeregt, als je- 
ner unglückliche Versuch, die vom Feind geängstigte Akropolis 
von Athen nach den Regeln dieser neuen Kunst zu retten. 

Alles, was die Insurgenten an Kraft und Macht zu Wasser 
and zu Lande besassen: Sulioten, Kretenser, Hydrioten, Rumelio- 
ten und Moraiten, — nach Prokesch wohl 8- bis lOOOO Mann, — 
dazu noch alle Hülfsmittel an Menschen, Geld und Gut, die das 
mitleidvolle Europa nach Mesolungi's Fall mit frischem Eifer ge- 
spendet hatte; itein Lord Cochrane der Seeheld, die Generale 
Churcb und Gordon mit den streitbaren Philhellenen aller Natio- 
nen waren in den ersten Monaten von 1827. am Piräus versam- 
melt, um die Burg von Athen zu retten. Hier sollten die feindli- 
chen Parteien eigentlich das erste Mal im ganzen Kriege in re- 
gelmässigem, von beiden Theilen vorausgesehenem und in allen 
Wendungen strategisch berechnetem Kampfe ihre Kraft versuchen 
und gleichsam vor ganz Europa die Probe ablegen , auf welcher 
Seite sich nach einem mehrjährigen, in der ersten Hitze der Lei- 
denschaft ohne Plan und Ordnung geführten Streite endlich die 
grössere Summe kriegerischer Tugenden, persönlicher Muth, Schroieg- 
samkeit für militärische Zucht, Takt und Sinn als Resultat her- 
ausstelle. Die lange Dauer der Belagerung, die hartnäckige Ver- 
teidigung von Seite der Eingeschlossenen und ihr durch ganz 
Europa töuender Hülferuf; Mahnungen und Bitten der philhelle- 
nischen Vereine hatten das ganze Abendland aufgeregt und wie 
in einem colossalen Amphitheater versammelt, um für reichlich er- 
legte Gebuhr die Wundertuaten der hellenischen Krieger anzu- 
staunen. Wir erinnern uus Alle noch der ängstlichen Gefühle, der 



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216 Prokcach von Osten, Denkwürdig, o. Erinnerungen aus d. Orient . 

Fieberhitze , der peinlichen Unruhe, die uns leidenschaftlich er- 
glühte Zuseber in Deutschland um jene Zeit bewegte. Es galt 
ja die Entscheidung, ob die Insurgenten dem Stosse des türki- 
schen Reiches, durch ihre eigene Kraft und die massige — bis 
dahin privatim gewährte Unterstützung des Auslandes zu wider- 
stehen vermögen, oder ob man dieses Volk in blinder Ueberschätz- 
ung seiner kriegerischen Tugend zu einem Spiele verleitet habe, 
in welchem es entweder völlig untergehen oder doch seine Rettung 
ganzlich fremder Barmherzigkeit überlassen musste. 

Dan Vorspiel begann am Hafen Piräus, wo die Türken das 
Kloster St. Spyridion mitten unter dem griechischen Heere mit 
300 Streitern besetzt hielten. Gegen dieses schwache, durch ei- 
nen furchtlosen Angriff am 24. Februar desselben Jahres schon 
merklich beschädigte Haus, ohne Kanone und beinahe ohne Wasser, 
wandte sich am 24. April die Gesammtmacht der Hellenen zu 
Wasser und zu Lande. Cochrane's Brigg und Goelette drangen 
ohne Hinderniss iu den Hafen und gegen Mittag begann das Feu- 
er von der Land- und Seeseite zu gleicher Zeit, endete aber ge- 
gen Abend von Seite der Griechen ohne Gewinn. Der schwache 
Posten, aus welchem die Besatzung nur mit Flinten antworten 
konnte, musste beim ersten Sturm fallen. Die Griechen fanden 
aber nicht den Muth in sich, dieses Wagstück zu unternehmen. 
Der Serasker blieb während dieses ersten Angriffs ruhig am Fusse 
der Akropolis, und that nichts zur Unterstützung des Klosters. 
Selbst die türkischen Vorposten zwischen Piräus und dem Oliven- 
walde hatten sich tiefer in den letzteren nicht ohne Verlust zu- 
rückgezogen. 

Tags darauf erschien Cochrane selbst mit der Fregatte Hellas 
im Hafen und das Feuer begann von Neuem gegen das Kloster, 
sowohl von den Fahrzeugen, als aus der Stellung am Phaleron. 
Die Hellas allein schleuderte über 400 Geschosse, die Mauerndes 
Klosters rollten in Staub , die Vertheidiger blieben aber auch die- 
nesmal noch unbesiegt. Auf ähnliche Weise ging der 27. April 
vorüber. Feuer von Morgen bis Abend ; mehr als 1000 schwere 
Geschosse fielen auf die KJosterruine, aus welcher, wie am ersten 
Tage, nur mit Flinten entgegnet wurde. Kein Versprechen, keine 
Aufforderung der Philhellenen und des Generals Church konnte 
die Griechen zum Sturm bringen. Den 28. endlich nöthigte Was- 
sermangel den Rest der Besatzung wegen Uebergabe zu unter- 
bandeln« 200 Mann zogen aus, wurden aber wie bekannt, gegen 



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Prokeecb von Oitcn, Denkwürdigkk. o. Erinnerungen au« d. Orient. 111 



das gegebene Wort und zum grössten Aergerniss der europäischen 
Fuhrer von den erzürnten Griechen niedergemacht. 

Nun sollte es an das Hauptunternchmen gehen, d. i., das tür- 
kische Belagerung6heer wenigstens so weit aus seiner Stellang 
in Athen zu verdrangen, um Kriegsbedarf und Lebenssmittel in 
die geängstigte Burg zu werfen. Die Zeit drängte , die Besatz- 
ung gab Zeichen ihrer Noth und drohte sich zu ergeben, wenn 
man länger mit Hülfe zögere. Jeden Tag schienen die Griechen 
zum Hauptangriff entschlossen ; jede Nacht , wo er ausgeführt 
werden sollte, standen sie davon ab. Kndlich erklärte Lord 
Cochrane, dass wenn der Angriff noch um einen Tag ver- 
schoben werde, er absegeln und Griechenland seinem Schicksale 
überlassen würde. Nun entschied man sich (4. Mai), 4000 Mann 
auf Kap Koiias landen und geraden Weges nach der Stadt mar- 
schiren zu lassen ; sie sollten im Osten derselben sich verschan- 
zen, die Besatzung der Akropolis ablösen, Holz in den Platz 
bringen und die unnütze Menge herausziehen. Dieser Hauptan- 
griff sollte vom Rest des Heeres durch einen Angriff gegen die 
verschanzte Türkenstellung im Olivenwalde unterstüzt werden. 

An demselben Tage erlitten die Griechen ein böses Anzei- 
chen, wie sie es nannten. In den drei Tambouren, zunächst am 
Olivenwalde, entspann sich ein Vorpostengefecht. Der herbeiei- 
lende Karaiskaki erhielt eine Kugel in den Unterleib, Nikitas wurde 
verwundet; einige 60 Griechen blieben, und die drei Tambonre 
gingen an die Türken verloren. Karaiskaki starb in der darauf 
folgenden Nacht, nachdem er den im Plane liegenden Angriff auf 
das türkische Belagerungsheer noch widerrathen hatte. Dieser 
wurde aber dennoch — hauptsächlich wegen Cocbrane's Drohung 
— in der Nacht zum 6. Mai bereitet. Zwölf griechische Schiffe 
brachten die Haufen des Archontopulo Notaras, des Costa Botza- 
ris, des Makriani, Lampro Vaiko, Georg Drako, Demetrius Kaler- 
gi, Yasso, Poriotis, Griesis, der Brüder Zerva u. A., dann die 
Taktiker unter Obristleutenant Inglesi und mehrere Philhellenen 
nach Kap Koiias über, wo sie an den Ruinen einer Kirche „bei 
den drei Thürmen" ans Land stiegen. Ks waren 3200 Mann — 
dieBlüthe des Heeres. 

Makriani mit den Atheniensern rückte der erste in die Rhene 
vor; dann folgten die Sulioten und die Taktiker mit zwei Kano- 
nen ; Johann Notars und Kalergi bildeten die zweite Linie ; Yasso 
und Panhagioti Notara die dritte. Einige Haufen besetzten die 



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«18 Proketch von Otten, Denkwunligtk. u. Erinnerungen aus d. Orient 

Rainen auf dem Kap, wo sich Cochrane und Church aufhielten. 
Die Schiffe ankerten au der Küste. 

Sobald die Türken die Bewegung dieser Truppe erblickten, 
sandten sie ihr 800 Reiter entgegen. Die Griechen machten Halt 
und arbeiteten an Kniwüllen. Ihre Spitze war eine Stunde tief 
vorgerückt. — Die türkischen Reiter theilten sich; die einen um- 
ritten die rechte der Griechen , um die Verbindung mit dem Kap 
zu gefährden, die andern griffen, von einigen Haufen türkischen 
Fussvolkes, etwa 600 Mann stark, unterstützt, die Spitze der Grie- 
chen an. Diese weichen auf die hintere und weiter auf die hin- 
terste Linie, wo Vasso, Granzis uud Notara schon früher fertige 
alte Tamboure besetzt halten sollten. Diese letzte Linie war aber 
bereits von den türkischen Reitern genommen und Vasso und No- 
tara in voller Flucht, ungeachtet Church von seiner sichern Stel- 
lung aus ununterbrochen „Vorwärts! Vorwärts! 44 rief. — 

*AXV äye Mi oxi(a(itv t xcu äXe ZatpeaSa ptvovreql 

Das ganze griechische Heer löste sich auf — die Türken 
hieben nieder, was sie erreichen konnten — an 2000 Griechen 
erlagen oder wurden gefangen — nur wenige erreichten das Kap. 
Cochrane, von den Reitern bedroht, warf sich in das Meer und 
rettete sich schwimmend auf ein Fahrzeug. Church entfloh auf 
einer Barke. 

Zwei Stunden nach begonnenem Angriffe gab es kein grie- 
chisches Heer mehr. Heber 3000 waren beim Anblick dieses Un- 
glücks kampflos aus der Stellung von Phaleron nach Eleusis, Me- 
gara oder Salamin entwichen, darunter alle liydrioten. Der ver- 
abredete Angriff gegen den Olivenwald war auch unterblieben ; die 
Besatzung der Akropolis sollte zu gleicher Zeit ausfallen; auch 
dieses geschah nicht: „überall so viele Köpfe, so viele Meinun- 
gen Trotz; Schrecken und Unordnung." 

Wären die Türken auf diesen , Schlag ungesäumt nach Phale- 
ron geeilt, hätten sie die Stellung ohne alle Verteidigung gefun- 
den. Major Gordon hielt einige Mannschaft darin. Abends kam 
Church dahin. Die Türken drängten aber nicht, und man konnte 
wieder den Gedanken fassen, sich darin zu halten. 

An Führern waren im Gefechte verloreu Kalergi (später los- 
gekauft), Kam pro Vaiko, Georg Drako, Anastasio Drussa, Georg 
Tzavella, Johann Notara Archantopulo, der Obristlieutenant In- 
glesi. Die Kretenser, die Sulioten und die Philbellenen gingen 
beinahe alle zu Grunde. Die einzigen vier Kanonen, die man ins 
Spiel gebracht hatte, fielen den Türken iu die Hände. In der da- 



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Prokeseh von Osten, Denkwtirriigkk. « Erinnerungen an« d. Orient Z)U 

rauf folgenden Nacht nahmen diese letztem alle Tamboure des 
Lagers Knraiskakrs nördlich am Piräus und einige vor der Stel- 
lung- am Phaleron, wobei die Griechen abermals 6 Kanonen ver- 
loren. Cochrane, der Oberfeldhcrr, verliesR am 7. mit der Mehr- 
zahl der Schiffe die Rhede und ging nach Porös zurück, nachdem 
er auf der Ebene von Athen Mannschaft, Material und Glauben an 
den Zauber seines Namens verloren hatte. 

Dieser Tag hat auf beiden Seiten grosse Irrthümer ver- 
scheucht, und in den Augen der Griechen nicht weniger als in 
denen der Europaer gewisse gigantische Schatten auf ihr natürli- 
ches Langenraaas zurückgebracht. Dass man mit einer undisci- 
l> Ii nieten, leichten Panduren-Infanterie , ohne Bayonnet und Carre*, 
und hlos mit Tromblons und der langen Janitscharenflinte dem An- 
falle einer guten Reiterei (was die Türken zu seyn niemals auf- 
hörten) in ebenem Felde unmöglich widerstehen könne, wusste 
damals in Europa jedermann. Allein bei der glühenden Andacht 
für die hellenische Sache hatte man es für eine Blasphemie ge- 
halten, diesen gemeinen Maasstab an die um Athen kämpf enden 
Söhne Griechenlands anzulegen. Alles musste hier das Gepräge 
des Wunderbaren tragen. Haben denn nicht einst (so argumen- 
tirten wir) die alten Hellenen vor Troja, und nachher in den gros- 
sen medischen Kriegen, hauptsächlich durch die Kraft ihres Fuss- 
volkes, die schwer gerüsteten Schaareu des Morgenlandes gewor- 
fen und zertrümmert? Atqui, was die Hellenen einst beim s kai- 
sehen Thore und auf den Flächen Marathons und Platäas gethan, 
das werden und müssen ihre Kinder auch heute noch auf der Ebene 
von Athen wiederholen. Denn Sultan Mahmud ist ja eben bo si- 
cher der Xerxes oder gar der Darius Codomanus , als die Mav- 
romichalis, die Kolokotroni und die Katzikojani nicht 
nur das Blut, sondern auch die politische Tugend, die Kriegskunst 
und den Heldenmuth jener berühmten Krieger der alten Zeit be- 
sitzen. Und sollte sich etwa (was aber durchaus nicht zu ver- 
muthen) durch den langen Schlummer unter der Rinde fremder 
Tyrannei einiger Rost von Schwerfälligkeit und ünkunde au diese 
Heldenseelen angesetzt haben, so wird ja das ebenfalls aus Alt- 
Hellas emanirte Genie europäischer Feldherrn dankbar und demü- 
tbig diesen Flecken verwischen, und zugleich mancher westlichen 
Nation — wahrer Karrikatur ihrer Altvordern — ein kräftiges 
Exempel geben, wie man für sein Vaterland streiten müsse. Die 
Leiber dicht aneinander gedrängt, wie die Myrmidonen des Achil- 
les, stillschweigend, glühend, 



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320 Proketch tob Osten, Denkwürdigkk u. Erinnerungen au« d. Orient. 

pevuk nveiovrec 'A^aio/, 
dachte man sich hier die Haufen von Sali, von Maina, von 
Arkadien nnd vom Olympus gegen die unordentlich und mit 
Geschrei heranziehenden Trojaner und Assyrer des Kiutahi durch 
die Ebene von Athen schreitend. 

Allein das griechische Heer theilte, wie wir gesehen haben, 
diese stolze Siegeshoffnung nicht, und weigerte sich diesmal, in- 
stinktartig in den Kampf zu gehen. Und wenn es zuletzt gegen 
sein Vorgefühl doch in die Arena hinabstieg, so geschah es mit 
demselben blinden Glauben an die Magie europäischer Feldherrn- 
kunst, mit welcher sich der unwissende Orientale den Vorschriften 
des abendländischen Arztes überlässt, — einem Talisman, vor dem 
alles Uebel augenblicklich verschwindet Kara-Iskaki, der etwas 
schwächern Glauben an europäische Wunderkuren merken liess, 
wurde als Intrigant verdächtiget und sein Tod — wie man Hrn. 
Prokesch sagte — eher als Entfernung eines Hindernisses zum 
Sieg, als für ein Unglück betrachtet. 

Alle diese Luftgebilde hat der 6. Mai zerstört, und für je- 
dermann bewiesen, dass Sultan Mahmud nicht der Xerxes, dass 
Spiridion Vlachopulo nicht Aristides und Katzikojanis nicht Alex- 
ander der Macedonier; item, dass unsere Disciplin eine lange 
Schule und Lord Cochrane kein Zauberer sey, und dass Geschick- 
lichkeit im Stehlen noch keinen Spartaner mache. Dieser Tag hat 
den griechischen Freiheitskampf gleichsam säcularisirt ; die Halb- 
götter wurden auf einmal Menschen , und zwar schwache, unei- 
nige, hülflose, ganz wie wir, nur noch etwas weniger, indem man 
jetzt plötzlich ein Heer Mängel und Unvollkommenhciten an den- 
selben bemerkte, welche blinder Götzendienst bis dahin zu sehen 
verhindert hatte. Man war jetzt ungerecht genug, die eigenen 
Thorheiten und Missgriffe den besiegten und völlig verzweifelnden 
Griechen aufzubürden. Diese dagegen sparten auch ihrerseits die 
Bemerkungen nicht: „Nun sieht man," hiess es, „was eigentlich 
an diesen Fr anki ist; ihre Künste mögen für ihr Land passen, 
für uns sind sie nicht; hätte man nur unseren Kapiranis freie 
Hand gelassen, wäre für uns gewiss das letzte Unglück nicht ge- 
kommen, und wir hätten uns mit der eigenen Art zu fechten glück- 
licher und rühmlicher aus dem Spiel gezogen. " — So viel ist je- 
denfalls gewiss , wenn die Griechen mit ihrer Kampfweise den 
Kiutahi auch nicht aus seiner Stellung in Athen vertrieben und die 
bedrängte Akropolis befreiet hätten, wären doch in keinem Falle 
eine so grosse Menge tapferer Männer nutzlos und unrühmlich 



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Prokeach von Osten, Denkwürdig, u. Erinnerungen ana d. Orient. 221 

unter dem Säbel der Türken gefallen. Mangel an Subsistenz, durch 
zahlreich schwärmende Guerillas vermehrt, hätten vielleicht im Be- 
lagerungsheere zuletzt noch eine Katastrophe herbeigeführt, ähn- 
lich derjenigen, unter welcher fünf Jahre vorher Dramm-Ali vor 
Konnth erlag. Unfügsamkeit und Widerwillen gegen alles Fran- 
kiwesen nahm von dieser Zeit an in den Gemüthern der Griechen 
einen bleibenden und unbesiegbaren Charakter an. Und wenn auf 
der einen Seite Lord Cochrane seinen Vertrauten mit Wahrheit 
klagen konnte, dass seine Wirksamkeit zum Heil der Griechen 
bei diesen selbst überall auf Hindernisse stosse, und all sein Thun 
lahm unti unfruchtbar bleibe, so muss man die Schuld auf Neid 
und Intrigue ehrgeiziger Gegner wälzen. Der Gedanke, auf na- 
tionale Weise zu unterliegen, hatte für diese Leute jetzt weniger 
Schreckliches in sich, als die Vorstellung durch lange Tribulation 
ausländischer, ungewöhnter Zucht und Ordnung ungewisse Rettung 
zu suchen. Church, der Oberbefehlshaber, fand im griechischen 
Landheere nicht bessern Gehorsam, als der Gross-Admiral bei der 
Flottille. Die Stellung am Phaleron, unter jenen Umständen von 
der grössten Wichtigkeit, war der einzige Punkt, den die Insur- 
genten auf dem Festlande noch inne hatten, und zugleich für ihre 
in der Akropolis eingeschlossenen Landsleute der letzte HofTnungs- 
grund, dass man noch auf ihre Rettung denke. Church war nach 
Salamin geeilt, um etwas Geld und Mannschaft zum Tröste der 
Verzagenden aufzubringen und den Punkt bis auf den letzten Au- 
genblick zu verteidigen , als die Griechen in der Nacht zum Ä8. 
Mai gegen allen Befehl plötzlich ihre Stellung zu verlassen be- 
gannen. Am Morgen dieses Tages war der grösste Theil dersel- 
ben eingeschifft; die Türken rückten nach und hieben die Flüch- 
tigen nieder. Einiges leichte Geschütz wurde gerettet, alles schwere 
den Türken überlassen. Die Nachricht dieser Flucht traf das noch 
streitende Griechenland wie ein Donnerschlag und erregte den grös- 
sten Unwillen im Abendlande. Nur die Zeitungen erhielten den 
Muth aufrecht, und behaupteten, die Stellung sey nur deshalb ver- 
lassen worden, weil sich die Truppen, um dem Serasker die Zu- 
fuhr abzuschneiden, in die nahen Engpässe werfen wollten. Lee- 
rer Vorwand, der sich nach wenigen Tagen von selbst widerlegte! 
Alles war auseinander gelaufen, jegliches Band gelöst, Muth und 
Wille zu weiterem Kampfe überall verschwunden, die Akropolis 
mit 800 Wehrlosen und mehr als 1200 Palikaren im engen Raum 
zusammengedrängt, sich selbst und der Verzweiflung überlassen, 
Mangel an Nahrung musste nach wenigen Tagen nöthigen, ent- 



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222 Proketch von Outen, Denkwürdigkk. u Erinnerungen au» d. Orient 

weder sich an den Feind zu ergeben, oder mit bewaffneter Hand 
einen Ausweg durchs türkische Heer zn öffnen. Aber wie soll 
man auf billige Bedingungen hoffen, oder gar noch auf Mitleiden 
von Seiten der Türken rechnen, da die Besatzung erst kurz vor- 
her die billigsten Antrüge des Seraskers hochmüthig zurückgewie- 
sen, dieser selbst aber die capittilationswidrige Niedermctzelung 
seiner Leute ain Kloster 8t. Spiridion noch nicht vergessen hatte? 
Die Sirenen von Mcsolungi oder Psara zu erneuen, wie man es 
halblaut vorschlug, schien nicht mehr an der Zeit. Der Kampf 
hatte jenen heroisch -tragischen Charakter verloren; man wollte 
leben, weil doch alle Selbstaufopferung das sinkende Sehiff des 
Vaterlandes nicht mehr retteo konnte. 

Hr. Prokesch erzählt uns (494—503.) aotenmässig, wie in 
dieser äusserst en Lage ein östereichischer Seeoffleier, welchen die 
griechische Schild wache auf den Propyläen zufällig aus Redschid- 
Pascha's Lager in den Piräus hinabreiten sah, das aus der Fe- 
stung gegebene Nothzeichen bemerkte und durch weitere Mel- 
dung an den Befehlshaber eines eben im Hafen liegenden kaiser- 
lichen Fahrzeuges Instrument zu einer für die Umstände noch 
äusserst günstigen Capitulation wurde, die der türkische Befehls- 
haber nach kurzer Unterhandlung den Eingeschlossenen unter Ga- 
rantie der im Piräus anwesenden christlichen Flaggen bewilligte 
and gewissenhaft erfüllte. Nur die in Atttlca einheimischen Fa- 
milien mussten die Waffen niederlegen und als türkische Unter- 
thanen wieder in ihre Dörfer zurückkehren, wo der Pascha für 
Wiedererstattung ihres confiscirten Bigentbums und für die Si- 
cherheit ihres Lebens und Besitztums sorgte. Allen Uebrigen 
ward freier Abzug mit Gewehr und Habseligkeit gewährt und für 
sichere Einschiffung an demselben Kap Kol ins gesorgt, an wel- 
chem die türkische Fahne vor Kurzem so entscheidend über die 
christliche den Triumph davongetragen hatte. 

Die Unmöglichkeit, durch einheimische christliche Streitkräfte 
ein national-abhängiges Griechenland zu schaffen , ward jetzt mit 
Schrecken zu gleicher Zeit überall erkannt. Die letzten Hülfs- 
mittel waren erschöpft, das letzte Heer zerstäubt, der Aufstand 
auf engen Kreis der Inselchen Hydra, Spetza, Egina, Porös und 
Salamin, und auf die moraitischen Festungen Monabasia, Nauplia 
und Korinth zusammengedrängt, die Regierung ein Schattenbild, 
dem niemand weiter gehorchte; Rumelien von der türkischen, Mo- 
rea von der arabischen Armee überschwemmt und die beiden gros- 
sen mohammedanischen Flotten von Konstantinopel und Alexandria 



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Pro k c«eb Ton Osten« Dcnkwürdigkk. u. Erinnerungen am d. OricnL 223 

zu gleicher Zeit im Anzüge, um die in stumpfsinniger Ruhe das 
Ende erwartenden Insurgenten in ihrem letzten Zufluchtsorte auf- 
zusuchen. Der Schiffbruch war nahe und unvermeidlich ; von den 
Häuptlingen und Bandenführern suchte jeder bei der allgemeinen 
Verzweiflung irgend ein Trumra des zusammenstürzenden Gebäu- 
des an sich zu reisscn, um mit den Siegern auf eigene Rechnung 
zu unterhandeln. Viele Insulaner dachten auf Flucht, andere auf 
Unterwerfung, alle vor der Hand auf Seeraub, niemand auf mann- 
haften Sinn und Widerstand. Und wenn man uns damals, und 
nuch später noch erzählte, dass selbst in dieser äussersten Noth 
weder ein bewaffneter Insurgent, no'Ji irgend jemand aus der wehr- 
losen Menge Griechenlands sich den siegreichen mohammedani- 
schen Feldherren ergeben wollte, so sind dieses eitle Fabeln, durch 
die man das thatige Mitleiden der Europäer rege halten wollte. 
Auf Morea gaben mehrere Ortschaften das Beispiel der Unterwer- 
fung, namentlich Pyrgo, Gastuni, Chlumutzi, Agolinitza 
Leschena, und überhaupt die ganze Ebene zwischen Nava- 
rin und Patras, die im Alterthum Elia hiess. Man huldigte 
dem Aegyptier Ibrahim und trat sogar, wie uns ein Mann in Ga- 
st uni erzählte, hin und wieder in seine Dienste. 

Um diese Zeit kam . Hr. Prokesch in den verlassenen Piräus 
und ging in das öde Athen hinauf, um die Ruinen zu sehen, und 
mit den türkischen Soldaten über die Belagerung zu reden: diese 
lobten Kara Iskaki und Nikitas, zeigten freundlichen Sinn 
und sehnten sich in die Gebirge ihrer Heimath zurück. Aussöh- 
nung war auf dieser Seite vielleicht noch näher als auf Morea; 
denn Kern und Kraft der rumeliotischen Heerhaufen bestand aus 
Albanisch redenden Leuten, wie andrerseits das Heer des Seras- 
kier gleichfalls der Mehrzahl nach aus den streitbaren Stämmen 
Albaniens gezogen war, — beiderseits ein ßlut, eine Sprache, eine 
Gewohnheit und Lebenssitte, und dieselbe Abneigung gegen Fremd- 
linge; — nur Religion und Fahne unterschied sie — für Aibane- 
sen ein leioht zu beseitigendes Hindemiss, da dieses Volk — aey 
es Christ oder Türk — mit Lebendigkeit eigentlich nur an die 
Gottheit des Geldes glaubt 

Sollte aber nach dem heissen Wunsche des christlichen Abend- 
landes ein freies Griechenland dennoch auf die politische Sehau? 
bühne treten, so musste eben dieses Abendland jetzt den Kampf 
selbst — - und zwar ganz allein auf sich nehmen, und nicht etwa 
Privatbülfe an Sold und Brod, an Feldherren, Abenteurern und 
Projekten, sondern regelmässige Flotten und Heere in den Streit 



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224 Prokcsch von Osten, Denk wuniigkk. a. Erinnerungen aat d. Orient. 



senden. „Wenn aber diese Hülfe von aussen nicht in 
diesen Tagen noch kommt, so ergibt sich Griechen- 
land an eine ägyptische Fregatte, an ein Bataillon 
Ibrahim 1 *.- So dringend fand Hr. Prokesch die Umstände, 
und so unwiederbringlich schien ihm ohne Deus ex machina Alles 
verloren, ihm, der damals Freund und Feind besuchte, mit jeder- 
mann verkehrte, überall war und Alles mit eigenen Augen sah. 

Aber wie sollte man auf die wunderähnliche Erscheinung ei- 
nes gemeinschaftlichen Kreuzzüges der grossen Mächte hoffen, da 
sie nicht lange vorher in feierlicher Sitzung die griechischen In- 
surgenten für Rebellen gegen die gesetzliche Autorität ihres Herrn 
erklärten, und sie mit Wort und That wieder unter das Joch zu 
beugen suchten? 

Obwohl eben damals ein dunkles Gerücht von einem Rettungs- 
▼ertrage nach Griechenland kam, wagte doch niemand mehr daran 
zu glauben, da die Rebellion bereits niedergeschlagen und ent- 
waffnet war, oder — wie zu Nauplia gegen sich selbst wüthete, 
um sich im letzten Augenblicke noch einige blutbesudelte Fetzen 
gegenseitig zu entreissen. Die Schlösser in Nauplia, von ver- 
schiedenen Parteien besetzt, feuerten auf einander mit schwerem 
Geschütze, und abwechselnd auf die Stadt, wo die Regierung sass ; 
man tödtete Freund und Feind, und plünderte die Archonten, wel- 
che das letzte englische Anlehen in ihre Tasche gesteckt hatten. 
Mit vieler Noth gelang es den Bemühungen angesehener Philhel- 
lenen, besonders aber des englischen Viceadmirals Hamilton, die 
Streitenden zu beruhigen und einen Schatten von Autorität herzu- 
stellen. „Machet/ 1 sagte dieser letztgenannte zu den versammel- 
ten Gliedern der Executivgewalt, „dass man euch als eine Regie- 
rung behandeln könne; dann ist es vielleicht noch möglioh, dass 
man Griechenlands Unabhängigkeit durchführe und hier einen Staat 
einrichte. Im Gegentheil müssten wir selbst darauf hinwirken, 
euch unter das Joch der Türken zurückzuschaudern. Es würde 
mir leid thun , auf brave Männer, wie z. B. Ihr seyd; (er 
wies auf Tzavella), zu feuern. Das Schicksal eures Vaterlande« 
liegt in euren Händen." Tzavella's Lob, welches der gute Hamil- 
ton in dieser Ermahnung so gläubig verkündete, machte nach Pro- 
kesch's Bemerkung (522) die umstehenden Griechen lachen, da je- 
dermann wusste, dass eben dieser „brave Tzavella u aus der 
Stellung von Phaleron den gegenüberstehenden Türken regelmäs- 
sig Lebensmittel verkaufte. 

(Otr Schlufn folgt) 



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\". |5. HEIDELBERGER |S40 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Prokeich ron Osten, Uenktmirdigkeiten und Ermnenmgen 

au» dem Orient. 

(Bttchtufi.) 

Der Su Ii ot Tzavella war aber oioht der einzige Grieche, der 
diesen scandalösen Handel trieb. Die Europäer besteuerten sieb, 
gaben ihren Sparpfennig bin, kauften Brod, Reis und Bohnen, um 
die streitenden Palikaren zu nähren und zu bezahlen. Allein ihre 
Kapitani, wie Kavier (530) versichert, liessen ihre Leute doch auf 
Landeskosten leben, behielten das Geld für sich und lieferten die 
aus Europa gekommenen Lebensmittel gegen Baarbe&ahlung selbst 
an die Feinde ! „Seht nun." will uns Hr. Prokesch gleichsam sa- 
gen, „verdienen diese Leute nicht, dass man sie im Schlamme ih- 
rer eigenen Schlechtigkeit untersinken lasse? Sind sie es würdig, 
dass man ihrer wegen die gemeinen Regeln der Staatsklugheit 
hintansetze und ihnen mit den Waffen in der Hand politische Vor- 
theile sichere, die sie weder verdienen noch zu gebrauchen wissen." 

Jedermann weiss, wie ein milder Stern, der über den Häup- 
tern der Sterblichen wacht, allen Vaticinien der Staalskünstler und 
politischen Rechtspbilosophen zum Trotze die drei grossen See- 
mächte auf wenige Momente in einen gemeinsamen Bund verflocht, 
und dass es dann plötzlich wie ein Blitz aus dem abendländischen 
Gewölke fuhr und die Flotten des Morgenlandes mit Mann und 
Gut zerschmettert in den Fluten von Navarin begrub. Wir können 
Hrn. Prokesctfs Gefühle für die „todte Jugend von Kairo, die auf 
diesen Brettern schwebte," unmöglich theilen, wir freuen uns viel- 
mehr des furchtbaren Gerichtes, weil es den Kindern des Islam 
in der ihnen einzig verständlichen Weise die Macht der Christen- 
heit offenbarte. Es mag immerhin seyn, dass von den siegenden 
Seetriumviren zwei sich politisch getäuscht und zum Vortheil des 
dritten gegen ihr eigenes Interesse gehandelt haben. Der Tag von 
Navarin hat aber die Mohammedaner gedemüthigt und ein christ- 
liches Griechenland geboren. Ob nun die Bewohner desselben ei- 
nig oder parteivoll, tugendhaft oder intrigant, diesem oder jenem 
ihrer Retter hold, unbeständig, schwach, muthvoll, fügsam oder 
XXXIII Jahr* 2. Heft. 15 



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226 Frokesnh von Ottcn, Denkwurdigkk. u. Erinnerungen aun d. Orient. 

überniütnig seyen , ist im ersten Augenblick für denjenigen ganz 
gleich, der die Weltereignisse von einem höhern Standpunkte, als 
dem der taglöhnernden Pfennigs-Politik betrachtet. Wir lassen dem 
scharfsinnigen Ilm. Prokesch seine Befürchtungen einer enttäuschten 
Zukunft, sein Mitleiden für den beilegten Islam, seine politische 
Anatomie, seinen Zorn und seine Kritik: 

„Wie hoch wird das Verbrechen und die Thorheit der Schlacht 
von Navarin in Europa gepriesen werden! Wie viele Klagen, 
welcher Tadel der heutigen Stimmung, welche Enttäuschung wird 
folgen! Die Öffentliche Meinung ist jederzeit Leidenschaft, niemals 
Verstand und höchst selten Instinkt; wie unwürdig die Buhlerei 
um dieselbe in jedem Einzelnen, wie ganz erbärmlich die Regie- 
rungen! Armes Griechenland, nun kann nur noch ein Wunder 
dich retten! Missbrauch der Gewalt, Hohn des frechen Ueber- 
muths, Niedertretung des Rechts, diese würdigen Hebammen kön- 
nen nur noch einen Sclaven zur Welt fördern. Nun ist die Un- 
abhängigkeit, die du zu erkämpfen weder Muth noch Tugend hat- 
test, für dich verloren. Du gehst aus dem Zustande einer türki- 
schen Provinz in denjenigen einer russischen über, und wirst tau- 
sendmal mit Thränen im Auge und ohne Hoffnung im Herzen sehn- 
suchtsvoll nach jenem zurückblicken. Europa sieht deinem Unter- 
gange zu und klatscht in die Hände, denn auf dem Anschlagzettel 
steht: Befreiung Griechenlands! 44 — 

Offenbat hat Hr. Prokesch während seiner Wanderungen am 
Nilstrome Lotos gegessen — 

und vergisst, wie Ulysses's Gefährten, der süssen Deimath und des 
Glaubens seiner Väter! Und wenn in der That, wie er sich an- 
derswoausdrückt, „das monstre, was man die öffentliche 
Meinung heisat," die siegenden Admirale «ur Duldung gegen 
die infamsten Handlungen der griechischen Piraten zwang, und 
ihm Rigny selbst schon wenige Wochen später den Tag vor Na- 
varin ,,la plus g ran de Infamie qu'on ait jamais commise u nannte, 
so muss ihn der Gedanke beruhigen, dass man äusserst selten dem 
monstre der öffentlichen Meinung solche Opfer bringe, und dann, 
dass man gleich nachher alles gethan habe, um den Griechen die 
Früchte des fremden Sieges zu verkümmern, und ihren Feinden 
auf der einen Seite wieder reiohlieh zu erstatten, was ihnen eine 
augenblickliche Harmonie der christlichen Mächte entzogen hatte. 
Als ein von allen Parteien geachteter Mann, und überdies zu 



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Prokesch von Osten, Deokwüfdigkk u. ErioneruDgtti ans i\ Orient. 127 
• 

einer Macht gehörig, die am Tage voo Xavarin keinen Anlheil 
hatte, wurde Hr. Prokesch gleich nach Kapodistria'e Ankunft auf 
Aegina gebeten, mit dem noch immer in Modon lagernden Ibrahim- 
Pascha über gegenseitige Auswechslung der Kriegsgefangenen in 
Unterhandlung zu treten. Dieses Geschäft verschaffte ihm den Vor- 
theil, mit dem ägyptischen Feldherrn persönlich in Berührung /.u 
kommen und manche Eiozelnheit über die letzten Ereignisse so- 
wohl als über .die bändelnden Personen aus dem Munde des Geg- 
ners selbst zu sammeln. Man wird leicht begreifen, data er io 
seinem Eifer für entbusiasmuslose und universelle Gerechtigkeit 
hier reichen Stoff gefunden habe, mit den bei uns herrschenden 
Ideen in Widerspruch zu treten und seine Sympathie für die ver- 
lorne Sache der Mohammedaner zu stärken. 

„Ich habe ihn also gesehen (schreibt er aus Navarin 11. April 
1898.) diesen befürchteten Sohn Mehemed-AlTs, den die europäi- 
schen Blätter als ein Scheusal zu schildern bemüht waren. Ich 
fand einen vernünftigen, massigen, in seinen Formen einfachen 
und würdigen, in seiner Handlungsweise edeln Mann. Es wäre 
feige von mir oder schlecht, wenn ich diese nicht offen gestünde/ 4 

Gleich bei der ersten Unterredung fiel die Rede gleichsam von 
selbst auf die Seeschlacht und auf das Benehmen der Mächte und 
ihrer Admirale. Hr. Prokesch gibt uns Ibrahims nachstehende 
Aeusserungen hierüber gewissenhaft, und meint, es sey diess ein 
um so grosserer Dienst, den er der Wahrheit leiste, da bin jetzt 
nur die Stimmen der Sieger bekannt scyen : 

„Die Mächte sind, aus Menschlichkeit wie sie sagen, den 
Griechen beigesprungen, ehen als es mit dem Aufstande am Ende 
war, und die Einmischung neues Blutvergiessen und Verlängerung 
der Uebel des Krieges veianlassen musste; aber für die Tausende, 
die sie in Navarin meuchlerisch überfielen, ersäuften, in die Luft 
sprengten oder niederschossen, für diese sprach kein Gefühl der 
Menschlichkeit. Ich verachte sie. In ihren Lügenblättern suchen 
sie mich als einen Unmenschen darzustellen; es ist das Bewusst- 
eeyn ihres Unrechtes, was sie so sprechen maoht. Hätte ich ge- 
tban wie sie sagten, so würde Morea vor drei Jahren unterworfen 
worden seyn ; mein Fehler war, dass ich, um dem Lande Unglück 
nach Möglichkeit zu ersparen, dem Wirken der Zeit überliess, was 
das Schwert hätte tbun sollen. Ich verachte auch diese Lügen; 
sie scheinen zu dem zu gehören, was man europäische Civil iaation 
nennt. Nan will ich Ihnen erzählen, wie es zur Schlacht von Na- 
varin kam ; meine Worte tmd einsäe*, und ich gehe e*e Jonen *u 



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'11h Proketrh von Olfen. Denkwtrrdifrbk u. Erionerungen au» d. Orient. 

jedem Gebrauche anbeim; ich zweifle, dass einer der Admirale den 
Math habe, gegen sie aufzutreten. 4 ' (Folgen Details, die wir ih- 
rer Lange wegen übergehen). „Die Gewaltthat wird ihnen keine 
heilsamen Fruchte bringen. Der Krieg ist nicht geendet damit; 
ich bin noch hier und gehe nicht, bis der Sultan oder m;in Vater 
es mir befehlen. Ich halte die Organisirung der Morea, 
wie die Europäer sie angreifen, nicht für möglich. 
Kapodistrias kennt das Volk nicht; überdies«* ist er 
kein Soldat, und die Praxis wird seine Theorie zu 

* 

Schanden machen." 

Ibrahim scherzte häufig über die Vorurtheile der Religion, 
sprach sehr freisinnig über die Barbarei seines Volkes, über die 
Mittel zur Civilisation und über die Plane und Absichten seinen 
Vaters. Oft, versichert uns Hr. Prokesch, dessen Aufenthalt im 
ägyptischen Hauptquartiere sich in die Länge zog, war er übel- 
launig, aber jederzeit höflich und voll Witz. 

Das Geschäft der Auswechselung selbst führte merkwürdige 
Scenen herbei, die wohl verdienen, dass man sie im Buche selbst 
nachlese. Allenthalben aber findet unser Diplomat Veranlassung, 
den geraden Sinn der Mohammedaner, das Elend der Griechen und 
die Verblendung der aliirten Mächte zu schildern. Besonders lie- 
benswürdig musste sich der Satrap am Abscfaiedstage gezeigt Ha- 
ben , da er in seiner bewegten Rede noch Manches beifügte , was 
Hr. Prokesch den Blättern nicht anvertrauen will. So mild und 
herzlich hatte er sich diesen Sohn der Wüste gar nicht vorge- 
stellt, wie er ihn in der letzten Stunde fand. „Das ist," ruft 
er. zum Schlüsse aus, „das Scheusal Ibrahim, von dem unsere Zei- 
tungen sprechen!" — 

Begreiflicher Weise darf in diesem Kaleidoskop der griechi- 
schen Insurrektion das Bild jenes Mannes nicht fehlen , der am 
Ende der Tragödie unter Freudenthränen der Geretteten und Bei- 
fallklatschen aller europäischen Völker mit der Friedenspalme in 
der Hand, gleichsam als Erbe und Schlussstein der furchtbaren 
Umwälzung auf die Bühne trat, 

ipsae te, Tityre, pinus, 
Ipsi te fontes, ipsa haec arbusta vocabant. 

Nach einer ersten, zweistündigen Unterredung mit Kapodi- 
strias entwirft Hr. Prokesch von diesem Rettungsengel Griechen- 
lands folgendes Bild : 

„Seine Formen, seine Gestalt, der Ton seiner 8timme, die 
Folge seiner Aeusserungen nahmen mich ein. Es liegt viele Milde 



< 



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Prokeech von Orten, Denkwürdigkk. u. Erinnerungen aus d. Orient. 23W 

in seinen Worten, und Entschiedenheit in seinem Wollen. Sein 
feiner Blick glänzt auf seinen Aeusserungcn, möchte ich sagen. 
Aber ich verkannte auch nicht den Redekünstler in ihm, den Mann, 
der hier nichts lernen wird, sondern seine W issenschaft mitbringt ; 
ich begreife, dass er an Fähigkeit des Ausdruckes und der Ge- 
schäftsführung allem, was Griechenland aufweiset und was Euro- 
pa bieher sendete, überlegen ist, und ich bekenne, dass mir seine 
Absichten redlich scheinen. " 

„Griechenland beugt sich vor ihm wie vor einem Friedensen- 
gel. Aller Haas der Parteien ist ausgelöscht. Die wilden Pali- 
karen küssen den Saum seines Kleides. Wenn es möglich wäre, 
dass unter den Bedingungen des Londoner Vertrages Griechen- 
land auflebte, so würde wohl diese Hand es aufleben machen. Mit 
grösserer Verehrung ist kein Souverän betrachtet." 

„Er wohnt im Hanse des Kaufmanns Reno. Für sich hat er 
nur ein einziges Zimmer; darin sein Feldbett, einen Tisch, zwei 
Stühle. „Sehen Sie, wie ich fcnmpirt bin, 4 - sagte er lächelnd. Von 
dem blinden Philhellenismus ist keine Spur in ihm; er neigte sich 
in seinen Aeusserungen eher auf die entgegengesetzte Seite. Aber 
er traut sich die Kraft zu, jeden Teufel zu beschwören. „Kom- 
men Sie morgen," sagte er mir, da ich ging; „Sie werden sehen, 
wie ein Wort aus meinem Munde genügt, um diesen Griva mir 
die Schlüssel des Palamidi zu Füssen legen zu machen, die er 
gegen ganz Griechenland mit seinem Blute vertheidiget hätte. 1 ' — 
Ich kam — ich sah es auch und sah den Triumph in Kapodistrias 
Auge. Ist diese Kraft gross, so ist es aber auch das Vertrauen 
des Palikaren. der hierin das Land vertritt. Wehe, wenn es ge- 
täuscht wurde!" • 

Selten ist ein Mann von politischer Bedeutung so verschieden 
und so widersprechend heurt heilt worden, wie Kapodistrias. Wäh- 
rend die Einen seine Gottesfurcht, seine Genügsamkeit, seinen Wohl- 
thätigkeitssinn, seinen fleckenlosen Wandel, seine Weisheit, seine 
Staatsklugheit und seinen Hellenismus anpreisen , und in ihm den 
zweiten Prometheus Griechenlands, wo nicht gar die grosse my- 
stische Gestalt der Apokalyps erblicken, die da sagt: „Siehe! ich 
komme und mache alles neu!" — , schildern ihn die Andern als 
einen abgefeimten Lügenpropheten und gemeinen diplomatischen 
Ränkeschmied, ja als den Vorläufer und Antichrist einer machia- 
velistischen Moskowiten-Politik , die allenthalben Keime der Ver- 
wirrung und moralischen Fänlniss ausstreue, und auf diesem Wege 
allgemeine Weltherrschaft als Frucht zu arnten suche. Ohne Zwei- 



• 

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I 



MO Proieiidi von Otitn, Drnkwürriigkk. w. Erinnernnpcn nun d. Orient 

fei hnben. die Ueberladungen abgerechnet, in der Hauptsache beide 
Theile Recht; nur das» nach herkömmlicher Parteisitte die Einen 
an ihrem Idol alles Böse, die Andern aber eben so ungerecht alles 
Gnte an ihrem Gegner verschweigen. Beides war aber in Kapo- 
distrias in reichem Maase und in bester Harmonie. Gewiss war 
er In Griechenland der erste politische Heilkünstler, der die Hand 
mit nüchternem Sinn an das Steuer legte. Nicht geblendet, nicht 
beirrt durch jene Klamme, die die Brust eines Canning und so 
vieler edeln Manner des Öccidents erwärmte, sah er in den Be- 
wohnern der emaneipirten Distrikte etwas ganz anderes als die 
Abcndlfinder. Wir kannten nur die Hellenen des Sophokles und 
Pindariis; Kapodisfria aber und die Russen überhaupt, die seit 
langen Menschcnaltern mit den Griechen in den Häfen des schwar- 
zen Meeres Handel trieben und gegen die Türken conspirirten, 
wussten ganz genan, was es eigentlich für Leute seyen, die jetzt 
gegen die Osmanli den Schild erhoben und durch die aliirtc Flotte, 
ohne ihr Znthun, aus Feindes Hänften errettet wurden. Während 
man in Deutschland jeden Palikar für einen Helden und in Frank- 
reich, nach Cbateaubriands Styl, gar für einen Konig hielt, sagte 
Kapodistria zu dem mit der Auslösung der griechischen Sklaven 
beauftragten Prokesch die gewiss seltsamen W r orte: „Bringen Sie 
mir Kinder, die ich erziehen — Weiber, die Kinder gebären kön- 
nen; lassen Sie alles, was nicht in diese Classe gehört, zurück. 
Die heutige Generation muss zu Grunde gehen. Nur an die künf- 
tige knüpfe ich meine Hoffnung. Was Waffen getragen hat, mag 
in den Händen der Aegyptier hleiben." — Der Unterhändler er- 
schrak über diese Vorschrift; sie lag ihm schwarz auf schwarzem 
Grunde, und er wünscht, dass ja kein Grieche Äeuge dieser letz- 
ten Worte gewesen wäre. Allein nach dem Unfuge, den man mit 
Miliarien und Themistokeln, mit grossen und heiligen Erinnerungen 
80 lange getrieben, konnte er diesen Rückschlag kaum tadeln, und 
verwunderte sich nur darüber, dass er aus dem Munde eines Man- 
nes kam, den die öffentliche Meinung in ihre Saturnalien aufge- 
nommen habe. 

Kapodistrias ist ein acht byzantinischer Charakter, wie uns 
die Geschichte einen Bryennius, einen Vrnnas, einen Apo- 
kauchus, einen Johann Kantakuzenus oder Michael Pa- 
läologus schildert. Männer dieser Art strömen über von poli- 
zeimässiger Frömmigkeit, als unfehlbarstem Mittel, Vornehme und 
Geringe zu bethören; human im Benehmen und glatt in Worten; 
Gutes und Böses nach dem Grade der Zweckdienlichkeit abwä- 



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ProkMch von Oiten. Deokwürdigkk. u Brintierongen SM d. Orient 281 

gend, und beiden im Grande gleichen >V erth zuerkennend ; wohl- 
tätigen sinn. Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung für unnütze Mas- 
keraden erklärend, wenn aie nicht zu wichtigen Vortheilen den 
Weg bahnen. 

Wenn die meisten Ehrgeizigen nach Macht streben, weil diese 
die Thore aller geistigen und materiellen Genüsse öffnet, dürstete 
Kapodistrias nach unbeschränkter Magistratur, nur um sich bei 
frugalem Mahle und auf hartem Lager an dem Gedanken zu la- 
ben: ich kann tbun was ioh will, und wie ich es will. „Seht, 
nichtswürdige Creaturen! (so ungefähr liess «ich Kapodistrias Le- 
ben und Wirken in Griechenland in Worte kleiden) Seht, wie 
gottesfürchtig ich bin, wie mühvoll und freudelos mein Leben ist! 
ich faste mit euch, psalmodiere laut und schreibe an die Könige, 
dass sie euch als Nation gelten und in ihren Stapelplätzen mit 
Gewinn Handel treiben lassen. Was wollt ihr mehr? Zum Lohn 
verlang ich nichts, als dass ihr meine Launen als Gesetz anneh- 
met und euch um nichts weiter, als um euer physisches Wohler- 
gehen kümmert. Und weil ihr doch nur armseliges Material für 
einen souveränen Willen seyd, so lasset lieber mir dio Herrschaft 
über euch, der ich eures Dlutes bin und wohlfeiler als jeder An- 
dere despotisiere. 4 * Ohne selbst böse zu seyn, achtete er die Tu- 
gend dennoch nicht, ja er hielt es für unwahrscheinlich, dass man 
sich überhaupt, ohne vom Stachel materieller Interessen getrieben 
zu seyn, moralischen Zwang anthun könne. Leute mit verunglück- 
tem Leumund hielt er sogar für brauchbarer, als die für rechtlich 
geltenden. „Ich kenne dich," pflegte er zu solchen Individuen zn 
sagen, „du bist ein Schurke, wir wollen aber dennoch gute Freunde 
eeyn, wenn du mir dienest; hüte dich aber vor neuem Betrüge, 
denn ich habe die Mittel in der Hand, dich zu Grunde zu richten. ■- 
— Dass ein solcher Mann Griechenland nicht im Sinne des euro- 
päischen Philhellenismus einrichten und verwalten werde, musste 
sich in kurzer Zeit offenbaren. 

Wie will man aber jetzt noch sagen , was der Mann eigent- 
lich wollte und was er nicht wollte? Alle seine Entwürfe, wenn 
er über endliche Konstituirung eines freien Griechenlands deren 
wirklich hatte, sind mit ihm zu Grabe gegangen. Wahrscheinlich 
hatte er selbst noch nichts Bestimmtes festgesetzt, und wir glau- 
ben ihm aufs Won, wenn er Hrn. Prokesch sagt, „er denke nicht 
über 24 Stunden hinaus, und alles Planmachen sey Träumerei; 
was mit Griechenland gesehenen soll, werde geschehen, ob nun 
die Kabinete wollen oder nicht; diese wissen aber selbst nicht 



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2$5 Prokfich von Quirn, Urnkwtirdiffkk. u. Erinnerungen nun d Orient. 

was sie thun sollen, and ajles was sie wissen, seyen ihre eigenen 
Interessen. • — Auch ist es in der That ein gewöhnlicher Irr- 
thum, Leuten , die zur Macht gelangen , auf der Stelle tief ange- 
legte und auf Generationen hinaus berechnete Systeme unterzule- 
gen und ihnen, ich weiss nicht welchen mystischen Zauber zu 
leihen, der urplötzlich den Blick schärft und das natürliche Maas 
ihrer Einsicht erweitert, während doch die Gedankenarmuth und 
der „spannenlange Verstand' 1 der Staatskttnstler überall ans Licht 
tritt, und eben die grösste Süssigkeit der Macht eben darin be- 
steht, nach 8itte der Alltngsmenschen den Hingebungen des Au- 
genblickes zu gehorchen. Eine Staatsgewalt, die ans was immer 
für Gründen sich innerhalb vorgezeichneter Schranken, oder nach 
einer traditionellen Richtung bewegen muss, hat im Sinne der mei- 
sten Menschen die grössere Hälfte ihrer Reize schon verloren. 

Wenn wir Eingangs gesagt haben, dass Hrn. Prokesch's Mei- 
nung über das griechische Volk in diesem letzten Theile seiner 
Schrift etwas tiefer gesunken sey, als in den beiden vorhergehen- 
den, so muss man zu seiner Rechtfertigung beifügen, dass seine 
Minderschätzung nicht aus merkantilischer, nicht aus dogmati- 
scher, auch nicht aus legitiraistischer Quelle fliegst, und durchaus 
frei bleibt von jener unedel n Bitterkeit , mit welcher man nur zu 
Läufig in den grossen Handelsplätzen des Mittelmeeres gegen die- 
ses Volk declamiren hört. Hr. Prokesch sagt nur, aber er sagt 
es im anständigsten Tone von der Welt, die Griechen seyen nicht 
so geeigenschaftet, wie sie die gutmüthige Bücherschwärmerci der 
Germanen denkt. Nirgend behauptet er, sie seyen ein durchaus 
unbrauchbares, undiseiplinirbares und blos als Materie orientalischer 
Knechtschaft verwendbares Chaos, ohne Sinn für Ordnung, Recht 

i 

und Gerechtigkeit. Wohl aber erklärt er unverholen , dass die 
Fremden den Prozess ihrer Wiederverjüngung verkehrt angreifen, 
dass sie die im Lande so reichlich liegenden Elemente der Umbil- 
dung nicht aufzulesen verstehen, und aus den Griechen nicht das 
was sie seyn sollen, Griechen, sondern Affen ihrer Landsleute 
machen wollen. Wenn er bei seiner unvollkommenen Kunde der 
06trömischen Staatsidee auch nicht mit W orten deutlich zu \ erste- 
hen gibt, dass alles neugriechische Schaffen und Leben von einer 
byzantinischen Grundlage ausgehen müsse und ohne diese 
Wurzel nicht gedeihen könne, so bat er doch den guten Sinn, an 
den heutigen Griechen ein in Blut und Wesen der occidentali- 
■ohen Bildung grundsässig widerstrebendes Element zu erkennen. 
Auch hatte er, was er hier niederschrieb, natürlich an Ort und 



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Von Reden : Da« k. ILwinouir. * (ati*u.c Ii beaehriebea. M 

Stelle mitten im Wirrwarr des griechischen Staatsbilduogsprozea- 
ses mündlich au vertbeidigen gesucht. Dass man ihn aber nicht 
hörte, und wohl auch seine Rede für feindselig und antihellenisoh 
erklärte, versteht sich von selbst. 

Wenn man aber auf der andern Seite so viel Armseligkeit 
nnd so viel Unverstand auf so engem Räume beisammen findet, 
möchte man freilich aus Ekel zuweilen mit Hrn. Prokesch ausru- 
fen: „Geht, lasset mich ( mit eurer Civilisation ! u — Vieles in der 
neuesten Zeit, insbesondere aber das fränkische Treiben im kleinen 
Griechenlande, muntert zur Demuth auf und mag viele Gemüther 
vor den Anfällen titanischen Hochmuths und vor jener Vergötte- 
rung des Verstandes bewahren, in welche sich abendländische 
Philosophie und Staatskunst aus Verblendung zu verlieren droht. 
Kbeu diese reiche Dosis Gegengift, welche man aus diesem Buche 
gegen die Aphorismen politischer Götzendiener ziehen kann, ist 
sein schönster Schmuck und für den Leser der bleibendste Gewinn. 
Unmöglich kann man sich am Schlüsse desselben des Gedankens 
erwehren, dass die Menschen — selbst die besten und klügsten — 
überall schwacher als die Umstände sind, dass sie die Ereignisse 
niemals und nirgend beherrschen, dass sie überall und allzeit von 
dem „rollenden Wagen der Zeit*- fortgerissen werden, und dass 
sich ihre Weisheit wie ihre Thorheit innerhalb gleich enggesetzter 
and nndurchbrechbarer Schranken bewegt — 

FuUmerayer . 



Das Königreich Hannover , statistisch beschrieben, zunächst in Beziehung 
auf Landwirthschajt, Gewerbe und Handel. I'om Freih Fr. von He- 
den, Dr. d Ii , Generalsccretair des Gewerbevereins für das K. Han- 
nover. Hahn, I. Bd. XII. u. 538 S.; II. Bd. I UI. u. 504 V 18*9. 

Wir haben hier eine ziemlich ausführliche volkswirt- 
schaftliche Statistik vor uns, zu deren Ausarbeitung der 
Verf. sowohl durch seine früheren Schriften (namentlich über den 
norddeutschen Leinwand- uud Mehlhandel, beide mit vielem sta- 
tistischem Material auch in Betreff anderer Lander ausgestattet), als 
durch seine jetzige amtliche Stellung vorzüglich befähigt war. Die 
Vorrede bemerkt, es sey anfangs die Absicht gewesen, eine voll- 
ständige Statistik des Königreichs zu schreiben, aber theils die 
jetzigen Schwankungen iu manchen Verfassungs- und Verwal- 
tungsgegenständen, theils die bevorstehende neue Volkszählung 



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184 Von Reden: tfoa K. Hannover, ■tatietoch beschrieben. 

hätten die Beschränkung auf das im Titel bezeichnete Gebiet rath- 
sam gemacht. Beide Gründe sind sehr üb erzeugend. Mögen die 
hannöverischen Wirren recht bald denjenigen Ausgang nehmen, 
der der Gerechtigkeit und zugleioh der Stnatsklugheit am meisten 
entspricht, denn das Rechtmässige ist auf die Dauer immer auch 
das Klügste und Nützlichste! Uebrigens bildet das Werk auch 
in dieser Beschränkung mit einer einzigen Ausnahme ein wohi- 
ahgerundetes Ganzes, und es wäre überhaupt zweckmässig, wenn 
Männer, die in einem einzelnen Gebiete der Statistik viel zu lei- 
sten vermögen, sich der Darstellung desselben unterzögen, ohne 
sich durch die Erwägung abhalten zu lassen, dass sie nicht alle 
statistischen Gegenstände zu bearbeiten Lust, Zeit oder Gelegen- 
heit haben. Um aber dennoch ein Ganzes zu Stande zu brin- 
gen, wäre eine Verabredang Mehrerer, unter einer Haupt- 
rednern . wie bei Mac CullocYTs Statistical aoeount, das 
beste Auskunftsmittel. Diese Bemerkung soll aber den achtungs- 
würdigen Verf. nicht entmuthigen, späterhin das Uebrige selbst 
zu geben. Er beklagt den geringen Vorrath gedruckter Hülfs- 
mittel, die er benutzen konnte; sein Verdienst erscheint desto 
grösser, wenn man die Unverdrossenheit bedenkt, mit der er durch 
Privaterkundigungen, Acten und dergleichen die Lücken zu ergän- 
zen suchte. Ist noch hie und da etwas zu vermissen, so fällt diess 
nicht ihm, sondern seinen Quellen zur Last, und Andeutungen hie- 
rüber sind deshalb nicht als Tadel, sondern als Wünsche für die 
fortgesetzten Nachforschungen anzusehen. Das Buch ist schon in 
seiner jetzigen Gestalt eine sehr schätzbare Schilderung des han- 
növerseben Gewerbswesens mit Binschluss der dasselbe betreffen- 
den Staatseinrichtungen. Manche Binzeinheiten, die dem Auslän- 
der gleichgültig sind, wie die Namen der geschickteren Fabrik- 
herren und Handwerker in verschiedenen Zweigen, mögen für das 
Inland, als Ermunterung der Genannten und Sporn der Ungenann- 
ten, von wesentlichem Nutzen seyn. 

Die Anordnung ist im Ganzen zweckmässig. Der Verf. geht, 
wie es sein muss, vom Lande, als der Grundlage der Gewerbs- 
thatigkeit, aus. Bei der Lage hätte wohl auch die Form der Be- 
gräiusung erwähnt werden können, die nicht Mos für die Verwal- 
tung, sondern auch für den Verkehr der Landestheile von Bedeu- 
tung ist; zum Glücke sind die lästigen Folgen, die in der letzt- 
genannten Hinsieht aus der ungünstigen Figur des Landes ent- 
stehen mussten, vermittelst des Zoll- und Handelsvereines gröss- 
tenteils beseitigt. Der westlichste Abschnitt, Ostfriesland . Lin- 

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Vor Reden: Dm K Hannover. ftatUtiwh betrieben 235 

gen, Bentheim, Meppen and der größte Theil des ehemaligen Für- 
stenthums Osnabrück hängen nur durch den schmalen Streifen bei 
fefcmförde, der aus dem Dümmersee und der südlieh desselben 
gelegenen Wiesenflache besteht, mit der Hauptmasse des Königreichs 
zusammen., und das Grossherzog thum Oldenburg ist zwischen beide 
Stücke eingeklemmt. Das ehemalige Fürstenthum Göttingen und 
•Jer Harz sind ganz durch braunsohweigisches Gebiet abgeschnit- 
ten. — Die Bodenbeschaffenheit ist zwar in dem Absatz II. 
deutlich und richtig beschrieben, jedoch nur in allgemeinen Um- 
rissen. Die Darstellung wurde gewonnen haben, wenn das, was 
unter VII, zerstreut vorkommt, sogleich in II. vereinigt worden 
wäre, so dass z. B. der Gegensatz von Geest und Marsch, die Er- 
streokung beider sowie die Ausdehnung der Heide- und JHoorge- 
genden in dem Gesammtüberblick ihre Stelle gefunden hatten. Wie 
viel Aufschluss würde es über die landwirtschaftlichen Verhält- 
nisse geben, wenn diese Bestandteile der Oberfläche nach ihrem 
Flächeninhalte und ihrer Begränzung genau bestimmt wären, z. B. 
die Heide, die den Reisenden im westlichen Landestbeile bis auf 
die beiden Höhenzüge nördlich und südlich von Osnabrück begleitet I 
Der Absatz V., $lima, wird künftig aus vermehrten Beob- 
achtungen noch manche erwünschte Erweiterung erhalten, z. B. 
über die Regenmenge in verschiedenen Gegenden, auf den waldi- 
gen Höhen des Harzes, in der Heide und am Meere. — Die in 
IV. aus Marcard geschöpften Angaben über Benutzung und 
Verteilung des Bodens würden besser nach V. folgen, auch wür- 
den die meisten Leser, denen Marcard's Buch nicht gerade zur 
Hand ist, gerne neben den Procentsätzen die absoluten Angaben 
über die Verteilung des Bodens unter verschiedene Culturartcn 
und Fruchtbarkeitsgrade vor sich sehen. Aus den Nachrichten über 
die bäuerlichen Besitzungen kann man scbliessen, dass 
63 Proc. derselben ganz klein, unter 20 Morgen Acker u. Wiese, 
sind, 

17 — klein, von «0— ÖO M., 

19 — von mittlerer Grösse, über 50 M. 

Ueber die Lan dwirthsch aft theilt Nr. VII. eine Menge 
lehrreicher Notizen mit, bei denen man nur bedauert, dass es nicht 
möglich war, Zahlen über die Menge der Erzeugnisse jeder Art 
anzugeben. Man erräth leicht, dass die oben erwähnte Verschie- 
denheit des Bodens sowohl auf die Auswahl als auf den Ertrag 
und die Behandlung jeder Pflanze grossen Einfluss üben müsse. 
Weizen, Gerste, Pferdebohnen. Reps bilden in den Marschgcgen- 



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28« Von Reden: Da* K. Hannover, aUtUtiteh beschrieben. 



den, Rocken« Haber, Buchweizen in der Heide und den Mooren 
die Hauptgegenstände des Anbaues. Lein kommt, wie aun den 
einzelnen Angaben abzunehmen, in der südlichen Hälfte des Lah- 
des viel häufiger, als in der nördlichen vor, Hanf ist weniger ver- 
breitet, als man nach der Menge des humusreichen Bodens in den 
Niederungen vermuthen sollte. Dass der russische Hanf einen har- 
zigen Bestandteil haben soll , der dem deutschen fehlt, führt der 
Verf. als eine Behauptung Anderer an. Ref. muss ihre Richtigkeit 
vorläufig bezweifeln. Die Bastfasern sind sowohl im Hanf- als 
im Leinstengel mit einem harzigen Stoffe zusammengeklebt, dessen 
Zersetzung eben die Röte, und. noch besser die Behandlung mit 
heisser Seifen- oder Pottaschenlösung bewirken soll. Die gerin- 
gere Haltbarkeit der Fasern könnte vielleicht davon herrühren, 
dass die Röte in Hannover nicht gut betrieben und etwa bis zur 
anfangenden Fäulniss des Bastes fortgesetzt wird. — Auf die all- 
gemeine Betrachtung der Landwirtschaft folgt von S. 72 an Be- 
sonderes über einzelne Provinzen, wobei, wie oben schon ange- 
deutet wurde, auch die Beschaffenheit des Bodens, zumal in den 
Landdroßtcien Lüneburg und Aurich, anschaulich beschrieben ist. 
Das Königreich Hannover hat in seinen Torfmooren , seinen Mar- 
schen und Poldern, seinen Sanddünen und Heiderücken Eigen- 
thümlichkeiten , die wenigstens den Bewohnern des mittleren und 
oberen Deutschlands fremdartig vorkommen, wenn sie gleich in 
anderen Flachsiändern ebenso anzutreffen seyn mögen. Die Leser 
aus den erwähnten Theilen von Deutschland werden hie und da 
ausführlichere Erklärungen wünschen, z. R. 8. 115. über die Auf- 
echlickungen an der Küste, worüber kürzlich Sprengel in dem 
schätzbaren Buche über das Urbarmachen mehr gesagt bat. Der 
Diemat guter Marschboden gibt 6 S A Emd. Tonnen Reps und 5'A 
— 7 Tonnen Rocken Die Tonne auf den Diemat beträgt so viel 
als 4 / s bad. Malter auf den bad. Morgen, also sind jene Sätze in 
bad. Maasen für Reps 6, 4 Malter, für Roggen 4,*— V M. — Die 
ganze Waldfläohe beträgt 2,242,576 M. und nimmt 15, s ' Proc. 
des Landes ein, ist jedoch ungleich vertheilt, da, wie bekannt, 
Ostfriesland sehr waldarm ist. Von der Gesammtheit der Wal- 
dungen sind 1,209,516 M. oder 53,* Proc. Staatswald, 32, 4 Proc. 
im Eigenthum der Gemeinden. In obige Hauptzahl des Wald- 
areals sind 733.950 M. Blossen eingerechnet, die man, bei der 
Vergleichung des Ertrags mit der Grundfläche, natürlich ahziehen 
muss. Ueber die Waldungen des Harzes sind nähere Angaben 
mitgcthcilt, von denen wir nur ausheben, dass der Zuwachs iu 



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Von Reden: Da* K Hamwrer , ttatiitiich b«tcbrieb#n. 231 



Fichtenwäldern anf i*A— » Malter zu 80 Cnb. F., in BochenwÄl- 
dern zu l'/s Malter vom Wald -Morgen berechnet worden ist. 
Diess gibt in badischen Maassen 126*/ s — 151, 8 Cub. F. Fichten- 
und 101 Cub. F. Buchenholz, ein im Ganzen ziemlich hoher Er- 
trag, da man in Baden im Durchschnitt nicht über */* Klafter oder 
108 Cub. Fuss annimmt. Nur ein kleiner Theil vom Holzerzeug- 
niss des Harzes wird um den Marktpreis verkauft, das meiste um 
ermassigte Preise für Berg- und Huttenwerke und den Bedarf der 
berechtigten Einwohner abgegeben. Das hierin liegende Opfer der 
Staatskasse ist ohne Zweifel grösser, als der Reinertrag der Berg- 
und Hüttenwerke für dieselbe, worüber jedoch unser Verfasser, 
da er das Finanzwesen gar nicht berührt, sich nicht geäussert 
hat. Zu den Merkwürdigkeiten gehört das unterhalb Bützfleth 
ander Elbmündung aus der Nordsee ankommende Treibholz (Stöcke 
von 1—10 F. Länge und bis zu 1 F. Durchmesser), — und die 
Benutzung des fossilen Nadelholzes in Torfmooren auf Theer, ». 
30 und 31. ■ 
Der Viehstand. 250,000 Pferde und 900,000 Stück Horn- 
vieh jedes Alters, verglichen mit der Zahl von 647.000 Morgen 
Acker, Wiese und Weide, erscheint stark. Die Pferdezucht wird 
von den Landwirthen nebenher betrieben, so dass die Znehtstnten 
zugleich Feldarbeit thun müssen, weshalb die ersten weniger Ko- 
sten verursachen, als ausserdem ; das Landgestüt von 191 Beschä- 
lern und die 70 Beschäler des k. Marstalles wirken macht ig zur 
Verbesserung der Pferdezucht, doch reichen diese Voll- und Halb- 
Muthengste nicht hin, und es befinden sich unter den 400 Beschiii- 
hengsten der Privatpersonen noch viele unveredelte. — Der Milch- 
ertrag einer Marschkuh in der Gegend von Hamburg ist öO— -56 
Thlr. (87 1 ! — 98 fl.). und in den Wesermarschen soll er bisweilen 
bis 5880 Quartier Milch erreichen, d. i. 3816 bad. Maasse, und * 
daraus 45« Pfund Butter, was in der That sehr viel ist. — Den 
beiden Extremen des Bodens, Marsch und sandige Heide, entspre- 
chen die gleichnamigen Schaafrassen , deren jede für die Bewoh- 
ner des einen und anderen Landstriches höchst wohlth&tig ist. Das 
genügsame Heideschaaf gibt freilich nur epftrliehe Milch - und 
Wollnutznng, ist aber auch sehr wohlfeil zu erhalten und erleich- 
tert durch Düngererzeugung den Anbau des humusarmen Bodens. 
Das Marschsehnaf gehört der Niederungsrassc an, gibt 5 — 10 Pfd. 
lange und ziemlich feine Wolle und viele Milch, so dass 2 — 4 
Stück eine Familie mit Milch, Butter, Käse und Wolle zur Be- 
kleidung versorgen. — Im Ertrag der Gänsezucht hat sich schon 



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238 Von Roden: Dat K. Hannover, •tütiiti.ch bcidi rieben. 



der EinduBs der stählernen Schreibfedern auf nachtheilige Weise 
fühlbar gemacht, ebenso hat die Bienenzucht durch die niedrigen 
Honigpreise, in Folge des häufigen Syrupverbrauches, gelitten ; ein 
noch stärkerer Stoss möchte ihr aber wegen der zunehmenden 
Verfertigung von Lichtern aus gereinigter Talgsaure (Stearinlich- 
ter) drohen, denn es ist unvermeidlich, dass das Wachs faiedurch 
wohlfeiler werde. Die Rindviehzucht gewinnt hiebei, was der Bie- 
nenzucht entgeht, aber dennoch wäre der Verfall der letzteren zu 
beklagen, da sie mit geringen Kosten eine nützliche Vermehrung 
des Erzeugnisses an Rohstoffen zu Wege bringt. Indess sind 
solche Armierungen unvermeidliche Folgen des Fortschreitens im 
GewerbAeisse. 

Den Bergbau übergehen wir, da schon aus Hausmannes 
Werk das Einzelne bekannt ist. — Unter den 14 Salzwerken 
hat das einzige zu Lüneburg eine reichhaltige Soole (36 Proc), 
die meisten verarbeiten eine so dürftige Soole, dass die ftrzeu- 
gungskosten des Kochsalzes hoch kommen müssen. Die grosse 
Verbesserung durch Bohrlöcher scheint noch wenig Eingang ge- 
funden zu haben, da sie nur bei zwei Salinen erwähnt werden. 
Die Erbohruog von Steinsalz würde die meisten jener kleinen 
Salzwerke zu (»runde richten. 

Die Volkswirtschaftslehre , deren Pflege eine Menge neuer 
Gegenstände statistischer Forschungen hervorgerufen hat, zeigt 
unter andern den Nutzen von Angaben über die Preise der Roh- 
stoffe, der Arbeit und der Grundstücke in. den verschiedenen Ge- 
genden eines Landes. Der Verf. hat diess nicht übersehen, aber 
es war ihm nicht möglich, diess Bedürfniss vollständig zu befrie- 
digen. Was er aus den Acten des Ministeriums des Innern mit- 
theilt, das sind die für die Ablösung der bäuerlichen Lasten auf- 
gestellten Normalpreise, die bei manchen Dingen hinter den lau- 
fenden zurück zu bleiben scheinen, auch erst mancher weiteren 
Berechnung bedürfen, wie z. B. die Kartoffeln ohne die Kosten 
des Ausnehmens und Einfahrens angesetzt sind. 

Der den Gewerken, oder nach des Verf. Ausdruck, der 
Gewerbthätigkeit im engeren Sinne gewidmete Abschnitt füllt bei- 
nahe die Bälfte des ersten Bandes, und wurde grösstenteils aus 
den Acten des Gewerbevereins dargestellt. Das Hüttenwesen macht 
den Anfang, wobei die Abnahme der Silberproduction in den letz- 
ten Jahren bemerkenswert h ist. Es waren nämlich, wenn man das 
Erzeugnis» der ganz königlichen und der mit Braunschweig ge- 
meinschaftlichen Hütten zusammenrechnet, ausgeschmolzcn worden 



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Ton Reden: Dom K ÜMM?«r, »UtUtiteh bvachriebsa. 2»!» 



1831—33 im Durciuch. 66,544 Mark Silber, 
J837 47,6»1 
1838 47,316 — , 

dagegen haben sich die Bleipreise, deren niedriger stand für die 
Marzberg werke sehr empfind lieh war, bedeutend gehoben, der Cent- 
ner steht jetzt zu 6% Thlr. Gold, wahrend man 1830 nur 3*/e Thlr. 
lösen konnte. 

Die Verarbeitung des Flachses verdiente bei ihrer Wichtig- 
keit für das Königreich die ausführliche Darstellung, wobei der 
Verf. Manches aus seiner obenerwähnten Schrift schöpfen konnte. 
Auf den meisten Bauernhöfen des Landes wird ein Webstuhl an- 
getroffen, .Nach der mitgetheilten Tabelle berechnet sich der täg- 
liche Verdienst des Webers mindestens auf 5 » höchstens auf 
9 Vs Gr., im Durchschnitt auf 7— s Gr. (30— 36 kr.) täglich. Aua 
den angegebenen Preisen sieht man, dass die für auswärtigen Ab- 
satz bestimmten, anf die Leggen kommenden Leinen meistens von 
gröberen Sorten sind, die sich zur Hnusweberei gut eignen. Man 
kann deshalb desto sicherer hoffen, dass auch ach der Verdrän- 
gung des Handgespinstes durch Maschinengarn wenigstens das 
Weben den Landleuten bleiben werde, nur ändert eich die Sache 
sehr zu ihrem Nachtheile, wenn sie das Garn kaufen müssen oder, 
was sich allmälig zur Regel machen wird, vom Fabricanteu ge- 
liefert erhalten. Am besten wäre es, wenn sich Maschi ewensp in- 
ner ei en bildeten, die dem Fiacbsbauer für Lohn arbeiten, allein 
hiezu werden sich die Unternehmer schwerlich entschiiessen , weil 
sie beim Einkaufe des Hachse* und beim Verkaufe des Garnes 
mehr gewinnen. Die Klagen über schlechtes Garn macheu eine 
Aenderung unvermeidlich; ob es aber den Handspinnern bei gros-» 
serer Gesohicklichket etc möglich sein wird, mit dea Maschinen 
zu conenrriren, diess muss erst die Folge lehren. Die ganze Lei r 
neu- und Garnausfnhr wird auf «V* MM. Thlr, geschätzt, S. 366. 
werden die anf Erhaltung und Ewnorbringung dieees Gewerbs- 
zweiges sich beziehenden Maassregeln angegeben. Das Meiste 
mnsste von den Erzeugern selbst geschehen, es liegt aber gerade 
in dem Wesen eines, von Tausenden im Kleinen betriebenen Ge- 
werbes , dass bedeutende Verbesserungen schwer Eingang (Inden, 
weshalb Vereine, sowohl zur Aufbringung von Mitteln, als z*r 
Förderung der Einsicht und Geschicklichkeit, besonders viel wir* 
ken können. — Für die Seidenzucht hat der Gewerbeverein mit 
einigem Erfolge ermuntert, S. 374. Unterzeichneter erwartet hie- 
von nicht viel. Ein Klima von ungefähr 7 Graden R. Jahreswär- 



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240 Von Reden: Das K. Hannover, statistisch beschrieben. 

ist schon ein Hindernis«, ein noch grösseres aber die neuer- 
dings sich mehr und mehr verbreitende Ueberzengung, dass die 
Zucht der Seidenraupen nur in grossen Anstalten (Magnanerieen) 
recht gedeiht. — Die Baumwollenweberei ist im Steigen, man ver- 
zichtet jedoch, wie es scheint, fürs erste auf die Erweiterung der 
Maschinenspinnerei, die einen Schutz von 30 Proc. nöthig haben 
würde, um das Mitwerhen des Auslandes zu bestehen. Bis jetzt 
wird auch von Geweben nur ein kleiner Theil des Bedarfes im 
Lande verfertigt, und es fehlen noch (S. 378) grosse, als Vor- 
bilder dienende Fnbrikuuternehmungen in grösserer Anzahl. — 
Auch in der Wollenverarbeitung tritt die unangenehme Ueberzen- 
gung hervor, dsss der Handwerksbetrieb, auf dem Jahrhunderte hin- 
durch der Wohlstand vieler fleissiger Familien beruhte, von dem 
Aufkommen der Fabriken mehr und mehr gefährdet wird. Der 
Geschmack der Abnehmer lasst sich nicht beliebig lenken, und die 
fabrikroässig verfertigten Tucher und Zenche sind in Güte und 
Wohlfeilbeit vorzüglicher. Da man aber die Besitzer von 1160 
Webstühlen nicht zu Grunde geben lassen darf, so muss man Al- 
les aufbieten, Ihren Betrieb za verbessern und sie zur Benutzung 
von Kunstmitteln zu ermuntern, wie denn von den Göttinger Mei- 
stern, deren Zeuche sonst in grossem Rufe standen, erzählt wird, 
dass sie gemeinschaftlich Lohnspinnereien und Appretirungsanstal- 
ten errichtet haben. — Unter den Hindernissen der Wollen- und 
Papierfabrication wird der Mangel an Wasserkräften angeführt, 
und diess ist überhaupt einer der Gründe, welche die Flachländer 
zum Fabrikwesen minder geeignet machen. Der bei Gelegenheit 
des letztgenannten Gewerks erwähnte Mangel an Capital scheint 
in der ganzen hannov. Volkswirthschsft durchzublicken und von 
dem Verfalle mancher früherbin in Blüte gewesener Gewerke her- 
zurühren. Der Verf. erwartet für verschiedene Gewerbe Hülfe aus 
einer strengeren Verhütung des Schleichhandels. Allein diess wird, 
bei der Beschränktheit des inneren Marktes im Gebiete des kleine- 
ren Zollvereines, immer nicht viel helfen, wahrend ein Anschluss 
an den grösseren Verein viel sicherer denjenigen Gewerken , die 
durch örtliche Verhältnisse begünstigt sind, eine erwünschte Aus- 
dehnung verschaffen könnte. An Papier wird für 360,000 Thlr., 
an Leder für 600,000 Thlr. bereitet, es fehlt aber an schul Wal- 
dungen, um gute junge Rinde zu erhalten. — 

(Dir Scklnf* 'folgt.) 



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N\ 16. HEIDELBERGER i840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Von Reden: Das K. Hannover, statistisch beschrieben. 

( Ii i c hlufs.) 

Die Bierbrauerei ist hier, wie in anderen Landern, nachdem 
sie längere Zeit in Verfall gewesen war, wieder im Fortschrei- 
ten, doch beklagt man, dass mehr für die Bereitung eines kost- 
bareren Lagerbiers, als für einen guten und wohlfeilen Trank zu 
Gunsten des gemeinen Mannes gesorgt wird. Die Branntweinbren- 
nerei ist sehr ausgedehnt und wirft dem Staate einen steuerertrag 
von 530-640,000 Thlr. ab, woraus man, nach Böttcher (Ueber 
den Branntweingenuss , 1839.) auf einen Verbrauch von etwa 30 
Millionen Quartier (80 Mill. bad. Maas oder 15 V. Mill. preues. 
Quart) im Lande schliessen kann; ein offenbar ungünstiges Ver- 
hältniss. Wie leicht könnte die Staatskasse ohne diesen verderb- 
lichen GenuRs aus dem grösseren Wohlstande auf anderen Wegen 
Ersatz für diese Steuereinnahme erhalten! — Die Tabellen über 
die Zahl der Gewerbsleute geben zu mancherlei Betrachtungen 
Anlass, zumal in Verbindung mit ähnlichen Notizen aus anderen 
Ländern. Die Zahl der Handwerksmeister ist in manchen Gewer- 
ken ziemlich gross, es kommen z. B. Einwohner 

auf 1 Schneider, 1 Schreiner, 1 Fleischer 



in Hannover 193 371 448 

in Baiern 206 607 1310 

in Preussen 136 481 838 

in Baden 138 503 690 



Neben den 18,840 Zunftmeistern sind 19.356 Concessionirte 
vorhanden, von denen über 15,000 auf dem Lfendc wohnen. Auf 
100 Zunftmeister sind 101 Gehülfen vorhanden, auf 100 fonces- 
sionirte nur 33. Hiezu kommen die freien Gewerbe, in denen es 
43,537 Unternehmer (selbstständige Gewerbsleute) mit 17 Proc. 
Gehülfen gibt. Man muss indess beachten, dass die Gesetzgebung 
in den einzelnen Land estheilen sehr abweichend ist. indem z. B. 
im Fürstenthum Osnabrück, in Bremen und Verden auf dem Lande 
volle Gewerbefreiheit besteht, und in Bentheim, Emsbühren, hin- 
gen und Meppen nicht einmal die Städte Zünfte haben; in ande- 
X1X1II. Jahrg. 2. Hurt. 16 



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242 Von Reden: Das K Hannover, itatisliscli beschrieben. 



- 

reo Provinzen würde sonst die Ansiedelung der Dorfhandwerker 
sehr ersehwert und nur neuerlich durch jene Concessionen dieser 
Zwang gemildert. Man sieht, dass eine neue Gewerbsordnung, 
deren Erlassung nach der Bemerkung des Verf. S. 607. nicht ganz 
nahe zu seyn scheint, ein wesentliches Bedürfniss ist. 

Der zweite Band ist grösstenteils dem Handel gewidmet. 
Die Schilffahrt auf den Flüssen sowie auf dem Meere ist mit gros- 
ser Sorgfalt geschildert, und weil bei dem Mangel an grossen 
Handelsplätzen im Lande Hamburg und Bremen die Stelle dersel- 
ben vertreten, so hat es der Verf. passend gefunden, sich auch 
über den gesammten Handel beider Städte zu verbreiten, was, wenn 
auch nicht ganz nothwendig für die Statistik von Hannover, doch 
eine sehr willkommene Zugabe bildet. Aus den mitgetheilten Land- 
frachten erkennt man die grosse Verminderung derselben in neue- 
rer Zeit, hauptsächlich in Folge der besseren Strassen, obschon 
auch die Fruchtpreise nicht ohne Einfluss hierauf sind. Das Schiffs- 
pfund (330 Pfund) gab Fracht von Hamburg nach Nürnberg 
im J. 1814 ...... 17 Thlr. 6 Gr. bis 18 Thlr. 20 Gr. 

M 1« — 13 — 12 — 

28 9 — 10 — 

34—37 im Durchschn. 6 — 4— —8 — 8 — 

38 7 — 9 — 

Der Mittelbetrag des letzten Jahres, 8 Thlr., zeigt einen Satz von 
etwa 3 kr. per Centner und Meile an, und ist nur 44 Proc. des 
Betrages von 1814. Auf vier Pferde werden jetzt 100 Centner 
geladen, früher nur etwa die Hälfte. — Die Aufschlüsse über die 
Waaren Versendung auf der Elbe und Weser sind für die Kennt- 
niss des gesammten deutschen Verkehrs lehrreich. Auf der Elbe 
gingen z. B. 

von Hamburg aufwärts 1820 119% Mill. Pfund, 

1838 271 — 
nach Hamburg zu Thal 1828 347 — 

1829 314 — 
1834 191 — 
Die Niederfahrt hat also abgenommen. Sie besteht ohnehin aus 
Dingen von viel geringerem Preise, z. B. 627,000 Ctr. Bau- und 
Nutzholz. Auf der Weser gehen ungefähr 4—500,000 Ctr. jfihrl. 
aufwärts. Der 1827—1830 auf hannov. Gebiete angelegte Bre- 
merhafen hat sich als eine wohlberecbnete Unternehmung gezeigt, 
da die Zahl der einlaufenden Schiffe sich fortwährend vermehrt; 
es waren i. D. von 1831—33 jährlich 186, aber von 1836—38 



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Von Reden : Da» K. Hannover, itntietiach beschrieben. 241 

schon 467. Die Seeschiff fahrt wird hauptsächlich von den Ostfrie- 
sen betrieben, die im Jahr 1838 402 mit Flaggennummern und 
Seepässen versehene Fahrzeuge besassen. Unter den Canälen ge- 
wahrt die schon zu Stande gebrachte Verbindung der Elbe und 
Weser durch die Hamme und Oste und die noch beabsichtigte 
Fortsetzung dieses Canals bis Bremen vorzügliches Interesse, in- 
dem sie den Erzeugnissen de» zwischen beiden Strömen liegen- 
den, schwachbevölkerten Landstriches nach Bremen leichteren Ab- 
satz verschafft. Noch grösser wäre der Nutzen, wenn auch eine 
kurze Wasserverbindung mit Hamburg zu Stande käme, wozu man 
die bei Stade in die Elbe mündende Schwinge zu benutzen ge- 
denkt. Ein Cannl von etwa 3 Meilen von der Oste bei Bremer- 
vörde bis zur Schwinge wird für leicht ausführbar gehalten. — 
Die Länge der Chausseen ist 313 Meilen oder 626 Poststunden, 
es kommen also, da der Flächeninhalt des Landes 695 O Meilen 
ist, auf jede CD Meile im Durchschnitt 0, 9 Stunden Strassen lange. 
Diess ist, gegen manche andere Länder gehalten (s. des Untere. 
Lehrbuch der polit. Oek. II., 426), wenig, da z. B. in Baden 2%, 
in Würtemberg 1, # Stunden auf die a Meile treffen, indess 
muss man einerseits das schwächere Bedürfniss bei der dünneren 
Bevölkerung, andererseits die vielen schiffbaren Gewässer in An- 
schlag bringen. Die Kosten der neuen Anlegung betragen auf 
die Meile 18,000 Tblr. , ohne die Frohnen. Das Weggeld deckt 
die Kosten der Strassenunterhaltung, ohne als hoch gelten zu kön- 
nen, denn der 8atz von 1 gG. vom Zugthiere bei 6 — 8 Zoll Fel- 
dbreite für die volle Hebstelle von wenigstens 1000 Ruthen 
(1587 R. auf die Meile) macht, wenn wir 18 Ctr. als mittlere Be- 
lastung annehmen, nicht volle 0, 4 kr. per Ctr. und lVIeile. — Die 
Post hat 18 8 7, g einen Reinertrag von 151,642 Thlr. oder 9 kr. 
auf den Kopf der Einwohner getragen (in Baden gegen 11 7a kr.), 
— Ueber das hannov. Zollwesen in seinen mehrmaligen Um- 
wandlungen findet man genaue Auskunft. Von 1817 an sind sechs 
verschiedene Zolltarife aufgestellt worden, wobei man allerlei nütz- 
liche Erfahrungen gemacht haben mag Dürfte man aus der Ta- 
belle auf 8. 410 ff. Schlüsse ziehen, was nämlich nur dann zuläs- 
sig wäre, wenn die in jede Colunne fallenden zollpflichtigen Ge- 
genstände bei dem Wechsel der Tarifsätze ganz dieselben geblie- 
ben sind, so* würde der höchste Zollertrag aus der sog. Normal- 
steuer in das J. 18* 4 /2* fallen, als der Centner 12 gGr. entrich- 
tete. Die Erhöhung auf 16 gGr. verminderte im nächsten Jahre 
den Ertrag von 118.000 auf 79.000 Thlr. Der Zoll von Manu- 



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244 Schriften über da« höhere Unterrichtsweten 

faoturwaaren trag 1834 106,000 Thlr., im folgenden Jahre wegen 
der Steigerang des Tarifsatzes von 4%— 8% auf 6y 4 — 13% Thlr., 
nnr noch 65,000 Thlr. — Der Betrag der wichtigsten Aasfuhrar- 
tikel ist fünf Millionen Thaler. Die Durchfuhr durch das Gebiet 
des ganzen nordwestlich-deutschen Zollvereines beiief sich 183 4 /4 
«ur 1,312,000, 1836/' auf 1,178,000 Centner. 

Den Bsschluss machen Nachrichten von den Anstalten für 
Wisssenschaf t und Kunst, die ohne Zweifel ein sehr we- 
sentlicher Gegenstand der Statistik sind, nur aber mit dem übrigen 
Inhalte des Werkes nicht gerade in Zusammenhang stehen. Ueber 
Manches hätten wir weitere Belehrung gewünscht, z. B. über die 
Einnahmen und Ausgaben der Universität Göttingen, über die Berg- 
und Forstschule zu Clausthal und dergl. Die Tabelle über den 
Zustand der Landschulen zeigt, dass im J. 1826 die schulstellen 
grossentheils noch sehr spärlich dotirt waren ; in der Landdrostei 
Stade z. B. hatte im Durchschnitt jeder der 658 Lehrer nur ein 
Einkommen von 68 Thlr. 5 gGr. Seitdem aber ist Vieles zur 
Verbesserung des Schulwesens geschehen. 

K. H. Hau. 



1. Rapport fait au nom de la Section centrate (de la Chambre des Repre"- 

sentans de la Belgique) par Mr. A. Dechamps , «ur le titre III du 
projet de loi sur Vinstruction publique, Brüx. 1835. 4? S. Fol. 

2. Rapport aus Chambre» — — «ur l'enseignement suptrieur (par le /Vii- 

nwtre de VinUrieur de Theux). Brüx., 1837. 4i S. Fol 
8. Rapport surfet Vniversite's de l'fitat presente' ä la Chambre des Reprä- 
sentant (par le Minittre de VinUrieur de Theux). Brüx., 1838. 59 
«. Fol. 

4. Rapport gdneral fait aux Chambres par le Ministre de Vinterieur sur 

Ntat de l'enseignement dans les Universites pendant Vanne 1838. Brüx , 
1839. 41 4» Fol. 

5. Ch. 2V. Oulif, (Pro/, d l'Univ. de Brüx ) de l'enseignement suptrieur 

en Belgique, et spcciatcmcnt du Jury d'examen. 1838. 19 S. 8 

6. Recueil des arrttis — — determinant V Organisation , le regime et le 

Systeme d' enseignement de l'&colc des arts et manufactures annexe'es ü 
Wniversiti de Liege. Liege, ch. Collardin, 1839. 100 & 8. 

7. Universite" de Cond, fkolc du Genie civil. Reglement organique. Gand, 

ch. Vanderhaegen. 1837. 24 & 8. 

8. Recueil des an et es - — determinant l' Organisation, le rigime et le Sy- 

steme d'enseignement de l'ficole prdparatoirc, l'ßcolc speciale du Genie 
civil et l'Kcole des arts et manufactures etablies ä Gand aux frais de 
Vitat. Gand, eh. l'anderhaegtn. Hulin, 1888. 88 S. 8. 



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unä die Universitäten Belgien«,. 



245 



9. Annuaire del'Univcrsiic catholique d Louvain Louv , ch. Vantinthout ei 

yandengande, 12. >tWtf 1837. 15» $.; 1838. 259 &; 1839. 324 8. 

10. Reeueil complct de» lois , arrites et re'glcment rel d /'Instruction supe- 
rieure en Belgique; suivi des Statuts de V Universite' libre de Belgique 
et de VUniversiU catholique d Louvain. Brüx., eh Tircher, 1836 161 
S. 12 

11. Rapport giniral sur l' Universite libre de Bruxellcs, depuis sa fondation 
jusqu ä la fin de l'exercice ä 1634. » /. et a. 26 -s 8. 

12. Universiti libre de Bruxelles. Discvurs prononcis d la sdance solen- 
neUe du 14 Oct. 1839. 56 S 8 

13. F. 7 hier sc h , der öffentliche Unterricht in Belgien (indessen: Ueber 
den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichtes, Bd. II. S. 
389-512.; Bd. III S 3SKJ-146.J 

Belgien ist unzweifelhaft eines der merkwürdigsten Länder 
des Continentes, und verdient eine weit genauere Aufmerksamkeit 
und Kennt ni ss. als ihm in der Regel in Deutschland zu werden 
pflegt. Wir reden jetzt nicht einmal von seinen vielen grossen 
Städten, welche hart aneinander gedrängt, diese von unvergleich- 
lichen Denkmalen germanischer Baukunst und niederländischer Ma- 
lerei, jene von laut tönendem Gewerbe, eine dritte von modernem 
Genussleben, eine vierte endlich von allem diesen zumal strotzt. 
Wir meinen jetzt auch nicht den unvergleichlichen Lnndbau in den 
beiden Flandern, deren fette Fluren das Musterbild unserer ratio- 
nellen Landwirtschaft sind. Wir übergehen die romantischen Na- 
turschönheiten der Maasufer, und selbst jene wunderbare Strasse, 
welohe den kaum zur Besinnung kommenden Reisenden in sieben 
Stunden von Lüttich nach Ostende fördert, mitten unter mitfliegen- 
den Tausenden, und besorgt von einer musterhaften Verwaltung. 
Ebenso merkwürdig als alle diese Dinge, allein sich weniger leicht 
dem flüchtigen Blicke darbietend, ist die staatliche und gesell- 
schaftliche Gestaltung des Landes, wie sie aus dem Aufstande von 
1830. hervorging. 

Die belgische Revolution ist im Allgemeinen in Deutschland 
mit vieler Ungunst aufgenommen und begleitet worden; und noch 
jetzt sehen Viele, welche doch z. B. der französischen Juli-Revo- 
lution nach Grundsatz und Wirkung keineswegs gram sind, mit 
Widerwillen uud Misstrauen auf jene und ihre Folgen. Verschie- 
dene Ursachen haben zusammengewirkt zu diesem Ergebnisse. Bei 
den Meisten wurde wohl die Abneigung erzeugt durch die Furcht, 
es möchte von dieser Empörung gegen das Haus Ornnien sich ein 
allgemeines Kriegs- und Umw&lzjifr^sfeuer über Europa verbrei- 
ten. Sie verwünschten aber d&i!rsa che um so herzlioher, als sie 



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* 



246 Schriften über da« höhere Unterrichtswetsn 

den Aufstand als völlig? unmotivirt und nur als eine Nachäfferei 
des französischen Thuus betrachteten. Bei anderen mag die scheuss- 
liche Mordscene in Löwen , mögen die wiederholten Plünderungen 
und Brandstiftungen, die herausfordernden Grossspreehereien. wel- 
che mit der Niederlage von Löwen endigten, einen sittlichen Wi- 
derwillen erzeugt haben. Endlich war den gebildeten Protestan- 
ten leid, zu gleicher Zeit ein deutsches und ein protestantisches 
Element in einem Lande plötzlich vernichten zu sehen, während 
sie bisher auf eine all mal ige Krstarkung derselben und auf eineu 
Bieg der Propaganda der Intelligenz mit Bestimmtheit gerechnet 
hatten. Dass die Niederlage auf eine schmachvolle und kaum 
glaublich einfaltige Weise erfolgte, war eben nicht geeignet, den 
Verdruss zu mindern. 

Wer wird laugnen wollen, dass an allem diesem mehr oder 
weniger Wahres gewesen ist? Allein kein Billiger wird verken- 
nen, dass die Medaille auch ihre Kehrseite hat. Belgien hatte 
manchfache Gründe zur Unzufriedenheit; und die blosse Thatsache, 
dass eine Verbindung zwischen den Liberalen und der katholischen 
Pari hei zu Stande kommen konnte, beweist, dass grosse Fehler , 
von Seiten Hollands begangen wurden. Nicht abzustreiten ist die 
grosse Parteilichkeit in der Besetzung aller öffentlichen Dienste, 
und die angebliche Unfähigkeit der Belgier ist weder erwiesen, 
noeh konnte sie bis zu den Schleussendienern und Weg Wär- 
tern sich erstrecken. Zugegeben muss werden, dass eine Reihe 
von eben so nutzlosen als aufreizenden Plackereien gegen die 
zahlreicheren Belgier geübt wurde, so hinsichtlich der Sprache, 
der Verlegung der obersten Behörden nach Holland, mancher Steu- 
ern. In andern Fällen wurde mit Eigensinn und ohne zureichen- 
den Grund Lieblingsideen der Zeit widerstanden, so z. B. der, 
doch am Ende nur theoretischen, Ministerverantwortlichkeit. Und 
dass dem in seiner grossen Mehrheit so aufrichtig katholischen 
Volke allzyeifrig mit protestantischer Bildung zugesetzt wurde, 
kann nur der bulligen , welcher blos für sich und seine Ansicht 
Glaubensfreiheit dulde;? will. Dass neben diesen Fehlgriffen auch 
wesentlich Gutes von der hollandischen Regierung geschah, ist 
allerdings unJaugbar. Das ganze Unterrichtswesen kam auf einen 
treffüoben Fuss ; Handel un d Gewerbe blühten in einem seit Jahr- 
hunderten unbekannte? 1 Maas^e; die Regierung war nicht verdor- 
ben und nicht inhuman AU e ' n diese reichte nicht hin, um die in 
ihrem Wesen verletzte \ ^nalitit zufrieden zu stellen. Man er- 



bv Googl 



und die UoiveraUäteo Belgien«. 



kannte das Gute an, aber man fühlte sich erobert and fremdartig 
beherrscht. 

Doch dem sey nun, wie ihm wolle. Mag man die belgische 
Revolution billigen, entschuldigen oder tadeln, sie besteht jeden 
Falles, hat sich befestigt und ihr System ausgebildet. Rine Wie- 
dervernichtung steht in diesem Augenblicke wohl ferner, als je 
seit zehn Jahren. Die Einrichtungen aber, welche durch den Sieg 
der Vereinigung der katholischen Tendenz, der liberalen Parthei 
und des altniederländischen Unabhängigkeit* - und Widerstaods- 
Geistes entstanden sind, verdienen ein aufmerksames Studium des 
Staatsmannes. Ks sind hier Theorieen in die Wirklichkeit ver- 
setzt, welche anderwärts in dieser Ausdehnung nicht einmal nur 
im Lehrgebäude in Anspruch genommen werden, und es sind Prin- 
oipien neben einander in Wirkung, welche als sich gegenseitig 
aufhebend erscheinen. Wir erinnern, was das erstere betrifft, an 
die völlige Selbstständigkeit der Gemeinden, an das unbeschränkte 
Associationsrecht, an die gänzliche Trennung der Kirche vom 
Staate O welcher Beziehung freilich die Verweisung der Gehalte 
der Geistlichen auf das Staats-Budjet eine bedeutende Anomalie 
ist), an die uncontrolirte Freiheit des Unterrichtes etc.; was daa 
andere betrifft, an die schrankenlose Pressfreiheit in Verbindung 
mit der thatsächlicheu Herrschaft des katholischen Clerus, an die 
Bemühungen, eine belgische Nationalität durch alle nur möglichen 
Mittel zu bilden , zusammengestellt mit der gesetzlichen Ausbil- 
dung des provinziellen und örtlichen Sinnes. 

In manchen dieser Beziehungen kann Belgien gleich dem Ver- 
suchsfelde in einer grossen rationellen Landwirtschaft betrachtet 
werden. Die Erfahrung, welche doch am Ende in politischen Din- 
gen ganz allein W'erth bat, wird hier nicht nur für das Land 
selbst sondern auch für andere Staaten und für die Wissenschaf- 
ten wichtige Probleme lösen Hier muss sich z. B. in nicht sehr 
langer Zeit zeigen, ob es einem herrschenden katholischen Clerus 
möglich ist mit der. auch alle anderen Gedanken- Reihen und 
Weltansichten, als auf welche nothwendig dessen Gewalt gestützt 
ist, nach Belieben verbreitenden freien Presse zusammen zu be- 
steben; oder ob nicht etwa (wie wir gerne bekennen, dass es unsere 
Ansicht ist) derselbe hier durch Umstände und früher unentbehr- 
liche Bundesgenossen genöthigt worden ist, eine falsche Stellung 
zu nehmen, in welcher er sich neben voller Gedankenfreiheit nicht 
halten kann, weil sie ihm den Boden unter den Füssen unterhöhlt, 
und aus welcher er doch nicht mit Angriffen und Beschränkungen 



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248 Schriften über das höher« Unterrichtewesen 

der gefährlichen Nachbarin, wo nicht Gegnerin, hervortreten kann, 
weil er dadaroh eine zweite, ebenfalls sorgfältig gepflanzte Ue- 
berzeugung eines wichtigen Theiles des Volks alsbald gegen sich 
empören würde. Es rouss sich ferner zeigen, ob die seit einem 
Jahrtausend als unumstösslich angesehene Staatsweisheit, die Geist- 
lichkeit der Einen herrschenden, und somit sehr einflussreichen, 
Kirche in Abhängigkeit von dem monarchischen Staatsoberhaupte 
zu erhalten, wirklich nur ein Irrthum war, oder ob das Beispiel 
der vereinigten Staaten, d. h. eines republikanisch regierten Lan- 
des mit zwanzig verschiedenen, sich gegenseitig neutralisirenden 
und in jeder einzelnen Erscheinung unmächtigen Kirchen, nicht ein 
wesentlich verschiedenes ist ? 

Doch wir haben hier weder Zeit noch Lust, die säramtlichen 
Fragen der Politik zu besprechen, zu welchen das Königreich Bel- 
gien Veranlassung geben kann. Wir beschränken uns nur auf 
eine dieser Fragen, und auch diese können wir im gegenwärtigen 
Augenblicke nur zu einem kleinen Theile erörtern. Diese Frage 
ist aber die von der belgischen Verfassung ausgesprochene Frei- 
heit des Unterrichtes, und zwar zunächst in ihrer Anwen- 
dung auf die Hochschulen. Der Gegenstand ist, wie man 
nicht läugnen wird, an sich wichtig; die belgischen Grundsätze 
und Einrichtungen aber sind schon deshalb von Bedeutung, weil 
sie in wichtigen Dingen dem gerade zuwiderlaufen, was wir in 
Deutschland bis jetzt als selbsteinlcuchtende Wahrheit ansehen ; 
eine Besprechung aber thut Noth, weil so gar wenig klare und 
richtige Ansichten diesseits des Rheines hierüber in Umlauf sind. 
Allerdings hat Thiersch, in der oben auch angeführten Schrift, 
die Sache bereits behandelt, allein wir hoffen thatsächlich zu be- 
weisen, dass nicht nur manchfache Zusätze erspriesslich, sondern 
dass auch eine andere Auffassung und Darstellung wichtiger 
Punkte möglich, und selbst eine Forderung der Gerechtigkeit ist. 

Indem wir also, wenigstens für diesesmal, die iFrage ganz 
umgehen, welche gesetzliche und thatsächliche Folgen die bel- 
gische Revolution für den untern und mittlem Unterricht hatte, 
wollen wir unter Zubülfenahme der Einganges genannten Druck- 
schriften aller Art den jetzigen Zustand des Universitäts- 
Wesens in Belgien darstellen und zu würdigen versuchen. 

Im Augenblicke des Ausbruches der Empörung gegen die 
oranische Herrschaft bestanden in dem jetzigen Belgien drei Uni- 
versitäten, nämlich in Lüttich, Löwen und Gent. Die Regierung 
hatte sich viele Mühe gegeben und grosse Kosten nicht gespart, 



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und die Univereitäten Belgien«. 24» 

um diese Hochschulen auf einen achtungswerthen Fuss zu setzen, 
und dadurch gründlichere wissenschaftliche Kenntnisse zu ver- 
breiten, als unter dem elenden französischen Unterrichtssystem 
möglich geworden, und eine freiere, hellere Bildung, als in Bel- 
gien seit Jahrhunderten in Folge der spanischen Herrschaft und 
ihrer Folgen einheimisch war Neben den bedeutenden materiellen 
Mitteln, welche zum Theile noch von den Magistraten der Uni- 
versität» Städte sehr glänzend vermehrt wurden, suchte man durch 
Herbeiziehung fremder Gelehrten von Ruf ein bedeutenden Lehrer- 
personal zuzutheilen, wie denn bekanntlich viele Deutsche, auch 
Holländer und Franzosen gewonnen wurden. Ausserdem hatten 
die Universitäten durch Ertheilung der akademischen Grade über 
die Befähigung zum Staatsdienste, zur Aü>oeatur und zur medi- 
cinischen Praxis zu entscheiden. Der Erfolg entsprach auch wirk- 
lich diesen Bemühungen und Einrichtungen. Die Zahl der Zuhö- 
rer mehrte sich, und die Ergebnisse der Prüfungen so wie der 
Preisaufgaben konnten nur als befriedigend erscheinen. Die von 
allen drei Universitäten herausgegebenen Quartbände „Annales' 4 
legen hiervon dauerndes Zeugniss ab. 

Die Revolution griff in diesen Zustand tief zerstörend ein. 
Der durch die Regierung eingeführte Zustand der Hochschulen 
war den beiden grossen Partheien , in welche das Land zerfiel, 
ebeumässig zuwider Der national -katholischen Ansicht war der 
rationelle Standpunkt und das freie wissenschaftliche Treiben ver- 
hasst, so wie sie schon unter Marie Theresie und noch mehr unter 
Joseph IL alle langsameren oder schnell wirkenden Versuche ei- 
ner Förderung der geistigen Bildung im Sinne der neueren Welt- 
ansichten mit äusserster Kraft bekämpft hatte Die französisch - 
liberal Gesinnten feindeten die Anstalten an, weil sie von der Re- 
gierung gegründet waren, obgleich sicher die Wirkungen dersel- 
ben ihren Ansichten und Wünschen schliesslich nicht entgegen 
seyn konnten. So fanden denn die Universitäten nach Vertreibung 
der Oranier nur Feinde auf allen Seiten, welchen sie unterliegen 
mussten, und auch wirklich schnell unterlagen. Von den Lehrern 
wurden die einen verjagt, andere entfernten sich freiwillig (im 
Ganzen 17). Der Unterrieht kam ins Stocken, und es war eins 
der ersten Geschäfte der revolutionären Regierung, die drei Uni- 
versitäten theils durch die Entlassung noch weiterer (6) Lehrer, 
theils durch Aufhebung ganzer Facultäten zu verstümmeln, so 
dass sie nur noch zwei (Lüttich drei) Facultäten zählten, und über- 
haupt kaum noch einen Schein von Leben und Wirksamkeit be- 



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250 



Schriften über da» höhere UnterrichUweien 



wahrten. — In diesem Zustande konnte es freilich auf die Daner 
nicht bleiben. Das Land bedurfte Manner von wissenschaftlichen 
Kenntnissen, nnd wenn nuch die Geistlichkeit in den bischöflichen 
Seminarien zur Sutti erzogen werden konnte, so war diess bei den 
übrigen gelehrten Beschäftigungen nicht der Fall. Aus diesem 
Bedürfniss einerseits, und aus dem jeder der organisirten Partheien 
nothwendig innwohnenden Wunsche, die Männer höherer Bildung 
in ihrem Geiste zu erziehen, anderer Seits, unterstützt durch das 
in der neuen Verfassung gegebene Recht, Unterrichtsanstnlten 
ganz nach Gutdünken und ohne alle Einwirkung der Regierung 
zu errichten, ging dann ein neuer Znstand der Universitätsstudien 
hervor, welcher in Europa einzig in seiner Art ist. 

< Zuerst legte die Geistlichkeit Hand an das Werk. Sie hatte 
klares Bewusstseyn ihres Zweckes, war vollkommen organisirt, 
und verfügte durch Befehl der Bischöfe zwangsweise über das 
Einkommen der untergeordneten Mitglieder des eignen Standes, 
und durch verschiedenartigen Einfluss über die freiwilligen Bei- 
träge der Gläubigen oder politisch Verbündeten. Somit fehlte es 
Dicht an einem festen Plane, und nicht an reichlichen Mitteln der 
Ausführung. Sie beschloss, eine eigene Universität zu gründen, 
auf welcher nach Lehrmethode und Lehrinhalt Männer von katho- 
lischem Sinne gebildet würden, und welche nie von der zu diesem 
Zwecke vorgeschriebenen Richtung abweichen könnte, indem die 
Anstellung der Lehrer, die Disciplin, die Leitung des Ganzen und 
jedes Einzelnen den Häuptern der Geistlichkeit ganz allein vorbe- 
halten bliebe. Nachdem erst die Bewilligung des Pabstes einge- 
holt war (die des Königs bedurfte man nicht), so wurde, zuerst 
in Mecheln in kleinerem Umfange, bald in Löwen, dessen Staats- 
universität zu dem Ende ganz aufgehoben ward, die Anstalt er- 
öffnet. Nicht nur die Gebäude zu den Hörsälen und Sammlungen, 
so wie zu Convioten für die Studirenden^ sondern auch die Samm- 
lungen und selbst die Stiftungen der alten Löwener Universität 
(etwa 200,000 Franken jährlichen Einkommens) wurden in ver- 
schiedener Form in Beschlag genommen und verwendet; mit wel- 
chem Rechte, namentlich die Stiftungen, mag hier ununtersucht 
bleiben. So entstand die Universite catholique. — Sie ist 
seit ihrer Bildung nicht uur im Gange geblieben, sondern hat auch 
beständige Fortschritte gemacht . so riass sie jetzt die erste der 
belgischen Universitäten ist, hinsichtlich der Zahl der Studirenden. 
Dieselbe, welche im Schuljahr 18<J6 — 37 nur noch 86 war. belief 
sich nämlich i. J. (nach dem Annuaire von i83») schon 



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nod die Universitäten Belgien». 



2ftl 



auf 451, von welchen 109 den allgemeinen Vorbereitungawieaeo- 
achaften, 141 der Medicin, 161 der Rechtswissenschaft, 47 der 
Theologie aich widmeten. Ausserdem ateht mit der Universität 
noch ein College dea humanitls, eine Art von Ober-Gymnasium, 
mit 121 Schälern in wesentlicher Verbindung. Die Organisation 
ist auT eine bewundcrnswerthe Weise stark und für den bestimmt 
vorgesetzten Zweck berechnet. An der Spitze des Ganzen ateht 
ein beständiger Rector, natürlich ein Geistlicher (und zwar aeit 
der Gründung in der Person dea Abbe de Kam. ein Mann von 
auagezeichneten Talenten). Nicht nur ist demselben , unter Bei- 
Ziehung eines Decanen-Collegiums für gewisse Fälle, die Leitung 
und Entscheidung der laufenden Geschäfte übertragen, sondern er 
bildet das wesentliche Verbindungsglied der Universität mit ihren 
Herren, den Bischöfen ; und ist dadurch wieder die Seele und die 
leitende Kraft der Anstalt. Namentlich werden die Lehrer auf 
seinen Vorschlag, und ohne Da/.wischenkunft der Facultfiten, von 
den vereinigten Bischöfen angestellt. Von einem Rechte auf das 
Amt im Sinne unserer deutschen Dienstpra^matiken ist für die 
Lehrer keine Rede, und dadurch beständige Einwirkung auf die 
Gesinnung, wenigstens die Aeusserung derselben, gesichert. Allein 
es wäre ungerecht, nicht anzuerkennen, daas mit vielem Eifer 
möglichst ausgezeichnete Männer gesucht worden, und daas bei 
den, die Kirche nicht gerade zunächst betreffenden Lehrstellen auch 
schon ein mehr negatives Verhalten zu den Zwecken des Clerus 
und äusKerliche Uebereinstimmuiig im Nothfalle genügt. Bei den 
grossen Mitteln, welche für die katholische Universität zu Gebote 
stehen, sind bedeutende Gehalte möglich, — sie steigen in einzel- 
nen Fällen zu 12- und 15,000 Franken, — so dasa auch bei den 
Staatsuniversitäten Rufe nach Löwen angenommen werden. Und 
wie sehr es der katholischen Parthei Ernst ist, die in ihrer Ue- 
berzeugnng und Absicht gegründete Hochschule fest zu gründen, 
mag der eine Umstand beweisen, dass, im Falle ein zu Berufen- 
der für aich oder für Wittwe und Waisen Garantieen von Ruhegehalt 
und dergleichen verlangen, und eine Radicirungauf Güter der Universi- 
tät oder der Kirche nicht thunlich seyn sollte, einzelne von den gros- 
sen und reichen Familien der katholischen Parthei sich beeifern, 
ein solches Recht als hypothekarische Schuld auf ihre eigenen 
Güter gerichtlich zu übernehmen. Wir meinen, dasa man, wenn 
man auch die von dieaer Parthei gehegten Ansichten und Plane 
nicht theilt, doch nicht umbin kann, die Stärke der l eberzeugung 
und die Aufopferung für dieselbe anzuerkennen. Auf diese Weise 



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252 Schriften über da* höhere UntcrrichUweien 

sind denn nicht nur Belgier, sondern auch Deutsche (jetzt deren 
drei), Italiäner und Franzosen für die Universität gewonnen wor- 
den. Auch mag nicht mit Stillschweigen übergangen werden, 
dass der Einfluss der Bischöfe auf die Regierung ihnen möglich 
macht, solche Männer, welche ihrer gemachten Erfahrung gemäss 
für ihre Lieblingsanstalt nicht zu passen scheinen, ohne Mühe in 
andere Aemter, vielleicht selbst an eine der Staatsuniversitäten zu 
bringen. Jeder aber, der weiss, dass zum Heile einer Hochschule 
die zeitige und unerbittliche Entfernung derjenigen Lehrer, in wel- 
chen man sich getäuscht hat, kaum weniger beiträgt, als die Auf- 
findung tauglicher Kandidaten, mag den eben angedeuteten Vor- 
theil selbst würdigen. Bei Anfang des gegenwärtigen Schuljah- 
res waren 44 Lehrer angestellt, unter welchen 29 ordentliche Pro- 
fessoren. Privat - Oocenten , welche ohne Auftrag und weite- 
ren Zusammenhang mit der Universität um die Erlaubnis» zu be- 
liebigen Vorlesungen nachsuchen und benutzen, bestehen natürlich 
keine. Die Professoren sind in fünf Facultäten getheilt. da die 
exacten Wissenschaften (sciences) zu einer eigenen Facultät 
ausgeschieden sind. Der fnculte de Philosophie et lettres bleibt 
Philosophie, Geschichte, cl.jssische und moderne Literatur, so wie 
politische Oekouoraie. W ohl zu bemerken ist, dass nur die katho- 
lisohe Universität eine theologische Facultät in Belgien hat , und 
dass somit nur sie in diesem Fache (mit Bewilligung des Pab- 
ates) Doctorgrade ertheilen kann. Was die Methode, den Inhalt 
und die Richtung der Vorlesungen betrifft, so versteht es sich 
ganz von selbst, dass von einer unbeschrankten Lehrfreiheit keine 
Rede ist. Die ganze Universität besteht ja nur, um die gesamra- 
ten Wissenschaften aus dem Gesichtspunkte und im Interesse, so 
wie unter strenger Controle des katholischen Clerus zu lehren, 
und dadurch alle kritische Philosophie, alle literarischen und so- 
cialen Lebren, welche die negative moderne Geistesemancipation 
begründen und fördern, völlig auszuschliessen. Allerdings soll, 
ihrem Programme gemäss, die katholische Universität allen Fort- 
schritten der menschlichen Wissenschaft folgen, und ihr Unterrich 
soll stark und gründlich seyn; allein die Grundlage darf nicht 
verlassen werden ; Feindliches ist von vorweg als falsch bezeich- 
net und zu bekämpfen. Nicht blos die kirchliche Dogmatik steht 
für sich fest, sondern sie ist auch der Wahrheitsmesser für jedes 
andere Wissen. Und weqn Thiersch auzudeuten scheint, dass 
eine freiere Lehre hiermit doch wohl vereinbar sey, so möch- 
ten wir diese, auf speoielle ThaUachen uns gründend, entschieden 



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und ili« Univeriitäten Belgiens 



158 



in Zweifel ziehen. Noch weniger womöglich als Lehrfreiheit be- 
steht Lernfreiheit. Der eigentliche Studiencare ist genau vorge- 
schrieben; eine Concurrenz der Lehrer, somit die Möglichkeit ei- 
ner Wahl der Zuhörer unter ihnen, ist ganz unbekannt. Nur mit 
Erlaubnis» der Facultät. welche auf eine schriftlich einzureichende 
motivirte Eingabe entscheidet, können Ausnahmen der Pflicht, die 
vorgeschriebenen Vorlesungen zu hören, gemacht werden. Ausser 
den vorgeschriebenen Lectionen mögen übrigens auch andere ge- 
hört werden. Von jeder Abwesenheit oder gar Entfernung aus 
der Stadt soll dem Vice- Itector Anzeige gemacht werden. Auch 
sonst ist die Disciplin sehr streng und völlig auf den besondere 
Zweck berechnet. Die Universität hat sich der vorhandenen Se- 
minargebäude bemächtigt, und in denselben vier verschiedene Con- 
tubernien eingerichtet; eines rar die Theologen, eines für die Stu- 
direnden der Philosophie und des Rechts, eines für die der exae- 
ten Wissenschaften und der Medicin. und eines für die classischen 
Vorstudien (bumanites). In diesen erhalten die Studirenden je 
zwei ausgerüstete Zimmer und Kost, für 600 Franken jährlich; 
sie sind einer strengen Hausordnung unterworfen, und es wird 
auf regelmässige Uebung des Cultns, namentlich auf häufiges Beich- 
ten, gehalten. Geistliche Kleidung tragen wenigstens die Theolo- 
gen. Doch sind, mit Ausnahme der Letztern, die Studirenden bis 
jetzt nicht alle genöthigt, in diesen Pädagogien zu wohnen, sie 
können in der Stadt sich einmittuen; allein nur in gewissen von 
dem Rector gebilligten Häusern, stehen hier unter geheimer Con- 
trole mittelst des Hauseigentümers, und haben sich im Besuche 
öffentlicher Orte, früher Rückkehr Abends und Besuch des Got- 
tesdienstes bestimmten, ziemlieh strengen Vorschriften zu unter- 
werfen. Dass nur Katholiken als Studirende zugelassen werden, 
ist ausdrücklich in den Statuten vorgeschrieben. Durch, wenig- 
stens thatsächliohe, Beschränkung des Gebrauchs der Universitäts- 
Bibliothek (welche noch aus der Zeit der deutschen Professoren 
unter der holländischen Herrschaft mit unorthodoxer Literatur 
reichlich versehen ist. freilich in diesem System nicht weiter fort- 
geführt wird), ist gegen unbewachten Etnfluss fremdartiger Leh- 
ren gesorgt. Das System der jährlichen Inscriptionen und der da- 
bei zu leistenden Zahlungen ist das französische. Letztere belau- 
fen sich, je nach den Facultäten, auf 160 bis 840 Franken für 
den Jahrescurs. — So die Einrichtung und die Richtung der ka- 
tholischen Universität in Löwen. Dass sie als ein seines Zweckes 
vollkommen selbstbewusster , in sich völlig abgeschlossener und 



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194 Schriften über <2ai hoher« l nterrichUweien 

aasgebildeter Organismus erscheint, geht aus den» Gesagten her- 
vor. Von eigentlich practischen Folgen ist natürlich jetzt, nach 
einem Bestände von so wenigen Jahren, noch zu frühe zu reden ; 
nicht einmal her Betrag der wissenschaftlichen Leistungen, so wie 
er sich, sey es an sich, sey es im Vergleich mit den übrigen bel- 
gischen Universitäten genominen, in den Ergebnissen der grossen 
Prüfungs-Jury herausstellt, kann bis jetzt genau ermessen wer- 
den, da jetzt erst allmahüg Zöglinge sich melden können, welche 
den ganzen Curs ihrer Studien in Löwen gemacht haben; ausser- 
dem aber dem Erfolge der letzten Herbstprüfungen hier, wie auf 
allen belgischen Hochschulen, die vorangegangenen politischen Be- 
wegungen wegen Luxemburgs etc. bedeutenden Eintrag gethan 
hatten. Allein die Folgen können nicht ausbleiben , namentlich 
wenn man bedenkt, welcher Einfluss dorn Clerus auf die Beförde- 
rung und Begünstigung der jungen Leute aller Laufbahnen in 
Belgien gegenwärtig zusteht, ein Einfluss, welcher sonder Zweifel 
planmässig zu Gunsten der in der eigenen Schule und in den 
wünschenswerthen Ideen Gebildeten wird angewendet werden ; und 
wenn man in Anschlag bringt, dass auch die Regierung sehr weit 
entfernt ist, auch nur mittelbar der Blüthe der katholischen Uni- 
versität entgegenzutreten, um etwa ihre eigenen Universitäten da- 
durch zu heben. Jeden Falles aber ist schon jetzt klar, dass diese 
katholische Universität eine wichtige und merkwürdige Erschei- 
nung ist, welche in ihrer festen Absicht und in ihrer Folgerich- 
tigkeit der Mittel auch der mit andern Wünschen und Gedanken- 
reihen Genährte, somit auch ein unbefangener deutscher Protestant, 
anerkennen muss. * 

Eine unmittelbare Folge der Stiftung der katholischen Uni- 
versität war die Gründung der freien Universität in Brüssel. 
Die Möglichkeit, ja selbst die Notwendigkeit dieser Anstalt be- 
greift sich, allein auch nur dann, wenn man einen Blick auf den 
politischen Zustand des Landes wirft. Der Sieg über die hollän- 
dische Herrschaft war errungen worden durch die Verbindung der 
liberalen und der katholischen Widerspruchs- Partheien. Nur ge- 
meinschaftlicher Hass gegen denselben Gegner konnte diese im 
innersten Grunde sich abstossenden Richtungen zusammenbringen, 
and aar die Nothwendigkeit verbündeten Kampfes sie zusammen- 
halten. Mit dem Siege fiel der Grund und die Möglichkeit der 
Vereinigung alsbald weg, und es fragte sich nur, welcher von den 
bisherigen Verbündeten der neuen Gestaltung der Dinge sein Sie- 
gel aufdrücken und eben dadurch den andern wesentlich zuruck- 



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und die IniftrtitiUeii Belgiern 255 

drängen würde Y BekanntJicb liat die katholische Parthei die Ober- 
hand erhalten, und es ist seitdem die Regierung des Königreichs 
nur der Ausdruck ihrer Ansichten. Gestützt auf die vom flachen 
Lande und den kleinen Stadion in ihrem Sinne gegebene Mehr- 
heit der Wahlen in die Kammern, organisirt durch die Hierarchie 
des Clerus, kann sie die in den grossen 8tädten unter dem liur- 
gerstande allerdings verherrschenden Liberalen ohne viele Umstände 
beseitigen ; und nichts ist so sicher, als dass nach den Holländern 
die Liberalen in dem Kampfe von Jahr 1830 vorläufig am schlech- 
testen gefahren sind. Obgleicjj also in der Verlassung des Lan- 
des die politischen Ideen des modernen Liberalismus auf das ent- 
schiedenste^usgesprochen sind (denn diese zu verleugnen, war 
doch auch für die Geistlichkeit nach dem langen und entschiedenen 
Gebrauche derselben gegen die Holländer völlig unthunlich ge- 
worden), so ist doch die Parthei derselben auf die unfruchtbare 
Rolle einer in starker Minderzahl befindliche parlamentarische Op- 
position verwiesen, und nur in der, kaum denkbaren, Veränderung 
des Wahlgesetzes zu Gunsten der Stadtbürger ist die Hoffnung 
einer Gelangung zur Herrschaft. Ob dieses einfach zu beklagen, 
oder als verdiente Nemesis anzusehen ist, mag dahin gestellt blei- 
ben. Unmöglich konnte nun aber diese Parthei auch noch die wis- 
senschaftliche Bildung der Nation gegen sich wenden lassen, wie 
diese durch die Stiftung der katholischen Universität drohte. Was 
wäre ihr übrig geblieben, wenn auch der gelehrte Mittelstand ihr 
allmählig entgangen wäre, wie der grösste Theil der Geburtsaristo- 
kratie und die grosse Masse des Volkes schon unter ein anderes 
Banner geschaart war? Auf die Staatsuniversitäten konnte eie 
nicht rechnen, denn diese waren als Regierungsinstitute selbst in 
letzter Instanz wieder unter dem Einflüsse der Gegner, und viel- 
leicht gar zum allmählichen Siechentode von diesen bestimmt Nur 
eine von ihr selbst geleitete Lehranstalt konnte sie vor gänzlicher 
Ueberflügelung schützen, und ihr einen Nachwuchs an jungen Ta- 
lenten und Kentnissen liefern. Zu diesem Partheizwecke kam 
noch bei vielen ächten Verehrern der wissenschaftlichen Wahrheit, 
als solcher, der Wunsch, diese vor der Verschlingung zu hierar- 
chischen Zwecken zu bewahren und die freie Forschung in dem 
höhern Gebiete der menschlichen Kenntnisse zu retten. Wenn 
sie sich auch nicht verbergen konnten, dass hier ebenfalls Par- 
theizwecke die Meisten bewegen, und dass solche werden Kinfluss 
auf die zu gründende Lehre zu gewinnen suchen, so schienen ih- 
nen doch diese Zwecke weniger fremdartig und eingreifend, je« 



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256 Schriften über dai höhere UnterrichUwcten etc. 

den Falles war doch ein freier Fortschritt nicht grundsatzm&ssig 
gehemmt, und es war kein untrüglicher Maasstab der Wahrheit 
ein- für allemal gegeben. Es ist eine offenbare Ungerechtigkeit, 
diesen Theil der Gründungsursachen zu übersehen, und eine Ver- 
kehrtheit, die ganze Sache als eine Ausgeburt eines flachen (und 
noch dazu gar französischen!) Liberalismus zu betrachten. — So 
wurde denn, und zwar zunächst durch die Freimaurer, die Stif- 
tung einer Hochschule beschlossen, welche in der Hauptstadt ihren 
Sitz haben und dem Geiste freier Wissenschaftlichkeit (von wel- 
chem angenommen wurde , dass ej^ mit dem politischen Glaubens- 
bekenntnisse der Liberalen vollkommen übereinstimme), beseelt seyn 
sollte. Der Gemeinderath der Stadt, theils derselben Meinung selbst 
angehörig, theils in der Absicht, für die Stadt etwas Nützliches 
zu thun, überliess nicht nur die nöthigen Gelasse und stellte die 
ihm gehörigen, zum Theile sehr schönen, wissenschaftlichen Ver- 
sammlungen zur Verfügung, sondern gewährte auch noch einen 
Geldbeitrag. Die weiteren Mittel lieferte bis zu eiuem gewissen 
Grade eine Unterzeichnung der Gleichgesinnten. So konnte denn 
im November 1834 die Anstalt eröffnet, d. h. ein leitender Ver- 
waltungsrath bestellt, eine Anzahl von Professoren ernannt und in 
allen Facnltaten ein Theil der Vorlesungen eröffnet werden. Seit 
dieser Zeit aber ist die Anstalt nicht nur im Leben und Gange 
geblieben, sondern sie hat sich auch, was unter den vielfachen 
Hindernissen nicht wenig ist, befestigt und ausgedehnt, so dass 
die Wahrscheinlichkeit ihrer Erhaltung und eines scbliesslichen 
kräftigen Gedeihens jetzt bedeutend grösser ist, als in irgend ei- 
ner frühern Zeit. Es soll im Nachstehenden zuerst ihre Einrich- 
tung, dann ihre sonstige äussere Lage kurz geschildert werden. 
— An der Spitze des Ganzen steht der Verwaltungsrath (conseil 
d'administration), zusammengesetzt aus dem Bürgermeister von 
Brüssel, als beständigem Vorstande, zwölf beständigen Mitglie- 
dern, grossentheils höheren Beamten oder Volksvertretern, welche 
die Stelle von Ehren-Professoren bekleiden , und vier je auf ein 
Jahr von den Facultäten gewählten ordentlichen Professoren. 



(Schlufi folgt.) 



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17. 



HEIDELBERGER 



1840. 



JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schriften über da* höhere l 7 nlerrichl*iee*en und die 



Als ausübender Beamter des Rathea ist der Studien-Inspeo- 
tor, welcher übrigens Mitglied ist, zu betrachten ; ein unter seinem 
Vorsitze von vier Professoren gebildeter Studien-Ausschuss be- 
reitet die wissenschaftlichen Fragen für die Entscheidung des 
grossen Rathes vor. (l<nläiigbar ist der seit Gründung der Univer- 
sität mit diesem Amte bekleidete Deputirte und Professor Vcr- 
haegen seiner Stelle sehr gewachsen). Die Professoren zerfal- 
len in vier ('lassen: 1. ordentliche, mit Gehalt ; 8. ausserordentliche, 
ebenfalls besoldet; 3. ordentliche Ehren-Professoren, welche Vor- 
lesungen halten, aber ohne Gehalt; endlich 4. Ehren-Professoren, 
ohne irgend wirkliche Theilnahme, blos „honoris causa u ernannt. 
Die ersten Ernennungen gingen natürlich vom Verwaltungsrathe 
aus. Die späteren Besetzungen wurden, in Nachahmung franzö- 
sischer Art, mittelst Concurses bewerkstelligt; allein es hat sich 
der Verwaltungsrath jetzt wieder, gewiss sehr richtiger Weise, 
von dieser ,Ernennungsweise abgewendet, und es werden alle Wah- 
len durch diesen Rath, somit im Wesentlichen durch Professoren, 
vorgenommen. Privat - Docenten sind bis jetzt nicht aufgetreten, 
und unter dem System des Concurses konnte der Gedanke auch 
Niemanden kommen. Es ist im Interesse der Universität zu hof- 
fen, dass der jetzt beabsichtigte Plan, die von derselben zu er- 
nennenden (wissenschaftlichen) Doctoren, welche eines der beiden 
höchsten Zeugnissgrade erlangt, und eine selbstgeschriebene Dis- 
sertation öffentlich vertheidigt haben werden, sich zu affiliiren und 
vorzugsweise zur Besetzung erledigter Lehrämter zu bestimmen, 
auch denselben schon früher, mit Bewilligung der betreffenden Fa- 
cultät, die Erlaubniss zum Lesen zu geben, durchgeführt und we- 
nigstens theilweise das Institut der Privat-Docenten ersetzen wird. 
— Unter den Professoren ist übrigens in so fern ein wesentlicher 
Unterschied, als nur ein Theil derselben das Lehramt zu setner 
ausschliesslichen oder auch nur hauptsächlichsten Beschäftigung 




Belgien*. 



( For tietzunff.) 



IXIIII. Jahr C t. Heft 



17 



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I 



25* Schriften über da« höhere Lnterrichttwcten 

macht, andere aber ihre Zeit zum Theiie anderen Beschäftigungen 
widmen, indem sie auch ihr Einkommen hauptsächlich aus andern 
Quellen beziehen. Die freie Universität ist nämlich nicht reich 
genug, um allen Lehrern solche Gehalte bieten zu können, dass 
sie von diesen in Brüssel zu leben im Stande wären, und so ist 
sie denn genöthigt, auch Advocaten, Aerzte, Richter etc. zur Hal- 
tung von Vorlesungen über einzelne Zweige, welche solchen Män- 
nern besonders vertraut sind, gegen eine kleinere Belohnung oder 
auch ohne Entgeld, zu gewinnen zu suchen. Niemand wird läug- 
nen, dass dieser Znstand in mehr als einer Beziehung ungünstig 
ist; und es ist natürlich ein Beweis theils von Eifer und Geschick- 
lichkeit des Verwaltungsrathes . theils von ehrenwerther und auf- 
opfernder politischer und . wissenschaftlicher Ueberzeugung vieler 
gebildeten Manner. dass doch eine so ansehnliche Zahl tüchtiger, 
zum Theil höchst ausgezeichneter Lehrer zusammengebracht wer- 
den konnte. Einen bedeutenden Beitrag hierzu haben allerdings 
die politischen Wirren verschiedener Länder gegeben, welche junge 
Männer von Talent, die in jugendlicher Unkenntniss der Verhält- 
nisse Schiffbruch litten, an der bergenden Küste von Belgien aus- 
setzten. Allein auch andere Fremde sind gewonnen worden; wie 
denn im gegenwärtigen Augenblicke nicht weniger als fünf Deut- 
sche und zwei Luxemburger aus dem deutschen Antheile des Lan- 
des, ferner drei Franzosen an der freien Universität lehren. Mögen 
sie aber aufgefunden seyn worden, wo und wie sie wollen ; Profes- 
soren wie A h rens, Altmeyer, Tielcmans, Van Meenen. 
(um nur solche zu nennen, deren Fächer dem Ref. näher liegen, ) 
würden jeder Universität zur Zierde und znm Gedeihen gereichen. 
Im Ganzen sind in dem Vorlesungs-Verzeicbnisse 47 Professoren 
aufgeführt, von welchen freilich 6 als blosse Ehren -Professoren, 
welche zum Theil gar nicht in Brüssel leben, in Abzug gebracht 
werden müssen. Sie sind in vier Facultäten getheilt, nämlich: 
Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaft, exaete Wissenschaf- 
ten, Medicin. Besonders zahlreich ist namentlich das Fach der 
Cllnik besetzt, indem 6 Professoren in den verschiedenen Hospi- 
tälern der Stadt, und ausserdem drei mittelst einer Policlinik und 
einer ambulatorischen Clinik Anleitung zur Beobachtung und Hei- 
lung von Kranken geben. Im Allgemeinen sind, wie diess nicht 
zu vermeiden war, die Vorlesungen nach dem Gesetze über die 
Prüfungs-Bedingungen bestimmt, und es fehlt somit Manches, was 
auf einer grösseren deutschen Universität gehört werden kann; al- 
lein dennoch geschieht auch in einigen Fächern Bedeutendes, was 



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und die Universitäten Belgiens 2ft9 

nicht verlangt wird. So ist namentlich Philosophie, und zwar 
neueste 1 deutsche Philosophie, auf eine Weise repräsentirt, wie sie 
sicher ausserhalb Deutschlands auf keiner Universität gelehrt wird. 
Die am Stiftungstag i. J. 1839 gehaltenen, unter den Eingangs 
erwähnten Schriften aufgeführten Reden der Professoren Ahrens 
und Altmcyer legen davon das beste Zeugniss ab. — Die Zahl 
der Studirenden war in den ersten vier Jahren bedeutenden Schwan- 
kungen unterworfen; es waren ihrer nämlich 1834 — 35: 145; 
1835—36: 375; 1836—37: 406; 1837—38 : 324. Die Wiederab- 
nahme in dem letzten Jahre war namentlich bei den Juristen und 
Medicinern fühlbar, von welchen jene von 178 auf 120, diese von 
160 auf 85 sanken. Von irgend einer eigentlichen Disciplin ist 
natürlich gar keine Rede; es besitzt die freie Universität hierzu 
keine Mittel und kein Recht. Da übrigens die sämmtlichen Prü- 
fungen von der grossen Staats- Jury vorgenommen werden, so fehlt 
auch dieses indirecte Mittel des Einflusses, und es bleibt lediglich 
die persönliche Einwirkung der Lehrer. Uebrigens ist die Zahl 
der Studirenden im Verhältniss zu der Einwohnermenge der Haupt- 
stadt zu klein, um an irgend ein Hervortreten denken zu lassen. 
Dieselben Gründe, welche die Ergebnisse der Staatsprüfungen bei 
Löwen noch nicht recht in Anschlag zu bringen erlaubten, sind na- 
türlich auch bei der Brüsseler Universität wirksam. Uebrigens sind 
bei den sechs Prüfungen von 1835 — 38 von 346 ihrer Kandidaten 
55 wieder abgestanden, 59 zu nochmaliger Erstehung der Prüfung 
angewiesen, 20 aber ganz abgewiesen worden. Wir unserer Seits 
haben dabei natürlich lediglich dahin gestellt zu lassen, ob wirk- 
lich, wie man in Brüssel Stimmen hören kann, und wie auch in 
der Eingangs unter Nr. 11. aufgeführten amtlichen Bekanntma- 
chung des Verwaltungsrathes, so wie der unter Nr. 5. genannten 
Schrift des Professors Oulif wiederholt angedeutet ist, wie frei- 
lich aber auch von anderer Seite gelängnet wird , die Prüfungs- 
Jury den Zöglingen der freien Universität sich nicht besonders ge- 
wogen gezeigt hat. So viel ist jeden Falles richtig, dass die Zu- 
sammensetzung der Jury der Anstalt wenigstens keine äussere 
Sicherung gewahrt, indem zwar wohl von ihr eben so viele Mit- 
glieder in. die verschiedenen Abtheilungen gewählt sind , als von 
jeder der übrigen Hochschulen, allein nicht nur dadurch immer ein 
Verhältniss von drei zu eins entsteht, sondern auch die übrigen 
dem Professoren-Stande nicht angehörigen Mitglieder zum gering- 
sten Theile im Geiste der Brüsseler Universität belebt seyn mögen. 
— Das« die äusseren Verhältnisse dar freien Universität keines- 



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260 Schriften über das höhere UnterrlehUweiea 

weg« in jeder Beziehung günstig sind, ist schon bemerkt worden. 
Vor Allem fehlt es an Geld. Hier sind nicht die zwei Millionen 
Dotation der katholischen Universität, nicht die von den Bischöfen 
ausgeschriebene Besteurung der Geistlichkeit, nicht die Geschenke 
der Gläubigen, noch die 800,000 Franken jährliche Stiftungszinsen 
der alten Löwener Universität, als deren Reehtsnaehfolgerin sich 
(mit mehr als zweifelhafter Befogniss) die Universität des Epis- 
copates beträgt. Das Negative und Kleinliche vieler Bestandteile 
der liberalen Parthei zeigt sich auch in der Kargheit der Unter- 
stützung, welche sie der Anstalt angedeihen lassen, welche doch 
allein ihre geistigen Interessen vertritt und retten kann. Die Li- 
beralen sind .,wesentlich Nichts gebend", hörten wir ein geistrei- 
ches Haupt derselben gestehen. So hat denn die Brüsseler Univer- 
sität nur 30,000 Franken von der Stadt; 10,000 Franken, seit dem 
Juli 1839, von der Provinz Brabant; etwa »5,000 Franken Hono- 
rar von den Studirenden und nicht ganz so viel Beiträge ihrer , 
Gönner. Diess reicht natürlich nur zu schmalen Gehalten in der 
theuren und luxuriösen Stadt. Kein Professor hat über 4000 Fr., 
und selbst der auf solche Weise besoldeten sind nur wenige. Die 
Folge hiervon ist ienn, wie oben bereits bemerkt, dass die Lehr- 
ämter von Manchen nur als Nebenliebbaberei , oder aus politischer 
Meinung angenommen und besorgt werden können. Nun mag aber 
allerdings ein so mühseliges Amt, als eine gewissenhaft ausge- 
füllte Professur sicherlich ist, eine Zeit lang aus wissenschaftli- 
chem oder politischem Enthusiasmus und als Opfer für eine ge- 
meinschaftliche Sache besorgt, und so lange vortrefflich besorgt 
werden: allein liegt es in der menschlichen Natur, dass dieses im- 
mer dauert? Unserer Erfahrung nach wenigstens taugt es wenig, 
wenn die Besorgung eines Amtes von dem Träger desselben aus 
dem Gesichtspunkte der eignen Grossmuth betrachtet werden kann. 
Leicht ist es, dass ein solcher entweder lästig, oder andererseits 
gewaltthätig und unbotmässig sey. Und dann läugnen wir nicht, 
dass wir (Ausnahmen abgerechnet, wie in allen Dingen) keine 
Bewunderer der Doppelanwendung zu practischen Geschäften und 
zu gelehrter Systematik sind. In der Regel gewinnt weder das 
eine noch das andere. Mit einem Worte, diejenigen Belgier, wel- 
che die Bildung nicht ausschliesslich in die Hände und Zwecke 
des Clerus fallen lassen wollen, und somit eine Sicherung ihrer 
Sohutzanstalt wünschen, müssten weit freigebiger gegen dieselbe 
seyn, und nicht den einzelnen Vorfechtern ihrer Meinung die Ue- 
bernabme aller Opfer an Zeit, Müh« und Streit ruhig sitzend über- 



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aod die Unifersitäten Belgiens. Ml 

lassen. Unläugbar steht hier die Ueberzeugnng sowohl alt die iflsci- 
plin der katholischen Parthei ehrenhaft und selbst grossartig dane- 
ben. Bei dieser bringt die ganze Masse die erforderlichen Opfer, 
und der einzelne Dienstleistende wird noch reichlich belohnt. Diese 
ist aber nicht nur billiger, sondern auch weit klüger und wirksa- 
mer. — Ausser dieser Beschränkung in den Geldmitteln ist aber 
auch noch ein zweites ungünstiges äusseres Verhalt uiss der freien 
Universität zu bemerken. 

Dieselbe ist die Schöpfung und die Hoffnung einer nicht in 
der Regierung befindlichen Parthei. Solche ist freilich den am 
Ruder Befindlichen keineswegs in der Art entgegen, dass sie die 
Grundlage und nationelle Existenz derselben bekämpfte ; im Ge- 
gentheile hat sie zu deren Erringung und Feststellung so viel 
beigetragen, als die katholische Parthei selbst, und ist in jedem 
Augenblicke zur Vertheidigung dieser Principien gegen innere und 
äussere Feinde, und zur Aufrechterhaltung der kaum errungenen 
Selbstständigkeit Belgiens nach allen Seiten hin ebenfalls bereit. 
Allein sie versteht die Aufgabe des belgischen Staates anders, 
und findet, dass die Regierung in einer Beziehung lange nicht 
genug, in anderer viel zu viel thut Während es den Gegnern 
um eine vollständige katholische Durchbildung des belgischen Vol- 
kes, allerdings unter dem Schutze und in der Form constitutio- 
neller Einrichtungen, zu thun ist ; wollen die Liberalen die allsei- 
tig" freie und facultative Richtung und Gesittigung des Individuums 
möglichst wenig beschränkt durch den Staat, und gar nicht durch 
die Kirche. Diese beiden Richtungen sind sich nun offenbar we- 
sentlich entgegengesetzt und bis auf einen gewissen Grad feind- 
lich. Dass die Brüsseler Universität, der geistige Ausdruck und 
die Bilduugsanstalt der einen Parthei, nicht gm gelitten ist bei den 
Anhängern der andern Meinung, ist somit nothwendig. Allein 
eben so begreiflich ist, dass dieselbe unter dieser Abneiguug man- 
nigfach zu leiden bat, da die Gegner im Besitze der Staatsgewalt 
und aller Begüostigungs- und Zurücksetzungsmittel derselben sind. 
Von direkten Hemmnissen ist allerdings nicht die Rede, wie sol- 
che schon das verfassungsmässig unbeschränkte Associationsrecht 
und die grosse Unabhängigkeit der Gemetndcu, von deren bedeu- 
tendster die freie Universität in Schutz genommen ist, nioht dulden 
wurde. Wenn aber einer ohnedem an den materiellen Mittelu lei- 
denden Anstalt jede Förderung vom Staate verweigert wird; wenn 
ihre Zöglinge von dem Genüsse der Staatsstipendien fast ganz aus- 
geschlossen sind; wenn, um noch weiter gehende» Misstrauen an 



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■ 



262 Schriften über des höhere Unterrieh tAwe.ce 

■einen Ort gestellt zu lassen , dieselben in der Mehrzahl der über 
ihr einstiges Loos entscheidenden Staats-Examinatoren die Vertre- 
ter verschiedener wissenschaftlicher Richtung: und Lehre furchten 
müssen ; wenn die Bekleidung einer Lehrstelle an der Anstalt viel- 
leicht nicht bei der Regierung, aber bei einer übermächtigen Pai- 
thei mehr oder weniger als ein Oppositionsact betrachtet und so- 
mit natürlich mittelbar oder unmittelbar als solcher behandelt wird: 
80 sind solche Zustände nicht förderlich und erschweren die Be- 
stellung der Concunrenz manchfach begünstigterer Anstalten be- 
deutend. — Uns will daher, wenn eine Klage über diesen oder je- 
nen Mangel der freien Universität gehört wird, nicht dieses als 
ein gerechter Tadel, sondern vielmehr die bisherige Fortdauer und 
das im Ganzen erfreuliebe, in einzelnen Fächern höchst ausge- 
zeichnete Gedeihen derselben als ein Beweis grosser innerer Kraft 
und einer höchst achtenswerthen Begeisterung für eine schöne 
Ueberzengung bedünken. 

Erst nachdem die durch Privat-Kräfte gestifteten beiden Uni- 
versitäten eingerichtet waren (die katholische vorerst noch in Me- 
chelnj, kam endlich auch die neue Gestaltung der Staats-Uni- 
versi taten zu Stande. Zwar war schon im Jahre 18*32 ein Ge- 
setz esentwuf über den Uuterricht entworfen worden, in welchem 
Eine grosse Staatsuniversität vorgeschlagen war. Allein wie die- 
ser ganze Rjitwurf, so kam auch der den höhern Unterricht be- 
treffende Abschnitt gar nicht zu Verhandlungen in den Kammern, 
und es mag seyn, dass die Abneigung der katholischen Parthei 
mit einer solchen grossen Centraianstalt zu coneurriren mit Schuld 
an dem stillschweigenden Verwerfen hatte. Im J. 1834 wurde 
eine neue, zum grössern Theile aus Häuptern der katholischen 
Parthei bestehende, Commission niedergesetzt, welche dann in dem 
den Universitätsunterricht betreffenden Theile ihres Gesetzentwur- 
fes (dem 3. Kap.) die Gründung zweier Staatsuniversitäten, und 
zwar in Lüttich und Gent, somit die Unterdrückung von Löwen, 
vorschlug. Dieser Vorschlag wurde denn auch, da er eine minder 
gefährliche Mitwerbung und zu gleicher Zeit für die katholische 
Universität die Aussicht auf die Erwerbung der Verlassenschaft in 
Löwen in Aussicht stellte, im J. 1835 zum Gesetze; und dem ge- 
mäss richtete die Regierung die beiden Universitäten wieder voll- 
ständiger ein. Beide erhielten vier Facultäten, nämlich: Philoso- 
phie und Literatur, Rechte, Medicin und exaete Wissenschaften. 
Ausserdem wurden beiden höhere technische Schulen beigegeben, 
und zwar beiden eine, auf zwei Jabrescurse berechnete, Vorberei- 



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um die Uni versi täten Belgien«. 268 

tungsschule und eine, ebenfalls auf , zwei Jahrescurse eingerichtete 
Schule für Künste and Manufacturen, von welchen in Gent haupt- 
sächlich die mechanische, in Lüttich die chemische Richtung ver- 
folgt wird; ausserdem aber noch parallel - laufend mit der Kunst- 
schule, der Universität in Lüttich eine Bergwerksschule, der Gen- 
ter Universität aber eine Civil-Ingenieursohule, jede von drei Jah- 
resoursen für die höheren, und von 2 Jahren für die niederen Tech- 
niker. Die Lehrstellen wurden fast alle neu besetzt, indem von 
den 80 von den frühern drei Staate-Universitäten noch vorhande- 
nen Professoren nur 19 wieder verwendet wurden. Deutsche wur- 
den keine neuen berufen, kaum einige beibehalten; dagegen meh- 
rere Franzosen. Die innere Organisation ist der einer deutschen 
Hochschule sehr ähnlich. Ein von der Universität gewählter Bec- 
tor, ein aus allen Professoren bestehender Senat, ein Ausschuss 
aus demselben, das Collegium der Assessoren, bestehend ausser 
dem Rector aus den Facultäts-Decanen. Die Professoren sind or- 
dentliche und ausserordentliche; sie werden von der Regierung nach 
vorher eingeholtem Gutachten der betreffenden Facultät ernannt. 
Ausserdem kann die Regierung eine Art von Privat - Docenten 
(agreges) ernennen. Die Gehalte der Professoren können bis zu 
9000 Fr. gehen, ausser einem Antheile an den Honoraren, welche 
hier für die einzelnen Vorlesungen, und nicht, wie auf den beiden 
Privatuniversitäten, für den ganzen halbjährigen Ours zusammen 
entrichtet werden. Eigentümlich ist die Bestimmung, dnss kein 
Professor bezahlte Repetitorien geben darf. Auch kann keiner eine 
andere Beschäftigung treiben, mit Ausnahme der Mediciner, allein 
auch diese uuf auf besondere, immer widerrufliche Erlaubnis» der 
Regierung. Im J. 1830 waren iu Lüttich 17 ordentliche, 18 aus- 
serordentliche Professoren. 0 Agreges und 6 Repetitoren in der 
Specialschule; in Gent aber 16 ordentliche, 19 ausserordentliche 
Professoren, 2 Agreges und (> Repetitoren. Die Curse sind ganz 
vorgezeichnet, so weit sie zur Erstehung der Prüfungen nötbig 
sind; weiteres ist faeultativ. Die Behörden haben eine Discipli- 
nargewalt, namentlich kann Relegation vom Senate ausgesprochen 
werden, wodurch zu gleicher Zeit auch der Besuch der andern 
Htaatsuniversität verboten ist. Ein eigenthümliches , im Wesentli- 
chen der Pariser polytechnischen Schule nachgebildeten. Verhalten 
ist den Zöglingen der technischen Specialscbulc vorgeschrieben. 
Dieselben haben den gauzeu Tag in den Gebäuden der Anstalt 
zuzubringen und dort auch ausser den Vorlesungen ihre Studien 
und Uebungen auf eine genau vorgezeichnete Weise zu hr< reiben 



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VÜ Schriften über tlus höher« Unterriebtaweien 

• ■ 

Im Sommer werden die Vorlegungen zum Behufe von practisch n 
Arbeiten, Reiten etc. unterbrochen. 'Bedingung des Eintritts in dk 
verschiedene Abthcilnng ist die Erstehung strenger Staatsprüfun- 
gen. Die ganze Schule bildet einen geschlossenen Organismus, 
welcher mit der betreffenden Universität hauptsächlich nur durch 
gemeinschaftliche Lehrer und einige gemeinschaftliche Vorlesun- 
gen zusammenhängt. — Als Regierungs-Commissär überwacht die 
Universitäten ein Inspecteur administrateur, und jährlich wird den 
Kammern eine ausführliche Mittheilung über die Universitäten er- 
stattet (von welcher oben, Nr. 2 — 4, die his jetzt erstatteten an- 
geführt sind). Die vom Staate auf seine beiden Universitäten ver- 
wendete Summe ist beträchtlich, und betrug z. B. im Jahr 1838 
nicht weniger als: 609,993 Fr., von welchen 412,447 für Besol- 
dungen. Die technischen Specialschüler verursachten einen beson- 
dern Aufwand an Gehalte von 13,550 Fr. in Lüttich, und von 
12,750 Fr. in Gent. Die Gebäude für die Anstalten sind nament- 
lich in Gent prachtvoll , die Sammlungen wenigstens zum Theile 
ausgezeichnet; (doch dürfte jeden Falles für die Bibliotheken mehr 
geschehen, da ihr Budjet nur 19,000 Fr. beträgt und sehr grosse 
Lücken rückwärts sind). Ausserdem leisten die zunächst betref- 
fenden Städte "noch Beträchtliches für die in ihrer Mitte errichte- 
ten Hochschulen: sie übernehmen z. B. die Erbauung aller Ge- 
bäude, überdies«» noch manche andere Lasten } so gibt z. B. die Stadt 
Gent jährlich 15,000 Fr. zu Stipendien, ebensoviel die Provinz 
Ost-Flandern. — So weit also die äussere Einrichtung und die 
Verwilligung von materiellen Mitteln geht, sind die beiden Staats- 
universitäten mit allen Elementen eines fröhlichen ^Gedeihens aus* 
gerüstet. Allein dennoch fehlt ihnen dieses. Schon die Frequenz 
ihrer Zuhörer beweist es. Diese ist sehr wenig beträchtlich, und 
auch keineswegs im Zunehmen begriffen ; es ergaben sich nämlich 
ans den amtlichen Mittheilungen an die Kammern folgende Zuhö- 
rerzahlen : 

183*/«. 183%. 183V«. 183%. 
Gent: 372 394 317 326 

Lüttich: 290 290 260 300 
unter welchen sogar in Gent 90 und in Lüttich 87 Zöglinge der 
Specialschulen in den letzten Jahren mitbegriffen waren, welche 
somit eigentlich in Abzug zu bringen sind, und jeden Falles aus- 
ser Berechnung bleiben müssen, wenn eine Vergleiohung mit der 
ScLülerzohl der beiden Privatanstalten angestellt wird. Dass bei 
einer solchen nicht nur die katholische Universität, sondern selbst 



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t 

9 

und die Universitäten Belgien«. 246 

die mit so viel geringem Mitteln aasgerüstete und von keiner 

äussern Gewalt unterstützte freie Brüsseler Universität im Vorzuge 
ist, zeigt eine Vergleichung mit den oben von uns angeführten 
Zahlen. Auch ist es wohl kein vorlautes, dem Fremden nicht zu- 
stehendes Urtheil, wenn bemerkt wird, dass die beiden Staatsuni- 
versitäten wenigstens nicht so viele Männer von anerkanntem 
Rufe in allen Theilen der Wissenschaft aufzuweisen haben, als 
vom Staate geleitete und somit gesicherte Anstalten sollten besi- 
tzen können. Dass die Vorlesungen in beträchtlichem Verhältnisse 
aus Mangel an Zuhörern gar nicht zu Stande kommen, geben die 
drei von dem Ministerium erstatteten Berichte unumwunden und 
mit einzelner Aufführung zu, wo es denn wohl Verwunderung er- 
regen darf, selbst Fächer wie: Handelsrecht, Civilprocess, Staats- 
recht, Nationalökonomie etc. unter den noch nie vorgetragenen 
zu finden. Woher nun dieser kränkelnde Zustand? Man braucht 
nicht sehr lange in Belgien sich um Dinge dieser Art bekümmert 
zu haben, um die (auch von Thier sc h angenommene) Ansicht 
zu hören, dass die katholische Parthei durch das ihr wesentlich 
angehörige Ministerium selbst das Aufblühen der Staatsuniversita- * 
ten absichtlich hindere und sie zu langsamem Absterben verur- 
theilt habe, um dadurch ihre Universität in Löwen immer mehr zu 
heben, am Ende vielleicht zur einzigen in Belgien zu machen und 
somit das eigentliche Monopol der Erziehung zu erhalten. Die 
Brüsseler Universität geht sogar in ihrer oben unter Nr. 10. ge- 
nannten Schrift so weit, mit unumwundenen Worten zu sagen, 
dass sie der einzige Schild der Staatsuniversitäten sey, indem sie 
die Angriffe der katholischen Parthei zunächst auf sich ziehe, 
welche alsbald auf die Staatsuniversitäten fallen würden, wenn sie 
nicht noch widriger wäre. Wir gestehen, Mühe zu haben, an ein 
solches Verhalten von Seiten einer Regierung zu glauben. Na- 
türlicher scheint uns, anzunehmen, dass allerdings Herz und Theil- 
nahme in höherem Masse der Löwener Universität zugewendet sind, 
weil diese die Schöpfung der eigenen Parthei ist, und überdiess 
durch keinen Wechsel in den parlamentarischen Majoritäten in 
fremde Hände und Zwecke zu fallen Gefahr laufen kann; dass 
desshalb also die Vorsorge für die Staatsuniversitäten mehr amt- 
lich und in so weit ohne lebendiges eignes Interesse geschieht. 
Welche Folgen ein solches Verhalten der schaffenden und leiten- 
den Gewalt aber haben muss, bedarf keines Beweises, und es möch- 
ten wohl auch in Deutschland sich aus verschiedenen Zeiten man- 
cherlei Beispiele eines solchen Zustande« auffinden lassen, injwel- 



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266 Schriften über das höhere Unter rieh Uweeen 

eben doch von einer absichtlichen Vergiftung der Staatsanwalt 
mit aqua tofana durch die Regierung selbst nicht die Rede ist. Dazu 
nehme man noch, dass die belgischen Staatsuniversitäten keiner 
der grossen Partheien, in welche sich das Land theilt, irgend nahe 
liegen. Die katholische Parthei hat Löwen, die liberale aber Brüs- 
sel. Sie linden hier ihre Bedürfnisse befriedigt, und zwar ganz 
nach ihres innersten Herzens Wunsch. Wer also soll sich um 
Gent und Lüttich bekümmern? Diese können blos eine mehr örtli- 
che, höchstens provinciclle Theilnahme in Anspruch nehmen ; oder 
müssten durch überwiegende Leistungen vieler ihrer Lehrer 
sich die Theilnahme gegen die unmittelbare Neigung erzwingen. 
Letzteres ist nun aber nicht der Fall. Die beiden andern Univer- 
sitäten vermögen in dieser Rücksicht sich vollkommen mit den 
Staatsanstalten zu messen. Nur hinsichtlich der technischen Spe- 
cialschulen verhält es sich anders. Keine der beiden freien Hoch- 
schulen hat diese Zweige des Wissens in ihren Kreis aufgenom- 
men, es liegen dieselben wohl ihren Zwecken ferner, ausserdem 
möchte es in Brüssel an den Mitteln fehlen. Hier wird also vom 
Staate allein ein in dem hoch industriellen Lande sehr fühlbares 
Bedürfniss befriedigt, und zwar, wie es scheint, auf eine sehr 
zweckmässige, der jetzigen Ausbildung der Technik vollkommen 
entsprechende Weise. So blüht denn auch dieser Theil der Staats- 
universitäten jährlich freudiger empor, je mehr seine Organisation 
sich allmählig vollendet. Während ein wesentlicher Umschwung 
der gesaramten politischen Verhältnisse in Belgien wohl die not- 
wendige Bedingung eines bedeutenden Flores der regelmässigen 
Facultätsstudien auf die Staatsuniversitäten wäre, kann es sich 
leicht ereignen, dass deren Specialschulen einen hohen Grad von 
Anerkennung und Nützlichkeit erwerben. 

Ehe wir die Darstellung des Bestehenden verlassen können, 
um einige Bemerkungen zur Würdigung desselben beizufügen, ist 
noch einer die Einrichtung der Universitäten wesentlich ergänzen- 
den und auf dieselbe vielfachen Einfluss übenden Einrichtung zu 
erwähnen, welche in ihren Formen so viel Eigentümliches , viel- 
leicht sogar znm Theile Verkehrtes hat, dass sie gar leicht auf- 
fallen und namentlich bei dem Fremden Verwunderung erregen 
kann; die aber doch im Wesentlichen etwas Gewöhnliches und 
unter den gegebenen Umständen in Belgien etwas Unvermeidliches 
ist Wir reden von der grossen Prüfun^s-Commission 
(Jury d'examen), welche über die Bekleidung gewisser öffentli- 
cher stellen oder Beschäftigungen entscheidet. Zur Zeit der hol- 



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und die Universitäten Belgiens ITI 

• 

ländischen Herrschaft war die Einrichtung, das» zur Bekleidung 
der Staatsämter, so wie der rechtsgelehrten oder heilwissenschaft- 
lichen Praxis der Doctorgrad erfordert wurde. Derselbe diente 
statt aller andern Staatsprüfungen. Diesen Grad konnte man aber 
auf jeder der damaligen sechs Hochschulen nach beliebiger Aus- 
wahl bei der betreffenden Facultat nachsuchen. Es würde nicht 
schwer seyn zu zeigen, dass die Einrichtung an grossen Mangeln 
litt; allein es gehört diess jetzt nicht hierher, und liegt am Ende 
klar vor Augen. Nach der Umwälzung von 1830 dauerte die Ein- 
richtung, freilich in organischer Vereinzelung noch eine Zeit lang 
fort, und es sollen damals grosse Missbräuche von den verstüm- 
melten Universitäten durch möglichste Verschleuderung ihrer Di- 
plome begangen worden seyn. Theils diese Erfahrung, theils die 
einleuchtende Wahrheit, dass die verfassungsmässige Freiheit des 
Universitätsunterrichts ein leeres Wort wäre, wenn den Staatsuni- 
versitäten dieses Monopol gelassen würde, machte eine Aenderung 
unvermeidlich. Schwerer war es zu bestimmen, welche andere Ein- 
richtung zu treffen sey. Jeder der thatsächlich existirenden Hoch- 
schulen das Recht einzuräumen, hätte theils zu demselben Unfuge 
führen können , theils hätte es der Regierung nicht die nöthige 
Sicherung gegeben, weil sie bei einem Theile dieser Anstalten 
ohne allen EinOuss gewesen wäre. Ganz einfach Staatsprüfungen 
durch Regierungsbevollmächtigte einzuführen, wie diess in Deutsch- 
land der Fall ist, konnte mittelbar zu einem neuen Vorrechte der 
Staatsuniversitäten führen. Somit verlangten Katholiken und Li- 
berale gemeinschaftlich eine von den Universitäten getrennte, und 
überdiess höchstens zum Theile in den Händen der Regierung be- 
findliche Einrichtung. Es entstand daraus das Gesetz vom Jahr 
1835 über die Prüfungscommissionen. Es wurden durch dieselbe 
sechs Commissionen von je sieben Mitgliedern niedergesetzt, näm- 
lich je zwei für die Rechte, und für die Heilkunde (nämlich ver- 
schiedene für die Candidatur und für das Doctorat), und je eine 
für die exacten Wissenschaften und die Philosophie und Literatur. 
Von den sieben Mitgliedern ernennt die Repräsentanten -Kammer 
zwei, sodann der Senat eben so viele, endlich die Regierung drei. 
Ausserdem werden für Verhinderungsfälle der eigentlichen Mit- 
glieder eben so viele Steilvertreter zu gleicher Zeit ernannt. 
Die Wahlen sind in Beziehung auf die Personen ganz unbe- 
schränkt, und namentlich ist es durchaus nicht nofhwendig, dass 
Universitäts-Professoren unter den Ernannten seyen. Die nähere 
Darstellung der Einrichtung selbst, die Forderungen an die Exn- 



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26$ Schriften über da« höhere UnterrichUweaee 

minanden etc. möge hier, als zu weit führend, übergangen werden. 
Nur die Bemerkung sey beigefügt, iJass diese Prüfungs-Commis- 
sionen die Vorschläge über Vergebung der im Staatsbudjet aus- 
geworfenen 36,000 Fr. jährlicher Studienstipendien zu machen ha- 
ben (einen Auftrag, welchem sie mit grosser Parteilichkeit für 
die Löwener und gegen die Brüsseler Universität nachzukommen 
scheinen, indem z. B. im J. 1839 diese nur 6, jene aber 25 
Stipendien zugetheilt erhielt). Was aber die Würdigung des Gan- 
zen betrifft, so wissen wir unseres Theiles auf die Ertheilung von 
academischen Graden durch eine blosse Staatsbehörde, eine Ein- 
richtung, welche so Vielen in Deutschland ein geschichtlicher und 
wissenschaftlicher Greuel ist, kein weiteres Gewicht zu legen. Es 
ist nicht mehr und nicht weniger, als eiue ungeschickte Form der 
Zeugnisse. Anstatt es z. B. in Württemberg heisst: zweite hö- 
here Staatsdienst-Prüfung, Klasse I, a, vorzüglich bestanden ; sagt 
man in Belgien : ' Doctorat mit höchster Auszeichnung , was wohl 
auf das Nämliche hinauskömmt. Und überdiess ist zu erwarten, 
dass dieser Sprachgebrauch wird wieder verlassen werden, da nach 
der Verordnung vom 12. Oct. 1838 (s. oben Nr. 4. S. 23 f.) und 
am Ende auch ohne Staatserlaub niss die Universitäten das Recht 
haben, auch ihrer Seits academische „wissenschaftliche" und „Eh- 
rengrade" zu ertheilen, nur ohne irgend staatsrechtliche Befugnisse 
daran knüpfen zu können ; verschiedene Dinge mögen aber auf die 
Dauer nicht mit denselben Namen bezeichnet werden. Auch daran 
wissen wir nichts Wesentliches auszusetzen , dass die Staatsprü- 
fungen den Universitäten, als solche, entzogen sind. Schon unter 
den deutschen Verhältnissen sind wir nichts weniger als solchem 
Einflüsse der Lehrer auf das Schicksal ihrer Schüler befreundet, 
weil es zu Schulen-Despotie und Begünstigung der Miitel massi- 
gen führt; in Belgien aber wäre er bei dem Bestehen von Privat- 
und Parthei-Universit&ten offenbar ganz unmöglich gewesen. Wir 
können daher auch dem (oben, Nr. 5.) von Oulif gemachten Vor- 
schlage, die Prüfungsbehörden aus je einem, von den Amtsgenos- 
sen zu wählenden, Professor jeder Universität unter dem Vorsitze 
eines Regierungscommissärs zu bestellen , nicht beitreten. Dage- 
gen sind wir der Meinung, dass die Einmischung der Karamern 
in die Fähigkeits-Erforschung der Einzelnen der richtigen Stel- 
lung volksvertretender Versammlungen uicht entspricht. Theils 
greifen sie dadurch in die Regierung ein ; theils sind sie intellec- 
tuel zu richtiger Auswahl nur wenig geschickt ; theils endlich zie- 
hen sie nothwendig das Ganze auf das Gebiet des Partueikain- 



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und die Universitäten Belgient. 



ptes, wodurch Zweck und Wirkungen auf beklagenswerthe Weise 
verfälscht werden können. Ebenso finden wir einen weitern Vor- 
schlag Hrn. OnhTs, die Examinatoren erst wenige Tage vor dem 
Beginnen der Prüfungen zu bezeichnen , sehr richtig, indem nur 
dadurch einem schreienden Missstantie abgeholfen werden kann, 
welcher jetzt der wissenschaftlichen Ausbildung, namentlich auf 
den Staatsuniversitäten im Wege steht, nämlich der ausschliessen- 
den Beachtung der Lehre der Bezeichneten, habe diese Werth oder 
nicht, und dagegen die Vernachlässigung der andern Professoren 
desselben Faches auf den übrigen Universitäten. Freilich ist vor- 
läufig kaum zu hoffen, dass passende Aenderungcn eintreten wer- 
den, obgleich eine Revision der, nur auf drei Jahre zunächst ange- 
nommenen, Wahlen auf dem gegenwärtig in Brüssel eröffneten 
Landtage vorgenommen werden soll. Der Partheigeist wird es 
hindern. Dass jeden Falles eine materielle Vervollständigung des 
Prüfungsgesetzes nothwendig ist, durch welche auch über die 
von künftigen Richtern, Lehrern etc. zu verlangenden Fähigkeits- 
Zeugnisse das Entsprechende bestimmt wird, erwähnen wir nur im 
Vorbeigehen. 

So weit die Thatsachen, wie sie sich aus den Eingangs ge- 
nannten Schriften ergeben, wie sie uns bei eigener Beobachtung 
haben erscheinen wollen, oder wie Männer, deren Einsicht und Un- 
parteilichkeit wir alle Ursache haben zu vertrauen, sie uns dar- 
gestellt haben. Erwägen wir nun, was sich aus denselben hin- 
sichtlich der Beantwortung allgemeiner Fragen für Ergebnisse zie- 
hen lassen. 

Ohne Widerspruch ist in dem gesammten belgischen Unter- 
richtswesen der Grundsatz der unbeschränkten Freiheit die 
auffallendste und merkwürdigste Erscheinung. Ganze Universitä- 
ten, gegründet und erhalten durch Privatkräfte, und gestiftet zu 
Zwecken, welche nicht die des Staates sind, um nicht zu sagen, 
welehe demselben mehr oder weniger zuwiderlaufen, sind Folgen 
dieses Grundsatzes, welcher einer genauen Untersuchung wohl 
werth ist. Denn es bedarf keiner weitläufigen Auseinandersetzung, 
um das Zugeständnis» zu erhalten, dass, wenn derselbe richtig 
ist, zunächst die Wissenschaft, früher oder später auch das wirk- 
liche Leben eine wesentliche Umgestaltung auch unserer Unterrichts- 
anstalten, namentlich unserer Hochschulen verlangen muss. Zu 
einem richtigen Urtheile ist nothwendig, vor Allem die Begrün- 
dung des Principes, so wie sie in Belgien gemacht wird, zu ent- 
wickeln. Die Frage ist bekanntlich schon unter der holländischen 



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270 Schriften über das höhere Unterrichtawenen 

Regierung vielfach erörtert worden, so dass sieb eine bestimmte 
Ansicht und eine feste Formulirung derselben bilden konnte. Ue- 
brigens machen wir zur Grundlage unserer Erörterungen nicht 
etwa die Ausführung in dem Berichte des Hrn. Dechamps, wie 
sie in Nr. 1. der Eingangs angeführten Schriften enthalten ist, weil 
diese parlamentarische Arbeit von statistischen und geschichtlichen 
Unrichtigkeilen, so wie von wenig conclodenten Schlüssen wim- 
melt, sondern die Entwicklung, welche der Professor der freien 
Brüsseler Universität, unser gelehrter Landsmann Ahrens in sei- 
ner so eben erschienenen Philosophie du droit, S. 444—462., auf 
eine nach Form und Materie gleich musterhafte Weise gibt. Er 
geht von dem Satze aus , dass der Zweck der Wissenschaft nur 
ihre eigene Entwicklung und Wahrheit, keineswegs aber die För- 
derung anderer Lebenskreise, z. B. des Staates oder der Kirche sey. 
Nun habe sich aber die Wissenschaft in ihrer höchsten äussern 
Erscheinung, nämlich der Universitäten, seit der Gestaltung des 
modernen Lebens nach einander in drei verschiedenen Verhältnissen 
zu diesen mächtigen Anstalten und Kräften befunden. Zuerst seyen 
die Hochschulen in Italien und Frankreich aus dem innern Be- 
dürfnisse der Gesittigung von selbst und eigentlich unbewusst ent- 
sprungen, und haben sich als ganz unabhängige, nur ihre eigenen 
Zwecke verfolgende Corporationen ausgebildet. Später aber habe 
sich die Kirche derselben bemächtigt und sie unter strenger 
Controle gehalten, weil sie eingesehen habe, dass von diesen 
Licht-Mittelpunkten ihr Gefahr drohen könne. Unter dieser Vor- 
mundschaft aber sey allmählich die Wissenschaft verkommen und 
verkehrt w r orden. Endlich seyen aber die Hochschulen wieder be- 
freit worden durch das Wiederaufleben der classiseben Bildung 
und Philosophie, namentlich aber durch die Reformation. Zwar 
habe sich alsbald ein neuer Herr ihrer bemächtigt, nämlich der 
Staat; allein da derselbe in den damaligen religiösen Kämpfen kein 
anderes Interesse gehabt habe, als die Wissenschaft auch, so sey 
diese neue Tutel' nicht drückend, vielmehr durch manche Unter- 
stützung fördernd gewesen. Aber seit einem halben Jahrhunderte 
habe dieses günstige Verhältniss aufgehört, indem die rein poli- 
tische Richtung der Zeit den Staat jetzt seiner Seits gegen die 
Universitäten argwöhnisch gemacht habe, und ihn dazu bewogen, das 
Lehren selbst zu übernehmen, nnd jene nur als Mittel zu seinen 
Zwecken zu benutzen. Dadurch sey die Wissenschaft und die 
Unabhängigkeit der Lehrer, ohne welche der reine Zweck der Ge- 
sittigung nicht bestehen könne, gleichmässig gefährdet Zum Be- 



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und die Uni verdaten Bclgicu. III 

• 

weise dieses Verhältnisses wird auf die Absicht nnd Wirkung der 
Universite de France, für Deutschland aber anf eiuigc bekannte 
Vorgange, welche die Entfernung berühmter Professoren von ih- 
ren Lehrstühlen zur Folge hatten , auf die Ernennung der Lehrer 
durch die Regierungeu und auf die den Privat-Docenten auferlegte 
Bestätigung des Staates hingewiesen. Hieraus gehe denn hervor, 
dass eine neue Emanzipation der Uochschnlen dringendes ßedürf- 
niss sey, und höchstens könne man dem Staate einräumen, dnss er 
während der Uebergangsperiode, und bis sich die Privaten als fä- 
hig zu Begründung von Universitäten erwiesen haben, zur Aus- 
füllung von Lücken und zur Stachlung angestrengter Mitwerbung 
vorläufig noch seine Anstalten erhalle. 

Wir geben gerne nnd unumwunden zu, dass wir im Wesent- 
lichen der geschichtlichen Darstellung und der Ansicht von der 
unter den jetzigen Umständen der wissenschaftlichen Unabhängig- 
keit der Hochschulen möglicherweise drohenden Gefahr bei- 
stimmen. Allein wir glauben doch . dass in einigen Puncten eine 
unrichtige Auffassung mit unterlauft, namentlich wenn die deut- 
schen Verhältnisse ins Auge gefasst werden, was doch sey n kann 
und sogar muss, da in keinem Lande das Princip der Universitä- 
ten so ausgebildet und wirksam ist , und überhaupt die thatsäch- 
ltche Grundlage für einen allgemeinen Satz ebenfalls allgemein 
richtig seyn muss: und wir sind ausserdem sehr bedenklich über 
das Mittel, w r elches als einzige Abhülfe angepriesen wird. 

Was nämlich den von uns beanstandeten Theil der Darstel- 
lung betrifft, so sollten wir vielleicht vor Allem darauf aufmerk- 
sam machen, dass zwar die Wissenschaft, als solche, blos die ab- 
solute Wahrheit zum Gegenstande hat, dass aber eine Universität 
zunächst die Aufgabe hat. den gelehrten Unterricht in den ver- 
schiedenen gelehrten Beschäftigungen zu ertheilen , welcher die 
bürgerliche Gesellschaft bedarf, eine Aufgabe, welche keineswegs 
vollkommen mit der der Wissenschaft, als solcher, zusammenfällt. 
Allein da wir zugeben können, dass eine Universität über dieses 
practische Bedürfnis« hinaus leisten kann und soll, und selbst in- 
nerhalb desselben in der Methode lediglich wissenschaftlich seyn 
muss: so wollen wir weiter kein Gewicht auf diese Bemerkung 
legen. Allein jeden Falles vermögen wir wirklich nicht zuzuge- 
ben, dass wenigstens von den deutschen Regierungen mit Kraft 
behauptet werden kann, dass sie selbst lehren. Mag es auch seyn, 
dass in einzelnen ganz seltenen Fällen die eine oder die an- 
dere bei einer- einzelnen Wissenschaft gegen eine bestimmte Rich- 



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272 Schriften über das höhere UnterrichUwcien etc. 

tung zu wirken suchte : so wird doch jeder mit den Verhältnissen 
Vertraute zugeben, dass in der unendlichen Mehrzahl der Falle 
nicht einmal von einem negativen Verhalten irgend eine .Spur zu 
bemerken ist. Schon die unlaugbare Thatsache, dass auf einer 
und derselben Anstalt oder auf verschiedenen demselben Staate un- 
gehörigen Hochschnlen die verschiedensten Systeme neben einander 
gelehrt werden, beweist diess.- Man wendet hier die angebliche 
Begünstigung der Hegel'srhen Philosophie in Prenssen ein. Auch 
angenommen, es sey von einflussreichen Männern diese Lehre eine 
' Zeit lang bei Gelegenheit bevorzugt worden , so wäre diess nicht 
nur ein recht einzig dastehendes Beispiel, sondern es ist auch 
zu bedenken, dass nicht sowohl Staatsmaxime, als persön- 
liche Ueberzeugung von dem innern wissenschaftlichen Werthe 
dieser Philosophie die Gunst bewirkt haben kann. Nein, im All- 
gemeinen kann nicht von den deutschen Universitäten behauptet 
werden, dass der Staat die Art und Richtung der von ihnen ge- 
lehrten Wissenschaft vorzeichne, dass er selbst durch sie lehre. 
Auch wir geben zu, dass die Stellung der Universitäten zum Le- 
ben eine andere geworden ist, als sie früher war, und dass na- 
mentlich die Stellung der Professoren sich bedeutend verschlech- 
tert hat seit einer Generation (wir haben diess an einem andern 
Orte unlängst ausführlicher auseinandergesetzt); allein es rührt 
diess nicht, oder nur zum geringsten Theile, von einem Misstrau- 
en, einem Drucke, einem Eingreifen der Regierungen, sondern von 
der Umgestaltung unseres öffentlichen Lebens und von der Ver- 
änderung der Interessen der gebildeten Stände her. Die Regie- 
rungen können hier zum Theile gar nicht helfen; und in sofern 
sie können, mag es, unserer Ansicht nach, nur durch Erhöhung 
der Theil nähme an den Universitäten, nicht durch Verminderung 
oder gar Aufgebung derselben geschehen. Die so weit in den 
Vordergrund gestellte Einwirkung der Staaten auf die Wissen- 
schaft erscheint uns daher nur als eine Möglichkeit (und in so- 
fern läugnen wir sie nicht), aber keineswegs als eine in furcht- 
barem Maase eingetretene Thatsache. Wenigstens nicht in Deutsch- 
land, dem Hauptvaterlande der Universitäten. — 



(f)*r Sc hlufs folgt.) 



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\°. 18. HEIDELBERGER 1840. 
JAHRBÜCHER DER LITERATUR 

i i = aase ii. , l =ggg= ■ ■ 

Schriften über das hofiere Unterrichtswesen tmd die 

Universitäten Betgiens. 

(Betchtufi.) 

Sodann ist, glauben wir, die angebliche persönliche Abhän- 
gigkeit der Professoren (ebenfalls wieder von Deutschland ge- 
sprochen) keineswegs in dem behaupteten Grade vorhanden, am 
wenigsten aber, in sofern sie mit einer Einwirkung der Regierun- 
gen auf die Wissenschaft in Verbindung gebracht wird. Aller- 
dings haben in verschiedenen deutschen Ländern in den letzten 
zehn Jahren Entfernungen von Professoren aus ihren Lehrstühlen 
stattgefunden. Allein es ist bekannt, dass diess nirgends we- 
gen ihrer Vorträge und ihrer wissenschaftlichen Richtung, sondern 
i wegen politischen Verhaltens, das mit der Universität in keinem 
Zusammenhange stand, geschab. Wir untersuchen jetzt nicht Schuld 
oder Unschuld; nicht die rechtliche und politische Natur der getrof- 
fenen Maasregel, sondern wir verwahren uns nur gegen einen 
nicht bestehenden Causal-Zusammenhang und gegen die darauf 
gegründeten Schlüsse. 

Allein selbst wenn dem nicht so wäre, wenn überall ein grös- 
serer positiver oder negativer Einfluss unwissenschaftlicher tet 
vorhanden wäre und in steigendem Maase drohen würde; wenn also 
wirklich zu fürchten wäre, dass die Wahrheit der Bildung und 
die freie Weiterentwicklung des menschlichen Geistes Gefahr liefe; 
selbst dann würden wir das vorgeschlagene Mittel, nämlich die 
gänzliche Aufhebung der Staatsuniversitäten und ihre Ersetzung 
durch Privat- Anstalten, keineswegs unbedingt gut heissen kön- 
nen. Dieses Mittel scheint uns vielmehr schlimmer als selbst in 
der Regel das besprochene Uebel seyn würde, und namentlich des- 
halb, weil gerade dieses Uebel dadurch noch stärker und unver- 
meidlicher, wenn schon von einer andern Seite her, eintreten wird. 

Wir wollen unsere Einwendungen unter folgende Gesichts- 
punkte zusammenfassen, nämlich den Mangel an pecuniären Mit- 
teln; die Schwierigkeit der Ernennung tüchtiger Lehrer; die fal- 
sche Stellung der Universitäten zu einander, ihre unnöthige Ver- 
XXXIII. Jabrg. t. Htft. 18 



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'214 Schriften über das höhere L'nterrichUweun 

vielfältigung, die Unmöglichkeit einer ausreichenden Disciplin, end- 
lich die Verfälschung der Wissenschaft durch Partheistellung der 
Universitäten. 

Welcher grossen materiellen Mittel eine Hochschule bei 
dem jetzigen Stande der Naturwissenschaften, der alle Ufer über- 
iluthcnden Masse der Rücher aus «Heu W r eltthcilen und den mit 
dem allgemeinen Wohlstande und Wohlleben immer steigenden 
Forderungen für die Gehalte so vieler Lehrer bedarf, ist kaum zu 
erwähnen nothwendig. Natürlich kann und soll nicht jede Uni- 
versität hinsichtlich ihrer physikalischen, astronomischen, zoologi- 
schen, mineralogischen, anatomischen Kabinete, ihrer chemischen 
Laboratorien, ihrer botanischen Gärten und ihrer Kliniken aller 
Art, ihrer Bibliotheken wetteifern mit den ähnlichen Anstalten in 
den Hauptstädten von Riesenreicben. Allein so viel muss ihr ge- 
geben seyn . dass nachhaltig ihre sämmtlichen Lehrer im Stande 
sind, auf dem Laufenden ihrer Wissenschaft zu bleiben. Dazu 
aber gehört wahrlich nicht wenig, und wir sprechen aus einer 
vieljahrigen und vielfachen Erfahrung, wenn wir beten jetzigen 
Stande der Dinge nur für die sogen. Institute jährlich 30 --40,000 fl. - 
verlangen. Auch ist einleuchtend, dass schon der Umfang und 
die Zahl der nöthigen Gebäude aller Art eben keine Kleinigkeit 
für den ist, der sie beschaffen soll. Wir sind uns bewusst, hier- 
bei das Material nicht über Gebühr gegenüber von seiner Nütz- 
lichraachung und vom Talente in Anschlag zu bringen. W as hilft 
einem Professor aller Geist und Eifer, wenn er nicht in Erfah- 
rung bringen kann, was von Andern in seinem Fache geschehen 
ist und geschieht? Fällt es nun schon den meisten Regierungen 
schwer, solche grosse Ausgaben neben den Gehalten und sonstigem 
allgemeinen Aufwände für die Universität zu machen, wie viel 
grösser ist die Aufgabe für Privatkräfte! Auf laufende Unter- 
zeichnungen von Einzelnen ist natürlich nicht viel, und nament- 
lich für die Dauer nicht zu rechnen. Bezahlungen von den Schü- 
lern aber können einer Seits nicht beträchtlich seyn, damit die 
Wissenschaft nicht zum Monopol der Reichen werde ; anderer Seits 
sind sie in sittlicher und disziplinarischer Beziehung ein Flueh 
für jede Anstalt, deren Existenz von diesem Hülfsmittel abhängt. 
Wenn schon jetzt das Honorarien- Wesen auf unsern Hochschulen 
(neben manchem Guten) die Quelle vielfacher Missstände ist; wie 
muss sich ein solcher unerfreulicher Zustand steigern, wenn von 
der Frequenz der Schüler das Daseyn der Anstalt unmittelbar und 
bleibend abhängt. Offenbar kann nur förmliche Fundirnng eine 



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tiod die Universitäten Belgien« 



Privat-Anstalt sicher stellen. Wullen wir es nun auch nicht ge- 
rade für unmöglich erklären, das» im Laufe der Jahrhunderte die 
nötbigen Dotationsummen sich ailraählig ansammeln (wir geste- 
hen übrigens, unseres Theiles keinen Fall dieser Art ko kennen, 
indem in der Hauptsache die Kirche das grosse Privatvermögen 
gewisser Universitäten verschaffte), so ist diess jeden Falles ein 
schlechter Trost für die jetzigen unbefriedigten Bedürfnisse. Wir 
berufen uns auf die Erfahrung. Leiden nicht die sämmtlichen 
amerikanischen Universitäten (sit venia verbo), die Londoner Uni- 
versität, die freie Universität in Brüssel selbst am Mangel an ma- 
teriellen Mitteln? Und namentlich die beiden letzten Fälle zeigen, 
dass selbst auf die Beihüife grosser und reicher Hauptstädte und 
auf günstige politische Partheien nur massig zu rechnen ist, was 
in Beziehung auf erstere nicht einmal einem Tadel unterworfen 
werden zu können scheint, indem es schwerlich in den Zwecken 
einer einzelnen Gemeinde ist, die Kräfte ihrer Bürger zu Errei- 
chung eines allgemeinen Civilisations-Zweckes für das ganze Land 
in so bedeutendem Grade in Anspruch zu ifehmen. Davon nicht 
zu reden, dass selbst in den Fällen, in welchen von solchen Städ- 
ten gewisse Anstalten auch zur Benutzung Universitätszwecken 
theilweise überlassen werden, der Störungen und Unannehmlich- 
keiten für letztere kein Ende ist, eben weil der Gebrauch nur 
ein gelegentlicher und fremdartiger ist. Sieht man vielleicht auch 
in den ersten Anfängen zur Noth über diese Uebelstände weg, 
und erträgt der jungfräuliche enthusiastische Eifer der ersten Grün- 
der manches Unvollkommene und Widrige im frohen Gefühle, nur 
so viel erreicht zu haben : so dauert natürlich eine solche Resig- 
nation nicht für alle Zeit und ist nicht das Erbe der Nachfolger. 
Somit bleibt am Ende nur die Kirche, welche im Stande ist, die 
Mittel herbeizuschaffen, und selbst diese nur, wenn sie reich und 
gut disciplinirt ist. Ob aber durch eine kirchliche Fundation der 
Zweck der ganzen Losreissung vom Staate und seinen Mitteln, 
nämlich die vollständige Unabhängigkeit der Wissenschaft erreicht 
werden kann ; davon weiter zu reden, wird weiter unten Gelegen- 
heit sich ergeben. 

Dass die Schwierigkeit der Auffindung tüchtiger 
Lehrer zunächst mit der Unsicherheit und Geringfügigkeit der 
pecuniären Mittel zusammenhängt, bedarf keiner Auseinandersetz- 
ung. Wir haben oben schon erwähnt, was auf Liebhaberei und 
Parthei- Enthusiasmus bei Bekleidung mühseliger Aemter, und auf 
fortdauernde Opfer bei denselben zu halten ist. Sodann ist wohl 

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276 Schriften über <lM höhere Unterricht* weien 

zu bedenken, dass eine nicht vollständig fnndirte Privatanstalt bei 
dem ersten Kanonenschusse gegen einen auswärtigen Feind, bei 
einer Drehung des politischen Windes im Lande, bei einer Stock- 
ung in den Gewerben plötzlieh ein Ende nehmen kann. Wird 
nun nicht mancher vorsichtige Mann sich scheuen, eine andere 
selbstständigere und sicherere Bestimmung zu verlassen, und sein 
und der Seinigen Loos auf solches Spiel zu setzen? Gegen diese 
Erwägung hilft nicht einmal die jetzige Verwilligung bedeutender 
Vortheile. Die ITebernahme von Besoldung«- und Pensionsrechten 
als Privatschuld auf die Güter reicher Gönner der Anstalt möchte 
wahrlich selten zu erreichen seyn; fiberdiess wäre, unserm indivi- 
duellen Gefühle nach, die wirkliche Realisirung des Rechtes am 
Ende kaum mit der Stellung und den Gefühlen eines Ehrenman- 
nes vereinbar. Vor der Besorgung der Lehrfächer durch Prak- 
tiker, welche nur einen Nebentheil ihrer Zeit auf die notdürftig- 
sten Studien wenden können, haben wir aber, wie bereits bemerkt, 
eine entschiedene Abneigung. Wir erkennen gerne Ausnahmen 
an; namentlich nöth'igt uns die Brüssler Universität zu diesem 
Zugeständnisse. Allein in der Regel und für die Dauer taugt 
sicher diese Einrichtung nichts. Wir berufen uns anf die Erfah- 
rung so vieler Universitäten, und wir glauben das gegenwärtige 
Siechthura einiger deutscher Anstalten dieser Verbindung von prak- 
tischen Arbeiten und akademischen Vorträgen hauptsächlich zu- 
schreiben zu sollen. — Allein an allem diesem nicht einmal ge- 
nug, so bedeutend es wahrlich auch schon ist. Privat-Universitä- 
ten haben der Natur der Sache nach noch einige andere Schwie- 
rigkeiten, ihre Lehrstellen mit den tüchtigsten Kandidaten zu be- 
setzen. Vorerst fallt hier in die Augen, dass sie Lehrer, welehe 
diese Beschäftigung nicht weiter fortsetzen wollen , oder bei de- 
nen die Fortsetzung im Interesse der Anstalt nicht wünscbens- 
werth ist, nicht leicht auf eine passende Weise entfernen können. 
Dieser Umstand aber hindert bei der Gewinnung manches tüchti- 
gen Mannes, und er macht die Wiederentfernung Untüchtiger 
schwer. In ersterer Beziehung verhält sich die Sache folgender- 
maasen: Es gibt Gelehrte, welche für den Katheder von der Na- 
tur bestimmt sind, oder wenigstens sich dafür bestimmt glauben. 
Andere fesselt Gewohnheit oder die Sehen, in vorgerückterem Al- 
ter etwas Neues zu beginnen. Dann und wann ist auch einer nicht 
reich genug, um die einträgliche Stelle mit einer kärglicher be- 
lohnten zu vertauschen. Diese bleiben nun allerdings den Uni- 
versitäten bis an ihr Lebensende; häufig sogar länger, als wün- 



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und dio Universitäten Uelgicnt. 



schenswerth ist. Allein viele Professoren, und es sind keineswegs 
immer die schlechtesten, verlieren in ihren besten Jahren die Lust 
am theoretischen Studium und am Mosen reden von dem, was sie 
wissen und glauben thun zu können. Sie suchen sich also eine 
thätige {Stellung. Ist die Universität eine Staatsanstalt, so hat ein 
ebrenwerther Uebergang weit weniger Anstand; es wird wenig- 
stens der Anfang untenan erspart. Ist es nöthig, erst zu zeigen, 
dass die Privatuniversitäten hier sehr im Nachtheile sind, und man- 
chen tüchtigen jungen Mann gar nicht erwerben können, weil sein 
Aufenthalt bei ihnen ihn im Falle eines Aenderungswunsches nicht 
förderte, vielmehr in der Zeit zurückstellte. Die Einwendung, wel- 
che etwa von dem entgegengesetzten Beispiele der Löwener Uni- 
versität genommen werden wollte, wäre sehr wenig schlagend, 
denn nicht als Privatanstalt , sondern in sofern sie mächtige Un- 
terstützung bei der Regierung hat, ist sie allerdings in einer bes- 
sern Stellung. Das Beispiel beweist mehr für als gegen unsern 
Satz, Handelt es sich aber von der Wiederentfernung unbrauch- 
bar erfundner oder gewordener Lehrer, somit einer sehr wichtigen 
und nothwendigen Maasregel , so ist einer Seits einfache Entlas- 
sung hart, anderer Seits die Gewährung eines Ruhegehalts unmög- 
lich ; somit wird in der Regel das Beibehalten des vielleicht höchst 
schädlichen Mannes das Ende seyn. Dass Staatsuniversitäten hier 
in besserer Lage sind, ist einleuchtend. — Sodann und haupt- 
sächlich aber ist zu bemerken, dass eine Privatuntversität nur in 
dem Kreise der Meinung oder Parthei, aus welcher sie selbst her- 
vorgeht und von der sie unterhalten wird, ihre Lehrer suchen kann. 
Diess machen die Verhältnisse zu den Unterzeichnern und die in- 
nere Uebereinstimmung des Lehrer- Personales, welche. bei dem 
Mangel einer äussern zusammenbindenden Gewalt doppelt unent- 
behrlich ist, nothwendig. Wie stünde es aber um unsere berühm- 
testen Universitäten, wenn man bei dieser die Katholiken, bei je- 
ner die Protestanten, bei einer dritten die Juden, da die Liberalen, 
dort die Conservativen entfernen wollte? Kann damit der Wis- 
senschaft gedient seyn, wenn bei dem Professor der Pandecten 
vor Allem gefragt wird, ob er in die Messe geht, beim Professor 
der Anatomie, ob er auf die Zeitungen der Widersuruchs-Parthei 
abonnirt ist, bei dem Lehrer der Mathematik oder Physik, ob sie 
gewissen verhassten Umgang haben oder nicht haben? Und, man 
sage nicht, dass man bei berühmten Männern über solche Rück- 
sichten sich werde wegzusetzen wissen. Höchstens wird man 



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219 Schriften über 'diu höhere Unterrichtsweeen / 

Gleichgültige zulassen; Anhänger entgegenstehender Ansichten 
und Interessen aber niemals 

Dass freie Concurrenz nicht nnr auf dem Felde der ma- 
teriellen Industrie, sondern auch im Reiche des Geistes und des 
Wissens ein mächtiges Mittel zur Förderung vieles Schönen und 
Guten ist, wird Niemand in Abrede ziehen wollen. Da«s Mitwer- 
bung namentlich auch die Hochschulen wach erhalt und sie durch 
gegenseitige Aufstachlung zur höchstmöglichen Leistung , somit 
zur höchstmöglichen Nützlichkeit emportreibt, beweist das Beispiel 
unserer deutschen Universitäten in doppelter Beziehung. Einmal 
nöthigt die Concurrenz unter den Lehrern jeden Einzelnen zur 
Anstrengung aller seiner Kräfte; zweitens die Concurrenz der 
verschiedenen Universitäten sie selbst und ihre Regierungen zur 
Ergreifung der förderndem Maasregeln. Wir sind somit sicher- 
lich Freunde der Concurrenz in wissenschaftlichen und namentlich 
akademischen Dingen. Allein dieselbe muss eine friedliche seyn 
und keine Feindschaft. Nur solche Kräfte, welche nach Einem 
Ziele gerichtet sind, und durch gegenseitige Eifersucht gespornt 
werden, können in diesem Wettlaufe gewinnen; ein directer Wi- 
derstreit unter ihnen hemmt dagegen und verwendet Zeit und Mit- 
tel auf den Kampf, anstatt auf die Erreichung des Zieles. Davon 
nicht zu reden, dass die Leidenschaften eines feindlichen Kampfes 
nur allzu leicht die Achtung der Zuschauer, namentlich der Schü- 
ler, zuerst gegen die Personen, dann gegen die Wissenschaft 
selbt schmälern. Nun aber ist wohl keinem Zweifel unterworfen, 
dass Hochschulen, welche von verschiedenen Partheien und Inter- 
essen gegründet sind, vielleicht gerade als wichtiges Mittel zum 
endlichen* Siege . nicht sowohl in woblthätige Mitwerbung, als in 
erbitterten Streit gerathen werden. So wenig aber die ecclesia 
militans zum Heile der Welt und zur Gottseligkeit geholfen hat, 
so wenig erwarten wir Seegen von den Bemühungen einer aca- 
demia militans. Und wir glauben nicht, dass wir uns hinsichtlich 
der ^tatsächlichen Annahme irren. 

Als erste Besorgnis*, welche der Gedanke, die Staats fürsorge 
für den höhern Unterricht aufzuheben, aufsteigen macht, pflegt 
■ich die Furcht auszusprechen, es möchte alsdann ganz an Hoch- 
schulen fehlen. Wir sind auch weit entfernt, eine solche Mög- 
lichkeit zu läugnen, deren grosse Uebel vor Augen lägen. Allein 
die Erfahrung zeigt (früher schon in den Vereinigten Staaten, 
jetzt auch in Belgien), dass auch der entgegengesetzte Fehler, 
nämlich eine unnötbige Vermehrung der Zahl möglich ist. 



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und die Universitäten Hellen». IVl 

Es ist diess nicht blos Zufall, du die verschiedenen kirchlichen 
und staatlichen Partheiangen , örtliche und provinzielle Eitelkeit 
oder gar Geldspeoulation, unüberlegte Liebhaberei, und noch man- 
che andere Gründe die Stiftung von Universitäten über jedes wirk- 
liche Bedürfniss hinaus veranlassen können. Nun ist aber offen- 
bar eine solche Superfötation nicht blos aus dem Gesichtspunkte 
der Volkswirtschaft als eine Luxus-Ausgabe zu tadeln; sondern 
sie bat noch den bedeutenderen Nnththeil, dass die vorhandenen 
intellektuellen Kräfte zersplittert werden. Anstatt einen Verein 
von lauter ausgezeichneten Männern, deren Zusammenwirken die 
Bildung mächtig befördern rnusst« zu bilden, werden die Notabi- 
litäten an vielen verschiedenen Orten vereinzelt und umgeben von 
Mittelmässigkeiten stehen. Diess aber ist ungefähr der unpassend- 
ste* Zustand für den Unterricht. Oder ist etwa Jemand wirklich 
und ernstlich der Ansicht, dass nicht weit besser für Belgien ge- 
sorgt wäre, wenn die sämmtlichen ausgezeichneten Lehrer seiner 
vier Universitäten zu Einem Brennpunkte des wissenschaftlichen 
Lebens vereinigt wären? Wir wenigstens glauben nicht, dass 
eine Meinungsverschiedenheit hierüber besteht; nur die Ansicht, 
in welchem Geiste diese einzige Hochschule zu bilden und zu lei- 
ten wäre, möchte eine verschiedene seyn, Jeder aber sich zume- 
den erklären, wenn gerade sein Wunsch ausgeführt wäre. 

Das Universitäts-Leben blos nus dem Gesichtspunkte des Un- 
terrichtes zu betrachten , wäre sicher sehr ungenügend und ein- 
seitig. Es ist auch die Zeil der Ausbildung des Charakters und 
der Lebensgewohnheiten. Um dieses aber mit Nutzen zu können, 
ist einer Seils für die juugen Leute ein gehöriger Spielraum für 
Kraft und Eigentümlichkeit, auf der andern Seite eine erziehende 
Gewalt nötbig, welche Abwege verhindert. Auch ist eine Auf- 
rechthaltuug der Ehrenhaftigkeit aller einzelnen Genossen zur 
Vermeidung eiues verderbenden und zur Aufstellung eines heben- 
den Beispieles wünschenswert. Daher denn eine eigene Di sci- 
pliuar-Gewalt auf allen mit einer althergebrachten Auctorität 
versehenen Hochschulen. Ihre Beibehaltung ist schwerlich nicht 
durch Freude an uubürgerlichen Vorzugsrechten und an veralte- 
tem Formenkram begründet, sondern durch die Natur der Sache. 
Offenbar kann aber von einer solchen Gewalt bei Privatanstalten 
nicht die Rede seyn. Dieselben haben keine amtliche Gewalt über 
ihre Zöglinge, können sie weder den gewöhnlichen Behörden ent- 
ziehen, noch weiter als solche gehen. Ihnen bleibt nichts als Miss- 
büligung und Ausschluss von der Anstalt. Jene genügt nicht, diese 



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280 Schrillen über daa höhere UnterrichUweien 

ist leicht zu viel and wird überdiess nicht gerne angewendet, na- 
mentlich wo auf die Zahl oder auf das Geld der Zuhörer Gewicht 
gelegt werden mus*. der eignen Existenz oder der fremden Mit- 
werbung wegen. Man wird vielleicht auch hier auf Löwen hin- 
weisen, dem es an Disciplin keineswegs fehje. Wir bemerken aber, 
dass diese Disciplin einer Seite in strenger Hausordnung besteht, 
solche Pädagogien aber am wenigsten Privat-Universitäten über- 
all zu Gebote stehen werden * anderer Seits aber kirchlicher Natur 
ist, somit nur da denkbar, wo die Geistlichkeit das Ganze aus- 
schliesslich in der Hand hat. Ueberdiess gestehen wir offen, dass 
uns mönchische Zucht, Unterstützung der fehlenden gesetzlichen 
Gewalt durch den Beichtstuhl und durch ein organisches Spähesy- 
stem lediglich nicht behagen will zur Ausbildung des Characjers 
und der Lebensansichten junger Männer. Durch Klosterzucht beugt 
man nur, bildet aber nicht 

Noch wichtiger aber als alles Bisherige erscheint uns, dass 
durch die Errichtung von Privat-Universitäten der einzige Zweck, 
welcher bei der Losreissung der höheren Unterrichts-Anstalten von 
der Leitung und dem Einflüsse des Staates ausgesprochenermaasen 
egjjelt werden will, nämlich die Befreiung der Wissenschaft von 
aller Verfälschung der Wahrheit und aller künstlichen Unterdrü- 
ckung ihres Wachsthumes, so wenig erreicht werden muss, dass 
vielmehr gerade im Gegentheile das Uebel nur noch bedeutender 
werden kann, Was fürchtet man ? Bevormundung von Seiten des 
Staates in seinem, wenigstens anscheinenden und engherzigen, 
Vortheile. Wird dieses nun aber, ja soll es nur anders seyn bei 
den sogenannten freien Schulen, wie sie von entschiedenen Par- 
theien oder von einer zur Herrschaft entschlossenen Kirche gestif- 
tet werden können? Wir sagen wahrlich nicht, dass es wissent- 
lich falscher Aushängeschild sey x wenn bei solcher Stiftung von 
der Förderung der ganzen und ungetrübten Wahrheit die Rede 
ist; wir glauben gerne und fest, dass es den Stiftern und Beför- 
derern völliger Ernst bei dieser Absicht seyn kann. Allein wird 
dieses immer der Fall seyn? Und wird ausserdem selbst im be- 
sten Falle diese Wahrheit etwas anderes seyn, als das, was die 
stiftende Parthei als wahr, für ihre Zwecke förderlich ansieht? 
Es ist sicher nicht entfernt daran zu denken, dass es ohne An- 
fechtung bliebe und auf die Dauer geduldet würde, wenn feindli- 
che Lebren entwickelt werden wollten. Dazu natürlich hat man 
die vielen Opfer nicht gebracht und die Mühe autgewendet. Neh- 
men wir ein Beispiel. Glaubt selbst der entsebiedendste Anhänger 



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and die Universitäten Belgien«. 381 

des Systems der Privat-Universitäten, es könne und dürfe auf der 
Brüsseler Universität philosophisches Staatsrecht im Geinte H al- 
lerg , Geschichte und Politik nach den Ansichten F. Schlegels, 
Nntional-Oeconomie im Systeme Villenenve - Bargemont's gelehrt 
werden? Und was in Löwen gelehrt werden soll, nnd was nicht 
gelehrt werden darf, ist ohnedem keinem Zweifel unterworfen. 
Beschränkung auf Eine Richtung, abschliessende Anerkennung 
eines bestimmten Wahrheits- Maasstabes ist laut ausgesprochener 
Zweck der ganzen Anstalt. Nun geht aber keine Regierung wei- 
ter; vielleicht ist keine je so weit gegangen. Wenn somit nicht 
der Satz aufgestellt werden will, dass immer da Wahrheit und 
ächte Bildung ist, wo immer politische oder kirchliche Partheien 
hinstreben, nie aber da, was einer Regierung passend oder wenig- 
stens von ihr geduldet seyn kann ; so kann auch von einer Siche- 
rung der Wissenschaft durch Pflege von den Partheien und Tren- 
nung von der Regierung nicht die Rede seyn. Im Gegentheile 
muss man der Ansicht seyn, dass die nothwendige grössere Ein- 
seitigkeit und Lebenskraft der Partheien einen stärkeren Einfluss 
auf die von ihnen gelehrten Wissenschaften ausüben wird, als 
diess im Interesse und in der Natur einer constitnirten und mittelst 
Routine und Kanzleien wirkenden Regierung liegt. Wir unseres 
Theiles können somit Privat-Universitäten zwar recht wohl als ein 
mächtiges Part hei mittel und eine äussere Notwendigkeit unter ge- 
gebenen Umständeu begreifen, niemals aber als eine nothwendige 
Garantie freier, zweckunbewusster wissenschaftlicher Forschungen 
anerkennen. Und dann verliere man ja die Kirche nicht aus dem 
Auge. Dass £irchen, namentlich fest organisirte, mit positivem 
Dogma ausgerüstete und das Gewissen und den Glauben ihrer An- 
bänger strengbeherrschende Kirchen, vorzugsweise geeignet sind 
zur Stiftung und zur Unterhaltung von Privatuniversitäten, diese 
Wahrheit hat sich wiederholt aufgedrungen. Nun aber fragen wir 
jeden Unbefangenen, ob es im Interesse der wissenschaftlichen 
Wahrheit, der allseitigen, freien Bildung geschieht, wenn die Hoch- 
schulen hauptsächlich, wo nicht gar ausschliesslich, unter Prie- 
sterherrsebaft gestellt, für Zweeke dieser Herrschaft benutzt wer- 
den? Die ganze Geschichte der menschlichen Bildung, die Ge- 
schichte jener Hochschulen alle, welche einen vorherrschenden 
kirchlichen Character hatten und noch haben, ist da, um diese Fra- 
ge aufs entschiedenste zu verneinen. Glauben und herrschen, 
herrschen durch Glauben und überzeugen durch Verstandesbil- 
dung ist unvereinbar. Selbst wenn die Bedrohung der wissen- 



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282 Schriften über da« höhere L'nterrichUweeen 

i 

schaff Ii eben Unabhängigkeit durch den Staat weit gefährlicher und 
sicherer wäre, als sie es unserer Ueberzeugung nach ist. würdeu 
wir doch diese Beengung unendlich der von der Kirche notwen- 
dig ausgehenden vorziehen. Allerdings ist eine solche Unterord- 
nung der Wissensehart unter die Kirche sicher nicht die Absiebt 
aller Anhänger ihrer Kmancipation vom Staate; wie' kann aber 
diese Absicht hoch in Anschlag kommen , wo das Ergebniss so 
unzweifelhaft ist V — Allein, wird vielleicht eingewendet werden, 
selbst dieses Alles zugegeben, so ist doch einleuchtend, dass wenn die 
in irgend einem Sinne gestifteten Korporationen einmal selbstständig 
geworden sind, sie später jede ihnen beliebige Richtung völlig un- 
gehindert verfolgen könnnen, und dass also, wenn auch nicht für 
den Aufang, doch für die Folgezeit, eine vollkommen freie und 
absolute Bildung der Wissenschaft entstehen wird. Wir läugnen 
die Möglichkeit einer solchen allmähligen völligen Selbststän- 
digkeit und Unabhängigkeit einer Universitäts-Korporation nicht. 
Allein theils wird wohl überhaupt jeden Falles eine solche Dota- 
tion erst nach langen Generationen sich ansammeln können, uud 
somit die gute Folge ebenfalls ins Unendliche hinausgeschoben 
werden ; theils aber und hauptsächlich ist es wenig wahrscheinlich, 
dass der gründende Verein sich des Einflusses zu begeben sehr 
Willens ist. Im Gcgentheile wird er, je länger die Anstalt dau- 
ert, desto mehr mit ihr verwachsen und sie in seinen Organismus 
aufnehmen. Diess wird vor Allem bei den von Kirchen gestifte- 
ten Hochschulen wohl von Niemand bezweifelt werden wollen, auch 
ist die Geschichte mit unzähligen Beispielen zum Belege da; al- 
lein auch bei politischen Partheien liegt es, wie uns scheint, ganz 
in der Natur der Dinge. Was aber das Schlimmste ist, so ist 
selbst in dem unwahrscheinlichen Falle eiuer solchen selbstständi- 
gen Isolirung für die Wissenschaft wenig zu hoffen. Denn von 
einer solchen reichen, jedem äusseren Einflüsse und Anstosse ent- 
zogenen Korporation ist weit weniger ein rasches, selbststäudiges 
Fortschreiten auf allen wissenschaftlichen Bahnen, als ein faules 
Verdumpfen und Müssiggehen zu erwarten. Ohne Selbstergän 
zung des Lehrer - Toi legi ii ms kann uatürlich von einer völligen 
Unabhängigkeit nicht die Rede seyn ; dass aber diese jede Anstalt, 
welcher Art sie sey. zu Grunde richte (höchstens den Fall gros- 
ser und gefährlicher Drängung von äussern Gegnern abgerechnet, 
als während welcher Zeit die kleinlichen Rücksichten schweigen 
können), ist einer der unbezweifeltstcn Sätze der ganzen Stanis- 
weisheit. 



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und die Universitäten Belgien«. t83 

Mögren wir daher den Grundsatz der PHvat-lni verspäten von 
einer Seite betrachten, von welcher wir wollen, wir können schon 
im Allgemeinen unsere Zweifel gegen seine Haltbarkeit nicht un- 
terdrücken; nnd wir glauben namentlich, dass für Deutschland, 
so lange das Wesen einer Universitätseinrichtnug besteht, nämlich 
Lehr- und Lernfreiheit ; so. lange ferner das Nebeneinanderbeste- 
hen verschiedener Staaten auch von einander ganz unabhängige, 
und nicht alle zu gleicher Zeit von demselben falschen Einflüsse 
geleitete Universitäten zur Folge hat, die grössere Wahr- 
scheinlichkeit eines guten Krfolgs für die Errichtung und Erhal- 
tung der Hochschulen dnreh den Staat spricht. Dir Wirklichkeit 
einer Gefahr und die Möglichkeit eines Lehels, hervorgehend ans 
politischer Besorgniss der Regierungen, läugnen wir zwar nicht. 
Allein wir sind der Ueberzeugung, dass der Nachtheil, da wo er 
je eintritt, in ganz erträglichen Schranken gehalten werden kann. 
Dafür bürgt uns die allgemeine Bildung der .Nation, welche eine 
Biegung oder Zurückdrängung der wissenschaftlichen Wahrheit 
mit so allgemeiner Entrüstung, solchem unerlöschlicheu Spotte 
aufnehmen würde, dass % eher das Gegentheü des Beabsichtigten er- 
folgen müsste. Es bürgt uus dafür die Vielheit unserer Staaten, 
welche immer irgendwo der bedrückten Wissenschaft ein Asyl, 
und mit diesem natürlich den Sieg, gewähren muss. * Es bürgt uns 
dafür der, wenn auch langsam, doch sicher sich in allen consti- 
tutionellen deutschen Landen ausbildende Sinn für staatsbürgerli- 
ches Recht, welcher plumpe Angriffe, wenn sie je "gewagt werden 
wollten, sicher zurückweisen würde und in den freieren Institutio- 
nen dieser Staaten das wirksame Mittel dazu hatte. Endlieh, wenn 
schon nicht zuletzt, bürgt uns dafür das den deutschen Professo- 
ren eingeräumte weit gehende Recht anf ihr Amt, welches sie un- 
abhängig erhält, namentlich zusammengenommen mit der Art ih- 
rer Belohnung durch Honorare und mit dem Zustande des deut- 
schen Buchhandels. — Damit ist denn freilich keineswegs gesagt, 
dass wir für Belgien und unter den gegebenen Umstän- 
den die Errichtung der beiden freien Universitäten neben den 
Staatsanstalten nicht vollkommen begreifen und sogar nothweudig 
finden. Es ist ferner nicht damit gesagt, dass wir nicht auch für 
andere Länder, welche etwa in ähnliche Zustände kommen möch- 
ten, nicht auch dasselbe Mittel für räthlich fänden. Nur sind wir 
der Ansicht, dass solche Staatsverhältnisse keifte normalen und 
bleibenden sind, und dass also die für bestimmte Uebel berechne- 
ten Heilmittel kein allgemeines Diäteticum für völlig gesunde, oder 



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284 Gentz: Schriften voo Schleaier. 

■ 

auch fflr anderweitig kranke, gesellschaftliche Constellationen 
abgeben können und dürfen. Wir glauben also, dass die ehren- 
wertben Männer in Belgien, welchen die unausweichliche Noth- 
wendigkeit ihres Systems der Privat-Universitäten durch tagliche 
Erfahrung vor Augen gerückt wird, den so leicht möglichen Irr- 
thum begehen, dieselbe Notwendigkeit, auch als in andern Zustän- 
den vorhanden anzunehmen und daher ein nur ihren Verhältnissen 
angemessenes Mittel ohne weiteres Jedem als unerlässlich zu em- 
pfehlen. Wir können uns nicht anders überzeugen, als dass sie 
in der ersten Freude über ein gelungenes, schwieriges und neues 
Werk, Viele auch in dem Bewusstseyn reiner Absicht, wesentliche 
und bedeutende Nachtheile desselben jetzt noch übersehen. — Mit 
dieser unserer Ansicht aber ist eine volle Anerkenntniss der Ein- 
sicht, der Thatkraft und der Aufopferung, welche von verschiede- 
nen Seiten in der Sache bewiesen wurden und noch bewiesen wer- 
den, ferner das unumwundene Zugeständniss von bedeutenden Lei- 
stungen, welche die Wissenschaft den frischen Kräften und der 
Begeisterung ausgezeichneter junger Männer schon jetzt verdankt 
und noch weiter verdanken wird, nichts weniger als unvereinbar. 
Es ist uns vielmehr dringende Pflicht, dieselbe auszusprechen. 

Ii. Moni. 



Schriften von Friedrich von Gent*. Ein Denkmal. Von Gustav Schle- 
sier. Dritter Theil. — Auch mit dem Titel: kleinere Schriften von 
Fr. v. G. Herausg. von G. Sc hie • i er. Zweiter Theil. — Mannheim. 
Verlag von Heinr. Hoff, 1839. ZliCt S. und: Schreiben de» Ritters /Vo- 
kesch von Osten an den Herausgeber und Vorrede XXIX. S. 

Die Schriften Friedriche von Gentz, welche dieser Band ent- 
hält, beziehen sich auf Begebenheiten und literärische Erscheinun- 
gen, welche, zu ihrer Zeit von einem allgemeinen europäischen 
Interesse, in die Jahre 1813—1824 fallen, einige (XIX — XXI.) 
auch auf die besonderen Angelegenheiten des österreichischen 
Kaiserstaates. Jene betreffen z. B. den Wiener und den Achner 
Kongrcss, die Karlsbader Beschlüsse, die Schriften von B. Con- 
stant du triomphe inevitable et prochain des prineipes constitution- 
nels en Prasse; diese das österreichische Papiergeld und die 
Wiener Bank. Wenn auch alle diese Schriften — mit Ausnahme 
der unter Ziffer XXI. „über das Wesen und die Behandlung des 
Papiergeldes im allgemeinen und des österreichischen insbeson- 



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Gentz: Schriften von Schleper. 



dere" — bereits in Druck erschienen waren, so waren sie doch 
in so vielen und so verschiedenen Zeitschriften etc. abgedruckt, 
dass die Sammlung den Frcuuden der politischen Ansichten des 
Verfassers, so wie den aufmerksamen Beobachtern der Ereignisse 
und Erscheinungen unserer Zeit nur willkommen seyn kann. 

Eine besonders interessante Zugabe (oder Einleitung) zu die- 
sem Bande des Werkes ist ein an den Herausgeber gerichteter 
Brief des Herrn von Prokesch, so wie die auf diesen Brief sich 
beziehende Vorrede des Herausgebers. Das Thema dieses Briefes 
ist der ziemlich scharf ausgesproehene Tadel, dass der Herausge- 
ber (zu Folge seiner im ersten Bande, besonders in der Einlei- 
tung gethanen Aeusserungen) in Gentz „weder den Schriftstel- 
ler, noch den Staatsmann, noch den Menschen hoch genug halte. 4 ' 
Der Hr. von Prokesch tritt in allen diesen Beziehungen als der. 
Vertheidiger oder (wie Andere vielleicht urtheilen werden) als 
der Lobredner seines verstorbenen Freundes auf. Die Vorrede 
enthält eine sehr gemässigte, wo nicht weiche, Antwort auf die- 
sen Tadel. *In so fern dieser Streit dem verstorbenen Gentz als 
Staats man nc gilt, offenbart sich in demselben fiberall die Ver- 
schiedenheit der politischen Ansichten oder Systeme, welche in 
dem heutigen Europa herrscht und fast in alle die Verfassung der 
europäischen Staaten und das Verhältnis* unter diesen Staaten 
betreffende Fragen eingreift. Da ist es nun allerdings interessant, 
wenn ein Mann, welcher auf dem Sohauplatze der politischen Welt 
eine mehr oder weniger bedeutende Rolle als Staatsmann gespielt 
hat, wenn also z. B. der Verfasser der in dem vorliegenden Werke 
gesammelten Schriften, schon von seinen Zeitgenossen aus zvwei 
einander entgegengesetzten Standpunkten öffentlich beurtheilt wird. 
Die, welche den Mann beurtheilen, bewahren nicht nur die Mei- 
nungen, welche die Mitwelt von ihnen hält, für die Nachwelt auf, 
sie nehmen zugleich an den Begebenheiten selbst, welche sich aus 
dem Streben eines solchen Mannes dereinst entwickeln können oder 
werden, einen gewissen Antheil. Allemal aber ist ihr Urtheil, von 
welchem Standpunkte sie auch ausgehn, seinem Wesen nach ein 
pArtheiisches und mithin nicht ein definitives Urtheil. Dieses zu 
fällen, ist lediglich und allein der Nachwelt aufbehalten. Denn 
über den Werth eines Staatsmannes entscheiden al- 
lein die Erfolge, welche seine Handlungsweise ge- 
habt hat. Ob aber ein Staatsmann das Mögliche oder das Un- 
mögliche erstrebt, ob er den besseren Theil gewählt habe, lässt 
sich, wenigstens wenn sein Leben in ein Zeitalter fiel, in welchem 



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Mühl: JUeberdtt» licpräaenUtivayalom 



zwei allgemein einander entgegengesetzte politische Systeme mit 
einander kämpften, lässt sich also, was die Staatsmänner unseres 
Zeitalters betrifft, nicht schon von der Mitwelt, sondern erst nach 
langen Jahren . ja vielleicht erst nach Jahrhunderten beurtheilen. 
Man nehme z. B. die Periode der römischen Geschichte, in wel- 
cher der 'Freistaat unterging, oder die, iu welcher das Christ en- 
tbnm den Sieg über das lleidenthum davon trug, — koouten wohl 
die Männer, welche in der eineu oder in der andern Periode einen 
entscheidenden Einfluss auf die Begebenheiten hatten, z. B. Julius 
Casar nnd Brutus, Konstantin der Grosse und Julian der Abtrün- 
nige, von ihren Zeitgenossen gehörig gewürdiget werden? hat über 
sie, als Staatsmänner, nicht das endliche Gelingen oder bezie- 
hungsweise das endliche Misslingen des Systemes , welchem sie 
huldigten, gerichtet? Keine Gabe ist dem wahren Staatsmanneso . 
unentbehrlich, als die der Divination. Die Worte des Dichters: 
Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni! enthalten die schwer- 
ste Anklage, die Bich gegen Cato, den Staatsmann, erheben lies». 
Jedoch die Mitwelt soll über öffentliche Charaktere urtheilen, 
also darf ihr L'rtheil partheiisch seyn. Wie man daher das Lr- - 
t heil, welches der Hr. von Pr. über den Hrn. von G. fällt, mit In- 
teresse lesen wird, so wird man auch den abweichenden. Ansich- 
ten des Herausgebers des vorliegenden Werkes die ihnen gebüh- 
rende Aufmerksamkeit nicht versagen, ja vielleicht wünschen, dasa 
der Gegensatz noch entschiedener hervorträte. 



Heber das Repräsentativ System. Von Ihr. Arnold Mo hl, ßezirksrichter 
in Frankenthal — Mit dem Motto: Les gouvornements sont des ga- 
• rauties; c'est ä ce seul titre, qu'ils doivent €tre estime. — Mannheim. 
Verlag von Fr. Götz, 1840 80 JH. 8. 

Der Verf. (schon durch eine Schrift über die Schwurgerichte 
rühmlichst bekannt,) bespricht in dieser Abhandlung fast alle die 
Lebensfragen, welche über das liepräsentativsystem , über seinen 
Werth, über die Art seiner Ausführung, aufgeworfen werden kön- 
nen. Die Schrift, (die wegen der Mannigfaltigkeit ihres Inhalte 
keinen genügenden Auszug gestattet.) zeiebnet sich durch Sach- 
kenntntss, durch die Ruhe und Besonnenheit, mit welcher die Un- 
tersuchung geführt ist, und durch die Klarheit des Vortrages in 
dem Grade aus, dass sie gewiss allen Freunden des Repräsenta- 
tivsy stemes ein sehr willkommenes Geschenk seyn wird. Zu ei- 
nem besondern Verdienste gereicht dem Verf. noch die Belesen- 



Gärtner. Leber die Behandlung de« deutachen Slaatercchtr» 381 



heit. die er, namentlich auch in den Schriften der Griechen und 
der Römer, überall beurkundet. Bin solches Kapital kann nur 
gute Zinsen tragen. 



Veber die wissenschaftliche Behandlung des deutschen Staatsrechtes, Zwei 
Abhandlungen nebst einem Systeme dc§ deutlichen Staatsrechtes. Von 
Dr. Gustav G ärtner . ordentl. Professor dir Rechte Bonn, bei A. 
Marens. 183». 105 Ä. und VI. S. Vorrede. 

Die beiden Abhandlungen haben dieHJeberscbrift, die erste: 
Der publieistische Sinn (den jedoch der Verf. den Deutschen S. 7. 
abzusprechen scheint), die zweite: Die staatsrechtliche Systema- 
tik. In Folge der (lesenswerthen) Betrachtungen, welche die letztere 
Abhandlung enthalt, erklärt sich der Verf. über den Inhalt der 
Wissenschaft, welcher die Schrift gewidmet ist, so: „Bestim- 
mung der Rechtsgestalt des deutschen Staatsverbnltnisses 
ergibt sich als die allgemeine Aufgabe, Betrachtung desselben 
aus einem dreifachen Gesichtspunkt als das Mittel zur Lösung 
der Aufgabe im Allgemeinen: Betrachtung nämlich aus dem ra- 
tionalen Gesichtspunkte zur Gewinnung des rationalen, Betrach- 
tung aus dem historischen Gesichtspunkt zur Gewinnung des hi- 
storischen Fundamentes; Betrachtung endlich aus dem juristisch- 
dogmatischen zur Hervorbildung der R e c h t s gestalt der Verbalt- 
nisse im Bezüge ihres Zustandes auf ihre Grundlage." 

Das in der Schrift dann folgende System gibt eine (wahr- 
scheinlich für die Zuhörer des Verf. bestimmte) Uebersicht / der 
Grundbegriffe des allgemeinen Staatsrechts so wie der einzelnen 
Lehren des deutschen Staatsrechts, mit Einschluss des deutschen 
Bundesrecbts. Diese Uebersicht ist als eine Inbaltsanzeige der 
verschiedenen Abtheilungen und der einzelnen Paragraphen eines 
Handbuchs des deutschen Staatsrechts gefasst. 



Vierzig Rücher vom Staate. Von K. S. Zach arid Bd /—///. Proar- 
beitung des früher von demselben Verfasser unter demselben Titel her- 
ausgegebenen IVerkes Heidclb. akad. Verlagshandlung von C. F. 
H inter. 1839. 8. 

Die drei ersten bis jetzt erschienenen Bände dieser Umarbei- 
tung der 40 Bücher vom Staate des Verfassers umfassen diejeni- 
gen Theile der Staatswissenschaft, von welchen in der ersten Auf- 
lage die (im Buchhandel bereits längere Zeit nicht mehr zu ha- 
bende) ersten zwei Räude hnndelten. 




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288 Zachariä : Viersig Bücher *om Staate. 

» 

Der erste Band, die „Vorschule der Staatswissenschaft", ent- 
halt die Grundlage dieser Wissenschaft, also z. B. die Lehren von 
den letzten Gründen des Rechts, von dem Rechtsgrunde der Staats- 
gewalt und der Machtvollkommenheit, von dem Zwecke des Staats, 
von dem Gegenstande der Staatswissenschaft 

Der zweite Band, „die politische Naturlehre", handelt von 
den Naturgesetzen, unter welchen die Staatenwelt steht, also z. B. 
von den allgemeinen Naturgesetzen in ihrer Beziehung auf die 
Staaten, von der Erdkunde, von der Klimatologie , von der physi- 
schen und psychischen Anthropologie, von der pragmatischen und 
natürlichen Geschichte der Staaten. 

Der dritte Band hat die ,', Verfassungslehre" zum Gegenstande. 
Er enthalt eine Klassifikation und Darstellung der verschiedenen 
möglichen Verfassungen, diese ihrer Natur und ihrem Rechte nach 
betrachtet. Mit* besonderer Ausführlichkeit hat der Verfasser die 
Verfassung der konstitutionellen Monarchie dargestellt. 

Der Verfasser hat in dieser neuen Ausgabe seines Werkes 
die Staatswissenschaft in demselben Geiste, wie in der früheren 
Ausgabe, bebandelt, d. i. überall auf die Geschichte und auf die 
positiven Rechte Rücksicht genommen. Sonst aber ist das vorlie- 
gende Werk nicht blos eine neue Auflage, sondern in der That 
und W r ahrheit eine gänzliche Umarbeitung des früher erschiene- 
nen Werkes. Das Werk ist von dem Verfasser ganz neu aus- 
gearbeitet worden, nicht ein Blatt, nicht eine Seite ist eine blosse. 
Wiederholung. (Für Einige wird es daher nicht ohne Interesse 
aeyn, die erste Ausgabe des Werkes mit dieser Umarbeitung zu 
vergleichen.) 

Der Verf. kann dem Publikum die Versicherung geben, dass 
auch die Fortsetzung dieser Umarbeitung (die Regierungslehre) dem- 
nächst erscheinen wird. Jedoch bilden die drei ersten Bände schon 
für sich ein Ganzes. — Auf das Interesse der Käufer hat die 
Verlagshandlung durch gehörige Ausstattung des Werkes und 
durch einen massigen Kaufpreis Bedacht genommen. 

Zachariä. 



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$; 19. HEIDELBERGER 1840* 

■ 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR 



Die Idee der Gottheit. Hin I ersuch , den Theismus speculativ au begrün- 
den und zu entwickeln. Von Dr. h . Phil. Fiecher, aüuerordentl, 
Prof. der Philoeophie an der Universität Tübingen. Stuttgart. 1839. 
Verlag von S. Q. Lietching- 

■ 

Die Krisis. in welcher die gegenwärtige Philosophie begrif- 
fen ist, fordert ganz besonders zur Lösung der Aufgabe auf, wel- 
cher der Verf. der vorliegenden Schrift sich hier zugewendet hat. 
Wie „unsere Grundsätze nur ein Supplement zu unserer Existenz 
sind", so war die Lehre von Gott recht eigentlich ein Supplement 
zo dem Charakter der neuern Philosophie. Der negative Charak- 
ter dieser hat sich nirgend so sehr offenbart, als in der Lehre von 
Gott. Sowohl der abstracte Theismus als Pantheismus stellen ei- 
nen Gottesbegriff auf, dem die Absolutheit fehlt, mithin diesen Be- 
» griff aufhebt. Denn die blosse Transcendenz ohne Immanenz oder 
die abstracte Ueberweltlichkeit oder vielmehr Ausserweltlichkeit, 
wie die einseitige Immanenz oder Innweltlichkeit Gottes heben den 
Begriff Gottes auf. Ist Gott als übe/weltliche Persönlichkeit nicht 
zugleich der Welt immanent, durchdringt er sie nicht auf wahr- 
haft lebendige persönliche Weiße, so hat Gott selbst an der Welt 
seine Schranken, und diese ist ausser ihm. Es fehlt Gott die Ab- 
solutheit. Der Begriff der Allwissenheit und Allgegenwart ist 
dann leer und bedeutungslos, nicht real. Ist Gott aber blos in- 
nerweltlich, so ist seine Substanz die blosse Weltsubstanz, mag 
man dieselbe übrigens real oder ideal, als Natur- und Geistes- 
substanz auffassen. Die neuere Philosophie hat uns nun alle mög- 
lichen Formen des Pantheismus zur Offenbarung gebracht, so dass 
wir uns in dieser Beziehung nicht mehr tauschen können. Auch 
hier hat sich Schelling's Ausspruch bestätigt: „es liegt tief in der 
Eigenthümlichkeit der Philosophie, dass die Wahrheit selbst nicht 
eher mit Hoffnung auf Erfolg hervortreten kann, als alle ihr vor- 
ausgehenden Möglichkeiten erschöpft, zur Sprache gebracht und 
beseitigt sind. u 

Das Bedflrfniss einer wahren Gotteserkenntniss ist durch die 
neueste pantheistische Richtung so wenig befriedigt worden, dass 
diese dasselbe erst recht hervorgerufen bat. Und dieses gilt nicht 
XXXIII. Jahrg. 2. Heft. 19 



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29U Fisher: Di. Idco der Gotibsit 

etwa bloss von denjenigen, welche ausserhalb oder als Gegner 
dieser Richtung aufgetreten sind, sondern selbst innerhalb jener 
Schule, welche diese Richtung bisher so energisch vertreten bat, 
zeigt sich dieses Bedürfniss auf eine entschiedene Weise. Es ist 
bekannt, dass Manner, wie der jüngere Fichte und Weisse, von 
denen sich der erste wenigstens durch die Hegersche Philosophie 
gebildet hat, letzterer aber einer ihrer geistvollsten Anhänger we- 
nigstens eine Zeitlang war, schon früher, als man die Principien 
dieser Philosophie in Bezug auf den Begriff Gottes allgemein er- 
kannt hatte, ihr Unbefriedigtseyn von dieser Lehre durch eine 
scharfe Kritik derselben ausgesprochen und sich über sie zu er- 
heben gesucht haben. Seitdem ist aber der Zwiespalt in dieser 
Schule selbst offen ausgebrochen. Während ein Theil consequent 
an dem 8inn des Meisters festhält und den Weltgeist offen zu 
ihrem Gott macht und jede andere Ansicht für Phantasterei und 
theologische Bornirtheit erkürt, will ein anderer Theil den wahren 
Gottfcsbegriff im Gegensatz zu jenem, findet ihn aber doch im Sy- 
stem des Meisters, und beruft sich auf eine authentische Interpre- 
tation; ein anderer Theil endlich verzweifelt daran, dass seine 
Bedürfnisse auf diesem Wege Befriedigung finden werden und 
gibt die Hoffnung in dieser Sache bei dem Meister auf. So ist un- 
ter Andern der ehrliche, geint- und gemüthvolle Billroth offener 
gegen Hegel aufgetreten und hat die schwache Seite seines Got- 
tesbegriffs aufgedeckt; leider hat er sich aber zu sehr dem theo- 
logischen Dogmatismus in die Arme geworfen. Dass hierin nun. 
wTe die Wissenschsft jetzt steht, kein Heil, sondern nur UnheU 
für dieselbe zu finden ist, sollten doch wohl alle wissen, welche 
in den Entwicklungsgang des Geistes der neuern Zeit wahrhaft 
eingedrungen sind. Ein Palliativmittel verschlimmert die Wunde 
oft weit mehr ? sie bricht weit unheilsvoller wieder auf , wenn sie 
keine wahre Heilung findet, und ihr Heilungsprozess unterdrückt 
wird. 

Wie sich nnn von dieser Seite das Bedürfniss einer specula- 
tiven Brkenntniss der Idee Gottes in der gegenwärtigen Zeit be- 
urkundet, so muss dieses auch von der theologischen Richtung, die 
sich wesentlich auf Schleiermacher gründet, gesagt werden. 
Hiervon geben Werke, wie Nitxsoh's und Twestens Dogmatik 
und vor Kurzem ein Sendschreiben von Lücke an Nitzsch *) be- 
sonders Zeugniss. Dieses letzte von einem geist- und gemüth- 

"T71„" den |h«at Smdien und Kritiken von Dr. Uli mann und ümbreii 
heran »gegeben 



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FUcher: Die Idee der Gottheit 



• 

vollen Theologen ist sowohl wegen der Offenheit, mit welcher der 
Verf «eine Ansichten darlegt, als auch der Anregung, welche es 
zur Entscheidung über die wichtigsten Fragen der Idee Gottes 
gibt, eine höchst interessante und in einem gewissen Sinne sogar 
merkwürdige Erscheinung. Gewiss ist es, dass die Christologie, 
die gegenwartig in der bedeutendsten Krisis begriffen ist, nur ihre 
Lösung durch eine wahre speculative Erkenntniss Gottes erhalten 
kann. Es ist leicht, der Strauss sehen Cbristologie im Allgemei- 
nen entgegen zu treten, aber schwer, sie positiv, d. h. durch eine 
tiefere Begründung der Idee Christi zu widerlegen. Diese möchte 
aber noch jetzt überall vermisst werden. Hie Gegner von Strausa 
machen sich in diesem Punkte — uno* er ist doch der Hauptpunkt 
— die Sache zu leicht. 

Wie sehr die pantheistische Weltansieht und die mit dersel- 
ben zusammenhängende Christologie herrschende Zeitrichtung ge- 
worden ist, zeigt sich recht auffallend in den Bekämpfern dieser 
Weltansicht, namentlich von dem letztgenannten theologischen 
Standpunkte. Es fehlen hier oft nicht blos alle festen, entschei- 
* denden philosophischen Principien , und es zeigt sich bierin nicht 
nur ein völliges Schwanken und eine fast unglaubliche Unsicher- 
heit auch sogar in Bezug auf den entscheidenden Fragepunkt, 
sondern den positiven Ansichten liegen auch oft dieselben Prin- 
cipien zu Grunde, die sie bestreiten. Wer hier wissenschaft- 
lich höher steht, der Bekfimpfer oder der Bekämpfte, ist leicht 
zu entscheiden. 

Fischer hat dieses Bedürfniss der gegenwärtigen Zeit er- 
kaont, und in vorliegender Schrift einen nicht unbedeutenden Bei- 
trag zur Befriedigung desselben gegeben. Der Verfasser ist 
dem Publikum rühmlichst bekannt duroh seine zwei frühern 
Schriften: die Freiheit des menschlichen Willens und die Meta- 
physik. Er ist ferner als einer der bedeutendsten Vertreter der 
neuen, über Hegel hiuausgehenden philosophischen Richtung be- 
kannt. In seinen drei, bereits dem Publikum vorliegenden Schrif- 
ten, zeigt er sich in einem bestandigen Fortschritt begriffen. In 
der ersten ist er noch tiefer im Pantheismus befangen, so dass 
der geistreiche Göschel ihn nicht mit Unrecht in der Recennion 
dieser Schrift als einen auf gleichem Fundament mit ihm Stehen- 
den freudigst begrüsst, nur dass er nicht das reine Denken, son- 
dern den Willen zum Princip des Seyns und Lebens erhebe, wozu er 
(Göschel) sich später selbst hinneigt, um mit Schell ing hierin über- 
einzustimmen. In seiner Metaphysik gebt Fischer einen Schritt wei- 



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292 



Fischer: Di« Idee der Gottheit. 



ter und erbebt sieb in wesentlichen Punkten, besonders aber in 
der Idee Gottes über den frühern Standpunkt. Hier gibt er denn 
auch eine Kritik des Hegerschen Systems, die auf jeden Fnll zu 
dem Bedeutendsten gehört, was über Hegel gesagt worden ist Kr 
hat aber in dieser Schrift den Pantheismus noch nicht ganz über- 
wunden. Die vorliegende Schrift sucht nun den Pantheismus po- 
sitiv und negativ zu tiberwinden und einen bedeutenden Beitrag 
zur Lösung des die gegenwärtige Zeit so tief bewegenden 'Pro- 
blems der wahren Gotteserkenntniss zu geben. Negativ erhebt 
sich der Verf. über den Pantheismus durch vollkommne Erkennt- 
niss des Wesens desselben, dass in demselben die Substanz Got- 
tes und der Welt Eine und dieselbe ist, mithin die Substanz Got- 
tes nur Weltsubstanz, und dass diese in dem Hegerschen Systeme 
nur in subjectiver Fassung als Weltgeist erscheint. Von diesem 
Gesichtspunkte aus beurtbeilt diese Schrift das System Hegels, 
und diese Kritik trifft erst das Grundgebrechen in seinem Herz- 
punkte, und sie ist als eine Ergänzung der frühern Kritik in des 
Verf. Metaphysik anzusehen. Dieser Gesichtspunkt ist es auch, 
von dem Ref in seiner im Jahre 1837 erschienenen speciellen Ein- 4 
leitung in die Philosophie und speculative Theologie ausging und 
nach dem er alle Formen des Pantheismus der neuern Zeit beur- 
theilt hat Er hat daselbst bei der höchsten Form des Pantheis- 
mus die Ueberzeugung ausgesprochen, dass die Zeit nur durch 
diese Steigerung des Pantheismus bis zu dieser Form zum voll- 
kommenen Bewusstseyn über das Wesen desselben gelangt sey. 
Dieses bestätigt sich nun von Tag zu Tag immer mehr, besonders 
bei den über Hegel hinausgehenden Philosophen Fischer, Fichte 
und Weisse. 

Wie Fischer nun positiv über den Pantheismus hinaus zu 
gehen suchr, werden wir später sehen. Es mag hier übergangen 
werden ■ was der Verf. im Anfang der Vorrede namentlich auch 
über Leibnitz sagt, so viele Veranlassung ich auch hätte, meine, 
in vielen Punkten abweichenden Ansichten geltend zu machen. 
Es soll an einem andern Ort geschehen. S. XXVI — XLIV. wird 
eine Uebersicbt über den ganzen Standpunkt der Schrift gegeben. 

Die Schrift selbst hat drei Theile, von denen der erste kri- 
tisch, der zweite begründend, der dritte systematisch ist Es ist 
nach der Vorrede der immanenten Entwicklung der Idee der Gott- 
heit die negative und positive Vermittlung ihres Begriffs voraus- 
zusetzen. Denn das Absolute ist zwar voraussetzungsloses , ur- 
sprüngliches Princip, aber doch für das wissenschaftliche Erken- 



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Fiteber: Die Idee der Gottheit. 21* 

nen keine unmittelbare Vorstellung, sondern der vermittelte Ge- 
danke und die innere Begründung der absoluten Idee hat die Kri- 
tik zur Voraussetzung , da die Wahrheit erst durch Widerlegung 
der Unwahrheit wissenschaftlich begriffen wird. 

Der erste oder kritische Theil entwickelt dialektisch die ver- 
schiedenen Formen des Pantheismus. Die erste ist die abstraote 
der Eleaten, welche die schlechthin allgemeine Einheit ohne allen 
Unterschied festhalten. In einer Anmerkung wird gesagt: nicht 
mit Unrecht hat Hegel die eleatisohe und selbst spinozistische 
Lehre einen Akosmisraus genaunt, so fem die erstere die Allheit 
auf die Einheit redueirte. statt jene aus dieser zu begreifen. Ware 
dieses wahr, wie könnte diese Lehre als Stufe des Pantheismus 
hier stehen? Es fragt sich doch wohl hier vor Allem, ob die 
Einheit, auf welche die Allheit reducirt werden soll, die Einheit 
Gottes oder der Welt sey? Ist das Erste, alsdann kann das Sy- 
stem kein Pantheismus, ist das Letzte, so kanu es nicht Akosmis- 
mus seyri. Ich würde indessen anstehen, die Einheit der Eleaten 
mit der Substanz Spinoza's in dieser Beziehung zusammen zu 
. stellen. 

Die zweite Stufe ist der substanzielle Pantheismus des Spi- 
noza, in welchem die Einheit keine abstracte, den Gegensatz ab- 
schliessende, sondern in sich begreifende und durch ihn bestimmte 
ist. Aber die Einheit ist nur an sich seyende oder substanzielle 
Identität, welche durch die ihr wesentlichen aber entgegengesetz- 
ten und sich mithin auf einander beziehenden Grundhestiinmungen 
bestimmt ist, ohne sich durch dieselbe selbst zu bestimmen. So ist 
aber das Absolute als todte, den Attributen nur zu Grunde lie- 
gende Substanz oder al9 abstracte Indifferenz gedacht. Wird es 
dagegen lebendig gedacht, so ist die Substanz Kraft, die wir- 
kende Ursache ist. Dieses ist die dritte Stufe oder der realisti- 
sche Pantheismus. Das Absolute ist nach dieser Ansicht das sich 
durch die Welt selbst verwirklichende allgemeine Lebensprincip, 
die weltlichen Existenzen sind seine stufenweisen Positionen, und 
das Weltganze ist seine vollendete Selbstverwirklichung. Der Re- 
präsentant dieses Pantheismus ist Schleiermacher. Wird das 
Absolute an sich nur als Urkraft bestimmt, so wird auch die Ent- 
wicklung des durch dieses Princip bestimmten Seyns den Realis- 
mus nicht überwinden, und der Schlusspunkt des Systems oder 
der Geist wird nicht in seiner Freiheit and Wahrheit erkannt. 
Geht aber der realistische Pantheismus zu der Einsicht fort, dass 
der Geist als das letzte Resultat und der letzte Zweck der stu- 



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304 Fitrhor: Die !.>«■ der Gottheil. 

fenweisen Selbstverwirkfichung des Absoluten das wahre Weseo. 
die Natur nur seine Voraussetzung und Vermittlung «eye, so er- ■ 
liebt sich das Denken zur Stufe des idealistischen Pantheis- 
mus, welcher das Absolute als Urgcist begreift. t 

Hier bemerkt der Verf.: ,,Aus demselben Grunde, aus wel- 
ehern wir Schelling s Philosophie nicht als realistischen Pantheis- 
mus bezeichnen, können wir sie auch nicht als idealistischen Pan- 
fheismus charakterisiren. Seine philosophischen Schriften sind, wie 
die platonischen Dialogen: Momente einer universellen Philosophie, 
welche erst von spätem Forschern nach ihren besondern Seiten zu 
realistischen und idealistischen Systemen ausgebildet wurde. Als 
Repräsentanten des idealistischen Pantheismus betrachten wir He- 
gel und Krause."' Es wird aber nur Hegel's System zur Charak- 
teristik find Kritik zu Grunde gelegt. Ohne Zweifel gibt es ver- 
schiedene Formen sowohl des realistischen als auch idealistischen 
Pantheismus, und hiernach dürfte wohl das Schelling'sche System, 
und noch andere, welche gar nicht, erwähnt werden, eine be- 
stimmte Stelle in dem Entwicklungsgange der neuern Philosophie 
Anden Eben desshalb, weil diese Unterscheidung von dem Verf. „ 
hier nicht gemacht wird , muss er den Hegelschen Pantheismus, 
den er doch für den Repräsentanten des idealistischen Pantheismus 
erklärt, auf die Stufe des Realismus zurückfallen lassen (S. 28.}. 
Die HegeFsche Philosophie ist Pantheismus des logischen Begriff» 
und desshalb allerdings idealistischer Pantheismus, aber nicht die 
höchste Form desselben. Dass es noch höhere Formen desselben 
gibt, die auch empirische Wirklichkeit haben, ist von mir an ei- 
nem andern Orte gezeigt worden. Die Charakteristik und Kritik 
der Philosophie Hegel's ist hier namentlich in liezug auf den Al- 
les entscheideuden Punkt ihres Gottesbegriffs treffender und ent- 
scheidender, als in der frühern Schrift des Verf., und daher eine 
wesentliche Ergänzung derselben. Der Wichtigkeit und dem In- 
teresse der Sache ganz angemessen, ist dieser Abschnitt der um- 
fangsreichste. Entsheidend wird der Pantheismus dieses Systems 
8. 20. damit ausgesprochen, dass der göttliche Geist vom mensch- 
lichen nur formell unterschieden werde, und die Einheit seines 
Begriffs und seiner Objectivität, welche der absolute göttliche Geist 
seyn solle, sey der in seiner Wahrheit gedachte objective mensch- 
liche Geist selbst. 

Aus diesem Gesichtspunkt muss nun aber auch HegePs Idea- 
lismus betrachtet werden, nach welchem das Denken seine Formen 
wie seinen InLuit erzeugt und das Seyn mit dem Denken iden- 



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Fischer: Di« Idee der Gottheit. 21* 

tisch ist. Bs ist diese« das göttliche Denken selbst, das alle Rea- 
lität durch seine immanente Entwicklung ans sieh erzeugt und das 
ein objeetivircndes Thun ist. Allerdings ist hierbei völlig unstatt- 
haft, das objectivirende Thun und die objeotive Idee ohne ein ab- 
solutes Princip »u denken Das Thun ohne ein thuendes. das Den- 
ken ohne ein denkendes Subject. Das System wäre eher Akos- 
mismus als Pantheismus zu nennen, wenn nur nicht ..die an und 
für sich seyende Allgemeinheit", oder Gott (nach Hegel) die Ein- 
heit der Welt wäre. 

Der Verf. geht auf die verschiedenen Consequenzen dieser 
Lehre über und beleuchtet das Grundprincip so von allen Seiten. 
Die Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, dem Basen, 
der Unsterblichkeit etc. wird statt gelöst verflacht, und ihr Wesen 
ganz/ aufgehoben. Ks wird nicht unterlassen, auf die tieferen Mo- 
mente dieses Systems hinzuweisen , mit denen die Durchführung 
im Widerspruch steht. Fischer halt diese Form des Pantheismus 
für die höchste, der durch Ueberwindung seines formellen Cha- 
rakters und das bestimmte Denken seines Princips, des absoluten 
Geistes, sich zum Theismus entscheide. Ich habe an einem andern 
Orte aber nachgewiesen, dass es noch höhere Formen des Pan- 
theismus gibt, durch welche dieser Uebergang erst vermittelt wird. 

Der zweite Theii enthält die innere Begründung Her Idee der 
Gottheit und ihre Vermittlung durch die Idee der Welt in den 
theistischen bewiesen. Beim ontologiseben Beweis, mit welchem 
begonnen wird, hebt Fischer die wichtige Wahrheit hervor, dass 
der subjective einzelne Geist zwar selbstbewnsste Einheit des Gan- 
zen, aber in seiner Relativität endlicher Geist, der objeütive Geist 
aber nur selbstlose Totalität der einzelnen Geister ist, wahrend 
dagegen der göttliche Geist dadurch absolute Einheit und Wahr- 
heit ist, dass er ebenso an und für sich seyeudes unendliches 
Princip oder Ursubject, wie das die natürliche und geistige Welt 
begründete und wirkende Princip ist. Der Pantheismus fässt da- 
gegen Gott als objeetive selbstlose Totalität der Geister, und da- 
her nur als allgemeinen Geist der Welt, ihm fehlt das Princip der 
absoluten Persönlichkeit, als der in sich selbst allgemeinen Ein- 
zelheit oder des individuellen Ganzen. So ist Gott eben so sehr 
eelbstbewusstlos Ganzes oder an und für sich seyende Einheit 
seiner selbst oder seiner eigenen Wirklichkeit, wie er die Einheit 
des weltlichen Seyns ist. Wäre die absolute Einheit nicht an uod 
für sieh Ganzes, so wäre sie nur Einheit de« objectiven Seyns 
und mithin nur relative Einheit; wärt sie nicht dss. das System der 



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»Kl r Udler . Die Ide« der Gottheit. 

relativen (weltlichen) Einheiten bestimmende Urprinoip, so wAre 
sie nicht Mittelpunkt des objectiven Ganzen und wäre sie nicht 
das dasselbe wissende Ursnbject, so w&re sie realistisches und 
mithin einseitiges, unvollkommenes Princip. 

So sehr nun solche Ansichten den Pantheismus in seinem in- 
nersten Wesen treffen, und im Allgemeinen den wahren Gottesbe- 
griff darstellen, so wünschte ich doch noch eine schärfere, be- 
stimmtere Fassung des letztern, als hier in diesem Abschnitt und 
an andern Orten der Schrift geschehen ist. So würde ich die Be- 
stimmung des absoluten Geistes, wie sie Hegel gibt, nämlich als 
an und für sich seyender Geist der Natur und des (objectiven) 
Geistes, die Fischer S. 44. anführt und ganz richtig nennt, nicht 
als richtig gelten lassen. Denn heisst Anundfürsichseyn sich 
selbst bestimmende oder wollende und wirkende Einheit, und ist 
diese Einheit die Einheit der Natur und des menschlichen Geistes, 
so kanu sie keine absolute Einheit seyn. Zwar setzt der Verf. 
hinzu, das Irrthümliche und Falsche bestünde darin, dass Hegers 
Absolutes nur formell, d. b. princip- und selbstlos, mitbin kein 
denkendes und schaffendes Ursubjeet sey. Ich halte dieses aber 
nur für die oonsequente Folge jen/er Bestimmung. — 

Bei dem kosmologischen Beweis vermisse ich die Würdigung 
desselben, nämlich was er beweist und nicht beweist; denn be- 
kanntlich wird geläugnet, dass man durch ihn zu der absoluten, 
überweltliohen Persönlichkeit gelange. Darüber hat der Verf. keine 
Erklärung gegeben. — 

Die tbeistischen Beweise bilden dem Verf. ein Ganzes, so dass 
der ontologische die objective Begründung der Idee Gottes, der 
kosmologische und physicotheologische die objective Vermittlung 
derselben durch die äussere gegenständliche Welt, und der mo- 
ralische als der Sohlusspnnkt , die subjective Begründung dersel- 
ben durch die Analyse des religiösen Selbst- und Weltbewusst- 
seyns ist 

In den zwei ersten Theilen geht Fischer regressiv zu der Idee 
Gottes fort, die er nun gefunden und in dem dritten Theile positiv dar- 
stellt. Die erste Abtheilung stellt die ewige Selbstbegründung Gottes 
dar und sucht die Dreieinigkeitslehre aus der absoluten Idee abzuleiten. 
Die zweite Abtheilung stellt die durefadie innere immanente Offen- 
barung Gottes vermittelte äussere Offenbarung dar. Der Verf. setzt 
der geschaffenen Welt die blos in dem göttlichen Wissen und 
Wollen ewig bestehende Möglichkeit oder Idee der Welt voraus, 
und begründet diesen wichtigen Gedanken durch folgend« Argu- 



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Fischer: Ol« Idee der Geilheit. 



Diente: i) das ewige Wiesen Gottes von der Welt ist real, ent- 
hält also die Welt der Möglichkeit nach ; 9) ist die Allmacht Got- 
tes eine wesentliche Eigenschaft, und daher begründet er als der 
Allmächtige ewig die Welt; Gott wäre nicht die ewige Allmacht, 
wenn er nicht in seinem wesentlichen Wollen die Möglichkeiten 
der Dinge und Individuen ewig begründete; 3) weil die Subjekti- 
vität nicht ohne eine Objectivität denkbar ist, in Beziehung auf 
welche sie sich ihrer selbst bewusst ist. Da aber keine ewige Welt- 
schöpfung angenommen werden kann, so muss angenommen wer- 
den, dass Gott die Welt eben so ewig begründe, wie er sich 
selbst oder seine eigene Existenz. Dass aber eine ewige Welt- 
schöpfung angenommen werden könne, weil diese Annahme dem 
Begriff der Welt, wie dem Begriff eines freien Weltseböpfers 
gleich sehr widerspricht, wird überzeugend nachgewiesen. 

Es ist kein Zweifel, dass es sich vor Allem in einem Aber 
den Pantheismus hinausgehenden System um den bestimmten Be- 
griff der Weltschöpfung handelt, und dass man allerdings nur auf 
einem Wege dahin gelangen könne, welchen Fischer hier ein- 
schlagt. Nur hatte Ref. eine viel bestimmtere Angabe jener ewi- 
gen Möglichkeiten nnd ihres Verhältnisses zur Idee Gottes selbst 
gewünscht. Die Idee Gottes ist zu allgemein und kurz in dem 
dritten Theil behandelt, als dass man von dorther dieses Verhält- 
nis» erkennen könnte. Und doch drangen sich hier der Fragen so 
viele auf, welche eine Lösung verlangen. Wie entstehen über- 
haupt jene ewige Möglichkeiten, aus welchen die Schöpfung her- 
vorgeht, in Gott. selbst? Welches ist der nothwendige Zusammen- 
hang derselben mit dem Sichseibstbegründen Gottes? An diese 
Frage schliessen sich alsdann noch eine Menge an, welche doch 
alle nur in der Selbstbegründung Gottes ihre Lösung eibalten 
können. Hier muss ich gestehen, in der Schrift keine Befriedig- 
ung gefunden zu haben. Damit hängen nun noch andere entschei- 
dende Punkte zusammen, wie wir bald sehen werden. 

Auch gegen des Verf. Ansicht von Piaton in Bezug auf vor- 
liegende Fragen, welche 8 99. angegeben ist, lässt sich gewiss 
gegründete Einsprache thun, ich will indessen hier die Sache über- 
gehen. 

Die Sünde wird als die Gesammtschuld der Menschheit be- 
stimmt, deren Entstehung bis auf den Urmenschen als ihren ersten 
Urheber zurückzuführen sey, an der aber jeder einzelne Mensch 
durch sein eignes Wollen Antheil habe. Schuldig seyen die ein- 
zelnen Menschen durch die Sünde des ersten Menschen nur in io- 



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Ftober: Die Idee der Gottheit. 



fern, als sie in der naturlichen Lebensgemeinschaft oder Ver- 
wandtschaft mit ihm durch dasselbe Princip sich bestimmend, alle 
anch selbst gesündigt hatten. Verkenne man, dass die menschli- 
chen Individuen eben so sehr durch ihre Selbstbestimmung An- 
fangspunkte neuer Losungsweisen des Geistes seyen wie sie als 
geschichtliche Individuen die vorherrschende Entwicklung des 
menschlichen Geistes fortsetzten, so erkläre man sie entweder für 
unbedingt freie Subjecte, oder unselbststündige Entwicklungspunkte 
der Menschheit, falle mithin im ersten Falle in subjectiven Idea- 
lismus, in letzterm in Determinismus. 

Allerdings kann die philosophische Betrachtung nur diese Al- 
ternative festhalten, aber ob dieses mit der Kirchenlebre überein- 
stimmt; ist eine andere Frage. In sofern der Verf. diese ITeber- 
einstimmmig bezweckt, müsste wohl das kirchliche Dogma schär- 
fer hevorgehoben werden. Dieses fasst Adam nioht blos als den 
ersten Menschen , sondern den ersten Menschen als die gesammte 
Menschheit, und desshalb sagt es weiter, dass die einzelnen Indi- 
viduen nicht an der Sündhaftigkeit, sondern an der Sünde des 
Urmenschen Antheil hätten und deswegen an der Sündhaftigkeit 
desselben. Daraus folgt auch, dass jeder einzelne Mensch mit der 
Sündenschuld geboren wird. Die Schwierigkeit, die sich nun hie- 
raus ergibt, ist durch des Verf. sonst geistvolle Theorie nicht 
gelöst. 

Wir kommen nun endlich auf den Hauptpunkt der ganzen 
Schrift, um dessen Lösung sich der Kampf der gegenwärtigen 
Zeit in der Theologie und Philosophie mit einer Alles entschei- 
denden Energie bewegt — auf die Christologie. Ich bekenne 
offen, dass mir dieselbe das schwierigste Problem der ganzen 
Philosophie ist, und alle bisherigen Leistungen in negativer und 
positiver Hinsicht haben nur immer mehr die Schwierigkeit der 
Sache, als die Lösung gezeigt. Bleibt man hier auf rein philo- 
sophischem Boden stehen, und hat den Muth, ofTen und entschieden 
auf demselben fortzuschreiten , ohne Vertuschung der Schwierig- 
keiten, so wird man sehen, was die Philosophie leisten muss, wenn 
sie den christlichen Glauben in ihrem Urheber begreifen und Ver- 
nunft und Offenbarung wirklich versöhnen will. Ist diese Versöh- 
nung die Forderung der Zeit, wie nicht zu läugnen ist, so muss die 
Philosophie hier ihren Hebel anlegen, um ihre Stärke oder Schwä- 
che zu erproben. Die vermeintliche Stärke der neuesten Philoso- 
phie in diesem Punkte hat ihr selbst am meisten geschadet, wie 
die nenesten Verbandlungen über diesen Gegenstand offen «eigen. 



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Fiarher: Di* Idee der Gottheit 30t 

Di« da den Frieden predigen, wo duch kein Friede ist, sind viel 
schlimmere Apostel, ata die das Sohwert bringen, damit durch es 
der Frieden komme. Hier gilt der tiefsinnige Ausspruch Hegels: 
„Womit einem genügt, daran ist sein Verlust zu ermessen.' 1 — 

Wie hat nun der geistvolle und tiefsinnige Verf. dieses Prob- 
lem hier gelöst V Kr sagt: ,,Die Einheit der Gottheit mit der 
Menscheit kann nur durch eine Persönlichkeit vermittelt werden, 
welche eben so sehr der menschgewordene Gott., wie der wahr- 
hafte Urmensch oder das Urbild der Menschheit ist. Ist die gei- 
stige Schöpfung die subjective Selbstoffenbarung Gottes, in wel- 
cher er die Idee des Geistes naeb allen durch ihre bestimmten 
Kntwicklungs weisen möglichen Gegensätzen oder Stufen verwirk- 
licht, so wird er seitie Selb st Offenbarung durch die Geschichte der 
Menschheit dadurch voliendeu. ilass er sieh in dem idealen Ein- 
heitspunkt derselben in der absoluten Wahrheit seines Willens, 
nnd mitbin in allseitigem Verhältnis* zu den der Idee des Geistes 
unangemessenen Individuen urbildlich offenbart. Diese, der Idee 
des Geistes absolut entsprechende Selbstoffenbarung ist mithin nicht 
ein Schaffen von anderen Wesen, als er selbst ist, sondern Indi- 
vidualismen seiner selbst und mithin seine wahrhafte Menschwer- 
dung. Der Gottmenseh ist der eingeborne Sohu Gottes, weil sich 
Gott in ihm seihst indiviriualisirt, liebt und erkennt. 

Hätte der Verf. verständlich gemacht, oder wissenschaftlich 
gerechtfertigt, wie jene Persönlichkeit, welche die Einheit der 
Gottheit und Menschheit vermittelt, zugleich als der menschge- 
wordene Gott und der wahrhafte Lrmensoh oder das Urbild der 
Menschheit zu denken ist, so hätte ich mich mit allem dem, was 
er daran knüpft, mit ihm vollkommen einverstanden erklärt. Die- 
ses ist tief und wahr. Aber statt dessen verwickelt er sich in 
noch grössere Schwierigkeit, als in jener Behauptung an sich 
liegt, wenn er auf der einen Seite wiederholt sagt, Gott habe sich 
in dem Gottmenschen selbst individunlisirt . und auf der andern 
Seite ebenso wiederholt, der Gottmensch habe das allgemeine We- 
sen der Menschheit durch seine ebenso urbildlichc wie ge- 
schichtliche Persönlichkeit in seiner subjectiven Einheit und 
Wahrheit individualisirt. Es ist offenbar hier das. was gelöst 
werden soll, dogmatisch vorausgesetzt, und diese Voraussetzung 
selbst aber wieder in einen Widerspruch mit sich selbst gesetzt, 
der nicht dnreh die Schrift anfgelöst wird. 

Was übrigens in Folgendem von dem Gottmenschen sonst 
weiter, and namentlich gegen Strausa. gesagt wird, ist treffend 



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300 



Fianx: DeuUch-Gri«i:hUches Wörterbuch. 



gehört mit zu dein Verdienstvollsten der Sohrift, und ist beson- 
ders gegenwärtig sehr zu beachten* 

Obgleich nun der dritte Theil dieser Schrift in seinen Grund- 
ideen schon in des Verf. Metaphysik enthnlten ist, nnd obgleich 
er in mehreren Problemen zu keinem vollkommen genügenden Re- 
sultate gelangt ist, so ist doch diese Schrift nicht nur über- 
haupt von tiefem, bedeutendem Gehalte und enthalt einen Reich- 
thnm Von tiefgedachten Ideen über die wichtigsten Fragen der 
Speculation, sondern selbst die Probleme, die mir nicht genügend 
gelöst zu seyn scheinen, sind so aufgefasst und dargestellt, dass 
auf jeden Fall die Lösung bedeutend gefördert und dem Ziele 
näher gebracht ist. Wer nun die grosse Schwierigkeit der Sache 
kennt, und weiss, wie Weniges noch von dem geleistet ist, was 
eigentlich geleistet werden muss, der wird das Verdienst des Verf. 
hoch anschlagen und gehörig würdigen, welches er sich mit die- 
ser Schrift erworben hat. Die geistvolle Auffassung habe ich 
durch Hervorhebung der Hauptpunkte des Inhalts überall gezeigt 
und dadurch das Publicum mit diesem bekannt gemacht 

In allen seinen Schriften zeigt sich Fischer als einen 
geistvollen, von tiefstem Interesse der Wahrheit erfüllten redli- 
ohen Forscher, dessen wissenschaftliche Bestrebungen eine religiöse 
Grundlage und Begeisterung offenbaren t Eigenschaften, die in un- 
serer Zeit um so höher zu schätzen sind , als wir nur zu häufig 
entweder Nachbeterei mit Aufgeblasenheit , oder erkünstelte Origi- 
nalität, Geniesucht, überhaupt Grossmannssucht die Stelle des wahr- 
haft wissenschaftlichen Ernstes und der wissenschaftlichen Begei- 
sterung einnehmen sehen. 

Möge der Verf. uns bald mit der versprochenen Realwissen- 
schaft erfreuen! 

Sengler. 



Deuts ch- Griechisches W örterbueh t zunächst zum Schutgebrauche. 
— Möglichst vollständig nach den Quellen bearbeitet und mit elasti- 
schen Beispielen attischer Redeweise ausgestattet, von Dr. J. Franz. 
Kreter Band. A—K. — Leipzig, in der Hahn'schen Verlagsbuch- 
handlung. 1838. 1414 gespultenc Seiten, gr. 8. (Lex. Format) — 
Zweiter Band. L—Z. ebd. in dems. J. 11S2 gesp. Seiten. 

Bei Gelegenheit der Bcurtheilung eines andern Wörterbuchs 
machte Ref. einmal die Bemerkung, dass nichts leichter sey, als 
•in Wörterbuch, sey ea wie und von wem es wolle, mit gutem 



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Franz : ikutsch-Griecluscbe. Wörterbuch. Ml 

Fug und Grund zu tadeln, ja, ohne es angesehen zu haben, zu 
behaupten , es ser kein Blatt fehlerlos ; und diess aus dem sehr 
natürlichen Grunde, weil der Bcurtheiler nicht nur seine subjective 
Ansicht über die Einrichtung eines solchen Buches im Allgemei- 
nen, sondern auch über so viele Tausende von Einzelnheiten mit- 
bringe, und überdies* eben bei so vielen Einzelnheiten manches 
Versehen und manche Uebereilung unvermeidlich sey. Die Wahr- 
heit dieser Sätze drang sich dem Ref. auch bei dem Studium die- 
ses Buches auf, welches für das beste unserer deutsch-griechi- 
schen Wörterbücher zu erklären er keinen Anstand nimmt-, ein 
Urtheil, das er auch durch die verschiedenen Bemerkungen nicht 
zu entkräften gedenkt, welche er, das Werk an sich und im Ver- 
hältnisse zu den Vorgängern betrachtend, zu machen veranlasst 
seyn wird. 

Ein jeder Schriftsteller wird billiger Weise mit dem Maass- 
stabe gemessen, den er theils selbst als den seinigen angibt, theils 
womit er Andere misst. Den erstem Maassstab gibt die Vorrede 
des Verf. an die Hand, den zweiten eine Recension des Werkes 
seines Vorgängers Rost. Beide müssen wir erwähnen, ehe wir 
an das Buch selbst geben. Gleich im Anfange der Vorrede weist 
er auf eine von ihm vor 10 Jahren geschriebene Abhandluog in 
Thieraohii Actt. Philologorum Monacensium IV. 1. p. 
51 — 80. (De Lexiois L atino- Graecis dissertatio) hin, 
die er als Mitglied des philologischen Seminars in München ver- 
fasste. Sie ist in einem nicht Übeln lateinischen Styl *), mit Sorg- 
falt, Sachkenntnis« und Soharfsiln, geschrieben, zeugt von Bele- 
senheit, und lässt von eigener Arbeit auf diesem Gebiete nichts 
Geringes erwarten. Er dringt darauf, dass der PhUolog den Stoff 
der griechischen Sprache so beherrschen, ihren Geist so in sich 
aufnehmen soll, dass er sich dieser Sprache, die Alten nachah- 
mend, mit Geschmack und Sicherheit bedienen könne, und ihres 
Ausdrucks gänzlich Meister sey. Er macht sich über diejenigen 
lustig , welche griechische Verse taliter qualiter schreiben , ohne 
attische Prosa schreiben zu können ; er behauptet mit Recht , in 
den lateinisch-griechischen Wörterbüchern seyen bisher gute und 
schlechte, frühere und spätere, prosaische und poetische Ausdrücke 

•) Nur hätte ihm in Betreff der 70 Dolmetscher die Stelle nicht 
entschlüpfen sollen (D. 61 ): ,,Saepissime omninm tfcbonae et ma- 
lm- notae auetorura , et Novi Testament! et SeptwiRcntorum, 
et virorum ne graecoruin quidem adripitur auctorWas et falsa et 
ridicala." 



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302 



Frant: Deuttch-Griechiwhet Wörterbuch. 



und alle Dialekte unter einander gemischt; zn trauen sey ihnen 
nirgends, nicht besser stehe es mit denen, welche scheinbar Au- 
toritäten anfahren, als mit denen, die. ganz schweigen. Da führe 
man bei Wörtern, die überall stehen, einzelne Schriftsteller an, 
als ob etwas' Besonderes dabei wäre, gebe für Ausdrücke der be- 
sten Schriftsteller die schlechtesten Autoritäten an, für seltene 
Ausdrücke lasse man sie ganz weg; für viele gebe man Autoren 
an, bei denen sie nicht stehen ; stelle häufig die Ausdrücke der 
schlechten Schriftsteller und Zeiten an die Spitze: und dazu kom- 
men noch unzählige Verstösse gegen die Grammatik Dann gibt 
er positiv seine Grundsätze an, die kürzlich in folgenden Sätzen 
begriffen sind: 1) Man halte sich rein an den attischen Dialekt, 
von der Zeit des Perikles an bis zur macedouischen Oberherr- 
schaft. 2) Schon Aristoteles und Theopbrastus sind mit Vorsicht 
zu gebrauchen; 3) eben so die Tragiker und Komiker, und nur, 
wo ihre der Prosa sich anschliessenden Ausdrücke nöthig sind, 
wenn sonst kein Attiker sie bietet. 4) Man gebe nicht nur Wör- 
ter, sondern, zu klarerer Einsicht in den klassischen Ausdruck, 
kurze aber ganze Stellen zur Erkenntniss der Construction und 
der Wortstellung. Dazu gibt er denn einzelne Artikel und Belege, 
denen man, abgesehen von einiger Weitläufigkeit , seinen Beifall 
nicht versagen kann. 

Das zweite, worauf sich der Verf. in Beziehung auf seine 
Grundsätze, die ihn leiteten, beruft, ist seine Rccension des Ilost- 
schen deutsch-griechischen Wörterbuches (4. Aufl. 1822.) in der 
Jenaischen Literaturzeitung 183«. Erg. Bl. 49. 50., eine Ree, zu 
welcher damals das Directorium der Jen. A. L. Z. hinzusetzen zu 
müssen glaubte, .,dass neben ihr das früher von zwei einsichts- 
vollen Männern gefällte (günstige) ITrtheil (1809, 106—109.) wohl 
noch besteben könne, und durch diese Recension nicht aufgehoben 
oder für ungültig erklärt werden dürfte, da die Beurtheilungen 
eines Wörterbuches sehr verschiedenartig ausfallen können, je 
nachdem die einzelnen Belege des Urtheils aus ei- 
nem so viel umfassenden Werke zusammengebracht 
werden." Diess ist ein wahres Wort, und trifTt mit unserer 
Aeusserung, mit der wir diese Anzeige eröffneten, zusammen. In 
jener Ree. verwundert sich nun unser Verf. über die Langmuth 
derer, die dem nun viermal aufgelegten Werke unbedingten Ein- 
gang vergönnt haben, und begreift kaum, wie die Arbeit des Hrn. 
R. niebt schon* längst durch glänzendere Erscheinungen verdrängt 
worden sey: es sey bei demselben an jene wissenschaftliche Me- 



thodik nicht zu denken. Ja es sey dasselbe nicht einmal nach den 
richtigen Grundsätzen eines Vocabulariums oder Glossariums ans« 
gearbeitet. Ein solches sey ein Verzeichnis« von Wörtern und 
auch wobl Redensarten, nach subjectiven Ansichten zusammenge- 
stellt und in einer andern spräche erklart. Ks habe die Aufgabe, 
das zu erklärende Wort richtig zu erklären, wenn auch ohne Rück- 
sicht auf die Güte und Autorität des erklärenden Ausdruckes. Es 
habe ferner die Aufgabe, die prosaischen und die gemeinen Wör- 
ter nicht mit den poetischen zu vermengen, wenn auch ohne be- 
sondere Rücksicht auf Synonymik. Es habe endlich die Aufgabe, 
bei einer Sprache wie die griechische, die Dialekte fleissig zu 
scheiden, und sich an den Hauptdialekt, an den attischen, einzig 
zu halten. (Man sieht niftbt ab, wie diese Forderung nn ein Buch 
gemacht werden kann, dem man so eben gestattet hat, „keine Rück- 
sicht auf die Güte und Autorität des erklärenden Ausdruckes zu 
nehmend) Solches, und mehr noch habe Hr. R. versprochen; sein 
Buch stehe aber, wenn ihm gleich regsamer Eifer nicht abgespro- 
chen werden könne, doch in keinem wünschenswerten Verhält- 
nisse zu den billigen Korderungen, und man müsse vor unvor- 
sichtigem Gebrauche desselben warnen. (Schwerlich wünscht Hr. 
Dr. Fr. einen unvorsichtigen Gebrauch des sein igen, oder hält 
vorsichtigen Gebrauch für überflüssig.) Nun werden auf einer 
Columne Verstösse gegen die Grammatik gerügt, auf 4 Columnen 
unpassend gewählte Ausdrücke, und am Schlüsse macht er sich 
wirklich anheischig, auf jeder Pagina Ungehöriges aufzuweisen, 
ja es will ihn fast bedünken, dass, so sehr der Saramlerfleiss zu 
loben seyn möge, das Ganze doch ein Werk strebsamer Jünger 
sey, die sich unter dem Namen des Lehrers neckend verbergen. 

Ohne Zweifel ist es diese Recension, in Beziehung auf wel- 
che Hr. R. in seiner „fünften, durchaus umgearbeiteten 
Ausgabe ia37", (über welche Hr. Dr. Fr. gewiss nicht mehr 
dasselbe Urtheil fällen würde) in der Vorrede sich mit Fug und 
Recht so äussert: „Es bedurfte nicht unfreundlicher Mahnung und 
ungerechter Beschuldigung, um mich darauf aufmerksam zu ma- 
chen, dass mein Wörterbuch auch in der vierten Auflage noch 
nicht den nöthigen Grad der Vollkommenheit erlangt habe; ich 
selbst hatte mir das nicht verhohlen, und hatte zeitig Bedacht ge- 
nommen, um bei einer neuen Bearbeitung Fehler tilgen, Mängel 
bessern und Lücken ausfüllen zu können." Und diess ist denn 
auch mit Eifer und treuem Fleisse durchgreifend geschehen, und 
namentlich sind von Hrn. H die Ausstellungen und Beriobtigun- 



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0 

gen seines eben nicht freundlichen Beurtbeilers berücksichtigt 
worden. 

Was hat nun aber Hr. Dr. Fr. selbst geleistet? Hat er die 
aufgestellten Grundsätze befolgt, die von ihm selbst gestellten 
Anforderungen befriedigt, die an seinen Vorgängern gerügten 
Mangel vermieden? Hat er gehalten, was er in der Vorrede ver- 
spricht, wenn er sagt: „Es ist uns nicht darum zu thun gewe- 
sen, dem deutschen Sprachreichthum eine hinreichende Anzahl 
griechischer Vocabeln gegenüber zu stellen, sondern den mannig- 
faltigsten Wortausdruck der modernen Welt durch die Allgewandt- 
heit der attischen Redeweise gleichsam aufzuwägen. Und da das 
einzelne Wort oft Bedeutung und Färbung nur durch den Zu- 
sammenhang erhielt, in welchem es von den Alten selbst ange- 
wandt worden, so schien es nöthig, classische Beispiele auszuhe- 
ben. — Die Beisetzung der Autorität haben wir dann vorgezogen, 
wenn der griechische Ausdruck in Prosa nicht so allgemein er- 
schien, dass er jedem Zeitalter zugesehrieben werden konnte, oder 
bei Phrasen, welche ohne Autorität dem Schein willkührlicher Er- 
findung nicht leicht entgehen würden. 4 ' — Ausserdem erklärt er, 
er habe die Constructionen sorgfältig angegeben, die sinnverwand- 
ten Wörter bestimmt und unterschied en , besondern Fleiss auf die 
klare und anschauliche Erklärung der griechischen Partikeln ver- 
wendet, das Attische überall zur Grundlage gemacht, den prosai- 
schen Sprachgebrauch von dem poetischen geschieden, für die 
neuen Begriffe aber, für welche die griechische Sprache keine 
entsprechenden Benennungen darbietet , spätere Scribenten und die 
Neugriechen zugezogen, auch freie Bildung antiker Ausdrücke 
angewandt, endlich die Länder-, Städte-, Völker- und Eigenna- 
men ganz von Neuem ausgearbeitet und in die Räume des Wör- 
terbuches vertheilt. 

Diese vielen und wichtigen Versprechungen hat nun ber Verf. 
wirklich im Ganzen auf eine befriedigende Weise erfüllt und 
gehalten, und wir nehmen keinen Anstand, das Werk zum Schul- 
gebrauohe nachdrücklich und aus voller Ueberzeugung zu empfeh- 
len, obgleich der Verf. selbst nicht verkennen wird, dass ein Buch 
dieser Art, auch nach wiederholten Auflagen, immer noch vervoll- 
kommnungsfäbig bleibt, und zwar nach verschiedenen Seiten. 

(Dir Sc Kluft folgt.) 



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N°. 20. 



HEIDELBERGER 



1840. 



JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Franz: Deutsch- Grieclusches W örterbuch. 



(Beicklufs.) 



Er wird linden, dass auch in seinem Buche noch manche 
Wörter fehlen, manche noch Belege erhalten sollten, manche Ar- 
tikel einer Erweiterung, mancher einer Berichtigung bedürfen. Er 
wird auch bei der Betrachtung des Werkes seines Vorgängers in 
seiner jetzigen Gestalt sein schneidendes Urtheil nicht nur nichl 
wiederholen wollen und können, sondern auch das über die vierte 
Ausgabe in mancher Beziehung als ungerecht erkennen, besonders 
wenn wir noch Folgendes seiner eigenen Erwägung anheim ge- 
ben, was zwar den Werth und die Brauchbarkeit seines Wer- 
kes nicht mindert, aber doch in Betrachtung zu ziehen war und 
ist. 80 wie es von dem Verf. eines Wörterbuches in hohem Grade 
tadelnswerth wäre, wenn er die vorhandenen Vorarbeiten, in so 
ferne sie brauchbar sind, bloss aus Stolz oder aus kleinlichem 
Eigensinn, Alles selbst thun zu wollen, nicht benützen wollte, da 
ja auf dem ganzen Gebiete der Literatur nur dadurch allmählich 
Hohes errungen wird, dass der Nachfolgende an dem überlieferten 
Baue fortbaut, so ist es auf der andern Seite zu tadeln, wenn er 
seine Vorgänger theils verschweigt und doch stark benützt, theils 
tadelt und sie doch zu Hülfe nimmt, und dabei sich den Anschein 
gibt, als sey er der alleinige Meister seines Baues. Jenes hat 
denn auch Hr. Dr. Fr. gethan : aber wir hätten es an seiner Stelle 
für unsere Pflicht gehalten, auch diejenigen zu nennen, auf deren 
Schultern wir standen. Nach unserer Ansicht hätte der Verf. es 
um so mehr «thun sollen, da er so viel aus einem Buche aufge- 
nommen hat, das er nicht nennt, auf dessen von ihm verfasste sehr 
ungünstige Recension er aber seine Leser verweist, die dann um 
so mehr zu glauben geneigt seyn müssen, dass er ihm Nichts zu 
danken, Nichts mit ihm gemein habe. Aber man vergleiche ein- 



mal folgende zwei Artikel, und erkläre die Aehnlichkeit für bloss 



zufällig: 

* Will Jahrg. t. Heft 



20 



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30€ Franz: Uentߣb-C riech iicl* Wörter buch. 



Rost. 

Zucht: 1. Pflege zur Beförderung 
des Wachsthums, *<>o<pn 9 ri und 
%6 xpt<ptiv (von Thieren). — 
ctfOT) r). — (pvxtvoi^ ??. (von 
Gewächsen). — impiXtta 17. (im 
Allgemeinen). — 2. Erziehung 
zur Sittlichkeit: naiäeia, 7). — 
Jemanden in Zucht halten, ««- 
Söpcvov ttapex eiv TIV< ** — harte 
Zucht bei Kindern führen, xpa- 
yfoc nat&evttv xohq nai&aq. — 
Einem ein Kind in die Zucht 
geben, rcaoa34«*övai x »vi nalda 
«aiaevetv.— 3. Sittsamkeit, Ehr- 
barkeit,: *vxa$ia 9 4. — oexr-po- 

<™V7J, ^ — XOO fUÖTljC, 1?. — wei- 

öopxi«» ^ — Zucht heobachten, 
ri%axTiiv,*ooiii6jirv*xitv<rS<*i. 
— in Züchten und Ehren, ae»(fty6- 
xul xoofU©$. — ohne Zucht, 
dTaxTö«. — dxöafia)^. — d>ou- 
6\ö«. 



Zweok: axo»ö$ f 6 xeXos, 
tö. — v 7t 6 a x a a t q, n. — k n i- 
ßoXri, r). — w poaty ecr t«, 17. 
yvdpn^ n — seinen Zweck er- 
reichen, in\ xb xiXoq d(p*xvei> 
Sa* xt)<; ne«§eoc. — xaSUxy«i<;- 
Sat tij« imßoX^. — «einen 
Zweck verfehlen, äpafxäveiv 
yv®pnq. — ä^a^xdveiv wv- 
ti$ ßov'ktxati. — axv%tiv. — 
difOTt?7X <iv8lv — än ^axx tlv. 

— ich hab.e oder verfolge 
einen Zweck, tnoxtixai 

Tt t^o«. — ich habe 
den Zweck, es ist mein 
Zweck, *p inj elf*«*- — x*v 
yvoiiijvwoiot? i*ut. — mein 
Zweck wird nicht erreioht, 
0$ npo^optt uoi — äxvx<ö. 

— das ist der Zweck von etwas, 
Tovto <pQovoi, oder^cXci, oder 



Franz. 

Zucht, die, t. Pflege zur Be- 
förderung des Wachsthums, xpo- 
q>r, 9 7} — to xyifpeiv (von Thie- 
ren). — dyo/»;, 7} — <pvxtvati, 
r) (von Gewächsen). — iwifie- 
Xua, 1? (im AUgemeinen). — 2. 
Erziehung zur Sittlichkeit, nai- 
Utia, r). — naihevoi-, »?. harte, 
strenge Zucht, <r xXyj p ayu- 
7 ia, »j. — Jemand in Zucht hal- 
■ten, 7t64böfi€voy itaqixtiv Xivd. 
-T- harte Zucht bei den Kindern 
führen, Tpa^w« «uitfeüiivToi>« 
*ccid*a«. — Jemandem ein Kind 
in die Zucht geben, n^^aSiSövdi 
Ttvln«i3o natfttveiv — 3. Sitt- 
samkeit, Ehrbarkeit, oGKpvoovvri, 

7). xo.fuitTf;;, >j. — XÖfffiOt, 

6. — a t 5ca<;, — Zuchtbei 
den Soldaten, evx a$ia 9 
nt&ayxla — Zucht beobachten. 
tvxaxxelv, xo(7fitoT>jTt^p>;<i&oi. 

— in Züchten und Ehren, aoqtyd- 
; c.j, xcu xo'ofuot. — ohne Zucht, 
dxdxTGt, — dxötpec dvat- 

Zweck, der, axonoq, 6. — t4- 
Xo<;, ot?c f to — 7 v 0 ft 17 , 17. — - 
seinen Zweck erreichen, inl tu 
TtXo(;ä<p txvela^ai xffq 7i^d§eo^. 

— seinen Zweck verfehlen, dfiap- 
TOLvtiv xr}q fvm^i7i<i — dfiapxd- 
vuv uv ßovXixai, — dxr^elv. 

— Ihr Zweck 
and ihre Bemühung ist nur 
darauf gerichtet, denZu- 
schauern zu gefallen, t6 
intx«i?nfA<* *•! »7 anov- 
Sit etvxiit iax* xapegs*. 
»ou xoiq $iax*iq 9 Plat. — 



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«07 



Rott. 

ÜvvaxaLxi — Vom Zweck ab- 
kommen, abschweifen, Is® 
pot? oder ixxbii tf f »öf»ov cptp«a- 
$ai. Pass. — za welchem Zweck, 
ti ßovlöptioq, evtl , tvovj — 
?rp6; rtj — ini twj zu dem 
Zwecke, ini xovtg> , ini toi*« 
to — zu dem Zwecke, dass 

— ini Tfö, mit Infin. — obo« 
mit Conjunct. und Optat. — zu 
guten Zwecken, e ni t b 
xaXov oder ini x ei xuXeo. 

— für seinen eigenen 
Zweck, n pb<; t h v id Lav 
v n ö a x a a iv. 



Franz. 

Vom Zweck abkommen, ab- 
schweifen, 2§o» cT^oauv oder tx- 
T65 «tpapov <pipeo$ou. — Zu 
welchem Zwecke, ri 0ot>Xdpt- 
vot, — tyi;, — tvovj — Tipö« 
Ttj <»1 t©; zu dem Zwecke, 
dass — tot xw, mit Iniin. — 
oji©;, mit Conjunct. und Opta- 



Zeigt sich nun gleich in jedem Artikel etwas unserm Verf. 
Eigenes, oder, wahrscheinlich absichtliche, Auslassang, so ist 
doch erstlich klar, dass sein Buch nicht, wie Pallas aus Juppiters 
Haupte, so ganz unmittelbar aus seinem Forschen entsprungen ist, 
und zweitens, dass ihm das Material seines Vorgängers nicht so 
ganz unbrauchbar erschienen seyn muss Um aber auch zu zei- 
gen, dass Vieles stark abweicht, und von diesem Vorganger nicht 
geliefert ist, fügen wir der Gerechtigkeit wegen noch einen Ar- 
tikel bei: 

Rost. 

Abbrechen, I. transitiv, und zwar i) in eigentlicher 
Bedeutung: dnopprjyvvvai — dnoxXdv. — napa&pat-£tv. — dno- 
Spaveiv. — ntfjixXäv und rc€pi9paimv, (einzelne Theile, die ein 
Ganzes umgeben, wie Aeste von einem Baume und dergl.) — 
dnodfineiv und dnodpintoSai (hauptsächlich von Blumen). — 
Früchte abbrechen, dnoXiytiv xa^novq. — xa^noXoy$lv, — ein 
Gebäude und dergl. abbrechen, xa&atpctp. — xaxaoxdnxuv. — 
die Zelte, das Lager abbrechen, dvaiptiv tat; axrjvdq. — dnai- 
peiv. 2. figürlich: a) plötzlich hemmen, xaxanavttv. — Xvetv. 
— 9iaXtfcv. — b) entziehen, ixpaiptiv und v<f>a^ela^at. — Ei- 
nem von etwas abbrechen, dnooxtptlv xtvd xtvoq. — Dem Schlaf 
etwas abbrechen, t>a>atp«o» %ov vnvov, — II. intransitiv: 1) 
eigentlich: tnoppi;, i va&ou, nepippr t yx t-^bat, priyvvoSai. pass. 
2") figürlich: von Etwas abbrechen, ä^ojiarji^ot tivo<;. iäv 
Xiyuv wept xivoq. — in der Rede abbrechen, dnoaianäv. 

Franz. 

Abbrechen, I. v. tr., 1) durchbrechen, einen Tbeil vom 
Ganzen lösen, dnoppnyvvai., xi (abreissen). — dnoupavetv, Aristoph. 



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34»8 Franz: DeuUch-Griechiacbe« Wörterbuch 

dnoxXäv und ittqiuX&v (ohne Kraftanstrengung, bes. Aeste u. 
dergl.) — auch ntnn'spavtiv^ tt. — (knoxav\i£uv, xt (die Sten- 
gel unddergl.), poet. oi^fia^ttn, z. B. #ovaxa$, Horn. — Blu- 
men und Früchte, dnoHfintaSai (abpflücken}, dinoxvi(uir, dno- 
Xiyeiv (gleichsam nur ablesen). — auch xapnoXoytlv, — in, bei 
etwa a., IvanoxXäv (z. B. <?opcixi« tvaitnxcxX'io ro ßuXXoniiw. 
Thucyd.) — Bildl. Einem etwas entziehen, mit dem Nebenbegr. 
einer Gewalt, vtponptiv iivä xi xtyonvüaSai nvä ti von Jmds. 
Verdienste, xoXovnv ru he, !lo$'*v , Dem.: auch genügt bisw. 
<(>$ovtiv ( xti'i xt — 8. durch Brechen auseinandernehmen, einreis- 
sen, ein Gebäude, eine Mauer, xu^uiptiv, xaxaoxdnxuv xu%»i. 
— ein Zelt, dvaiytlv Xen. dvuandi jn^v. Herodt. — das Lager 
a., utxaaxyixonedtvta&ai (?) Xen. — Uneig. den Fortgang 
einer Sache plötzlich hemmen, z. B. ein Gespräch a. pexa£e %bv 
Xoyov naxaXiinttv, — xaraXvtiv toi» Xö-jop, SiaXvgiv t^v 
ovoiav. Plat.: auch dnaXXaxxtoSou ftmX*) outvov ntyi xivo$, 
od. xaxanacfiv xhv Xbyov, nar-codau Xijopxu — bisw. durch 
dtnoa iG)7iav. — Poet. Xr t yuv* dnoX^ystv, iniav und dergl. um die 
Rede nicht abzubrechen, 'Iva pr, dxtXi;* yivr t xai, 6 Xöyoq, Plat. — 
II. v. intr. durch Abbrechen sich lösen, dnopp^ywo^aty — ano- 
xXäa&at. Auch bildl.. wie: alle Qualen brechen ab, näaat, ai 
hSvvat, X^yovnt^ navorrai, 

Eine der obigen gleiche Bemerkung müssen wir noch in Hin- 
sicht auf einen zweiten Punkt machen. Es betrifft diess die Sy- 
nonymik, die Hr. Dr. Fr. besonders berücksichtigt zu haben er- 
klärt. Das wird ihm Niemand abstreiten, auch die Richtigkeit der 
Unterscheidungen grösstenteils zugeben, wiewohl zuweilen Etwas 
übersehen ist (z. B. gleich unter Aas dürfte gesagt seyn, in wel- 
cher Hinsicht und wann denn Aas jito>b beissen könne, und 
was denn eigentlich iXxr^ta bezeichne?) Aber war denn auch 
hier der Verf. der Erste, der darauf Rücksicht nahm? oder gibt 
es nicht etwa ein sehr nützliches Buch von Vömel (Deutsch- 
griechisches synonymisches Wörterbuch. 9. Ausg. 
Frkf. Bronner 1828.) und hat es nicht Hr. Dr. Fr. recht fleissig 
benützt? Wir hätten bei so häufiger wörtlicher Benützung jenes 
Buches es für unsere Pflicht gehalten, auch desselben in der Vor- 
rede Erwähnung zu tbun, damit Niemand dem Verf. Schuld gebe, 
als habe er behauptet oder sich benommen, als sey von ihm auch 
hier die Bahn gebrochen und Alles allein gethan worden. Man 
vergleiche einmal; 

Vömel. Franz. 

Bundesgenosse: — «ifu-pa- * Bundesgenosse, der, (vp- 
X<>< ist einer, welcher vermöge f*«*«"» ofi«i;*fio$. 6 (dervermö- 
eines Bündnisses (sich gegen- ge eines gegenseitigen Schutz* 



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> 



Frans: Deultch-Griecliwthe« Wörterbuch. 309 



Vömel. 

seit ig zum Schutz und Trutz) mit 
einem in den Krieg zieht. — 
ininovpoi. llülfsvölker, — meist 
gegen Sold genommen. — der 
'! in au y ^ muss sich als mit be- 
leidigt ansehen von dem, gegen 
welchen er hilft, der kninov^o^ 
aber nicht. 



. Franz. 

und Trutzbündnisses mit Einem 
in den Krieg zieht). — enl*ot>' 
poq 6 (meist gegen Sold gedun- 
gen; '.letzteres verhält sich zum 
ovfipaxoc so, dass dieser sich 
als beleidigt von dem ansehen 
muss, gegen den er zieht, der 
r^o^ aber nicht.) 



Man vergleiche überdiess Artikel aus allen Buchstaben des 
Alphabeths: wir führen nur noch einige aus A und B an: Abbil- 
dung, Affect, Affectiren, Als, Altar, Anfall, Becher, 
Begierde, Bitten, Brief, Bauch, Anklage, Ausplün- 
dern. — Allerdings sind diese Artikel auch noch von dem Verf. 
erweitert und vervollständigt, aber zum Theil auch mit Rostschem 
Material, z. B. Brief, Bundesgenosse, d. h. zum Theil mit 
eigenen werthvollen ; auch ist häufig der Vömersche Ausdruck et- 
was abgeändert, aber darum nicht minder entlehnt. 

In Hinsicht auf Vollständigkeit haben wir auch Einiges aus- 
zusetzen gefunden, und führen nur wenige Artikel zur Probe an: 
Abendwind, als Westwind, steht zwar da, aber es fehlt als 
„Wind, der des Abends weht"; obgleich Morgenwind, von der 
Zeit gebraucht, da ist. Ebenso ist es mit Abend regen, da 
doch Morgenregen aufgenommen ist, und Abendk ü h le, wie- 
wohl Morgenkälte da ist; Abendgebet und Abendsegen 
fehlen, Morgengebet und Morgensegen finden sich. Wir 
vermissen ferner z. B im C Camee, Camisol, Canaan, Ca- 
naniter, Canel, Cassia, Centaur (Kentaur findet sieh*), 
aber für den Schüler war Hinweisung nöthig, weil er diess aus 
der allgemeinen Vorschrift nicht scbliessen kann , eben so wenig 
als bei (Cybele, Cyklop, Circe; auch Centurie, Codicill, 
Co horte, Cymbel vermissen wir, überdiess Abhub, Abbet- 
teln, Lebewohl, Quälgeist, Weltbaumeister, ABC- 
Buob — und so könnten wir natürlich noch lange fortfahren, 
ohne deswegen das Buch für sehr mangelhaft erklären zu wollen: 
hat es doch, bei ziemlich gleichem Drucke, 700 Columnen mehr 
als das Rost'scbe. Setzen wir die Vergleichung noch durch ein 
paar Momente fort, so hat Kost von A bis Abdanken 4 Co- 
lumnen, Franz 6; Rost 71 Artikel, Franz auch: aber der Letztere 

% Wie kommt ee wohl, da** C a n t nn i r ti n fr. im C'anton im K 
•teht, also Kanton geschrieben ist. 



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I 



810 Franz: Deutsch-Griechische« Wörterbuch. 

hat darunter 8 Eigennamen, während Rost ausserdem noch im An- 
hang 11 Eigennamen hat. Wir müssen schlicssen, dass F. diese 
Mehrzahl nicht wollte : denn sie lag ihm ja vor, z. B. A band n s. 
Abarea. Abasitis, Abba. Dagegen hat er Abanten, was 
bei R. fehlt. 

Das Eingehen in das Einzelne, Bemerkungen über Gebrauch 
und Nichtgebrauch von Wörtern und Redensarten, von < 'Instruc- 
tionen und dergl., über Anordnung verschiedener Artikel, Ent- 
wicklung von Begriffen, so weit sie hierher gehört, und für den 
Sprachgebrauch von Wichtigkeit ist, überlassen wir denjenigen 
kritischen Blattern, welche, auf Philologie und Schulschriften sich 
beschränkend, solchen Werken mehr Platz einräumen können. Wir 
hatten uns eine ziemliche Anzahl von Anfragen notirt, und unter- 
drücken sie nur ungern, um nicht noch mehr Raum in Anspruch 
zu nehmen. Wir würden z. B. fragen, warum Aber bloss als 
Conjunction aufgeführt ist, und nicht in seiner adverbialischen 
Grundbedeutung, wo es mit abermals zusammenfällt? warum 
der Grundbegriff von uiv und (welcher gar nicht zwar und 
aber, sondern ursprünglich, nur anreihend, erstens und zwei- 
tens bedeutet) nicht angegeben ist? wie (unter Contrast) der 
Verf. dazu komme, den Senar aus den Fröschen des Aristophanes 
(v. 47.): x'a; 6 vovc\ iL xöSopvoq xai ponaXov $vi t'A^nr,v ; zu 
übersetzen: — „was macht der Kothurn mit der Keule 
für einen Kontrast? 44 statt: „wie verträgt sich der Ko- 
thurn und die Keule? 44 d. b. „Kothurn und Keule, wel- 
cher Contrast! — Doch, wie gesagt, wir überlassen derglei 
chen Fragen Andern : wie denn dem Vernehmen nach auch schon 
eine Stimme, und zwar von dem nächsten Vorgänger des Hrn. 
Dr. Fr., in der Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft abge- 
geben worden ist; und begnügen uns damit, .über Einiges, was 
nach unserer Ansicht gesagt werden musste, uns erklärt zu ha- 
ben, übrigens dem Verf. die gerechte Anerkennung seiner tüchti- 
gen und werthvollen Leistung nicht vorzuenthalten, sondern dem 
Werke vielmehr in recht, vielen Händen einen segenreichen Ge- 
brauch zu wünschen. Den Verf. aber, oder den Corrector, bitten 
wir, bei einer zweiten Auflage dem Werke den fatalen Appendix 
von 7 Vi enggedruckten Seiten mit „Verbessserungen und Zusätzen" 
zu ersparen, 
ülm. 

GH. Moser. 



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Srliulz: Gcüchiclitc der BurhiJruckcrkunat. 



311 



Gutenberg, oder Geschichte Her Buchdrucker kuntt t von ihrem Uitprungc bis 
zur Gegenwart. Bearbeitet von Otto Augutt Schulz. Eine Fett- 
gabe für jeden Gebildeten zur vierten Sdcularfeier da Typendruckt. 
Mit 8 fhlztticken. Leipzig, Verlag von Schulz und Thomat. 184». 
8. 123 & 

Man durfte in unserem vielschreibenden Jahrhundert, das sel- 
ten eine Gelegenheit, die Lesewelt mit unzähligen Büchern und 
Büchlein heimzusuchen, vorübergehen laset, mit Gewissheit vor- 
aussetzen, dass das vierte Säcularfest der Erfindung der Buch- 
druckerkunst viele Federn in Bewegung setzen würde. Die Ge- 
schichte dieser einflussreichsten aller Erfindungen ist vielfach be- 
handelt, gewöhnlich aber schlecht, mitteltnassig öfter, gut und kri- 
tisch nur einmal von Hrn. Wetter („Geschichte der Erfindung der 
Buchdruckerkunst", Mainz. i836. 8.). Ehe neue Documente über 
den Gang der Erfindung zu Tage gefördert werden, muss dieses 
Werk als Schlussstein aller früheren Arbeiten gelten, und es soll 
uns desshalb bei der Beurtheilung der in diesem Jubeljahr über 
diesen Gegenstand erscheinenden Schriften, die sämmtlich in die- 
sen Jahrbüchern besprochen werden sollen, als Anhaltspunkt dienen. 

Das vorliegende Büchlein tritt zuerst , aber bescheiden in die 
Welt; es macht auf kritische Werthscbätzung keinen Anspruch 
und die Kritik darf es also nur als das, was es seyn will, näm- 
lich als „eine Festgabe für jeden Gebildeten", betrachten. Im 
Ganzen entspricht es auch seinem Zwecke durch eine flüchtige 
Berührung aller Gegenstände, welche in den Kreis der Buchdruk- 
kerkunst gezogen werden können. Wir erfahren etwas Weniges 
über die Erfindung selbst und ihre Verbreitung, sehen die bedeu- 
tendsten Typographen aller Länder in kleinen, mitunter auch sehr 
magern Skizzen uns vorgeführt, und erhalten dann eine nicht breite, 
aber auch nicht immer sehr klare Lection über die einzelnen Theile 
der Kunst, über Steropelschneiderei , Schrif tgiesserei , Stereotypie, 
Pressen, Druckmaschinen etc., so wie über Notendruck, Landkar- 
tendruck und Ektypographie. ■ 

Wir beschränken uns, da diese Zeitschrift nur über bedeu- 
tende, die Wissenschaft wirklich fördernde Werke grössere Beur- 
teilungen zulässt, auf einige wenige Bemerkungen über den Ab- 
schnitt des Büchleins, welcher die Geschichte der Erfindung be- 
handelt. — Hier tritt uns sogleich die unangenehme Ueberzeugung 
entgegen, dass der Verf. nicht nach der neuesten Quelle (Wet- 
tert gediegenem Werke), sondern nach C. A. Schaabs fchlcrrei- 
chen Compilation (Geschiebte der Erfindung der Buchdruckcrkunsl 



3)1 r. Littrnw: Geschichte der inducliven Wiisenschaflen. 

jMainz. 1830t— 31. 3 Bde. 8.) gearbeitet hat. Desshalb findet man 
vieles Falsche und Halbwahre, was durch die neuesten Forschun- 
gen bereits beseitigt ist. Die Ansprüche Strassburgs auf die Ehre 
der Erfindung sind nicht näher beleuchtet, was um so nöthiger ist, 
wenn man die Erfindung im Jahr 1840 vierhundert Jahre alt seyn 
lässt ; die Verbesserung Peter Schöffer's im Gussverfahren ist eine 
andere, als die in diesem Schriftchen angegebene, und Johannes 
Fust war, wie der Verf. glaubt, kein Goldschmitt, sondern ein 
reicher Privatmann, lieber Manches äussert der Verf. Zweifel, 
worüber man nach den neuesten Forschungen im Klaren ist. So 
ist das „Catholicon" (1460) nicht wahrscheinlich, sondern 
gewiss von Gutenberg gedruckt. Auch ist des Erfinders Grab- 
stätte nicht unbekannt, sondern befand sich zu Mainz in der ehe- 
maligen Franciskanerkirche in der Schusterstrasse, an deren Stelle 
später das Jesuitencollegium stand und jetzt ein neues Iläuserqua- 
drat erbaut ist. 

Die dem Büchlein beigefügten Holzschnitte sind theils Ab- 
drücke älterer Tafeln, theils nicht vorzügliche neuere Arbeiten, 
lieber allen Begriff abscheulich sind die Abbildungen, oder besser 
Verzerrungen der beiden Basreliefs auf dem Gutenbergsmonument. 

Külb. 



Geschichte der inductiven Wissenschaften, der Astronomie , Physik, Mecha- 
nik, Chemie, Geologie etc. von der frühesten bis zu unserer Zeit. A«cA 
dem Engluchen de» W. W hew eil , mit Anmerkungen von J. J. Lit- 
trow, Director der k k. Sternwarte in Wien. Brater Theil. Stutt- 
gart, 1840. 443 S. 8 

Die in England mit grossem Beifall aufgenommene History 
of the induetive Sciences from the earliest to the present times in 
3 Bänden, von dem als Astronom, Physiker und Geolog ausge- 
zeichneten William VV he well, erhält hier eine Uebertragung 
in die deutsche Sprache durch den nicht minder berühmten Wiener 
Astronomen v. Littrow. Dieses zu wissen genügt schon, um 
ein günstiges Vorurtheil für das Werk zu erwecken, und wir 
können versichern, dass das Publicum in seinen Erwartungen nicht 
getäuscht werden wird. Eben daher darf man hier keine eigent- 
liche Kritik des Einzelnen erwarten, die obendrein bei einem so 
reichhaltigen Werke schon dann zu weitläuftig werden müsste, 
wenn sie sich nur auf eine kurze Beleuchtung des wesentlichsten 
Inhalts beschränken wollte. 



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* Littrow: Geschichte der inductiven Wissenu haften. 313 

Von welchem Standpunkte der berühmte Britte hei der Ver- 
fassung dieses Werkes ausgegangen sey, gibt er selbst in der 
Vorrede an, wenn er S. 8. sagt: „Das novum organon von Baco" 
(Franc. Baco von Verulam . geb. 1501, gest. 1626) „wurde sehr 
angemessen durch sein früheres Werk : Advancement of Learning, 
in die gelehrte Welt eingeführt, und so wird denn auch ein Ver- 
such, seine Reform der Methode und der Wissenschaft selbst fort- 
zusetzen und weiter zu führen, ebenfalls durch eine vollständige 
Uebersicht des gegenwartigen Zustandes der menschlichen Brkennt- 
niss am besten eingeleitet und begründet werden können. Der 
Wunsch, zu dieser Reform etwas, so wenig diess auch seyn mag, 
beizutragen, war die Veranlassung zu dem gegenwärtigen Werke 
über die Geschichte der inductiven Wissenschaften." Allerdings 
sind die jetzigen Zeiten von jenen, in denen Baco lebte und 
wirkte, himmelweit verschieden. Damals musste man die Form 
der Untersuchungen aus den Werken der Gelehrten des Alter- 
thums entnehmen, um die richtige Bahn nicht gänzlich zu verfeh- 
len, auch war es rathsam, die Resultate eigener Forschungen an 
dasjenige zu knüpfen, was die Alten bereits aufgefunden hatten, 
gegenwärtig aber ist eine ganz andere Methode, man darf sie 
wohl die mathematische nennen, für die Bearbeitung der inductiven 
Wissenschaften gewählt, und eben durch diese ist die Masse der 
woblbegründeten Thatsachen so unglaublich vermehrt,, dass von 
dem ganzen, aus dem Alterthume ererbten Schatze nur weniges 
als eigentlich brauchbar gelten kann. Dennoch aber bleibt das 
Alterthnm stets ehrwürdig, und der eigentliche Gelehrte muss seine 
Wissenschaft nicht bloss in ihrem ganzen Umfange kennen, son- 
dern auch die Geschichte derselben, um zu wissen, auf welchen 
vielfachen Irrwegen man endlich zur Wahrheit gelangt. Ausser- 
dem aber ist ein solches geschichtliches Studium von grossem In- 
teresse, denn es belehrt uns, wie der menschliche Verstand alle- 
zeit glaubte, die richtige Bahn gewählt zu haben, obgleich er sich 
weit von derselben verirrt hatte, und hierdurch dürfte wohl das 
bescheidene Geständniss errungen werden, dass kommende Gene- 
rationen vielleicht unsere ganze jetzige Ausbeute eben so man- 
gelhaft finden könnten, als wir die der Gelehrten aus der Vorzeit. 
Inzwischen zeigt der Verf. sehr deutlich, warum die Methode der 
Alten unserer gegenwärtigen so weit nachsteht, nicht weil Jene 
Beobachtungen und Versuche gering schätzten, sondern weil sie 
allzugeneigt waren, gewisse allgemeine, durch Speculation gefun- 
dene Gesetze, aufzustellen und in diese dann die gemachten Er- 



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314 t. Littrow: Geschichte der induetiven Wissenschaften 



fahrungen hineinzuzwängen, statt das« wir die durch vorurtheils- 
freie Prüfling aufgefundenen Thatsachen unverrückt festhalten, 
und sie lieber unerklärt für sich bestehen lassen, als sie durch 
irgend eine gezwungene Modiflcirung den keineswegs genügend 
begründeten allgemeinen Gesetzen unterzuordnen. Wir müssen 
uns glücklich schätzen , diese Bahn betreten zu haben , denn es 
gab noch neuerdings eine Zeit, in welcher man der Speculation 
allzugrosse Rechte einzuräumen geneigt war; die Geschichte aber 
belehrt uns, dass dieses allezeit mit der Gefahr, die eigentlichen 
Fortschritte zu hemmen, verbunden ist. 

Dieser erste Band geht bis auf Keppler*), welcher als 
Nachfolger des Copernicus allerdings, namentlich im Gebiete 
der Astronomie, einen bedeutenden Abschnitt bildet. Wollte man 
aus diesem ersten Grunde irgend eine Abtheilung besonders her- 
vorheben, so dürfte wohl die Art, wie die Philosophie des Ari- 
stoteles und Plato nebst der Anhänger beider, bis auf die 
Scholastiker herab, dargestellt ist, als vorzüglich bezeichnet wer- 
den. Ueber den Anfang des geologischen Studiums findet sich 
noch nichts in diesem Bande, weil diese Wissenschaft bekanntlich 
jünger ist, als die Periode, bis auf welche die Untersuchungen 
herabgeführt sind ; doch dürfen wir über diesen wichtigen Zweig 
def Naturwissenschaften von unserem Verfasser gleichfalls etwas 
Vorzügliches erwarten. Der Uebersetzung merkt man die Ueber- 
tragung aus einer fremden Sprache nicht an, wie sich von einem 
so gewandten Schriftsteller wohl nicht anders erwarten lässt, die 
mitunter nicht unbedeutenden Anmerkungen von v. Littrow aber 
enthalten namentlich einen reichen Schatz von biographischen und 
literarischen Nachweisungen, die den Werth des Werkes unbe- 
zweifelt erhöhen. 



•) Ref. bemerkt bei diesem grossen Manne, dass er sich lateinisch 
Kepler us. deutsch aber Keppler iu schreiben pflegte. 

Mu ncke. 



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31» 

KURZE ANZEIGEN. 

(Fortsetzung von Nr. 10.) 



lla^a&o'zoypdtyoi . Scriptores rtrum mirabilium Gracci. In sunt ( ArittotelU) 
Mirabiles Auscultationcs ; Antigoni, Apollonii, Phlegontis Historiae vti- 
rabilcs; Michaelis Pselli tectiunes mirabiles. Heliquorum ejusdem gene- 
ris script orum tlcpertlitorum fragmenta. Accedunt Phlcgontis Macro- 
bii et Ohjmpiadum Hcliquiac et Anonymi tractatus de Mulieribus etc. 
Edidit Antonius W est er mann ph. Dr. litt. Graec. et Horn, in univ. 
Lips. P. P 0 Brun^vigae Sumtum Jecit Georgius Wettermann. Lon- 
dini apud Mach und Armstrong. 183«). LVI. und 224 & in gr. 8. 

Die hier in einem Bande vereinigten Schriften und Bruchstücke, 
«o verschiedenartig sie auch unter einander in Absiebt anf ihre 
Verfasser allerdings sind, bilden doch andrerseits ein durch die 
Aehnlichkeit des Inhalts verbundenes Ganze, das uns freilich nicht 
die grossen Verluste ersetzen kann, die wir in diesem Theile der 
griechischen Literatur erlitten haben, aber bei dem Mangel um- 
fassenderer und besserer Quellen, desto mehr unsere Aufmerksam- 
keit auf sich ziehen, und damit auch den Plan des Herausgebers: 
diese verschiedenen Reste und Trümmer in einer Sammlung, die 
vor Allem einen berichtigteren Text liefern soll, zu vereinigen, 
fechtfertigen kann (S nag. IX.). Doch beschrankt sich des Her- 
ausgebers Bemühung nicht auf diesen kritischeu Theil der Aufgabe, 
indem er die Gelegenheit benutzt hat zu einer recht tüchtigen, 
literarhistorischen Untersuchung über diese ganze Classe von 
Schriftstellern, deren Reste, so weit sie auf uns gekommen, sich 
hier vereinigt finden. Wenn er darin Alexandria als den Ort 
betrachtet, von welchem dieser eigentümliche Zweig der griechi- 
schen Literatur ausging: Nachrichten über unerwartete, auffallende, 
wunderbare Naturereignisse, dann aber auch über Gegenstande, 
die dem Bereich der Geschichte, zunächst der mythischen an- 
heimfallen, aus anderen Werken auszulesen und in eigens zu die- 
sem Zweck angelegten Sammlungen zusammenzustellen, so wird 
diess Niemand, der die ganze Richtung und den Geist der alex- 
andrinisohen Literatur kennt, befremdlich finden, zumal da selbst 
positive Zeugnisse es bestätigen, welche in Schriftendes C al Ii ma- 
ch us von Cyrene uns die ersten Versuche der Art erkennen las- 
sen (s. pag. X.). Der Verf. hat eine Zusammenstellung aller der 
hierher gehörigen Schriftsteller sammt ihren Schriften, von denen 
wir Kunde erhalten, in möglichster Vollständigkeit zu geben ver- 
sucht (p. XIV — LIII.) , und da wir in das Einzelne der Untersu- 
chung hier nicht weiter eingehen können, so wollen wir doch we- 
nigstens die Namen dieser Schriftsteller anführen, als Beweis des 
Umfanges und der Ausdehnung, welche dieser Zweig der Litera- 
tur unter den Alexandrinern und Peripatetikern, so wie noch spä- 
terhin in den christlichen Jahrhunderten gewonnen hatte: Agathar- 



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316 Kurze Anzeigen. 

chides von Cnidus, Alexander, Anthemius von Tralles, Antigonus 
Carystius, Apollonius, Archelaus der Aegyptier, Aristooles, Ari- 
stoteles oder vielmehr Pseudoaristoteles (da die den Namen des be- 
rühmten Philosophen tragende Schrift nt^u $avp*Muimv dxov^^ä- 
tav mit Recht als späteres Mnchwerk anerkannt wird), Calliina- 
clms, Damascius, Diophanes, Ephorus, Isignnus, Lysimachus, Mo- 
nimus, Myrsilns, Nicolaus Damascenus, Nymphodoros, Philo Hera- 
cleota, Philostephanus vou Cyrene, Phlegon von Trnlles, die bei- 
den Periegeten Polemo und Protagoras, Michael Psellus 1 Ptole- 
mäus Hephästion, Sotion, Theopompus, Tropliilus; bei den Rö- 
mern Varro, Julius Obsequens, an welche sich wohl noch man- 
che andere Grammatiker der spätem Zeit anreihen möchten. 

Was nun den Inhalt der Sammlung selbst betrifft, so folgt 
auf die im Titel bezeichneten Schriften des Aristoteles (bei 
welcher Gelegenheit der Verf. auch über die von Bekker benutz- 
ten Codices sich verbreitet), Antigonus, Apollonius und Phlegon 
die kleine, nach einer Münchner Handschrift und unter Benutzung 
einer Wiener Collation zum erstenmal im Druck erschienene Schrift 
des Michael Psellus nepi na$u8n%G>v üva? im >iudxu»v j daranreihen 
sich Bruchstücke verlorener Schriften ähnlichen Inhalts von An- 
themius, Archclaus, Aristocles, Callimachus, Isigonus, Lysima- 
chus, Monimus, Myrsilus, Nicolaus Damascenus, Nymphodorus, Phi- 
Ion, Philostephanus, Polemo, Sotion, Theopompus und Trophilus. 
Einen Appendix des Ganzen bildet die dem Phlegon zwar beige- 
legte, aber nach der Untersuchung des Herausgebers (S. XLI.) 
unächte Schrift mal uo^podccni», eben desselben Fragmente 'OXva- 
itLadtov i* ^povixwi ■, und die Abhandlung eines Ungenannten De 
Mulieribus (Anecdoten und Charakterzüge von Frauen) und einiges 
Aehnliche <pi\a<ftX<f>oi 9 ipiXtvaipoi. Dass bei der genauen Re- 
vision des Textes auch einige Kroendationen G. Herraann's benutzt 
wurden, ist nicht zu übersehen. Die äussere Ausstattung für Druck 
und Papier ist vorzüglich. 



Piatonis P armen ides cum quatuor lit/ris Prolegomcnorum et com- 
mentario perpetuo. decedunt Prodi in Purmenidem commentarii 
nunc emendatius editi cuia Godofr. Stallbaum. Lipsiae e libraria 
Lehnholdiana. MDCCCXXX1X I I. und 1018 $. in gr. 8. 

Indem die Redaction der Jahrbb. mit Nächsten iu einem gros- 
seren, den neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der platonischen 
Literatur gewidmeten Artikel auf diese Ausgabe, die eine wahre 
Bereicherung unserer Literatur bildet, zunickzukommen hofft, be- 
gnügt, sie sich jetzt, im Allgemeinen auf diese Bearbeitung eines 
der schwierigsten Platonischen Dialoge, an dem so manche Kräfte 
in alter und neuer Zeit sich versucht, hier aufmerksam zu 
inachen, da diese Ausgabe nach einem grösseren und umfassen- 
deren Maasstahe angelegt ist, als die bisher von dem Herausge- 
ber in der zu Gotha erscheinenden Sammlung gelieferten Ausga- 



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Karte Anzeigen. 



«17 



ben anderer Dialoge, eben darum auch davon getrennt ist. Nicht 
blos einzelne Noten unter dem Text suchen das Verständniss 
der schwierigen Buches zu fördern ; es ist diess insbesondere die 
Aufgabe der fast viertehalbhundert Seiten starken Prolegomena, 
die Stoff und Inhalt des Werkes. Form und Darstellung desselben, 
wie den Gang der Untersuchung, und die Beziehungen derselben, 
die Verhältnisse dieses Dialogs und seines Inhalts zu andern Dia- 
logen Piatons, und die Stelle, die ihm demnach in der Reihe der 
Platonischen Dialogen anzuweisen, in einer eben so erschöpfenden, 
auch andere Ansichten berücksichtigenden, als klaren und ver- 
stäud liehen Weise besprechen und so das Studium dieses Werkes 
zu einer unerlasslichen Aufgabe für jeden Freund der platonischen 
Philosophie machen, zumal da der Verf. sich genöthigt sah, über 
manche andere Punkte der alten Philosophie, zunächst der Pytha- 
goreischen und Aristotelischen, so wie auch der neueren und neue- 
sten Philosophie, in ihrem Verhältniss zu Plato und dessen Lehre 
und Auffassungsweise nähere Erörterungen zu geben. Dass der 
der Vollständigkeit wegen, wie billig, beigefügte Commentar des 
Proolus, den Cousin zuerst gab, hier in einer ungleich berichtig- 
teren Gestalt erscheint, wird kaum einer ausdrücklichen Erwäh- 
nung bedürfen. An den erforderlichen Indices und möglichster 
Correctheit des Druckes hat es des Herausgebers Sorgfalt nicht 
fehlen lassen. — 

Als ein anderer Beitrag zu dem Verständniss eines andern 
schwierigen Platonischen Dialogs ist weiter anzuführen nachste- 
hender Versuch eines jüngeren, mit Plato und den Piatonikern 
wohl vertrauten Gelehrten: den Mythus der Diotima einer nähe- 
ren Erörterung zu unterwerfen, die eben so wohl die neuern Er- 
klärungsversuche, als, wie selbst der Titel bemerkt, auch die älte- 
ren in ihren Bereich zieht, um so die Erklärung des Symposion 1 » 
selbst und dessen richtige Auffassung und Würdigung zu för- 
dern. Wie aber der Verf. in dieser Beziehung denkt, mögen 
die Worte der Vorrede erkennen lassen: — satis babebo, si ex- 
plicationis meae ambagibus id ero assecutus, ut, quemadmodum 
ego, ex quo primum in inferiorem hujus fabulae cognitionem veni, 
simul vitam humanam et intelligere melius et aestimare didici, ita 
ii, qui vitam humanam, id est Amoris vitam, paulo accuratius ad- 
spexerint, ejus ortum, sortem et indolem divinitus a Piatone fabula 
nostfa illustrari intelligant, atque illam ex hac in dies sapientias 
aestimare, hanc ex illa magis magisque pernoscere discant. — Der 
Titel der Schrift selbst lautet : 

Diäter tatio Platoniea, qua tum de causa et natura myt Horum 
Plat onieorum disputatur, tum mythus de amorie ortu, »orte 
et indole a Diotima in ( onvivio narratue, explicatur. Acce- 
dunt scholia et. enarratio cor um, quae inde a Plutarcho ad ülu$trandum 
mythum allata fuerunt Scripsit Alb. Jahn ins , Rernas Hclvetius. 
Hernac apud C. II. Jcnnium , filium. MDCCCXXXIX. I UI. und 195 
4 in gr. 8. 



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S18 



Kurse Anseigen. 



Euripidit älcestis. Recensuit Fridericus Hcnrieut Rothe. Edi- 
th seeunda emendatior. Lip$iae, sumtibus librariae Hahnianac. — 
MDCCCXXXIX. 59 ä. in gr. 8. 

Eine neue Auflage der schätzbaren, früher in diesen Blat- 
tern bereits besprochenen Ausgabe einzelner Dramen des Euripi- 
des, welche zunächst für den Schalgehrauch und für Privatstu- 
dien dienen sollen Die sorgfältige Auswahl der Noten, die nir- 
gends das gehörige Maass überschreiten und zugleich Einiges aus 
den griechischen Scholien bieten, der durchweg berichtigte und cor- 
recte Text werden auch dieser erneuerten Bearbeitung eine gün- 
stige Aufnahme siebern. 



BaT^aXoixvcfxaXia 'Optici} Die Batrachomy omachic griechisch, mit 
grammatischen Hinweisungen und einem Wortregister für Anfänger, 
von Gottl. Christ. Crusius, Subrector am Lyceum in Hannover. 
Hannover. Im Verlage der llahn'schen Buchhandlung. 38 £, in gr. 8. 

Schliesst sich ganz an die in diesen Jahrbb. (1839 p. 1087.) 
bereits besprochene Bearbeitung der Odyssee durch denselben 
Herausgeber als eine nach Form und Tendenz völlig gleiche Zu- 
gabe an, weshalb auf die frühere BeurtheiJung verwiesen wer- 
den kann. 



Antig one. Ein Trauerspiel von Oswald Marbach. Leipzig. J. f. 
Heinrichs'sche Buchhandlung. 1839. 106 N. in 8 

Ist nicht sowohl eine Uebersetzung des bekannten Sophoclei- 
schen Stückes ; „das Meisterwerk griechischer Poesie als Meister- 
werk deutscher Sprach- und Verskunst wiederzugeben 1 ', war des 
Verf. Streben, der hier eine freie Nachbildung geliefert hat, wel- 
che in einer unserer Zeit und unserem Geschmack näher liegenden 
Weise die Schönheiten des griechischen Gedichtes darstellen soll. 
Die äussere Ausstattung ist sehr geschmackvoll. 



Anleitung zu griechischen Stylübungen in Regeln und Beispie- 
len. Rearbeitet von Karl Halm, Vrofessor am k. Lyceum und Gym- 
nasium zu Speyer. Des zweiten oder syntaktischen Theiles erster Kur- 
sus. Zweite verbesserte Auflage. München 1840. Joseph Lindauer'- 
sche Ruchhandlung. (C T. Fr. Sauer.) XML und 206 S. in gr. 8. 

Auch mit dem besondern Titel: 
Elementar buch der griechischen Syntax, in Beispielen zum Veber- 
setzen aus dem Deutschen ins Griechische. Erster Cursus. Die Lehre 
von der Syntax des Nomen. 

Die erste Auflage, so wie die übrigen Theile dieses höchst 
zweckmässig eingerichteten und zugleich eine vollständige Gram- 
matik bietenden Uebungsbuches sind in diesen Jahrbüchern (1839. 



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I 



Kurz« Anzeigen 



319 



p. 616 ff. und 1025 ff.) bereits besprochen worden. Bs ist daher 
hier blos noch die Bemerkung beizufügen, dass die neue Auflage 
mit vollem Recht eine in jeder Hinsicht verbesserte sich nennen 
kann, da nicht blos im Einzelnen an Beispielen und Regeln zahl- 
reiche Verbesserungen vorgenommen worden sind, die ohne den 
wohlüberlegten Plan und die pausende Anordnung des Ganzen zu 
ändern, doch dasselbe seiner Bestimmung immer, entsprechender 
und brauchbarer machen, sondern auch eine grössere Veränderung 
darin stattgefunden, dass in der Lehre von den Casus die Hälfte 
der auf die Regeln folgenden Beispiele wegfiel und dafür neue 
Beispiele über die einzelnen Casus wie über die gesummte Casus- 
lehre gegeben sind: eine Aenderung, die bei näherer Einsicht, nur 
zum Vortfaeile des in jeder Beziehung empfehlenswerthen Buche» 
ausgefallen ist Für den griechischen Sprachunterricht kann noch 
weiter empfohlen werden: 

Tabellarische (Übersicht der anomalen Vtrba des attischen Dialektes der 
griechischen Sprache. Behufs eines leichteren Auswendiglernens zusam- 
mengestellt und erläutert von Wilh. Ludw. Bosse, Suhrector am 
Gymnasium au Cöthen. Leipzig, Verlag der Lehnhold' 'sehen Buch- 
handlung. 1840. 20 Ä in gr. 4. 

Auf dreizehn Tafeln, nach eben so vielen Rubriken werden 
die einzelnen Verba aufgeführt, mit ihren einzelnen Anomalien; 
dann folgt am Schlüsse noch ein doppeltes Verzeichniss der Verba 
selber und ihrer anomalen Formen. 

Von andern UebungsbOchern für die lateinische Sprache sind 
der Redaction die beiden nachfolgenden zugekommen: 

1, Handbuch lateinischer Stylübungen für die oberen Klassen der 

Gymnasien Von Dr. C. J. Grysar, Oberlehrer am kathol Gymnas. 
zu Köln. Köln, Druck und Verlag von Johann Georg Schmitz. 1839. 
Vllh und 243 S. in gr. 8. 

2. Europa im sechszehnten Jahrhunderte, oder Materialien zum mündli- 

chen Vebersetzen aus der teutschen in die lateinische Sprache, nebst ei- 
ner Methodik dieses Unterrichtes von Dr. Heinrich IV.il he Im Ben- 
sen. Omnc tulit punctum, qui miseuit utile dulci. Frankfurt am Main, 
Druck und Verlag von Heinrich Ludwig Bröner. 1839. XIV. u.id 289 
S. in 8. 

Das für obere Klassen der Gymnasien bestimmte Uebungsbuch 
des Hrn. Grysar hat besonders den Ausdruck und dessen Ei- 
genthümlichkeit im Auge, und diess auch in den dem Texte der 
einzelnen Uebungsstücke untergesetzten Bemerkungen insbesondere 
berücksichtigt, in einer recht befriedigenden, auch weitere Erör- 
terungen aus dem Gebiete der Synonymik bietenden Weise, wel- 
che dem Lehrer manche Mühe und Zeit ersparen und daher auch 
für den Privatgebraucb sich gewiss als recht zweckmässig erwei- 
sen wird. Die Uebungsstücke selbst sind in ihrer ersten Ab- 
theilung aus neueren lateinischen Schriftstellern, wie Muretus, Ma- 
nutius, Krnesti , Ruhnken , Wolf u. A. in passender Auswahl und 



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Kurse Anscigpn- 



Mannigf altigkeit entnommen ; die zweite kürzere bietet Stücke ans 
griechischen Schriftstellern; die dritte, die nur fünf Nummern ent- 
halt, aus deutschen Schriftstellern. Die Kürze dieser letztern Ab- 
theilung: rechtfertigt der Verf. mit Gründen, die den erfahrenen 
Schulmann bald erkennen lassen und daher wohl auf allgemeine 
Billigung rechnen können. Ueberhaupt verstatten Anlage, wie 
Ausführung eine Empfehlung dieses Uebungabuches auch in wei- 
teren Kreisen. 

Nr. 2. gibt ebenfalls Stücke aus Neulateinischen Schriftstel- 
lern der auf dem Titel bezeichneten Periode , aber wie schon die 
Aufschrift des ersten Buches („Völker und Stauten"*) zeigt, gros- 
sentheils solche, die auf eben diese Periode in ihrer geographi- 
schen und geschichtlichen Kunde sich beziehen ; nur das dritte 
Buch gibt Stücke allgemeinen Inhalts. Unter dem Texte stehen 
lateinische Wörter. Die auf dem Titel genannte Methodik ist in 
die Vorrede aufgenommen. 



Jugendbildcr. Eine Sammlung von Erzählungen , den Jünglingen und 
Jungfrauen Deutachlands gewidmet von W A Beckmann; mit einem 
Forworte von Dr F Ranke, Gymnasialdirector in Göttingen. Göt- 
tingen, bei t andenhoeck und Ruprecht 1840 XII. und 208. Erste» 
liyidchen; enthaltend: l. Geschichte des Hans Rüdiger und seines Soh- 
nes. 2. Der Sohn des Schleichhändlers. 3. Die Auswanderer. 

Wenn der Name des Vorredners, und noch mehr die beher- 
zigungswerthen Worte der Vorrede selbst dem Büchlein zur Em- 
pfehlung gereichen, so darf man wohl wünschen , dass des Ver- 
fassers Streben, der Jugend eine Reihe von Erz&hlungen zu bie- 
ten, deren Lecture sie nicht blos angenehm unterhalten, sondern 
auch mit dem rechten Geist und Sinn erfüllen soll, nicht erfolglos 
bleiben möge ; dann würde man auch mit dem Vorredner den nicht 
passenden Eingang der ersten Erzählung übersehen. 



1 Erklärung . 

Der Verf. von der Anzeige von Muralt'* Leben Bein- 
hart* zeigt dem Publicum an, das* eine V ertheidigung Bein- 
hart * gegen diese Anzeige sich in Nr. 19. und 20. des Be- 
obachters aus der östlichen Schweiz vom 12. 
Febr. findet. Er glaubt freilich ganz durchaus miss- 
verstanden zu seyn, wird auch ferner Zürch schreiben, 
wie er spricht, nicht Zürich, zeigt aber doch diese Blätter 
an, noch ehe er Nr. 20. in Händen hat, damit man sehe, 
wie wenig ihm daran liege, Bechl oder das letzte Wort 
zu behalten. Schlosser. 



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4 



S 9 . 2t. HEIDELBERGER 1840- 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Revidirter Entwurf einer Strafprozeß- Ordnung für das \ Königreich Hür- 
temberg. Stuttgart Steinkopf, 1840. 

Vor vier Jahren hat der Unterzeichnete zwei Abhandlungen 
herausgegeben : lieber den Geist und über die Fortbildung des 
deutschen Criminalprozesses — und über die zwei Systeme des 
Straf rechts. Damals hoffte der Verfasser, das deutsche System 
der Schrift lichkeit würde sich aufrechterhalten, würde viel- 
leicht der Denkungsart einer grossen Classe als schon in Deutsch- 
land bekannter fi scalischer Prozess durch einen endlichen 
Act ein Opfer bringen — hauptsächlich aber eine wahre Verbes- 
serung des Beweissystemes in der Beschränkung des, Anzeigen- 
beweises auf gewisse Umstände bewirken. Der Entwurf ist in 
der ersten Hinsicht unserer Erwartung treu geblieben, es wurde 
genau geprüft, was zu prüfen war, und das herrschende Sy- 
stem ist erhalten. Wir wollen nur erwähnen, dass die Ordnung 
dem Lande einige Kosten veranlassen wird, weil auch in reinen 
Strafsachen zwei Behörden gebildet werden, das Bezirks-Colle« 
gium uod das Kreis-Collegium, wobei es am Ende auch auf man 
cherlei Collisionen und Verwirrungen ablaufen wird. Hat man 
schon manche Verwirrung durch das Polizeistrafgesetzbuoh be- 
wirkt, dessen Inhalt und Stellung wir nicht loben, obgleich wir 
die polizeiliche Cognition für höchst nöthig halten, so wird die 
Sache noch schlimmer durch diese abermalige Abgrenzung wer- 
den, wie man diess am besten in Baiern erfahren hat. Und doch 
ist diese Abgrenzung gar nicht zu entbehren, damit nicht alle 
Gefangenen an den Kreisgerichtshof abgeliefert werden müssen, 
was ausserdem abermalige Unkosten und Beschwerden verursachen 
würde. Will man den Formen ein Opfer bringen, so kann diess 
anders nicht geschehen, und es ist ein Unglück für die Welt, 
dass die Menschen mehr auf die äussere Form als auf die Sache 
selbst halten. Die Strafgerichte werden in den meisten Fällen, 
wie bei der Reconstruotion des Civilprozesses in gewissen Län- 
dern, den letzten Formact zur reinen Form haben, weshalb es 
auch immerhin vom Angeklagten abhängen sollte, ob er nicht frei- 
willig darauf verzichten will, worüber er gefragt werden könnte, 
»XIII. Jahrg. a. Haft 21 



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423 Entwurf oinor Strafprozessordnung fär Würtcmber^ 

gerade so, wie man dies oft im Vertheidigungsverfahren gemacht 
hat. Allein die Folge wird von selbst lehren, wie man diese 
Neuerung unschädlicher Art für die Zukunft zu benutzen habe, 
wenn nur die Schrirtlichkeit selbst auch in der Ueberreicbung der 
Verteidigungsschrift, und in dem Streben eines wahren Instan- 
zenzugs gehörig aufrecht erhalten wird. Dem Entwürfe gebührt 
ausserdem das Verdienst, mehr das schon Bekannte zusammenge- 
stellt, als Neues verfügt zu haben. Die Wissenschaft des Cri- 
minalprozesses wird daher Manches zu ergänzen haben, obgleich 
man auch wieder gewisse Richtungen abgeschnitten hat, z. B. 
zwischen General- und Specialinquisition. Die Verurteilung ab 
instantia ist beibehalten, was viele Gegner der neueren Zeit erre- 
gen, aber bedeutungslos seyn wird, wenn nicht der römische rea- 
tus fortbesteht, sondern nur die wiederholte Untersuchung noch 
zugelassen ist, vorbehaltlich einer eigenen Verjährung. Erinnerun- 
gen könnte Recensent vielerlei machen, aber sie haben von diesem 
Literaturblatte aus keinen Zweck. 

Für verunglückt halten wir Alles, was über den Anzeigebe- 
weis gesagt ist, weil den Richtern ein zu grosses Vertrauen ge- 
schenkt wird. Ein alter Richter ist wie ein alter Arzt, er sieht 
lieber den Tod als die erhaltende Kraft des Lebens. Schwurge- 
richte helfen sich hinüber, weil sie nur einmal beisammen sind, 
wenn nicht ein besonderes Interesse des Tags sie jagt. Nimmer- 
mehr blose Anzeigen — auch ohne Todesstrafe wie hier — für 
Bichtercollegien. Freilich kennen dieselben die Logik, und in 
Baiern geht die Sache: allein unter hundert Fällen den einen 
falsch gerichtet, ist genug verloren. Die Recensenten meiner Ar- 
beit wollen in den von mir vorgeschlagenen Grundzügen nichts 
als Indicienbeweis finden: es sey, so ist es ein geregelter In- 
dicien beweis , ein Anfang zum Besseren , welcher im Fortgange 
durch Zusätze und gemeine Bescheide sich erweitern, keineswegs 
aber Alles auf die menschliche Ansicht der Wahrscheinlichkeit 
hinführen wird. Ein tüchtigen Richter - Collegiom wird des Ge- 
setzes nicht bedürfen, es ist sich, wie wir immer gedacht haben, 
selbst Gesetz: allein, will man der Sache helfen, so gebe man dem 
Richter Freiheit im Lossprechen, Beschränkung im Verurtheilen. 
Lasse man den Indicienbeweis ohne Grenze für das Lossprechen, 
gebe man eine Grenze für das Verurtheilen. Unsere Gegner ha- 
ben Nichts bewiesen, wenn sie ausser der fldes testium et instru- 
mentorum Alles auf nraesumtiones hinführen, ohne sie im Specia- 
len zu sichten, namentlich wegen des sogenannten zusammen ge- 



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Entwarf etaer Strefprocessordnung für Würtetnberg. 328 



setzten Beweises, sondern blos ein paar Andeutungen über vor- 
ausgehende, gleichzeitige und nachkommende Anzeigen aufstel- 
lend, die bei manchem Verbrechen gar nicht möglich sind. Alle 
Hoffnung der Fr antiker ruht in solchen Dingen auf dem bn irischen 
Gesetzbuche, über dessen Anwendung wir seit 1813., also in 97 
Jahren, keine gediegene Schrift haben, um welche der Verf. die- 
ser Anzeige einen bairischen Geschäftsmann auf das inständigste 
bittet Alles kömmt nämlich darauf an, wie die Gerichte solche 
Artikel auslegen, und namentlich, ob für gefährliche Leute solche 
Anstalten im Lande sind, wie z. B. in Plassenburg in Franken, 
wo die wegen Anzeigen nicht Condemnirten , unter Umständen 
doch detinirt, und unter andern Umständen, wo keine individuelle 
Gefahr ist, freigelassen werden. 

Im Ganzen ist überall auf die Schriftlicbkeit besonderer Be- 
dacht genommen, selbst über den ersten Grund der Veranlassung 
der Untersuchung, worauf sehr vieles ankömmt. Manchmal ist zu 
viel construirt und der Geist neuerer Gesetzgebung sichtbar. Da- 
gegen hat man Manches bei Seite liegen lassen, wie Thatbestand, 
Thäter und Zurechnung, der Wissenschaft vertrauend. Wir sind 
i nicht im Stande, in diesem Augenblicke des Empfanges des Bu- 
ches ein vollständiges Urtheil auszusprechen, aber wir freuen uns, 
eine Regierung getroffen zu haben, welche ohne Scheu vorge- 
faaster Meinungen, ohne die Furcht vor solchen, welche entge- 
gengesetzte Lehren vertheidigt, und vielleicht sogar eine Fortbil- 
dung in die englische und französische Praxis möglich gehalten 
haben, ohne Rücksicht auf die Unstätigkeit , welche aus der Zu- 
sammenhaltung der Geschichte des deutschen Prozesses mit dem 
englischen, und dem hiernach aptirten französischen hervorgeht 
— dem deutschen Leben ein ehrenvolles Zeugniss ausgestellt bat. 
Es ist niebt möglich, den deutschen Criminalprozess kennen zu 
lernen, wenn man englische und französische Bilder darneben 
bringt, der erste verliert Licht und Schatten, und die andern durch 
Aeusserlichkeit, durch gefällige Erscheinungen ohne Rücksicht auf 
das oft Verfehlte drücken die unveredelte Einfachheit nieder. Wir 
tadeln den englischen Prozess nicht, er wird durch die Kunst der 
Wissenschaft geführt; wir loben den deutschen Prozess nur, wenn 
er sich an seine bestimmten juristischen Formen hält, aber es ist 
unmöglich, von dem Einen in den Andern, von der Mündlichkeit 
zur Schriftlichkeit zu kommen, ohne eine Menge Institute zu 
schaffen , welche in Deutochland nicht vorhanden , und der deut- 
schen Nation nicht zustandig sind. Was aus dem französischen 



V 



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824 Maekeldej'* Lehrbuch de« röro. Rechts, 

Prozesse werden soll, Hegt noch im Dunkeln nnd gibt aus diesem 
Standpunkte noch gar keinen sichern Grund der ohnediess nur 
exceptionsweise eingeführten Richtung der Schwurgerichte. 

Möge dieser Entwurf nicht zu frühe gekommen seyn, da er 
selbst etwas bedachtig einhergeht: der Triumph der Wissenschaft 
wird nicht ausbleiben, wenn deutsche Gelehrte und deutsche Rich- 
ter so viel werth sind, als man von jeher auf sie gehalten hat 



ErXElPJAlON *ov PÜMA1KOT A1KAIOT cp. MaxxeX^ty. 
ptTatppao'dlv ix tot Fe^^tavixov inb PAAAH xal M. PE- 
NIEPH. *Ev *A$nv<*l<i I* *n<i %vnoy^a<f>laq K PaUij. 
1888. 1889. 2 Voll. gr. 8. 

In Griechenland ist eine Uebersetzung der von mir verfertig- 
ten neuen Ausgabe Mackeldey's erschienen: freilich ist der An- 
fang vor dem Eintreffen der neuesten Ausgabe gemacht, aber 
schon im Besondern, also Haupttheil, war die neue Uebersetzung 
zur Hand. Die Geschiebte ist noch nicht geschrieben, und mit 
Recht, denn so gewiss eine Grundlage der römischen Einrichtun- 
gen gegeben werden muss, oder der Lehrer sie vorausgehen las- 
sen muss, so gewiss rauss die griechische Rechtsgeschichte beson- 
ders verarbeitet werden. Nach Justinian hielt man sich im Leben 
hauptsächlich an- die Novellen, wie man schon aus der spateren 
Darstellung der Novellen durch die Griechen sieht, und der tiefere 
Blick in das römische Recht wurde immer schwieriger. Daher 
kam denn auch die Uebersetzung in das Griechische, und vielleicht 
von da einige höhere Bedeutung der Pandekten. 

Es handelt sich jetzt in Griechenland nicht darum, grosse 
Kenntnisse zu entwickeln, sondern nur im Geiste des neuern Sy- 
stems das römische Recht einfach uod gut darzustellen. Zu die- 
sem Behuf e kann es ganz dienlich seyn, wenn nur das im Texte 
des Lehrbuchs Gesagte den Studirenden recht klar gemacht wird, 
und es ist sehr treffend, dass in den Stellen auch die Basilica 
gehörig angeführt sind : dagegen ist in den Noten das Makeldey 1 - 
sche Lehrbuch mehr für den ersten oder # Institutionenunterricht in 
Deutschland geschrieben, woraus folgt, d>ss in den eigentlichen 
Vortrügen über römisches Recht in Deutschland (Pandecten) auf 
die ältern, sowohl Glossatoren als französische Literatoren mehr 
Rücksicht genommen, und so die occidentale Bildung des römi- 
schen Rechts besser dargestellt wird. Auch die Griechen werden 



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int Griechische übersetzt. 325 

diese annehmen müssen, weil der Orient so viele Jahrhunderte im 
Stillstande lag. Im Uebrigen scheinen die Uebcrsetzer nicht ein- 
mal die 10. Auflage bei der ersten Uebersetzung des allgemeinen 
Theils zur Hand gehabt zu haben, wie wir z. B. aus dem g. 145. 
ersehen, wo nicht Alles steht, was Mackeldey in den Noten der 
zehnten Ausgabe hatte. 

Der zweite Theil ist auch noch in den ersten Bogen nach 
alter Ausgabe verfertigt, aber gleich, in den Servituten tritt die 
neue Ausgabe hervor, und enthält alle Zosatzparagraphen des Un- 
terzeichneten. Die Sprache selbst, so weit der Recensent sie zu 
beu itheilen versteht, ist sehr gut, und wie uns scheint, in ganz 
tüchtige Hände gerathen , auch dem Deutschen lehrreich, wei) er 
die griechischen aus dem spateren Rechte genommenen Ausdrucke 
vor sich hat, und in dieser Uebersetzung so gerne lesen wird, 
wie in dem deutschen Buche Reibst, zumal nicht leicht ein deut- 
sches Rechtsbuch zu Uebersetzungen in alle Sprachen sich mehr 
eignen wird als Mackeldey. 

Jetzt ist freilich die nächste Frage, wie wird man in Grie- 
chenland lehren ? Wie wird man das gemeine Recht mit den neu- 
em Gewohnheiten, mit den neuen Einrichtungen der Gerichte, den 
neuen französischen Wenken im Criminalrecht etc. verbinden? Von 
Seite Mackeldey's ist es sehr gut, dass er sich grossentheils an 
das gemeine Civilrecht in Deutschland hält, dass er das in der 
Vergangenheit liegende römische Recht kurz darstellt: allein mehr 
noch wie bei uns in Deutschland, wo das römische Recht im- 
mer mehr uns angewöhnt wurde, entfernte es sich in Griechenland 
von der Anwendung, und daher gehört nach dieser Darstellung 
des römischen Rechts noch ein anderer ganz tüchtiger Lehrer da- 
zu, um die Einführung in die Praxis zu bewirken. 

Sey es übrigens, wie dies wolle, es hat uns gefreut, dass 
man auch in Griechenland auf dessen historische Basis zurückkömmt, 
denn, was man immerhin sagen möge über die anch dort stattfin- 
dende Mischung der Völker: die erhaltene Sprache macht und bil- 
det die Nation, mit ihr geht ihr Recht; und jede Entfernung da- 
von, jede Hineinführung in die neue französische Weltschule ist 
nach unsrer Meinung um so mehr ein Missgriff, als man hier von 
einer vorgefassten practisch-naturrechtlichen Ansicht ausgeht, die 
nie hätte Wurzel schlagen sollen. Sicherlich ist meine Ansicht 
die, dass die Griechen das Mackeldey sehe Lehrbuch besser benut- 
zen werden, wie die Franzosen, denn jene finden darin eine Art 
von Welt, diese nicht. 



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826 Droz; Histoire du rcgnv de Loui« XVI. 

8oll Griechenland gedeihen, soll alte und deutsche Bildung 
dort zu irgend einer Vereinigung kommen, so wird das Land in 
jeder Hinsicht gewinnen ; allein die Politik steht darüber, und der 
Mensrh sucht die Goldkörner des Sandes im verlassenen Beet. 

Schliesslich wünschen wir, dass die Herren Uebersetzer nicht 
nur eine gute Rechtsgeschichte theils nach Mackeldcy, theils mit 
Rücksicht auf die Arbeiten unternehmen, welche jetzt in Deutsch- 
land über griechisches Recht geschrieben sind, und dass es ihnen 
gelingen möge, zu zeigen, wie im Oriente der Wissenschaft eine 
Zeitlang das Terrain abgewonnen und nur in einer Verbindung 
mit den Bestrebungen des Occidents die Rechtswissenschaft wieder 
hergestellt werden kann. Nur durch das Begreifen der ersten 
Rechtsbildung der Römer duroh das Zusammenwirken des Civil- 
rechts und des prätorischen Rechts — nicht durch die späteren 
Constitutionen der Kaiser ist da» Gebäude entstanden, welches wir 
anstaunen, welches eine innere Entwickelung des stricti et sequi 
juris, der wahren Rationalität, menschlicher Klugheit und ein Spie- 
gel aller weiteren Bestrebungen im Rechtsgebiete ist. 

Roxshirl. 



Histoire du Hegne de Louie XVI. pendant le$ Ann&es oü Von pouvait 
prtvenir ou dir ig er la Revolution francaise ; par J o sep h ü ro %• II. T. 
Paris 1839. 8. 

Der Verfasser dieses Geschichtswerkes, bereits durch mehrere 
Schriften über Gegenstände der Philosophie und der politischen 
Oekonomie rühmlich bekannt, beabsichtigt vorzüglich eine ge- 
nauere Darstellung der Begebenheiten, welche die französische 
Staatsumwälzung vorbereitet und herbeigeführt haben, und der Ur- 
sachen, wegen welcher ihrem Ausbruch und ihren verderblichen 
Fortschritten nicht recht zeitig begegnet wurde. Unter den vielen 
Geschichtswerken über das grosse Ereigniss, das Viele unserer 
Zeitgenossen mit erlebt haben, ist das des Hrn. Droz eines der- 
jenigen, das für alle, welche auf die Leitung und die Schicksale 
der Staaten Einfluss üben, vorzüglich lehrreich seyn dürfte, und 
sich daher ihrer besondern Aufmerksamkeit empfiehlt. In der gan- 
zen Darstellung offenbart sich ein rühmliches Bestreben nach un- 
befangener Prüfung; der Verf. forscht überall naob dem Grunde 
der Dinge, und keiner Partei , es müsaten die Verfechter gerech- 
ter Mässigung so benannt werden, zugethan, sacht er aus dem 



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Droz: Hbtoire da rcjriie de Louii XVI. 



327 



Chaos der Meinungen und Ansichten, von dem, was geschehen, 
das Wahre zu ermitteln. Die Einleitung entwirft in einem leben- 
digen Umriis den Zeitgeist, der vor der Thronbesteigung Lud- 
wigs XVI. zu einer grossen Ver&nderung in Frankreichs gesell- 
schaftlichen Zuständen hindrängte. Ludwig XIV. hatte bereits die 
Grundlegung einer unbeschränkten Willkührherrschaft vollendet, 
zugleich aber auch den Abgrund der Finanznotb aufgerissen, wel- 
chen die luderliche Regentschaft und der schwache wollüstige 
Ludwig XV. noch tiefer aushöhlten. Die Verblendung war dabei 
so gross, dass Ludwig XV. nie aufhörte, seine Begierungsallraacht 
zu verkünden. In einer Sitzung von 1766. erklärte er: „Au 
roi seul appartient la puissance legislative, sans d^pendance et 
sans partage. u Die Folge war ein stetes Ankämpfen gegen die 
königliche Gewalt von Seiten des Parlaments, welehes mit der Ver- 
bannung des letztern endigte. Dadurch kam eine nachhaltige po- 
litische Reizbarkeit in die Nation. Der Ausfall in den Einnahmen 
stieg bei stets wachsender Verschwendung auf eine furchtbare Höhe 
und die angewandten Mittel, um ihm abzuhelfen, vermehrten noch 
das Uebel. Die Missbräuche der Staatspächter drückten schwer 
auf dem Volk. Der Abbe Terray als Finanzminister vollendete 
den Druck durch Kornwucher und andere schändliche Kunstgriffe. 
Wahrend dem erschienen eine Menge freimüthiger Schriften, die 
das Nachdenken über die verkehrten Zustände weckten . und nooh 
mehrere, die die Grundlagen der Gesellschaft, das Christentbum, 
den Glauben an die öffentlichen Gewalten und die Moral mit allen 
Waffen der sophistischen Dialektik und des ironischen Witzes zu 
untergraben snebten. Der Presszwang wurde durch die Vermeh- 
rung geheimer Druckpressen im Lande und das Einschmuggeln 
der Erzeugnisse ausländischer Druckpressen vereitelt. Die Censu- 
ren von Staat und Kirche dienten nur dazu, die verbotenen Werke 
bekannter zu machen und das Publikum mehr dafür einzunehmen. 
Cotterien, die die Litteratur beherrschten, gaben ihr den Charak- 
ter der Frivolität. Dazu kam, dass bei steigender Ueppigkeit der 
Geldreichthum zu einem Ansehen gelangte, welches jedes andere 
verdunkelte. Auch der hohe Clerus ward von den Verderbnissen 
angesteckt, und die Erhebung von Bernis (einem Geschöpf der 
Pompadour) war nioht viel erbaulicher, als die frühere des Dubois; 
doch schloss jener seine Laufbahn mit mehr Würde und Anstand, 
als letzterer. Den meisten, sowohl der Hellerdenkenden als der 
Befangenen, im hohen Clerus fehlte der evangelische Geist, und 
die Menge der Abbes, die ohne Weihen und Beruf mit der Welt 



■ 



818 Dro* : Htetoire da regne de Loale XVI 

verkehrten, trug nicht hei, sein Ansehen zu vermindern, fcchon 
in frtthern Zeiten hatte die Ansteckung des Adels begonnen, zu- 
mal die des Hofadels, dessen Ausschweifungen and Schuldenma- 
chen zum Sprichwort geworden. Doch ward es jetzt Mode in sei- 
nem Kreis, einen gewissen philosophischen Anstrich mit jeder Aus- 
gelassenheit im Leben zn verbinden. — Inzwischen lastete har- 
ter Druck auf dem Volke ; zu der Leibeigenschaft kam die im- 
mer zunehmende Masse von Staatsabgaben und zu alledem der 
Zunftgeist und die Monopole. — Unter diesen Umständen gelangte 
Ludwig XVI. durch den Tod seines in Missacbtung gesunkenen 
Grossvaters zur Regierung. Seine Erziehung war ziemlich ver- 
nachlässigt, besonders darin, was ihm einen festen Charakter hätte 
geben können. Mangel an Selbstvertrauen verminderte sehr den 
Werth der Gutartigkeit seines Gemüths und Willens, und den 
Eindruck seines sittlichen Ernstes. Viel kam bei einem solchen 
noch jungen Regenten auf die Wahl seiner Minister an. Unglück- 
licherweise ward an die Spitze derselben ein greiser Hofmann 
Maurepas berufen, dessen frivoler Sinn mit Witzworten regie- 
ren zu können vermeinte. Seine Lieblingsphrase war, wenn ein 
Entwurf in Antrag kam: „man kann's versuchen" (p. 129.). Doch » 
hatten die Anfänge der Regierung Ludwig's XVI. einen guten 
Schein. Von Turgot in den Finanzen, von Malesherbes im 
Innern, von Vergennes im Aeussern liess sich viel Gedeihliches 
erwarten. Der erstere vorzüglich war auf Abschaffung vergeu- 
dender Missbräuche durch Einführung strenger Ordnung bedacht 
Die ganze Stutze seiner wohlthätigen Entwürfe bestand aber in 
dem guten Willen des Monarchen. Auf die Mitwirkung des Par- 
laments konnte er nicht rechnen . der Hofadel stand ihm entgegen 
und von den Generalstaaten glaubte er sich bei der Getheiltheit 
der Interessen der drei Stände nichts versprechen zu dürfen. Bes- 
sere Einsichten in den Verwaltungssachen des Staats waren noch 
wenig verbreitet Turgot's Reformplan ging zuvörderst dahin, ei- 
nen grossen Theil der Verwaltung einem eigends gewählten Aus- 
sohuss in den Provinzen in so fern zuzuscheiden , dass sie die 
Öffentlichen Bedürfnisse darzulegen hätten und von der Regierung 
darüber zu Rath gezogen würden. Es war seine Absicht, mit der 
Zeit jenes Recht der Zustimmung zu den Abgaben, welches bis- 
her vom Parlament war ausgeübt worden, diesen Ausschüssen in 
den Provinzen zuzuweisen, so dass das Parlament auf seine ge- 
richtlichen Verrichtungen beschränkt worden wäre. Dem trat aber 
bald die gegen Turgot 1 « Ansicht erfolgte Herstellung der seit den 



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Droz: Hiatoire du regne de Looit XVI. M9 

Kanzlers Afaopeoo Einfluss noch gebannten Magistratur entge- 
gen. Freilich war diese Herstellung mit starken Beschränkungen 
ihrer politischen Gewalt verknüpft. Aber diese Beschränkungen 
riefen jetzt einen immer zunehmenden Widerstand des Parlaments 
hervor. Dennoch gelang es Turgot, manche Verbesserungen ein- 
zuleiten. Den ersten ernsten Widerstand erfuhr er von einigen 
Städten. Derselbe wurde durch eine Verordnung für die Freiheit 
des Kornhandels erregt. Aufstände fanden Statt. Geheime Trieb- 
federn hatten darauf eingewirkt Doch wurde die Ruhe bald her- 
gestellt — Malesherbes, eben so bieder wie Turgot, theilte 
des letztern unvorteilhafte Ansicht von dem, was man von Ge- 
oeralstaaten erwarten könnte, nicht Indessen konnte die Berufung 
der letztern nur allmählig vorbereitet werden. Doch Malesherbes 
ersten Vorschlag, die Krlassung der Lettres de cachet dem Mini- 
sterium zu entziehen Und einem eigenen Gerichtshof bewährter 
Magistratspersonen zu übertragen, wiewohl der König ihm Beifall 
zollte, blieb ohne Erfolg (p. 179.). Die Berufung des Gr. v. St 
Germain zum Kriegsministerium erfrischte Anfangs die Hoffnun- 
gen von Turgot und Malesherbes für die Sache der Reformen. 
Aber bald wurde die frühere Festigkeit jenes Generals durch Hof- 
einflüsse erschüttert Die Furcht, seine Stelle zu verlieren, be- 
mächtigte sich seiner; weder den vornehmen Bewerbungen, noch 
den Missbräuchen der Angestellten zeigte er sich gewachsen. Er 
endigte, Jedermanns Rath zu befragen und Niemands Achtung zu 
gemessen (p. 195.). Dadurch wurde Turgot und Malesherbes Ein- 
flussgeschwächt. Doch gingen diese forthin ihren Weg. Manches ge- 
schah zur Erleichterung des Volkes. Die Trnppenmärsche und die 
Nachsuchung des Salpeters hörten auf, den Dörfern zur Last zu 
fallen (197.). Der Bericht Turgot s von 1776. über den Zustand 
der Finanzen bewies den guten Erfolg der von ihm für eine bes- 
sere Ordnung getroffenen Massregeln. Diess erfreute Ludwigs XVL 
Herz, erregte aber die Eifersucht von Maurepas. Dieser liess 
seine Ränke spielen. Doch verfingen sie anfänglich nichts (199. 
»00.). Turgot erhielt die Zustimmung des Königs für die Ablö- 
sung der Frohnen in Geld, und für die Unterdrückung des Zunft- 
wesens. Vergebens widersetzte sich das Parlament, erklärend : das 
Volk sey Steuer- und frohnpflichtig nach Befinden, und diess bilde 
einen Theil der Verfassung, welche der König nicht abändern 
könne. Ludwig äusserte: „Ich sehe wohl, nur Turgot und ich 
lieben das Volk." Das Parlament liess auch eine Flugschrift ge- 
gen die Lehnrechte verbrennen, und nur mit Mühe konnten Tur- 



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810 Droz: Htotoire do regne de Looi« XVI. 

got und Malesherbes die Verhaftung des Verfassers hindern (»01. 
«0». 203.). Aber ein heftiger Widerstand des Adels, woran die 
Königin Theil nahm, erhob sich wider Turgot, weil er den Schatz 
ihren Ansprüchen verschloss, die annützen Stellen unterdrückt wis- 
sen and dem Adel einen bestimmten Theil der Abgaben zumessen 
wollte. Die mehrsten Minister schlugen sich zu dieser Partei. In 
den Augen des hohen Clerus war Turgot ein Philosoph. In allen 
frommen Vereinen ertönte das Echo : Turgot und Malesherbes hät- 
ten aus Ludwig XVI. einen Philosophen, einen Gottvergessenen 
gemacht («04. «05.). Verleumderische Flugschriften gegen beide 
Minister vermehrten sich. Allmahlig wurde auch der König wan- 
kend («06. «07.). Malesherbes fing an, die Hoffnung einer Ver- 
besserung aufzugeben. Es war ihm willkommen, als Maurepas 
ihm Veranlassung gab, seine Entlassung zu begehren. Der König 
gab sie ihm ungern. Bald darauf wurde ihm die Entlassung Tur- 
got's abgezwungen («08 — «10.). Lauter mittelmässige Personen 
wurde die Nachfolger dieser zwei Minister, bis Necker, ein rei- 
cher Genfer, der, von dem Wechselgeschäft zurückgezogen, in 
Paris lebte und sich durch Schriften über Nationalwirtschaft ei- 
nen Namen erworben hatte, 1777 zur Leitung der Finanzen be- 
rufen wurde. Einen Theil seines Rufes verdankte er seiner edeln 
und gebildeten Frau, die ihre Verehrung für ihn einem Zirkel von 
Gelehrten, Edelleuten und Angestellten, den sie um sich versam- 
melten, mitzutheilen suchte («17. «18.). Im hohen Clerus erhoben 
•leb viele Stimmen wider die Erhebung des Calvinisten. Maure- 
pas erwiederte: „wir geben ihn auf, wenn der Clerus die Staats- 
schuld bezahlen will* («87.). Neckers Plan ging dahin, die Schul- 
denzahlung und die Deckung des Deficit der Einnahmen ohne neue 
Auflagen durch blosse Ersparungen zu bewirken (876.). Der Wi- 
derstand des Parlaments gegen die Anlehen, welche Neck er da- 
für nöthig fand, war gering, und der König unterstützte diesen 
(«78. «79.). Es gelang ihm 1780, viele unnütze Stellen am Hofe 
zu unterdrücken , wiewohl die Höflinge schrieen : er wolle den 
Thron mit einer Wüste umgeben («80. «81.). Er that das Näm- 
liche bei der Verwaltung der Finanzen und nöthigte die Generai- 
pächter, sich mit geringerem Gewinn zu begnügen («8«.). Aber 
gegen seine Anordnung einer Revision der Güterschätzungen zum 
Behuf der Besteurung erhob sioh das Parlament, als Schutzredner 
der Vorrechte (283.). Auch seiu Plan, Proviuzverwaltungen aus 
allen Standen gewählt, zu errichten, fand Widerstand (884.). 
Necker trug auf die Aufhebung des Todfalls hu. Ludwig XVL 



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> 



Dros: Hi.toire da regne de Lo.i. XVI. Ml 

hob ihn in seinen Dom&nen auf, jedoch mit der Clausel, ohne Ab- 
brach der Rechte der Gutsherrn. Selbst die Königin .reihte sich 
unter Necker's Bewunderer. Maurepas Credit bei Hof schien ei- 
nige Zeit zu sinken. Necker hoffte jetzt den Beinigen durch die 
Veröffentlichung seines Bericht« über den Zustand der Finanzen 
zu befestigen. Der Krieg gegen England zu Gunsten Nordame- 
rika* s erforderte damals ausserordentliche Anlehen. Necker's Ab- 
siebt bei jener Veröffentlichung war die Steigerung des Staat»- 
oredits. Maurepas, dadurch verletzt, dass Necker in seinem Compte 
reodu keio Wörtchen Lob für ihn einflössen Hess, rächte sich 
durch das Witz wort, das er an die Hofs eh ranzen richtete: Avez 
vous Jü le ContebleuV Der Umschlag der Schrift hatte näm- 
lich die blaue Farbe. Vergennes äusserte' sich über Necker's 
Schritt, der allerdings eine grosse Neuerung war, mit Ungunst. 
Ein Bericht Necker's an den König über die von ihm vorgeschla- 
genen Provinzverwaltungen kam in untreue Hände und erschien 
im Druck. Sein Inhalt brachte die Parlamente in Harnisch, weil 
darin in Aussicht gestellt war, ihnen das Zustimmungsrecht in 
Hinsicht neuer Abgaben zu entziehen (300.). Tadelnswürdig war 
allerdings in jenem Berichte die Behauptung: die Gewalt, Steuern 
anzuordnen, bilde die Hoheit des Souverains (301.). Von zahllo- 
sen Flugschriften angegriffen, begehrte Necker Sitz im Staats- 
rate Maurepas erwiederte: diess fände keinen Anstand, wenn er 
sein Glaubensbekenntniss ändere. Necker gab sein Entlassungs- 
gesuch ein, und der König, immer schwach, nahm es an (304.). 
Doch die öffentliche Meinung erklärte sich stürmisch für den Ent- 
lassenen. Necker's Nachfolger (Fleury, d'Ormesson) konnten ihn 
nicht ersetzen. Die Umstände waren schwierig. Der amerikani- 
sche Krieg, reich an glänzenden Erfolgen der französischen Land- 
und Seemacht, »vermehrte die Staatsausgaben in grossem Maase. 
Der Sieg der Höflinge über Necker erschwerte aber jedem Nach- 
folger die Sparsamkeit. Schon seit längerer Zeit hatte sich um 
die Königin eine Umgebung gebildet, welche ihre Freundin Po- 
lignac, die selbst von den Ihrigen geleitet wurde, beherrschte 
(225). Der Einfluss dieser Camarilla machte die Königin dem 
Volk unbeliebt. Aber er wuchs mit Verschwinden des Widerstan- 
des von Seiten der Minister. Diese verfielen aber immer mehr in 
Uneinigkeit. Maurepas war gestorben, von Niemanden bedauert; 
seine Stelle blieb unbesetzt Die Ränke der Camarilla und der 
Höflinge, der Graf Artois voran, setzten es durch, dass Caloo- 
ne, dessen Ausschweifungen und Schulden ein allgemeine* 



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8*2 Drox: Histoire du re*n« de Lcui« XVI. 

Misstrauen begründeten, die Leitung der Finanzen erhielt (399. 
400.). Der König bezahlte dessen Schulden (399. 401.). Allein 
Calonne's Grundsätze änderten sich nicht nach seiner Erhebung. 
Sparsamkeit war ihm verächtlich. „Wer Anleihen machen will/" 
sagte er Jedermann, „muss reich scheinen, und um diess zu kön- 
nen, muss er durch seine Ausgaben blenden" eto. (403.). Seine 
Massregeln, diesen Maximen angepasst, vermehrten die Staats- 
schuld und das Deficit ins Unmass, wahrend Gnaden auf die Hof- 
schranzen regneten. Die Königin wünschte die Erwerbnng von 
St. Cloud; es wurde gekauft (404—407 ). Calonne wurde so 
der Abgott des Hofs; die Weiber nannten ihn einen Zauberer 
(409. 410.). Im ganz entgegengesetzten Sinne sprach das grosse 
Publicum sich aus. Die Schriftstellerei hatte damals eine sehr 
philantropische Richtung. Die Regierung wusste aber diess nicht 
für wirkliche Verbesserungen zu benutzen. Die Schriftsteller ent- 
zogen sich immer mehr ihrem Einfluss. Die Wissenschaft wuchs; 
aber auch die Neigung für Neuerungen und für das Sonderbare. 
Der Enthusiasmus für die Marktschreiereien eines Mesmer und 
Cagliostro war demjenigen für Amerikas Befreiung und Rous- 
seau Contractu zu vergleichen. Auch Mystiker, wie St. Martin 
und Schwedenborg erhielten viele Anhänger. Zu den Brandmar- 
kungen des Rufs der Königin durch einen Schwärm von Flug- 
schriften, gesellte sich noch die Halsbandgeschicbte , in welcher 
der lüdcrliche aber ehrgeizige Kard. Roban die Hauptfigur 
spielte. Das Aufsehen, welches der Hof ungeschickter Weise der 
Sache gab, diente nur dazu, die Anschwarzungen der Königin, 
die hier ganz schuldlos war, zu vermehren (436 — 4Ö0.). — Als 
endlich Calonne alle Kunstgriffe erschöpft hatte, und der Abgrund 
eines Banquerutts sich vor ihm öffnete , musste er auf ausseror- 
dentliche Mittel der Rettung denken. Auf seinen Vorschlag wur- 
den die Notablen einberufen. In dieser Versammlung erhob 
sich aber gegen ihn der zäbeste Widerstand. Er griff nun (Ne- 
ckern nachahmend) zu dem Zufluchtsmittel der Veröffentlichung 
seiner Berichte über die Lage der Finanzen. Die Notabein fan- 
den sich durch viele Aeusserungen darin verletzt. Das Publicum 
erklärte sich für ihre Abgunst. Calonne ward verabschiedet. Seine 
Nachfolger (Fourqueux und Brienne) waren aber gleichfalls un- 
vermögend, die Notabein zu Entschlüssen zu bringen, wie sie der 
Drang der Umstände forderte. Sie scheuten sich, für irgend eine 
Abgabe sich auszusprechen und vorzüglich dem Interesse der Be- 
vorrechteton Abbruch zu thun. Selbst die vorgeschlagene Ein 



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Droit: HUtoir« du regne de Louie XVI. 



richtung von Provinzversammlungen, aas welcher so viel Wohlthfi- 
tiges hätte hervorgehen können, wnrde (namentlich von Carra) 
verleumdet, als wurden dadurch nur Leihkassen zur Verfugung 
des Finanzministers beabsichtigt (600.)* Eine Denkschrift 'Ne- 
cker's, die gleich nach Calonne's Entfernung erschien, diente kei- 
neswegs dazu, das Misstrauen gegen die Regierung herzustellen. 
Das Lob, das die Gegner Calonne 's über die Denkschrift Necker's 
erschallen Hessen , gab An Ines zu des letztern Verbannung aus 
der Hauptstadt. — Brienne, Erzbischoff von Toulouse, ein Mann 
von einigem Talent, aber noch weit grösserem Ehrgeiz, erhielt die 
Leitung der Finanzen. Er musste aber bald in bitterer Weise von 
seiner Einbildung enttäuscht werden, als ob die öffentliche Mei- 
nung ihn an das Ruder des Staats beriefe. Sein Charakter, der 
Doppelsinnigkeit bezüchtigt, war nicht geeignet, grosses Vertrauen 
einzoflössen. Seine Einsichten und Kenntnisse waren oberfläch- 
lich. Aber als Weltmann hatte er sich durch lebhaften Geist und 
Gewandtheit einen Ruf erworben (510/). Unter den Notabein war 
er als Calonne's Gegner aufgetreten, aber als sein Nachfolger be- 
strebte er sich, das Wesentliche von dessen Plan durchzusetzen 
(514.). Aber er fand taube Ohren Die Notabein hatten nur den 
Abgrund, an welchem die Regierung stand, mehr aufgedeckt, ohne 
etwas zu dessen Ausfüllung zu thun. Schon während ihrer Ver- 
sammlung war der Gedanke, in der Berufung der Generalstaaten 
das Heil zu suchen, aufgetaucht. La Fayette äusserte ihn zu- 
erst (516.). Nach der Entlassung der Notabein erklärte das Par- 
lament die Nothwendigkeit jener Berufung (II. 3.). Die Folge war 
des Parlaments Verbannung. Diese wurde aber bald widerrufen, 
und das rückkehrende Parlament mit Volksjubel empfangen (II. .35.). 
Von nun eröffnete sich ein stets bitterer werdender Kampf dieser 
Behörde gegen die Massregeln der Regierung, der Finanznoth zu 
steuern. Brienne berief eine Versammlung des Clerus, in der 
Hoffnung, ihre Zustimmung zu jenen Massregeln zu erhalten. Al- 
lein die Versammlung verweigerte sie. Nun blieb dem Minister 
keine andere Zuflucht mehr, als die Berufung der Generalstaaten 
zu verkünden. Doch hinderte diess nicht seinen Fall, der vom 
Volke mit Enthusiasmus begrünst wurde. Necker wird jetzt an 
seine Stelle berufen. Nur zu bald offenbarte sich aber, wie we- 
nig auch er den Umstünden gewachsen war. Die Hauptfragen, 
die nach Berufung der Generalstaaten ganz Frankreich in Bewe- 
gung setzten, waren: ob dem dritten Stand eine doppelte Vertre- 
tung im Verhältnisse zu den andern einzuräumen sey and ob die 



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334 Uroz : HUloire du regne d« Lonit XVI. 



Abstimmung nach Ständen oder nach Köpfen geschehen solle. 
Neck er beging den MissgriiT, zur Entscheid an g dieser Fragen 
neuerdings die Notabein zn berufen. Diese verwarfen die doppelte 
Vertretung, das Parlament hatte sich schon vorher für die Abhal- 
lung der Generalstaaten nach der Form von 1614. erklärt. Aber 
die Missstimmung des Publikums, durch diese Beschlösse des Par- 
laments und der Notabein erregt, bewirkte, dass die Regierung 
auf Neck er" » Antrag ftr die doppelte Vertretung sich entschied 
(II. 197. 198.). Die Geister in ganz Frankreich wurden jetzt in 
entgegengesetztem Sinne bearbeitet Die Regierung liess gewah- 
ren, ohne Einfluss auf die Wahlen und auf die Anweisungen für 
die Abgeordneten. Als nun (1789) die Versammlung zu Versail- 
les eröffnet wurde, war die Regierung, obgleich sie die Anwei- 
sungen der Abgeordneten kannte, doch ohne genaue Kenntniss ih- 
rer vorherrschenden Gesinnungen, und noch weniger war sie auf 
Massregeln im voraus gefasst, um den schlimmen Folgen einer 
der Ordnung widerstrebenden Stimmung zu begegnen. Und doch 
wäre die grosse Mehrheit der Abgeordneten einer Bestimmung ih- 
rer Ansichten im Interesse der Gesammtheit höchst bedürftig und 
anfangs wohl auch empfanglich gewesen. An politischen Trau- f 
Bern, die von abgezogenen Ideen sich leiten liessen, fehlte es 
nicht. Aber der durch Erfahrung und Nachdenken geschärfte Be- 
obachtungsgeist war selten (II. 141.). Mo unier, einer der We- 
nigen, die ein solcher Geist beseelte, schlug in einer Schrift die 
Abt hei hing in zwei Kammern vor, als einziges Mittel, den Staat 
zugleich vor Anarchie und Despotie zu bewahren. Andere, wie 
der reformirte Pfarrer Rabaud von St. Etienne und Sieyes 
erklärten sich für Eine Kammer (143 ff.). Ein Schwärm von Flug- 
schriften predigte die schroff esten Gegensätze. M a 1 o u et (mit ihm 
der Erzbischof von Bordeaux und der Bisohof von Lang res) rie- 
then den Ministern, dass die Regierung über die Grundfragen die 
Initiative ergreife, und zwar in einem Sinne, der die Rechte der 
obersten Gewalt und die der Nation jauf vernünftige Art in Ein- 
klang brächte (159.). Neoker fand diess bedenklieb, weil man 
des Erfolges nicht gewiss wäre (IßO.) und den Generalstaaten 
alle Freiheit der Berathung gebühre. Dabei rechnete er mit blin- 
der Zuversicht auf die Macht des von ihm bereits erworbenen 
Volksvertrauens. Er hoffte, dass die Stände, wenn sie, uneinig 
unter sich, in Verlegenheit kämen, zu ihm als Vermittler ihre Zu- 
flocht nehmen würden (161.). Während aber die Versammlung 
eröffnet wurde, ohne dass die Regierung duroh irgend eine Erklä- 



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I 



Orot: Hintoire du regne de Louii XVI. 435 

rung die Form der Berathungen bestimmte, noch die Rechte der 
Krone in Hinsicht der Sanktion der Beschlüsse und der Auflösung 
sicher stellte, setzte der Parteigeist alle Triebfedern in Bewe- 
gung; der Adel den Grafen Artois an der Spitze bei Hof; die De- 
mokratischgesinnten im Club des Palais Royal zu Paris, begün- 
stigt vom Herzog von Orleans (166. 167.). Zwischen den drei 
Ständen, die sich abgesondert versammelten, entspann sich nun 
gleich ein Zwiespalt über die Beglaubigung der Vollmachten, wel- 
che die Regierung nicht der Eröffnung hatte vorhergehen lassen, 
wodurch vielen Anst&nden wäre begegnet worden. Der dritte Stand 
verlangte die* Beglaubigung in einer gemeinsamen Versammlung. 
Der Adel wollte sich durchaus nicht dazu verstehen. Der Clerus 
wartete auch den Ausschlag dieses Streites ab. Doch schlug er 
die Ennennung von Commissärs zur Vermittlung vor. Der Adel 
ging nach stürmischem Kampf darauf ein. Auch der dritte Stand 
nahm trotz der Einwendungen Mirabeau's den Vorschlag an. Aber 
die Bevollmächtigten des Adels und die des dritten Standes blie- 
ben in schroffer Stellung gegen einander. Nun beschickte, auf 
Miraheau's Antrag, der dritte Stand den Clerus, um ihn im Na- 
men des Gottes des Friedens zu beschwören, sich um ihn 
zu vereinigen. Ein grosser Theil des Clerus war geneigt, zu ent- 
sprechen; doch die Mehrheit vertagte. Nun suchte die Regierung 
zu vermitteln. Aber, anstatt jetzt das Versäumte einzuholen, und 
in einer neuen Generalversammlung über die Beglaubigung der 
Vollmachten einen Ausspruch zu thun, unterwarf er der Berathung 
der einzelnen Stände einen Vorschlag. Dieser gefiel im Ganzen 
weder dem Adel noch dem dritten Stande. Da fasste der letztere 
auf den Antrag von Sieyes, der schon früher durch seine Schrift: 
Was ist der dritte Stand ? diesen für die eigentliche Nation er- 
klärt hatte, den Beschluss: ohne Weiteres zur Beglaubigung zn 
schreiten und die andern zwei Stände zur Theiinahme aufzufor- 
dern. Vergebens versuchte Mirabeau durch Malouet's Dazwi- 
schenkunft Neckern zu einem Schritt zu vermögen, welcher der 
Ausführung dieses Beschlusses zuvorkäme (199 f.). Kaum hatte 
der dritte Stand die Beglaubigung der Vollmachten seiner Abge- 
ordneten vollendet, so gab er sich auf Sieyes Antrag den Titelz 
Nationalversammlung (201 — 213.). Jetzt neigte sich der 
Clerus, durch den Enthusiasmus, den die Beschlüsse des dritten 
Standes im Volk erregten, geschreckt, zur Nachgiebigkeit. Noch 
heratbschlagte er, als der dritte Stand, nachdem der Hof den Zu- 
gang zum Versammlungssaal hatte durch Truppen versperren las- 



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Dro«: Histoirc da regne de Loait XVI. 



sen, sich tm Saale des Ballspiels versammelte, wo die Abgeord- 
neten auf Mounier's Antrag, eidlich schwuren, sich nimmer zu 
trennen, indem, wo immer sie sich vereinigen würden, die Natio- 
nalversammlung sich befände (221.). Jetzt zögerte der Cleros 
nicht mehr, sich feierlich mit dem dritten Stande zu vereinigen. 
Der Hof schwankte. Viele riethen dem König die Auflösung der 
Versammlung; auch Viele vom Parlament waren dafür. Necker 
dagegen trug auf eine feierliche Erklärung des Königs an, dass 
während der gegenwärtigen Sitzung der Generalstaaten die drei 
Stände über alle allgemeinen Angelegenheiten gemeinsam und nur 
in den besondern Interessen einzeln beratschlagen sollten. Auch 
sollten in dieser Erklärung die Rechte der Krone bestimmt vorbe- 
halten werden. Allein die Hofpartei setzte durch, dass dieser von 
der Staatsklugheit eingegebene Vorschlag wesentlich und so ab- 
geändert wurde, dass durch die Königl. Erklärung die Zwistigkeit 
der Stände nur vermehrt und das Misstrauen des dritten Standes 
gegen die Regierung gesteigert werden rousste. Diese umgeän- 
derte Erklärung stellte nämlich die abgesonderte Beratbung der 
drei Stände als Regel auf und bewilligte die vereinigte Berathung 
nur für den Fall, wenn alle drei Stände sie begehren würden. Sie 
lud zwar den Adel und Clerus ein, sowohl diese gemeinsame Be- 
rathung vorzuschlagen, so oft es sich von Fragen eines allgemei- 
nen Interesses handeln würde, schloss aber zum voraas davon die 
Fragen über die alten verfassungsmässigen Rechte und die den 
künftigen Generalstaaten zu gebende Form aus. Necker hatte auch 
in seinen Entwurf einer Königl. Erklärung die Darstellung vieler 
Reformen aufgenommen, die der König theils selbst kraft seiner 
Gewalt vornehmen, theils den Ständen zur Berathung vorlegen 
wolle. Die Abschaffung der Vorrechte in Bezug auf Abgaben 
war darin bestimmt ausgesprochen und eben so die Zulassung al- 
ler zur Bewerbung um bürgerliche und militärische Stellen. Durch 
den Einfluss der Hofpartei wurde aber der letzte Artikel ganz 
gestrichen und der erstere dahin abgeändert, dass der König nur 
seine Bereitwilligkeit zur Abschaffung der Vorrechte erklärte, 
wenn Adel und Clerus ihre förmliche Zustimmung würden ertheüt 
haben (227 f.). 



(SehlufM folgt.) 



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N°. 22. HEIDELBERGER 1840. 



JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

l)ro%: HiMtoire du regne de Louis XVI. 

( Be$chluj s. ) 

m 

Diese Abänderung gab dem Königl. Ansehen den Todesstose, 
wie es sich in der feierlichen Sitzung, wo der König seine Er- 
klärung den Generalstaaten kund that, nur zu sebr offenbarte. Der 
König und seine Erklärung wurden mit sichtbarer Kälte und Un- 
zufriedenheit aufgenommen. Necker, um seine Niahtzustimmung 
zu der wesentlich abgeänderten Erklärung an den Tag zu legen, 
erschien nicht in der Sitzung. Der König, über das Unterbleibe« 
alles Beifalls erstaunt, söhloss die Sitzung mit dem Befehle, die Stände 
sollten sogleich auseinander gehen und jeder Stand am andern 
Morgen seine Berathungen abgesondert fortsetzen. Der Adel und 
der grösst e Theil des Clerus befolgten unverweilt diesen Befehl« 
Doch der dritte Stand und mehrere Geistliche beharrten unbeweg- 
lich in dumpfem Schweigen auf ihren Sitzen. Doch als der Ce— 
remonien meist er sie zum Weggeben aufforderte, versetzte ihm Mi- 
rabeau : „Kur die. Gewalt der Bajonette könne die Versammlung 
von dem Ort vertreiben, wo sie durch die Gewalt des Volkes sich 
befinde." Da ertönte der einstimmige Ruf: . J)icss ist die Gesin- 
nung- der Versammlung, diess ihr Beschlusa u (240. 242 ). der- 
mo nt Tonnere gab sich nun alle Mühe, den Adel zu bewegen, 
sich mit dem dritten Stande zu vereinigen. Aber nur 47 Glieder, 
der Herzog von Orleans voran, thaten es. Vom grössenr>T heile 
des Clerus geschah das Gleiche. Durch einen Versuch der Re- 
gierung, den Zudrang des Volks auf die Gallonen des Sitzungs- 
saales zu verhindern, wurde dieses noch mehr erhitzt. Versailles 
und Paria gerathen jetzt in bedrohliche Aufregung. Endlich ent- 
schliesst sich der König, die Vereinigung aller Stände in Eine 
Versammlung zu verlangen, und nach einigem Widerstand erfolgt 
sie. JNun hoffte man Herstellung von Eintracht und Ruhe. Aber 
Böswillige boten Allem auf, das Volk zur Unruhe und auch die 
Trappen zur Unordnung aufzureizeu. Der König hatte ihrer viele 
in der Nähe von Versailles versammelt. Jetzt verlangte die Na- 
tionalversammlung auf Mirabeau* Antrag die Entfernung dectel- 
1UKUI. -tabr*. 3 Hell, ( „j 22 , 4 



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388 Droz. Hittoir« da re^ne de Louit XVI. 

ben. Der König lehnte das Begehren mit triftigen Gründen ab. 
dass die Ruhestörungen die Anwesenheit der Trappen erforderten. 
Doch die Hofpartei setzte jetzt die Entlassung Necker's durch, 
und sie diente zum Vorwande zu heftigen Unruhen. Der Pöbel 
übt eine Menge Gewalttaten. Die Bastille wird von ihm erstürmt. 
Greuel folgt auf Greuel. Aufgeschreckt, begibt sich der König 
gegen den Willen seines Hofs in die Versammlung, und dann 
nach Paris, um die Gemüther zu beschwichtigen, was ihm eini- 
germassen gelingt Er beruft Necker zurück, und dessen Rück- 
kehr ist ein Triumphzug. Aber die Anarchie wuchs in furchtba- 
rem Maasse. Die Regierang ermangelt aller Kräfte, ihr zu steu- 
ern^ und vergebens trägt Lally Tolendal in der Versammlung an, 
wirksame Mittel gegen sie zu ergreifen. Endlich beschliesst sie 
doch einige Massregeln auf das Andringen der Regierung; aber 
im Ganzen mit geringem Erfolg. Doch gelingt es endlich der 
neuen Stadtbehörde und Nationalgarde in Paris, die Ruhe herzu- 
stellen. Aber die geheimen Umtriebe behalten überall ihren Fort- 
gang. Inzwischen setzt die Versammlung ihre Verfassungsarbei- 
ten fort. Da schlug Mirabeau vor, die Erklärung dor Menschen- 
rechte bis zur Vollendung der Verfassung zu verschieben. Er 
findet aber heftigen Widerspruch. In den Berathungen über 
die Verfassung ziehen die Mässigen fast immer den Kürzern und 
der Pöbel schaart sich auf die Seite ihrer Gegenpartei. M o li- 
nier 1 s gründliche Warnung vor der Gefahr der unbeschränkten 
Gewalt einer grossen Versammlung fand wenig Beachtung. Doch 
schlug selbst Mirabeau vor, dass dem Könige das Veto nahet 
schränkt zugestanden werde. Aber Sieyes wollte gar keine», Bar- 
nave und Peüon nur ein suspensives. Dieses ward endlich be- 
schlossen. Dagegen wider die Abtheilung in zwei Kammern 
vereinigten sich alle Parteien, davon Schwächung gegenüber der 
könig). Gewalt besorgend. Nur 89 Abgeordnete stimmten dafür. 
Als die Beschlüsse der Versammlung dein Könige zur Sanktion- 
vorgelegt werden, fügte er diesen nur wenige Beschränkungen 
bei, von denen er glaubte, dass die Gerechtigkeit sie fordere. Al- 
lein au? des heftigen Chapelier's Antrag fasste die Versamm* 
lang den Beschluss: sie habe die königl, Sanktion nur in dem 
8inne einer Verkündung (Promulgation) hegehrt (467. 469.). 
Fünfzehn Abgeordnete schlugen nun. um den Thron zu retten, 
der Regierang vor, ihren Sitz in einige Entfernung von Paris zu 
verlegen. Doch der König, obgleich sein Staatsrath für die Ver- 
legung war, beschloss in Versailles zu bleiben (471,), und er 



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Uro«; Hifltoire du regne rf« Loui. XVI. W 

schritt zur Verkündung der Beschlüsse der Versammlung ohne 
Vorbehalt. Das Einzige, was man zur Sicherstellung: der Regie- 
rung that, war die Berufung eines Regiments in diese Residenz- 
stadt (473.). • 

Hier scbliesst der zweite Band des Werkes, dessen Inhalt in 
gedrängter Kürze dargestellt worden« Der Verf. fügt noch einige 
allgemeine Betrachtungen bei. „Unglücklicher Weise," sagt er 
(8. 476.), „waren die ächten politischen Einsichten sehr selten; 
woher hätten die meisten Abgeordneten sie geschöpft? Büchern 
hatten sie abgezogene Theorien entnommen, und ihr Eifer machte 
sie. geneigt zu glauben, dass die freisinnigsten Gesetze diejenigen 
seyen , die die Freiheit am besteu gewähren liessen. Ruhe wäre 
erforderlich gewesen , damit die Vernunft sich hätte Gehör ver- 
schaffen können ; Unruhe und Verwirrung gaben der Unwissenheit 
die Oberhand. Die Schwäche wurde durch den Ungestüm einge- 
schüchtert, die Unerfahrenheit glaubte nicht an die Gewalt, welche 
die Unvernunft und das Laster sich anmassen können. Der Durst 
nach Popularität endlich, noch verderblicher als die Habgier und 
der Ehrgeiz, vollendete die Niederlage der Besonnenen. — Die 
Irrthümer, Kehler und Verbrechen, welche dieser Epoche folgten, 
waren nur leichtvorherzusehende Folgerungen derjenigen, welche 
bereits waren begangen worden." — Obgleich der Verf. hiernach 
sein Werk für geschlossen ansehen könnte, so stellt er doch dessen 
Fortsetzung in Aussicht, wozu es ohne Zweifel der Aufmunterung 
nicht ermangeln wird. 

In Hinsicht des Charakters Ludwigs XVI. ergibt sich aus 
seiner Geschiebte Folgendes: Ihn schmückten die Tugenden eines 
würdigen Privatmannes; aber der Fürstengeist fehlte ihm. In den 
Umständen, die Entschlossenheit und festen Muth forderten, war 
er schwankend und unentschieden. So ging ihm der rechte Au- 
genblick verloren, und da er zur Unzeit bald widerstand, bald 
Nachgiebigkeit Zeigte, so verfehlten beide die beabstehtigtigte 
Wirkung, und des Throns Zutrauen und Ehrfurcht gingen unter. 

sollte Ref. in Hinsicht des trefflichen Werkes das Amt der 
Kritik ausüben, so wüsste er im Wesentlichen nur dieses daran 
auszustellen, dass ihm die Darstellung des amerikanischen Befrei- 
upg^skrieges, woran Frankreich Theil nahm, zu umständlich schei- 
ne, wogegen es dem Zweck des Werkes förderlich gewesen wfire, 
wenn- der der Staatsumwftlzung vorhergegangene Einfluss der 
Scbrlftstellerei , besonders der französischen , auf die öffentliche 
Meinung und die Wechselwirkung zwischen der Schrift steilere! 



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340 Bütiiger's denUche un.l lat. kl. Schriften, Serradifalco's Agrigent 

and der Verdorbenheit in allen sittlichen und gesellschaftlichen 
Zustanden ausführlicher wäre auseinandergesetzt und beleuchtet 
worden. Das Wenige, was der Hr. Verf. hierüber sagt, ist tref- 
fend. Ueberhanpt verdient das Werk des Hrn. Droz in hohem 
Grade die aufmerksame Würdigung nachdenkender und wohlge- 
sinnter Manner aller Classen und Stände. 

J. H. v. W es senberg . 



1) a. C. A. Uoettiger i Opus cul a et C armina Latina. Coltcgit 
et edidit Julius Sillig. Accedunt efßgies et speeimen Autographi 
B. auctoris figuraeque aeri incisae. Dresdae, libraria aulica Waltheria, 
1837. S. XII. und 611 gr. 8. 
6. C. A. Böttiger's kleine Sc hrif t en archäologischen und anti- 
quarischen Inhalts, gesammelt und herausgegeben von Julius Sillig 
Erster Band. Mit 6 Kupfertafeln. Dresden und Leipzig, Amoldi'sche 
Buchhandlung. 1837. Ä. LXX. und 405 gr. 8. 

Derselben Sammlung zweiter Band, mit 7 Kupfertafeln. Ebenda- 
selbst, 1838. 9. VI. und 37«. 

Derselben Sammlung dritter Band, mit 4 Kupfert. Ebenda» , 1838. K 
S. XII. und 486. 

2. Le Antichitu della Sieilia esposte ed iUustrate per Domenico lo 
Faso Pietrasanta Duca di Scrr adifalco, socio di varie Accademie. 
Volume III. CJntichitä di Agragante) Palermo Tipografia e Lega- 
toria Roberti 1836. Fol 9. 123, mit X I ignellen u. 48 Bildertafeln. 

Indem ich hiermit einen versäumten Berioht nachhole, kann 
es bei Nr. i. a und b meine Absicht nicht seyn, den Inhalt dieser 
ungemein reichen vier Bände im Einzelnen anzugeben, noch we- 
niger die Gegenstände selbst zu besprechen, welche, da sie den 
ganzen Kreis der Alterthums wissensch aften umfas- 
sen, ein eignes Buch erfordern würden. Auch habe ich mich 
über den wissenschaftlichen Standpunkt des seel. Verfassers noch 
bei seinen Lebzeiten in diesen Jahrbüchern erklärt ; zuerst in mei- 
ner Anzeige seiner Araalthea vHeidelbb. Jabrbb. d. Lit. 18*0, Nr. 
6 und 6>, sodann in dem Bericht über Desselben Ideen »Ufr 
Kunst-Mythologie (Jabrbb. 18*7, Nr. 34, 35. \ Viele ein- 
zelne Punkte der vorliegenden Deutschen u nd Lateinischen 
kleinen Schriften haben aber von mir in allen meinen lite- 
rarischen Versuchen bis zu den neuesten herab berührt werden 
müssen ; wie denn kein Philolog und Alterthumsforscher, auf wel- 
chem Felde er auch arbeiten mochte, vermeiden konnte, diesem 



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Röttiger's deutsche and lat. kl. Schriften, Serrad ifalco'« Agrigent. 341 



Polyhistor auf seinem Wege zu begegnen. Wenn dieser Name 
heut zu Tage mit Recht oft sehr zweideutig klingen mag, so kann 
er von Böttiger nur im besten Sinn verstanden und nur in der Be- 
deutung genommen werden, wie man ihn wohl jenen Alexandri- 
nern beilegt, die als Stifter der Philologie in der Geschichte der 
Wissenschaften genannt werden, oder wie man ihn von jenen, den 
ganzen Umfang der Sprachen- und Alterthumskunde umfassenden 
Männern des 16. und 17. Jahrhunderts zu gebrauchen pflegt. Denn 
mochte bei Böttiger's Lebzeiten ein feinfühlender Referent sich, 
scheuen, seine ganze Bewunderung dieses allseitigen grossen Ge- 
lehrten öffentlich kund zu geben, aus gerechter Besorgniss, eines 
Buhlens um eine laute Lobeserwiederung bezüchtigt zu werden bei 
einem Manne, der bekanntlich gar zu gern und gar zu viel lobte, 
so kann er jetzt nach Dessen Tod, — und er fühlt sich eben des- 
wegen gedrungen dazu, — seine volle und dankbare Anerkennung 
der grossen und unsterblichen Verdienste dieses unermüdlichen Ge- 
lehrten vor dem Publikum aussprechen. Auch erfordert die Bil- 
ligkeit, hierbei zu bemerken, dass eben jener Hang zur Lobred- 
nerei grosseatheils in einer gewissen Gutmütigkeit seinen Grund 
hatte, besonders aber in einem grossen Enthusiasmus für alle 
Bestrebungen in Künsten und Wissenschaften, die er, wie Keiner, 
sammtlich für die Humanitäts-Studien und Alterthumskunde zu be- 
nutzen verstand. Da war denn, auf welchem Felde es seyn mochte, 
keine Bemühung so gering, er wusste ihr als ein ächter Humanist 
eine vortheilhafte Seite abzugewinnen, und sie von derselben den 
Zeitgenossen darzustellen Diese Beweglichkeit des Geistes ver- 
leitete ihn natürlioh nun auch selbst, an Schriften und Sammlun- 
gen der verschiedensten Fächer Antheil zu nehmen. Aber wenn 
er sich deswegen, wie Ref. aus brieflichen Aeusserungen weiss, 
selber tadelte, und über Zersplitterung seiner Zeit und Kräfte 
klagte, wer wollte, wer könnte solcher ihm angebornen Neigung 
hinterher noch zürnen, zumal wer bedenkt, aus wie vielen an sich 
unbedeutenden Dingen dieser seltene Mann mit seiner ungeheuren 
Gelehrsamkeit erst etwas gemacht hat, wie er alle Gegenstände, 
die er berührte, den Gebildeten schmackhaft zu machen wusste, 
und wie er endlich seine Zeitgenossen immer mehr zu humanisiren 
mit dem besten Erfolg bemühet gewesen ? — Im Gegentheil, wenn 
eine so ausgebreitete und eine so nachhaltige Verschwendung des 
Wissens dem ganzen Publikum zu gut gekommen, und alle Ge- 
bildete eines solchen Mannet* Schuldner geworden, so dürfen am 
wenigsten die Humanisten, welche von den freigebig dargebotenen v 



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842 WöUi^er« deutsche und Ut kl Schriften, Serrad ifa Im* Agrifeat. 

Frücht en am meisten genossen haben, gegen den Geber undankbar 
seyn. Und sind auch in der Alterthumswissenschaft manche Satze 
besser begründet« sind manche neue Wege eingeschlagen worden, 
so wird man doch einen Gelehrten, wie er war, der die gründ- 
lichsten Kenntnisse in alten und neuen Sprachen besass, der als 
Redner und Schriftsteller des Lateinischen und des Deutschen 
Meister war, und überall durch Lehre und Hebung die slreng- 
classische Schulbildung förderte, ohne die grösseste Ungerechtig- 
keit nicht einer modernisirenden Begünstigung eines flachen ma- 
teriellen Realismus bezüchtigen können. 

Nein, die Schriften dieses Mannes behalten für Sprach- und 
Alterthums-Forscber einen entschiedenen und grossen Werth, und 
wiegen in ihrer Gesammtheit durch innern Gehalt den voluminö- 
sesten Folianten auf, an den allein nach vormaliger Sitte ein Li- 
terator wohl sein ganzes Leben zu setzen pflegte. 

Wir haben hier einen Theil der Arbeiten eines Schriftstellers 
vor uns, der über fünfzig Jahre literarisch tbätig gewesen, von 
1779 an bis 1836, und der, wenn er auch erst im Jahr 1785 mit 
einer Schrift unter seinem Namen hervortrat, dennoch vor seinem 
Tode das fünfzigjährige Jubelfest seiner schriftstellerischen Lauf- 
bahn schon hätte begehen können. Auf diese Weise rausste die 
Gesammtzahl seiner grösseren und kleinern Schriften, welche letz- 
tere die Mehrheit ausmachen, sich auf mehrere Hunderte belaufen. 
Da nun eben diese meisten in Abhandlungen, Schul Programmen 
und in Gelegenheitsschriften bestanden, die nach wenigen Jahren, 
wenn sie auch in den Buchhandel gekommen, sich doch daraus zu 
verlieren pflegen, dem grössesten Theile nach aber in einer Masse 
von Zeitschriften zerstreut waren, die nur in sehr seltenen Fällen 
einem Philologen vollständig zu Gebot stehen, nach einiger Zeit 
aber selbst wieder nicht einmal in allen öffentlichen Bibliotheken 
aufbewahrt werden, — so rausste natürlich den Freunden der Li- 
teratur der Wunsch sehr nahe liegen, die kleineren Schrif- 
ten von ihrem Verfasser in einer Sammlung vereinigt zu sehen. 
Und wirklich hatte er den Wünschen seiner Freunde in so weit 
nachgegeben, dass er sich in der Person eines vertrauten Freun- 
des den geschicktesten Theilnehmer eines so mühsamen Unterneh- 
mens erwählt hatte, als Krankheit und andere Hindernisse bis zu 
seinem Tode sich der Ausführung in den Weg stellten. 

Durch diesen Abgang des Verfassers mussten die Schwierig- 
keiten der Arbeit sich ausserordentlich vergrössern, da oftmals erst 
durch langwieriges Umfragen schriftlich und mündlich zu errait- 



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Böttiger t deutsche und Int. kl. Schriften, Scrradifalco'n Agrigeat 343 



teln war, wo die nicht in den Buchhandel gekommenen, besonders 
aber die in so vielen Zeitschriften zerstreuten Aufsätze y.u finden, 
und welche, da viele derselben anonym erschienen waren, Bötti- 
gern angehörten. Und wenn auch eine grosse Zahl derselben in 
dessen BOchersammlung anzutreffen war, so wurde doch andrer- 
seits durch die Aufgabe, auch alle uugedruckten Arbeitendes 
Seeligen zu liefern, das Geschäft noch um Vieles schwieriger, da 
aus einer grossen Masse von Papieren das Gehörige gesondert, 
und dessen Inhalt aus den unleserlichen Schriftzügen des augen- 
schwachen und einmal fast erblindeten Verfassers dechiffrirt wer- 
den musste. 

Um so mehr ist das deutsche, ja das europäische Publikum 
dem Gelehrten, den Böttiger bei seinen Lebzeiten selbst als Ge- 
hilfen sich zugesellt hatte, zum grossesten Danke verpflichtet, dass 
er das durch dessen Tod nun so viel schwerer gewordene Ge- 
schäft übernommen hat. In der That hat der würdige Herausge- 
ber, Hr. Professor Julius Sillig in Dresden, kein Opfer ge- 
scheut, um sowohl das Zutrauen seines verewigten Freundes zu 
rechtfertigen, als die Erwartungen der Literat urfreunde zu befrie- 
digen, ja, kann Ref. hinzusetzen, noch zu übertreffen. Einer sol- 
chen Aufgabe konnte nur ein Philologe Genüge leisten wie der 
Herausgeber, der durch gediegene Arbeiten in der classischen Li- 
teratur und Archäologie sich selbst schon einen Ehrenplatz errun- 
gen, und der daneben durch langjährigen Umgang mit allen Ver- 
hältnissen, Ansichten und Absichten des Secligen auf das genaueste 
bekannt war. Die grosse Umsicht, das reife Urtheil und den si- 
chern Tact des Herausgebers dieser vielen kleinen Schriften beur- 
kundet jede einzelne. Li her die Grundsätze, die er bei diesem 
Redactionsgeschäft befolgt, hat er in den Vorreden zu jedem 
Bande, besonders zum ersten Rechenschaft gegeben. Aus dieser 
letztern muss Ref. Einiges ausheben: S. X. f. „Wer Böttiger s 
Journalaufsätze, Theaterrecensionen und dergleichen nur mit ei- 
niger Aufmerksamkeit gelesen hat, weiss, dass er jede Gelegenheit, 
wo sie sich nur immer darbot, ergriff, um Einiges aus dem Alter- 
thume dem Uebrigen beizumischen. Deswegen die ganzen Auf- 
sätze abdrucken zu lassen, wäre lächerlich gewesen, und nach 
reiflicher Ueberlegung schien es mir das Zweck massigste, bei der 
Blatt für Blatt anzustellenden Vergleichung der Zeitschriften, in 
die Böttiger gearbeitet, genau auf Alles zu achten, was sich an 
einzelnen Bemerkungen aus dem Kreise des Alterthums fand. Der 
Erfolg dieser mühseligen Arbeit liegt in jenen antiquarischen 



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344 Böttifter'« dcuUchc und lat. kl. Schriften, SerradifalcV« Agrigent 

Analecten vor, die ich nach den Abhandlangen der Bande ge- 
ordnet habe, so dnss jeder Band einen Theil derselben als Zugabe 
erhalten wird. Die mit einem Sternchen bezeichneten haben sich 
handschriftlich in BöttigerVNachlass vorgefuuden. 

„Was endlich die Anordnung der Aufsätze betrifft, habe 
ich die Methode befolgt, dass ich die ganze Masse des Aufzuneh- 
menden in gewisse Haupttheile sonderte, und diese nacheinander 
erscheinen liess; — und es regelt sich wie von selbst die Anord- 
nung der Aufsätze in solche, die zur Mythologie der Griechen 
und Römer, zu dem Theaterwesen der Alten, zur eigentlichen 
Archäologie und zur Kenntniss des Lebens und der Sit- 
ten des Alterthums gehören. Einige Aufsätze bildeten die Ab- 
theilung, der ich den Titel antiquarische Scherze geben zu 
können glaubte; den Schluss des Ganzen macht eine Sammlung 
von Abbandlungen vermischten Inhalts. " 

„Beim Beginn der Arbeit hatte ich mir vorgenommen, zu ei- 
nigen Untersuchungen Nachträge zu liefern, die die Geschichte 
der Böttiger sehen Forschungen bis auf den heutigen Tag durch- 
führen sollten. Noch habe ich diese Absicht nicht aufgegeben ; 
ob ich dazu kommen werde, hängt von der Bogenzahl ab, die 
Böttigers Aufsätze selbst füllen werden, und ob meine, durch an- 
strengende Berufsgeschäfte sehr in Anspruch genommene Zeit mir 
noch erlauben wird, der Arbeit, die ich zur Aufgabe meines Le- 
bens gemacht habe« ich meine die grössere Bearbeitung der Na- 
turgeschichte des Plinius, einige Stunden abzumussigen." 

Mit einem kritisch berichtigten Text des Plinius hat uns 
Herr Sil Ii g bereits in einer Handausgabe beschenkt. Was wir 
aber von seiner grösseren Ausgabe, wozu er seit mehreren Jahren 
aus der Pariser und andern Bibliotheken einen reichen kritischen 
Apparat gesammelt hat, zu erwarten haben, dafür leistet uns eine 
kürzlich erschienene Probeschrift, betitelt: 

Julii Sillig quaestionum Plinianarum speeimen pri- 
mum. Dresdae 1839, S. 30. 8.*) 

aufs neue Bürgschaft; und wir dürfen hoffen, die von der Ver- 
sammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte gestellte grosse 
Aufgabe einer kritischen Bearbeitung der Encyclopädie des ältern 
Plinius durch diesen gelehrten Philologen und Archäologen mit 
der Zeit gelösst zu sehen. 



') • diese Jabrbb 1839. p. 1018 fl 



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1 



BdUiger's deutsche und lat. U. Schriften, Serrad ifalco't Agrigent. S45 

Nach jener Vorrede des Herausgebers zum ersten Bande 
der kleinen Schriften folgt von S. XIII— LXVHI. das Verzeich- 
niss von C. A. Böttigers säinmtlichen Schriften. Hieran rei- 
het sich zunächst die erste Abtheilung von jenen: Zur Mytho- 
logie der Griechen und Römer, unter 9 Numern. Die zweite 
Abtheilung': Zum Bühnenwesen der Griechen und Römer, ent- 
halt 6 Numern nebst einer Zugabe; die dritte Abtheilung, über- 
schrieben: Antiquarische Scherze, liefert 9 Numern. Ein 
Anhang, betitelt: Antiquarische Analekten. Erste Samm- 
lung macht den Schluss des ersten Bandes. — Der «weite gibt in 
der vierten Abtheilung 7 Abhandlungen zur Geschichte, Theorie 
und Technik der Kunst bei den Alten; Museogr aphie; in 
der fünften 19 Aufsätze unter dem Titel: Kritik und Auslegung 
einzelner Kunstwerke des Alterthums, nebst einem An- 
hang: Antiquarische Analecten. Zweite Sammlung. Nr. 
34 — 84. — Im dritten Band enthält die sechste Abtheilung: Bei- 
träge zur Kenntnis* der Sitten und des Lebens der Alten, 
28 Aufsätze; die siebente, unter der Rubrik: Aufsätze ver- 
mischten Inhalts. 11 Numern. Es folgt ein Anbang zum 
dritten Bande, überschrieben: Antiquarische Analecten. 
Dritte Sammlung. Den Beschluss macht ein Register zu den 
drei Bänden. — Die lateinische Sammlung enthält ausser der 
Praefatio editoris, worin Herr Sil Ii g von seinem Verfahren Re- 
chenschaft gibt, 32 längere Abhandlungen und kürzere Aufsätze 
in Prosa, 96 lateinische und 8 griechische Gedichte. Beide Ab- 
theilungen möchten sich wohl noch vermehren lassen, und Ref. 
selbst z. B. könnte ein Distichon und ein Epistolium in lateinischer 
Sprache mittheilen, hält sie aber, da sie noch lebende Gelehrte be- 
treffen, wie recht und billig, zurück. 

Schliesslich spricht Ref. seine eigene Erfahrung aus, wem 
er diese beiden Sammlungen der kleinen Schriften Böttiger's je- 
dem Philologen und Archäologen unentbehrlich nennt, 
indem er sie niemals ohne neue Belehrung zu Rathe zieht, wie er 
denn dem Andenken Böttiger's das öffentliche Bekenntniss schuldig 
ist, dass er ihm seit dem Antri't seiner literarischen Laufbahn un- 
endlich viel zu verdanken habe. Noch muss er die jungen Hu- 
manisten darauf aufmerksam maohen, welchen Schatz wir jetzt 
in den fast gleichzeitig geschlossenen Sammlungen von Abhand- 
lungen zweier berühmten Veteranen besitzen, in den Vermisch- 
ten Schriften von Friedrich Jacobs, Gotha und Leipzig 
1823— 1&37 in sechs Theilen, und in diesen deutschen und latci- 



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«46 ttötti^er'i deutsche and IM. kl Schriften, Serrad ifalc©'» Agrigent. 

» 

ni sehen kleinen Schriften von C. A. Böttiger. — Den Dresdner 
Verlegern gereicht es zur Ehre, dass sie diese letzteren beiden 
Sammlungen aufs Würdigste ausgestattet haben. 



») lieber die dem alten Sicilien gewidmeten Prachtwerke des 
Herrn Herzogs von Serradifalco, nämlich die Beschreibung' 
der alten Städte Solunt, Segesta und Sei in mit. haben wir in die- 
sen Jahrbüchern 1836. Nr. 23. Bericht abgestattet. Da unterdes- 
sen seit der Erscheinung des dritten Bandes dieser Antichita della 
ßicilia (1836) einige Jahre verflossen, und die archäologischen 
Und artistischen Parthieen dieser Altert hümer von Agrigent 
bereits von andern Referenten beleuchtet worden sind, so will ich, 
um dem edlen Herrn Verfasser meine Aufmerksamkeit zu bewei- 
sen, mich allein an die parte prima, della storia di Agra- 
gante, halten, und die Geschichte dieser gewaltigen Stadt des 
Alterthums mit einer Zahl kritischer Bemerkungen begleiten : 

„Plin. H. N. III., 8: „Oppidum Acragas, quod Agrigentum 
nostri dixere," nämlich 'Ax t >ctytts. Wenn es in der neuesten Re- 
al-Encyclopädie heisst; „»; 'Arpayas-di'To^*- so hätte für die 
Studirenden bemerkt werden sollen, dass die Stadt eben sowohl, 
ja fast öfter männlich bezeichnet wird 6 'Axpaya*,, worüber in 
Buttmann's Ausführliche Sprachlehre S. 134. und jetzt das Ge- 
nauere im neuen Pariser Thesaurus, L. Gr. I., p. 1972, zu finden 
ist. — Ich gehe vom Artikel des Stephnnus ßyz p. 80. Berkel, 
aus; zuvor aber mnss ich, um gleich von vorne den Leser auf 
diesen Theil dieses Werkes aufmerksam zu inachen , bemerken, 
dass wenn der verstorbene Kdler zu den Fragmenten des Hera- 
clides Ponticus pag. 90. schon vorlängst eine historische Mono- 
graphie von Agrigent wünschte, wir in diesem Bande viel mehr 
besitzen, nämlich auch eine gelehrte Topographie und eine 
anschauliche Darstellung und künstlerische Würdi- 
gung der grossartigen Ueberreste dieser weltberühmten 
Stadt. 

Nächst der mythischen Stiftungslegende , dass Akragas. des 
Zeus und der Asterope Sohn, die Stadt gebant und ihr seinen 
Namen gegeben, folgt die historische Angabe, wonach die Stadt 
von dem gleichnamigen Flosse bennnnt worden, mit der allgemei- 
nen Bemerkung des Gesehicbtscbreibers Doris, dass die meisten 
Sioilischen Städte von Flüssen ihre Namen haben (vermnthlich aus 
den taToptou des Huris, welche auch als *t* *tf\ A^adoxXfa ci- 

\ 

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Böttiger'« deufeche and lat. kl. Schriften , Se rradifalco'ii Aprigent. 34? 

tirt werden, Athen Xm. p. 19». XIV. p. 939. Schweich, vergl. 
Bberti dissertationes Sicolae p. 149, 159 sq., 183.). Stepbanas 
fährt fort, aus Polybins den Namensursprung von Fluss und Stadt 
anzugeben, nämlich vom fruchtbaren Lande, genannt : praestantis- 
siraa terrae, dxya y>\ und Dorisch dim^a yäq und davon 'Ax^ayag 
(ad Polybii reliqq. IX. 97. Scbweigbaeuser. Vol. V. p. 37.). Der- 
selbe Polybins gedenkt in den Fragmenten selbst sowohl des der 
Stadt gleichnamigen Flusses Akragas als auch des andern Hypsas ; 
von welchen beiden der Ort umflossen werde, beschreibt seine fe- 
ste Lage 18 Stadien vom Meere entfernt und die sonstigen Vor- 
theile derselben, gibt die Tempel an, den der Athene, des Zeus Ata- 
byrios und den des Zeus Olympios (Polyb. IX. 97. Vol. IU. p. 
147. ed. Schwgb. — Ueber das Olympieton s. v. K lenze Tempel 
des olymp. Juppiters zu Girgenti. Stuttg. 1831. — Jener Name 
des Zeus stammt vom Berg Atabyrion auf Rbodus, Schweigh. ad 
Appiani Mithrid. 96, p. 608., aber nicht von 'Ara^o*, wie Bost 
in seinem Rhodos S. 8. angibt, vergl. meine Praefat. ad Schub arti 
Quaest. genealogg. p. IX sq.). — Nach Polybius a. a. O. war 
nämlich Akragas von den Rhodiern als Colonie angelegt. Dage- 
gen erzahlt Thucydides VI. 4., die Einwohner von Gela hätten, 
ohngefahr 108 Jahre nach ihrer eigenen Stadtgründung von Rho- 
dos aus, Akragas gegründet, und den Bürgern dieser neuen Stadt 
die dorisch-geloischen Gesetze unl Einrichtungen gegeben. Wenn 
Larcher table geogr. p. 19. den Strabo (VI. p. 968. Tzsch.) ge- 
radezu eines historischen Fehlers bezüchtigt, dass er Akragas den 
Joniern zuschreibe, so konnte dieser dabei auf die spätere Beimi- 
schung jonischer Ansiedler sehen, welche notorisch Statt gefun- 
den. Der Herr Herzog di Serradifalco halt (p. 4.) die zwei Sitze 
fest, erstens dass Akragas nicht von Rhodos aus unmittelbar, son- 
dern von der rhodischen Colonialstadt Gela gegründet worden, 
und zweitens, dass auf dem Grund und Boden von Akragas schon 
eine alte sikanische Niederlassung bestanden (nämlich Kamikos, 
a. Herodot. VII. 170. mit Bähr's Anmerkung, Vol. OL, p. 704.). 
Ueber die Zeit von Agrigent's Erbauung ist man jetzt gegen Lar- 
cher, der sie früher ansetzt, so ziemlich einig, nämlich Ol. XLIX. 
3, oder Olymp. L., also vor Chr. Geb. 589 oder 580 — 576 anzu- 
nehmen (jenes Heyne Opuscull. acadd. II. p. 960., Müller Orohom. 
8. 337. und Serradif. p. 4, p. 93.; dieses Clinton fast! Hellenici 
p. 979. ed. Krüger.). 

Hierbei muss ich die zum ersten und zweiten Bande diesen 
Werks (in diesen Jahrbb. 1836, S. 357 f.) gemachten numismati- 



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648 Bulliger « deutsche und lat. kl. Schriften , Serrad ifaleo'« Agrigcnt. 

sehen Bemerkungen vorerst wieder aufnehmen. Es war oben von 
den beiden, Agrigent bewässernden Flüssen Hypsas und Akragas 
die Bede. Wenn nun Herr Karsten seitdem im Vol. II. seiner 
vortrefflichen Sammlung Phlloaopbonim Graeoorum veterum reli- 
quiae (wovon hoffentlich in diesen Jahrbb. künftig Bericht gegeben 
werden wird) p. 23. auf der Münze von Selinus den Empedo- 
kles, der die Sümpfe jenes Flusses ausgetrocknet, in Person er- 
blickt, so musste diese widersinnige Erklärung Burmanns, der ei- 
nen Mann für eine Frau versehen, nicht wieder erneuert werden. 
Das Bichtige hatte schon Eckhel D. N. V. I. p. »39 sq. bemerkt 
Man rauss aber jetzt besonders Thiersch's Epochen der bildend. 
K. d. Gr. S. 426 f. darüber nachlesen. — Wenn hier der Floss 
Hypsas in der Gestalt eines Stieres vorgestellt ist, so hat die fort- 
geschrittene Sinnbildnerei den Flussgott des andern, Akragas, 
auf den Münzen der gleichnamigen Stadt als ein gehörntes 
Jünglingsköpfchen mit einem Diademband im Haare vorgestellt 
(Tafel ad Pindari Pyth. XII. init. p. 973., wo jedoch Eckhel I. 
p. 193. die Hörnchen übersehen hat; nicht aber Steinbüchel Abrisa 
der Alterthumsk. S. 133. Dagegen bemerkt Eckhel von der an- 
dern agrigentinischen Grosssilbermünze p. 192. mit Hecht: ,,Fuere, 
qui speoi08ius qnam verisimilius causam rimarentur, cur utrumque 
animal (der Adler, der einen Hasen zerfleischt. Manchmal auch 
zwei Adler, auf Münzen von unvergleichlichem Gepräge — vergl. 
Heinr. Meyer Gesch. d. K II. S. 229 ) Agrigenti monetam in- 
vaserit. Pagurum (die Krabbe oder den Seekrebs) suaserit maris 
vicinia. a Jenes geht gegen L. Beger, der, wie er oft weit her- 
geholte Erklärungen gibt , dabei an die von zwei karthagischen 
Heeren erstürmte und zerstörte Sladt Agrigent dachte. Nun hätte 
aber Eckhel doch auch die ganz natürliche Deutung jenes Em- 
blems angeben sollen, wie sie Ezech. Spanheim de U. et Pr. Nu- 
mismm. I. p. 171. aus griech. Dichtern gegeben). — Auf den Mün- 
zen der dritten Stadt, der oben gedacht wurde, nämlich der sicili- 
schen Gela, ist ein Stier mit bärtigem, gehörnten Menschenhaupte 
geprägt, worin der Fürst von Torremuzza ebenfalls das Symbol 
des Flusses Gelas erkannte, wogegen Eckhel I. p. 209. Einwen- 
dungen machen will*). Allein meines Bedünkens nennt Steinbüchel 
8.136. dieses geloische Münzbild geradezu mit Hecht einen Fluss- 
stier. Nach dem folgerichtigen Gang der griechischen Kunst, 

*) Die Losung diese« gnnzen nuniisuiiititchen Problem* verdanken wi 
jetzt dem Hrn. Dr. Franz Streber (•. Denkschriften der Mnneh- 
ner Akad. d. Wissenst-h. II. *, S. 455-555.). 



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ßottiger'a deutsche und lat. kl. Schriften, Serra-Walco'« Agrigeat. 349 

besonders der vortrefflichen griechisch - sicüischen Münzprfge- 
Kunst haben wir hier den Uebergang von dem blosen Stier, als 
Bild des Flusses Hypsas, zu dem blos gehörnten Jüngling, als 
Flossgott Akragas; zwischen welchen dieser Flossstier Gelas mit 
gehörntem Menschenhaupt in die Mitte tritt. — Hierbei will ich 
diese Gelegenheit benutzen, um dem Königl. Hannoverschen Ma- 
jor Herrn von Wilding öffentlich meinen Dank abzustat- 
ten für das Geschenk des auf den Gütern seines Herrn Bru- 
ders, des Fürsten Butera gefundenen, trefflich erhaltenen Sil— 
ber-Denara von Gela mit eben jenem Münzgepräge. — Das gänz- 
liche Entfernen alles Thierischen und das Veredeln zum Ideali- 
scben zeigt sich uns nun in der herrlichen Heroengestalt des Fluss- 
gottes Krimisos auf einer Silbermünze von Segesta im ersten 
Bande dieses Werkes (s. Heidelbb. Jahrbb. a. a. 0. S. 369.). Eine 
Flu ss- und Stadtgöttin in gleicher Weise verschönert zeigt uns 
eine sicilische Erzraünze aus dem Werke Torremuzzaa (bei Vis- 
conti Iconograph. Tom I., pl. 3. Nr. 7.) ganz offenbar nach der 
Statue der Himers geprägt, welche Cicero Verr. II., 9, 35. be- 
schreibt: „ — ipsa Himera, in muliebrem figuram habitumqUe 
forraatn, ex oppidi nomine et flnminis." Archäologen, welche 
wissen, dass bei griechisoh-sicilischen Münzen zu verweilen am 
meisten belohnend ist, werden uns diese kleine Episode gern zu 
gut halten. 

Ich kehre zur geschichtlichen Uebersicht zurück, mnss sie aber 
der Kürze wegen skizzenartig zusammendrängen: Die Aegidenvon 
Akragas: Ihre Hausgötter die Dioskuren von Amyklae her; sie 
wurden an den Philoxenien in Theron's Hause am meisten verehrt 
(Pindar Olymp. III 1, 49. mit Boeckh p. 135, K. 0. Müller Of- 
chom. S. 339. und Doriern I, S. 408. und Tafel ad Pindar 1. 1. f>. 
131 sq. Anmerk. Jene Feste hiessen 0eog4vt<x und die öffentlichen 
Speisungen A?po3oiW'*i, — der Plural steht bei fjncian Phalaris 
p. 190. Wetst. s. Ruhnken ad Phalar. Epist. p. 130. ed. Lennep. 
— Was aber dfe Hauptsache ist, so hat erst neuerlich Thierse« 
aus parischen Inschriften in den Denkschriften der Mürtchn.Aksd. 
L, S. 628 ff. die richtige Vorstellung von diesen Festen dargelegt, 
dass es nämlich Festtage waren, an denen die gastfreundlichen 
Stadtgötter, die Dioskuren, das ganze Volk speiset**, wobei 
dann der König und die Grossen des Landes natürlich die Götter 
insoweit repr&sentirten, dass sie die Wirthe oder Gastgeber waren. 

Die Volksversammlung wurde bei den Dörern und auch zu 
Gela und Akragas 'Aaia genannt. Die V er f assuu g nennt der 
Herr Duca di Serradif. p. 6. und 94 eine aristokratische, mit dem 
Beifügen, dass in den dorischen Colonieen, wie Gela und Akra- 
gas die Adeligen an der Spitze der Regierung gestanden, in den 
cholkidischeh die Reichen; anders als K. 0. Müller Rorier I. 8. 
111, der Census Verfassung annimmt, mit Berufung auf Aristot. 
Polit. V. 8. 4, wonach Phalaris aus der Timokratie Tyrann von 
Agrigent geworden, vergl. Göttling fc< 1. — Ob Akragas oder 
Astypaläa oder Kreta des Phalaris Geburtsort gewesen, Jaast Ser- 



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350 Büttiger'« deutliche und lat. kl. Schriften, Serradifelco's Agrigent 



radif. dabin gestellt seyn, den Anfang seiner Tyrannis setzt er 
Nr. 5. mit BenÜey Olymp. 54, and das Ende Olymp. 57. (Heyne 
Opnscuil. IL 260 sq. Ol. LUI. 4 — LVII. 3.). — Nähere oder ent- 
ferntere Ursachen seiner Erbebang, entweder sein Reicbthum und 
darauf gegründetes politisches Gewicht oder persönliche Eigen- 
schaften, Geist, Math, Kriegstalente. Phalaris, Gründer der nach- 
folgenden Grösse von Agrigent; Befestigung und Erweiterung sei- 
ner Herrschaft in Sicilien, seine Bescnützung der Wissenschaft 
und Gelehrten; seine jeweilige Grossmuth, die heroisehe That der 
edelliebenden Chariton und Melanippos (nicht Menalippos, wie es 
l>. 6. heisst). Dagegen Sageu von seiner Grausamkeit (statt Ari- 
stot* V, 10. muss es heissen: Aristot. Ethic. Nimm. VII, 6, womit 
noch Etbio. Eudein. VI. 5. verglichen werden muss), ingleichen 
vom Stier des Phalaris (darüber ist jetzt Alles zusammengestellt 
von Ebert in den ZixeX p 41—106. Dieser Stier war ein locus 
communis der Stoiker, s. ad Plotin p. 28 sq.; aber wenn man auch 
nicht gerade mit Böttiger Kunstmythol. I, S. 381 ff. zweifeln will, 
ob es jemals einen Phalaris gegeben habe, so geht doch aus des- 
sen Erörterungen hervor, dass die spätere Sage in dem Erzbild 
eine« phönicischen und sikanischen Moloch und in den ihm dar- 
gebrachten Menschen- Brandopfern ihren Grund hatte, und füge 
ich bei, dass der Volkshass solche Molochsgräuel anf jenen Ty- 
rannen übergetragen); seine Unzucht und seltsamen Gelüste (vergl. 
nasser Böttiger a. a. 0., Huhnken Epist. crit. II, p. 180 und M. 
H. E. Meier in Ersen und Gruber s Encyclop. unter Päderastie S. 
15. und 39.). 

Es folgt der Sturz des Phalaris durch den Emmeniden Tele- 
machos (Schol. Pind. Olymp III. 68. mit Göller de situ et orig. 
gyracus, p. 23.) — Ich bemerke dazu, dass wir über die Um- 
stände ein neues Factum oder eine Sage gewinnen aus den Ex- 
cerptis Diodori in Scriptorr. vett. Vatic. collect. Vol. II, p 25. von 
einer unvorsiohtigen, ja herausfordernden Rede des Tyrannen , als 
ein Habicht einen ganzen Schwärm Tauben verfolgte. Hierbei 
macht Angelo Mai auf den citirten Titel der Auszüge: kv to 
*<4>i diiüdoxK ffafffifo»' aufmerksam. Ich frage: Ist dieser Ex- 
cerptentitel identisch mit dem neuen, jüngst von Herrn Feder im 
Escurial aufgefundenen: ne$\ imßoiXthv de coniurationibus — s. 
meinen Bericht in den Wiener Jahr hb. der IM. Band 61 — ? Da 
auf Agrigent's Münzen auch ein Adler, vorkommt, der eine Taube 
zerreisst, so hätte lieger, wäre ihm diese Erzählung bekannt ge- 
wesen, gewiss auch davon eine politische Deutung hergenommen. 
Ich will lieber an eine ähnliche Stelle im Prometheus des Aesohy- 
lus 863 1858] erinnern). Darauf Regenten von Akragas: Alkame- 
nes und nach ihm Alkandros ('A^auni;., so Bentley, Koeler ond 
Coray ad Heraclid. Pontic p. 360; Andere, und so K. 0. Müller 
Dorier IL 163. haben AXxfia^ ) — Sodann Therou von Olymp. 
73, 1. bis 76, 4. — Seine listige Erwerbung der Gewalt, Polyaen. 
VL 51, — seine rühmlichen Eigenschaften — Schol. Pindari Ol. 
II. iniU — Befestigung seiner Herrschaft durch Bund und Heirath 

i 



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ÜÖUigar'» deutsche und tat. kl. Schrirteo, Serradifalro'a Agrigent. 351 



mit Gelon von Syrakus. — Dcmareta, Theron's Tochter, dann Ge- 
lons, und nach dessen Tod dessen Bruders Polyzeloa Gemahlin; 
die von ihr genannte Grossroünze Damaretion, oder Pentekontali- 
troo, oder ein fünfzig Kitren, d. i 10 attische Drachmen in Silber 
gellendes Stück (Goeller Syracus. p» 19 sq. Serradif. p. 7 sq., K. 
O. Müllers Etrusker I, S. 327 f.). — Seine Siege, Ausbreitung 
seiner Herrschaft vom lybischen bis zum tyrrhenischen Meer, 

— Anlass zum Einfall der Karthager. Agrigent's Macht and 
Herrlichkeit. Theron's Sohn Thrasidaeos, Regent von Himera, des 
enteren Tod Olymp 77, nach I6jähriger Herschaft Des Thrasy- 
daeos Tyrannei; Krieg gegen Syrakus; Niederlage und Tod des 
Thrasydaeos. — Darauf Demokratie, daneben eine Präsidentschaft 
von 1000 Personen auf 3 Jahre, welche Empedokles abschafft, der 
aber das ihm angetragene Königthum ablehnt (Sturz ad Empedocl* 
p. 108. Karsten ad Empedocl. reliqq. p. 13 sqq.). — Es folgen 
die Unternehmungen des sicilischen Fürsten Duketios gegen Agri- 
gent und seine nachherige Niederlage und Verbannung nach Ko- 
rinth. — - Diodor. XI. 88—9», Serradif. p. 10 sqq. — In dem athe- 
nisch-sicilischen Kriege blieb Agrigent neutral, und die Expedi- 
tion der Syrakusier, um, nachdem sie die Athener überwunden, 
wahrend bürgerlicher, in Agrigent ausgebrochener Unruhen, diese 
Stadt in ihre Gewalt zu bekommen, wurde durch die unterdessen 
wieder hergestellte Eintracht der Agrigentiner vereitelt (da Herr 
Serradif. den Tbucydides nach Seitenzahlen anführt, so will ich 
die Stellen genauer angeben, nämlich VII, 33, 46, 50, 58. Dio- 
dor XIII. 4). — Das war aber auch das Ende der, Macht und 
Blüthe von Agrigent. Rückblick darauf (Diodor. XIII, 81 — 84. 
Serradif. p. 8 sqq.). Der grosse Produktenhandel mit Afrika, be- 
sonders mit Karthago, die grossen Bauwerke zu Agrigent, zum 
Tbeil durch karthagische Gefangene nach Gelon's Sieg, die Kloa- 
ken^ die Seen mit Schwänen, die Fischteiche (Hierbei bemerken 
wir einige Naturmerkwürdigkeiten dieser Gegend: der Seege- 
schmack dieser Gewaster,, Strabo VI, p. »76. Tzsch. Das Sala 
von Agrlgeut, die büumindsen Auswürfe dieser Gegend, Antigon. 
Curyst. 183 mit Beckmann p. 225* Salmasius ad Solin. p. 9». J. 
G. Schneider zu den Eclogg. physicc.. S. 86.), die Vogelbeh&Iter, 
die goldenen Geschirre, die Kleiderpracht, der gänzliche Abfall 
von alter dorischer Sitte. (Diodor a. a. 0. Timaeus bei Göller. p. 
271 sq., Sturz Empedocl. p. 113 sq., Eberl i 2*x«X. p. i3i sq.). Die 
Bevölkerung auf ihrer höchsten Stufe wird zu 800,000 angegeben 

— Diogen. Laert. VIII*, 63. — Gegen Olymp. 92. berechnet Ser- 
radif; p. 11. die Kahl zu 200.000. (Oiebei ein Wort über die 
Stelle des Diogenes L. a. a. <>. bei den Worten: uty *.v oe töv 

tintlv rpr t nt Ii ox <i a i A X u , tnei nvgtdUt^ arrov 
xarti>*ovv iiyt), t r>xvvT <* Hier wissen Sturz p. XXIX. und Karsten 
p. 277. auch nicht, was sie mit dieser Potamilla, die niemand kennt, 
anfangen sollen, Behelfen sich aber mit Annahme eines unbegreif- 
lichen Einschiebsels. Ich weiss nicht, ob ich mir schmeicheln 
dürfte, sie mir beitreten zu sehen, wenn sie meine Aenderung ad 



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352 Böttiger's deutsche and lat. kl. Schriften, Scrradifalco't Agrigent. 



Historicbr. graecc. fragmra. p. 999 sq. gekannt hätten Ich will 
mich also jetzt in aller Kürze darüber erklären. Ich ändere näm- 
lich 7iot' afitXXui', und füge jetzt noch bei Plutarcb. praeeept. 
ger. reipubl. p. 908 Wyttenb. nybc ätnlXav % üo$*v ; wonach 
die obigen Worte folgenden Sinn bekommen: ..Auch habe Empe- 
dokles (erzählt Heraklides, der, wohl bemerkt, kurz znvor citirt 
worden) gesagt, Akragassey so gross, dass es einen Wettstreit 
eingehen könne, oder jeder andern Stadt an Grösse gleich kom- 
me." Oder vielmehr, da die angeführten Reden des Empedokles 
sämmtlich sarkastischen Tons und Inhalts sind, das Wort apiUa 
auch insbesondere auf Wettstreit in Pferderennen gebt, worin sich 
die Agrigentiner besonders gefielen, ja der eigne Grossvater dieses 
Philosophen (Timaeus XXVIII, p. 933 Göllert) — folgenden Sinn: 
„Akragas, sagte er, ist eine grosse Stadt zum Pferderennen, 
wozu sich nämlich die Massen seiner 80 Myriaden von Menschen 
drängen. u — Es folgt die Erzählung der Anlässe und des Ver- 
laufes des Knrthngerkriegs, der Belagerung, Einnahme und Zer- 
störung der Stadt (Diodor. XIII. 86 — 90. Koeler ad Heraolid. 
Pont. p. 89 sq., Serradif. p. 14sq). — Obschoo nun während der 
90ger Olympiaden Agrigent schwerlich ganz ohne Bewohner blieb, 
so erhob es sich doch erst eigentlich aus seinen Ruinen seit den 
Thaten des Timoleon gegen die Karthager und sicilischen Tyran- 
rannen, Olymp. 110. (Serradif. p. 14. und p. 96.). — Neues Auf- 
blühen und Widerstand gegen Agatbokles, Olymp; 115. Die sy- 
rakusischen Exulanten bestimmen die vornehmsten Agrigentiner zu 
Maassregeln gegen den Agathokles. Der zum Befreier erkohrne 
Spartaner Akrotatos, des Königs Kleomenes Sohn, schlägt in ei- 
nen schändlichen Tyrannen um . und muss sich dem Aufruhr der 
Agrigentiner durch die Flucht nach Lakonien entziehen (Diodor. 
XIX. 8, 70, 71. Serradif. p. 15.), und die Agrigentiner schlies- 
sen unter Ilamilkar's Vermittelnng Frieden mit Agathokles — Münze 
des Königs Phintias (Serradif. p 96 ; vergl. Eokhel D. N. I. pag. 
96*6, Mionnet I, p. 339. und Supplem. I, p. 460.). — Die aue 
Agrigent gebürtigen berühmten Männer (Serradif. p. 91. und p. 
96 sq. — üeber Polos muss Groen van Prinsterer Prosopogr. Pia- 
ton, p. 101 — 107. verglichen werden). — Römische Zeit. Alt- 
ünd Nenbürger, letztere von Manlius aus den übrigen sicilischen 
Städten in Agrigent angesiedelt, und Verordnung des Sei pio, dass 
so viele Alt- als Neu-Bürger im Ruthe sitzen • selten. Der Rath, 
iSynkietos, Synedrion und Bule genannt, vcrftvnthlich HO Mann 
stark, alle zwei Monate, wie es scheint, wechselnd 1 seine .Vorbe- 
scheide an die Volksversammlung und die- übrigen Verfassung** 
Verhältnisse Cic. Verrin. II. 9 50. mit meinem Abriss der römi- 
schen Antiquitäten S. 330. 9ter Ausg.). — Wir sehen mit Ver- 
langen der Fortsetzung dieses vortrefflichen Werkes entgegen. 



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Cr ett*»er . 




I. 



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X*. 23. HEIDELBERGER |840. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

■ . 

1. Die Acropolis von Athen nach den neuesten Autgrabungen. Er&tc Ab- 
theilung: Der Tempel der Nike Apteros. Von Dr. Ludw. Rosa, 
ordentl. Prof. der Archäologie an der Kbnigl. Otto's- Universität in 
Athen; Eduard Schaubert, Kbnigl. Griech. Ober- Architekten und 
Ministerialrat he im Ministerium de» Innern, und Christinn Hansen, 
Kbnigl. Griech. Architekten. Berlin, Verlag von Schenk und Gerstäk- 
ker. 1839. 18 Ä Fol und 13 Kupfertafeln. 

1. Description de l'Asie Mineur e, faite par ordre du gouvemement fron- 
eois, de 1833 a 1837, et publice par le ministire de l'instruction publique; 
Premiere Partie. Beaux-Arts, Monument» Historiques, Plans et Topo- 
graphie des Citis Antiques. Par Charles Texier, Korrespondent de 
Vlnstitut. Paris, Typographie de Finnin Didot freres. 1839. Premier 
Volume. Livraison 1—6. 

Die Acropolis von Athen, deren allmälige Regeneration uns 
in dem unter Nr. 1. genannten Werk b es eh rieben werden soll, war 
unstreitig der für die Kunst interessanteste Punkt der alten Welt. 
Architektur, Bildhauerei, Erzguss, Toreutik, Malerei waren gleich- 
sam im Wettstreit zusammengetreten, um diesen den Göttern ge- 
weihten Ort mit dem Schönsten, was die Kunst hervorzubringen 
vermochte, auszuschmücken. Wenn wir hören, dass der Periegete 
Polemon vier Bücher , der Periegete Heiiodorus gar fünfzehn Bü- 
cher mit der Beschreibung der hier befindlichen 
ten gefüllt habe, so gibt uns diess ei 
von dem Reichthume der hier vereinigten Kunstwerke, deren Be- 
gingung zahlreiche Dichter in Thfitigkeit setzte, wie wir aus Horaz 
sehen, wenn er Od. I., 7,6. sagt: Sunt quibus anum opus est, in- 
tactae Palladis arces Carmine perpetuo celebrare. — Nehmen wir 
diese wenigen Hindeutungen der alten Schriftsteller zusammen mit 
dem, was sioh noch jetzt naob den Stürmen so vieler Jahrhunderte 
erhalten hat, so fühlen wir uns stark versucht, den zwei Wün- 
schen, die der heilige Augustinus hatte, Christum in ore und 
Romam in flore zu sehen, einen dritten beizufügen, den, die 
Aeropole Athens im Zeitalter des Pericles, und noch mehr in dem 
des Hadrianas sehen zu dürfen. Desto wehmüthiger ist es für uns, 
wenn wir einen Blick auf die Zerstörungen werfen, die seit mehr 
als anderthalb Jahrtausenden über diesen Augapfel der alten Welt 
ergangen sind. Schon um die Mitte dea dritten Jahrhunderte un- 
XXXIII. Jahr* 3. Heft. $3 




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« 

354 Rom, Schaubert, Hasten Die Acrnpolie ton Atlim 

■ 

serer Zeitrechnung unter der Regierung des Gallienus machten 
die Scythen einen verheerenden Einfall nach Athen, wurden aber 
bald wieder zurückgetrieben. Am Ende des vierten Jahrhunderts 
' kam Alarich mit seinen Westgothen, that aber der Stadt nichts zu 
Leide. Im Jahrhundert des Justinianus aber — Ragt die von I' all— 
merayer*) bekannt gemachte griechische Chronik — war Hellas 
die Zielscheibe feindlicher Einfälle, und Attika blieb beinahe vier- 
hundert Jahre lang eine menschenleere Wüste; die Athenienser 
hatten ihre Familien auf Salamis hinübergebracht, wo sich die 
meisten derselben in der Ortschaft Ambelakia Häuser und auch 
Kirchen bauten. Die Gebäude der Stadt fielen grossentheils zu- 
sammen, auf den Strassen wuchsen Baume und die ganze Stadt 
wurde zuletzt ein Wald, ein Dickicht von Oelbäumen, in welches 
die R&uber Feuer einlegten. Dieser Brand verzehrte die Bäume 
mit den Alterthümern. Mitten unter dieser schrecklichen Verwü- 
stung behauptete sich allein die Burg, mit Hülfe kaiserlicher Be- 
satzung, gegen alle Versuche der Fremdlinge; sie diente zum 
Verbanirangsort für manchen, von der Ungnade des Hofes betrof- 
fenen Konstantinopolitaner. Erst im zehnten Jahrhundert kehrten 
die Ueberreste der geflüchteten- Bevölkerung nach Athen zurück. 
Schon in diese frühe Periode setzt Hr. Rosa die Entstellung der 
Propyläen durch die Batterie, womit der Zugang zu derselben ver- 
sperrt wurde. Er schliesst diese daraus, dass bei dem Abbruch 
dieses ans Quadern, Sculptur- und Architektur-Stücken aller Art. 
Inschriftplatteis wovon wir nur die Baurechnung des Krecbtheion 
und die Verzeichnisse des Tributs der Bundesgenossen erwähnen 
wollen, Ziegeln und Bruchsteinen aufgeführten Mauerwerks ver- 
schiedener Gegenstände aus der byzantinischen Zeit gefunden 
wurden, worunter ein drei Zoll im Durchschnitt haltendes, in Thon 
geformtes Siegel , die Anbetung der drei Könige darstellend, an 
dessen Inschrift die Schriftzüge von einer verhältnissmässig so 
gutes Form sind, wie sie bei dem Hange der byzantinischen 
Geistlichkeit zu schnörkelhafter Schrift im spätem Mittelalter nicht 
mehr gefunden wird. Dieses Argument hat übrigens für uns nicht 
die Beweiskraft, die Hr. lloss ihm beilegt; denn daraus, dass eio 
aus dem frühern Mittelalter herrührendes Werk in eine Mauer 
eingemauert ist, folgt doch nnr so viel, dass die Mauer nicht vor 



*) Welchen Einfloss hatte die Be«etznnfr Griechenland! dareh die Sla- 
wen auf da« Schicken! der Stadt Athen and die Landschaft Attila? 
1835. p. 22 ff. 



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I 



Rem, Srhaubert, Hannen: Die Acropeli« von Athen. ,S» 

der Entstehungszeit dieses Kunstproductes aufgeführt «eyn kann, 
nicht aber, dass die Mauer gleichzeitig mit demselben iey. Wir 
fühlen uns somit durch dieses Argument nicht bestimmt, von der 
sonst angenommenen Ansicht abzugehen, dass nämlich einer der 
Frankenfürsten, die seit 1204. über Athen herrschten , diese Bat- 
terie aufgerührt habe, eine Ansicht, zu der sich auch W . Kinnard 
in den Ergänzungen zo Stuart und Revett B. 3. p. 30. der deut- 
schen Ausgabe bekennt. Im Jahr 1400. wurden die Türken Her- 
ren des Platzes, ohne übrigens eine auffallende Zerstörung anzu- 
richten. Spon und Wheler, die im J. 1676. die Acropolis besuch- 
ten, sahen noch den Tempel der unbcllügelten Nike, das Mittei- 
gebande der Propyläen war uoch nicht vermauert, die Weatfacade 
hatte noch ihren Giebel, die jonischen Säulen im Innern der Pro- 
pyläen standen noch und trugen noch zum grossen Theile die schon 
von Pausnuias bewunderte Felderdecke. Als aber im J. 1684. der 
letzte venetianische Krieg ausbrach und nach Verlegung des Kriegs- 
schauplatzes in den Peloponnes (1685) die Möglichkeit eines An-, 
griffes der Venetianer auf Athen vorauszusehen war, so hielten 
die Türken eine Verstärkung der Festungswerke an der Westseite 
der Acropolis für nötbig. . Sie trugen daher den zur Rechten der 
Propyläen steheuden Tempel der Nike ab, erbauten daraus eine 
neue Mauer, erhöhten den ganzen Bau durch Aufschüttung von 
Erde, die sie mit den Casetten der Propyläen bedeckten und führ- 
ten dann auf diese Batterie sechs Geschütze auf. Doch diess war 
nur der Anfang der Zerstörung; als die Venetianer im J. 1687. 
ariter dem Commando des Proveditore Morosini und des schwedi- 
schen Generals Königsmark die Acropolis belagerten, fiel Unglück - 
seligerweise eine Bombe in das von den Türken im Parthenon an- 
gelegte Pulver-Magazin, sprengte den ganzen mittleren Theil in 
die Luft und schlug das ganze Dach ein, wodurch die Giebelfel- 
der am härtesten getroffen wurden Die wundervollen Reste von 
dem Siegeswagen der Athene auf dem westlichen Giebelfelde, auf 
welchem der Sieg der Athene über 'den Poseidon dargestellt war, 
waren von dieser Zerstörung unberührt geblieben», daher wollte 
sie der venetianische Sieger zur Verherrlichung der nach seiner 
Vaterstadt bestimmten Trophäen abnehmen lassen , aber sey es 
durch Unvorsichtigkeit der Arbeiter, oder durch schlechte Beschaf- 
fenheit der für die Abtragung so schöner Marmorbilder ange- 
wandten Werkzeuge — die ganze Gruppe stürzte hinab und wurde 
am Felsen zerschmettert So schrecklich diese Zerstörung war, 
ao war sie wenigstens schnell vorübergehend, von den Belagerern 



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3541 Rom, Schanlrart, Hansea : Die Acropolia von Athen. 

und Siegern nicht beabsichtigt : es war dem neunzehnten Jahrhun- 
dert, dem Jahrhundert, das in Kunst und Wissenschaft das peii- 
cleische Zeitalter zu überstrahlen wähnt, vorbehalten, seine ersten 
Decennien durch eine methodisch angelegte , Jahre lang fortge- 
setzte Verstümmlung der herrliohsten Gebäude des Alterthums zu 
brandmarken. Die günstige Stimmung, welche die Britten durch 
die Wiedereroberung Aegyptens bei den Türken für sich gewon- 
nen hatten, benutzte der damalige brittische Botschafter in Con- 
stantinopel, Lord Klgin, dazu, sich freien Zut